
Eine Kopftransplantation am lebenden Menschen ist in der begutachteten Literatur nicht dokumentiert. Der 2013 skizzierte Plan HEAVEN-GEMINI blieb bei einer Leichenprobe 2017 und bei öffentlichen Ankündigungen stehen. Parallel hat sich die Versorgung der spinalen Muskelatrophie seit 2016 grundlegend geändert, weil drei auf das SMN-Protein zielende Wirkstoffe zugelassen wurden.
2015 berichtete Medical News Today über einen damals 30-jährigen Mann mit der Diagnose Werdnig-Hoffmann, der sich als erster Freiwilliger für den Eingriff anbot. Klassischer SMA-Typ 1 erreicht ohne Beatmung selten das Erwachsenenalter; eine solche Medienbezeichnung bei einem Erwachsenen passt deshalb oft eher zu einem späteren Verlauf oder zu einer älteren Etikettierung. Fachgesellschaften und Ethikgremien hielten den Sprung vom Tierversuch zum Menschen schon damals für unbegründet.
Wer heute nach der „ersten menschlichen Kopftransplantation“ sucht, braucht eine klare Trennung. Auf der einen Seite steht ein chirurgisches Versprechen, das Blutgefäße, Immunabwehr und vor allem ein komplett durchtrenntes Rückenmark lösen müsste. Auf der anderen Seite stehen zugelassene SMA-Medikamente, Neugeborenen-Screening und die realen Verbundtransplantate von Gesicht und Hand, die Gefäße und periphere Nerven verbinden, aber kein Halsmark fusionieren.
Wurde die lebende Kopftransplantation je durchgeführt?
Nein. Es gibt keinen peer-reviewten Bericht über eine Kopf-Körper-Vereinigung an einem lebenden Menschen mit wiederhergestellter Rückenmarkfunktion. Was 2017 in Harbin veröffentlicht wurde, war eine 18-stündige Probeoperation an zwei kürzlich Verstorbenen. Die Autoren um Ren und Canavero beschrieben den Ablauf, das Schonen von Zwerchfell- und Stimmbandnerven und die Stabilisierung der Halswirbelsäule. Sie nannten das eine Bestätigung der chirurgischen Machbarkeit, nicht einen Transplantaterfolg.
Medical News Today hatte 2015 den Zeitplan „innerhalb der nächsten zwei Jahre“ und später ein Zieldatum im Dezember 2017 weitergegeben. Dieses Datum verstrich ohne dokumentierten Lebendeingriff. Lamba, Holsgrove und Broekman prüften 2016 die Vorgeschichte der Cephalosomatischen Anastomose. Sie fanden in Tierversuchen Hinweise, dass sich die Hirndurchblutung über Gefäßnähte halten und eine Immunsuppression grundsätzlich möglich sein kann. Für die Wiedervereinigung des durchtrennten Rückenmarks lag nach ihrer Bewertung nur spärliche Evidenz vor, oft gestützt auf Arbeiten der 1970er Jahre, deren Übertragbarkeit auf den Menschen unklar blieb.
Der öffentlich vorgestellte Freiwillige mit SMA trat in der Folge nicht als dokumentierter Operationsfall auf. Canavero selbst verschob den Schauplatz in Interviews nach China und sprach von einem anderen ersten Patienten. Ein späterer, in Fachzeitschriften belegter Lebendeingriff fehlt. Wer 2018 noch „kurz bevorstehend“ las, findet 2026 denselben Befund: Probe an Toten, keine geheilte Querschnittlähmung durch Kopfwechsel.

Was sollte HEAVEN-GEMINI bewirken?
Canavero skizzierte 2013 in Surgical Neurology International ein Ganzkörper-Tauschverfahren. Der Kopf des Empfängers sollte an den Körper eines hirntoten Spenders, der Empfängerkopf an den Spenderkörper. Der entscheidende Schritt hieß GEMINI, die Fusion frisch durchtrennter Rückenmarkstümpfe mit membranverschließenden Stoffen, vor allem Polyethylenglykol, ergänzt um elektrische Stimulation. Als mögliche Nutznießer nannte er unheilbare Krankheiten, nicht eine kosmetische Körperwahl.
