
Ein Schwangerschaftsabbruch erhöht nach der britischen Leitlinie NICE NG140 (2019, zuletzt geprüft im Mai 2025) das Risiko für eine psychische Erkrankung nicht. Trauer, Erleichterung, Schuld oder Leere können trotzdem auftreten; halten Niedergeschlagenheit oder Freudlosigkeit die meiste Zeit über mindestens zwei Wochen an und stören Alltag, Arbeit oder Schlaf, kann eine behandlungsbedürftige Depression vorliegen.
Die amerikanische Turnaway-Kohorte von Biggs und Kollegen in JAMA Psychiatry (2017) verfolgte 956 Frauen fünf Jahre. Wer einen gewünschten Abbruch erhielt, hatte danach keine höheren Depressionswerte als Frauen, denen der Eingriff knapp oberhalb der Klinikgrenze verweigert wurde. In der ersten Woche nach der Absage lagen Angst höher und Selbstwert sowie Lebenszufriedenheit niedriger. Beide Gruppen glichen sich später an. Das widerspricht der älteren Behauptung, der Eingriff selbst erzeuge eine eigene Depressionskrankheit.
Verursacht ein Schwangerschaftsabbruch eine Depression?
Nein. Die belastbareren Vergleichsstudien und die aktuellen Leitlinien sehen den Abbruch nicht als eigenständige Ursache einer depressiven Störung. Der stärkste Vorhersagewert bleibt die psychische Vorgeschichte, dazu kommen Stigma, eine schwere Entscheidung und fehlende Unterstützung.
NICE NG140 fordert ausdrücklich, Frauen zu beruhigen. Ein Abbruch sei nicht mit einem erhöhten Risiko für Unfruchtbarkeit, Brustkrebs oder psychische Probleme verbunden. Die Weltgesundheitsorganisation hält in der Abortion care guideline (2022) Beratung für freiwillig und nicht direktiv; eine Pflichtberatung vor dem Eingriff lehnt NICE ab. Ältere politische Vorgaben in einzelnen Ländern, die vor einer seelischen Schädigung warnen mussten, stehen damit im Widerspruch zur Leitlinie von 2019.
Die American Psychological Association fasste im Monitor on Psychology (September 2022) mehr als fünfzig Jahre internationale Forschung zusammen. Ein gewünschter, legaler Abbruch ist danach nicht mit einer späteren psychischen Erkrankung verknüpft. Bereits 2008 hatte die APA-Taskforce berichtet, dass ein einmaliger Abbruch im ersten Drittel einer ungewollten Schwangerschaft das Risiko nicht stärker erhöht als das Austragen derselben Schwangerschaft. Neu gegenüber älteren Ratgebern ist vor allem die Vergleichsgruppe. Es geht nicht um „alle Gebärenden“, sondern um Frauen mit ungewollter Schwangerschaft, die den Abbruch wollten.
Die Turnaway-Daten präzisieren den zeitlichen Verlauf. Depressive Symptome fielen in beiden Gruppen, sie stiegen nach dem Abbruch nicht an. Wer den Eingriff nicht erhielt, hatte anfangs mehr Angst. Nach etwa einem Jahr liefen die Kurven zusammen. Das passt zu einem belastenden Lebensereignis, nicht zu einem Trauma, das erst Jahre später eine eigene Krankheit auslöst.
Eine globale Metaanalyse von Gebeyehu und Kollegen in BMC Psychiatry (2023) schätzte die gepoolte Häufigkeit depressiver Symptome nach einem Schwangerschaftsende auf 34,5 Prozent (15 Studien, 18.207 Personen). Die Heterogenität war hoch, die Suchbegriffe mischten Fehlgeburt und induzierten Abbruch, Querschnitte lagen höher als Kohorten (36,4 gegenüber 22,7 Prozent). Die Zahl beschreibt also Screening-Treffer nach sehr unterschiedlichen Ereignissen, keinen kausalen Anteil des Abbruchs.
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Welche Gefühle nach einem Abbruch sind üblich?
Ein Gefühlsgemisch ist nach NICE die Regel, nicht die Ausnahme. Erleichterung steht in Längsschnitten oft vorn, Sadness, Schuld oder Reue können daneben bestehen, ohne dass daraus eine Depression folgen muss.
