
Soziale Medien ersetzen in den meisten Studien nicht den persönlichen Kontakt mit engen Freunden und der Familie. Die Minuten dafür kommen eher vom Fernsehen, vom ziellosen Surfen und von anderen Bildschirmangeboten; schaden kann die Nutzung trotzdem, wenn sie Schlaf, Bewegung oder den Alltag verdrängt.
Die alte Kurzfassung dieser Seite stützte sich 2018 auf zwei Untersuchungen von Jeffrey Hall. Seither haben Übersichtsarbeiten, eine große Metaanalyse und öffentliche Stellungnahmen das Bild erweitert, ohne die Kernaussage zur Verdrängung zu kippen. Neu ist die Unterscheidung. Fehlender Kausalbeleg für weniger Treffen bedeutet nicht, dass Plattformen für Jugendliche hinreichend sicher wären. Der oberste Gesundheitsberater der Vereinigten Staaten schrieb 2023 ausdrücklich, diese Sicherheit lasse sich nicht feststellen. Für den Alltag zählt deshalb weniger die Angst, Freunde zu „verlieren“, als die Frage, ob Schlaf, Schule, Sport und echte Gespräche regelmäßig kürzer werden.
Wer sich nach dem Scrollen leer fühlt, hat oft nicht weniger Termine, sondern schlechtere Erholung und mehr Vergleich. Das ist ein anderes Problem als die Theorie, wonach jede Minute online eine Minute weniger am Küchentisch bedeuten muss.
Verdrängen soziale Medien den persönlichen Kontakt?
Die Theorie der sozialen Verdrängung behauptet, Zeit auf Plattformen ersetze Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, vor allem mit engen Bezugspersonen, und senke deshalb das Wohlbefinden. Hall und Liu prüften diese Kette 2022 in Current Opinion in Psychology und fanden mancherorts mehr Mobilnutzung und weniger direkten Austausch in Bevölkerungsstatistiken. Direkte oder kausale Belege dafür, dass die eine Zahl die andere innerhalb derselben Person erzeugt, fehlten weitgehend.
Zwei Ebenen darf man nicht vermischen. Wenn in einem Land die Treffen unter Jugendlichen sinken, während Instagram wächst, kann beides an Schulwegen, Wohnlagen, Elternangst oder fehlenden Treffpunkten liegen. Innerhalb einer Person muss die zusätzliche Stunde am Bildschirm nicht die Stunde mit der besten Freundin kosten. Gesellige Menschen bleiben oft online und offline aktiv; wer wenig Kontakt hat, sucht manchmal Ersatz im Netz, ohne dass das Netz den Kontakt erst zerstört hat.
Halls Gruppe hatte das schon 2018 in zwei Designs getestet. Weder die dreijährige Verlaufsstudie noch die Tagesprotokolle stützten die einfache Verdrängung. Spätere Längsschnitte, die die Übersicht zitiert, fanden teils sogar den umgekehrten Weg. Aktive Nutzung sagte späteren persönlichen Kontakt voraus, und norwegische Kinder, die mehr Plattformen nutzten, verbrachten später mehr Zeit mit Freunden. Das widerlegt nicht jeden Einzelfall am Familientisch. Es widerlegt die Behauptung, mehr Nutzung müsse den direkten Kontakt mechanisch auffressen.

Was haben Hall 2018 und die Übersicht 2022 gemessen?
Die Arbeit „Two tests of social displacement through social media use“ kombinierte eine nationale Stichprobe mit einer intensiven Alltagserhebung. Studie 1 nutzte die Longitudinal Study of American Youth mit 2774 Personen der Generation X. Zwischen 2009 und 2011, also in der Phase, in der Facebook in dieser Altersgruppe breit ankam, wurden Übernahme, Nutzungsintensität, direkter Kontakt und Wohlbefinden verknüpft. Die Übernahme 2009 hing mit etwas weniger Kontakt 2011 zusammen. Wer zwischen den Wellen intensiver nutzte, berichtete zugleich ein höheres Wohlbefinden. Das ist kein Freibrief, aber es ist das Gegenteil der klassischen Verdrängungskette.
Studie 2 befragte 116 Menschen aus Hochschule und Gemeinde fünfmal täglich über fünf Tage zu Interaktionen und zu passiver Nutzung, also ohne Chat. Frühere Nutzung sagte weder spätere Gespräche mit engen Personen noch spätere Treffen von Angesicht zu Angesicht voraus. Passives Scrollen hing nur dann mit schlechterem späterem Befinden zusammen, wenn die Person zuvor schon allein gewesen war. Beide Tests unterstützten die Verdrängungshypothese nicht.