In der Berichterstattung von 2015 nannte der Initiator ein Team von rund 100 Operateuren, eine Dauer von etwa 36 Stunden und anschließend ein künstliches Koma von drei bis vier Wochen. Während des Komas sollten implantierte Elektroden die neuen Verbindungen „trainieren“. Gehen binnen eines Jahres war eine Prognose des Autors, keine gemessene Größe. Lamba und Kollegen hielten 2016 fest, dass selbst die Blutversorgung eines isolierten Kopfes und die Schmerztherapie nach kompletter Halsdurchtrennung ungelöste Punkte bleiben.
Zwei technische Hürden hat Canavero selbst immer wieder genannt. Erstens müssen Hunderttausende Axone so getroffen und so frisch gehalten werden, dass sie überhaupt eine Chance auf Fusion haben; nach etwa 20 Minuten beginnt nach seiner eigenen Darstellung die Wallersche Degeneration. Zweitens müsste das Immunsystem den fremden Körper akzeptieren, während der Empfängerkopf mit eigenem Gehirn und eigener Identität weiterlebt. Keine der beiden Hürden ist am lebenden Menschen belegt. Die Leichenprobe von 2017 prüfte Schnitte, Nähte und Osteosynthese, nicht Bewusstsein, Atmung oder Willkürmotorik.
Kann ein komplett durchtrenntes Rückenmark fusionieren?
Eine zuverlässige, klinisch etablierte Fusion nach kompletter Durchtrennung gibt es nicht. Lamba und Kollegen schrieben 2016 ausdrücklich, die Evidenz für eine erfolgreiche Rückenmarkanastomose nach Schnitt sei spärlich. Polyethylenglykol kann in Labor- und Tierversuchen Zellmembranen abdichten und in einzelnen Modellen Leitungszeichen zurückbringen. Das ist ein mechanischer Trick an frischen Schnittflächen, kein Ersatz für die hochgeordnete Bahnung von Pyramidenbahn, Hinterstrang und vegetativen Fasern.
Spätere Arbeitsgruppen, darunter Ren, haben Fusogene plus elektrische Reizung an Hunden und in kleinen Serien bei Menschen mit Querschnittlähmung erprobt. Berichtet wurden Bildkontinuität, einzelne Leitungszeichen und begrenzte motorische Gewinne, oft ohne kontrollierte Vergleichsgruppe und ohne unabhängige Replikation in großen Zentren. Selbst wenn sich ein solches Verfahren für eine frische Verletzung im eigenen Rückenmark als nützlich erweisen sollte, wäre das noch kein Beleg dafür, dass sich der Kopf eines Menschen an den Hals eines anderen anschließen und steuern lässt.
Ein Kopfwechsel verlangt mehr als zwei Stümpfe in Kontakt. Hirnnerven, Zwerchfellnerven, Kehlkopf, Schilddrüse, Speiseröhre, große Gefäße und die gesamte vegetative Steuerung von Blutdruck, Temperatur und Blase müssen in einer Sitzung funktionieren. Caplan argumentierte bereits 2015 gegenüber Medical News Today, zuerst müsse die Methode an Tieren und dann an gelähmten Patienten mit erhaltener Anatomie geprüft werden, bevor jemand einen ganzen Körper tauscht. Dieser Stufenplan ist nicht abgearbeitet.
Was bedeutet die Diagnose Werdnig-Hoffmann heute?
Werdnig-Hoffmann ist der ältere Name für die spinale Muskelatrophie Typ 1, die schwerste häufige Form. MedlinePlus beschreibt SMA als Gruppe erblicher Krankheiten, die Motoneurone im Rückenmark und unteren Hirnstamm zerstören. Muskeln für Arme, Beine, Gesicht, Brust, Rachen und Zunge werden schwach und schwinden. Die Cleveland Clinic (Stand Juni 2024) schätzt 1 Erkrankung auf 6000 bis 11 000 Lebendgeburten; etwa 60 Prozent der Fälle sind Typ 1. MedlinePlus Genetics nennt weltweit etwa 1 zu 8000 bis 10 000, Typ I etwa die Hälfte.