Rocca und Kollegen werteten in Social Science & Medicine (2020) fünf Jahre Nachbefragung von 667 Frauen der Turnaway-Kohorte aus. Die Einschätzung, die Entscheidung sei richtig gewesen, lag eine Woche nach dem Abbruch bei 97,5 Prozent und nach fünf Jahren bei 99 Prozent. Erleichterung blieb die häufigste Emotion. Positive und negative Gefühle sanken in den ersten zwei Jahren und flachten danach ab. Es tauchte keine verspätete Reuewelle auf, die den Eingriff selbst als späten Auslöser belegt hätte.
Schwierige Entscheidungen und wahrgenommenes Stigma in der Umgebung sagten negative Gefühle voraus, auch Jahre später. Der Eingriff als solcher erklärte die Unterschiede nicht. Wer in einem Umfeld lebt, das den Abbruch moralisch brandmarkt, oder wer die Wahl als aufgezwungen erlebt hat, trägt deshalb ein anderes Risiko als jemand, der sich sicher fühlte und Unterstützung hatte.
NICE nennt als mögliche Anlaufstellen Familie, Freundeskreis, seelsorgerische Gespräche, Peer-Gruppen und auf Wunsch eine Beratung oder Psychotherapie. Anbieter sollen sagen, dass emotionale Hilfe verfügbar ist, und auf Wunsch überweisen. Zwang, „darüber reden zu müssen“, gehört nicht zur Leitlinie. Manche Frauen wollen den Vorgang abschließen und brauchen keine Sitzung; andere brauchen genau das Gespräch, das ihnen zu Hause fehlt.
Körperliche Nachwirkungen – Blutung, Krämpfe, Müdigkeit – können die Stimmung in den ersten Tagen zusätzlich belasten. Das ist keine Diagnose. Erst wenn die gedrückte Stimmung die meiste Zeit des Tages füllt und Alltagshandlungen schwerfallen, verschiebt sich die Lage von einer normalen Reaktion zu einer möglichen depressiven Episode.
Wo endet Trauer und wo beginnt eine Depression?
Trauer nach einem Verlust kommt in Wellen und lässt dazwischen Raum für Alltag oder sogar Erleichterung. Eine Major Depression hält die gedrückte Stimmung oder den Verlust von Interesse die meiste Zeit, fast täglich, über mindestens zwei Wochen und verändert Arbeit, Schlaf oder Beziehungen spürbar.
Die American Psychiatric Association (Stand April 2024) grenzt beides klar. In der Trauer bleibt der Selbstwert oft erhalten, schmerzhafte Phasen mischen sich mit anderen Erinnerungen. In der Depression sind Wertlosigkeit und Selbstverachtung häufig, das Interesse an zuvor wichtigen Tätigkeiten bleibt flach. Gedanken an den Tod in der Trauer können sich um das Verlorene drehen; in der Depression oft um das Gefühl, das Leben nicht mehr aushalten zu können. Beide Zustände können sich überlappen. Dann dauert die Trauer länger und wird schwerer.
Mayo Clinic (Aktualisierung 14. März 2026) listet typische Zeichen einer depressiven Episode. Dazu gehören anhaltende Traurigkeit oder Leere, Reizbarkeit, Schlafstörung, Erschöpfung, Appetit- oder Gewichtsänderung, Konzentrationsschwäche, übermäßige Schuld, Rückzug, körperliche Schmerzen ohne klare Ursache sowie wiederkehrende Todes- oder Suizidgedanken. Ein einzelnes weinerliches Wochenende nach dem Eingriff erfüllt das Bild nicht. Mehrere dieser Punkte, an den meisten Tagen, über zwei Wochen, schon.
Die APA verlangt für die Diagnose zusätzlich, dass mindestens eines der Kernmerkmale gedrückte Stimmung oder Interessenverlust ist. Ein Arzt oder eine Ärztin prüft außerdem Schilddrüse, Medikamente, Alkohol und andere körperliche Ursachen, weil sie dasselbe Bild erzeugen können. Die Unterscheidung ist keine Haarspalterei. Trauer braucht Zeit und oft ein Gegenüber, eine Depression braucht ein Behandlungsangebot.
Was ist das sogenannte Post-Abortion-Syndrom?
Ein Post-Abortion-Syndrom ist keine anerkannte Diagnose. Weder das DSM-5 der American Psychiatric Association noch NICE, WHO oder die APA-Taskforce führen es als eigene Krankheit.
