Migräne-Anfälle vorhersagen mit Stressmodell und Prodrom

Migräne-Anfälle vorhersagen mit Stressmodell und Prodrom

Ein Stressmodell kann die Wahrscheinlichkeit eines Migräne-Anfalls am nächsten Tag etwas anheben, aber es sagt den einzelnen Anfall nicht zuverlässig voraus. In der Tagebuchstudie von Houle und Kollegen aus dem Jahr 2017 trennten Alltagsärger und der aktuelle Kopfschmerzstatus die Tage mit und ohne Schmerz nur mäßig. Seitdem hat sich der klinische Blick verschoben: Die Prodromphase selbst ist zu einem möglichen Behandlungsfenster geworden, und Leitlinien trennen klar zwischen Akutmittel, Vorbeugung und Warnzeichen, die nicht zur Migräne gehören.

Migräne bleibt eine neurologische Erkrankung ohne Heilung. Die Mayo Clinic nannte im Juli 2025 grob jede fünfte Frau, jeden sechzehnten Mann und jedes elfte Kind als betroffen; Frauen erkranken etwa dreimal so oft wie Männer. Die Weltgesundheitsorganisation zählte Kopfschmerzerkrankungen für das Jahr 2021 bei rund 40 Prozent der Weltbevölkerung, etwa 3,1 Milliarden Menschen, und stellte Migräne unter den neurologischen Leiden auf Platz drei der verlorenen gesunden Lebensjahre. Unvorhersehbarkeit und die Angst vor dem nächsten Anfall belasten Familie und Beruf. Wer Stressmuster, Prodromzeichen und Medikamentenregeln kennt, kann früher handeln, ohne sich auf eine Prozentzahl oder eine App zu verlassen.

Was das Stressmodell von 2017 wirklich vorhersagt

Das Modell schätzt die Chance auf Kopfschmerz in den nächsten 24 Stunden, es liefert aber keine sichere Ja-Nein-Prognose für den einzelnen Menschen. Houle, Turner und Kollegen werteten elektronische Tagebücher von 95 Personen mit episodischer Migräne mit oder ohne Aura aus, insgesamt 4195 auswertbare Tage nach Abzug fehlender Einträge. An 1613 dieser Tage, also 38,5 Prozent, trat irgendein Kopfschmerz größer als null auf einer Skala von 0 bis 10 auf.

Als Eingaben dienten der aktuelle Kopfschmerzstatus und der wahrgenommene Alltagsstress, gemessen mit dem Daily Stress Inventory am Abend. Entweder die Zahl belastender Ereignisse oder deren gefühlte Stärke reichte, damit ein gemischtes Vorhersagemodell die Daten gut abbildete. In der Trainingsstichprobe lag die Fläche unter der Kurve bei 0,73, in der Leave-one-out-Prüfung nur noch bei 0,65. Der Brier-Score von 0,202 zeigte eine brauchbare Kalibrierung, also dass gemeldete Wahrscheinlichkeiten und beobachtete Häufigkeiten grob zusammenpassten. Die Schärfe blieb gering: Die Vorhersage klebte oft an der persönlichen Langzeitquote statt an einem klaren Alarmsignal für morgen.

Genau das begrenzt den Nutzen für die Praxis. Eine Person mit vielen Migränetagen bekommt fast jeden Tag eine hohe Zahl, eine Person mit seltenen Anfällen fast immer eine niedrige. Für die gezielte Einnahme eines Vorbeugungsmittels an einem einzelnen Hochrisikotag reicht das nach Einschätzung der Autoren selbst nicht. Sie schrieben 2017 ausdrücklich, dass genauere Modelle nötig seien, bevor ein solches Verfahren klinisch breit eingesetzt werden könne. Der begleitende Kommentar von Lipton, Pavlovic und Buse forderte damals, die Kunst der Vorhersage zu schärfen und gezielte Interventionen erst danach an ausgewählten Patientinnen und Patienten zu prüfen.