Ursache der klassischen 5q-SMA ist ein biallelischer Defekt im Gen SMN1. Das Protein Survival Motor Neuron fehlt, die Vorderhornzellen sterben. Kopien des ähnlichen Gens SMN2 mildern den Verlauf, ersetzen SMN1 aber nur unvollständig. Die Vererbung ist autosomal-rezessiv. Träger haben in der Regel keine Symptome; nach Cleveland Clinic trägt unter Weißen etwa 1 von 50 die Veränderung.
| Typ | Typischer Beginn | Motorik ohne krankheitsspezifische Therapie | Überleben ohne solche Therapie |
|---|---|---|---|
| 0 | vor der Geburt | extreme Schwäche, oft Atemversagen | Tod bei Geburt oder im ersten Monat |
| 1 (Werdnig-Hoffmann) | vor 6 Monaten | sitzt nicht frei, schlechte Kopfkontrolle | oft vor dem 2. Geburtstag |
| 2 | 6 bis 18 Monate | sitzt, geht nicht frei | häufig 20 bis 40 Jahre |
| 3 (Kugelberg-Welander) | nach 18 Monaten | geht zunächst, später oft Rollstuhl | meist normale Lebensspanne |
| 4 | Erwachsenenalter | milde Beinschwäche | meist normale Lebensspanne |
Die Tabelle folgt MedlinePlus, NINDS und der Cleveland Clinic. GeneReviews (Revision Februar 2026) betont zusätzlich, dass die Phänotypen ein Kontinuum bilden und dass krankheitsspezifische Therapien den natürlichen Verlauf bereits verändern. Ein Erwachsener, der im Kleinkindalter „Typ 1“ genannt wurde und ohne dauerhafte Beatmung 30 Jahre alt wird, entspricht nicht der klassischen Typ-1-Naturgeschichte. Dann ist eine spätere Form oder eine ältere, grobe Diagnose wahrscheinlicher. Das ändert nichts daran, dass SMA fortschreiten kann und Atmung, Schlucken und Wirbelsäule überwacht werden müssen.
Welche SMA-Medikamente sind zugelassen?
Heilung gibt es nicht. Seit 2016 existieren aber Wirkstoffe, die das SMN-Protein erhöhen oder das fehlende SMN1-Gen ersetzen und den Verlauf bei vielen Patienten verlangsamen oder motorische Meilensteine ermöglichen können, besonders wenn die Therapie vor oder ganz am Anfang der Symptome beginnt. NINDS listet Nusinersen (Lumbalpunktion, Kinder und Erwachsene), Onasemnogen-Abeparvovec als einmalige Infusion für Kinder unter zwei Jahren mit infantiler SMA und Risdiplam als tägliche orale Lösung ab zwei Monaten. Die Cleveland Clinic datiert die US-Zulassungen auf 2016 bis 2020.
GeneReviews (Stand 12. Februar 2026) fasst Dosierungen nach Fachinformation so zusammen. Risdiplam wird einmal täglich nach Alter und Gewicht gegeben, bei mindestens zwei Jahren und über 20 Kilogramm 5 Milligramm. Nusinersen wird mit 12 Milligramm in den Liquor gespritzt, drei Aufsättigungen alle 14 Tage, eine vierte 30 Tage später, danach alle vier Monate. Onasemnogen-Abeparvovec-xioi wird einmalig intravenös mit 1,1×10¹⁴ Vektorgenomen pro Kilogramm verabreicht. Neu genannt wird Onasemnogen-Abeparvovec-brve als einmalige lumbale Gabe ab zwei Jahren mit 1,2×10¹⁴ Vektorgenomen.
