
Die umgangssprachlich Schocktherapie genannte Elektrokrampftherapie (EKT) kann bei schwerer oder therapieresistenter Depression rasch entlasten, wenn Medikamente und Gespräche nicht tragen oder das Leben akut bedroht ist. Aktuelle Leitlinien stellen sie nicht automatisch ans Ende einer langen Tablettenkette. Nach zwei erfolglosen Behandlungsversuchen oder bei Notfällen darf sie früher auf den Tisch.
Das Verfahren von heute hat mit den Bildern aus alten Filmen wenig zu tun. Unter Kurznarkose und Muskelentspannung löst ein gesteuerter Stromimpuls einen kurzen Krampfanfall im Gehirn aus; die Sitzung selbst dauert nur wenige Minuten. Ob sie für eine bestimmte Person passt, hängt von Schwere, bisherigen Versuchen, körperlichen Risiken und der eigenen Abwägung von Nutzen und Gedächtnisnebenwirkungen ab, nicht von einem Automatismus.
Was moderne Schocktherapie heute wirklich ist
Moderne EKT ist ein ärztlich überwachtes Verfahren unter Narkose, kein waches „Durchschocken“. Kleine Elektroden am Kopf geben einen Impuls ab, der im Gehirn eine kontrollierte Anfallsaktivität von meist unter einer Minute auslöst, während der Körper durch ein Muskelrelaxans kaum zuckt.
Mayo Clinic (Aktualisierung Mai 2024) beschreibt den Ablauf knapp. Vorbereitung und Überwachung brauchen mehr Zeit als die eigentlichen fünf bis zehn Minuten Stimulation. Ein Anästhesieteam gibt ein kurz wirkendes Narkosemittel und ein Relaxans, Sauerstoff läuft über eine Maske, Herz und Hirnstromkurve werden mitgeschrieben. Weil die Person schläft, spürt sie den Impuls nicht. Verwirrung nach dem Aufwachen ist häufig und klingt oft in Minuten bis Stunden ab, bei älteren Menschen manchmal länger.
Das Stigma sitzt in der Frühgeschichte. In den 1930er-Jahren gab es keine Narkose, hohe Stromdosen und Knochenbrüche; genau dieses Bild speist noch heute Angst. MedlinePlus (Stand Juli 2024) hält fest, dass Dosis und Technik seither stark gesenkt wurden und eine einseitige Elektrodenlage das Gedächtnisrisiko gegenüber beidseitiger Anlage mindern kann. Das US-amerikanische National Institute of Mental Health (NIMH, Stand März 2024) ergänzt, dass ultrakurze Impulse zusätzlich schonender sein können als ältere, längere Pulse.
Warum die Anfallsaktivität die Stimmung hebt, ist nicht restlos geklärt. Cleveland Clinic (Mai 2025) nennt als führende Erklärung eine Anregung von Zellwachstum und neuen Verbindungen im Gehirn. Das bleibt Theorie, kein Versprechen. Klarer ist der klinische Rahmen. Die American Psychiatric Association (APA, Patienteninformation Januar 2023) sieht EKT vor allem bei schwerer Depression oder bipolarer Störung, die auf andere Mittel nicht angesprochen hat, sowie dann, wenn eine schnelle Wirkung nötig ist, etwa bei Suizidgefahr.

Wann Leitlinien die Elektrokrampftherapie empfehlen
Leitlinien empfehlen EKT bei schwerer Depression, wenn die Person sie nach früherer guter Erfahrung wünscht, wenn eine schnelle Wirkung lebenswichtig ist oder wenn andere Behandlungen versagt haben. Sie ist damit eine gezielte Option, kein Standard für jede gedrückte Stimmung.
