
Niedrig dosiertes Ketamin kann Suizidgedanken bei vielen Erwachsenen mit Depression innerhalb von Stunden bis zu einem Tag abschwächen. Es ersetzt weder die Klinik bei akuter Gefahr noch ist nachgewiesen, dass es Suizidversuche oder Todesfälle verhindert.
Die US-Veterans Health Administration schlägt die Infusion nur als Zusatz für die kurze Entlastung von Gedanken vor, nicht als Mittel gegen Suizid oder Versuche. Klassische Antidepressiva brauchen oft Wochen; genau dieses Zeitfenster macht die schnelle Glutamatwirkung interessant. In der Europäischen Union ist das S-Enantiomer Esketamin als Nasenspray bei behandlungsresistenter Depression zugelassen, nicht eigens gegen Suizidalität. Wer einen Plan hat oder sich nicht sicher fühlen kann, braucht zuerst Schutz, nicht ein Rezept für zu Hause.
Wie schnell kann Ketamin Suizidgedanken senken?
Eine einzelne unter der Narkosedosis liegende Infusion kann die Intensität von Suizidgedanken oft schon am selben Tag messbar senken. Die Wirkung auf die Gedanken selbst ist zeitlich begrenzt und ersetzt keine weiterführende Behandlung.
Wilkinson und Kollegen werteten 2018 Einzeldaten von 167 Teilnehmenden mit Suizidgedanken aus zehn Vergleichsstudien aus. Gegen Kochsalz oder Midazolam fiel die Bewertung der Suiziditems innerhalb eines Tages und bis zu einer Woche günstiger aus; die Effektstärke lag im mittleren bis hohen Bereich (Cohens d etwa 0,51 bis 0,85). Der Unterschied blieb teilweise bestehen, nachdem die Forscher die gleichzeitige Besserung der Stimmung herausrechneten. Das spricht dafür, dass nicht nur die Depression insgesamt nachlässt, sondern die Gedanken selbst mitreagieren können.
Grunebaum und Team prüften 2018 an 80 Erwachsenen mit schwerer Depression und klinisch bedeutsamen Suizidgedanken eine Infusion gegen das Beruhigungsmittel Midazolam. Nach 24 Stunden lag der Rückgang auf der Skala für Suizidideation um knapp fünf Punkte stärker bei Ketamin; 55 Prozent erreichten mindestens eine Halbierung des Skalenwerts, gegenüber 30 Prozent unter Midazolam. Etwa ein Drittel dieses Effekts ließ sich über die Stimmungsbesserung erklären, der Rest nicht. In einer unkontrollierten Nachbeobachtung hielt die klinische Besserung bei angepasster Standardmedikation bis zu sechs Wochen.
Zwei Infusionen im Abstand von 24 Stunden testete die französische KETIS-Studie von Abbar und Kollegen 2022. Am dritten Tag waren 63 Prozent der Ketamin-Gruppe in voller Remission der Gedanken (Skalenwert höchstens 3), gegenüber rund 32 Prozent unter Placebo. Der Unterschied zeigte sich schon 40 Minuten nach der ersten Gabe. Sechs Wochen später lagen beide Arme hoch, ohne signifikanten Vorsprung mehr. Wer also auf eine schnelle Brücke hofft, findet hier Daten; wer eine dauerhafte Lösung erwartet, nicht.

Was Studien und Metaanalysen seit 2018 wirklich zeigen
Neuere Übersichten bestätigen den kurzen, nicht den lebensrettenden Effekt. Gedanken können rasch nachlassen; Versuche und Todesfälle sind in den Studien zu selten, um eine Schutzwirkung zu belegen.