Die US-Arzneimittelbehörde hat für beide Gentherapieformen eine eingerahmte Warnung vor schwerer Leberschädigung und akutem Leberversagen ausgesprochen. GeneReviews verlangt Leberwerte vor der Infusion und in den Folgemonaten; weitere Risiken sind thrombotische Mikroangiopathie und Troponin-Anstieg. Risdiplam zeigte in Tierversuchen Fehlbildungen und Fruchttod, deshalb soll es in der Schwangerschaft gemieden werden. Nusinersen braucht Kontrollen von Thrombozyten, Gerinnung und Niere.
In der Phase-III-Studie ENDEAR an 121 Säuglingen mit SMA I erreichten laut GeneReviews 51 Prozent unter Nusinersen einen neuen motorischen Meilenstein, in der Scheinbehandlungsgruppe niemand. Das Risiko für Tod oder dauerhafte Beatmung sank (Hazard Ratio 0,53). Eine Parallelstudie bei später beginnender SMA zeigte ebenfalls messbare Motorikgewinne. Die Best-Practice-Empfehlung der American Academy of Neurology (online Oktober 2024, Heft Februar 2025) hält fest, dass drei SMN-steigernde Mittel zugelassen sind, die Verfügbarkeit aber von Land zu Land schwankt. Früher oder sogar vorsymptomatischer Start bleibt der stärkste Hebel. Bereits untergegangene Motoneurone holt kein Präparat zurück.
Was leisten Gesicht- und Handtransplantate wirklich?
Gesicht und Hand sind etablierte, seltene Verbundtransplantate, keine Kopfwechsel. Sie verbinden Haut, Knochen, Muskeln, Sehnen, Gefäße und periphere Nerven eines Spenders mit dem Empfänger. Huelsboemer und Kollegen werteten 2024 Studien von 1999 bis Juli 2023 aus und erfassten 45 Gesichts-, 91 Hand- und 3 kombinierte Transplantate. Abstoßungsepisoden betrafen 73 Prozent der Gesichts- und 65,9 Prozent der Handempfänger. Ein Transplantatverlust trat bei 8,9 Prozent der Gesichter und 13,2 Prozent der Hände ein. Klinische Cytomegalievirus-Infektionen lagen bei 15,5 Prozent (Gesicht) und 6,6 Prozent (Hand).
Diese Zahlen zeigen den Preis einer lebenslangen Immunsuppression an einem nicht lebensrettenden, sondern lebensgestaltenden Eingriff. Tacrolimus, Mycophenolat und Steroide stammen aus der Organtransplantation. Nierengiftigkeit, Infekte und Abstoßung der besonders immunogenen Haut und Schleimhaut erzwingen oft Umstellungen, etwa auf Sirolimus. Das NCBI-Werk zu Gesicht und Hand betont Einwilligung, psychosoziale Eignung und Nachsorge. Nichts davon fusioniert das Halsmark. Periphere Nerven können über Zentimeter einsprossen; die Pyramidenbahn tut das nach kompletter Halsdurchtrennung nicht zuverlässig.
Wer Kopftransplantation mit „wir transplantieren doch schon Gesichter“ gleichsetzt, vermengt zwei Größenordnungen. Ein Gesicht braucht keine Verbindung zwischen Gehirn und restlichem Rückenmark. Ein Kopf auf fremdem Rumpf schon. Die sichtbare Naht am Hals wäre das kleinere Problem.
Warum stoßen Kopf und Körper einander ab?
Jedes fremde Gewebe trägt andere Gewebemerkmale. Nach einem Kopfwechsel wäre fast der gesamte Körper Antigen, nicht nur eine Niere oder eine Hand. Die Immunabwehr des Empfängerkopfes, dessen Knochenmark aber im Spenderkörper sitzt, erzeugt eine theoretisch besonders verwickelte Lage aus Abstoßung und möglicher Reaktion des Spenderimmunsystems gegen den Kopf. Lamba und Kollegen nannten verfügbare Immunsuppressiva als notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung.
