Vulvakrebs: Symptome, Typen und wann zum Arzt

Vulvakrebs: Symptome, Typen und wann zum Arzt

Vulvakrebs wächst in der Haut der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane und macht sich meist als Knoten, anhaltender Juckreiz oder offenes Geschwür bemerkbar. Die große Mehrheit der invasiven Tumoren sind Plattenepithelkarzinome; Melanome, Drüsenkrebse und der extramammäre Morbus Paget kommen seltener vor.

In den USA rechnet die American Cancer Society für 2026 mit etwa 7130 Neuerkrankungen und 1750 Todesfällen. Das sind rund 0,7 Prozent aller Krebserkrankungen bei Frauen; das Lebenszeitrisiko liegt bei ungefähr 1 zu 333. Ein eigenes Reihenuntersuchungsprogramm für die Vulva gibt es nicht. Deshalb zählen der Blick auf die Haut bei Beschwerden, die Stanzbiopsie verdächtiger Stellen und die Behandlung von Vorstufen. Seit 2021 gilt eine überarbeitete FIGO-Stadieneinteilung, die Schnittbildgebung einbezieht. Bei kleinen, unifokalen Tumoren kann die Entnahme des Wächterlymphknotens die komplette Leistenausräumung oft ersetzen.

Was ist Vulvakrebs und wie häufig tritt er auf?

Vulvakrebs entsteht in der Vulva, also an großen und kleinen Schamlippen, Klitoris, Scheidenvorhof, Bartholin-Drüsen und dem Damm zwischen Scheide und After. Am häufigsten sitzt der Tumor an den großen Schamlippen; Klitoris und Vorhofdrüsen sind seltener betroffen. Primär bedeutet, dass der Krebs dort beginnt; sekundär, dass ein Tumor von anderswo in die Vulva einwächst.

Selten ist die Erkrankung im Vergleich zu Brust- oder Darmkrebs, nicht aber bedeutungslos. Das SEER-Programm des National Cancer Institute nennt für 2019 bis 2023 eine altersbereinigte Neuerkrankungsrate von 2,6 Fällen je 100 000 Frauen und Jahr. Das mediane Alter bei Diagnose liegt bei 70 Jahren; mehr als die Hälfte der neuen Fälle betrifft Frauen ab 65. Mayo Clinic gibt als Durchschnittsalter 65 Jahre an. Beides beschreibt denselben Schwerpunkt im höheren Lebensalter, mit einer wachsenden Gruppe jüngerer Patientinnen.

Die FIGO-Aktualisierung 2025 hält fest, dass Vulvakarzinome etwa 4 Prozent der gynäkologischen Malignome ausmachen. In 13 Ländern mit hohem Einkommen stieg die Inzidenz insgesamt um 14 Prozent; bei Frauen unter 60 Jahren sogar um 38 Prozent, während jenseits der 60 kein klarer Anstieg sichtbar war. Als treibende Kraft gilt eine höhere Last an Infektionen mit onkogenen Papillomviren. Gleichzeitig bleibt der klassische, HPV-unabhängige Tumor der älteren Frau mit Lichen sclerosus bestehen. Beide Wege laufen parallel.

Fünf Jahre nach Diagnose leben in den USA relativ 69,7 Prozent der Betroffenen (SEER, Diagnosen 2016 bis 2022). Wird der Krebs noch auf die Vulva begrenzt erkannt, liegt dieser Wert bei 85,5 Prozent; bei Befall benachbarter Lymphknoten oder Gewebe bei 51,4 Prozent; bei Fernabsiedlungen bei 20,8 Prozent. Rund 58 Prozent der Fälle werden lokalisiert entdeckt. Die American Cancer Society veröffentlicht daneben etwas ältere SEER-Zahlen (Diagnosen 2008 bis 2014) mit 86, 53 und 19 Prozent sowie 71 Prozent über alle Stadien. Individuelle Prognosen hängen von Alter, Begleiterkrankungen, Lymphknotenstatus und Ansprechen auf die Therapie ab, nicht von der Tabelle allein.