Li und Kollegen fassten 2024 dreizehn randomisierte Studien zur Monotherapie zusammen. Racemisches Ketamin verdoppelte ungefähr die Chance auf eine akute Remission der Suizidgedanken gegenüber Placebo oder Midazolam (Risikoverhältnis 2,06). Die Skalenwerte sanken mäßig (standardisierte Mittelwertdifferenz −0,36). Für Esketamin allein war das Bild uneinheitlich, und über längere Zeiträume verschwand der Vorteil. Eine VA-Empfehlung vom November 2024 zieht daraus die praktische Konsequenz: einmalige kleine Infusion als Zusatz ja, wiederholte Gaben gegen anhaltende Gedanken nein, weil der Suchtanteil unklar bleibt und der Nutzen nicht belegt ist.
Diagnose entscheidet mit. In der KETIS-Studie war der Vorteil bei bipolarer Störung besonders groß, bei unipolarer Depression statistisch nicht nachweisbar. Ältere Berichte, die Ketamin pauschal als Mittel gegen depressive Suizidgedanken darstellten, halten dieser Aufschlüsselung nicht stand. Psychotische Störungen, aktuelle Abhängigkeit und Kontraindikationen gegen Ketamin waren in KETIS ausgeschlossen; das Ergebnis gilt also nicht für jede Krisensituation.
Unverblindung bleibt ein Problem. Wer dissoziiert, erkennt oft, dass er nicht Placebo bekommen hat. Die VA und die FDA trennen deshalb scharf zwischen leiser werdenden Gedanken und einem Beleg, dass weniger Menschen sterben. Solange dieser Beleg fehlt, bleibt Ketamin eine mögliche Brücke in der Klinik, kein Beweis für weniger Todesfälle.
Esketamin-Nasenspray: Zulassung und klare Grenzen
Esketamin (Spravato) ist in den USA für Erwachsene mit behandlungsresistenter Depression und, zusammen mit einem oralen Antidepressivum, für depressive Symptome bei akuter Suizidalität zugelassen. Das Label sagt zugleich, dass ein Schutz vor Suizid oder eine Überlegenheit gegen Suizidgedanken und -verhalten nicht gezeigt wurde.
Zwei baugleiche Vier-Wochen-Studien (ASPIRE, im FDA-Label als Studie 4 und 5) nahmen Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Depression und aktiver Suizidabsicht auf. Alle lagen zunächst in der Psychiatrie und bekamen ein neues oder angepasstes orales Antidepressivum. Zusätzlich erhielten sie 84 Milligramm Esketamin oder Placebo-Nasenspray zweimal wöchentlich. Der Depressionswert auf der Montgomery-Åsberg-Skala fiel 24 Stunden nach der ersten Dosis unter Esketamin stärker (in Studie 4 um 15,9 gegenüber 12,0 Punkten, Unterschied −3,8). Die klinische Gesamteinschätzung der Suizidschwere war dagegen nicht überlegen. Der Vorsprung bei der Depression zeigte sich ab etwa vier Stunden und wuchs danach kaum noch.
Die FDA-Dosis für diese Indikation lautet 84 Milligramm zweimal wöchentlich über vier Wochen, bei Unverträglichkeit 56 Milligramm. Länger als vier Wochen ist dieser Einsatz nicht systematisch geprüft. Eine Besserung nach der ersten Sitzung ersetzt laut Label keine stationäre Aufnahme, wenn sie klinisch nötig bleibt. Seit Januar 2025 darf Esketamin in den USA bei behandlungsresistenter Depression auch allein gegeben werden; die Suizid-Indikation bleibt an die Tablette gebunden.
Europa hat enger zugelassen. Die EMA erteilte Spravato am 18. Dezember 2019 die Genehmigung für Erwachsene mit behandlungsresistenter Episode, zusammen mit einem SSRI oder SNRI, nachdem mindestens zwei Antidepressiva versagt hatten. Eine eigene EU-Indikation gegen akute Suizidalität fehlt. NICE empfiehlt das Nasenspray im NHS weder für die behandlungsresistente Depression (TA854, zuletzt geprüft im Juni 2024) noch hat es 2023 eine Bewertung für das drohende Suizidrisiko abgeschlossen, weil der Hersteller keine Unterlagen einreichte. Deutsche Kliniken können Esketamin bei resistenter Depression unter Aufsicht einsetzen; als Notfallmittel gegen Suizid ist es hier keine Leitlinienroutine.
