
Hochreine Steviolglykoside heben den Blutzucker selbst nicht an und ersetzen Haushaltszucker fast ohne Kalorien. Als eigenständiges Diabetesmittel senken sie den Langzeitzuckerwert HbA1c in zusammengefassten Studien nicht zuverlässig.
Wer Zucker in Kaffee, Joghurt oder Limonade durch ein zugelassenes Stevia-Erzeugnis tauscht, spart Kohlenhydrate. Das ist der belastbare Nutzen. Die Hoffnung, der Süßstoff wirke wie ein Insulinverstärker und schütze vor Typ-2-Diabetes, stammt vor allem aus Zell- und Mausversuchen von 2017. Dieselbe Forschungsgruppe prüfte 2022 eine hohe Einzeldosis Rebaudiosid A bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und fand keinen Unterschied zu Placebo im oralen Glukosetoleranztest.
Zwei Leitlinien seit 2023 ziehen die praktische Linie. Die Weltgesundheitsorganisation rät der Allgemeinbevölkerung, Süßstoffe ohne Zucker nicht zur Gewichtskontrolle oder zur Vorbeugung chronischer Krankheiten zu nutzen; Menschen mit bestehendem Diabetes nimmt sie von dieser Aussage ausdrücklich aus. Die American Diabetes Association stellt 2025 Wasser vor gesüßte Getränke und erlaubt nicht nahrhafte Süßstoffe nur maßvoll und auf Zeit, wenn sie zuckerhaltige Produkte ersetzen.
Was in Stevia steckt und wie der Körper sie abbaut
Zulässig als Süßstoff sind hochreine Steviolglykoside aus den Blättern von Stevia rebaudiana oder aus Fermentation, nicht das ganze Blatt und nicht der Rohauszug. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat viele Meldungen zu Gemischen mit mindestens 95 Prozent Reinheit geprüft und die Schlussfolgerung „allgemein als sicher anerkannt“ nicht beanstandet; Blätter und grobe Extrakte gelten dort nicht als sicher und unterliegen einem Importverbot.
Die Süße kommt von Glykosiden wie Steviosid und Rebaudiosid A. Sie schmecken laut FDA etwa 200- bis 400-mal intensiver als Saccharose, deshalb reicht eine kleine Menge. Im Dünndarm spalten menschliche Enzyme diese Moleküle kaum. Darmbakterien entfernen die Zuckerreste, Steviol wird aufgenommen, in der Leber an Glucuronsäure gekoppelt und über den Urin ausgeschieden. Kalorien aus den Glykosiden selbst bleiben damit praktisch aus.
Fertigprodukte heißen oft „Stevia“, enthalten aber Trägerstoffe. Maltodextrin, Dextrose oder Zuckeralkohole können den Blutzucker oder den Darm belasten, obwohl das Glykosid selbst neutral bleibt. Die Mayo Clinic betont genau das: Der Süßstoff ändert den Blutzucker nicht, andere Zutaten derselben Packung können ihn sehr wohl beeinflussen. Wer misst, sollte die Zutatenliste lesen, nicht nur das grüne Päckchen.
In der Europäischen Union laufen die zugelassenen Glykoside unter der Nummer E 960. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2024 geprüft, ob die akzeptable tägliche Aufnahmemenge von 4 Milligramm Steviol-Äquivalenten pro Kilogramm Körpergewicht auf 6 oder 16 Milligramm steigen darf, und hat das abgelehnt. Für den Alltag bleibt die alte Grenze.
![[Steviablatt und ein Teelöffel Stevia]](https://demedbook.com/images/2/how-stevia-may-help-to-control-blood-sugar.jpg)
Senkt Stevia den Blutzucker wirklich?
Stevia senkt den Blutzucker nicht wie ein Diabetesmedikament. Der unmittelbare Effekt ist, dass kein Haushaltszucker in die Messung eingeht; ein zusätzlicher pharmakologischer Abfall bleibt in belastbaren Versuchen klein oder aus.