Schmerzen im Beckenbereich

Welche Typen kommen vor?

Mehr als 80 Prozent der Vulvamalignome sind Plattenepithelkarzinome, schreibt die FIGO 2025; das Merck Manual Professional (Stand September 2023) nennt rund 90 Prozent. Melanome folgen mit etwa 5 Prozent. Der Rest verteilt sich auf Basalzellkarzinome, verruköse Karzinome, Adenokarzinome (oft im Umfeld eines Morbus Paget oder der Bartholin-Drüse), Übergangszellkarzinome und sehr seltene Sarkome.

Beim Plattenepithelkarzinom unterscheiden Pathologinnen und Pathologen zwei Entstehungswege, die Therapie und Nachsorge mitprägen. Der keratinisierende Typ trifft vor allem ältere Frauen und hängt mit Lichen sclerosus sowie der differenzierten vulvären intraepithelialen Neoplasie (dVIN) zusammen. Der warzig-basaloide Typ tritt jünger auf, ist an persistierende Hochrisiko-HPV-Typen gebunden (besonders 16, daneben 18, 31 und 33) und hat als Vorstufe eine hochgradige Plattenepithel-Läsion der Vulva (VHSIL, früher oft „usual type VIN“). HPV-DNA findet sich laut FIGO-Bericht in rund 69 Prozent der warzig-basaloiden und nur in etwa 13 Prozent der keratinisierenden Karzinome.

dVIN macht weniger als 5 Prozent der Vorstufen aus, schreitet aber rascher und häufiger zum invasiven Karzinom fort als VHSIL. Deshalb gilt die Exzision mit histologischer Beurteilung als Standard, nicht die alleinige Laserung oder eine Creme. VHSIL kann, wenn eine okkulte Invasion unwahrscheinlich ist, auch mit Kohlendioxidlaser oder topischem Imiquimod 5 Prozent behandelt werden; die FIGO 2025 nennt für Imiquimod und Cidofovir vergleichbare Ansprechraten nach sechs Monaten gegenüber Operation oder Laser. Rückfälle nach VHSIL liegen unabhängig vom Verfahren bei bis zu 30 bis 40 Prozent, weshalb enge Kontrollen nötig bleiben.

Melanome der Vulva sind Schleimhautmelanome mit eigener Biologie. FIGO-Staging gilt für sie nicht; verwendet wird das AJCC-System mit Eindringtiefe, Ulzeration und Ausbreitung. Jede neue oder wechselnde pigmentierte Stelle an Klitoris oder kleinen Schamlippen gehört biopsiert, sofern sie nicht jahrelang unverändert bekannt ist. Der extramammäre Morbus Paget zeigt sich oft als nässendes, ekzemähnliches Areal bei postmenopausalen Frauen; die Biopsie klärt, ob die Erkrankung intraepithelial bleibt oder invasiv wächst und ob ein zweiter Tumor in Brust, Darm oder Harnwegen mitbesteht.

Welche Symptome gehören zum Arzt?

Anhaltender Juckreiz, ein tastbarer Knoten, ein Geschwür oder eine Blutung, die nicht zur Regelblutung gehört, sind die häufigsten Anlässe, die Vulva ärztlich anzusehen. Mayo Clinic listet zusätzlich Schmerz, Druckempfindlichkeit sowie Farb- oder Dickenwechsel der Haut. Die American Cancer Society ergänzt, dass Vorstufen oft gar keine Beschwerden machen; wenn doch, steht Juckreiz im Vordergrund, und die Stelle kann heller, rötlich, rosa oder dunkler als die Umgebung wirken.

Viele Frauen behandeln solche Hautbilder zuerst selbst mit frei verkäuflichen Salben, weil Soor, Ekzem oder eine sexuell übertragbare Infektion wahrscheinlicher erscheinen. Das NHS empfiehlt dennoch, jede dieser Veränderungen der Hausärztin oder dem Hausarzt zu zeigen. Die Europäische Gesellschaft für Gynäkologische Onkologie (ESGO) zitiert deutsche Daten, nach denen die Diagnose im Mittel 186 bis 328 Tage verzögert wurde, meist weil eine Vulvitis angenommen wurde. Je früher die Biopsie erfolgt, desto eher bleibt eine begrenzte Operation möglich.

