Lange Ringfinger bei ALS: kein Risiko-Test

Lange Ringfinger bei ALS: kein Risiko-Test

Ein relativ langer Ringfinger gegenüber dem Zeigefinger sagt nicht voraus, ob jemand amyotrophe Lateralsklerose bekommt. Die kleine Londoner Messung von 2011, die diesen Eindruck weckte, ließ sich in einer deutlich größeren Online-Erhebung von 2017 nicht wiederholen.

ALS, in den USA oft nach dem Baseballspieler Lou Gehrig benannt, zerstört motorische Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark. Willkürliche Bewegungen, Sprechen, Schlucken und später das Atmen werden schwächer. Eine Heilung fehlt. Das US-National Institute of Neurological Disorders and Stroke nennt als häufigste Todesursache das Versagen der Atemmuskulatur, meist innerhalb von drei bis fünf Jahren nach den ersten Zeichen; etwa jeder Zehnte lebt zehn Jahre oder länger. Die Fingerlänge gehört nicht in diese Prognose. Wer anhaltende Kraftlosigkeit, Stolpern oder eine neue Sprachstörung bemerkt, braucht eine neurologische Abklärung, keinen Linealtest.

Bedeuten lange Ringfinger ein höheres ALS-Risiko?

Nein. Ein einzelnes Handmaß erhöht das individuelle Risiko nicht und taugt nicht als Vorsorgetest. Schon die Autoren der Erststudie schrieben 2011 ausdrücklich, das Fingerverhältnis habe keinen Nutzen als Suchtest. Sechs Jahre später fand eine internationale Befragung mit 202 Erkrankten und 370 Kontrollpersonen keinen Unterschied zwischen den Gruppen.

Die öffentliche Botschaft von 2011 klang trotzdem so, als trügen Menschen mit längerem Ringfinger etwas in der Handfläche, das später Motoneurone verwundbar macht. Gemeint war ein Gruppenmittel, kein Schicksal. Parkin Kullmann und Pamphlett prüften genau diese Grenze: Die Trennungskurven lagen nahe der Zufallsdiagonalen, die Fläche unter der Kurve nahe 0,5. Sensitivität und Spezifität fehlten.

Wer die eigenen Finger misst und sich Sorgen macht, handelt rational, wenn er die Sorge an echte Warnzeichen bindet. Kraftlosigkeit, die Wochen bleibt, Muskelzucken plus Schwäche, eine neu heisere oder verwaschene Stimme oder häufiges Verschlucken gehören zum Arzt. Ein Ringfinger, der ein paar Millimeter länger wirkt als der Zeigefinger, gehört nicht dazu. Männer haben im Mittel ein niedrigeres Verhältnis als Frauen; die Überlappung ist so groß, dass das Maß allein niemanden einordnet.

Schon die Erststudie behandelte das Maß als Hinweis auf frühe Einflüsse, nicht als Ursache. Heute kommt hinzu, dass selbst dieser Hinweis am Finger nicht mehr als belegt gilt.

Was das Fingerverhältnis 2D:4D anzeigt

Das Verhältnis 2D:4D entsteht, indem man die Länge des Zeigefingers durch die Länge des Ringfingers derselben Hand teilt. Ein kleinerer Wert bedeutet, dass der Ringfinger im Vergleich länger ist. Männer liegen im Durchschnitt etwas darunter als Frauen, mit breiter Streuung.

Lange wurde angenommen, ein niedriger Wert spiegele höheres Testosteron vor der Geburt. Die fetale Ringfingeranlage trägt mehr Androgen- und Östrogenrezeptoren als die Zeigefingeranlage, deshalb sollte ein Überschuss an männlichem Hormon den Ringfinger strecken. Manning und andere nutzten das Maß über Jahre als billigen Ersatz für Fruchtwasserproben, die kaum jemand wiederholt abnehmen kann.

Für ALS war die Kette dreistufig. Erstens brauchen Motoneurone Androgene für Überleben und Axonwachstum nach Verletzung. Zweitens erkranken Männer etwas häufiger als Frauen, zumindest vor dem siebten Lebensjahrzehnt. Drittens sollte ein niedriger Fingerquotient belegen, dass nicht das männliche Geschlecht selbst, sondern die vorgeburtliche Hormonlage die Zellen später anfälliger macht. Jede Stufe ist ein Hinweis, keine Kausalität.