Frau Migräne erleben

Warum Stress und Migräne zusammenhängen

Stress gehört zu den am häufigsten genannten Begleitern eines Anfalls, ein einfacher Ursache-Wirkungs-Schluss ist trotzdem nicht haltbar. Stubberud, Buse und Kollegen sichteten 2021 mehr als zweitausend Datensätze und fanden sechs lose miteinander verbundene Pfade statt einer einzigen Kette. Hohe Belastung durch Lebensereignisse oder tägliche Reibungen hängt mit dem Neuauftreten von Migräne zusammen, die Kausalität bleibt unsicher. Größere Krisen scheinen häufiger vor dem Übergang von episodischer zu chronischer Migräne zu liegen. Veränderungen im Stressniveau können das Anfallsrisiko anheben, zugleich kann das Prodrom selbst die Stressempfindlichkeit verändern.

In älteren Befragungen nannten rund drei von vier Patientinnen und Patienten irgendeinen erkennbaren Auslöser; unter diesen Nennungen führte Stress die Liste an. Solche Rückblicke sind anfällig für Erinnerungsfehler. Wer nach einem Anfall den Vortag durchgeht, findet fast immer Ärger, schlechten Schlaf oder eine ausgelassene Mahlzeit. Ob der Ärger den Anfall angestoßen hat oder das Gehirn im Prodrom empfindlicher auf denselben Ärger reagiert hat, lässt sich im Alltag selten trennen. Tagebuchstudien zeigen einen zeitlichen Zusammenhang zwischen Stress und Kopfschmerztagen, die Muster zerfallen aber in Gruppen: flacher Verlauf, Stress als Vorbote und das sogenannte Loslassen nach einer Anspannung.

Mayo Clinic und Cleveland Clinic listen Stress neben Hormonschwankungen, Schlafmangel, ausgelassenen Mahlzeiten, Alkohol, Koffein, grelles Licht, Gerüchen und Wetterwechseln als mögliche Auslöser. Keiner dieser Faktoren wirkt bei allen Betroffenen gleich. Lebensmittel wie gereifter Käse oder Glutamat werden oft verdächtigt, die individuelle Empfindlichkeit schwankt jedoch stark. Ein pauschales Meidegebot für jeden genannten Reiz kann nach der Übersicht von 2021 sogar schaden, weil ständige Vermeidung selbst Stress erzeugt. Sinnvoller ist, eigene Muster über Wochen zu notieren und nur jene Reize gezielt anzugehen, die wiederholt und zeitnah vor dem Schmerz auftauchen.

Prodrom oder Auslöser: woran sich ein Anfall ankündigt

Viele Menschen spüren Stunden vor dem pochenden Schmerz eine Veränderung, die zur Attacke gehört und kein zufälliger Auslöser ist. Die Mayo Clinic beschreibt die Prodromphase als ein bis zwei Tage vor dem Anfall möglich, MedlinePlus und die Cleveland Clinic nennen bis zu 24 Stunden. Typische Zeichen sind Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Gähnen, vermehrtes Wasserlassen, Nackensteifigkeit, Verstopfung oder Reizbarkeit. Nicht jede Attacke durchläuft alle vier Phasen Prodrom, Aura, Kopfschmerz und Nachphase.

Aura ist etwas anderes. Sie betrifft laut Mayo Clinic etwa ein Drittel der Betroffenen, entwickelt sich über Minuten und dauert in der Regel bis zu einer Stunde. Sehstörungen, Zickzacklinien, Taubheit oder Sprachschwierigkeiten müssen vollständig zurückgehen. Die britische Leitlinie NICE verlangt bei atypischer Aura mit Lähmung, Doppelbildern, einseitigen Sehstörungen, Gleichgewichtsverlust oder Bewusstseinstrübung eine Abklärung, weil das nicht mehr die übliche Migräne-Aura ist. Aura und Prodrom zu verwechseln, führt leicht dazu, das falsche Mittel zur falschen Zeit zu nehmen.