Speckhard und Rue prägten den Begriff in den 1990er-Jahren als Sonderform einer posttraumatischen Belastungsstörung mit Flashbacks, Verleugnung, Scham und Sucht. Die APA-Taskforce 2008 hielt fest, dass die ursprüngliche Fallserie Frauen rekrutierte, die den Abbruch bereits als hochbelastend bewerteten; viele hatten späte Eingriffe oder illegale Abbrüche. Eine solche Stichprobe beschreibt nicht die typische Versorgung. PAS steht bis heute nicht im diagnostischen Manual.
Das heißt nicht, dass niemand nach einem Abbruch eine posttraumatische Symptomatik entwickeln kann. Gewalt in der Vorgeschichte, ein erzwungener Eingriff, medizinische Komplikationen oder eine sehr späte, ungewollte Beendigung können eine Belastungsreaktion bahnen. Selten ist das. Die Turnaway-Arbeiten fanden kein erhöhtes PTSD-Muster, das den Abbruch selbst als Trauma ausweist. Wer Albträume, Vermeidung von Kliniken, anhaltendes Wiedererleben und Hypervigilanz hat, braucht eine fachliche Abklärung – unter dem Namen der tatsächlich vorliegenden Störung, nicht unter einem Lobbybegriff.
Wer trägt nach einem Abbruch ein höheres Risiko?
Das höchste Risiko für eine spätere Depression trägt, wer schon vor der Schwangerschaft eine psychische Erkrankung hatte. Stigma, eine als aufgezwungen erlebte Entscheidung, Gewalt, Armut und fehlende Unterstützung kommen hinzu. Der Abbruch allein sortiert die Gruppen in den besseren Studien nicht.
Die APA-Taskforce 2008 nannte Armut, Gewalt- oder Missbrauchserleben, frühere psychische Probleme, Substanzkonsum und eine zuvor ungewollte Geburt als Faktoren, die nach jedem Ausgang einer ungewollten Schwangerschaft das Risiko erhöhen können. Rocca 2020 zeigt ergänzend, dass wer die Wahl als schwer erlebt und in der Umgebung Abbruchstigma wahrnimmt, später häufiger negative Emotionen berichtet. Partnerdruck oder das Gefühl, „die richtige Entscheidung anderen zuliebe“ getroffen zu haben, gehören in dieselbe Ecke.
Verweigerter Zugang verschlechtert die Lage kurzfristig. In der Turnaway-Studie hatten abgewiesene Frauen in der ersten Woche mehr Angst und geringeren Selbstwert. Biggs und Kollegen prüften in The American Journal of Psychiatry (2018) Suizidgedanken über fünf Jahre. Eine Woche nach dem Klinikbesuch lagen sie bei 1,9 Prozent nach erfolgtem Abbruch und bei 1,3 Prozent nach Absage und Geburt. Über 7247 Beobachtungen waren vier unmittelbar suizidal (0,06 Prozent). Zwischen den Gruppen bestand kein signifikanter Unterschied. Gesetze, die vor einem erhöhten Suizidrisiko durch den Abbruch warnen müssen, haben dafür keine Evidenz.
Genetik und Lebensereignisse bleiben allgemeine Risikofaktoren. Die APA nennt bei eineiigen Zwillingen eine Konkordanz um 70 Prozent, wenn ein Zwilling erkrankt. Trennung, Verlust, chronischer Stress und weibliches Geschlecht erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Episode, unabhängig vom Abbruch. Wer mehrere dieser Lagen stapelt, sollte nach dem Eingriff früher nachfragen, nicht länger warten.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?
Zum Hausarzt oder in die psychiatrische Sprechstunde, wenn gedrückte Stimmung oder Freudlosigkeit die meiste Zeit über zwei Wochen anhält oder der Alltag bröckelt. In die Notaufnahme oder den Notruf 112, wenn Suizidpläne, Selbstverletzung oder die Unfähigkeit, für sich zu sorgen, bestehen.