Die britische NICE-Leitlinie NG222 (Juni 2022) formuliert genau diese drei Eingänge. Als Beispiel für Eile nennt sie lebensbedrohliche Situationen, etwa wenn jemand nicht mehr isst oder trinkt. Vor der ersten Sitzung soll ein dokumentiertes Gespräch Risiken und Nutzen klären, darunter Narkose, Begleiterkrankungen, mögliche kognitive Schäden, das höhere Risiko im höheren Alter und das Risiko, unbehandelt zu bleiben. Fehlt die Einwilligungsfähigkeit, darf EKT nach NICE nur erfolgen, wenn sie einer gültigen Patientenverfügung nicht widerspricht. Die Serie soll enden, sobald eine stabile Remission da ist oder die Nebenwirkungen den Nutzen überwiegen.
Mayo Clinic listet ähnliche Indikationen, darunter schwere Depression mit Psychose, ausgeprägtem Suizidwunsch oder Kräfteverfall, therapieresistente Depression, schwere Manie, Katatonie sowie Unruhe bei Demenz, wenn andere Mittel nicht tragen. EKT kann laut Mayo auch erwogen werden, wenn Tabletten in der Schwangerschaft vermieden werden sollen, wenn ältere Menschen Medikamente schlecht vertragen oder wenn eine frühere Serie geholfen hat. StatPearls (Aktualisierung September 2022) nennt zusätzlich bipolar-depressive und manische Episoden sowie das maligne neuroleptische Syndrom.
Zwei Grenzen gehören in dasselbe Gespräch. Erstens ist leichte Depression ohne Funktionsverlust kein klassisches EKT-Feld; hier bleiben nach NHS-Übersicht (Juli 2023) Gespräche, Selbsthilfe und bei Bedarf Medikamente vorn. Zweitens gibt es Kontraindikationen. StatPearls stuft einen erhöhten Hirndruck mit Raumforderung als absolute Sperre ein; Phäochromozytom, Aneurysmen und schwere Herz- oder Lungenkrankheit gelten als relative Warnungen, weil Blutdruck, Herzfrequenz und Hirndruck im Anfall kurz steigen.
Sollte die Schocktherapie früher eingesetzt werden
Bei therapieresistenter Depression kann EKT nach zwei gescheiterten Linien aus Medikament und/oder Psychotherapie ökonomisch und klinisch sinnvoller sein als weitere Tablettenrunden. In der Versorgung landet sie trotzdem oft erst nach fünf oder mehr Versuchen.
Das ist der Kern der Modellstudie von Ross, Zivin und Maixner (JAMA Psychiatry, Juli 2018), die die alte Seite prägte und weiter gilt, weil seither keine vergleichbare US-Rechnung sie ersetzt hat. Über vier Jahre senkte simulierte EKT die Zeit mit unkontrollierter Depression von 50 Prozent der Lebensjahre auf 33 bis 37 Prozent, stärker bei früherem Angebot. Die mittleren Mehrkosten lagen bei 7300 bis 12 000 US-Dollar (Preisbasis 2013). Als Drittlinie, also nach zwei Fehlversuchen, betrug das Verhältnis 54 000 Dollar je gewonnenem qualitätsadjustiertem Lebensjahr und blieb unter der in der Arbeit gesetzten Schwelle von 100 000 Dollar. Die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eine EKT-Strategie kosteneffektiv ist, schätzten die Autoren auf 74 bis 78 Prozent; dass gerade die Drittlinie die beste Strategie ist, auf 56 bis 58 Prozent.
Die Autoren hatten selbst eher die fünfte oder sechste Linie erwartet. Ihr Modell stützt sich auf STAR*D-Daten und Metaanalysen zur EKT-Remission von etwa 51 Prozent, nicht auf eine neue randomisierte Pflicht zur frühen EKT. NICE 2022 macht aus der Rechnung keine Starre. EKT bleibt eine von mehreren weiteren Linien, plus die Notfall- und Wunschpfade. Wer nach zwei erfolglosen Mitteln ein drittes Antidepressivum oder eine Augmentation versucht, handelt also nicht „falsch“, sollte EKT aber kennen, bevor Jahre vergehen.