Die Phase-3-Studie PRODROME prüfte genau dieses frühe Fenster. Erwachsene mit zwei bis acht mittelschweren bis schweren Anfällen pro Monat, die Prodromzeichen zuverlässig erkannten, nahmen entweder 100 Milligramm Ubrogepant oder Placebo, sobald sie überzeugt waren, dass binnen einer bis sechs Stunden Kopfschmerz folgen würde. Nach Dodick, Goadsby, Schwedt und Kollegen im Lancet 2023 blieb mittelschwerer oder schwerer Schmerz binnen 24 Stunden nach 46 Prozent der mit Ubrogepant behandelten Ereignisse aus, nach Placebo nach 29 Prozent. Das Chancenverhältnis lag bei 2,09. Die Teilnehmenden waren zu 88 Prozent weiblich; das Ergebnis gilt für Menschen, die ihr Prodrom schon gut kennen, nicht für jede unklare Müdigkeit am Nachmittag.

Digitale Vorhersage seit 2018 und ihre Grenzen

Tagebuch-Apps und Sensoren können Muster sichtbar machen, sie ersetzen weder Diagnose noch Therapieentscheidung. Das Stressmodell von 2017 bleibt der erste ernsthafte Versuch, innerhalb einer Person den nächsten Tag zu schätzen. Spätere Arbeiten, die Stubberud 2021 als vielversprechend einordnete, mischten Stress mit Schlaf, Koffein, Stimmung und der selbst eingeschätzten Anfallswahrscheinlichkeit. Die Trennschärfe blieb oft nur knapp über dem Zufall. Ein Modell, das kaum besser rät als die persönliche Grundrate, eignet sich nicht als alleiniger Startschuss für zusätzliche Tabletten.

Kleine Studien mit Armbandsensoren messen nachts Puls, Hautleitfähigkeit oder Schlafdauer und versuchen, den Folgetag zu klassifizieren. Die Stichproben umfassen oft weniger als zwanzig Personen, die Güte schwankt von Mensch zu Mensch, und eine unabhängige Bestätigung an großen Gruppen fehlt. Wer eine App mit „Vorhersage“ bewirbt, verkauft in der Regel eine Wahrscheinlichkeit, keine Gewissheit. Für chronische Migräne, also Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen im Monat über mehr als drei Monate mit migränetypischen Zügen an mindestens acht Tagen, wie NICE sie definiert, sind solche Modelle noch schwächer, weil der Alltag kaum noch anfallsfreie Kontrasttage enthält.

Trotzdem hat die digitale Erfassung einen handfesten Nutzen. NICE empfiehlt ein Kopfschmerztagebuch über mindestens acht Wochen mit Häufigkeit, Dauer, Stärke, Begleitsymptomen, eingenommenen Mitteln, möglichen Auslösern und dem Bezug zur Menstruation. Dieselbe Liste nennt das National Institute of Neurological Disorders and Stroke für das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt. Ohne solche Daten bleibt jedes Modell blind, und ohne sie bleibt auch die Entscheidung für eine vorbeugende Dauertherapie Schätzung.

Wann Medikamente greifen: akut, Prodrom, Vorbeugung

Akutmittel wirken am ehesten, sobald der Kopfschmerz beginnt und noch leicht ist, nicht erst wenn Erbrechen und Lichtscheu das Schlucken erschweren. NICE empfiehlt seit 2012, bestätigt in der Fassung von 2025, die Kombination aus einem oralen Triptan und einem entzündungshemmenden Schmerzmittel oder aus Triptan und Paracetamol. Wer nur ein Mittel nehmen möchte, kann ein Triptan, ein NSAR, Acetylsalicylsäure 900 Milligramm oder Paracetamol erwägen; unter 16 Jahren entfällt Acetylsalicylsäure wegen des Reye-Syndroms. Ein Mittel gegen Übelkeit darf auch ohne Erbrechen dazukommen. Opioide und Mutterkornalkaloide sollen laut NICE nicht zur Akutbehandlung der Migräne angeboten werden.

