
Depression kann das Sterberisiko ungefähr verdoppeln. Eine Metaanalyse in World Psychiatry (2025) wertete 268 Kohortenstudien mit 10,8 Millionen Betroffenen und Kontrollgruppen in Milliardengröße aus und kam auf ein relatives Risiko von 2,10 gegenüber Menschen ohne die Diagnose. Das Suizidrisiko lag fast zehnfach höher, doch auch natürliche Todesursachen wie Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs waren häufiger.
Das ist kein festes Schicksal und kein Urteil über Willenskraft. Dieselbe Übersicht verknüpfte Antidepressiva und Elektrokonvulsionstherapie mit niedrigerer Sterblichkeit. Die ersten 180 Tage nach der Diagnose gelten als besonders belastet. Wer seit mindestens zwei Wochen niedergeschlagen ist, keine Freude mehr empfindet oder an den Tod denkt, gehört in die Sprechstunde. Bei akuter Selbstgefährdung zählt der Notruf 112 oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111).
Wie stark erhöht Depression das Sterberisiko?
Die beste aktuelle Zahl stammt von Chan, Lo, Correll, Chang und Kollegen (Suche bis Januar 2025). Sie nahmen nur Studien, die Depression nach ICD oder DSM feststellten, per Interview oder kodierter Arzt-Diagnose, nicht per reiner Selbstauskunft. Gegenüber der Allgemeinbevölkerung oder Menschen ohne Depression lag die Gesamtmortalität beim Faktor 2,10 (95-Prozent-Bereich 1,87 bis 2,35). Für die Major Depression allein war der Wert 2,17.
Selbst wenn Vergleichspersonen dieselben Begleiterkrankungen hatten, blieb ein Überschuss, relatives Risiko 1,29. Stationär behandelte Gruppen lagen bei 2,95, Gemeinde-Stichproben bei 1,57. Dysthymie, die leichtere, aber lange Form, hing ebenfalls mit höherer Sterblichkeit zusammen (1,40). Psychotische Symptome hoben das Risiko gegenüber nicht psychotischer Depression um den Faktor 1,61; eine therapieresistente Form um 1,27.
Die zeitliche Lage ist schärfer als ältere Texte es zeichneten. In den ersten 180 Tagen nach der Diagnose lag das relative Risiko bei 10,80, danach niedriger, aber weiter erhöht (etwa 3,3 zwischen Tag 180 und 365, etwa 4,2 in den Jahren eins bis fünf). Chan und Kollegen verweisen auf eine frühere eigene Auswertung von 2023, wonach die Lebenserwartung bei depressiven Erkrankungen im Mittel um rund 13 Jahre kürzer ausfiel. Beobachtungsstudien beweisen keine Ursache im engen Sinn; Restverfälschung bleibt möglich, weil Studien mit mehr Kontrollvariablen kleinere Effekte zeigten.
| Todesursache oder Vergleich | Relatives Risiko | Quelle |
|---|---|---|
| Alle Ursachen gegenüber ohne Depression | 2,10 | Chan et al., 2025 |
| Suizid | 9,89 | Chan et al., 2025 |
| Natürliche Ursachen insgesamt | 1,63 | Chan et al., 2025 |
| Herz-Kreislauf-Tod | 1,47 | Chan et al., 2025 |
| Krebs | 1,35 | Chan et al., 2025 |
| Atemwegserkrankungen | 2,34 | Chan et al., 2025 |
| Unfälle | 2,19 | Chan et al., 2025 |
| Antidepressivum gegenüber keinem (Gesamtsterblichkeit) | 0,79 | Chan et al., 2025 |
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt 5,7 Prozent der Erwachsenen weltweit als depressiv, rund 332 Millionen Menschen (Global Burden of Disease 2021, Blatt Stand 2026). In Ländern mit hohem Einkommen erhält etwa ein Drittel eine psychiatrische Behandlung. In den USA maßen CDC und NCHS zwischen August 2021 und August 2023 bei Personen ab 12 Jahren eine PHQ-9-Depression von 13,1 Prozent, gegenüber 8,2 Prozent 2013/14. Das NIMH berichtete für 2021 bei Erwachsenen 8,3 Prozent mit mindestens einer Major-Episode; 61 Prozent davon wurden im selben Jahr behandelt.

