
Tägliches Aspirin senkt das Risiko für Magen-Darm-Krebs nicht zuverlässig genug, um es gesunden Menschen allein deshalb zu empfehlen. Beobachtungsstudien finden oft weniger Darm-, Magen- und Speiseröhrenkrebs bei langjähriger Einnahme; aktuelle Leitlinien und Zufallsprüfungen stufen den Nutzen als unsicher ein und das Blutungsrisiko als klar.
Die US-Präventionskommission USPSTF strich 2022 den Darmkrebs ausdrücklich als Startgrund. Ältere Empfehlungen von 2016 hatten 50- bis 59-Jährigen mit erhöhtem Herzrisiko noch geraten, niedrig dosiertes Aspirin mindestens zehn Jahre zu nehmen, auch wegen des Dickdarms. Heute gilt ein möglicher Schutz, wenn überhaupt, als spät, zeitabhängig und gegen Magen-Darm-Blutungen sowie Hirnblutungen zu rechnen. Wer die Tablette schon wegen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls nimmt, setzt sie nicht eigenmächtig ab. Wer sie nur „gegen Krebs“ kauft, handelt ohne zugelassene Indikation.
Senkt Aspirin das Risiko für Magen-Darm-Krebs wirklich?
Ein klarer, sofortiger Schutz für die allgemeine Bevölkerung ist nicht belegt. Cochrane wertete 2026 zehn Zufallsprüfungen mit 124 837 Teilnehmenden aus und fand nach fünf bis 15 Jahren wahrscheinlich keinen Unterschied bei neuen Darmkrebsfällen. Nach mehr als 15 Jahren deutet sich ein Rückgang an, die Sicherheit dieser Schätzung ist gering, weil sie vor allem aus der Beobachtungsphase nach dem eigentlichen Versuch stammt.
Im selben Review kann die Darmkrebssterblichkeit in den ersten fünf bis zehn Jahren sogar leicht steigen. Eine mögliche Erklärung ist, dass bereits vorhandene, noch unerkannte Tumoren unter dem gerinnungshemmenden Stoff anders verlaufen oder früher entdeckt werden. Nach 15 Jahren oder mehr könnte die Sterblichkeit sinken; Cochrane stuft auch das als unsicher ein. Sicher ist dagegen die Zunahme schwerer Blutungen außerhalb des Schädels, wahrscheinlich auch die von Hirnblutungen.
Beobachtungsarbeiten zeichnen ein freundlicheres Bild. Bosetti, Santucci und Kollegen fassten 2020 113 Studien zusammen. Regelmäßige Einnahme (mindestens ein- bis zweimal pro Woche) war mit einem relativen Risiko von 0,73 für Darmkrebs verbunden, mit 0,64 für Magenkrebs und mit 0,67 für Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre. Solche Zahlen beschreiben Zusammenhänge, keine Ursache. Wer Aspirin verordnet bekommt, unterscheidet sich in Alter, Herzrisiko, Arztkontakten und Begleitmedikamenten von Menschen ohne Rezept. Ein Teil des scheinbaren Schutzes kann daher auf Auswahl und nicht auf den Wirkstoff zurückgehen.

Was sich seit 2018 in den Leitlinien geändert hat
Die entscheidende Änderung betrifft nicht eine neue Wunderdosis, sondern den Wegfall des Krebsarguments. 2016 empfahl die USPSTF niedrig dosiertes Aspirin zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Darmkrebs bei 50- bis 59-Jährigen mit mindestens zehn Prozent Zehn-Jahres-Herzrisiko, ohne erhöhtes Blutungsrisiko, mit einer Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren und der Bereitschaft, die Tablette so lange zu nehmen. Für 60- bis 69-Jährige sollte die Entscheidung einzeln fallen.