Eine Metaanalyse von Zare und Kollegen in Diabetes & Metabolic Syndrome (Juli 2024) fasste 26 Arbeiten mit 1439 Teilnehmenden zusammen. Der gepoolte Nüchternwert lag um 3,84 Milligramm pro Deziliter niedriger als in den Kontrollgruppen (95-Prozent-Konfidenzintervall −7,15 bis −0,53). Insulinspiegel und HbA1c änderten sich nicht. Die Autorinnen und Autoren stuften die Sicherheit der Evidenz als niedrig ein. In Untergruppen war der Nüchternabfall eher bei höherem Body-Mass-Index, bei Diabetes oder Bluthochdruck sichtbar, und eher in Zeiträumen unter etwa vier Monaten.
Drei bis vier Milligramm pro Deziliter sind labortechnisch messbar und klinisch oft unerheblich. Ein Langzeitzuckerwert, der Therapieentscheidungen trägt, bewegt sich damit nicht. Wer Tabletten oder Insulin anpasst, braucht andere Hebel: Kohlenhydratmenge, Bewegung, Schlaf und die verordnete Therapie.
Der Cochrane-Review von Lohner und Kollegen (2020) prüfte nicht nahrhafte Süßstoffe insgesamt bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Neun randomisierte Versuche mit 979 Personen, Laufzeit vier bis zehn Monate, zeigten gegen Placebo keinen Unterschied im HbA1c (Mittelwertdifferenz 0 Prozent, Konfidenzintervall −0,1 bis 0,1) und keinen belastbaren Gewichtsunterschied. Die Evidenzsicherheit war sehr niedrig, die Studien klein, die Randomisierung oft unklar. Stevia allein trug nur einen Teil dieser Daten. Das Muster passt trotzdem: Süßstoff statt Zucker ist kein Ersatz für Diabetestherapie.
Ältere Einzelversuche mit hohen Steviosid-Dosen oder Blattpulver berichteten stärkere Glukoseabfälle. Sie sind klein, schlecht verblindet oder messen Blattmaterial, das Regulatoren nicht als Lebensmittelzutat zulassen. Solche Befunde darf man nicht auf ein Päckchen im Kaffee übertragen.
Warum der HbA1c oft unverändert bleibt
Der HbA1c spiegelt die mittleren Glukosewerte der vergangenen zwei bis drei Monate. Ein Süßstoff, der nach dem Essen keinen eigenen Zucker liefert, ändert diesen Mittelwert nur, wenn er wirklich große Zuckermengen ersetzt und nicht durch andere Kohlenhydrate wettgemacht wird.
Viele Versuche geben Kapseln oder Tropfen zusätzlich zur üblichen Kost. Dann fehlt der Ersatz. Andere tauschen ein Getränk, während Kuchen, Saft und Weißbrot bleiben. Der Nüchternwert kann um wenige Milligramm schwanken, der HbA1c bleibt stehen. Genau dieses Bild zeichnen die Metaanalyse von 2024 und der Cochrane-Review von 2020.
Dazu kommt die Dosis. Zare und Kollegen fanden in einer Dosis-Wirkungs-Auswertung erst ab sehr hohen Tagesmengen (genannt wurden 3342 Milligramm Stevia) einen klareren Glukoseabfall. Übliche Päckchen liegen weit darunter. Solche Versuchsmengen nähern sich der regulatorischen Grenze oder überschreiten sie, je nachdem, was die Originalarbeiten als „Stevia“ wogen. Sie sind kein Alltagsrezept.
Wer den HbA1c senken will, braucht weniger freie Zucker und weniger rasch verfügbare Stärke über Wochen, plus die mit der Praxis abgestimmte Medikation. Stevia kann den ersten Schritt erleichtern, indem Limonade und gesüßter Joghurt weniger Saccharose enthalten. Sie erledigt den zweiten Schritt nicht.