Mayo Clinic rät, bei depressiven Beschwerden nicht zu warten, bis „es von selbst vorbeigeht“. NHS England (Seite zuletzt geprüft 5. Juli 2023) schreibt dasselbe. Je früher die Klärung, desto eher startet eine passende Hilfe. Viele Betroffene zögern aus Scham, gerade nach einem Abbruch, über den sie nicht sprechen wollen. Scham ändert die Schwelle nicht.
| Lage | Was sie anzeigt | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Gemischte Gefühle in den ersten Tagen | Häufige Reaktion, NICE NG140 | Beobachtung, Gespräch mit Vertrauten |
| Niedergeschlagenheit fast täglich über zwei Wochen | DSM-Schwelle einer Episode, APA 2024 | Termin beim Hausarzt oder in der Praxis |
| Alltag, Arbeit oder Schlaf brechen ein | Klinisch relevante Depression möglich | Zeitnahe Abklärung, Therapieplanung |
| Vorerkrankung, Gewalt, starkes Stigma | Höheres Risiko, APA 2008 und Rocca 2020 | Früher nachhaken, nicht abwarten |
| Neue oder stärkere Suizidgedanken unter Tabletten | FDA-Warnhinweis, besonders unter 25 Jahren | Sofort Arzt, bei Gefahr 112 |
| Konkreter Plan, Selbstverletzung, akute Hoffnungslosigkeit | Notfall, Mayo Clinic 2026 | 112, nicht allein lassen |
In Deutschland erreicht die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 rund um die Uhr; der ärztliche Bereitschaftsdienst läuft über 116 117. Das ersetzt keine Diagnostik, überbrückt aber die Nacht, in der niemand in der Praxis sitzt. Wer eine nahestehende Person in akuter Gefahr sieht, bleibt bei ihr und holt Hilfe, statt zu diskutieren, ob „das nach einem Abbruch normal“ sei.
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Welche Behandlung hilft bei einer Depression?
Dieselbe, die bei einer Depression ohne Abbruch greift. Gesprächsverfahren, bei mittlerer oder schwerer Episode oft plus Antidepressivum, dazu Bewegung und Schlafhygiene. Es gibt kein eigenes „Abbruch-Protokoll“ und keine Garantie, dass ein bestimmtes Verfahren bei jeder Person anschlägt.
NICE NG222 (29. Juni 2022) trennt weniger schwere und schwerere Verläufe. Bei leichterer Symptomatik stehen angeleitete Selbsthilfe, Verhaltensaktivierung, Gruppenangebote und kognitive Verhaltenstherapie vorn; ein Antidepressivum ist dort nicht automatisch der erste Schritt, außer die Person wünscht es oder hat zuvor gut darauf angesprochen. Bei schwererer Depression empfiehlt die Leitlinie die Kombination aus individueller KVT und einem Antidepressivum. NHS beschreibt KVT typischerweise als 8 bis 16 Sitzungen, einzeln oder in der Gruppe.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind laut NHS meist die erste medikamentöse Wahl, etwa Sertralin, Fluoxetin, Citalopram oder Paroxetin. Die APA (2024) schreibt, erste Besserung könne in ein bis zwei Wochen kommen, die volle Wirkung oft erst nach zwei bis drei Monaten. NHS erwartet eine spürbare Änderung häufig innerhalb von vier Wochen. NICE verlangt eine Kontrolle meist innerhalb von zwei Wochen, nach einer Woche bei Personen von 18 bis 25 Jahren oder bei Suizidrisiko. Wirkt das Mittel, soll es nach Abklingen der Symptome in der Regel mindestens sechs Monate weiterlaufen (NICE); NHS nennt vier bis sechs Monate.
Mayo Clinic und NHS warnen vor dem plötzlichen Absetzen. Entzugsähnliche Beschwerden und ein Rückfall sind möglich. Die Dosis wird mit der Praxis schrittweise gesenkt. Die US-Zulassungsbehörde FDA verlangt für alle Antidepressiva einen Kastenhinweis. Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unter 25 Jahren können Suizidgedanken in den ersten Wochen oder nach Dosisänderung zunehmen. Jede Person mit neuen Hoffnungslosigkeitsgefühlen unter der Tablette muss die Praxis sofort erreichen.
Johanniskraut empfiehlt der NHS nicht. Die Wirkstoffmenge schwankt zwischen Chargen, und das Kraut kann die Pille und andere Arzneimittel abschwächen. Achtsamkeitsgruppen nennt NICE als Option bei weniger schwerer Depression, nicht als Ersatz für eine mittelschwere Episode. Elektrokonvulsion und andere Stimulationsverfahren bleiben der schweren, sonst unbehandelbaren Depression vorbehalten.
Was stützt die Stimmung im Alltag?
Bewegung, Schlaf, weniger Alkohol und ein verlässliches Gegenüber können Symptome lindern. Sie ersetzen weder Diagnose noch Therapie, wenn die Zwei-Wochen-Schwelle überschritten ist.