Die Übersicht von 2022 ordnete das in die ältere Medienforschung ein. Fernsehen und frühes Internet hatten dieselbe Angst ausgelöst. Wenn überhaupt etwas weicht, dann meist konkurrierende Medien, etwa Zeitung, lineares Fernsehen oder planloses Surfen. Abstinenzwochen, die Hall andernorts beschrieb, füllten die Lücke mit Hausarbeit, Kinderbetreuung und erneutem Surfen, nicht mit plötzlich längeren Abenden bei engen Freunden. Wer 2018 nur die Schlagzeile „Mythos widerlegt“ mitnahm, darf 2026 denselben Kern behalten und muss die Jugendpsychiatrie daneben legen, nicht darüber.
Welche Zeit wird durch Plattformen wirklich ersetzt?
Medien konkurrieren um Aufmerksamkeit, nicht automatisch um Bindung. Hall und Liu schreiben, wachsende Nutzung ersetze am ehesten andere Medienangebote. Das passt zu Zeitbudgetstudien. Wer abends scrollt, schaut oft weniger Serie oder liest weniger Nachrichten, nicht zwingend weniger mit dem Partner. Unangenehme oder neutrale Tätigkeiten weichen leichter als der wöchentliche Anruf bei den Eltern.
Trotzdem kann die Architektur der Angebote den Tag umbauen. Die American Academy of Pediatrics beschreibt 2026 in ihrer Stellungnahme zum digitalen Ökosystem Entwürfe, die auf Verweildauer zielen, etwa automatische Wiedergabe, endloses Scrollen, Belohnungen in unregelmäßigen Abständen und Empfehlungsalgorithmen. Solche Muster können Schlaf, Bewegung, Lesen und Familienzeit verdrängen, auch wenn die Freundschaftsliste gleich bleibt. Das ist Verdrängung von Gesundheitshandlungen, nicht notwendig von Freunden.
Bevölkerungstrends bleiben ein schlechter Ratgeber für den eigenen Kalender. Weniger Jugendliche treffen sich physisch als vor zwanzig Jahren, und gleichzeitig liegen Telefone auf dem Nachttisch. Beides kann wahr sein, ohne dass das eine das andere in derselben Person verursacht. Hall warnt vor dem ökologischen Fehlschluss. Zwei Kurven im Landesschnitt sind kein Beweis im Individuum. Für die Praxis heißt das, den eigenen Tag zu prüfen, nicht die Titelseite.
Ist stilles Scrollen schädlicher als aktives Schreiben?
Jahrelang galt die Faustregel, Schreiben und Kommentieren seien nützlich, stummes Konsumieren schädlich. Godard und Holtzman fassten 2024 einhunderteinundvierzig Untersuchungen mit rund 145000 Personen und 897 Effektstärken zusammen. Die meisten Zusammenhänge mit psychischer Gesundheit, Wohlbefinden und Unterstützung lagen unter einem Betrag von 0,10 und waren damit praktisch vernachlässigbar.
Ausnahmen betrafen vor allem Unterschiede zwischen Personen, nicht den Wechsel innerhalb einer Person über die Zeit. Aktive Nutzung hing moderat mit mehr Unterstützung im Netz zusammen (Korrelation 0,34) und schwach mit höherem Wohlbefinden (0,15) sowie etwas mehr Angstsymptomen (0,12). Passive Nutzung hing schwach mit Online-Unterstützung zusammen (0,15). In allgemeinen Beitragslisten war passives Nutzen mit schlechteren Gefühlsmaßen verknüpft, in Gruppenkontexten nicht. Jugendliche zeigten etwas klarere Vorzeichen als Erwachsene, aber die Rahmenbedingung blieb. Die grobe Zweiteilung erklärt wenig.
Neuere Längsschnitte, die Verhalten innerhalb derselben Person über Jahre verfolgen, finden oft keine belastbare Spur von passivem Konsum zu späterer Angst oder Depression. Wer sich nach dem Scrollen schlecht fühlt, hat häufig verglichen, gehasst oder Schlaf verloren, nicht bloß „passiv“ geklickt. Die Metaanalyse selbst nennt die Investition in das Schema nach fünfzehn Jahren dürftig. Nützlicher bleibt die Frage, ob jemand Anschluss spürt, ob Inhalte verletzen und ob der Abend noch Platz für Bett und Körper hat.