Im April 2022 ersetzte dasselbe Gremium diese Linie. Der Start bei 40- bis 59-Jährigen mit hohem Herzrisiko ist eine individuelle Abwägung (Grad C), der Nutzen fürs Herz gilt als klein. Ab 60 Jahren rät die Kommission ausdrücklich davon ab, Aspirin zur Primärprävention zu beginnen (Grad D). Ob die Substanz Darmkrebsinzidenz oder -sterblichkeit senkt, stuft sie als unzureichend belegt ein. Vier Zufallsprüfungen in Herzvorbeugungspopulationen sahen bis etwa zehn Jahre keinen Zusammenhang; längere Nachbeobachtungen, darunter die Women’s Health Study, verloren den Effekt in sehr langen Zeiträumen wieder.
| Personenkreis | Aktuelle Linie | Quelle |
|---|---|---|
| 40–59 Jahre, ≥10 % 10-Jahres-Herzrisiko, kein erhöhtes Blutungsrisiko | Einzelentscheidung zur Herzvorbeugung, nicht wegen Krebs | USPSTF, 2022 |
| Ab 60 Jahren ohne bekannte Herzkrankheit | Kein Start von niedrig dosiertem Aspirin | USPSTF, 2022 |
| Lynch-Syndrom | Tägliches Aspirin länger als zwei Jahre erwägen | NICE NG151, 2021 |
| Allgemeine Bevölkerung nur zur Krebsvorbeugung | Keine Routine-Einnahme | Cochrane 2026, Cancer Research UK |
Cancer Research UK schreibt ebenfalls, es gebe für die Allgemeinheit keine nationale Vorgabe, Aspirin gegen Krebs zu schlucken. Wer die Tablette bereits aus kardiologischem Grund nimmt, fällt nicht unter das Startverbot der USPSTF; das Gremium spricht vom Beginn, nicht vom Absetzen nach Infarkt oder Stent. Ein möglicher Ausstieg um das 75. Lebensjahr wird in der Modellierung diskutiert, weil Blutungen mit dem Alter steigen und der Nettonutzen schrumpft. Das ist eine ärztliche Entscheidung, kein Hausrezept.
Darmkrebs: Beobachtung und Zufallsprüfungen
Beim Dick- und Enddarm ist die Datenlage am reichsten und trotzdem gespalten. Das US-National Cancer Institute hält in seiner Fachzusammenfassung fest, tägliches Aspirin könne Inzidenz und Sterblichkeit nach zehn bis 20 Jahren senken. Grundlage sind individuelle Metaanalysen älterer Herzstudien, darunter Arbeiten von Rothwell und Kollegen. Etwa zehn bis 19 Jahre nach dem Start lag die Hazard Ratio für neue Fälle bei 0,60; die 20-Jahres-Sterblichkeit an Darmkrebs sank in einer Auswertung auf eine Hazard Ratio von 0,67. Dieselben Texte betonen, die Versuche seien für Herzfragen geplant gewesen, die Dosen schwankten von 75 bis 1200 Milligramm, und die Adhärenz nach Versuchsende sei unbekannt.
Neuere, eigens ausgewertete Primärpräventionsstudien passen nicht sauber dazu. Zu den vier niedrig dosierten Versuchen, die die USPSTF für Krebs heranzog, gehörte auch ASPREE bei älteren, zuvor herzgesunden Menschen. Orchard, Polekhina und Kollegen berichteten 2026 die Nachbeobachtung über median 8,6 Jahre. Unter 19 114 Teilnehmenden (mittleres Alter 75,1 Jahre, 100 Milligramm gegen Scheinmittel) unterschied sich die gesamte Krebsinzidenz nicht (Hazard Ratio 0,98). Darmkrebs lag bei 1,01. Die krebsbedingte Sterblichkeit war um 15 Prozent höher (1,15). Nach dem Absetzen der Studienmedikation blieb kein „Nachhall“: Inzidenz und Krebssterblichkeit der ursprünglichen Aspirin-Gruppe glichen dann der Placebogruppe.