Infusion oder Nasenspray: was sich unterscheidet
Racemisches Ketamin enthält beide Spiegelbilder des Moleküls und wird in der Psychiatrie meist als langsame Infusion gegeben. Esketamin ist nur das S-Enantiomer und kommt als Nasenspray in die zugelassene Anwendung. Beide blockieren NMDA-Rezeptoren, heben vorübergehend Glutamat an und können Synapsenbildung anstoßen; das ist der Unterschied zu Serotoninwiederaufnahmehemmern, die Wochen brauchen.
Die Infusion in den Studien von Abbar und Grunebaum lag bei 0,5 Milligramm pro Kilogramm über 40 Minuten, also weit unter der Narkosedosis. Die VA beschreibt genau dieses Schema als die am besten belegte Einmaldosis gegen Gedanken. Mayo Clinic Press (Dezember 2022) nennt für die off-label genutzte Infusion bei resistenter Depression oft zwei Gaben pro Woche über zwei bis drei Wochen, danach seltener; Ansprechraten bis etwa 70 Prozent stammen aus Depressionsstudien, nicht aus Suizidendpunkten. In den USA bleibt diese Indikation off-label, während Esketamin ein eigenes Risikoprogramm hat.
Direktvergleiche sind dünn. Arbeiten, die die VA zitiert, deuten auf einen rascheren und stärkeren Effekt der Infusion gegenüber dem Spray, unter anderem weil die Vene die gesamte Dosis ohne erste Leberpassage liefert. Li und Kollegen fanden 2024 für Esketamin allein keinen belastbaren Beleg gegen Suizidgedanken. Die Fachinformation der FDA trennt Depressionssymptome von Suizidschwere. Wer „Ketamin gegen Suizidgedanken“ liest, sollte nachfragen, welches Präparat, welcher Endpunkt und welches Land gemeint sind.
| Merkmal | Ketamin-Infusion | Esketamin-Nasenspray | Orale Antidepressiva |
|---|---|---|---|
| Beginn gegen Gedanken | oft Stunden bis 1 Tag (VA, Abbar) | Depression oft binnen 4–24 Stunden; Suizidschwere in ASPIRE nicht überlegen (FDA) | häufig mehrere Wochen |
| Zulassung USA | Narkose; psychiatrisch off-label (Mayo) | resistente Depression und Depression mit akuter Suizidalität plus Tablette (FDA 2025) | zugelassen, keine Soforthilfe |
| Zulassung EU | Narkose; psychiatrisch off-label | nur resistente Depression plus SSRI oder SNRI (EMA 2019) | zugelassen |
| Typische Dosis in Studien | 0,5 mg/kg über 40 Minuten, 1–2 Gaben (Abbar, VA) | 84 mg zweimal wöchentlich 4 Wochen (FDA-Label) | nach Wirkstoff und Verträglichkeit |
| Nachweis gegen Suizid | fehlt (VA 2024) | ausdrücklich nicht gezeigt (FDA-Label) | akut ungeeignet; Lithium langfristig bei manchen Diagnosen |
Für wen kommt die Behandlung infrage?
Infrage kommen Erwachsene mit schwerer Depression und Suizidgedanken, bei denen eine Klinik oder eine eng überwachte Tagesklinik den Rahmen stellt. Kinder und Jugendliche sind weder für Esketamin noch für die Infusion als Standard vorgesehen.
Die VA formuliert eine schwache Empfehlung für die Infusion als Zusatz, wenn Suizidgedanken und eine Major Depression zusammen vorliegen. Mayo Clinic Press grenzt geeignete Erwachsene so ein, dass mindestens zwei Antidepressiva in ausreichender Dosis und Dauer versagt haben; das trifft die resistente Depression, nicht jede erste Krise. In den ASPIRE-Studien lagen die Teilnehmenden stationär, hatten hohe Depressionswerte und eine aktive Absicht. Ambulante Privatpraxen ohne Notfallkette bilden dieses Setting nicht ab.
