
Oxytocin kann in einer als unsicher erlebten Partnerschaft ansteigen, weil das Gehirn eine wertvolle und zugleich verletzliche Bindung markiert. Das Hormon repariert die Beziehung nicht und ersetzt weder Gespräch noch Therapie. Die oft zitierte Paararbeit von Grebe und Kollegen aus dem Jahr 2017 zeigte genau dieses Muster im Speichel. Wer selbst stark investiert war, während der Partner weniger beteiligt wirkte, setzte nach einer Denkaufgabe mehr Oxytocin frei.
Seit jener Überschrift vom „Krisenhormon“ hat sich das Bild geschärft. Klinische Enzyklopädien betonen weiter Wehen und Milchejektion als gesicherte Körperaufgaben. Theorien nach 2018 beschreiben das Peptid eher als Verstärker sozialer Signale oder als Allostase-Hormon, nicht als Liebestropfen. Die große Nasenspray-Prüfung SOARS-B von 2021 fand bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus keinen sozialen Nutzen gegenüber Placebo. Wer heute nach einem Spray für die Paarkrise sucht, sucht etwas, das weder zugelassen noch belegt ist.
Was Oxytocin im Körper wirklich tut
Oxytocin ist ein Nonapeptid aus neun Aminosäuren. Es entsteht im Hypothalamus und wird im hinteren Lappen der Hirnanhangdrüse gespeichert, bis ein Reiz es ins Blut entlässt. Die Cleveland Clinic (Stand März 2022) nennt zwei körperliche Hauptaufgaben, nämlich rhythmische Wehen in der Gebärmutter und die Austreibung von Milch aus den Drüsengängen der Brust.
Beide Vorgänge laufen über positive Rückkopplung. Druck des kindlichen Kopfes auf den Muttermund oder Saugen an der Brust sendet Nervensignale ins Gehirn; die Neurohypophyse gibt Oxytocin ab; die Muskelzellen antworten mit Kontraktion; das wiederum hält die Ausschüttung in Gang, bis die Geburt beendet ist oder das Kind nicht mehr trinkt. Gleichzeitig steigen Prostaglandine, die die Wehen zusätzlich verstärken. Die Society for Endocrinology (letzte Prüfung Oktober 2023) beschreibt denselben Kreis und ergänzt, dass die Freisetzung nach der Geburt von selbst endet.
Bei Männern zieht das Hormon den Samenleiter zusammen und ist an der Ausschüttung von Samen beteiligt. Es wirkt außerdem auf die Testosteronbildung in den Hoden. Im Gehirn dient es als Botenstoff für Erregung, Wiedererkennen, Vertrauen, romantische Bindung und die Eltern-Kind-Beziehung. Das erklärt den Beinamen, ersetzt aber keine Messung im Alltag. Abweichend hohe oder niedrige Blutwerte sind laut Cleveland Clinic selten. Die häufigste Ursache eines echten Mangels ist eine allgemeine Unterfunktion der Hirnanhangdrüse, nicht eine schlechte Woche in der Partnerschaft.
![[Ein Paar streitet]](https://demedbook.com/images/2/oxytocin-the-relationship-crisis-hormone.jpg)
Warum der Beiname Liebeshormon zu kurz greift
Der Spitzname kommt von Umarmung, Orgasmus, Stillen und frühem Verliebtsein, nicht von einem Bluttest, der Liebe anzeigt. Cleveland Clinic und die Society for Endocrinology nutzen die Formel selbst und rücken sie sofort zurecht. Das Peptid steuert Fortpflanzung und soziale Aufmerksamkeit, es ist kein Stimmungsaufheller aus der Apotheke. Hohe Werte bei Frauen sind extrem selten und wurden mit einer überaktiven Gebärmutter in Verbindung gebracht. Bei Männern stehen hohe Werte mit gutartiger Prostatavergrößerung in Zusammenhang; mehr als die Hälfte der Männer über 60 Jahren ist von dieser Vergrößerung betroffen, ohne dass daraus eine Oxytocin-Therapie folgt.
Niedrige Werte können die Milchejektion stören. Verknüpfungen mit Autismus und depressiven Symptomen stehen in Übersichtsseiten, doch dieselbe Society-for-Endocrinology-Seite schreibt klar, dass die Beweislage nicht reicht, um das Hormon als Behandlung dieser Zustände zu empfehlen. Genau hier klafft die Lücke zwischen Überschrift und Klinik. Wer „mehr Nähe durch mehr Oxytocin“ erwartet, vermischt eine physiologische Ausschüttung mit einem Heilversprechen.