Die meisten klassischen Akutmittel, einschließlich Triptane und NSAR, nützen in Prodrom und Aura wenig. Eine Zusammenfassung der International Headache Society in American Family Physician 2026 nennt Ubrogepant als Ausnahme, die vor der Schmerzphase greifen kann. Das entspricht dem PRODROME-Ergebnis, gilt aber nur nach ärztlicher Verordnung und nur für Menschen, die ihr Prodrom verlässlich erkennen. Eine Selbstversuche-Eskalation mit frei verkäuflichen Tabletten im Prodrom erhöht vor allem das Risiko eines Übergebrauchskopfschmerzes.

Vorbeugung ist etwas anderes als die einmalige Früheinnahme. Sie senkt Häufigkeit und Stärke über Wochen, nicht den morgigen Dienstag. Die Mayo Clinic zählt Betablocker, Amitriptylin, Topiramat, Onabotulinumtoxin A alle zwölf Wochen bei chronischer Migräne sowie Antikörper und Gepante gegen das Calcitonin-Gene-Related-Peptid (CGRP) zu den Optionen. NICE rät, Riboflavin 400 Milligramm täglich als Nahrungsergänzung zu erwägen, weil es bei manchen Menschen Häufigkeit und Stärke mindern kann. Keines dieser Mittel heilt die Erkrankung. Die Wahl hängt von Begleiterkrankungen, Kinderwunsch, Verträglichkeit und davon ab, wie oft Anfälle den Alltag lahmlegen.

Ansatz Typisches Fenster Was belastbare Quellen bisher zeigen
Stressmodell nach Houle nächste 24 Stunden AUC 0,65 in der Validierung, geringe Schärfe, 2017
Erkanntes Prodrom 1 bis 6 Stunden vor Schmerz Ubrogepant 100 mg: 46 % vs. 29 % ohne mittelschweren Schmerz, 2023
Akutmittel nach NICE früher Kopfschmerz, noch leicht Triptan plus NSAR oder plus Paracetamol, Stand 2025
Vorbeugung über Wochen dauerhaft oder zyklusbezogen CGRP-Mittel, ältere Oralstoffe, Verhaltenstherapie

Was Leitlinien seit 2018 geändert haben

Die wichtigste Verschiebung betrifft CGRP-gerichtete Vorbeugung, und die großen Gesellschaften sind sich dabei nicht einig. Die American Headache Society stellte im März 2024 fest, dass die Evidenz für die Antikörper Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab sowie die Gepante Rimegepant und Atogepant die Datenlage älterer Erstlinienmittel übertrifft. Diese Stoffe sollen als Erstlinie gelten, ohne dass zuvor andere Wirkstoffklassen versagt haben müssen. Ältere Konsenspapiere der Gesellschaft hatten noch gefordert, mindestens zwei ältere Mittel über jeweils acht Wochen zu versuchen.

NICE bleibt strenger. In der Aktualisierung vom Juni 2025 stehen Propranolol, Topiramat und Amitriptylin gleichrangig als „erwägen“, nachdem Nutzen und Schäden, einschließlich Suizidrisiko bei Propranolol in Überdosis und das Schwangerschaftsverhütungsprogramm bei Topiramat, besprochen wurden. Gabapentin soll zur Vorbeugung nicht angeboten werden. CGRP-Hemmer und Onabotulinumtoxin A bleiben an die jeweiligen Technology Appraisals gebunden: in der Regel mindestens drei vorbeugende Mittel ohne ausreichenden Nutzen oder mit Unverträglichkeit, dazu bei Botulinumtoxin eine geregelte Situation beim Medikamentenübergebrauch. Nach zwölf Wochen soll ein CGRP-Hemmer gestoppt werden, wenn die Anfallstage bei episodischer Migräne nicht um mindestens 50 Prozent, bei chronischer nicht um mindestens 30 Prozent sinken.

Beide Positionen können parallel wahr sein, weil sie verschiedene Gesundheitssysteme bedienen. Für Leserinnen und Leser in Deutschland heißt das: Die US-Empfehlung öffnet die Tür früher, die britische Leitlinie verlangt weiter Stufen. Die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der Arzt nach Zulassung, Kasse und individuellem Risiko, nicht ein Vorhersagemodell. Wer 2018 noch hörte, erst klassische Tabletten, dann das Neue, trifft 2024 und 2025 auf diesen offenen Widerspruch und sollte ihn im Gespräch benennen statt zu mitteln.