Die Women’s Health Study hatte 100 Milligramm jeden zweiten Tag über im Mittel zehn Jahre geprüft. Ein späterer Rückgang der Darmkrebsinzidenz nach 17,5 Jahren hielt in noch längerer Nachbeobachtung nicht stand; die USPSTF wertete das 2022 als Argument gegen einen belastbaren Langzeiteffekt der niedrigen Dosis. Adenomstudien nach entfernten Polypen oder nach operiertem Frühkarzinom zeigen dagegen, dass 81 Milligramm täglich Rezidive von Adenomen senken können (in einer Prüfung relatives Risiko 0,81 für jedes Adenom, 0,59 für fortgeschrittene Läsionen). Das ist Chemoprävention von Vorstufen, nicht derselbe Endpunkt wie Krebssterblichkeit in der Bevölkerung.
Drei Zeitfenster helfen, die Widersprüche zu ordnen.
- In den ersten fünf bis zehn Jahren überwiegen Blutungen; ein Krebsnutzen ist in Zufallsprüfungen meist unsichtbar oder sogar ungünstig bei der Sterblichkeit.
- Zwischen zehn und 20 Jahren stammen die günstigen Schätzungen vor allem aus älteren Herzstudien und Registerläufen, nicht aus modernen Primärpräventionsversuchen.
- Nach dem 70. Lebensjahr ohne bekannte Herzkrankheit spricht ASPREE gegen einen Inzidenzgewinn und für mehr Krebssterbefälle unter der Einnahme.
Magen, Speiseröhre, Leber und Bauchspeicheldrüse
Außerhalb des Dickdarms bleibt die Beweislage dünner. Bosettis Metaanalyse 2020 fand für Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre ein relatives Risiko von 0,67 (13 Studien), für Adenokarzinome von Speiseröhre und Magenmund 0,61 (10 Studien), für Magenkrebs 0,64 (14 Studien), für Leber- und Gallenwegstumoren 0,62 (fünf Studien) und für Bauchspeicheldrüsenkrebs 0,78 (15 Studien). Kopf-Hals-Tumoren zeigten keinen klaren Zusammenhang (0,94). Die Schätzungen waren in Fall-Kontroll-Arbeiten stärker als in Kohorten, und die Heterogenität war hoch.
Bosetti selbst warnt vor einer Verzerrung durch frühe Symptome. Aspirin reizt die Schleimhaut und kann bluten; Menschen mit beginnendem Magen- oder Speiseröhrenkrebs meiden das Mittel eher. Dann erscheint die Nutzgruppe fälschlich geschützt. Für Adenokarzinome von Speiseröhre und Kardia fehlte in den zwei Kohorten ein signifikanter Effekt, während Fall-Kontroll-Studien ihn zeigten. Genau dieses Muster passt zu einer solchen Vermeidung.
Die Hongkong-Registerarbeit von Tsoi, Ho, Chan und Sung (2019) berichtete bei 204 170 Nutzern gegen 408 339 Nichtnutzer relative Risiken von 0,49 für Leber, 0,42 für Magen, 0,71 für Darm, 0,54 für Bauchspeicheldrüse und 0,59 für Speiseröhre. Median waren 80 Milligramm, im Mittel 7,7 Jahre Verordnung. Brustkrebs lag bei 1,14, also leicht höher; Niere, Blase, Prostata und multiples Myelom zeigten keinen Rückgang. Das ist eine asiatische Versorgungskohorte mit hoher Helicobacter- und Hepatitis-B-Last, kein Zufallsexperiment.
Randomisierte Sterblichkeitsdaten zu Magen, Leber und Pankreas sind spärlich. Ältere Zusammenfassungen von Herzstudien (Rothwell 2011, über das NCI zitiert) sahen nach langer Latenz weniger Todesfälle an Speiseröhre und Pankreas, für den Magen blieb der Effekt unsicher. Solche Signale reichen nicht, um eine Tablette gegen diese Tumorarten zu rechtfertigen. Screening, Rauchstopp, Alkoholgrenzen, Hepatitis-B-Impfung und Helicobacter-Behandlung bleiben die Maßnahmen mit klarerer Indikation.