Nach 2018 haben Fachübersichten den Rahmen noch einmal verschoben. Quintana und Guastella formulierten 2020 in Trends in Cognitive Sciences eine Allostase-Theorie. Demnach hilft das Peptid dem Organismus, sich an wechselnde innere und äußere Lagen anzupassen, sozial und nicht sozial. Liebe bleibt eine mögliche Bühne, nicht die einzige Funktion. Wer nur den Kosenamen kennt, übersieht Wehen, Milch, Samenleiter und Stressanpassung.
Was die Paarstudie 2017 gemessen hat
Grebe, Gangestad und Kollegen prüften, unter welchen Bedingungen der körpereigene Spiegel kurzfristig steigt, nicht ob ein Spray die Ehe rettet. In der ersten Stichprobe saßen 75 heterosexuelle Paare aus den Vereinigten Staaten, im Mittel etwa 21 Jahre alt, in einer als exklusiv beschriebenen Beziehung von durchschnittlich 24 Monaten. Die zweite Stichprobe umfasste 148 Menschen in Norwegen, darunter 116 Frauen, im Mittel 23 Jahre, mit einer mittleren Beziehungsdauer von 28 Monaten.
Die Teilnehmenden schrieben über Unterstützung, die sie vom Partner erhalten oder sich wünschen. Speichel wurde vor und nach dieser Aufgabe genommen. In beiden Gruppen stieg Oxytocin, wenn die eigene Beteiligung an der Beziehung hoch lag. Gleichzeitig stieg es, wenn der Partner (oder die Einschätzung des Partners) weniger beteiligt wirkte. Der Anstieg spiegelte also eine Diskrepanz, nicht bloß „viel Liebe“ und nicht bloß „viel Stress“.
Die Autoren nannten das Modell „Erkennen und investieren“. Das Gehirn markiert eine Bindung, die zählt und unsicher wirkt, und stellt Aufmerksamkeit sowie Motivation bereit, sich um genau diese Bindung zu kümmern. Ältere Deutungen passten nur halb. „Beruhigen und verbinden“ erwartet hohe Werte bei hoher Qualität; „Kümmern und Anschluss suchen“ erwartet hohe Werte bei Mangel und sucht Anschluss außerhalb. Grebe argumentiert, das Peptid ziehe Ressourcen in die bedrohte Paarbeziehung, nicht in beliebige neue Kontakte.
Die Arbeit bleibt eine Korrelation an jungen, meist studentischen Paaren. Speichel-Oxytocin ist methodisch umstritten; die Autoren selbst diskutieren das. Ein einmaliger Anstieg nach fünf Minuten Nachdenken beweist keine Rettung und keine Diagnose. Pressetexte von 2017 machten daraus ein Krisenhormon. Die Zahlen tragen nur die engere Aussage, dass eine Diskrepanz in der Beteiligung mit einem messbaren Anstieg zusammenhängt.
Wann der Spiegel in der Krise steigt
Der Anstieg ist am plausibelsten, wenn zwei Bedingungen zusammenkommen. Die Beziehung muss dem Betroffenen etwas bedeuten, und sie muss verletzlich wirken, etwa weil der andere sich zurückzuziehen scheint. Reine Gleichgültigkeit erzeugt in diesem Modell keinen Impuls. Eine bereits aufgegebene Bindung ebenfalls nicht zuverlässig, weil ohne eigene Investition der Anker fehlt, an dem das Hormon „festhalten“ könnte.
Das reicht als Alltagsregel. Wer nachts wachliegt, weil der Partner kühler wirkt, und gleichzeitig die gemeinsame Zukunft festhalten will, befindet sich genau in der Lage, die Grebe beschrieben hat. Der Körper kann dann Oxytocin freisetzen, ähnlich wie bei einer neuen Romanze oder bei der Versorgung eines Säuglings, beides Bindungen, die wertvoll und verletzlich sind. Der Impuls erklärt Unruhe, Grübeln und den Wunsch nach einem klärenden Gespräch besser als die Idee einer chemischen Liebesdosis.
Er erklärt nicht, warum Paare bleiben oder gehen. Verhalten, Sprache, Wohnsituation, Geld und frühere Verletzungen wiegen schwerer als ein Speichelwert. Wer den Anstieg als Auftrag liest, „härter um die Beziehung zu kämpfen“, verwechselt Biologie mit Rat. Manche Paare brauchen Abstand, manche eine Beratung, manche eine sichere Trennung. Das Hormon sortiert diese Optionen nicht.