Die Nutzung bleibt extrem niedrig. Wilkinson und Kollegen (Psychiatric Services, 2018, Datenjahr 2014) fanden unter knapp einer Million privat Versicherten mit Depression oder bipolarer Störung nur 0,25 Prozent mit wenigstens einer EKT-Leistung, bezogen auf die Gesamtstichprobe 5,56 Behandelte je 100 000 Personen. Die ältere Veteranenstudie mit 0,16 Prozent bei Depression beschreibt eine andere Population, bestätigt aber dieselbe Größenordnung, nämlich weit unter einem Prozent. Wer EKT bekam, hatte mehr Begleiterkrankungen, mehr Psychopharmaka und mehr Therapiesitzungen. Regionale Unterschiede, strengere Gesetze und Stigma erklären einen Teil der Lücke, nicht fehlende Wirksamkeit.
Wie gut wirkt die Behandlung bei Depression
EKT gehört zu den wirksamsten körperlichen Verfahren gegen schwere Depression, heilt die Erkrankung aber nicht und hilft nicht jeder Person. Die Zahlen hängen stark davon ab, wie krank die Gruppe ist und ob Psychose, Suizidalität oder lange Medikamentenresistenz vorliegen.
Die APA nennt für unkomplizierte, aber schwere depressive Episoden eine deutliche Besserung bei etwa 80 Prozent. Das ist eine klinische Größenordnung für ausgewählte, oft stationäre Verläufe, kein Alltagsversprechen. Ross und Kollegen setzten in ihr Modell eine Anfangsremission von 50,9 Prozent aus Beobachtungsstudien zur unipolaren Depression; Metaanalysen zu rechts-unilateraler versus bitemporaler EKT lagen in derselben Arbeit um 52 bis 53 Prozent. In der Versorgung, nach vielen fehlgeschlagenen Mitteln, fallen die Raten. Alltagsstudien berichten Ansprechen um die Hälfte und Remission oft nur um 30 bis 45 Prozent; je mehr erfolglose Antidepressiva zuvor, desto geringer die Chance, dass EKT noch eine volle Remission bringt.
Der Zeitvorteil ist der zweite Grund, warum Kliniken EKT nicht nur „irgendwann“ einplanen. NIMH schreibt, die Wirkung setze häufig in der ersten Woche ein, schneller als bei typischen Antidepressiva, die oft sechs Wochen brauchen. Mayo Clinic beobachtet bei vielen Menschen eine Besserung nach etwa sechs Sitzungen, volle Besserung später. StatPearls zitiert die ältere CORE-Kohorte zu geäußertem Suizidwunsch. Frei waren 38 Prozent nach einer Woche, 61 Prozent nach zwei Wochen und 81 Prozent am Ende der Serie. Das ist eine Beobachtung von 2005, kein Garantieschein, zeigt aber, warum Leitlinien bei Lebensgefahr nicht erst die vierte Tablette abwarten.
Zwei neuere Ketamin-Studien zwingen zur Differenzierung. In der schwedischen KetECT-Studie (Ekstrand und Kollegen, 2022) remittierten 63 Prozent der stationär Behandelten unter EKT und 46 Prozent unter Ketamininfusionen; Ketamin war hier unterlegen. In der US-Studie ELEKT-D (Anand und Kollegen, New England Journal of Medicine, 2023) erreichten bei nichtpsychotischer therapieresistenter Depression 55,4 Prozent unter Ketamin und 41,2 Prozent unter EKT ein Ansprechen; Ketamin war nicht unterlegen. Die Populationen unterscheiden sich. KetECT war stationär und schwerer krank, ELEKT-D rekrutierte Überweisungen ohne Psychose, und ein Teil der EKT-Gruppe brach vor der ersten Sitzung ab. Aus beiden Arbeiten folgt kein Sieger für alle, sondern eine Wahl nach Schwere, Psychose, Narkosefähigkeit und Gedächtnisrisiko.