Typische Warnzeichen, die nicht „abgewartet“ werden sollten, fasst die American Cancer Society so:

  • Ein Knoten, eine warzenartige Erhebung oder eine offene Stelle an der Vulva, besonders wenn sie länger als einen Monat besteht.
  • Juckreiz, Brennen oder Schmerz, der trotz Hausmitteln nicht nachlässt und den Alltag stört.
  • Blutung oder Ausfluss außerhalb der Menstruation, inklusive Blut auf dem Toilettenpapier nach dem Wasserlassen.
  • Ein Muttermal, das Form, Farbe oder Größe ändert, oder ein dunkler Fleck, der neu entstanden ist.
  • Eine umschriebene Schwellung neben dem Scheideneingang, die einer Bartholin-Zyste ähnelt, aber nicht abheilt.
  • Ein tastbarer Knoten in der Leiste, der auf befallene Lymphknoten hinweisen kann.

Verruköse Karzinome können blumenkohlartig wachsen und Condylome nachahmen. Melanome sind oft schwarzbraun, können aber rosa, rot oder weiß sein; die ABCDE-Regel (Asymmetrie, unregelmäßiger Rand, uneinheitliche Farbe, Durchmesser über 6 Millimeter, Veränderung) hilft, ist aber keine Garantie. Morbus Paget juckt und schuppt rötlich. Fehlen sichtbare Hautveränderungen, schließt das einen Tumor nicht aus, macht ihn jedoch unwahrscheinlicher. Jede persistierende Änderung gehört in die gynäkologische Untersuchung, nicht in die Selbstbehandlung über Wochen.

Wie entsteht der Tumor?

Zellen der Vulvahaut entarten, wenn DNA-Schäden das kontrollierte Wachstum außer Kraft setzen. Die FIGO-Aktualisierung 2025 beschreibt zwei getrennte molekulare Pfade statt eines einheitlichen „VIN, das irgendwann Krebs wird“. Im HPV-abhängigen Pfad bauen onkogene Virustypen ihre Gene in Keratinozyten ein; die viralen Onkoproteine E6 und E7 stören unter anderem p53- und Rb-Kontrolle. Rauchen und eine geschwächte Immunabwehr (HIV, Medikamente nach Organtransplantation) erschweren die Virusklärung und halten die Infektion am Leben. Läsionen sind oft multifokal und können gleichzeitig an Muttermund, Scheide oder After vorkommen.

Im HPV-unabhängigen Pfad stehen chronische Entzündung und Vernarbung im Vordergrund, vor allem Lichen sclerosus. Hier entsteht dVIN, das rasch invasiv werden kann. Potente topische Kortikosteroide bleiben die Basis der Lichen-Therapie; sie ersetzen keine Biopsie, wenn Hyperkeratosen, Erosionen oder neue Knötchen auftreten. Stammzell- oder Plasmaverfahren gegen Lichen sclerosus sind in Beobachtungsstudien beschrieben, von der FIGO 2025 aber noch nicht als Standard empfohlen.

Ohne Behandlung kann ein invasiver Tumor in Harnröhre, Scheide, After oder Beckenknochen einwachsen und über die inguinofemoralen Lymphknoten in Becken und paraaortale Stationen gelangen. Fernmetastasen betreffen unter anderem Lunge, Leber und Knochen. Die ESGO-Leitlinie 2023 betont, dass der Lymphknotenstatus der stärkste prognostische Faktor bleibt. Deshalb wird die Leiste bei Stromainvasion über 1 Millimeter gezielt untersucht, nicht erst bei sichtbaren Knoten.

Ältere Darstellungen, die Krebsentstehung vor allem über Angiogenese und „ungebremste Teilung“ erklärten, bleiben mechanistisch richtig, greifen aber zu kurz. Heute steuern HPV-Status, Differenzierung der Vorstufe und molekulare Marker (etwa PD-L1 bei fortgeschrittener Erkrankung) die Einordnung. Sie ersetzen nicht die Histologie, ergänzen sie aber.