Ausgeschlossen oder sehr zurückhaltend behandelt werden Menschen, bei denen ein Blutdruckanstieg gefährlich wäre. Das FDA-Label nennt aneurysmatische Gefäßerkrankungen, arteriovenöse Malformationen und Hirnblutungen als Gegenanzeigen, dazu Überempfindlichkeit gegen Esketamin oder Ketamin. StatPearls (Aktualisierung Januar 2024) rät bei unkontrolliertem Bluthochdruck, frischem Herzinfarkt und Aortenproblemen von Ketamin ab und warnt vor einer Verschlechterung bei Schizophrenie. Aktuelle Substanzabhängigkeit war in KETIS ein Ausschluss; das Missbrauchsrisiko bleibt im Label und bei MedlinePlus ein eigener Warnpunkt.
Schwangerschaft und Stillzeit sind ungünstig. MedlinePlus (Stand 15. Februar 2025) schreibt, Esketamin könne dem Ungeborenen schaden, und rät vom Stillen ab. StatPearls übernimmt die FDA-Linie, Ketamin in Geburtshilfe und Stillzeit zu meiden. Wer schwanger werden kann, braucht vor der ersten Sitzung ein klares Gespräch über Verhütung, nicht erst hinterher.
Risiken, Gegenanzeigen und Überwachung
Häufig sind vorübergehende Dissoziation, Schwindel, Übelkeit, Sedierung und ein Blutdruckanstieg. Sie treten während der Sitzung auf und klingen meist in Stunden ab, nicht erst nach Tagen.
Das FDA-Label listet für die Suizid-Indikation Dissoziation, Schwindel, Sedierung, Blutdruckanstieg, verminderte Hautempfindung, Erbrechen, gehobene Stimmung und Drehschwindel als typische Reaktionen. In den ASPIRE-Studien zeigten 84 Prozent unter Esketamin messbare Dissoziation gegenüber 16 Prozent unter Placebo. Die EMA nennt Schwindel, Übelkeit, Dissoziation, Kopfschmerz, Schläfrigkeit, Geschmacksstörung und Erbrechen bei bis zu drei von zehn Behandelten. MedlinePlus ergänzt metallischen Geschmack, Nasen- und Rachenreiz, Schwitzen und vorübergehende Denk- oder Erinnerungslücken. Blasenbeschwerden und, bei wiederholtem Missbrauch, schwere Zystitis gehören zu den selteneren, aber ernst zu nehmenden Risiken.
Überwachung ist Pflicht, kein Komfort. Nach Esketamin gilt in den USA ein Risikominimierungsprogramm: Gabe nur in zertifizierten Einrichtungen, Beobachtung mindestens zwei Stunden, Blutdruck vor der Dosis und etwa 40 Minuten danach, Pulsoximetrie wegen möglicher Atemdepression. Wer systolisch über 140 oder diastolisch über 90 liegt, braucht eine Nutzen-Risiko-Abwägung; bei Gefahr durch weiteren Druckanstieg unterbleibt die Gabe. Zwei Stunden nüchtern und 30 Minuten ohne Flüssigkeit senken Übelkeit. Nasensprays gegen Schnupfen oder Kortison sollen mindestens eine Stunde vorher kommen. Nach Hause fährt eine Begleitperson; selbst Auto oder Maschinen sind erst am nächsten Tag nach einer vollen Nachtruhe erlaubt.
Wechselwirkungen verdienen die Medikamentenliste. Zentral dämpfende Stoffe, Alkohol und Opioide können Sedierung und Atemnot verstärken. Stimulanzien und MAO-Hemmer können den Blutdruckeffekt erhöhen; StatPearls nennt die Kombination von Ketamin mit MAO-Hemmern als kontraindiziert. Ketamin wird vor allem über CYP3A4 abgebaut. Theophyllin kann die Krampfschwelle senken. Keines dieser Mittel gehört in die Selbstmischung zu Hause, und keines ersetzt die Klinik, wenn die Gedanken einen Plan angenommen haben.