Welche Nebenwirkungen und Gedächtnislücken drohen
Häufig sind Verwirrung, Kopfschmerz, Übelkeit, Kiefer- oder Muskelschmerz und vorübergehende Erinnerungslücken; bleibende Gedächtnislücken kommen vor, sind aber seltener als in der Frühzeit der Methode. Das Risiko steigt mit beidseitiger Elektrodenlage, höherer Dosis und mehr Sitzungen.
Mayo Clinic trennt drei Gruppen. Verwirrung dauert Minuten bis Stunden, selten Tage, und trifft Ältere stärker. Gedächtnisverlust betrifft oft Ereignisse knapp vor der Serie, die Wochen der Behandlung selbst und selten ältere Jahre (rückwärts gerichtete Amnesie); bei den meisten bessern sich die Lücken binnen weniger Monate. Körperliche Beschwerden am Behandlungstag lassen sich häufig medikamentös dämpfen. Weil Herzfrequenz und Blutdruck kurz steigen, kann eine schwere Herzkrankheit das Risiko erhöhen.
APA und NIMH formulieren ähnlich. Vorübergehende Lern- und Erinnerungsschwierigkeiten sind typisch, bei einem Teil bleiben Lücken. MedlinePlus nennt dauerhaften Verlust über das Behandlungsfenster hinaus ungewöhnlich und seltener als früher. Cleveland Clinic warnt, dass sehr selten bleibende Lücken berichtet werden, und listet Herzrhythmusprobleme sowie den Tod als extrem seltene Ereignisse. StatPearls beschreibt die Physiologie dahinter. In der tonischen Phase kann ein parasympathischer Impuls Bradykardie bis Asystolie auslösen, in der klonischen Phase folgt ein Katecholaminschub mit Tachykardie und Bluthochdruck, der meist binnen 10 bis 20 Minuten nachlässt.
Technik steuert einen Teil des Risikos. NIMH betont, dass rechts-unilaterale Lage (eine Elektrode rechts, eine am Scheitel) das Gedächtnis schonen kann, weil sie die sprachdominante Hemisphäre weniger trifft, und dass ultrakurze Pulse die kognitive Last weiter senken. Eine Metaanalyse von 2017, die StatPearls zitiert, fand vergleichbare Remission bei mäßig dosierter bilateraler und hoch dosierter rechts-unilateraler EKT. Der Kompromiss lautet so. Beidseitig wirkt die Methode oft etwas kräftiger und kognitiv belastender, einseitig schonender, aber nur wirksam, wenn die Dosis hoch genug über der Krampfschwelle liegt.
Ein ehrliches Aufklärungsgespräch nennt beides, nämlich die Chance auf rasche Entlastung und die Möglichkeit, dass Wochen vor der Serie oder Teile der Behandlungszeit lückenhaft bleiben. NICE verlangt genau diese Abwägung schriftlich, inklusive des Risikos, ohne EKT weiter schwer krank zu bleiben.
Wie eine Behandlungsserie abläuft
Eine akute Serie umfasst in den USA meist zwei bis drei Sitzungen pro Woche über drei bis vier Wochen, zusammen sechs bis zwölf Behandlungen; die genaue Zahl richtet sich nach Tempo der Besserung. Eine einzelne Sitzung heilt nichts, die Serie ist der Wirkstoff.
Vor der ersten Behandlung stehen Anamnese, körperliche Untersuchung, psychiatrische Einschätzung, Basisblutwerte und meist ein EKG. Mayo Clinic und APA nennen das die Sicherheitsgrundlage, nicht Formalität. Wer morgens Tabletten braucht, klärt mit dem Team, was mit einem Schluck Wasser erlaubt ist. Cleveland Clinic verlangt in der Regel acht Stunden Nüchternheit, das Herausnehmen von Ohrringen und Zahnprothesen und eine erwachsene Begleitperson; Taxi oder Fahrdienst allein reichen dort nicht für den Heimweg.