Wer trägt ein erhöhtes Risiko?

Höheres Alter bleibt der auffälligste Marker; SEER zeigt den Gipfel der Neuerkrankungen zwischen 65 und 74 Jahren. HPV-Infektion, Rauchen und eine geschwächte Immunabwehr erhöhen das Risiko zusätzlich, schreibt Mayo Clinic (Stand 10. Januar 2025). Eine vorausgegangene vulväre intraepitheliale Neoplasie bedeutet nicht automatisch, dass Krebs folgt. Die meisten VIN-Befunde werden nie invasiv, ein kleiner Teil aber schon, weshalb Behandlung und Nachsorge empfohlen werden.

Lichen sclerosus verdünnt die Haut, juckt stark und steigert die Wahrscheinlichkeit eines HPV-unabhängigen Karzinoms. Frauen mit Plattenepithelkarzinom oder intraepithelialer Neoplasie an Muttermund, Scheide oder After tragen ebenfalls ein höheres Risiko für HPV-assoziierte Vulvaveränderungen; die Inspektion der Vulva gehört deshalb in jede Nachsorge dieser Diagnosen. HIV und immunsuppressive Therapie nach Transplantation erschweren die Ausheilung einer HPV-Infektion.

Ein persönliches oder familiäres Melanom an anderer Haut kann die Aufmerksamkeit für pigmentierte Vulvaveränderungen schärfen; das Merck Manual nennt Melanome als eigene Entität mit hoher Metastasierungsneigung, abhängig von Eindringtiefe. Kondome senken die HPV-Übertragung, schließen sie aber nicht aus, weil das Virus Haut-zu-Haut außerhalb des bedeckten Bereichs erreicht.

Nicht jede Risikokonstellation rechtfertigt Angst. Der praktische Nutzen liegt darin, Rauchen zu beenden, HPV-Impfung nach nationalem Impfkalender zu prüfen, Lichen sclerosus konsequent zu behandeln und Hautveränderungen nicht Monate lang zu beobachten. Ein Pap-Abstrich allein erkennt Vulvakrebs nicht; er bleibt wichtig für den Muttermund, ersetzt aber nicht den Blick auf die äußeren Genitalien.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Verdächtige Stellen werden biopsiert, nicht nur angesehen. Die ESGO-Leitlinie 2023 verlangt eine Stanz- oder Inzisionsbiopsie (häufig 3- bis 4-Millimeter-Keyes-Stanze in örtlicher Betäubung). Eine komplette Exzision schon zur Erstdiagnose soll unterbleiben, weil sie die Planung von Schnittrand und Wächterlymphknoten erschwert. Bei mehreren Herden wird jeder einzeln entnommen und kartiert. Die FIGO 2025 rät ebenfalls, selbst kleine Läsionen nicht vollständig zu entfernen, bevor das definitive Konzept steht.

Die Untersuchung umfasst die gesamte Vulva inklusive Klitoris, Harnröhrenmündung, Damm und Bartholin-Drüsen, dazu Tastbefund der Leisten. Kolposkopie von Muttermund und Scheide ist besonders bei jüngeren Patientinnen, HPV-assoziierter Dysplasie in der Vorgeschichte oder multifokalen Herden sinnvoll. Zytologie und HPV-Test am Muttermund ersetzen die Vulvabiopsie nicht, können aber synchrone Läsionen aufdecken.

Hat die Histologie ein invasives Karzinom bestätigt, folgt die Ausbreitungsdiagnostik. Magnetresonanztomografie hilft bei der lokalen Ausdehnung; Computertomografie von Becken und Leisten sucht vergrößerte Knoten und Knochenbeteiligung. Die Positronenemissionstomografie kombiniert mit CT kann inguinofemorale Metastasen empfindlicher anzeigen als CT allein und wird bei großen Tumoren, Verdacht auf Fernabsiedlung oder vor geplanter Exenteration erwogen. Zystoskopie und Proktoskopie klären, ob Blasen- oder Mastdarmschleimhaut befallen ist; ein solcher Verdacht muss biopsiert werden, bevor das Stadium festgeschrieben wird.