Tagebuch, Stressmuster und was zu Hause hilft

Ein ehrliches Tagebuch über zwei Monate nützt mehr als der Versuch, jeden möglichen Auslöser zu meiden. NICE und NINDS wollen Häufigkeit, Uhrzeit, Stärke, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit, Mittel mit Dosis, Schlaf, Mahlzeiten, Zyklus und das, was am Vortag anders war. Nach ein, zwei Zyklen sieht man oft, ob Anfälle an Arbeitsspitzen, am Wochenende nach dem Absinken der Anspannung oder vor der Periode hängen. Menstruationsbezogene Migräne vermutet NICE, wenn der Schmerz vorwiegend zwischen zwei Tagen vor und drei Tagen nach Beginn der Blutung in mindestens zwei von drei Zyklen auftritt; die Diagnose braucht ein Tagebuch über wenigstens zwei Zyklen.

Verhaltensangebote können die Anfallszahl senken, die Beweislage ist aber dünner als bei manchen Arzneimitteln. Der Vergleichsbericht der Agency for Healthcare Research and Quality vom September 2024 wertete 50 Erwachsenenstudien aus. Kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungstraining und achtsamkeitsbasierte Verfahren können die Häufigkeit mindern, die Vertrauensstufe ist niedrig. Bloße Schulung zum Verhalten kann die Beeinträchtigung lindern. Für Biofeedback, Akzeptanz- und Commitmenttherapie sowie Hypnose reichten die Daten nicht für eine Aussage. Bei Kindern und Jugendlichen war nur die Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie, Biofeedback und Entspannung gegenüber reiner Schulung belastbar.

Alltagsregeln, die Mayo Clinic und NHS unabhängig voneinander nennen, bleiben nüchtern. Feste Schlafzeiten, regelmäßige Mahlzeiten, genug Flüssigkeit, weniger Koffein und Alkohol, Bewegung, die man durchhält, und ein dunkler, ruhiger Raum sobald der Schmerz da ist. Eis oder ein kühles Tuch auf der Stirn können Linderung bringen. NICE nennt bis zu zehn Akupunktursitzungen über fünf bis acht Wochen, wenn Propranolol, Topiramat und Amitriptylin nicht infrage kommen. Butterbur rät die Mayo Clinic wegen Sicherheitsbedenken ab. Keine dieser Maßnahmen ersetzt das Akutmittel, das schon in der leichten Schmerzphase bereitliegen sollte.

Wann zum Arzt, wann der Notfall gilt

Wiederkehrende, einseitige, pulsierende Schmerzen mit Übelkeit oder Lichtscheu gehören in die Sprechstunde, nicht erst nach Jahren im abgedunkelten Zimmer. Die Cleveland Clinic rät, zuerst die Hausarztpraxis aufzusuchen; von dort kann die Überweisung zur Neurologie oder Kopfschmerzambulanz folgen. Der NHS nennt den Hausarzt, wenn Anfälle schwerer oder länger werden, öfter als einmal pro Woche auftreten, sich schlecht steuern lassen oder regelmäßig an die Periode gekoppelt sind. Dauert ein Anfall länger als 72 Stunden oder hält die Aura länger als eine Stunde, soll rasch ärztlicher Rat eingeholt werden, in Großbritannien über den Dienst 111, in Deutschland über den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder die Notaufnahme.

Manche Zeichen gehören nicht zur gewöhnlichen Migräne. Die Mayo Clinic und NICE listen unabhängig voneinander Alarmsymptome, die Bildgebung oder Notfallzuweisung nötig machen können.