Am Behandlungstag liegen EKG- und EEG-Elektroden, eine Venenverweilkanüle und ein Beißschutz. Nach Narkose und Relaxans folgt der Impuls. Der Anfall wird an der Hirnstromkurve und oft an einer vom Relaxans abgeschirmten Fußbewegung erkannt. Nach wenigen Minuten lässt die Narkose nach. Cleveland Clinic rechnet mit Aufwachen nach etwa fünf Minuten, groggy für 20 bis 30 Minuten, und 30 bis 45 Minuten Überwachung, bevor die Entlassung möglich ist. MedlinePlus nennt etwa 40 Sekunden Anfallsaktivität und Sitzungen alle zwei bis fünf Tage.
Alltagseinschränkungen sind Teil der Sicherheit. Mayo Clinic rät, Arbeit, wichtige Entscheidungen und Autofahren bis ein bis zwei Wochen nach der letzten Sitzung der Serie zu verschieben, bei Erhaltungs-EKT mindestens 24 Stunden. Cleveland Clinic ist während der dichten Serie strikter und verlangt, gar nicht zu fahren, bis die Behandelnden freigeben. Schwere Maschinen und weitreichende Verträge gehören an diesen Tagen nicht in denselben Kalender wie die Sitzung.
Wie EKT, Magnetstimulation und Ketamin sich unterscheiden
EKT bleibt bei sehr schwerer, psychotischer oder lebensbedrohlicher Depression das rascheste etablierte Verfahren; transkranielle Magnetstimulation und Ketamin können bei nichtpsychotischer Resistenz Alternativen sein, ersetzen EKT aber nicht in jedem Notfall. Die Wahl ist ein Vergleich von Tempo, Narkose, Gedächtnis und Zulassung, kein Ranglistenspiel.
NIMH führt EKT, repetitive Magnetstimulation (rTMS) und Vagusnervstimulation als von der FDA zugelassene Hirnstimulationsverfahren. rTMS braucht keine Narkose, erzeugt in der Regel keinen Anfall und sitzt als Spule an der Stirn. APA beschreibt typisch vier bis fünf Sitzungen pro Woche über vier bis sechs Wochen; Nebenwirkungen sind meist Kopfschmerz, Zucken und lokaler Schmerz. NIMH stellt klar, dass rTMS die therapeutische Kraft der EKT bei sehr schwerer Krankheit nicht erreicht, dafür aber für viele mit wenigstens einem erfolglosen Antidepressivum zugelassen ist. Ketamin infundiert man ohne Krampfanfall; ELEKT-D nutzte 0,5 Milligramm je Kilogramm über 40 Minuten zweimal wöchentlich über drei Wochen. Dissoziation und Blutdruckanstieg sind die typischen akuten Effekte, nicht die Gedächtnislücke der EKT.
| Merkmal | EKT | rTMS | Ketamin (Infusion, Studien) |
|---|---|---|---|
| Narkose nötig | Ja, plus Muskelrelaxans (Mayo, APA) | Nein, wach (APA, NIMH) | Nein, Überwachung ja (ELEKT-D) |
| Anfall im Gehirn | Ja, gezielt ausgelöst | In der Regel nein | Nein |
| Typischer Rhythmus | 2–3×/Woche, 6–12 Sitzungen | 4–5×/Woche, 4–6 Wochen | In ELEKT-D 2×/Woche über 3 Wochen |
| Tempo der Besserung | Oft erste Woche, nach ~6 Sitzungen | Wochen, beschleunigte Protokolle kürzer | Stunden bis Tage möglich |
| Gedächtnis | Verwirrung und Amnesie möglich | Gering, meist Kopfschmerz | In ELEKT-D weniger Einbuße als EKT |
| Starke Evidenz bei | Schwere, psychotische, suizidale Depression | Mäßig-schwere Resistenz ohne Notfall | Nichtpsychotische Resistenz, gemischte Studienlage |
Drei praktische Sätze folgen aus der Tabelle. Wer nicht isst, kataton oder psychotisch-suizidal ist, gehört nach NICE und Mayo eher in die EKT-Schiene als in eine sechswöchige Magnetserie. Wer Narkose scheut, Auto fahren muss und eine mittelschwere Resistenz hat, kann rTMS zuerst prüfen. Wer zwischen Ketamin und EKT wählt, sollte die widersprüchlichen Direktvergleiche von 2022 und 2023 mit der Ärztin oder dem Arzt durchgehen, statt eine Überschrift aus einer einzelnen Studie zu machen.