Röntgen-Thorax, Labor inklusive HIV-Test bei passender Vorgeschichte und, wo indiziert, Ultraschall der Leisten mit gezielter Punktion verdächtiger Knoten ergänzen das Bild. Die endgültige Stadieneinteilung bleibt eine Kombination aus Klinik, Bildgebung und Histologie von Vulva und Lymphknoten. Die ESGO fordert die Behandlung in einem Zentrum mit gynäkologisch-onkologischem Team; die Erkrankung ist zu selten, um sie nebenbei in einer allgemeinen Sprechstunde zu steuern.

Was bedeuten die FIGO-Stadien seit 2021?

Die FIGO hat 2021 die Stadieneinteilung des Vulvakarzinoms auf Basis von 12 063 Fällen der US-National Cancer Database (2010 bis 2017) neu geschnitten. Ältere Schemata trennten Stadium I und II vor allem nach einem Durchmesser von 2 Zentimetern. Heute bleibt Stadium I auf die Vulva begrenzt; IA verlangt Größe bis 2 Zentimeter und Stromainvasion bis 1 Millimeter, IB alles, was größer oder tiefer ist. Stadium II bedeutet Befall des unteren Drittels von Harnröhre, Scheide oder After ohne Lymphknotenmetastasen.

Stadium III bündelt entweder den Befall der oberen zwei Drittel von Harnröhre oder Scheide, der Blasen- oder Rektumschleimhaut oder regionäre Lymphknotenmetastasen. IIIA gilt bei Knotenmetastasen bis 5 Millimeter, IIIB darüber, IIIC bei Kapseldurchbruch. IVA beschreibt Fixierung am Beckenknochen oder fixierte, ulzerierte Leistenknoten; IVB Fernmetastasen. Schnittbildbefunde dürfen in das Stadium einfließen. Das war 2009 noch nicht vorgesehen. Melanome werden nach AJCC stadienbestimmt, nicht nach FIGO.

Die Invasionstiefe misst man seit 2021 von der Basalmembran der tiefsten, tumorfreien, dysplastischen Reteleiste bis zum tiefsten Invasionspunkt. Diese Definition ersetzt ältere, uneinheitliche Messungen und entscheidet, ob die Leiste überhaupt operativ angegangen werden muss. Stadium IA ohne Invasion über 1 Millimeter braucht keine Lymphknotenentfernung.

Stadium (FIGO 2021) Was beschrieben wird Orientierung 5-Jahres-Überleben
I (IA / IB) Auf die Vulva begrenzt; IA nur bei Größe ≤2 cm und Invasion ≤1 mm über 90 Prozent (Merck, 2023)
II Unteres Drittel von Harnröhre, Scheide oder After, keine Lymphknoten etwa 80 Prozent (Merck, 2023)
IIIA bis IIIC Obere Nachbarorgane oder Leistlymphknoten, IIIC mit Kapseldurchbruch 50 bis 60 Prozent (Merck, 2023)
IVA Fixiert am Beckenknochen oder fixierte, ulzerierte regionäre Knoten rund 15 Prozent für Stadium IV (Merck, 2023)
IVB Fernmetastasen rund 15 Prozent für Stadium IV (Merck, 2023)

Die Merck-Zahlen sind Orientierungen nach FIGO-Gruppen, keine individuelle Vorhersage. SEER berichtet analog nach Ausbreitung (lokal, regional, fern) und kommt für Fernmetastasen auf 20,8 Prozent relatives Fünf-Jahres-Überleben (Diagnosen 2016 bis 2022). Beide Quellen zeigen dieselbe Botschaft. Je begrenzter der Befund bei der ersten Diagnose, desto besser die statistische Aussicht.

Wie sieht die Operation heute aus?