Soziale Aufmerksamkeit statt pauschaler Nähe
Shamay-Tsoory und Abu-Akel schlugen 2016 vor, Oxytocin als Regler sozialer Salienz zu lesen. Das Peptid macht soziale Reize deutlicher, angenehme und unangenehme. In einer kooperativen Lage kann das Vertrauen und Blickkontakt stärken. In einer rivalisierenden Lage kann es Neid, Abwehr und die Bevorzugung der eigenen Gruppe verstärken. Die Wirkung hängt von Person, Kontext und Ausgangslage ab, nicht von einem festen Plus an Güte.
Diese Lesart löst den Widerspruch, der populäre Texte seit Jahren irritiert. Dieselbe Substanz, die bei manchen Paaren im Konflikt konstruktivere Worte begünstigte, kann bei anderen die Wahrnehmung von Zurückweisung schärfen. Wer unsicher gebunden ist, bekommt keine Garantie auf Wärme. Wer bereits misstrauisch ist, kann Signale des Partners noch schärfer lesen, im Guten wie im Schlechten.
Allostase ergänzt das Bild, statt es zu ersetzen. Quintana und Guastella (2020) rücken Energiehaushalt, Vorhersage und Verhaltensflexibilität in den Vordergrund. Soziale Bindung bleibt eine teure, lohnende Strategie der Stabilisierung, aber das Peptid ist kein Spezialschlüssel nur dafür. Für Leser einer Beziehungskrise heißt das nüchtern, dass ein höherer Wert „diese Person zählt jetzt besonders“ bedeutet, nicht „ihr werdet euch wieder näherkommen“.
Was sich beim Nasenspray seit 2018 geändert hat
Ein frei verkäufliches Spray heilt weder Autismus noch eine Paarkrise. Die US-Zulassung für Oxytocin gilt nach StatPearls (Stand 15. Februar 2025) für die Geburtshilfe, nicht für soziale Störungen. Historisch gab es in den Vereinigten Staaten eine nasale Form zur Milchejektion; sie ist kein Rezept für den Hausgebrauch bei Streit. Außerhalb der Zulassung wurde das Peptid für sexuelle Funktionen und Autismus erprobt. Genau dort hat sich die Lage seit 2018 am deutlichsten verschoben.
Kleine, kurze Prüfungen hatten einzelne soziale Tests nach einer Einzeldosis verbessert. Daraus entstand die Hoffnung, tägliche Gaben könnten Kernsymptome ändern. Die NIH-finanzierte Phase-2-Prüfung SOARS-B (Sikich und Kollegen, New England Journal of Medicine, 2021) prüfte das über 24 Wochen bei 290 Kindern und Jugendlichen von 3 bis 17 Jahren. Zielmenge waren 48 Internationale Einheiten pro Tag als Nasenspray, später bei Verträglichkeit bis 80 Einheiten. Der primäre Fragebogen zur sozialen Zurückgezogenheit sank unter Wirkstoff um 3,7 Punkte, unter Placebo um 3,5 Punkte. Die Differenz von −0,2 Punkten lag im Zufallsbereich (95-Prozent-Intervall −1,5 bis 1,0; p = 0,61).
Die SOARS-B-Prüfung und die NIH-Mitteilung vom 13. Oktober 2021 fassen zusammen, dass regelmäßige Gaben die sozialen Schwierigkeiten nicht überwanden. Nebenwirkungen waren in beiden Armen ähnlich. Eine Dosis-Metaanalyse von Zhang und Kollegen (2024, 12 randomisierte Prüfungen, 498 Personen mit Autismus) fand ebenfalls keinen belastbaren Gesamteffekt auf soziale Beeinträchtigung; ein mögliches Signal bei 48 Einheiten pro Tag blieb unsicher. Wer 2018 noch „vielversprechend“ las, liest 2025 eine enttäuschte, größere Evidenz.
Für Paare folgt daraus erst recht keine Selbstmedikation. Ein Spray, das bei Kindern mit klarer Diagnose und standardisierten Skalen leer ausging, wird eine erwachsene Beziehungskrise nicht chemisch kitten. Online-Shops, die „Bindungstropfen“ verkaufen, umgehen die Klinikregeln. Konzentration, Haltbarkeit und tatsächlicher Gehalt sind dort oft unbekannt.