Die VCA-Daten von 2024 machen die Last konkret. Selbst bei Hand oder Gesicht, also bei deutlich kleinerer Antigenmenge, braucht fast jeder Empfänger eine Dauertherapie. Mehr als zwei Drittel erleben Abstoßung. Infekte, Nierenschäden und selten der Verlust des Transplantats gehören zum Kalkül. Ein gesamter Rumpf plus Knochenmark würde diese Last eher steigern als senken. Ein mehrwöchiges Koma, wie es Canavero plante, erhöht zusätzlich das Risiko für Lungenentzündung, Thrombosen und Druckstellen, ohne die Immunlage zu lösen.
Schmerz nach kompletter Halsdurchtrennung ist ein weiteres, von Lamba genanntes ungelöstes Feld. Phantomschmerz, Deafferenzierungsschmerz und autonome Entgleisung (plötzlicher Bluthochdruck, Schwitzen, Bradykardie) sind bei hoher Querschnittlähmung bekannt. Ein frisch angenähter Kopf auf fremdem Rumpf hätte keine erprobte Strategie dagegen.
Warum lehnen Fachgesellschaften den Eingriff ab?
Das Ethik-Rechts-Komitee der European Association of Neurosurgical Societies erklärte das vorgeschlagene Kopftransplantationsprojekt 2016 für unethisch. Der kurze Text in Acta Neurochirurgica ist eine Positionsnahme, keine technische Widerlegung, und genau darin liegt sein Gewicht. Eine Fachgesellschaft für Neurochirurgie hält den Sprung in den Menschen für nicht zu rechtfertigen. Lamba und Kollegen ergänzten die technischen Lücken um Ausbeutung verwundbarer Patienten und um die Frage, ob eine informierte Einwilligung möglich ist, wenn der Ausgang unbekannt und der Tod oder das permanente Wachkoma realistisch sind.
2015 nannte Arthur Caplan den Initiator gegenüber Medical News Today offen „nuts“ und forderte zuerst belastbare Tierdaten sowie Versuche an Gelähmten statt eines Körperwechsels. Harry Goldsmith, damals klinischer Professor für Neurochirurgie in Davis, hielt ein vierwöchiges Koma ohne Zusammenbruch für unrealistisch. Diese Einwände sind nicht durch spätere Publikationen entkräftet worden. Die Leichenprobe von 2017 hat die Ethikfrage nicht kleiner gemacht, weil sie am Toten keine Nutzen-Schaden-Abwägung für einen Sterbenden oder Schwerbehinderten liefert.
Ein zweites Argument betrifft die Alternative. Seit 2016 können Menschen mit SMA krankheitsspezifisch behandelt werden, statt auf einen unbewiesenen Körpertausch zu hoffen. Wer 2015 „keine Option außer der Operation“ hörte, steht 2026 vor einem anderen Angebot: Gentest, interdisziplinäre SMA-Sprechstunde, zugelassene Wirkstoffe, Beatmungs- und Schluckhilfe. Das macht den Eingriff nicht moralisch verboten im luftleeren Raum, aber die Begründung „letzte Rettung“ ist schwächer als vor der Zulassung von Nusinersen.
Wann ist bei SMA Notfallhilfe nötig?
Atemnot, unproduktiver Husten, Verschlucken mit Ersticken und rasch zunehmende Schwäche der Atemmuskulatur sind Gründe für den Notruf 112, nicht für das Warten auf den nächsten Termin. MedlinePlus und NINDS nennen Atemwegsinfekte, Aspiration und Schwäche von Brustkorb und Schluckmuskeln als zentrale Gefahren. Die Cleveland Clinic ergänzt metabolische Entgleisung bei Infekt oder Fasten. GeneReviews warnt ausdrücklich vor längerem Fasten, besonders beim akut kranken Säugling.