Chirurgie bleibt die Hauptbehandlung früher Stadien, zielt aber auf Organerhalt statt auf die frühere Mitnahme von Vulva und Leisten in einem Block. Die FIGO 2025 und die ESGO 2023 empfehlen die radikal lokale Exzision des Tumors als Goldstandard früher Karzinome. Sie ist onkologisch der radikalen Vulvektomie ebenbürtig, belastet Sexualität und Körperbild aber weniger. Angestrebt werden chirurgische Ränder von 1 bis 2 Zentimetern, damit nach Schrumpfung im Paraffin mindestens etwa 8 Millimeter tumorfreier Rand bleiben; eine Metaanalyse verknüpfte Ränder unter 8 Millimetern mit höherem Lokalrezidivrisiko.

Bei Stadium IA genügt die radikale lokale Exzision ohne Leistenoperation. Ab Invasion über 1 Millimeter wird die Leiste untersucht. Für unifokale Tumoren unter 4 Zentimetern mit klinisch und bildgebend freien Leisten ist die Wächterlymphknoten-Biopsie der bevorzugte Weg. In der europäischen GROINSS-V-Studie lag das Leistenrezidiv bei negativen Wächterknoten bei 2,3 Prozent, das tumorspezifische Drei-Jahres-Überleben bei 97 Prozent, bei deutlich weniger Wundheilungsstörungen und Lymphödemen als nach kompletter Ausräumung. Technetium-99m plus Farbstoff bleibt die Referenzdetektion; Indocyaningrün mit Nahinfrarot ist eine ergänzende Option.

Seitliche Herde mit mindestens 2 Zentimetern Abstand zur Mittellinie können einseitig untersucht werden. Mittelliniennahe oder große Tumoren brauchen beidseitige Bewertung. Wird ipsilateral kein Wächterknoten gefunden, folgt die komplette inguinofemorale Dissektion dieser Seite. GROINSS-V II zeigte, dass bei Mikrometastasen bis 2 Millimeter eine Bestrahlung der Leiste eine sichere Alternative zur kompletten Ausräumung sein kann. Makrometastasen über 2 Millimeter werden weiterhin ausgeräumt, weil isolierte Leistenrezidive sonst drohen.

Die radikale Vulvektomie bleibt Ausnahmefällen vorbehalten, etwa Adenokarzinomen der Bartholin-Drüse oder sehr ausgedehnten Befunden. Laserverfahren und die Abtragung nur der obersten Hautschicht gehören vor allem zur Behandlung von Vorstufen, nicht zum Vorgehen bei invasiven Karzinomen. Rekonstruktion mit lokalen Lappen (V-Y, Rhomboid, Gluteus) kann große Defekte schließen und die Scheidenfunktion stützen. Lymphödem, Wunddehiszenz und Lymphozelen bleiben die häufigsten Preis der Leistenchirurgie; genau deshalb hat sich der Wächterknoten durchgesetzt, wo die Kriterien erfüllt sind.

Wann helfen Bestrahlung, Chemo und Immuntherapie?

Strahlentherapie kommt adjuvant nach knappem Rand, bei mehreren befallenen Leistenknoten oder bei Kapseldurchbruch, und primär, wenn eine Operation Harnröhre oder Schließmuskel opfern müsste. Die FIGO 2025 nennt nach mikroskopischem Leistenbefall üblicherweise 50 Gy in Einzeldosen von 1,8 bis 2,0 Gy; bei Kapseldurchbruch bis 60 Gy auf ein verkleinertes Volumen; bei makroskopischem Rest 60 bis 70 Gy. Intensitätsmodulierte Techniken schonern Darm, Blase, Femurkopf und unbeteiligte Haut.

Gleichzeitige Chemotherapie als Strahlensensibilisierung (häufig Cisplatin, gelegentlich Fluorouracil) hat sich an Zervix- und Analkarzinom angelehnt und kann große Tumoren vor einer sparsameren Operation verkleinern oder als definitive Therapie dienen. Das Merck Manual nennt für Stadium III oft Leistenoperation plus kombinierte Radiochemotherapie vor weiter Exzision; für Stadium IV Kombinationen aus Exenteration, Bestrahlung und Systemtherapie (Cisplatin oder Carboplatin, Paclitaxel, gegebenenfalls Bevacizumab). Die systemische Therapie bei Fernmetastasen orientiert sich laut FIGO 2025 am besser untersuchten Zervixkarzinom.