Warum sterben Menschen mit Depression früher?
Mehrere Wege laufen parallel, keiner erklärt die Übersterblichkeit allein. Suizid trägt den höchsten Einzelfaktor, macht aber nicht die Mehrheit der zusätzlichen Tode aus. Chan und Kollegen betonen, dass die überschüssigen Sterbefälle vor allem natürlichen Ursachen folgen, etwa Herz, Gefäße, Krebs, Lunge, Stoffwechsel und Infekte. Das relative Risiko für natürliche Tode lag bei 1,63, für unnatürliche bei 5,81.
Verhalten und Körperphysiologie greifen ineinander. Die American Heart Association hielt 2021 in einer wissenschaftlichen Stellungnahme fest, dass Depression, Dauerstress und Angst mit Blutdruckanstieg, Entzündung, unregelmäßiger Herzfrequenz und geringerer Durchblutung des Herzmuskels einhergehen können. Gleichzeitig rauchen Betroffene häufiger, bewegen sich weniger, essen ungünstiger und nehmen verordnete Mittel unregelmäßiger ein. Die Mayo Clinic (Aktualisierung März 2026) zählt Übergewicht, Schmerz, Alkohol- oder Drogenkonsum, sozialen Rückzug und vorzeitigen Tod durch körperliche Krankheiten zu möglichen Folgen unbehandelter Depression.
Ältere Langzeitbeobachtungen passen dazu, ohne den neuen Gesamtbefund zu ersetzen. Gilman, Colman und die Stirling-County-Gruppe (CMAJ 2017) verfolgten 3410 Erwachsene in Atlantikkanada über sechs Jahrzehnte. Nach Anpassung an Bildung, Rauchen, Adipositas und Alkohol blieb der Zusammenhang mit dem Sterberisiko bestehen. Die Episode selbst, nicht nur der Lebensstil, blieb im Modell sichtbar. Chan fand 2025 dasselbe Muster weltweit. Selbst bei gematchten körperlichen Leiden blieb ein Rest von 29 Prozent Mehrsterblichkeit.
Zwei klinische Zusätze erhöhen die Last. Psychotische Depression wird leicht übersehen und braucht nach NICE eine eigene Schiene. Therapieresistenz betrifft mindestens 30 Prozent der Behandelten in der Chan-Diskussion und hängt stärker mit unnatürlichen Todesursachen zusammen (Faktor 2,30). Wer nach zwei angemessenen Therapieversuchen kaum anspricht, braucht keine längere Wartezeit, sondern eine neue Strategie.
Herz, Krebs und andere natürliche Todesursachen
Depression kann Herz-Kreislauf-Tode häufiger machen, auch wenn jemand schon eine Herzkrankheit hat. Chan berichtete ein relatives Risiko von 1,47 für kardiovaskuläre Sterblichkeit und 1,27 für Hirngefäßleiden. Bei gematchtem Herzinfarkt lag die Gesamtmortalität 1,41-fach höher, bei Herzschwäche 1,26-fach, bei Diabetes 1,33-fach, bei beliebigen Krebserkrankungen 1,27-fach. Die Spanne über viele Begleiterkrankungen war ähnlich (etwa 1,14 bis 1,80). Das spricht eher für gemeinsame Mechanismen als für eine einzige Organkrankheit.
Die AHA-Stellungnahme von 2021 rät Ärztinnen und Ärzten, die psychische Lage bei Menschen mit Herzrisiko oder bestehender Herzkrankheit mitzudenken. Negative psychische Zustände hängen mit schädlichen biologischen Antworten und mit ungünstigem Verhalten zusammen. Positive Merkmale wie Zuversicht und Lebenszufriedenheit lagen in Beobachtungsstudien bei niedrigerem Herzrisiko. Die Autoren selbst mahnen, dass die meisten Arbeiten beobachtend sind und Ursache nicht streng beweisen.
Krebs- und Lungentode folgen demselben Muster, nur mit anderen Zahlen. Chan fand für Krebs-Sterblichkeit 1,35, für Atemwegskrankheiten 2,34, für neurologische Leiden 2,28 und für endokrine Krankheiten 2,01. Wer Chemotherapie, Bestrahlung oder eine COPD-Schulung durchläuft und gleichzeitig eine Depression hat, bricht Termine leichter ab und nimmt Symptome später ernst. Die WHO nennt genau diese Wechselwirkung. Körperliche Inaktivität und schädlicher Alkoholkonsum sind Risikofaktoren für Herz, Krebs, Diabetes und Lunge, und dieselben Krankheiten können wiederum eine Depression nähren.