Wann in die Notaufnahme, wann zum Facharzt?
Wer einen konkreten Plan hat, Mittel bereitlegen will oder nicht mehr sicher allein bleiben kann, gehört in die Notaufnahme oder zum Rettungsdienst, nicht auf eine Warteliste für Ketamin. Eine mögliche Infusion in drei Tagen ändert diese Schwelle nicht.
Das National Institute of Mental Health (Broschüre, überarbeitet 2023) nennt als Zeichen unmittelbarer Gefahr: Reden über Sterben- oder Sich-töten-Wollen, Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, gefangen zu sein, unerträglichen seelischen oder körperlichen Schmerz, die Überzeugung, anderen zur Last zu fallen, Rückzug, Verschenken wichtiger Dinge, Abschiednehmen, das Ordnen letzter Angelegenheiten und riskantes Verhalten, das tödlich enden kann. Weitere Warnzeichen sind ein plötzlicher Wechsel von Verzweiflung zu unerklärlicher Ruhe, das Suchen nach Methoden, verstärkter Alkohol- oder Drogenkonsum, starke Unruhe, Schlaf- und Essänderungen sowie Wut mit Rachegedanken. Jede ernst gemeinte Äußerung verdient Aufmerksamkeit; „nur Aufmerksamkeit wollen“ ist laut NIMH keine brauchbare Erklärung.
| Lage | Typische Zeichen | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Lebensgefahr jetzt | Plan, Mittel, Abschied, Versuch, niemand kann beaufsichtigen | Sofort 112 oder Notaufnahme; niemanden allein lassen (NIMH) |
| Hohe, noch nicht akute Gefahr | Neue oder stärker werdende Gedanken ohne festen Plan | Noch am selben Tag psychiatrische Notfallambulanz oder Hausarzt mit Krisenplan |
| Bekannte Depression, langsame Verschlechterung | Schlaflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Medikamente wirken nicht | Zeitnah Facharzt, Therapie und Medikation prüfen |
| Nach einer Ketamin-Sitzung | Gedanken kehren zurück, Unruhe, Impulsivität | Team der behandelnden Klinik, nicht allein „abwarten bis zur nächsten Infusion“ |
In Deutschland erreichen die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 und die Nummer 116 123 rund um die Uhr. In den USA nennt das NIMH 988 und bei unmittelbarer Lebensgefahr 911. Nachzufragen, ob jemand daran denkt, sich zu töten, erzeugt diese Gedanken nicht; das NIMH verweist auf Studien, die das Gegenteil der alten Sorge zeigen. Geheimhaltung versprechen hilft nicht. Eine Begleitperson, die mit in die Klinik fährt, ist oft der entscheidende Schritt, nicht die Suche nach einer privaten Ketaminpraxis.
Was neben dem Medikament die Krise trägt
Ketamin kann ein Zeitfenster öffnen. Haltbar wird die Lage erst, wenn Therapie, Medikation, Mittelentzug und Wiedervorstellung greifen.
Das NIMH nennt als belegte Verfahren kognitive Verhaltenstherapie, die neue Wege im Umgang mit suizidalen Impulsen übt, und dialektisch-behaviorale Therapie, die bei wiederholtem selbstverletzenden Verhalten und Borderline-Mustern Versuche senken kann. Ein schriftlicher Sicherheitsplan mit konkreten Schritten für den nächsten Impuls, Nachtelefonieren nach der Entlassung und das Wegschließen von Waffen, Vorräten an Tabletten und anderen tödlichen Mitteln gehören zu den kurzen Maßnahmen mit Daten. Eine teamartige Versorgung aus Hausarzt, Fachkraft für psychische Gesundheit und Psychiatrie senkt Depressionslast und Gedanken in Studien, die das NIMH unter dem Stichwort gemeinsamer Versorgung nennt.