Immuncheckpoint-Hemmung ist neu gegenüber den Texten um 2018. Die NCCN-Leitlinie Version 3.2024 führt Pembrolizumab als Zweitlinienoption in ausgewählten Situationen bei PD-L1-positivem, fortgeschrittenem oder metastasiertem Vulvakarzinom. In der Kohorte KEYNOTE-158 (101 Patientinnen, mediane Nachbeobachtung 36 Monate) lag die objektive Ansprechrate bei 10,9 Prozent, das mediane progressionsfreie Überleben bei 2,1 Monaten und das Gesamtüberleben bei 6,2 Monaten. PD-L1-negative Tumoren sprachen in dieser kleinen Gruppe nicht schlechter an. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat keinen eigenen Vulva-Zusatz für Checkpoint-Hemmer zugelassen; die ESGO 2023 erlaubt die Abwägung bei ausgewählten metastasierten, nicht resektablen Fällen.

Imiquimod als Creme ist ein Immunmodulator für Vorstufen und ausgewählte intraepitheliale Läsionen, nicht die Standardtherapie eines invasiven Karzinoms. Zielgerichtete Ansätze (EGFR-Hemmung mit Erlotinib in einer Phase-2-Studie) bleiben experimentell. Palliative Bestrahlung kann Schmerzen, Blutungen und Geruch lindern, wenn Heilung nicht mehr das Ziel ist. Jede Systemtherapie gehört in ein interdisziplinäres Tumorboard, weil die Evidenz aus kleinen Kohorten stammt, nicht aus großen randomisierten Vulva-Studien.

Was senkt das Risiko, und wie läuft die Nachsorge?

Die HPV-Impfung nach den nationalen Impfempfehlungen ist die wirksamste primäre Vorbeugung HPV-abhängiger Vorstufen. Die FIGO 2025 zitiert Impfeffekte über 90 Prozent gegen nicht-zervikale Präkanzerosen der impfstoffenthaltenden Typen bei Frauen, die zuvor nicht infiziert waren. Der neunvalente Impfstoff deckt unter anderem die Typen 16, 18, 31 und 33 ab, die bei VHSIL und HPV-assoziiertem Vulvakarzinom dominieren. Gegen dVIN und Lichen sclerosus schützt die Impfung nicht. Rauchstopp senkt das Risiko HPV-assoziierter Läsionen zusätzlich.

Ein vulvaspezifisches Screening gibt es nicht. Sinnvoll sind Selbstuntersuchung bei bekanntem Lichen sclerosus, frühe Biopsie bei chronischem Juckreiz oder unregelmäßigen Geschwüren und die Mitbeurteilung der Vulva, wenn bereits SIL an Muttermund, Scheide oder After besteht. Kondome können HPV-Übertragung verringern, ersetzen Impfung und Hautkontrolle aber nicht.

Nach abgeschlossener Behandlung empfiehlt Mayo Clinic in den ersten zwei Jahren in der Regel zwei- bis vier Kontrollen jährlich, weil Lokalrezidive in diesem Fenster am häufigsten auftreten. Die FIGO 2025 sieht typischerweise alle drei bis sechs Monate in den ersten zwei Jahren, danach alle sechs bis zwölf Monate bis Jahr fünf, anschließend lebenslange jährliche Inspektion. Viele „Rezidive“ an entfernter Vulvahaut sind zweite Primärtumoren in einem Feld aus HSIL, Lichen oder dVIN. Psychosexuelle Beratung soll von der Diagnose an angeboten werden, nicht erst wenn Fragen zur Kohabitation oder zum Körperbild auftauchen.

Häufige Fragen

Ist Vulvakrebs heilbar?