Für die Praxis folgt daraus kein Sonderlabor, sondern eine doppelte Liste. Blutdruck, Blutzucker, Lipide und Impfstatus gehören zur depressiven Episode genauso auf den Tisch wie Stimmung und Schlaf. Umgekehrt verdient jede neue Herz- oder Krebsdiagnose die zwei NICE-Fragen. Fühlten Sie sich im letzten Monat oft niedergeschlagen oder hoffnungslos? Hatten Sie wenig Interesse oder Freude an Dingen?
Suizid und Unfälle als höchstes Einzelrisiko
Das Suizidrisiko ist bei Depression fast zehnfach erhöht (relatives Risiko 9,89). Unnatürliche Todesursachen insgesamt lagen beim Faktor 5,81, Unfälle bei 2,19. Die WHO zählte für 2021 weltweit 727 000 Suizidtote; in der Altersgruppe 15 bis 29 Jahre war Suizid die dritthäufigste Todesursache. Das NIMH nennt Depression ausdrücklich als Risikofaktor für suizidale Gedanken und Handlungen.
Alter verschiebt die Gewichte. Chan fand bei unter 25-Jährigen ein Suizid-Risiko von 9,91 gegenüber Gleichaltrigen ohne Depression, bei über 60-Jährigen 13,07. Junge Frauen mit Depression hatten in einer kleinen Untergruppe eine besonders hohe Gesamtmortalität (6,15). Ältere Männer übersehen Ärztinnen und Ärzte leicht, weil die Mayo Clinic bei ihnen eher körperliche Klagen, Rückzug und suizidale Gedanken beschreibt als offene Traurigkeit.
Die ersten Monate nach der Diagnose und jeder Therapiewechsel sind nach NICE Hochrisikozeiten. Die Leitlinie NG222 (2022, Prüfung Januar 2026) verlangt, Suizidgedanken und Absicht direkt zu fragen. Wer eine erhebliche unmittelbare Gefahr für sich oder andere darstellt, soll dringend in die spezialisierte Psychiatrie. Ein Antidepressivum darf wegen Suizidrisiko nicht vorenthalten werden; bei Verordnung zählt die Giftigkeit in Überdosis, besonders bei trizyklischen Mitteln. NICE rät, die verfügbare Menge zu begrenzen und den Kontakt zu verdichten.
Gedanken an den Tod gehören zu den Diagnosekriterien, sind aber kein Grund, allein zu bleiben. Die Mayo Clinic nennt den örtlichen Notruf, die 988-Linie in den USA und das Verbleiben einer Vertrauensperson, bis Hilfe da ist. In Deutschland gelten 112, die Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 und der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117. Ein konkreter Plan, Mittel und Abschiedsgesten sind ein Notfall, kein „schlechter Tag“.
Unterscheidet sich das Risiko bei Frauen und Männern?
In der gepoolten Evidenz von 2025 unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Chan berichtete relative Risiken von 2,37 bei Männern und 2,27 bei Frauen; der Gruppenunterschied war nicht signifikant. Das korrigiert die ältere Erzählung, das Problem sei vor allem männlich oder neuerdings vor allem weiblich.
Die Stirling-County-Studie (Gilman et al., CMAJ 2017) hatte genau diesen Geschlechtswechsel beschrieben. Bei Männern lag die Hazard Ratio in allen drei Kalenderperioden hoch, nämlich 2,90 (1952–1967), 1,97 (1968–1990) und 1,52 (1991–2011). Bei Frauen war der Zusammenhang erst 1990 bis 2011 signifikant (1,51). In der jüngsten Periode konvergierten beide Geschlechter auf denselben Überschuss von etwa 50 Prozent. Die Autorinnen und Autoren diskutierten veränderte Rollen von Frauen in Beruf und Haushalt; Rauchen und Alkohol erklärten den Befund nach Anpassung nicht.