Die Hongkong-Kohorte und warum Register täuschen können
Die Seite, die Sie hier lesen, beruhte 2018 auf einem Kongressabstract von Kelvin Tsoi. Die peer-reviewte Zehn-Jahres-Arbeit erschien 2019, die Zwanzig-Jahres-Fortsetzung 2025. Lam, Hao, Tsoi und Kollegen verknüpften 538 147 Aspirinnutzer mit 968 378 Nichtnutzern, zusammen 1 506 525 Personen, 90 Prozent mit 80 Milligramm. Über 9,5 Millionen Personenjahre lag die Subdistribution-Hazard-Ratio für Krebs insgesamt bei 0,92, für Krebssterblichkeit bei 0,80. Nach mindestens zehn Jahren Verordnung wirkten die Schätzungen kräftiger, für Darmkrebs 0,37, für Lunge 0,56, für Brust 0,34.
Wer erst nach dem 60. Lebensjahr startete, hatte in dieser Auswertung keinen Rückgang von Lungen-, Leber-, Magen- und Darmkrebs. Kurze Einnahme unter fünf Jahren ging sogar mit einem leicht höheren Gesamtrisiko einher. Die Autoren erklären das mit Tumoren, die schon vor der ersten Tablette wuchsen. Sie selbst erinnern daran, dass die USPSTF 2022 den Darmkrebs aus der Empfehlung gestrichen hat, und berichten gleichzeitig deutlich mehr Blutungen, auch nach Anpassung an Magenschutzmittel.
Register täuschen auf mehreren Wegen. Verordnungen sind nicht dasselbe wie geschluckte Tabletten; rezeptfreie Packungen fehlen oft. Wer sechs Monate überlebt, ohne Krebs zu bekommen, erfüllt erst die Nutzerdefinition und ist automatisch gesünder als jemand, der früh stirbt. Herzpatienten sehen Ärztinnen und Ärzte häufiger, schlucken Statine und Protonenpumpenhemmer und lassen Beschwerden eher abklären. Die Fine-Gray-Modelle der 2025er Arbeit steuern konkurrierende Todesursachen und viele Begleiterkrankungen, ersetzen aber keine zufällige Zuteilung. Die dänische Zwanzig-Jahres-Kohorte, die Tsoi zitiert, fand für Krebs insgesamt sogar eine leichte Risikoerhöhung. Zwei große Register können also denselben Stoff unterschiedlich bewerten, je nach Methode.
Wie Acetylsalicylsäure auf Tumoren wirken kann
Der Stoff hemmt Cyclooxygenasen und damit die Bildung von Prostaglandinen. In Blutplättchen blockiert schon die niedrige Dosis vor allem COX-1 dauerhaft; weniger Thromboxan A2 dämpft die Plättchenaktivierung. Bosetti und die Hongkong-Gruppe fassen zusätzliche Wege zusammen. Weniger plättchengetriebene Entzündungsboten können die COX-2-Expression in Schleimhautsenken. COX-unabhängige Pfade betreffen Kernfaktor-kappa-B, den PIK3CA-Weg, mTOR über AMPK und die Immunabwehr gegen wandernde Tumorzellen.
Ob diese Labormechanismen den späten epidemiologischen Effekt erklären, bleibt offen. Niedrige Dosen hemmen COX-2 in Geweben nur schwach; der Plättchenweg ist die plausiblere Brücke zur Krebsbiologie. PIK3CA-mutierte Darmtumoren werden in Überlebensstudien häufiger als aspirinempfindlich diskutiert, das ist Therapie- und Prognoseforschung, keine Vorsorgeregel für Gesunde. MedlinePlus nennt als zugelassene Zwecke Fieber, leichte bis mäßige Schmerzen, Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall sowie die Sterblichkeitssenkung in der Akutphase eines Infarkts. Krebsvorbeugung steht dort nicht.
Plättchenhemmung erklärt zugleich den Preis. Dieselbe COX-1-Blockade stört die Magenschleimhautbarriere und die Blutstillung. Deshalb treten Blutungen früh auf, während ein möglicher Krebsnutzen Jahre braucht. Wer nur den Mechanismus kennt und die zeitliche Asymmetrie ignoriert, überschätzt den Alltagswert der Tablette.