Säuglinge mit schlaffem Tonus, fehlender Kopfkontrolle, glockenartigem Brustkorb oder Trinkschwäche brauchen rasch eine neuropädiatrische Abklärung, in Deutschland oft über die Kinderklinik. In den Vereinigten Staaten ist SMA Teil des Neugeborenen-Screenings aller Bundesstaaten; in Europa weitet sich das Screening aus, ist aber nicht überall gleich. Ein auffälliger Test ist kein endgültiges Urteil, sondern der Start der Bestätigung im SMN1-Gen und der Planung einer Therapie, möglichst bevor Motoneurone verloren sind.
Erwachsene mit bekannter SMA sollten bei Fieber, zunehmender Atemarbeit, morgendlichen Kopfschmerzen (Hinweis auf nächtliche Hypoventilation), Gewichtssturz oder neuem Verschlucken dieselbe Schwelle nutzen. Eine SMA-Sprechstunde oder neuromuskuläre Ambulanz steuert Medikamente, Physiotherapie, Orthesen, Hustenassistenz und Ernährung. Der Hausarzt allein ersetzt diese Struktur nicht, sobald Atmung oder Schlucken kippen.
- Plötzliche Atemnot oder ein unproduktiver Husten rechtfertigen den Notruf 112 ohne Verzögerung.
- Verschlucktes Essen in der Luftröhre kann rasch eine schwere Lungenentzündung auslösen.
- Ein schlaffer Säugling ohne Kopfkontrolle gehört noch am selben Tag in die Kinderklinik.
- Längeres Fasten bei fieberhafter SMA kann den Stoffwechsel entfehlen und die Schwäche verstärken.
- Neue Schluckstörung oder morgendliche Kopfschmerzen sprechen für eine zeitnahe Beatmungsprüfung.
Häufige Fragen
Wurde schon einmal ein lebender Mensch kopftransplantiert?
Nein. In der begutachteten Literatur fehlt jeder Beleg für eine erfolgreiche Kopf-Körper-Vereinigung an einem Lebenden. 2017 erschien nur die Beschreibung einer 18-stündigen Probe an zwei Leichnamen in Harbin. Angekündigte Termine 2015 bis 2017 wurden nicht durch einen dokumentierten Lebendeingriff eingelöst.
Kann Polyethylenglykol ein durchtrenntes Rückenmark wieder verbinden?
In einzelnen Tier- und Laborversuchen kann der Stoff Membranen abdichten und Leitungszeichen zurückbringen. Lamba und Kollegen hielten 2016 die Evidenz für eine funktionierende Rückenmarknaht nach komplettem Schnitt für spärlich. Eine zugelassene, reproduzierbare Therapie für den kompletten menschlichen Querschnitt, geschweige denn für einen Kopfwechsel, folgt daraus nicht.
Ist Werdnig-Hoffmann dasselbe wie SMA Typ 1?
Ja, Werdnig-Hoffmann ist der ältere Name für die infantile, schwere Form. Symptome beginnen vor dem sechsten Lebensmonat, freies Sitzen gelingt klassisch nicht. Ohne krankheitsspezifische Therapie und ohne Beatmung sterben viele Kinder vor dem zweiten Geburtstag. Ein Erwachsener mit dieser Etikette hat oft einen anderen, milderen Verlauf oder eine historische Fehleinordnung.
Welche Medikamente gibt es heute gegen SMA?
Nusinersen, Risdiplam und Onasemnogen-Abeparvovec können den Verlauf verändern, heilen die Krankheit aber nicht. NINDS nennt die ersten beiden für breitere Altersgruppen, die intravenöse Gentherapie vor allem für Kinder unter zwei Jahren. GeneReviews ergänzt 2026 eine lumbale Gentherapie ab zwei Jahren und warnt vor Leberschäden. Den Start entscheidet die neuromuskuläre Fachabteilung, nicht ein Selbstversuch.
Warum gilt der Eingriff als unethisch, wenn jemand freiwillig zustimmt?
Freiwilligkeit reicht nicht, wenn Nutzen unbelegt und Schaden hochwahrscheinlich ist. Das EANS-Komitee nannte das Projekt 2016 unethisch. Lamba und Kollegen betonten Ausbeutung besonders verwundbarer Patienten. Eine Einwilligung setzt verständliche, belegte Risiken voraus; die fehlen für den Kopfwechsel.