Wie hängen Einsamkeit und problematische Nutzung zusammen?
Einsamkeit ist das Gefühl, dass vorhandene Kontakte nicht reichen. Soziale Isolation ist der zählbare Mangel an Begegnungen. Beides kann die Gesundheit belasten, auch unabhängig vom Handy. Das Büro des US-Surgeon-General hält fest, Isolation könne die vorzeitige Sterblichkeit um 29 Prozent erhöhen; schlechte Beziehungen und Einsamkeit werden mit einem um 29 Prozent höheren Risiko für Herzkrankheit und einem um 32 Prozent höheren Risiko für Schlaganfall in Verbindung gebracht. Chronische Einsamkeit und Isolation können bei älteren Erwachsenen das Demenzrisiko etwa verdoppeln. Erwachsene, die sich oft einsam fühlen, entwickeln einer zitierten Auswertung zufolge mehr als doppelt so häufig eine Depression.
Plattformen können Brücken bauen, wenn jemand weit weg wohnt, einer Minderheit angehört oder nach einer Diagnose Gleichbetroffene sucht. Dieselbe Infrastruktur kann Vergleich, Ausgrenzung und nächtliches Wachliegen verstärken. Entscheidend ist weniger die Minutenanzeige als ein Muster, das Klinikerinnen problematische Nutzung nennen, nämlich Weitermachen trotz Schaden, Lügen über die Dauer, Reizbarkeit ohne Zugang und Vernachlässigung von Schule, Arbeit oder Beziehungen. Die American Psychiatric Association führt eine „Social-Media-Sucht“ nicht als eigene Diagnose im DSM-5-TR. Glücksspielstörung ist derzeit die einzige klar gelistete Verhaltenssucht; Internetspielen steht im Anhang zur weiteren Prüfung.
Cleveland Clinic beschreibt dasselbe als Verhaltensmuster, das das Belohnungssystem anspricht, ohne deshalb eine amtliche Diagnose zu sein. Stunden allein beweisen nichts. Die Fachgesellschaft betont, zwei oder drei Stunden am Abend können unauffällig sein, wenn Noten, Sport, Freundschaften und das Klima zu Hause stimmen. Dieselben Stunden können Anlass zur Abklärung sein, wenn Leistungen einbrechen und frühere Hobbys verschwinden. Einsamkeit und problematische Nutzung können sich gegenseitig füttern. Wer sich leer fühlt, öffnet die App, und die App stillt den Hunger oft nicht.
Was bedeutet die Drei-Stunden-Schwelle bei Jugendlichen?
Bei Kindern und Teenagern ist die Lage schärfer als die Verdrängungsdebatte der Erwachsenen. Die Stellungnahme des US-Surgeon-General von 2023 nennt Nutzung in der Gruppe der 13- bis 17-Jährigen nahezu flächendeckend. Bis zu 95 Prozent nutzen mindestens eine Plattform, knapp zwei Drittel täglich, ein Drittel fast ständig. Eine Umfrage, die das Papier zitiert, kam auf im Mittel 3,5 Stunden pro Tag. 46 Prozent der 13- bis 17-Jährigen sagten, die Angebote verschlechterten ihr Körperbild.
Die oft zitierte Verdopplung des Risikos für Angst- und Depressionssymptome stützt sich auf Riehm und Kolleginnen. In der Kohorte Population Assessment of Tobacco and Health wurden 6595 Jugendliche im Alter von zunächst 12 bis 15 Jahren über Wellen 2013 bis 2016 beobachtet. Nach Kontrolle früherer psychischer Probleme blieb Nutzung von mehr als drei Stunden täglich gegenüber keiner Nutzung mit einem erhöhten relativen Risiko für internalisierende Probleme allein verbunden. Das Verhältnis der relativen Risiken lag bei 1,60 über drei bis sechs Stunden und bei 1,78 über sechs Stunden. Für gleichzeitige internalisierende und nach außen gerichtete Probleme lagen die adjustierten Werte bei 2,01 bzw. 2,44. Unadjustiert waren die Abstände größer; genau diese unadjustierte Größenordnung speist die Formulierung „etwa doppelt so hoch“.
