
Trazodon und Dibenzoylmethan verhinderten in zwei Mausmodellen den Untergang von Nervenzellen, indem sie eine dauerhaft gedrosselte Proteinherstellung wieder anschoben. Beim Menschen ist dieser krankheitsverändernde Effekt bis 2026 nicht belegt. Trazodon bleibt ein zugelassenes Antidepressivum, kein Mittel, das Alzheimer oder Parkinson aufhält.
Die Hoffnung von 2017, man könne in zwei bis drei Jahren wissen, ob der Ansatz den Verlauf bremst, hat sich so nicht erfüllt. Britische Routinedaten fanden keinen Schutz vor einer Demenzdiagnose. Die Leitlinie NICE NG97, 2025 erneut geprüft, nennt weiter Cholinesterasehemmer und Memantin, nicht Trazodon. Wer Gedächtnis, Sprache oder Orientierung verliert, braucht eine Abklärung in der Praxis oder Gedächtnissprechstunde, keine Selbstmedikation mit einem Schlaf- oder Stimmungspräparat.
Was die Cambridge-Mausarbeit 2017 wirklich zeigte
Die Gruppe um Halliday und Mallucci suchte in einer Bibliothek von 1040 Stoffen nach Wirkstoffen, die eine überdrehte Stressantwort in Zellen dämpfen, ohne die Bauchspeicheldrüse zu zerstören. Zwei Treffer überstanden die Kette aus Fadenwurm, Zellkultur und Maus: das Antidepressivum Trazodon und der Lakritz-Inhaltsstoff Dibenzoylmethan. Beide kehrten die durch phosphoryliertes eIF2α gedrosselte Translation um, senkten den Folgefaktor ATF4 und ließen die globale Proteinherstellung wieder anlaufen, ohne den Phosphorylierungsgrad von eIF2α selbst zu senken.
In Prionen-infizierten tg37-Mäusen begann die Gabe ab Woche 7 nach der Infektion, also nach bereits nachweisbarem Synapsenverlust. Alle 20 mit Trägerlösung behandelten Tiere entwickelten bestätigende neurologische Zeichen und starben im Mittel nach 83 Tagen. Unter Trazodon blieben 12 von 15 Tieren ohne diese Zeichen, unter Dibenzoylmethan 15 von 21. Objekterkennung kehrte zurück, der Hippocampus blieb besser erhalten, die Bauchspeicheldrüse blieb histologisch unauffällig. Die Lebensverlängerung fiel kürzer aus als der Gewebeschutz, weil die Tiere wegen 20 Prozent Gewichtsverlust getötet werden mussten; Kontrollmäuse ohne Prionen nahmen unter denselben Gaben nicht ab.
Im Tau-Modell rTg4510, das die frontotemporale Demenz nachahmt, liefen die Stoffe von Monat 4 bis 8. Beide minderten den Verlust von CA1-Neuronen und die Hippocampus-Schrumpfung und retteten die Objekterkennung. Nur Trazodon senkte zusätzlich phosphoryliertes Tau, vermutlich über eine Hemmung der Kinase GSK3β. Die Prionenlast selbst blieb hoch. Der Schutz sitzt also unterhalb des krankheitstypischen Fehlproteins, nicht an dessen Vermehrung. Das erklärt die damalige Hoffnung auf ein breites Prinzip, aber auch, warum Mäuse mit einem anderen Faltungsschaden später nicht profitieren mussten.
![[Eine Illustration von Neuronen]](https://demedbook.com/images/2/two-existing-drugs-halt-neurodegeneration-in-mice.jpg)
Warum fehlgefaltete Proteine die Proteinherstellung drosseln
Fehlgefaltete Proteine in der Zisterne des endoplasmatischen Retikulums lösen die ungefaltete Proteinantwort aus. Der Arm über die Kinase PERK phosphoryliert eIF2α und bremst so den Start der meisten Eiweißketten. Kurzfristig entlastet das die Zelle. Bleibt das Signal monatelang an, fehlen synaptische Proteine, das Gedächtnis bricht ein, Neurone sterben. Denselben Knotenpunkt nutzt die verwandte integrierte Stressantwort über andere Kinasen. In Gehirnen von Menschen mit Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit, progressiver supranukleärer Blickparese und frontotemporaler Demenz sind PERK-P und eIF2α-P erhöht und räumlich an Ablagerungen gekoppelt.