Wann muss bei SMA der Rettungsdienst kommen?
Bei Atemnot, Erstickungsgefahr, blauen Lippen, Bewusstseinstrübung oder rasch schwächer werdendem Husten sofort 112. Dasselbe gilt für Säuglinge, die nicht mehr trinken oder schlaff werden. Infekte und Fasten können die Atmung innerhalb von Stunden kippen.
Fazit
Die erste menschliche Kopftransplantation ist nicht näher gerückt, seit 2015 ein Freiwilliger mit SMA öffentlich auftrat. Geblieben sind eine Projektskizze von 2013, eine Leichenprobe von 2017 und das Urteil europäischer Neurochirurgen, den Lebendeingriff nicht zu rechtfertigen. Das Rückenmark nach komplettem Schnitt zuverlässig zu fusionieren, ist die Hürde, die weder Fusogene noch Elektroden bisher genommen haben.
Für Menschen mit spinaler Muskelatrophie hat sich der Alltag dagegen verändert. Drei SMN-gerichtete Wirkstoffe, in den USA seit 2016 bis 2020 zugelassen, plus eine 2026 in GeneReviews nachgezogene lumbale Gentherapie können Motoneurone schützen, die noch leben. Screening, früher Start und eine interdisziplinäre Ambulanz ersetzen das Versprechen eines neuen Körpers. Wer Symptome von SMA hat oder ein Kind mit Trinkschwäche und schlaffem Tonus sieht, geht den Weg über Genetik und neuromuskuläre Medizin, nicht über Ankündigungen einer Halsnaht.
Praktisch heißt das für morgen. SMA-Diagnose sichern oder aktualisieren lassen, einschließlich SMN2-Kopienzahl. Mit der behandelnden Neurologie klären, welches zugelassene Mittel infrage kommt und welche Leber-, Blut- und Nierenkontrollen dazugehören. Atmung und Schlucken nicht bagatellisieren. Den Kopfwechsel als unbewiesenes Experiment behandeln, das Fachgesellschaften ablehnen, und jede Offerte außerhalb eines registrierten, ethisch geprüften Verfahrens ausschlagen.
Quellen
- Whiteman H: 30-year-old Russian man volunteers for world’s first human head transplant. Medical News Today, 22. Oktober 2015.
- Canavero S: HEAVEN: The head anastomosis venture Project outline for the first human head transplantation with spinal linkage (GEMINI). Surgical Neurology International, 13. Juni 2013.
- Lamba N, Holsgrove D et al.: The history of head transplantation: a review. Acta Neurochirurgica, 14. Oktober 2016.
- Brennum J: The EANS Ethico-legal Committee finds the proposed head transplant project unethical. Acta Neurochirurgica, 17. Oktober 2016.
- Ren X, Li M et al.: First cephalosomatic anastomosis in a human model. Surgical Neurology International, 17. November 2017.
- MedlinePlus: Spinal Muscular Atrophy. MedlinePlus, Stand: 2025.
- National Institute of Neurological Disorders and Stroke: Spinal Muscular Atrophy. National Institute of Neurological Disorders and Stroke, Stand: 2024.
- Cleveland Clinic: SMA (Spinal Muscular Atrophy): What It Is, Symptoms & Types. Cleveland Clinic, 6. Juni 2024.
- Prior TW, Leach ME et al.: Spinal Muscular Atrophy. GeneReviews, 12. Februar 2026.
- Schroth MK, Deans J et al.: Spinal Muscular Atrophy Update in Best Practices Recommendations for Treatment Considerations. Neurology Clinical Practice, 8. Oktober 2024.
- Huelsboemer L, Boroumand S et al.: Immunosuppressive strategies in face and hand transplantation: a comprehensive systematic review of current therapy regimens and outcomes. Frontiers in Transplantation, 6. März 2024.