  • Ein blitzartig einsetzender, vernichtender Schmerz, oft Donnerschlagkopfschmerz genannt, verlangt denselben Weg wie ein Schlaganfallverdacht.
  • Fieber mit Nackensteife, Verwirrtheit, Krampfanfall, Doppelbildern oder neu aufgetretener Schwäche kann auf Infektion oder Durchblutungsstörung weisen.
  • Kopfschmerz nach Schädelverletzung, nach Husten, Pressen oder plötzlicher Anstrengung sowie ein neuer Schmerz nach dem 50. Lebensjahr brauchen zeitnahe Abklärung.
  • Ein Musterwechsel bei bekannter Migräne, etwa neue Seite, neue Aura oder stetige Verschlechterung, ist ein Grund für Wiedervorstellung, nicht für eine höhere Dosis auf eigene Faust.

Bildgebung allein zur Beruhigung lehnt NICE bei bereits gestellter Diagnose einer primären Kopfschmerzerkrankung ab. Die Diagnose Migräne bleibt klinisch. Labor und Schnittbild suchen nach anderen Ursachen, sie beweisen die Migräne nicht. Wer regelmäßig frei verkäufliche Schmerzmittel an mehr als zwei Tagen pro Woche braucht, wie der NHS warnt, oder Triptane an zehn und mehr Tagen im Monat nimmt, wie NICE den Übergebrauch definiert, soll das ansprechen, bevor ein Dauerkopfschmerz den Kreis schließt.

Häufige Fragen

Kann man einen Migräne-Anfall zuverlässig vorhersagen?

Nein, kein verfügbares Modell sagt den einzelnen Anfall mit klinisch tragfähiger Sicherheit voraus. Das Stressmodell von 2017 hob die Trefferquote über den Zufall, blieb in der Validierung aber bei einer Fläche unter der Kurve von 0,65 und geringer Schärfe. Prodromzeichen können bei geübten Betroffenen den Zeitraum von einer bis sechs Stunden markieren, in dem ein Mittel wie Ubrogepant in der PRODROME-Studie den mittelschweren Schmerz seltener werden ließ. Für den Alltag zählen Tagebuch und ein mit der Praxis abgestimmter Plan mehr als eine Prozentzahl auf dem Handy.

Ist Stress immer der Auslöser meiner Migräne?

Nein, Stress ist ein häufiger, aber weder notwendiger noch hinreichender Faktor. Die Übersicht von 2021 zeigt Verbindungen zu Neuauftreten, Chronifizierung und Symptomlast, ohne eine einheitliche Kausalkette zu belegen. Manchmal ist das Gefühl von Anspannung selbst Teil des Prodroms. Wer nur Stress bekämpft und Schlaf, Mahlzeiten, Hormone und Medikamentenübergebrauch ignoriert, lässt die übrigen Hebel ungenutzt.

Soll ich Schmerzmittel schon vor dem Kopfschmerz nehmen?

Klassische Schmerzmittel und Triptane gehören in die frühe Kopfschmerzphase, nicht ins unspezifische Unwohlsein. NICE und die International Headache Society sehen den größten Nutzen, solange der Schmerz noch leicht ist. Eine Ausnahme mit Studiendaten ist Ubrogepant im erkannten Prodrom, und das nur nach ärztlicher Anordnung. Häufige Früheinnahme frei verkäuflicher Mittel kann den Übergebrauchskopfschmerz bahnen.

Wann ist ein Kopfschmerz ein Notfall?

Sofort Hilfe holen bei plötzlich extremem Schmerz, bei Schwäche oder Sprachstörung einer Seite, bei Bewusstseinstrübung, Krampfanfall, Fieber mit Nackensteife oder nach einer Kopfverletzung. Mayo Clinic und NHS behandeln diese Zeichen wie einen möglichen Schlaganfall oder eine Hirnhautentzündung. Ein üblicher, bekannter Migräne-Anfall ohne neue Ausfälle bleibt in der Regel ein Fall für die Praxis, nicht für den Rettungswagen, auch wenn er den Tag zerstört.

Hilft ein Tagebuch wirklich bei der Vorhersage?