Lithium und Clozapin können langfristig das Suizidrisiko bei bestimmten Diagnosen senken, wirken aber nicht in Stunden. Elektrokrampftherapie bleibt bei schwerer, oft psychotischer Depression mit akuter Suizidalität eine Option, wenn rasche Entlastung nötig ist und Ketamin nicht passt oder nicht ausreicht. Abbar erinnert daran, dass Stationen selbst ein Risikozeitraum sind: Viele Suizide geschehen während der Aufnahme oder knapp nach der Entlassung. Deshalb endet die Arbeit nicht mit der Infusion, sondern mit dem Plan für die ersten Wochen zu Hause.
- Ein Sicherheitsplan schreibt auf, welche Warnzeichen zuerst kommen und wen man dann anruft, bevor der Impuls handelt.
- Tödliche Mittel aus dem Haushalt entfernen oder wegschließen senkt die Chance, dass ein kurzer Durchbruch tödlich endet.
- Nach einer Entlassung feste Termine in den ersten sieben Tagen verhindern, dass das Zeitfenster nach Ketamin leer bleibt.
- Psychotherapie und angepasste Antidepressiva bleiben die Grundlage, auf der eine Infusion nur eine Brücke sein kann.
Häufige Fragen
Hilft Ketamin wirklich schon am ersten Tag gegen Suizidgedanken?
Ja, in mehreren randomisierten Studien und in der Einzeldaten-Metaanalyse von Wilkinson 2018 sanken die Gedanken oft innerhalb von 24 Stunden, teils schon nach 40 Minuten. Der Effekt auf die Skalen ist mittelstark und zeitlich begrenzt. Er gilt vor allem für die Infusion unter Klinikbedingungen, nicht für unkontrollierte Einnahme.
Verhindert Esketamin einen Suizidversuch?
Nein. Das FDA-Label von Januar 2025 stellt klar, dass weder Vorbeugung eines Suizids noch eine Überlegenheit gegen Suizidgedanken oder -verhalten nachgewiesen ist. In den ASPIRE-Studien besserte sich die Depression rascher, die Suizidschwere jedoch nicht stärker als unter Placebo plus Standardbehandlung. Die VA sieht 2024 ebenfalls keinen Beleg gegen Versuche.
Kann man Ketamin oder Esketamin zu Hause nehmen?
Nein. Esketamin darf laut MedlinePlus und FDA nur in einer zugelassenen Einrichtung unter Beobachtung gegeben werden. Racemisches Ketamin als Infusion gehört in Klinik oder überwachte Ambulanz. Nach der Sitzung ist Autofahren bis zum nächsten Tag nach einer vollen Nachtruhe untersagt. Straßenketamin oder Bestellungen aus dem Netz sind Missbrauch, kein Therapieersatz.
Ist die Infusion in Deutschland gegen Suizidgedanken zugelassen?
Als Narkosemittel ja, als psychiatrische Standardtherapie gegen Suizidgedanken nein. Esketamin-Nasenspray hat in der EU die Zulassung für behandlungsresistente Depression zusammen mit einem SSRI oder SNRI. NICE rät im britischen NHS von der Routine ab; deutsche Kliniken nutzen Infusionen off-label in ausgewählten Fällen. Die Entscheidung trifft die Fachabteilung, nicht eine Online-Sprechstunde.
Was tun, wenn jemand Suizidgedanken äußert?
Nicht allein lassen, nicht um Geheimhaltung bitten und nicht über den Wert des Lebens streiten. Das NIMH rät, direkt zu fragen, ob die Person sich töten will, und bei Plan, Mitteln oder akuter Gefahr den Rettungsdienst zu rufen. In Deutschland sind 112 und die Telefonseelsorge die ersten Nummern; eine Fahrt in die psychiatrische Notaufnahme ist oft der richtige nächste Schritt.