Lebensspanne und Krankheitshäufigkeit fallen trotzdem ungleich aus. Die WHO nennt Depression bei Frauen etwa 1,5-mal häufiger. CDC/NCHS 2025 maßen 16,0 Prozent bei weiblichen und 10,1 Prozent bei männlichen Personen ab 12 Jahren; bei 12- bis 19-jährigen Mädchen lag der Wert bei 26,5 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie bei Jungen. Das NIMH fand 2021 bei US-Frauen 10,3 Prozent Major-Episoden, bei Männern 6,2 Prozent. Frauen holen häufiger Hilfe, 43,0 gegenüber 33,2 Prozent mit Beratung im Vorjahr (CDC). Männer erscheinen öfter gereizt oder wütend statt traurig (MedlinePlus/Mayo), und sie sterben häufiger durch Suizid, obwohl sie seltener diagnostiziert werden.
Für Lesende gilt ein einfacher Schluss. Das Sterberisiko ist kein Frauen- oder Männerproblem, die Wege dorthin schon. Junge Frauen tragen viel Krankheit und in manchen Auswertungen ein sehr hohes relatives Risiko. Ältere Männer tragen ein besonders hohes Suizidrisiko und werden seltener erkannt. Beides verdient dieselbe Ernsthaftigkeit, nicht denselben Satz.
Was zählt als depressive Episode?
Eine Episode ist mehr als ein schlechter Monat. Die WHO verlangt niedergedrückte Stimmung oder Verlust von Freude an Tätigkeiten, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, mindestens zwei Wochen. Dazu kommen Konzentrationsschwäche, übermäßige Schuld oder Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Gedanken an Sterben oder Suizid, gestörter Schlaf, Appetit- oder Gewichtsänderung und tiefe Müdigkeit. Die American Psychiatric Association verlangt dieselbe Mindestdauer plus eine klare Einbuße bei Arbeit, Schule, Beziehungen oder Hobbys.
Die Mayo Clinic listet zusätzlich Reizbarkeit, Unruhe oder verlangsamte Bewegungen, unerklärliche Schmerzen und den Rückzug von Aufgaben. Kinder wirken eher anhänglich oder schulverweigernd, Jugendliche gereizt oder selbstverletzend, ältere Menschen eher mit Gedächtnisklagen und Wunsch, zu Hause zu bleiben. Depression ist laut Mayo kein normaler Teil des Alterns. Trauer kommt in Wellen und lässt Selbstachtung meist intakt; die Major Depression färbt Stimmung und Interesse über zwei Wochen und bringt oft Selbstverachtung mit (APA, April 2024).
NICE teilt neue Episoden in „weniger schwer“ und „schwerer“. Als grobe Schwelle diente in der Leitlinie ein PHQ-9-Wert von 16. Darunter gilt die Episode als weniger schwer (einschließlich unterschwelliger und leichter Formen), ab 16 als schwerer. Die Diagnose darf nicht auf Symptomzählen schrumpfen. Vorgeschichte, Dauer, Funktion, frühere Hochphasen (Ausschluss einer bipolaren Störung), Alkohol, Schulden, Einsamkeit und Trauma gehören in dasselbe Gespräch.
Laborwerte ersetzen das Gespräch nicht. Die APA verlangt eine körperliche Untersuchung, weil Schilddrüse, Mangelzustände, neurologische Leiden und Substanzkonsum eine Depression nachahmen können. Blutbild und TSH sind Werkzeuge gegen Fehlzuschreibung, keine Depressionstests. Cleveland Clinic (Stand Mai 2026) betont, dass es keinen Scan gibt, der die Diagnose stellt.
Kann Behandlung das Sterberisiko senken?
Behandlung kann die Sterblichkeit senken, sie löscht das Risiko nicht. Chan fand bei Antidepressiva gegenüber keinem Antidepressivum ein relatives Risiko von 0,79 für den Tod insgesamt. Wer behandelt wurde, lag gegenüber Menschen ohne Depression noch bei 1,22, also klar unter den 2,01 der Gesamtgruppe. Bei zusätzlichen körperlichen Krankheiten war der Vorteil größer (0,69). SNRI hingen in der Gesamtgruppe mit niedrigerer Mortalität zusammen (0,81); SSRI und trizyklische Mittel taten das dort nicht signifikant, bei körperlich Kranken aber schon.