Das Maß sagt nichts über den Testosteronspiegel im Erwachsenenalter. Es unterscheidet auch nicht zwischen Kennedy-Krankheit und ALS. Die bulbospinale Muskelatrophie entsteht durch eine Wiederholungsexpansion im Androgenrezeptorgen und ist eine eigene Diagnose. Wer Finger misst, misst weder Rezeptorfunktion noch Motoneuronreserve. Er misst Knochen und Weichteile, die während der Kindheit noch wachsen und deren Verhältnis sich nach der Geburt verschieben kann.

Studie 2011 gegen Studie 2017

Vivekananda und Kollegen fotografierten Hände in einem spezialisierten ALS-Zentrum in London und Oxford. Vier Bewerter maßen Zeige- und Ringfinger, ohne zu wissen, welche Aufnahme zu einer erkrankten Person gehörte. Nach Ausschluss von Kontrakturen blieben 47 Erkrankte (33 Männer) und 63 Kontrollpersonen (20 Männer). Unter Kontrolle des Geschlechts lag das Verhältnis in der ALS-Gruppe niedriger (r = −0,25, p = 0,009). Die Fläche unter der Empfänger-Operations-Kurve betrug 0,70; Sensitivität 72 Prozent, Spezifität 65 Prozent. Die Autoren selbst warnten vor einer Nutzung als Suchtest.

Parkin Kullmann und Pamphlett werteten den internationalen Fragebogen ALS Quest aus (Antworten 2015 bis Anfang 2017). Nach Ausschluss von Personen unter 40 Jahren, fehlenden Werten, nicht streckbaren Fingern und extremen Ausreißern blieben 202 Erkrankte und 370 Kontrollen. Die Messung erfolgte selbst, mit Lineal und Anleitung. Männer hatten in beiden Gruppen das bekannte niedrigere Mittel. Zwischen ALS und Kontrolle lag die Differenz in der dritten Nachkommastelle, die Vertrauensintervalle umschlossen null. Das Verhältnis korrelierte auch nicht mit der Progredienz, geschätzt aus dem revidierten ALS-Funktionsscore geteilt durch Monate seit Diagnose.

Merkmal London 2011 Online-Erhebung 2017
Personen mit ALS 47 202
Kontrollpersonen 63 370
Messung Fotos, vier verblindete Bewerter Selbstmessung mit Lineal
Geschlechtsunterschied im Maß nicht nachweisbar Männer niedriger als Frauen
ALS gegen Kontrolle niedrigeres 2D:4D bei ALS kein Unterschied
Nutzen als Test Autoren: kein Suchtest Kurven nahe Zufall

Beide Designs haben Schwächen. 2011 war die Stichprobe klein, Kontrakturen fielen häufiger bei Erkrankten aus, und die Kontrollgruppe war weiblicher. 2017 war die Diagnose selbst berichtet und das Maß verrauschter als am Foto. Trotzdem gilt: Wer einen Gruppenunterschied behauptet, muss ihn in einer größeren, nach Geschlecht getrennten Stichprobe wiederfinden. Das ist 2017 nicht gelungen. Eine dritte, laborvermessene Serie mit je etwa 200 Männern und Frauen steht aus; bis dahin trägt die Fingerlänge keine klinische Entscheidung.

Warum der Testosteron-Marker wackelt

Selbst wenn 2011 und 2017 dasselbe Ergebnis geliefert hätten, bliebe die Deutung unsicher. Die Annahme, 2D:4D sei ein treuer Zeuge vorgeburtlichen Testosterons, hat die letzte Dekade nicht überstanden.

Sorokowski und Kollegen prüften 2023 in einer Metaanalyse 54 Arbeiten mit 8077 Teilnehmenden. Sie fanden keinen Beleg für einen Zusammenhang des Fingerverhältnisses mit Testosteron im Erwachsenenalter, mit der Hormonantwort auf Belastung oder mit vorgeburtlichem Testosteron insgesamt. Ein schwaches Signal in Fruchtwasserstudien, nicht im Nabelschnurblut, verlangt eigene Bestätigung. Die Autoren schreiben, Schlussfolgerungen aus dem Maß als Hormon-Proxy verdienten große Vorsicht.