Die folgenden Punkte fassen die Entscheidung, ohne sie abzunehmen:
- EKT kann bei Lebensgefahr und Psychose schneller greifen als Magnetstimulation oder ein weiteres Antidepressivum.
- Rechts-unilaterale, ultrakurze Pulse können das Gedächtnis schonen, wenn die Dosis hoch genug gewählt wird.
- Ketamin war in ELEKT-D bei nichtpsychotischer Resistenz nicht schlechter als EKT, in KetECT bei Stationären schon.
- Nach jeder erfolgreichen Serie bleibt eine Erhaltungspflicht, sonst kehrt die Episode häufig zurück.
- Stigma aus der Vor-Narkose-Ära ist kein medizinisches Argument gegen eine heutige, aufgeklärte EKT.
Wie sich ein Rückfall nach der Serie vermeiden lässt
Ohne Anschlussbehandlung kehrt die Depression nach EKT häufig zurück; Antidepressivum, Psychotherapie, Lithium-Augmentation oder seltenere Erhaltungs-EKT sollen die gewonnene Besserung halten. Die akute Serie ist der Start, nicht das Ende.
APA schreibt unmissverständlich, dass EKT eine schwere Episode oft beendet, die nächste aber nicht verhindert. Deshalb brauchen die meisten Menschen danach Medikamente und/oder Gespräche, manche weiterhin EKT in größerem Abstand. NICE NG222 verlangt nach Ansprechen den Start oder die Fortsetzung eines Antidepressivums oder einer psychologischen Intervention und nennt Lithium zur Augmentation als prüfbare Option. MedlinePlus formuliert denselben Satz kürzer. Nach erfolgreichem Kurs folgen Medikamente oder seltenere EKT, um eine neue Episode zu dämpfen.
Ross und Kollegen rechneten im Modell mit einer jährlichen Rückfallwahrscheinlichkeit nach EKT von etwa 31 Prozent, abgeleitet aus randomisierten Erhaltungsstudien, deren Sechs-Monats-Raten zwischen 8 und 39 Prozent schwankten. In KetECT relapsten binnen zwölf Monaten 63 Prozent der EKT-Remittierten und 70 Prozent der Ketamin-Remittierten, im Median nach etwa zwei Monaten. Das unterstreicht, warum „einmal die Serie, dann nichts“ ein riskanter Plan ist.
Erhaltungs-EKT bedeutet größere Abstände, von wöchentlich bis alle paar Monate, je nach individuellem Verlauf (NIMH). Cleveland Clinic erlaubt Autofahren nach einer solchen Einzelsitzung oft erst nach 24 Stunden und nach Freigabe. NICE 2022 hat zur routinemäßigen Erhaltungs-EKT keine breite Wirksamkeitsbasis gefunden und eine Forschungsempfehlung ausgesprochen; das ist kein Verbot im Einzelfall, sondern der Hinweis, dass die Tabletten- und Therapieschiene nach der Serie der belegte Standard bleibt.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme
Wer trotz zweier ausreichender Therapieversuche schwer depressiv bleibt oder rasch abbaut, sollte EKT mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie besprechen, statt still eine dritte und vierte Tablette abzuwarten. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, Nahrungsverweigerung oder Katatonie zählt Stunden, nicht der nächste Routine-Termin.