Elektrokonvulsionstherapie, verglichen mit keiner EKT, hing mit niedrigerer Gesamtmortalität (0,73), weniger natürlichen Todesfällen (0,76) und weniger Suiziden (0,67) zusammen. Das sind Beobachtungsdaten. Schwerer Erkrankte erhalten EKT eher, und trotzdem lag die Sterblichkeit niedriger. NICE hält EKT, transkranielle Magnetstimulation und Stufen für therapieresistente Verläufe vor. Die APA beschreibt EKT als etabliertes Verfahren in Narkose, meist zwei- bis dreimal wöchentlich über sechs bis zwölf Sitzungen, nicht als letzte Verzweiflung.
Psychotherapie fehlt in der Chan-Mortalitätsrechnung, weil kaum Kohorten Tod nach Gesprächstherapie zählten. Wirksamkeit gegen Symptome ist trotzdem gut belegt. NICE stellt bei weniger schwerer neuer Episode zuerst wenig invasive Optionen in den Raum, darunter angeleitete Selbsthilfe, Verhaltensaktivierung, kognitive Verhaltenstherapie, interpersonelle Therapie, Achtsamkeit und Bewegung. Antidepressiva sollen dort nicht routinemäßig erste Wahl sein, außer die Person wünscht sie. Bei schwererer Episode bleiben Medikamente, oft ein SSRI, und Kombinationen im Angebot. Die WHO sieht psychologische Verfahren als erste Behandlung und Medikamente vor allem bei mittlerer und schwerer Form; bei Kindern sollen Antidepressiva nicht, bei Jugendlichen nur mit Extra-Vorsicht eingesetzt werden.
Wirkeintritt und Dauer brauchen Geduld, keine Eigenregie. Die APA schreibt, erste Besserung könne in ein bis zwei Wochen kommen, die volle Wirkung oft erst nach zwei bis drei Monaten. Nach Besserung sollen Mittel meist mindestens sechs Monate weiterlaufen, bei mehreren Episoden länger. NICE warnt vor Unruhe und suizidalen Gedanken zu Beginn und verlangt ein langsames, anteiliges Ausschleichen statt eines abrupten Stops. Trizyklika bleiben wegen Überdosisgefährlichkeit zweite Reihe. Die APA nennt Ansprechraten von 70 bis 90 Prozent, nicht Heilungsgarantie.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?
Jede Episode, die zwei Wochen anhält und den Alltag bricht, gehört zum Hausarzt oder zur Fachärztin, nicht in die Warteschleife. Das NHS rät, nicht lange zu zögern, denn je früher die Abklärung, desto eher beginnt eine wirksame Strecke. NICE will, dass Behandler bei früherer Depression oder bei chronischer Körperkrankheit mit Funktionseinbuße aktiv nachfragen. Ein PHQ-9 oder ein anderes validiertes Maß kann Schwere und Verlauf sichtbar machen, ersetzt aber das Gespräch nicht.
Die Notaufnahme oder der Rettungsdienst sind zuständig, wenn jemand sich oder andere akut gefährdet. Die Mayo Clinic nennt den Notruf, wenn Selbstverletzung oder ein Suizidversuch droht. NICE verlangt bei erheblicher unmittelbarer Gefahr die dringende Überweisung in die Spezialpsychiatrie. Familie oder Freunde sollen die Person nicht allein lassen, bis Hilfe da ist.
Konkrete Schwellen, die denselben Tag zählen.
- Ein Plan, wie, wann oder womit jemand sterben will, oder bereits beschaffte Mittel, ist ein Notfall und kein Thema für die nächste Routinewoche.
- Stimmen, Wahn oder die Überzeugung, bereits tot zu sein, gehören in die psychiatrische Akutversorgung, nicht in den Selbsttest.
- Starke Unruhe, plötzliche Ruhe nach langer Hoffnungslosigkeit oder Abschiedsbriefe sind Warnzeichen, besonders in den ersten Therapiewochen.
- Wer nach einem Suizidversuch wieder bei Bewusstsein ist, braucht eine medizinische und eine psychiatrische Bewertung, auch wenn die Wunde klein wirkt.
Weniger dramatisch, aber nicht aufschiebbar sind wiederkehrende Episoden, Therapieresistenz, Depression plus schwere Herz- oder Krebserkrankung und jede Verschlechterung nach Medikamentenstart. NICE rät Angehörigen, auf Stimmungswechsel, Unruhe, Negativität und Hoffnungslosigkeit zu achten und die behandelnde Person zu rufen, statt zu warten, bis „es sich legt“.