Längsschnittbeobachtungen an Kindern, deren Hormone im Fruchtwasser gemessen wurden, fanden ebenfalls keine belastbare Korrelation mit späteren Fingermaßen. Jugendliche mit klassischem adrenogenitalem Syndrom, also nachgewiesen hohem Androgen vor der Geburt, unterschieden sich in Röntgenstudien der Hand nicht zuverlässig von Kontrollen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern bleibt der klarste Befund am 2D:4D; die hormonelle Erklärung trägt weniger, als Lehrbücher der 2000er Jahre annahmen.

Für Leserinnen und Leser heißt das praktisch: Ein niedriger Quotient belegt weder hohe pränatale Androgene noch eine besondere Motoneuronlage. Athletik, Aggressivität oder spätere Neurodegeneration lassen sich daraus nicht ableiten. Wer ALS verstehen will, schaut auf Klinik, Elektrophysiologie und Gene, nicht auf die Handsilhouette.

Was ALS ist und welche Frühzeichen zählen

ALS ist eine fortschreitende Erkrankung der oberen und unteren Motoneurone. Obere Bahnen vom Gehirn zum Rückenmark erzeugen Steifheit, gesteigerte Reflexe und klonische Zuckungen. Untere Bahnen vom Rückenmark zum Muskel erzeugen Schwäche, Schwund und Faszikulationen. Beide Ebenen zusammen ergeben das klassische Bild. Die Mayo Clinic (Stand Mai 2026) beschreibt oft einen schleichenden Beginn in einer Hand, einem Fuß, einem Unterschenkel oder in der Sprechmuskulatur.

Frühe Zeichen sind leicht zu verkennen, weil sie einer Überlastung ähneln.

  • Stolpern, Fußheberschwäche oder unsicheres Treppensteigen, das über Wochen bleibt statt nach einem Trainingsreiz zu verschwinden.
  • Ungeschickte Finger, häufig fallende Gegenstände oder eine Schrift, die enger und zittriger wird.
  • Verwaschene, nasale Sprache oder häufiges Verschlucken, ohne dass eine Erkältung erklärt, warum die Stimme so bleibt.
  • Muskelkrämpfe und sichtbares Zucken an Armen, Schultern oder Zunge, sobald gleichzeitig Kraft fehlt.
  • Unpassendes Lachen oder Weinen, das die Betroffenen selbst als fremd erleben.

Schmerz fehlt in den frühen Stadien meist. Blase, Darm und die Sinne für Berührung, Geschmack, Geruch und Hören bleiben in der Regel erhalten. Ein Teil der Erkrankten entwickelt später Störungen von Sprache, Planung oder Verhalten bis zur frontotemporalen Demenz. MedlinePlus (Review 13. Juni 2024) nennt als weltweite Häufigkeit grob 7 von 100.000 Menschen. Das US-Register der Seuchenbehörde schätzte im November 2024 knapp 35.000 lebende Erkrankte in den Vereinigten Staaten und etwa 5000 neue Diagnosen pro Jahr. Cleveland Clinic (Aktualisierung 6. Mai 2025) nennt dasselbe jährliche Diagnosefenster.

NICE beschreibt in der Leitlinie NG42, zuletzt im November 2024 ohne Richtungswechsel geprüft, dass die meisten Menschen zwei bis drei Jahre nach Symptombeginn sterben, 25 Prozent fünf Jahre und 5 bis 10 Prozent zehn Jahre überleben. Mayo und NINDS sprechen häufiger von drei bis fünf Jahren nach den ersten Zeichen. Cleveland Clinic nennt drei bis fünf Jahre nach der Diagnose, etwa 30 Prozent fünf Jahre oder länger und 10 bis 20 Prozent mindestens zehn Jahre. Die Spanne gehört in den Text; eine einzige Mittelzahl täuscht Präzision vor.

Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?

Anhaltende Muskelschwäche, wiederholte Krämpfe oder Stolpern gehören zum Hausarzt, nicht an das Lineal. Der britische Gesundheitsdienst rät, bei Kraftlosigkeit in Händen oder Füßen und bei Zucken, das bleibt, einen Termin zu holen. NICE verlangt bei Verdacht auf Motoneuronerkrankung eine Überweisung ohne Verzug und bei Dringlichkeit den direkten Kontakt zum Neurologen. Die Diagnose stellt nicht der erste Blutwert, sondern der Verlauf plus der Ausschluss von Nachahmern.