Der erste Weg ist die psychiatrische Sprechstunde oder die Klinik, die EKT anbietet. NICE und APA erwarten eine gemeinsame Entscheidung, schriftliche Einwilligung und die Möglichkeit, die Zustimmung jederzeit zurückzuziehen. Fragen, die in dieses Gespräch gehören, lauten unter anderem so. Wie viele adäquate Medikamentenversuche gab es wirklich? Liegt eine Psychose vor? Ist eine Narkose vertretbar? Welche Elektrodenlage und Impulsbreite sind geplant? Wer übernimmt die Erhaltung danach?
Sofortige Hilfe ist nötig bei konkreten Suizidplänen, dem Impuls, sich oder andere zu verletzen, bei Starrheit und Schweigen einer Katatonie, bei tagelangem Nichtessen oder Nichttrinken und bei plötzlicher psychotischer Zuspitzung. In Deutschland ist der Notruf 112 der Weg bei unmittelbarer Gefahr. Die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 rund um die Uhr erreichbar. Cleveland Clinic nennt zusätzlich starken unregelmäßigen Herzschlag und vernichtenden Kopfschmerz nach einer Sitzung als Gründe, die Notaufnahme nicht auf den nächsten Werktag zu schieben.
Ältere Menschen, Schwangere und Menschen mit Herzkrankheit brauchen dieselbe Dringlichkeit, nur mit mehr Vorbereitung. Mayo Clinic und StatPearls sehen gerade hier oft einen Vorteil der EKT gegenüber hoch dosierten Psychopharmaka, weil die Exposition kurz und überwacht ist. Das ersetzt nicht die Voruntersuchung mit EKG, Medikamentencheck und, bei Schwangerschaft ab der Lebensfähigkeit des Kindes, fetalem Monitoring nach den in StatPearls genannten Schwellen.
Häufige Fragen
Ist Schocktherapie dasselbe wie Elektrokrampftherapie?
Ja. Schocktherapie ist der umgangssprachliche Name, Elektrokrampftherapie oder EKT der Fachbegriff, international ECT. Gemeint ist dasselbe Verfahren unter Narkose mit einem gesteuerten Impuls. Der Alltagsname speist Angst, beschreibt aber nicht die heutige Technik.
Hilft EKT, wenn schon zwei Antidepressiva versagt haben?
Sie kann genau dann eine der wirksamsten Optionen sein, und die Modellstudie von 2018 hält die Drittlinie für kosteneffektiv. Ob sie die beste nächste Stufe ist, hängt von Schwere, Psychose, Narkosefähigkeit und Alternativen wie Ketamin oder rTMS ab. Ein weiteres Mittel ist erlaubt, sollte EKT aber nicht jahrelang verdrängen.
Wie gefährlich ist das Gedächtnisrisiko?
Die meisten Menschen erleben vorübergehende Verwirrung und Lücken um die Behandlungswochen, die sich oft in Wochen bis Monaten bessern. Bleibende Lücken kommen vor, vor allem bei beidseitiger Lage und langen Serien. NICE verlangt, dieses Risiko gegen das Risiko einer unbehandelten schweren Depression zu stellen.
Kann ich zwischen EKT und Ketamin wählen?
Bei nichtpsychotischer therapieresistenter Depression haben beide Verfahren in großen Studien gewirkt, mit gegenläufigen Siegern. ELEKT-D 2023 fand Ketamin nicht unterlegen, KetECT 2022 fand EKT überlegen bei Stationären. Psychose, Katatonie und akute Lebensgefahr verschieben die Waage weiter Richtung EKT.
Darf ich nach einer Sitzung Auto fahren?