Mayo Clinic zitiert dieselbe Schwelle und eine englische Längsschnittanalyse, in der Nutzung mehr als dreimal täglich schlechteres Befinden vorhersagte. Nicht jede Arbeit findet einen Zeit-Effekt. Die Stellungnahme selbst sagt, Lücken bleiben und welche Inhalte am stärksten schaden, sei nicht vollständig geklärt. Trotzdem schließt er, hinreichende Sicherheit für Kinder und Jugendliche lasse sich nicht feststellen. Das ist eine andere Aussage als Halls Entwarnung zur Verdrängung bei Erwachsenen.
| Aussage | Was die Daten tragen | Quelle und Jahr |
|---|---|---|
| Plattformen ersetzen den direkten Kontakt | Kaum kausale Belege innerhalb derselben Person | Hall und Liu, 2022 |
| Was weicht zuerst | Vor allem andere Medien, Hausarbeit, Surfen | Hall, Kearney, Xing, 2018 |
| Aktiv gegen passiv | Die meisten Effekte praktisch vernachlässigbar | Godard und Holtzman, 2024 |
| Mehr als drei Stunden täglich im Jugendalter | Höheres Risiko internalisierender Probleme | Riehm und Team, 2019 |
| Sicherheit für Minderjährige | Lässt sich derzeit nicht feststellen | US-Surgeon-General, 2023 |
| Stunden als Diagnosekriterium | Keine feste Stundenzahl, Alltagsbruch zählt | APA-Psychiatrie, Stand 2025 |
| Isolation und vorzeitiger Tod | Relatives Plus von 29 Prozent | HHS, Stand 2025 |
Was raten AAP und APA statt starrer Minutenlimits?
Die American Psychological Association schrieb im Mai 2023, Nutzung sei nicht von Natur aus nützlich oder schädlich. Wirkung hänge von Person, Inhalt, Funktionen und Lebenslage ab. Empfohlen wird, Angebote an die Reife anzupassen, in der frühen Adoleszenz (typisch 10 bis 14 Jahre) mitzusprechen und zu begleiten, Autonomie schrittweise zu erhöhen und Privatsphäre nicht zu zertrümmern. Inhalte, die zu Selbstverletzung, Suizid, Gewalt oder Essstörungen anleiten, sollen gemeldet und entfernt werden; dasselbe gilt für Hass und Cybermobbing. Vergleich über Aussehen soll begrenzt werden. Vor dem Start soll Medienkompetenz stehen, nicht erst nach dem ersten Account.
Schlaf und Bewegung sind harte Grenzen. Die APA erinnert an mindestens acht Stunden Schlaf in der Jugend und an Daten, wonach Technik in der Stunde vor dem Einschlafen, besonders Plattformen, mit gestörtem Schlaf zusammenhängt. Ungenügender Schlaf kann emotionale Lage und Suizidrisiko belasten. Nutzung soll Sport und Bewegung nicht verdrängen.
Die AAP hat 2025/2026 den Blick von der Minutenstoppuhr auf das digitale Ökosystem verschoben. Das Merkwort der fünf C lautet Child, Content, Calm, Crowding Out und Communication. Gemeint sind Stärken des Kindes, Art der Inhalte, Beruhigung durch Bildschirme, was die Nutzung verdrängt, und wie die Familie darüber spricht. Der Familienmedienplan soll für alle gelten, einschließlich der Erwachsenen. Telefonfreie Zonen nennt die Stellungnahme für Mahlzeiten, Schlafzimmer, die Stunde vor dem Bett und die Hausaufgaben. Wer trotzdem eine Zahl will, kann mit Praxispersonal über weniger als eine Stunde Unterhaltung am Tag bei Kleinkindern und ein bis zwei Stunden oder mehr bei Schulkindern und Teenagern sprechen, je nach Familie und Wochentag. Wichtiger bleiben Inhalt und der Vorrang von Schlaf, Spiel, Bewegung und Lesen.
Wann stört die Nutzung den Alltag?
Störung zeigt sich am Leben neben dem Display, nicht an einer magischen Minutenzahl. Mayo Clinic listet Ablenkung von Hausaufgaben, Sport und Familie, unterbrochenen Schlaf, verzerrte oder falsche Informationen, Gerüchte, unrealistische Körper- und Lebensbilder, Kontakt zu Erwachsenen mit Ausbeutungsabsicht und Cybermobbing, das Angst und Depression begünstigen kann. Bestimmte Inhalte zu Risikoverhalten, Selbstverletzung oder Essstörungen können besonders bei schon belasteten Jugendlichen gefährlich sein. Stressiges Posten im Ärger hinterlässt oft Reue; intime Bilder können erpressen.