Medizinische Zulassung für Wehen und Blutung
Synthetisches Oxytocin (in den USA etwa als Pitocin) ist ein Klinikarzneimittel. Die Food and Drug Administration erlaubt es antepartal, um Wehen zu beginnen oder zu verstärken, wenn eine medizinische Indikation vorliegt, unter anderem Präeklampsie, mütterlicher Diabetes, vorzeitiger Blasensprung, Wehenschwäche oder bestimmte Aborte im zweiten Trimenon. Postpartal dient es der Kontraktion der Gebärmutter, um die Nachgeburt zu lösen und eine schwere Blutung zu mindern.
StatPearls (2025) nennt für die Einleitung 0,5 bis 2 Milli-Internationale Einheiten pro Minute per Vene, mit Steigerung um 1 bis 2 Milli-Einheiten alle 15 bis 40 Minuten, bis ein Wehenmuster steht. Nach intravenöser Gabe beginnen Kontraktionen laut derselben Übersicht binnen etwa einer Minute und halten rund eine Stunde. Intramuskulär setzen sie nach drei bis fünf Minuten ein und können bis zu drei Stunden anhalten. Zur Vorbeugung einer Nachblutung sind 10 Internationale Einheiten intramuskulär nach der Plazenta üblich; therapeutisch werden 60 bis 200 Milli-Einheiten pro Minute intravenös beschrieben.
MedlinePlus warnt seit langem, dass eine Einleitung ohne medizinischen Grund nicht vorgesehen ist. ACOG und die Society for Maternal-Fetal Medicine halten eine angebotene Einleitung ab 39 vollendeten Wochen bei risikoarmen Erstgebärenden für vertretbar, weil Kaiserschnitte und Bluthochdruck in der Schwangerschaft seltener werden können, sofern die Kriterien stimmen. Das ist eine geburtshilfliche Entscheidung, kein Rezept gegen Beziehungskälte.
| Einsatz | Status nach Behörden und Studien | Typischer Rahmen |
|---|---|---|
| Wehen einleiten oder verstärken | FDA-zugelassen bei medizinischer Indikation (StatPearls 2025) | Kreißsaal mit Dauerüberwachung |
| Blutung nach der Geburt | FDA-zugelassen zur Kontraktion der Gebärmutter | Kreißsaal oder Wochenbett |
| Nasenspray bei Autismus | keine Zulassung; SOARS-B 2021 ohne Nutzen | kontrollierte Studien |
| Beziehungskrise oder Bindung | keine Zulassung, Speichelwerte sind Beobachtung | Gespräch, ggf. Paarberatung |
Außerhalb dieser Tabelle bleibt der Stoff ein Forschungsgegenstand. StatPearls erwähnt Versuche bei verzögertem Orgasmus und sexueller Erregung; belastbare Routineempfehlungen fehlen. Wer in der Schwangerschaft oder im Wochenbett Oxytocin erhält, erhält es wegen der Gebärmutter, nicht weil die Partnerschaft wackelt.
Risiken der Infusion und Klinikregeln
Das Institute for Safe Medication Practices zählt Oxytocin zu den zwölf risikoreichsten Arzneimitteln im Krankenhaus. Falsche Menge oder fehlende Überwachung kann die Gebärmutter überreizen. StatPearls listet als schwere Folgen unter anderem Rhythmusstörungen, Durchblutungsstörungen des Herzmuskels, Gebärmutterruptur, Krampfanfälle, Wasservergiftung mit Koma und in Extremfällen den Tod von Mutter oder Kind. MedlinePlus nennt als Überdosierungszeichen anhaltend starke Wehen, Blutung, Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit.
Häufiger und milder sind Übelkeit, Erbrechen, stärkere oder häufigere Wehen und Schmerzen an der Einstichstelle. Allergische Zeichen wie Hautausschlag, Schwellung von Gesicht oder Zunge und Atemnot gehören sofort in ärztliche Hand. Das Hormon wirkt schwach entwässernd; wer zusätzlich viel freie Flüssigkeit trinkt, trägt ein höheres Risiko der Wasservergiftung. Deshalb gehören Infusion, Wehenmuster, Blutdruck und kindliche Herzfrequenz in geschulte Überwachung, nicht in ein Wohnzimmer.