Was sich im Alltag und in der Praxis tun lässt
Alltag ersetzt keine Leitlinienbehandlung, kann sie aber tragen. Die WHO nennt vier stabile Stützen. Tätigkeiten, die früher Freude machten, weiter versuchen; Kontakt zu Vertrauten halten; regelmäßig bewegen, auch ein kurzer Spaziergang; Schlaf und Essen in einem groben Rhythmus lassen. Alkohol soll reduziert, illegale Drogen gemieden werden, weil beides die Stimmung senken kann. Die APA ergänzt ausreichend Schlaf und verzichtet ausdrücklich auf Alkohol als „Beruhigung“. Das NHS nennt Bewegung, weniger Rauchen, gesündere Kost und Selbsthilfegruppen als sinnvolle Begleiter, nicht als Ersatz für mittlere oder schwere Episoden.
In der Praxis lohnt ein Plan auf einer Seite. NICE verlangt aktuelle, verständliche Information und gemeinsame Entscheidung. Bei weniger schwerer Episode zuerst das am wenigsten eingreifende verfügbare Angebot. Bei schwererer Episode Medikament, Therapie oder beides, passend zu Vorerfahrung, Begleiterkrankungen und Überdosisrisiko. Rückfallprophylaxe gehört dazu, sobald es besser wird, nicht erst nach dem dritten Einbruch. Wer mehrere schwere Episoden oder psychotische Symptome hatte, kann mit der Ärztin Vorausverfügungen und Vertrauenspersonen festlegen.
Körperliche Begleiter verdienen denselben Kalender. Die AHA will psychische Gesundheit bei Herzpatienten mitbeurteilen. Blutdruck, Zucker, Lipide, Impfungen und Schmerzmittel-Interaktionen gehören in dieselbe Akte wie der PHQ-9. Wer ein Antidepressivum neu beginnt, braucht in den ersten Wochen einen erreichbaren Kontakt, nicht nur ein Rezept für drei Monate. Die Cleveland Clinic erinnert daran, dass Depression zurückkehren kann. Beim ersten Wiederaufflammen soll man nicht warten, bis der Alltag erneut zusammenbricht.
Vier Schritte, die sich morgen umsetzen lassen.
- Einen Termin beim Hausarzt oder der psychiatrischen Praxis machen, wenn Niedergeschlagenheit oder Freudlosigkeit seit zwei Wochen den Tag bestimmen.
- Suizidgedanken einer konkreten Person sagen und die Telefonseelsorge-Nummer im Telefon speichern, bevor eine Krise eskaliert.
- Alkohol und Schlafmittel ohne Verordnung streichen und die Ärztin fragen, bevor irgendein Mittel abgesetzt wird.
- Einen Angehörigen bitten, auf Appetit, Schlaf und Rückzug zu achten und bei Verschlechterung mitzugehen, statt allein zu verhandeln.
Häufige Fragen
Stirbt man mit einer Depression wirklich früher?
Ja, Kohortenstudien zeigen eine höhere Sterblichkeit, ungefähr verdoppelt gegenüber Menschen ohne die Diagnose. Chan und Kollegen (2025) fanden das relative Risiko 2,10, nach Abgleich körperlicher Leiden immer noch 1,29. Das ist ein statistischer Unterschied, kein persönliches Todesurteil; Behandlung hing in derselben Übersicht mit niedrigeren Raten zusammen.
Senken Antidepressiva das Sterberisiko?
In Beobachtungsstudien ja, im Mittel um etwa 21 Prozent gegenüber keinem Antidepressivum (RR 0,79). Bei zusätzlichen Körperkrankheiten war der Vorteil größer. Das beweist keine Ursache wie eine randomisierte Studie und gilt nicht für jedes Präparat gleich. NICE rät bei weniger schwerer Episode nicht routinemäßig zum Medikament; bei schwererer Form bleiben SSRI oft erste pharmakologische Wahl.
Ist das Sterberisiko bei Frauen höher als bei Männern?