Lage Typische Zeichen Nächster Schritt
Hausarzt, zeitnah Wochenlange Schwäche, Stolpern, Krämpfe, ungeschickte Hand Überweisung zur Neurologie
Neurologie ohne Verzug Neue Sprach- oder Schluckstörung, Zungenzucken, Gewichtsverlust Elektromyografie, Bildgebung, Ausschlussdiagnostik
Sofort Hilfe Atemnot in Ruhe, Unfähigkeit flach zu liegen, schwacher Husten Notfallversorgung, oft Atemunterstützung
Notaufnahme Schlucken unmöglich, Atempausen, drohende Aspiration Klinische Stabilisierung, dann Fachklinik

Cleveland Clinic nennt als Atemwarnungen Kurzatmigkeit schon in Ruhe, schwachen Husten, schlecht zu klärenden Schleim, vermehrten Speichel, Unfähigkeit flach zu liegen und wiederholte Lungenentzündungen. MedlinePlus stellt Schlucknot, Atemnot und Atempausen ausdrücklich als Anlässe für sofortige Hilfe dar. NICE nennt zudem übermäßige Tagesschläfrigkeit, Frühmorgenskopfschmerz und Atemnot im Liegen als mögliche erste Atemzeichen.

Ein einzelnes Muskelzucken ohne Schwäche ist häufig harmlos. Die Kombination aus Zucken, Kraftverlust und fortschreitender Ausbreitung über Körperregionen ist es nicht. Wer in der Familie ALS oder frontotemporale Demenz hat, sollte das beim ersten Gespräch sagen; es ändert den Zeitplan der genetischen Beratung, nicht die Notwendigkeit der klinischen Untersuchung.

Welche Ursachen und Gene heute zählen

In den meisten Fällen bleibt die genaue Ursache unbekannt. Mayo Clinic schreibt, bei etwa 10 Prozent der Erkrankten finde sich eine genetische Ursache. Cleveland Clinic teilt grob 90 Prozent sporadische und 10 Prozent familiäre Verläufe und ergänzt, dass 70 Prozent der familiären und 5 bis 10 Prozent der sporadischen Fälle nachweisbare Genvarianten tragen, am häufigsten in C9orf72, SOD1, TARDBP und FUS. NINDS beziffert C9orf72 auf 25 bis 40 Prozent der familiären Fälle und einen kleineren Anteil der sporadischen; SOD1 folgt mit 12 bis 20 Prozent der familiären Fälle.

Die Leitlinie von Roggenbuck und Kollegen (2023) hat die ältere Praxis verschoben. Früher boten viele Zentren den Gencheck nur bei positiver Familienanamnese an; europäische Empfehlungen beschränkten ihn lange auf familiäre ALS oder den SOD1-Phänotyp D90A. Der neue Konsens, später auch von der European Academy of Neurology mitgetragen, lautet: Jede Person mit ALS soll einen einstufigen Test angeboten bekommen, mindestens eine C9orf72-Assay plus Sequenzierung von SOD1, FUS und TARDBP. C9orf72 erklärt in Populationen europäischer Herkunft etwa jede zehnte Erkrankung, unabhängig von der Familiengeschichte. Unvollständige Penetranz macht die leere Stammbaumskizze unzuverlässig.

Umweltfaktoren bleiben weicher. Mayo nennt Rauchen als belegten Faktor, bei Frauen nach den Wechseljahren besonders sichtbar. Militärdienst geht in mehreren Studien mit höherem Risiko einher; NINDS spricht von etwa dem Eineinhalbfachen bis Doppelten, ohne den Mechanismus zu kennen. Blei, Pestizide, Lösungsmittel und Schädeltraumen wurden untersucht, ein einzelner Stoff fehlt. Die US-Seuchenbehörde hält fest, dass Infektion, Ernährung, körperliche Aktivität und Verletzung bisher keinen gesicherten Zusammenhang zeigen. Die ältere Idee, Sport erkläre sich über denselben Fingerquotienten wie ALS, trägt nach der negativen 2017-Studie nicht mehr.

Vorgeburtliche Einflüsse bleiben ein Forschungsthema, kein Alltagsrat. Niemand kann heute eine Schwangerschaft so steuern, dass ALS im siebten Lebensjahrzehnt unwahrscheinlicher wird. Verhindern lässt sich die Krankheit nach Mayo, NINDS und Cleveland Clinic nicht.