Lynch-Syndrom: die Gruppe mit klarer Empfehlung
Beim Lynch-Syndrom (früher hereditäres nichtpolypöses Kolonkarzinom) ist die Lage klarer als in der Allgemeinbevölkerung. Träger von Keimbahnveränderungen der Mismatch-Reparatur-Gene haben eine hohe Lebenszeitwahrscheinlichkeit für Darmkrebs; das NCI nennt Größenordnungen um 80 Prozent, abhängig vom Gen. NICE empfiehlt in der Leitlinie NG151, tägliches Aspirin für mehr als zwei Jahre zu erwägen, um dieses Risiko zu senken. Im Januar 2020 war das ein Off-Label-Einsatz. Ein Entscheidungshilfebogen soll das Gespräch über Nutzen und Blutungen stützen.
Die Zufallsprüfung CAPP2 prüfte 600 Milligramm täglich bis zu vier Jahre. In der Zehn-Jahres-Auswertung von Burn, Sheth und Kollegen (2020) lag die Hazard Ratio für Darmkrebs in der Intention-to-treat-Analyse bei 0,65. Der Effekt wurde deutlicher, wenn die Einnahme tatsächlich mindestens zwei Jahre durchgehalten wurde. NICE stützte sich auf genau diese Daten und auf eine Beobachtungsstudie mit unterschiedlichen selbst berichteten Dosen. Eine höhere Blutungsrate war im relativ kurzen Versuchsfenster nicht klar sichtbar; das Komitee wies darauf hin, dass Menschen mit Ulkusanamnese oft ungeeignet sind.
Die Dosisfrage blieb lange offen. 600 Milligramm liegen weit über der kardiologischen Low-Dose und erhöhen theoretisch die Nebenwirkungslast. Cancer Research UK berichtet 2025 Ergebnisse von CaPP3. 1879 Menschen mit Lynch-Syndrom erhielten 100, 300 oder 600 Milligramm (teilweise später 75 Milligramm). Niedrige Dosen von 75 bis 100 Milligramm täglich senkten das Darmkrebsrisiko demnach ähnlich stark wie die hohen Dosen, grob um die Hälfte. NICE NG151 nennt diese Milligrammzahl noch nicht verbindlich; die Autoren drängen auf eine Aktualisierung der Formulare. Die Entscheidung bleibt genetisch-onkologisch, nicht ein Griff ins Regal.
Dosis, Dauer und wann ein Nutzen frühestens sichtbar wird
Eine „Krebsdosis“ für Gesunde existiert nicht. Die USPSTF hält 81 Milligramm täglich für einen pragmatischen Wert, falls jemand die Tablette zur Herzvorbeugung beginnt; Nutzen und Blutungen waren in den Versuchen zwischen etwa 50 und 500 Milligramm relativ ähnlich. Der NHS nennt für die gerinnungshemmende Dauereinnahme üblicherweise 75 Milligramm einmal täglich, für Schmerzen 300-Milligramm-Tabletten, höchstens vier Dosen am Tag, Abstand mindestens vier Stunden. DailyMed kennzeichnet magensaftresistente 81-Milligramm-Tabletten als Schmerzmittel mit verzögertem Wirkeintritt, nicht als Onkologikum.
Bosetti modellierte in der Beobachtung eine Dosis-Wirkungs-Kurve für Darmkrebs. 75 Milligramm täglich entsprachen etwa zehn Prozent weniger Fällen, 325 Milligramm etwa 35 Prozent, 500 Milligramm noch stärker, letzteres auf schmaler Basis. Mit der Dauer sank das relative Risiko in derselben Arbeit auf 0,81 nach fünf und 0,71 nach zehn Jahren. Die Hongkong-Daten 2025 zeigen dasselbe Muster. Kurze Einnahme nützt wenig, lange Einnahme korreliert mit niedrigeren Raten, und ein später Start im höheren Alter bleibt schwach.