Die APA nennt Kennzeichen problematischer Nutzung, an denen sich auch Erwachsene orientieren können.
- Die Person nutzt weiter, obwohl sie aufhören will oder merkt, dass nötige Aufgaben liegen bleiben.
- Sie investiert großen Aufwand, um ununterbrochen Zugang zu behalten, und wird unruhig, wenn der Zugang fehlt.
- Die geplante Dauer wird wiederholt überschritten, und es wird gelogen, um weiter nutzen zu dürfen.
- Wichtige Beziehungen oder Bildungschancen leiden, und persönliche Treffen werden gemieden statt geübt.
Eltern sollen nach der APA im frühen Teenageralter regelmäßig Inhalte besprechen und mitwachsen lassen, statt nur zu sperren. Vorbild zählt. Wer selbst beim Essen scrollt, lehrt das Muster. Datenschutzfilter und das Gespräch über Werbung und bearbeitete Bilder gehören dazu. Gemeinsame Regeln mit anderen Familien können den sozialen Druck senken, nachts erreichbar zu sein.
Wann zur Ärztin oder in die Beratung?
Ärztlichen Rat lohnt, wenn Angst, depressive Stimmung oder andere psychische Beschwerden mit der Nutzung zusammenhängen oder der Alltag dauerhaft leidet. Mayo Clinic nennt vier konkrete Anlässe, nämlich Weiternutzung trotz Wunsch aufzuhören, Schaden an Schule, Schlaf, Aktivitäten oder Beziehungen, häufig mehr Zeit als geplant und Lügen, um Zugang zu behalten. Die Praxis kann an eine Fachperson für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychotherapie überweisen. Bei Erwachsenen gilt dasselbe Muster. Funktionsverlust schlägt Stundenrekord.
Die AAP rät Kinderärztinnen, bei problematischen Mediengewohnheiten gezielt nach ADHS, Angst und Depression zu fragen. Umgekehrt kann eine unbehandelte Angst das Handy zur Flucht machen. Kognitive Verhaltenstherapie ist laut American Psychiatric Association ein üblicher erster Schritt, weil sie Auslöser, Vermeidung und alternative Bewältigung bearbeitet, nicht nur die App-Sperre. Begleiterkrankungen mitzubehandeln, ist Teil der Arbeit, nicht ein Extra.
Sofortige Hilfe ist nötig bei Suizidgedanken, konkreten Plänen, schwerer Verzweiflung oder wenn online geteilte Bilder, Erpressung oder Gewalt eine akute Gefahr schaffen. In Deutschland ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 erreichbar, in lebensbedrohlichen Lagen die 112. Bildschirmsperren allein ersetzen hier keine Abklärung. Wer Inhalte zu Selbstverletzung sieht, soll sie nicht weiterleiten, sondern melden und eine Vertrauensperson einschalten.
Häufige Fragen
Verdrängen soziale Medien wirklich Freunde und Familie?
In den belastbaren Längsschnitten ersetzen sie den direkten Kontakt mit engen Personen in der Regel nicht. Halls Tests von 2018 und die Übersicht von 2022 finden kaum kausale Verdrängung innerhalb derselben Person. Was weicht, sind oft andere Medien und lästige Pflichten. Trotzdem kann die Nutzung Abende so füllen, dass Gespräche flacher werden, ohne dass die Freundschaftsliste schrumpft.
Wie viele Stunden sind zu viel?
Eine allgemeingültige Stundenzahl für Erwachsene gibt es nicht. Bei Jugendlichen bleibt Nutzung über drei Stunden täglich in der Kohorte von Riehm mit mehr internalisierenden Problemen verbunden; der US-Surgeon-General übernahm 2023 die grobe Verdopplung des Risikos. Die AAP setzt 2026 den Akzent auf das, was Schlaf, Spiel und Familie verdrängt, und nennt Minutenlimits nur als Gesprächshilfe.
Ist stilles Scrollen schädlicher als Chatten?
Die große Metaanalyse von 2024 findet für die grobe Trennung aktiv gegen passiv meist vernachlässigbare Effekte. Schwache Hinweise auf schlechtere Gefühle gibt es vor allem beim stillen Konsum in allgemeinen Beitragslisten, nicht in Gruppen. Wichtiger als die Kategorie sind Vergleich, Hass, Schlafverlust und ob jemand sich online getragen fühlt.