Was Therapien heute leisten können

Kein zugelassenes Mittel kehrt den Untergang der Motoneurone um. Mehrere Wirkstoffe können das Tempo bei einem Teil der Patienten verlangsamen, und die begleitende Versorgung in einem spezialisierten Team verbessert den Alltag. NICE empfiehlt seit 2016 eine klinikgestützte, fachübergreifende Struktur und hat diese Linie 2024 bestätigt.

Riluzol bleibt in Großbritannien die von NICE bewertete Option für die ALS-Form der Motoneuronerkrankung. Mayo Clinic schreibt, die orale Einnahme könne die Lebenserwartung um etwa drei Monate verlängern; Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden und Leberwerte gehören zu den überwachten Wirkungen. NINDS formuliert vorsichtiger „einige Monate“ und nennt Flüssig- oder Schmelzformen für Menschen mit Schluckstörung. Edaravon kann laut Mayo den Verlust alltagsnaher Funktionen verlangsamen; der Einfluss auf die Lebensdauer sei noch unklar. Es wird als Infusion oder als Lösung gegeben, oft in Zyklen von zwei Wochen pro Monat. Tofersen (Qalsody) hat die US-Arzneimittelbehörde im April 2023 für Erwachsene mit bestätigter SOD1-Variante zugelassen, schätzungsweise unter 2 Prozent aller ALS-Fälle und weniger als 500 Patienten in den USA. Die beschleunigte Zulassung stützte sich auf den Abfall von Neurofilament leicht in Plasma, nicht auf einen bereits bewiesenen klinischen Endpunkt. Die Fachinformation nennt 100 Milligramm (15 Milliliter) lumbal: drei Anfangsgaben im Abstand von 14 Tagen, danach alle 28 Tage. Häufige unerwünschte Wirkungen waren Schmerz, Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerz sowie mehr weiße Zellen im Nervenwasser. Eine Phase-3-Studie an noch symptomfreien SOD1-Trägern läuft.

Relyvrio (Natriumphenylbutyrat plus Taurursodiol) hatte die FDA 2022 zugelassen. Eine größere Studie bestätigte den Nutzen nicht; der Hersteller nahm das Mittel 2024 vom Markt. Symptommittel gegen Krämpfe, Speichel, Schlafstörung, Schmerzen, Depression und Zwangslachen bleiben Teil der Versorgung, jeweils nach ärztlicher Indikation.

Physiotherapie mit schonender Belastung, Ergotherapie für Hilfsmittel, Logopädie inklusive Stimmarchivierung, Ernährung mit früher Magensonde bei Aspirationsrisiko und nichtinvasive Beatmung bei nächtlicher Atemschwäche gehören zum Standard, den Mayo, NINDS und NICE unabhängig voneinander beschreiben. Entscheidungen über invasive Beatmung und den Ort der letzten Lebensphase gehören in ruhige Gespräche, solange die Sprache noch trägt.

Häufige Fragen

Bedeutet ein langer Ringfinger, dass ich ALS bekomme?

Nein. Das Maß trennt Erkrankte und Gesunde in der größeren Studie von 2017 nicht. Schon 2011 warnten die Autoren vor einem Suchtest. Ein Millimeterunterschied an der Hand ändert keine Vorsorge und keine Diagnose.

Kann ich das Verhältnis selbst messen und daraus etwas ableiten?

Sie können Zeige- und Ringfinger von der Grundgelenkfalte zur Spitze messen und die Längen teilen. Das Ergebnis bleibt ein anatomisches Verhältnis, kein Laborwert für Hormone und kein ALS-Test. Selbstmessungen sind verrauscht; die Online-Studie 2017 zeigte das am kleineren Geschlechtseffekt gegenüber Laborstudien.

Welche Symptome soll ich ernst nehmen statt der Finger?

Ernst zu nehmen sind Kraftverlust, der bleibt, Stolpern, ungeschickte Hände, neue Sprach- oder Schluckstörung und Zucken plus Schwäche. Der NHS rät bei diesen Zeichen zum Hausarzt. NICE will bei Verdacht eine rasche neurologische Überweisung.

Hilft Testosteron gegen ALS oder schadet es?