Zeitlich entkoppelt sind Nutzen und Schaden. Herzinfarkt und ischämischer Schlaganfall können in ein bis zwei Jahren seltener werden. Schwere Blutungen beginnen bald nach der ersten Tablette. Ein Krebsnutzen, falls er eintritt, braucht nach NCI und älteren Metaanalysen oft ein Jahrzehnt. Deshalb lohnt sich eine Krebsbegründung nur bei hoher Ausgangsgefahr und langer Lebenserwartung, praktisch vor allem beim Lynch-Syndrom, und nur nach Ausschluss von Blutungsrisiken.
Blutungsrisiko und wer Aspirin nicht selbst starten sollte
Jeder dauerhafte Einsatz tauscht ein unsicheres, spätes Krebsversprechen gegen ein frühes, belegtes Blutungsrisiko. Die USPSTF-Auswertung niedrig dosierter Versuche fand 58 Prozent mehr schwere Magen-Darm-Blutungen (Peto-Odds-Ratio 1,58) und 31 Prozent mehr intrakranielle Blutungen (1,31). Das NCI übersetzt sehr niedrige Dosen (höchstens 100 Milligramm täglich oder jeden zweiten Tag) in etwa 14 zusätzliche schwere Magen-Darm-Blutungen und rund 3,2 zusätzliche Hirnblutungen je 1000 Personen über zehn Jahre. Die relative Steigerung ist über Alter und Geschlecht ähnlich, die absolute Zahl steigt jenseits von 60 Jahren steil.
DailyMed warnt auf der Packung 81 Milligramm vor schwerer Magenblutung. Das Risiko ist höher ab 60 Jahren, nach Geschwür oder früherer Blutung, unter gerinnungshemmenden oder steroidhaltigen Mitteln, zusammen mit anderen nichtsteroidalen Entzündungshemmern (Ibuprofen, Naproxen), bei drei oder mehr alkoholischen Getränken täglich und bei längerer oder höherer Einnahme als vorgesehen. Vor Gebrauch soll ärztlicher Rat eingeholt werden bei Asthma, Sodbrennen, Bluthochdruck, Herzkrankheit, Leberzirrhose, Nierenkrankheit oder Diuretika. Kinder und Jugendliche mit Windpocken oder grippeähnlichen Infekten sollen das Mittel wegen des Reye-Syndroms nicht bekommen.
Die folgenden Situationen sprechen gegen einen eigenmächtigen Start „gegen Krebs“.
- Ein Alter über 60 Jahren ohne kardiologische Indikation, passend zur Grad-D-Linie der USPSTF von 2022.
- Frühere Geschwüre, Magen-Darm-Blutungen oder eine bekannte Gerinnungsstörung, wie DailyMed sie als Warnung auflistet.
- Gleichzeitige Einnahme von Antikoagulanzien, hochdosierten Steroiden oder weiteren nichtsteroidalen Schmerzmitteln.
- Täglicher hoher Alkoholkonsum, unkontrollierter Bluthochdruck oder eine schwere Leber- oder Nierenkrankheit.
- Asthma mit bekannter Unverträglichkeit von Acetylsalicylsäure oder anderen Schmerzmitteln.
Wer bereits niedrig dosiert Aspirin nach Stent, Infarkt oder embolischem Schlaganfall nimmt, gehört in eine andere Logik. Dort schützt die Plättchenhemmung vor erneuten Gefäßverschlüssen. Krebs ist dann ein Nebenaspekt, kein Absetzgrund. Umgekehrt macht eine Krebsangst allein aus einer rezeptfreien Packung keine sinnvolle Vorsorge.
Wann zum Arzt und was sonst das Risiko senkt
Blutiges Erbrechen, kaffeesatzartiges Erbrechen, teerig-schwarzer oder blutiger Stuhl, plötzliche Ohnmacht oder anhaltende Oberbauchschmerzen sind Alarmzeichen einer Magen-Darm-Blutung. DailyMed und die US-Arzneimittelbehörde fordern, das Mittel dann zu stoppen und sofort medizinische Hilfe zu holen. Plötzliche stärkste Kopfschmerzen, halbseitige Schwäche, Sprachstörung oder Sehverlust können zu einer Hirnblutung passen und gehören in die Notaufnahme, nicht in die Selbstbeobachtung bis zum nächsten Werktag. Neu aufgetretene Nesselsucht, Gesichtsschwellung, pfeifende Atmung oder Kreislaufschock sind allergische Notfälle.