Im begrenzten Stadium kann eine vollständige operative Entfernung mit tumorfreien Rändern langfristige Tumorfreiheit ermöglichen. Relative Fünf-Jahres-Überlebensraten um 85 Prozent bei lokal begrenzter Erkrankung (SEER, 2016 bis 2022) beschreiben Gruppen, keine Garantie für die einzelne Person. Fernmetastasen lassen sich mit den heutigen Medikamenten meist nicht dauerhaft beseitigen; dann stehen Lebensqualität, Symptomkontrolle und ausgewählte Systemtherapien im Vordergrund.

Gibt es eine Früherkennung wie beim Gebärmutterhals?

Nein. Es gibt kein etabliertes Reihenuntersuchungsprogramm für die Vulva. Der Pap-Abstrich zielt auf Muttermundzellen und entdeckt Vulvakrebs nicht zuverlässig. Was hilft, ist die Inspektion bei Beschwerden, die Biopsie jeder unklaren Stelle und die konsequente Behandlung von VHSIL, dVIN und Lichen sclerosus.

Wie schnell wächst ein Vulvakarzinom?

Plattenepithelkarzinome entwickeln sich oft über Jahre aus Vorstufen, können aber bei dVIN auch rascher invasiv werden. Melanome streuen früher. Ein offenes Geschwür, das länger als einen Monat besteht, oder ein Leistenknoten sollten nicht auf „langsames Wachstum“ vertrösten, sondern biopsiert werden.

Kann die HPV-Impfung Vulvakrebs verhindern?

Die Impfung kann HPV-abhängige Vorstufen und damit einen Teil der späteren Karzinome verhindern, wenn sie vor der Infektion mit den Impftypen erfolgt. Sie wirkt nicht gegen den HPV-unabhängigen Weg über Lichen sclerosus und dVIN. Nach bereits bestehender Läsion ist der Nutzen als Rückfallprophylaxe noch nicht sicher belegt.

Wann muss die ganze Vulva entfernt werden?

Bei den meisten frühen Tumoren reicht eine radikale lokale Exzision mit Sicherheitsabstand. Die komplette radikale Vulvektomie bleibt ausgedehnten Befunden, bestimmten Drüsentumoren oder Situationen vorbehalten, in denen sparsame Schnitte tumorfreie Ränder nicht erreichen. Vorher wird oft Radiochemotherapie geprüft, um Organe zu erhalten.

Kommt der Krebs nach der Operation zurück?

Lokale Rückfälle häufen sich in den ersten zwei Jahren; Vorstufen rezidivieren in bis zu 30 bis 40 Prozent. Deshalb bleiben lebenslange Hautkontrollen sinnvoll. Ein Rückfall in der Leiste hat eine ungünstigere Prognose als ein isolierter Vulvabefund und wird nach Möglichkeit in einem Zentrum behandelt.

Fazit

Wer Juckreiz, einen Knoten, ein Geschwür oder eine atypische Blutung an der Vulva bemerkt, sollte die Stelle zeitnah gynäkologisch zeigen lassen, statt Salben über Monate zu wechseln. Die Biopsie klärt, ob eine Vorstufe, ein Plattenepithelkarzinom, ein Melanom oder ein Morbus Paget vorliegt. Seit 2021 steuert die FIGO-Klassifikation Therapieentscheidungen klarer als das alte, vor allem größenbasierte Schema; Bildgebung und Invasionstiefe zählen mit.

Für frühe, unifokale Tumoren unter 4 Zentimetern hat sich die Wächterlymphknoten-Biopsie als Standard etabliert und erspart vielen Frauen das Lymphödem einer kompletten Leistenausräumung. Fortgeschrittene Befunde brauchen Radiochemotherapie, gelegentlich Systemtherapie, in ausgewählten Fällen Pembrolizumab nach NCCN-Kriterien. Heilungsversprechen gehören nicht in diese Beratung. Was morgen zählt, ist der Termin zur Untersuchung, die HPV-Impfung nach Kalender, der Rauchstopp und bei Lichen sclerosus die konsequente Kortisontherapie plus Hautkontrolle.

Quellen

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