TRPM5 und Insulin: Laborbefund und menschliche Realität
In der Bauchspeicheldrüse und auf der Zunge sitzt der Ionenkanal TRPM5. Er öffnet sich, wenn in der Zelle Kalzium steigt, und hilft so, nach Glukose Insulin auszuschütten und Süßes, Bitteres und Umami wahrzunehmen. Philippaert, Vennekens und Kollegen zeigten 2017 in Nature Communications, dass Steviosid, Rebaudiosid A und das Aglykon Steviol diesen Kanal verstärken.
In Inselzellen der Maus stieg die glukoseabhängige Insulinabgabe, nicht die Abgabe bei niedriger Glukose. Mäuse ohne TRPM5 verloren diesen Effekt. Tiere mit fettreicher Kost entwickelten unter täglichem Steviosid keine diabetische Hyperglykämie, Tiere ohne das Kanalgen dagegen schon. Der bittere Nachgeschmack und die sehr hohe Süßkraft lassen sich über dieselbe Kanalverstärkung in Geschmackszellen erklären. Das war ein sauberer Mechanismus, kein Therapiebeleg.
Fünf Jahre später prüfte weitgehend dieselbe Gruppe in Löwen den Sprung zum Menschen. Simoens und Kollegen gaben 30 Personen mit Typ-2-Diabetes (meist Männer, Medianalter 63,5 Jahre, Metformin oder keine Therapie) einmal 3 Gramm Rebaudiosid A oder Placebo im Kreuzdesign. Steviol und Steviolglucuronid erreichten ihr Maximum nach etwa 19,5 Stunden. Genau dann folgte ein oraler Glukosetoleranztest. Die Fläche unter der Glukosekurve der ersten zwei Stunden unterschied sich nicht (−0,7 Stunden·mg/dl, Konfidenzintervall −22,3 bis 20,9). Insulin und C-Peptid blieben ebenfalls vergleichbar.
Drei Gramm Rebaudiosid A sind eine Forschungsdosis, nicht eine Küchendosis. Für eine 60-Kilogramm-Person liegt die akzeptable Tagesmenge bei 12 Milligramm Rebaudiosid A pro Kilogramm, also 720 Milligramm; 3 Gramm übertreffen das deutlich. Selbst unter diesen Bedingungen fehlte der erhoffte insulinotrope Effekt. Die Mausdosis, die vor Diabetes schützte, lag ebenfalls weit über dem, was Getränke liefern. Aus TRPM5 ist bis 2026 kein zugelassenes Diabetesmedikament geworden.
Was WHO 2023 und die ADA 2025 unterschiedlich raten
Die Empfehlungen widersprechen sich weniger, als Überschriften nahelegen. Sie beantworten verschiedene Fragen.
Im Mai 2023 veröffentlichte die WHO eine bedingte Empfehlung: Süßstoffe ohne Zucker sollen nicht eingesetzt werden, um Gewicht zu halten oder nichtübertragbare Krankheiten zu senken. Die Liste nennt ausdrücklich Stevia und Stevia-Abkömmlinge neben Aspartam, Sucralose und anderen. Kurzversuche zeigten etwas weniger Körpergewicht, längere Beobachtungsstudien dagegen höhere Raten von Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit. Die Evidenz war insgesamt unsicher, umgekehrte Kausalität möglich. Menschen mit bereits bestehendem Diabetes nahm die Leitlinie aus, weil sie die Krankheitstherapie nicht bewertet hat.
Die WHO-Mitteilung betont stattdessen weniger Süße insgesamt: Obst statt Saft, ungesüßte Getränke, weniger hochverarbeitete Süßwaren. Wer Zucker nur durch Süßstoff ersetzt, ändert die Qualität der restlichen Kost oft nicht.
Die Standards of Care der American Diabetes Association von 2025 richten sich an Menschen mit Diabetes und Prädiabetes. Die Pressemitteilung vom 9. Dezember 2024 nennt zwei Punkte zur Süße. Wasser steht vor Getränken mit Zucker und vor Getränken mit Süßstoff. Nicht nahrhafte Süßstoffe dürfen zuckerhaltige Produkte ersetzen, wenn der Gebrauch maßvoll und zeitlich begrenzt bleibt, um Kalorien und Kohlenhydrate zu senken. Dauerhafter hoher Konsum „Diätlimonade statt Wasser“ ist damit nicht das Ziel.