Krebsvorsorge im Darm hängt nicht an der Tablette. Das NCI nennt die Entfernung von Adenomen als Eingriff mit belegtem Nutzen, vor allem bei größeren Polypen. Bewegung war in einer Metaanalyse von 52 Beobachtungsstudien mit 24 Prozent weniger Darmkrebs verbunden (relatives Risiko 0,76). Rauchen erhöht Inzidenz und Sterblichkeit (1,18 bzw. 1,25 in großen Zusammenfassungen). Starkes Übergewicht und mehr als etwa 45 Gramm Alkohol pro Tag sind weitere, veränderbare Faktoren. Familiäre Häufung, entzündliche Darmerkrankungen und hereditäre Syndrome brauchen eigene Überwachungspläne, keine Hausapotheke.
Ein sinnvoller nächster Schritt ist daher selten der Kauf einer 75- oder 81-Milligramm-Packung. Sinnvoll ist ein Gespräch über Herzrisiko, Blutungsneigung, familiäre Tumoren und ob eine genetische Beratung wegen Lynch-Syndrom ansteht. Die Früherkennung per Stuhltest oder Darmspiegelung nach den Regeln des jeweiligen Landes bleibt die Maßnahme, die Polypen entfernt, bevor sie entarten. Aspirin kann diese Untersuchung nicht ersetzen.
Häufige Fragen
Soll ich Aspirin nehmen, um Darmkrebs zu verhindern?
Für die allgemeine Bevölkerung lautet die Antwort nein, zumindest nicht aus eigener Entscheidung. Cochrane sieht in den ersten 15 Jahren keinen belastbaren Inzidenzgewinn, die USPSTF hat den Krebsgrund 2022 gestrichen, und Cancer Research UK kennt keine nationale Vorgabe für Gesunde. Eine Ausnahme mit Leitliniencharakter ist das Lynch-Syndrom, und auch dort entscheidet das Behandlungsteam.
Hilft die kleine Herztablette genauso wie 325 Milligramm?
Unklar, und die höhere Dosis blutet eher stärker. In Bosettis Beobachtung war 325 Milligramm mit einem kräftigeren Rückgang der Darmkrebsrate verknüpft als 75 bis 100 Milligramm. Zufallsprüfungen zur Herzvorbeugung nutzen meist 75 bis 100 Milligramm; die USPSTF hält 81 Milligramm für praktikabel, wenn überhaupt gestartet wird. Beim Lynch-Syndrom deutet CaPP3 laut Cancer Research UK darauf hin, dass 75 bis 100 Milligramm ähnlich wirken wie 300 oder 600 Milligramm.
Gilt die alte Empfehlung für 50- bis 59-Jährige noch?
Nein. Die USPSTF-Linie von 2016 mit Grad B für 50- bis 59-Jährige inklusive Darmkrebs ist ersetzt. 2022 gilt für 40- bis 59-Jährige mit hohem Herzrisiko nur noch eine individuelle Abwägung, und Krebs zählt nicht mehr als eigener Startgrund. Ab 60 Jahren soll zur Primärprävention nicht neu begonnen werden.
Was tun bei Teerstuhl oder blutigem Erbrechen?
Das Mittel absetzen und unverzüglich ärztliche Hilfe suchen, bei Kreislaufschwäche die Notaufnahme. DailyMed listet Ohnmacht, Bluterbrechen, blutigen oder schwarzen Stuhl und nicht nachlassende Magenschmerzen als Zeichen einer Magenblutung. Hausmittel, Abwarten oder eine zweite Tablette „zum Schutz des Magens“ sind hier falsch.
Bekomme ich mit Lynch-Syndrom Aspirin auf Rezept?