Können soziale Medien auch helfen?
Sie können Identität, ferne Freundschaften und Hilfe bei Krankheit oder Ausgrenzung stützen, schreibt Mayo Clinic. Die APA betont Nutzen besonders in Isolation, unter Stress und für Jugendliche, die offline wenig Anschluss finden. Derselbe Kanal kann verletzende Inhalte verstärken. Nutzen und Schaden hängen von Inhalt, Person und Kontext ab, nicht vom Medium an sich.
Wann sollte ich mit meinem Kind zur Ärztin?
Dann, wenn die Nutzung trotz Stoppwunsch weitergeht, Schule oder Schlaf dauerhaft leiden, gelogen wird oder Angst und Niedergeschlagenheit sichtbar werden. Mayo Clinic nennt genau diese Schwellen. Bei Gedanken an Selbstverletzung oder akuter Gefahr zählt die Notfallversorgung, nicht zuerst die Bildschirmregel.
Gibt es eine Social-Media-Sucht als Diagnose?
Im DSM-5-TR steht sie nicht als eigene Störung. Die American Psychiatric Association und Cleveland Clinic sprechen von problematischer oder exzessiver Nutzung, wenn Alltag und Beziehungen Schaden nehmen. Therapie kann trotzdem sinnvoll sein. Stunden allein begründen keine Diagnose.
Fazit
Die Frage, ob Plattformen das soziale Leben „verletzen“, spaltet sich in zwei Teile. Den direkten Kontakt mit engen Menschen ersetzen sie nach Hall 2018 und der Übersicht 2022 in der Regel nicht; die Minuten kommen vor allem von anderen Medien. Wohlbefinden und Jugendgesundheit sind damit nicht automatisch geschützt. Seit 2023 sagen US-Behörden und Fachgesellschaften klarer, dass für Minderjährige Sicherheit nicht belegt ist. Drei Stunden täglich markieren in einer großen Kohorte ein höheres Risiko, und Schlaf sowie Bewegung dürfen nicht weichen.
Für den nächsten Tag reicht ein nüchterner Check. Liegt das Telefon im Schlafzimmer? Fällt Sport oder das gemeinsame Essen aus? Wird nach dem Scrollen verglichen statt gesprochen? Der Familienmedienplan der AAP und die fünf C geben dafür Fragen, keine Moralpredigt. Wer trotz Wunsch nicht aufhört oder wer merkt, dass Angst, Rückzug oder Leistungen kippen, holt ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat. Das ist kein Urteil über eine Generation, sondern der übliche Weg, wenn ein Alltagsmittel den Alltag frisst.
Quellen
- Hall JA, Kearney MW, Xing C: Two tests of social displacement through social media use. Information, Communication & Society, 1. Februar 2018.
- Hall JA, Liu D: Social media use, social displacement, and well-being. Current Opinion in Psychology, August 2022.
- Godard R, Holtzman S: Are active and passive social media use related to mental health, wellbeing, and social support outcomes? A meta-analysis of 141 studies. Journal of Computer-Mediated Communication, 31. Januar 2024.
- Riehm KE, Feder KA et al.: Associations Between Time Spent Using Social Media and Internalizing and Externalizing Problems Among US Youth. JAMA Psychiatry, 11. September 2019.
- Office of the U.S. Surgeon General: Social Media and Youth Mental Health. U.S. Department of Health and Human Services, Stand: 19. Februar 2025.
- Office of the U.S. Surgeon General: Social Connection. U.S. Department of Health and Human Services, Stand: 19. Februar 2025.
- American Psychological Association: Health advisory on social media use in adolescence. American Psychological Association, Mai 2023.
- Munzer T, Parga-Belinkie J et al.: Digital Ecosystems, Children, and Adolescents: Policy Statement. Pediatrics, Februar 2026.
- American Academy of Pediatrics: The 5 Cs of Media Use. American Academy of Pediatrics, 27. Mai 2025.
- Mayo Clinic Staff: Teens and social media use: What’s the impact?. Mayo Clinic, 24. Dezember 2025.
- Sherer J: Technology Addictions: Social Media, Online Gaming, and More. American Psychiatric Association, Stand: 2025.
- Cleveland Clinic: Is It Possible To Become Addicted to Social Media?. Cleveland Clinic, 8. Dezember 2025.