Gegenanzeigen sind ebenfalls klar benannt. MedlinePlus und StatPearls nennen unter anderem aktive genitale Herpesinfektion, Placenta praevia, ungünstige Kindslage, Nabelschnurvorfall, ein Becken, das eine vaginale Geburt nicht zulässt, und eine bereits übererregte Gebärmutter. Frühere Kaiserschnitte oder Gebärmutteroperationen müssen vor der Gabe bekannt sein. Wechselwirkungen betreffen gefäßverengende Mittel (schwere Blutdruckanstiege), andere wehenfördernde Stoffe und, bei Bolusgabe, eine vorübergehende Verlängerung der QTc-Zeit.
Praktisch heißt das:
- Die Infusion gehört in den Kreißsaal, nicht in die Hausapotheke, weil Menge und Wehenantwort nicht linear zusammenhängen.
- Jede eigenmächtige Bestellung eines Sprays oder Tropfens umgeht genau diese Sicherheitsregeln und die Dosisüberwachung.
- Wer in der Klinik Oxytocin erhält, darf Übelkeit melden und muss Atemnot, Hautquaddeln oder ungewöhnlich starke Dauerkontraktionen sofort ansprechen.
- Nach der Geburt kann die Gabe das Anlegen erschweren; StatPearls verweist auf gemischte Daten zu Saugverhalten, Milcheinschuss und einem möglichen Zusammenhang mit Wochenbettdepression.
Ältere Ratgeber taten das Infusionsmittel oft als harmlosen Wehentropf ab. Die aktuelle Sicherheitslage ist strenger. Nutzen besteht bei Indikation, Risiko bei Nachlässigkeit.
Wann eine Beziehungskrise zum Arzt gehört
Ein Speichel- oder Blutwert „Oxytocin niedrig“ ist im Alltag selten der richtige erste Schritt. Abweichungen sind laut Cleveland Clinic ungewöhnlich; ohne Ausfall anderer Hypophysenhormone erklärt ein Einzelwert meist nichts. Sinnvoller ist die Frage, ob die Krise Körper oder Psyche so belastet, dass medizinische Hilfe nötig wird.
Anhaltende Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit, Schlafstörung über Wochen oder Gedanken, sich selbst zu schaden, gehören in die Hausarzt- oder psychiatrische Sprechstunde. Die Society for Endocrinology verknüpft niedrige Oxytocinwerte mit depressiven Symptomen und stellt zugleich fest, dass daraus keine Behandlung folgt. Das ändert nichts an der Pflicht, eine Depression unabhängig vom Hormon abzuklären. Nach einer Geburt mit oder ohne Infusion gilt dasselbe für Stimmungseinbrüche im Wochenbett; StatPearls nennt Hinweise auf ein höheres Depressionsrisiko nach peripartaler Gabe, ohne daraus eine Automatik zu machen.
Gewalt, Androhung von Gewalt oder Angst, nach Hause zu gehen, sind ein Sicherheitsproblem, kein Hormonproblem. Hier zählen Schutz und medizinische Dokumentation, nicht ein Bindungstest. Wer die Pille, Antidepressiva oder Schilddrüsenmittel nimmt und plötzlich Libido, Zyklus oder Stimmung verliert, braucht eine Arzneimittel- und Laborprüfung, bevor jemand „Oxytocinmangel“ diagnostiziert.
Ein Termin lohnt sich auch, wenn Stillen trotz gutem Anlegen nicht in Gang kommt oder Wehen im Kreißsaal ausbleiben. Das sind geburtshilfliche Fragen. Die Paarkrise selbst behandelt man mit Gespräch, gegebenenfalls Paarberatung oder Einzeltherapie. Das Hormon kann die Dringlichkeit markieren; die Arbeit bleibt zwischen Menschen.
Häufige Fragen
Ist Oxytocin wirklich ein Liebeshormon?
Der Beiname beschreibt Umarmung, Orgasmus, Stillen und Bindung, nicht eine messbare Liebesdosis. Cleveland Clinic und die Society for Endocrinology nutzen ihn und betonen zugleich Wehen und Milch als gesicherte Aufgaben. Soziale Effekte sind kontextabhängig und können Nähe ebenso schärfen wie Rivalität.
Steigt Oxytocin bei Streit oder Trennungsangst?
In der Arbeit von Grebe 2017 stieg der Speichelwert, wenn die eigene Beteiligung hoch und die des Partners niedrig wirkte. Reiner Streit ohne Investition reicht als Erklärung nicht. Der Anstieg ist eine Korrelation an jungen Paaren, keine Diagnose und kein Trennungsorakel.
Kann ein Nasenspray die Beziehung retten?