Praktisch heißt das für jemanden mit Typ-2-Diabetes: Zuckerlimonade durch ein Stevia-Getränk zu tauschen, kann die Kohlenhydratlast senken. Das Getränk danach zur Gewohnheit zu machen, um Gewicht oder „Vorbeugung“ zu steuern, rät die WHO der Allgemeinheit ab. Wasser bleibt die erste Wahl beider Organisationen.
Wie viel Stevia gilt als sicher?
Die akzeptable tägliche Aufnahmemenge für Steviolglykoside beträgt 4 Milligramm Steviol-Äquivalente pro Kilogramm Körpergewicht, festgelegt vom Joint FAO/WHO Expert Committee on Food Additives und von der FDA so übernommen. Für Rebaudiosid A entspricht das 12 Milligramm pro Kilogramm. Eine Person mit 60 Kilogramm dürfte rechnerisch 27 handelsübliche Päckchen an einem Tag verbrauchen, bevor diese Grenze erreicht wäre, so die FDA-Rechnung, die ein Päckchen so süß ansetzt wie zwei Teelöffel Zucker.
Diese Zahl ist eine toxikologische Decke für lebenslangen täglichen Gebrauch, kein Zielwert. Die EFSA hat 2024 bestätigt, dass die vorliegenden Stoffwechseldaten keine Anhebung auf 6 oder 16 Milligramm rechtfertigen. Kleinkinder können die Grenze bei hohen Höchstmengen in Getränken und Gebäck eher reißen als Erwachsene; das war ein Grund, Erweiterungen der Zulassung zurückhaltend zu bewerten.
Blatttee, getrocknete Blätter und „Stevia-Nahrungsergänzung“ fallen nicht unter dieselbe Freigabe. Die FDA hat sie nicht als Süßstoff anerkannt. Die FDA hat Stevia auch nicht als Arzneimittel gegen Diabetes, Bluthochdruck oder Entzündung zugelassen.
Wer Insulin, Sulfonylharnstoffe oder Glinide nimmt, muss die Kohlenhydrate zählen, die wirklich auf dem Teller landen. Tauscht jemand still Zucker gegen Stevia und lässt die Medikamentendosis unverändert, kann der Blutzucker sinken, weil weniger Glucose ankommt, nicht weil Stevia Insulin freisetzt. Das gehört in die Sprechstunde, nicht in einen Eigenversuch.
Stevia, Zucker und andere Süßstoffe im Vergleich
Haushaltszucker hebt den Blutzucker, liefert etwa vier Kilokalorien pro Gramm und verdrängt nährstoffdichte Kost, wenn er Getränke und Desserts füllt. Hochreine Steviolglykoside tun das nach FDA und Mayo Clinic nicht, solange keine anderen Kohlenhydrate beigemischt sind.
Zuckeralkohole (Sorbit, Xylit, Mannit, Maltit) sind etwas anderes. Die Mayo Clinic schreibt, sie können den Blutzucker anheben und bei empfindlichen Menschen Durchfall auslösen. Viele „Stevia“-Backmischungen und Keto-Riegel mischen genau diese Stoffe dazu. Dann misst man nicht Stevia, sondern den Zuckeralkohol.