NHS nennt Bewegung ausdrücklich als eine der Hauptstützen bei leichter Depression; Gruppenprogramme sind vorgesehen. Mayo Clinic zählt Schlaf, körperliche Aktivität und die Behandlung begleitender Krankheiten zu den ersten Schritten. Die APA nennt regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Kost und den Verzicht auf Alkohol, weil Alkohol selbst dämpft. Keines dieser Mittel heilt eine schwere Episode.
Praktisch hilft, was den Tag wieder strukturiert, ohne Heldentum zu verlangen.
- Täglich eine kurze, planbare Bewegungseinheit, etwa ein zügiger Spaziergang von zwanzig bis dreißig Minuten, weil NHS Bewegung als wirksame Stütze bei leichter Depression führt.
- Feste Schlafzeiten und der Verzicht auf Alkohol als Schlafmittel, weil Alkohol die Stimmung am Folgetag senken kann.
- Ein Mensch, der vom Abbruch weiß und nicht bewertet, weil Stigma in der Rocca-Analyse negative Emotionen vorhersagte.
- Die Klinik oder Praxis, die den Eingriff durchgeführt hat, um die von NICE vorgesehene emotionale Nachsorge einzufordern, falls sie nicht von selbst angeboten wurde.
Wer bereits ein Antidepressivum nimmt oder in Therapie ist, soll beides nicht absetzen, nur weil die Stimmung an einzelnen Tagen leichter wird. Rückfälle gehören zum Verlauf; NICE und APA sehen bei früheren Episoden längere Erhaltungstherapie vor.
Unterscheidet sich die Trauer nach Fehlgeburt und Abbruch?
Beides kann Trauer auslösen, die Vergleichsgruppen und die Bedeutung der Entscheidung sind aber verschieden. Eine Fehlgeburt beendet eine meist gewünschte Schwangerschaft gegen den Willen; ein Abbruch beendet eine Schwangerschaft, die die Person nicht fortsetzen wollte oder konnte.
Die Gebeyehu-Meta 2023 vermengt beide Lagen in der Suche. Deshalb darf ihre 34,5-Prozent-Zahl nicht als Rate „der Depression durch Abtreibung“ gelesen werden. Nach einer Fehlgeburt beschreiben klinische Übersichten häufig eine Trauer um ein erwartetes Kind und um eine Zukunft, die schon geplant war. Nach einem Abbruch mischt sich oft Erleichterung mit Ambivalenz. Rocca 2020 fand Erleichterung als dauerhaft häufigste Emotion; das ist kein typisches Fehlgeburtsmuster.
NICE hält fest, dass ein Abbruch nicht mit späteren psychischen Erkrankungen assoziiert ist. Für die Fehlgeburt gelten andere Leitlinien zur Nachsorge, inklusive der Frage nach einer peripartalen Depression in einer Folgeschwangerschaft. Wer beides erlebt hat, braucht keine Rangordnung des Schmerzes, sondern eine genaue Anamnese. War die Schwangerschaft gewollt? War die Entscheidung frei? Gibt es eine Vorerkrankung? Ohne diese Fragen klebt ein falsches Etikett auf beiden Situationen.
Häufige Fragen
Verursacht eine Abtreibung eine Depression?
Nein, nach NICE NG140 und der APA-Zusammenfassung 2022 ist ein gewünschter Abbruch nicht mit einem erhöhten Risiko für eine psychische Erkrankung verbunden. Depressive Episoden kommen in der Bevölkerung vor und häufen sich bei Vorerkrankung, Stigma und fehlender Unterstützung. Die Turnaway-Studie fand nach dem Abbruch keine höheren Depressionswerte als nach einer verweigerten Behandlung.
Existiert ein Post-Abortion-Syndrom?
Nein als eigene Krankheit. PAS steht nicht im DSM und wird von den großen Fachgesellschaften nicht als Diagnose geführt. Einzelne Frauen können nach einem belastenden Verlauf eine Depression, eine Angststörung oder selten eine posttraumatische Symptomatik entwickeln. Das begründet eine Behandlung der vorliegenden Störung, nicht die Annahme eines Syndroms, das jeder Abbruch auslöst.
Wie lange bleiben Trauer und Schuld nach dem Abbruch?
In der Rocca-Kohorte sanken positive und negative Gefühle in den ersten zwei Jahren und blieben danach flach; Erleichterung blieb vorn, die Einschätzung „richtige Entscheidung“ hoch. Einzelne Wellen an Jahrestagen sind möglich, ohne dass eine Depression vorliegt. Dauern gedrückte Stimmung oder Freudlosigkeit über zwei Wochen fast täglich an, ist die APA-Schwelle für eine Abklärung erreicht.