In der großen Metaanalyse 2025 kaum. Männer lagen bei 2,37, Frauen bei 2,27, ohne signifikanten Unterschied. Die Stirling-County-Studie von 2017 hatte bei Frauen erst ab den 1990er-Jahren einen klaren Zusammenhang gesehen; aktuell tragen beide Geschlechter den Überschuss. Frauen erkranken häufiger, Männer sterben öfter durch Suizid und werden seltener erkannt.
Wann ist eine Depression ein Notfall?
Sobald ein Plan zur Selbsttötung, beschaffte Mittel, Stimmen oder eine unmittelbare Gefahr für andere vorliegen. Dann gelten 112, die Notaufnahme oder die spezialisierte Psychiatrie, nicht der nächste freie Hausarzttermin. NICE verlangt in diesem Fall eine dringende Überweisung und verbietet, die Depression unbehandelt zu lassen, nur weil Suizidrisiko besteht.
Reicht Sport statt Therapie?
Bei einer leichten, neuen Episode kann angeleitete Bewegung Teil des ersten Angebots sein, so NICE und NHS. Bei mittlerer oder schwerer Depression reicht Sport allein in der Regel nicht. Die WHO nennt Bewegung als Vorbeugung und Selbstfürsorge, stellt aber psychologische Verfahren und bei Bedarf Medikamente daneben.
Bleibt das Risiko, wenn die Episode vorbei ist?
Gilman und Kollegen zeigten 2017, dass das erhöhte Sterberisiko mit der Zeit abklingen kann, solange keine neue Episode folgt. Ein Rezidiv hält den Überschuss aufrecht. Deshalb zählen Rückfallprophylaxe, Weiterführen der wirksamen Therapie und rasche Reaktion auf die ersten wiederkehrenden Symptome.
Fazit
Depression verdoppelt in der aktuell größten Auswertung das Sterberisiko und vervielfacht das Suizidrisiko, tötet aber vor allem über Herz, Krebs, Lunge und andere natürliche Wege. Der Überschuss gilt für Frauen und Männer, ist in den ersten 180 Tagen nach der Diagnose am schärfsten und bleibt auch bei gleichen Begleiterkrankungen sichtbar. Das ist ein medizinisches, kein moralisches Problem.
Wer zwei Wochen lang die Kriterien einer Episode erfüllt, holt sich einen Termin, nicht einen weiteren Monat Wartezeit. Bei Gedanken, sich zu töten, zählt derselbe Tag, also 112, Telefonseelsorge und eine Person, die bleibt. Behandlung mit Gespräch, Medikament oder in schweren Fällen EKT kann Symptome lindern und hing in großen Kohorten mit niedrigerer Sterblichkeit zusammen. Heilung verspricht niemand; eine kürzere, weniger gefährliche Krankheit ist das realistische Ziel.
Morgen reicht oft ein Anruf. Hausarzt oder psychiatrische Praxis für die Abklärung, Notrufnummern im Telefon, Alkohol und Eigenabsetzen von Tabletten streichen, eine Vertrauensperson einweihen. Körperliche Werte und psychische Lage gehören auf denselben Zettel. Je früher eine Episode erkannt und behandelt wird, desto kleiner bleibt das Fenster, in dem das Sterberisiko am höchsten ist.
Quellen
- Chan JKN, Lo HKY et al.: All-cause and cause-specific mortality in people with depression: a large-scale systematic review and meta-analysis of relative risk and aggravating or attenuating factors, including antidepressant treatment. World Psychiatry, 15. September 2025.
- WHO: Depressive disorder (depression). World Health Organization, Stand: 2026.
- NICE: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022, Prüfung Januar 2026.
- Mayo Clinic Staff: Depression (major depressive disorder) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 14. März 2026.
- Brody DJ, Hughes JP: Depression Prevalence in Adolescents and Adults: United States, August 2021–August 2023. Centers for Disease Control and Prevention, April 2025.
- NIMH: Major Depression. National Institute of Mental Health, Stand: 2023.
- American Psychiatric Association: What Is Depression?. American Psychiatric Association, April 2024.
- American Heart Association: Mental health is important to overall health, and heart disease prevention and treatment. American Heart Association, 25. Januar 2021.
- NHS: Overview – Depression in adults. National Health Service, 5. Juli 2023.
- Gilman SE, Sucha E et al.: Depression and mortality in a longitudinal study: 1952–2011. Canadian Medical Association Journal, 23. Oktober 2017.