| Süßungsmittel | Unmittelbarer Blutzucker | Kalorien | Was die Quellen betonen |
|---|---|---|---|
| Haushaltszucker (Saccharose) | steigt | etwa 4 kcal/g | freie Zucker begrenzen |
| Steviolglykoside, hochrein | kein eigener Anstieg | praktisch keine | ADI 4 mg/kg Steviol; Blatt unzulässig |
| Zuckeralkohole (Sorbit, Xylit) | können steigen | etwa halb so viel wie Zucker | Blähungen, Durchfall möglich |
| Aspartam | kein eigener Anstieg | sehr gering | bei Phenylketonurie meiden |
| Sucralose | kein eigener Anstieg | praktisch keine | als Zusatzstoff zugelassen |
| Luo-Han-Guo (Mönchsfrucht) | kein eigener Anstieg | praktisch keine | GRAS-Meldungen, keine eigene ADI |
Aspartam, Sucralose, Acesulfam K und Saccharin hat die FDA als Zusatzstoffe zugelassen, Steviolglykoside über das GRAS-Verfahren. Für den Blutzucker nach einer Tasse Tee sind die Unterschiede klein, sobald kein Zucker im Becher ist. Für Zähne, Darm und Langzeitbeobachtungen unterscheiden sich die Stoffe. Die WHO bewertet sie als Klasse, nicht einzeln, weil die Daten für getrennte Ratschläge nicht reichen.
Wasser bleibt in den ADA-Standards die Referenz. Ein Stevia-Getränk ist die zweitbeste Lösung, wenn jemand Süße nicht weglassen will und vorher zuckerhaltige Limonade getrunken hat.
Nebenwirkungen, Blutdruck und besondere Lebenslagen
Häufig stört der bittere Nachgeschmack, nicht ein Laborwert. Blähungen, Völlegefühl und Durchfall beschreibt die Mayo Clinic für Stevia, Mönchsfrucht und Zuckeralkohole; die Menge, ab der der Darm protestiert, ist individuell. In älteren randomisierten Versuchen zu Steviosid kamen Völlegefühl, Oberbauchschmerz und Schwindel vor. Übermäßiger Konsum lohnt sich dafür nicht.
Blutdrucksenkung taucht in Übersichten vor allem bei Steviosid auf, nicht zuverlässig bei Rebaudiosid A. Die Effekte waren klein und heterogen. Niemand sollte Blutdruckmittel absetzen, weil im Kaffee Stevia liegt. Wer bereits niedrigen Druck hat oder mehrere Antihypertensiva nimmt, spricht einen neuen, sehr hohen Konsum besser kurz an, besonders bei Schwindel.
Schwangerschaft und Stillzeit: Kontrollierte Humandaten zu Stevia allein sind dünn. Die WHO-Leitlinie 2023 fand in Kohorten ein mögliches Signal für frühere Geburt bei höherem Gebrauch von Süßstoffen ohne Zucker als Klasse, Evidenz niedrig, nicht steviaspezifisch. Gereinigte Glykoside in üblichen Lebensmitteln innerhalb der ADI gelten regulatorisch als akzeptabel. Rohextrakte, Blatttee und Mischungen mit Saccharin gehören nicht dazu. Die Entscheidung liegt bei der betreuenden Praxis, nicht bei einem Forenrezept.
Kinder unter zwei Jahren sollen laut den US-Ernährungsleitlinien, die die Mayo Clinic zitiert, keine solchen Süßstoffe bekommen. Der Darm und die Geschmacksprägung sind in diesem Alter nicht der Ort für Diätlimonade. Bei älteren Kindern gilt dasselbe Prinzip wie bei Erwachsenen: weniger Süße, Wasser zuerst, kein Dauergebrauch als „gesunde“ Belohnung.
Langzeitbeobachtungen zu Süßstoffen und Herz, Schlaganfall oder Sterblichkeit bleiben widersprüchlich. Die WHO nennt mögliche unerwünschte Effekte, räumt aber Verzerrung ein. Die Mayo Clinic schreibt 2026, Behörden sähen keine ernsten Gesundheitsschäden durch die zugelassenen Stoffe, rät aber zu kleinen Mengen und eher kurzem Gebrauch.
Wann der Blutzucker zum Arzt gehört
Stevia ersetzt keine Kontrolle und keine verordnete Therapie. Zum Arzt oder in die Diabetesberatung gehört die Situation, nicht das Päckchen, wenn Messwerte oder Symptome sich nach dem Tausch ändern.