Während einer dichten akuten Serie in der Regel nein, und eine Begleitperson soll den Heimweg sichern. Mayo Clinic nennt oft ein bis zwei Wochen nach der letzten Sitzung, bei Erhaltung mindestens 24 Stunden. Die Freigabe gibt das behandelnde Team, nicht ein pauschaler Kalender.
Wird EKT bei leichter Depression eingesetzt?
Nein, das ist nicht das Feld der Leitlinien. NICE und NHS sehen EKT bei schwerer Depression mit Eile, Wunsch nach früherer guter Erfahrung oder Versagen anderer Therapien. Leichtere Verläufe gehören zuerst in Gespräche, Alltagsmaßnahmen und bei Bedarf Medikamente.
Fazit
EKT kann bei schwerer Depression eine der schnellsten ärztlichen Optionen sein, besonders nach zwei erfolglosen Linien oder wenn Essen, Trinken, Realität oder der Lebenswille kippen. Die Rechnung von 2018 zur kosteneffektiven Drittlinie steht, die Nutzung bleibt trotzdem unter einem Prozent; Stigma, Zugang und Angst vor dem Gedächtnis erklären mehr als fehlende Daten. Seit 2022 sortieren NICE und die aktualisierte APA-Praxis EKT als aufgeklärte Option, nicht als letzte Verlegenheitslösung, und die Ketamin-Studien von 2022/2023 haben die Landschaft um eine echte Alternative bei nichtpsychotischer Resistenz erweitert.
Wer zwei ausreichend dosierte und lange genug eingenommene Therapien hinter sich hat und weiter schwer krank ist, kann die nächste Facharztsprechstunde nutzen, um EKT, rTMS und Ketamin konkret zu vergleichen, statt still ein drittes Rezept abzuholen. Notfälle warten nicht auf diese Diskussion. Bei akuter Gefahr gilt 112, bei Suizidgedanken die Telefonseelsorge, bei Nahrungsverweigerung oder Katatonie die Klinik.
Nach einer erfolgreichen Serie zählt der nächste Monat mindestens so viel wie die zwölf Sitzungen. Antidepressivum, Psychotherapie oder geplante Erhaltungstermine sind der Preis dafür, dass die gewonnene Klarheit nicht in wenigen Wochen verpufft.
Quellen
- Mayo Clinic: Electroconvulsive therapy (ECT). Mayo Clinic, 30. Mai 2024.
- MedlinePlus: Electroconvulsive therapy. MedlinePlus, 17. Juli 2024.
- National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
- American Psychiatric Association: What is Electroconvulsive Therapy (ECT)?. American Psychiatric Association, Januar 2023.
- National Institute of Mental Health: Brain Stimulation Therapies. National Institute of Mental Health, Stand: März 2024.
- Cleveland Clinic: Electroconvulsive Therapy (ECT): What It Is & Side Effects. Cleveland Clinic, 26. Mai 2025.
- Ross EL, Zivin K, Maixner DF: Cost-effectiveness of Electroconvulsive Therapy vs Pharmacotherapy/Psychotherapy for Treatment-Resistant Depression in the United States. JAMA Psychiatry, 1. Juli 2018.
- Anand A, Mathew SJ et al.: Ketamine versus ECT for Nonpsychotic Treatment-Resistant Major Depression. New England Journal of Medicine, 22. Juni 2023.
- Salik I, Marwaha R: Electroconvulsive Therapy. StatPearls, 19. September 2022.
- Wilkinson ST, Agbese E et al.: Identifying Recipients of Electroconvulsive Therapy: Data From Privately Insured Americans. Psychiatric Services, 1. Mai 2018.
- Ekstrand J, Fattah C et al.: Racemic Ketamine as an Alternative to Electroconvulsive Therapy for Unipolar Depression: A Randomized, Open-Label, Non-Inferiority Trial (KetECT). International Journal of Neuropsychopharmacology, 27. Mai 2022.