Es hilft vor allem bei der Diagnose und bei der Wahl der Vorbeugung, weniger als Orakel für morgen. NICE will mindestens acht Wochen mit festen Feldern, bei Verdacht auf menstruationsbezogene Migräne zwei Zyklen. Ohne diese Zahlen bleibt unklar, ob ein Mittel die Anfallstage um die geforderten 30 oder 50 Prozent senkt. Zugleich sieht man, welche Reize bei der eigenen Person wiederholt auftauchen.

Sind CGRP-Mittel inzwischen die erste Wahl zur Vorbeugung?

In den Vereinigten Staaten ja als gleichberechtigte Erstlinie, in der britischen Leitlinie erst nach drei erfolglosen oder ungeeigneten Vorbeugemitteln. Die American Headache Society hat das im März 2024 so formuliert, NICE hält 2025 an den Technology Appraisals fest. Welche Regel für die eigene Versorgung gilt, hängt von Zulassung, Erstattung und Begleiterkrankungen ab. Ein Stress-Score allein begründet die Verordnung nicht.

Fazit

Eine Vorhersage der Migräne aus dem gestrigen Stress ist möglich im Sinn einer leicht angehobenen Wahrscheinlichkeit, nicht im Sinn eines Alarms, auf den man blind ein Extra-Mittel setzen sollte. Das Modell von 2017 hat gezeigt, dass individuelle Prognosen grundsätzlich machbar sind, und zugleich, dass Kalibrierung ohne Schärfe klinisch wenig trägt. Seit 2023 liegt mit der PRODROME-Studie etwas Praktischeres auf dem Tisch: Wer sein Prodrom kennt, kann unter ärztlicher Führung ein CGRP-Rezeptorantagonisten-Fenster nutzen, das vor dem pochenden Schmerz liegt.

Für den morgigen Tag zählen drei Dinge, die keine App ersetzen muss. Ein Tagebuch nach NICE-Feldern, ein Akutmittel, das in der leichten Schmerzphase bereitliegt, und der Blick auf Warnzeichen, die nicht zur gewohnten Attacke gehören. Vorbeugung, ob älteres orales Mittel, CGRP-Antikörper oder Verhaltenstherapie, bleibt eine Entscheidung über Wochen, nicht über den einzelnen Dienstag.

Wer Anfälle häufiger als einmal pro Woche hat, länger als 72 Stunden leidet oder merkt, dass Schmerzmittel den Kalender füllen, holt sich einen Termin, statt die Dosis allein hochzusetzen. Die Erkrankung ist häufig, behandelbar und ohne Heilungsversprechen. Genau diese Nüchternheit schützt vor enttäuschten Prognose-Apps und vor dem nächsten Mittel, das zu oft genommen wird.

Quellen

  1. Houle TT, Turner DP et al.: Forecasting Individual Headache Attacks Using Perceived Stress: Development of a Multivariable Prediction Model for Persons With Episodic Migraine. Headache, Juli 2017.
  2. Stubberud A, Buse DC et al.: Is there a causal relationship between stress and migraine? Current evidence and implications for management. The Journal of Headache and Pain, 20. Dezember 2021.
  3. Dodick DW, Goadsby PJ et al.: Ubrogepant for the treatment of migraine attacks during the prodrome: a phase 3, multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled, crossover trial in the USA. The Lancet, 16. Dezember 2023.
  4. National Institute for Health and Care Excellence: Headaches in over 12s: diagnosis and management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 2025.
  5. Charles AC, Digre KB et al.: Calcitonin gene-related peptide-targeting therapies are a first-line option for the prevention of migraine: An American Headache Society position statement update. Headache, 11. März 2024.
  6. Mayo Clinic: Migraine – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 8. Juli 2025.
  7. Mayo Clinic: Migraine – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2025.
  8. Treadwell JR, Tsou AY et al.: Behavioral Interventions for Migraine Prevention. Agency for Healthcare Research and Quality, September 2024.
  9. Cleveland Clinic: Migraine Headaches. Cleveland Clinic, 23. Januar 2024.
  10. National Health Service: Migraine: symptoms, treatment and when to get help. National Health Service, 10. März 2026.
  11. World Health Organization: Migraine and other headache disorders. World Health Organization, Stand: 2024.
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