- Wiederholt hohe Werte nach „zuckerfreien“ Riegeln oder Sirupen, deren Zutatenliste Maltodextrin, Dextrose oder Zuckeralkohole nennt, brauchen eine neue Liste und oft eine Ernährungsberatung, nicht mehr Süßstoff.
- Schwitzen, Zittern, Heißhunger, Verwirrtheit oder ein Wert unter der mit der Praxis vereinbarten Schwelle nach dem Streichen von Zucker bei Insulin oder Sulfonylharnstoffen ist ein Grund, noch am selben Tag anzurufen; hier wirkt der fehlende Zucker, nicht ein Insulinstoß durch Stevia.
- Schwangerschaft, Kinderwunsch oder Stillzeit mit regelmäßigem Süßstoffkonsum gehören in die Vorsorge, weil die WHO-Daten zur Frühgeburt die Klasse betreffen und Stevia allein schlecht getrennt ist.
- Blatttee, Pulver unter 95 Prozent Reinheit oder Kapseln „gegen Zucker“ sind Lebensmittelversuche ohne Zulassung als Arzneimittel; wer sie schon nimmt, sollte das benennen.
- Der Plan, Metformin, Insulin oder eine andere Therapie zu streichen, weil Stevia „den Zucker reguliert“, ist ein Alarmzeichen. Dafür gibt es keinen Beleg.
Notaufnahme statt Hausarzt gilt bei Bewusstseinsstörung, wiederholtem Erbrechen mit hohen Werten, Zeichen einer Ketoazidose oder einem schweren Unterzucker, den man nicht selbst beheben kann. Das hat mit Stevia wenig zu tun und mit Diabetes viel.
Häufige Fragen
Ist Stevia bei Typ-2-Diabetes erlaubt?
Ja, hochreine Steviolglykoside in Lebensmitteln darf die meisten Menschen mit Diabetes nutzen. Die Mayo Clinic nennt Stevia ausdrücklich unter den Süßstoffen, die den Blutzucker selbst nicht anheben. Die ADA 2025 erlaubt den Tausch gegen zuckerhaltige Produkte nur maßvoll und auf Zeit; Wasser bleibt bevorzugt.
Senkt Stevia den Blutzucker nach dem Essen?
Ein zugelassenes Glykosid liefert nach dem Essen keinen eigenen Zucker. Einen zusätzlichen, medikamentenähnlichen Abfall nach einer Glukosebelastung fand die Löwener Kreuzstudie 2022 nach 3 Gramm Rebaudiosid A nicht. Sinkt der Wert, liegt das meist am fehlenden Haushaltszucker oder an anderen Zutaten, nicht an TRPM5.
Darf ich Steviablätter selbst zum Süßen nehmen?
Ganze Blätter und grobe Auszüge sind in den USA nicht als Süßstoff anerkannt und dürfen dort nicht als solcher eingeführt werden. In Europa gilt die Zulassung für definierte Glykoside (E 960), nicht für Hausaufgüsse unklarer Reinheit. Wer Blätter brüht, dosiert Steviol und Begleitstoffe unkontrolliert.
Wie viel Stevia darf ich am Tag nehmen?
Die Grenze liegt bei 4 Milligramm Steviol-Äquivalenten pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, ein Leben lang gerechnet. Für die meisten Erwachsenen sind das weit mehr Päckchen, als der Geschmack erträgt; die FDA nennt 27 Päckchen Rebaudiosid A für 60 Kilogramm. Ziel ist nicht, diese Menge auszuschöpfen.
Ist Stevia in der Schwangerschaft sicher?
Gereinigte Glykoside in üblichen Mengen gelten regulatorisch als akzeptabel, belastbare eigene Schwangerschaftsstudien fehlen. Die WHO sieht für Süßstoffe ohne Zucker als Gruppe ein mögliches Frühgeburtssignal bei niedriger Evidenz. Blattprodukte und Mischungen mit anderen, schlecht geprüften Zusätzen sind die schlechtere Wahl; die Frauenärztin oder der Frauenarzt entscheidet im Einzelfall.