Wie lange hält die Wirkung einer Infusion?
In der Wilkinson-Auswertung blieb der Vorteil bis zu einer Woche messbar. Grunebaum beobachtete klinische Besserung bis sechs Wochen, allerdings ohne verblindete Kontrolle in der Nachphase. KETIS fand nach sechs Wochen keinen signifikanten Abstand mehr zum Placebo. Wiederholte Infusionen gegen anhaltende Gedanken empfiehlt die VA nicht.
Fazit
Wer Suizidgedanken hat oder sie bei einem Angehörigen erkennt, sichert zuerst den Tag: niemanden allein lassen, tödliche Mittel wegschließen, 112 oder die Telefonseelsorge anrufen, wenn ein Plan oder eine Absicht da ist. Ketamin und Esketamin können in der Klinik ein kurzes Fenster öffnen, in dem Gedanken leiser werden. Sie heilen die Depression nicht und sie belegen nicht, dass weniger Menschen sterben.
Seit 2018 hat sich die Lage verschoben. Esketamin ist in den USA für Depression mit akuter Suizidalität zugelassen, mit der ausdrücklichen Grenze, dass Suizid nicht verhindert ist. Europa hat nur die resistente Depression zugelassen; NICE hält das Nasenspray für den NHS nicht für wirtschaftlich belegt. Die VA rät 2024 schwach zur einmaligen Infusion gegen Gedanken und ausdrücklich nicht zur Wiederholung als Suizidprophylaxe. Die KETIS-Daten von 2022 zeigen, dass die Diagnose den Nutzen steuert und dass unipolare Depression nicht automatisch anspricht.
Morgen sinnvoll ist ein Termin bei der behandelnden Psychiatrie oder, wenn keiner besteht, in der Notaufnahme. Ein Sicherheitsplan, angepasste Medikation, Therapieplätze und die Frage, ob eine überwachte Ketamin- oder Esketamin-Serie in einer Klinik überhaupt infrage kommt, gehören dorthin. Privatpraxis ohne Notfallkette, Nachbestellungen und das Warten auf eine Wunderdosis sind der falsche Ort für diese Krise.
Quellen
- U.S. Food and Drug Administration: SPRAVATO (esketamine) nasal spray prescribing information. U.S. Food and Drug Administration, Januar 2025.
- U.S. Department of Veterans Affairs: 12 & 13: Ketamine Infusion to Reduce Suicide Ideation & Ketamine or Esketamine to Reduce Suicide. VA Rocky Mountain MIRECC, Stand: 18. November 2024.
- Abbar M, Demattei C et al.: Ketamine for the acute treatment of severe suicidal ideation: double blind, randomised placebo controlled trial. The BMJ, 2. Februar 2022.
- NICE: Esketamine nasal spray for treatment-resistant depression. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 12. Juni 2024.
- NICE: Esketamine for treating major depressive disorder in adults at imminent risk of suicide (terminated appraisal). National Institute for Health and Care Excellence, 6. Juni 2023.
- MedlinePlus: Esketamine Nasal Spray: MedlinePlus Drug Information. National Library of Medicine, 15. Februar 2025.
- National Institute of Mental Health: Frequently Asked Questions About Suicide. National Institute of Mental Health, Stand: 2023.
- European Medicines Agency: Spravato (esketamine) authorised medicine overview. European Medicines Agency, Stand: 10. September 2025.
- Mayo Clinic Press: Ketamine for treatment-resistant depression: What you need to know. Mayo Clinic Press, 19. Dezember 2022.
- Wilkinson ST, Ballard ED et al.: The Effect of a Single Dose of Intravenous Ketamine on Suicidal Ideation: A Systematic Review and Individual Participant Data Meta-Analysis. The American Journal of Psychiatry, 1. Februar 2018.
- CDC: Suicide and Self-Harm Injury. Centers for Disease Control and Prevention, 20. Februar 2026.