Weder noch ist belegt. Motoneurone nutzen Androgene, und die Kennedy-Krankheit betrifft den Androgenrezeptor, aber das ist eine andere Diagnose. Ein niedriges Fingerverhältnis belegt keine hohe vorgeburtliche Androgenlage mehr zuverlässig. Selbst zugeführtes Testosteron ist keine ALS-Therapie.

Sollte jede Person mit ALS einen Gencheck bekommen?

Die Konsensleitlinie von 2023 sagt ja, unabhängig von der Familiengeschichte, mindestens für C9orf72, SOD1, FUS und TARDBP. Der Grund ist unter anderem Tofersen bei SOD1 und die unvollständige Penetranz häufiger Gene. Vorher und nachher gehört genetische Beratung dazu.

Wie lange leben Menschen mit ALS heute?

Mayo und NINDS nennen oft drei bis fünf Jahre nach den ersten Zeichen, mit einer Minderheit über zehn Jahre. NICE bleibt bei zwei bis drei Jahren für die Mehrheit nach Symptombeginn. Cleveland Clinic nennt drei bis fünf Jahre nach Diagnose. Der Verlauf hängt unter anderem vom bulbären Beginn, vom Gewicht und von der Atemfunktion ab.

Fazit

Fingerlänge ist kein ALS-Test. Die Londoner Differenz von 2011 hat die größere Erhebung von 2017 nicht bestätigt, und die hormonelle Lesart des 2D:4D-Maßes ist 2023 in einer Metaanalyse stark relativiert worden. Wer die eigenen Hände betrachtet, erfährt etwas über Knochenproportionen, nichts Verlässliches über Motoneurone.

Nützlich ist ein anderer Blick. Bleibende Schwäche, Stolpern, neue Sprache oder Schluckstörung gehören in die Sprechstunde; Atemnot, Atempausen und unmögliches Schlucken gehören in die Notaufnahme. Die Diagnose braucht Verlauf, Elektromyografie und den Ausschluss von Nachahmern, nicht ein Foto der Hand.

Wer die Diagnose bereits hat, profitiert eher von einem spezialisierten Team, von Riluzol wo es indiziert ist, von Edaravon oder Tofersen nach den jeweiligen Zulassungen und von einem Gencheck, der seit 2023 allen Erkrankten angeboten werden soll. Das ändert die Krankheit nicht in Heilbarkeit, es ändert aber, welche Türen überhaupt aufgehen.

Quellen

  1. Vivekananda U, Manjalay ZR, Ganesalingam J et al.: Low index-to-ring finger length ratio in sporadic ALS supports prenatally defined motor neuronal vulnerability. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 6. Mai 2011.
  2. Parkin Kullmann JA, Pamphlett R: Does the index-to-ring finger length ratio (2D:4D) differ in amyotrophic lateral sclerosis (ALS)? Results from an international online case–control study. BMJ Open, 1. August 2017.
  3. Sorokowski P et al.: Relationship between the 2D:4D and prenatal testosterone, adult level testosterone, and testosterone change: Meta-analysis of 54 studies. American Journal of Biological Anthropology, 5. Oktober 2023.
  4. Mayo Clinic: Amyotrophic lateral sclerosis (ALS) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 6. Mai 2026.
  5. National Institute of Neurological Disorders and Stroke: Amyotrophic Lateral Sclerosis (ALS). National Institute of Neurological Disorders and Stroke, Stand: 2024.
  6. Cleveland Clinic: Amyotrophic Lateral Sclerosis (ALS): What It Is & Symptoms. Cleveland Clinic, 6. Mai 2025.
  7. NICE: Motor neurone disease: assessment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 27. November 2024.
  8. Centers for Disease Control and Prevention: About Amyotrophic Lateral Sclerosis (ALS). Centers for Disease Control and Prevention, 12. November 2024.
  9. Roggenbuck J, Eubank B, Wright JD et al.: Evidence-based consensus guidelines for ALS genetic testing and counseling. Annals of Clinical and Translational Neurology, 10. September 2023.
  10. U.S. Food and Drug Administration: FDA approves treatment of amyotrophic lateral sclerosis associated with a mutation in the SOD1 gene. U.S. Food and Drug Administration, 25. April 2023.
  11. MedlinePlus: Amyotrophic lateral sclerosis (ALS). MedlinePlus, 13. Juni 2024.
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