Warum sinkt mein HbA1c trotz Stevia nicht?
Weil Metaanalysen genau das zeigen: Der Nüchternwert kann um wenige Milligramm sinken, der HbA1c bleibt oft stehen. Stevia ändert den Dreimonatsmittelwert nur, wenn wirklich große Zuckermengen dauerhaft wegfallen und die übrige Kost mitzieht. Dafür braucht es Messung, Beratung und oft Medikamente, nicht nur ein anderes Päckchen.
Fazit
Stevia ist ein zugelassener Zuckeraustausch, kein Blutzucker-Medikament. Hochreine Glykoside heben den Wert nicht an; zusammengefasste Studien seit 2020 finden höchstens kleine Nüchternunterschiede und keinen belastbaren HbA1c-Effekt. Der TRPM5-Mechanismus erklärt Süße und Mausbefunde, nicht den Alltag nach einem Glas Eistee.
Für morgen reicht eine nüchterne Regel. Zuckerlimonade und gesüßten Joghurt durch Varianten mit deklariertem Steviolglykosid ersetzen, wenn Süße noch nötig ist; Wasser zuerst, wie es die ADA 2025 formuliert. Die Zutatenliste auf Trägerstoffe prüfen, Blätter und Rohauszüge meiden, die ADI von 4 Milligramm Steviol pro Kilogramm nicht als Freibrief für Liter „Zero“ lesen.
Wer Insulin oder tablettenbedingte Unterzuckerung kennt, spricht den Tausch kurz in der Praxis an. Wer hofft, Stevia ersetze Metformin oder schütze vor Typ-2-Diabetes, liegt neben der Evidenz von 2022 bis 2025. Die WHO hat 2023 der Allgemeinheit den Weg über Süßstoffe zur Gewichtskontrolle versperrt; bei bestehendem Diabetes bleibt der Stoff ein Werkzeug unter anderen, nicht die Therapie.
Quellen
- WHO: WHO advises not to use non-sugar sweeteners for weight control in newly released guideline. World Health Organization, 15. Mai 2023.
- WHO: Use of non-sugar sweeteners: WHO guideline. World Health Organization, 2023.
- FDA: Aspartame and Other Sweeteners in Food. U.S. Food and Drug Administration, Stand: 2025.
- Mayo Clinic Staff: Artificial sweeteners: Any effect on blood sugar?. Mayo Clinic, 18. Februar 2025.
- Mayo Clinic Staff: Artificial sweeteners and other sugar substitutes. Mayo Clinic, 21. Januar 2026.
- American Diabetes Association: The American Diabetes Association Releases Standards of Care in Diabetes—2025. American Diabetes Association, 9. Dezember 2024.
- Philippaert K et al.: Steviol glycosides enhance pancreatic beta-cell function and taste sensation by potentiation of TRPM5 channel activity. Nature Communications, 31. März 2017.
- Simoens C, Philippaert K et al.: Pharmacokinetics of Oral Rebaudioside A in Patients with Type 2 Diabetes Mellitus and Its Effects on Glucose Homeostasis: A Placebo-Controlled Crossover Trial. European Journal of Drug Metabolism and Pharmacokinetics, 3. September 2022.
- Lohner S, Kuellenberg de Gaudry D et al.: Non-nutritive sweeteners for diabetes mellitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, 25. Mai 2020.
- Zare M, Zeinalabedini M, Ebrahimpour-Koujan S et al.: Effect of stevia on blood glucose and HbA1C: A meta-analysis. Diabetes & Metabolic Syndrome, Juli 2024.
- EFSA Panel on Food Additives and Flavourings: Scientific opinion on the extension of the authorisation of use of the food additive steviol glycosides (E 960a–d) and the modification of the acceptable daily intake (ADI) for steviol. EFSA Journal, 2024.