In Großbritannien soll NICE den Einsatz länger als zwei Jahre erwägen lassen, 2020 noch off Label. Die Dosis stand in NG151 nicht fest; CAPP2 nutzte 600 Milligramm, CaPP3 spricht für 75 bis 100 Milligramm. In anderen Ländern entscheidet die betreuende Genetik oder Gastroenterologie nach lokaler Zulassung und Begleiterkrankungen. Selbstkauf ohne diese Einordnung ist nicht die Leitlinie.
Schützt Aspirin auch vor Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs?
Beobachtungen, darunter Bosetti 2020 und die Hongkong-Kohorten, finden niedrigere Raten, beweisen aber keine vorbeugende Wirkung. Zufallsprüfungen mit diesen Endpunkten als primärem Ziel fehlen weitgehend. Hepatitis-B-Behandlung, Alkoholgrenzen und Rauchstopp haben hier die robustere Begründung.
Fazit
Aspirin bleibt ein Plättchenhemmer mit einem möglichen, späten und unsicheren Effekt auf Darm- und andere Verdauungskrebse. Seit 2022 trägt dieser Effekt in der wichtigsten US-Vorsorgeempfehlung nicht mehr den Start der Tablette; Cochrane 2026 und die ASPREE-Nachbeobachtung 2026 haben die Skepsis bei älteren, herzgesunden Menschen verstärkt. Beobachtungszahlen aus Italien, Hongkong und älteren Herzstudien erklären, warum die Hoffnung nicht erfunden ist, ersetzen aber keine Indikation.
Wer Lynch-Syndrom hat, sollte Aspirin mit der Genetik oder Gastroenterologie besprechen, nicht mit der Drogerie. Wer die Substanz bereits nach Gefäßereignis nimmt, behält sie, bis das kardiologische Team etwas anderes sagt. Alle anderen senken ihr Risiko wirksamer durch Darmkrebsfrüherkennung, Bewegung, Rauchstopp und Alkoholgrenzen als durch eine Tablette, deren Blutungen sofort und deren Krebsnutzen, wenn überhaupt, erst nach Jahren sichtbar würde.
Quellen
- US Preventive Services Task Force: Aspirin Use to Prevent Cardiovascular Disease: US Preventive Services Task Force Recommendation Statement. JAMA, 26. April 2022.
- Cai Z, Meng Y et al.: Aspirin and other nonsteroidal anti-inflammatory drugs (NSAIDs) for preventing colorectal cancer and colorectal adenoma in the general population. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2026.
- National Cancer Institute: Colorectal Cancer Prevention (PDQ®)–Health Professional Version. National Cancer Institute, Stand: 2025.
- Bosetti C, Santucci C et al.: Aspirin and the risk of colorectal and other digestive tract cancers: an updated meta-analysis through 2019. Annals of Oncology, 1. April 2020.
- Lam A, Hao Z et al.: Long-term use of low-dose aspirin for cancer prevention: A 20-year longitudinal cohort study of 1,506,525 Hong Kong residents. International Journal of Cancer, 18. Januar 2025.
- Tsoi KKF, Ho JMW et al.: Long-term use of low-dose aspirin for cancer prevention: a 10-year population cohort study in Hong Kong. International Journal of Cancer, 7. Januar 2019.
- National Institute for Health and Care Excellence: Colorectal cancer. National Institute for Health and Care Excellence, 15. Dezember 2021.
- U.S. National Library of Medicine: ASPIRIN ENTERIC COATED LOW DOSE- aspirin tablet, delayed release. DailyMed, 12. Januar 2026.
- MedlinePlus: Aspirin: MedlinePlus Drug Information. MedlinePlus, Stand: 2026.
- Cancer Research UK: Aspirin and cancer. Cancer Research UK, Stand: 2025.
- Orchard SG, Polekhina G et al.: Cancer Incidence and Mortality With Aspirin in Older Adults: Follow-Up of the ASPREE Trial. JAMA Oncology, 1. März 2026.
- National Health Service: Aspirin: medicine for pain relief or preventing blood clots. National Health Service, Stand: 2026.