Brauche ich nach einem Abbruch automatisch Antidepressiva?
Nein. NICE NG222 setzt bei weniger schwerer Depression zuerst auf Gesprächsverfahren, angeleitete Selbsthilfe und Bewegung. Tabletten kommen hinzu, wenn die Episode mittelschwer oder schwer ist, die Person sie wünscht oder frühere Episoden darauf angesprochen haben. Die Wahl trifft die behandelnde Praxis gemeinsam mit der betroffenen Person, nicht ein pauschales Schema „nach Abbruch“.
Hilft Sport allein gegen die Niedergeschlagenheit?
Bewegung kann laut NHS bei leichter Depression Symptome senken und ist dort eine der Hauptstützen. Bei mittlerer oder schwerer Episode reicht sie nicht als alleinige Behandlung. Wer sich kaum noch aus dem Bett bringt, braucht zuerst eine ärztliche Einschätzung, nicht nur einen Trainingsplan.
Was tun bei Suizidgedanken nach dem Abbruch?
Das ist ein Notfall, unabhängig davon, ob der Abbruch Tage oder Jahre zurückliegt. In akuter Gefahr 112 wählen oder die nächste Notaufnahme aufsuchen. Die Turnaway-Auswertung 2018 fand Suizidgedanken nach Abbruch und nach Absage gleich selten; der Eingriff erklärt sie nicht, die Gefährdung bleibt trotzdem ernst.
![[Frau spricht mit Therapeuten]](https://demedbook.com/images/1/how-to-cope-with-depression-after-abortion_3.jpg)
Fazit
Ein Abbruch ist ein Einschnitt, aber nach NICE, WHO, APA und der Turnaway-Kohorte keine eigenständige Depressionsursache. Was die Stimmung in den Monaten danach prägt, sind Vorerkrankung, wie frei die Entscheidung war, ob das Umfeld verurteilt, und ob jemand zuhört. Erleichterung und Trauer dürfen nebeneinander stehen.
Wer merkt, dass der Tag über zwei Wochen flach bleibt, Schlaf und Arbeit kippen oder Gedanken an den Tod Raum greifen, holt sich dieselbe Hilfe wie bei jeder anderen Depression. Hausarzt, Fachpraxis, bei Gefahr 112. KVT, bei Bedarf ein SSRI unter Kontrolle, Bewegung und ein nicht wertendes Gegenüber sind die belegte Linie, nicht ein Kräuterversuch und nicht eine Pflichtberatung.
Morgen reicht oft schon der Anruf in der Praxis, die den Eingriff durchgeführt hat, oder beim Hausarzt. Die Frage lautet nicht, ob der Abbruch „erlaubt“ hat, traurig zu sein. Die Frage lautet, ob die Trauer noch in Wellen kommt – oder ob sie den ganzen Tag füllt.
Quellen
- National Institute for Health and Care Excellence: Abortion care. NICE guideline NG140. National Institute for Health and Care Excellence, 25. September 2019, zuletzt geprüft 27. Mai 2025.
- National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
- Biggs MA, Upadhyay UD et al.: Women’s Mental Health and Well-being 5 Years After Receiving or Being Denied an Abortion. JAMA Psychiatry, 1. Februar 2017.
- Rocca CH, Samari G et al.: Emotions and decision rightness over five years following an abortion: An examination of decision difficulty and abortion stigma. Social Science & Medicine, März 2020.
- Biggs MA, Gould H et al.: Five-Year Suicidal Ideation Trajectories Among Women Receiving or Being Denied an Abortion. American Journal of Psychiatry, 1. September 2018.
- Gebeyehu NA, Tegegne KD et al.: Global prevalence of post-abortion depression: systematic review and Meta-analysis. BMC Psychiatry, 26. Oktober 2023.
- American Psychological Association: The facts about abortion and mental health. Monitor on Psychology, September 2022.
- Mayo Clinic Staff: Depression (major depressive disorder) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 14. März 2026.
- National Health Service: Treatment – Depression in adults. National Health Service, 5. Juli 2023.
- American Psychiatric Association: What Is Depression?. American Psychiatric Association, April 2024.
- World Health Organization: Abortion care guideline. World Health Organization, 2022.