Nein. Es gibt keine Zulassung für Paarkrisen, und die große Autismus-Prüfung von 2021 zeigte über 24 Wochen keinen sozialen Vorteil gegenüber Placebo. Online-Präparate ohne Klinikstandard sind weder dosiert noch auf Reinheit geprüft.
Wofür wird Oxytocin in der Klinik gespritzt?
Laut FDA-Angaben in StatPearls 2025 dient es der Einleitung oder Verstärkung von Wehen bei medizinischer Indikation und der Vorbeugung oder Behandlung einer Nachgeburtsblutung. Die Dosis steuert das Team nach Wehenmuster, nicht nach Beziehungsstatus.
Kann man einen Oxytocinmangel im Blut feststellen?
Ein isoliert niedriger Wert ist selten und meist Teil einer allgemeinen Hypophysenschwäche. Routinetests in der Hausarztpraxis bei Beziehungskummer sind nicht vorgesehen. Cleveland Clinic rät bei Fragen zu Geburt und Stillen zur geburtshilflichen Sprechstunde, nicht zum Lifestyle-Labor.
Wann sollte ich wegen einer Beziehungskrise zum Arzt?
Wenn Niedergeschlagenheit, Angst oder Schlaflosigkeit Wochen anhalten, wenn Suizidgedanken auftreten oder wenn Gewalt droht. Nach der Geburt zählen Stimmungseinbrüche und Stillprobleme ebenfalls. Der Anlass ist dann die Belastung, nicht der Wunsch nach einem Hormonrezept.
Fazit
Oxytocin bleibt das Hormon der Wehen und der Milch und ein Botenstoff, der soziale Reize gewichtet. Die Paardaten von 2017 tragen die engere These, dass der Spiegel steigen kann, wenn eine Bindung zählt und unsicher wirkt. Sie tragen nicht die Hoffnung, Chemie ersetze das Gespräch. Seit 2020 beschreiben Übersichten Allostase und soziale Salienz; seit 2021 ist die Idee eines wirksamen Nasensprays für soziale Kernsymptome in der bislang größten Kinderprüfung gescheitert.
Für den Alltag zählt die Trennung der Ebenen. Im Kreißsaal ist Oxytocin ein überwachtes Mittel mit klarer Dosis und echten Risiken. Im Wohnzimmer ist ein steigender Impuls höchstens ein Hinweis, dass die Beziehung gerade Aufmerksamkeit verlangt. Spray, Tropfen oder „Liebeskur“ aus dem Internet gehören nicht dazu.
Morgen taugt ein konkretes Gespräch, notfalls mit Beratung, mehr als ein Laborzettel. Wer nach einer Geburt Wehenmittel erhalten hat und sich leer oder hoffnungslos fühlt, spricht das im Wochenbett an. Wer Gewalt fürchtet oder sich selbst aufgeben will, sucht zuerst Schutz und ärztliche Hilfe. Das Hormon erklärt einen Teil der Unruhe; die Entscheidung, was aus der Bindung wird, bleibt beim Menschen.
Quellen
- Cleveland Clinic: Oxytocin: What It Is, Function & Effects. Cleveland Clinic, 27. März 2022.
- Society for Endocrinology: Oxytocin | You and Your Hormones. You and Your Hormones, Stand: Oktober 2023.
- Osilla EV, Patel P, Sharma S: Oxytocin – StatPearls – NCBI Bookshelf. StatPearls, 15. Februar 2025.
- MedlinePlus: Oxytocin Injection. MedlinePlus Drug Information, 15. November 2016.
- Grebe NM, Kristoffersen AA et al.: Oxytocin and vulnerable romantic relationships. Hormones and Behavior, 12. März 2017.
- Shamay-Tsoory SG, Abu-Akel A: The Social Salience Hypothesis of Oxytocin. Biological Psychiatry, 15. Februar 2016.
- Duke University: Study of Oxytocin in Autism to Improve Reciprocal Social Behaviors. ClinicalTrials.gov, Stand: 2021.
- Sikich L, Kolevzon A et al.: Intranasal Oxytocin in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorder. New England Journal of Medicine, 14. Oktober 2021.
- Quintana DS, Guastella AJ: An Allostatic Theory of Oxytocin. Trends in Cognitive Sciences, Juli 2020.
- Zhang Y, Huang L et al.: Optimal dose of oxytocin to improve social impairments and repetitive behaviors in autism spectrum disorders: meta-analysis and dose–response meta-analysis of randomized controlled trials. Frontiers in Psychiatry, 2024.