Genetische und pharmakologische Eingriffe, die diese Bremse lockern, retteten in früheren Mallucci-Arbeiten Prionenmäuse und verbesserten das Gedächtnis in Alzheimer-Modellen anderer Gruppen. Das Ziel sitzt unterhalb von Amyloid, Tau oder Prion. Genau deshalb wirkten Trazodon und Dibenzoylmethan in zwei sehr verschiedenen Mauskrankheiten. Genau deshalb bleibt die Übertragung heikel: Beim Menschen laufen mehrere Stresswege parallel, die Krankheitsdauer zählt in Jahren, und eine zu starke Enthemmung der Translation kann sekretorisches Gewebe überlasten.
Die beiden Stoffe wirken nach den Zellversuchen distal von eIF2α-P, ähnlich dem experimentellen Molekül ISRIB, aber nicht über dieselbe Stabilisierung des Initiationfaktors eIF2B. Sie dämpfen den PERK-Arm nur teilweise. Volle PERK-Blockade war in der Vorgängerarbeit tödlich für Pankreasgewebe. Eine begrenzte Wirkung war deshalb kein Schönheitsfehler, sondern die Bedingung dafür, dass die Mäuse die Behandlung monatelang vertrugen.
Trazodon und Dibenzoylmethan: zwei sehr verschiedene Stoffe
Trazodon ist seit Jahrzehnten als Antidepressivum zugelassen, in den USA seit 1981. Es hemmt den Serotonintransporter und blockiert 5-HT2-, Histamin-H1- und Alpha-1-Rezeptoren. MedlinePlus führt als zugelassene Indikation die Depression, Schlaflosigkeit und Angst nur als gelegentliche weitere Nutzung. Die US-Arzneibehörde hat Trazodon nicht für Schlafstörungen zugelassen. StatPearls nennt eine Halbwertszeit von etwa fünf bis neun Stunden, fast vollständige Aufnahme nach oraler Gabe und Abbau vor allem über CYP3A4 zum aktiven Metaboliten m-CPP.
Dibenzoylmethan ist ein natürliches Diketon, strukturell mit Curcumin verwandt, das in Krebsmodellen als möglicher Entgifter der Phase-2-Enzyme untersucht wurde. Es ist kein zugelassenes Arzneimittel gegen Demenz, Krebs oder Schlafstörungen. In der Mausstudie lag es zu 0,5 Prozent im Futter. Die aufgenommene Menge hing vom Appetit ab, die Hirnspiegel schwankten. Ein Nahrungsergänzungsmittel „Lakritz-Extrakt“ ersetzt diese kontrollierte Mischung nicht und ist für Neurodegeneration nicht geprüft.
Halliday rechnete 40 Milligramm Trazodon pro Kilogramm Körpergewicht in der Maus auf etwa 194 Milligramm pro Tag beim erwachsenen Menschen um. Übliche Antidepressiva-Spannen liegen laut derselben Arbeit bei 150 bis 375 Milligramm. Schlafdosen in der Geriatrie sind oft viel niedriger. Wer 25 oder 50 Milligramm zur Nacht nimmt, testet nicht die Dosis, mit der die Mäuse geschützt wurden.
| Merkmal | Trazodon | Dibenzoylmethan | Heutige Alzheimer-Therapie |
|---|---|---|---|
| Zulassung Mensch | Depression (MedlinePlus 2025) | keine als Arzneimittel | Donepezil, Galantamin, Rivastigmin, Memantin (NICE NG97) |
| Maus 2017 | Prionen- und Tau-Modell geschützt | ebenso, ohne p-Tau-Senkung | in dieser Arbeit nicht geprüft |
| Krankheitsverlauf Mensch | Kohorte 2019 ohne Schutzeffekt | keine Humanstudie | Symptome; in den USA zusätzlich Anti-Amyloid bei früher Erkrankung |
| Typische Dosis | Ältere oft höchstens 100 mg/Tag (StatPearls) | nur 0,5 % im Mäusefutter | Start durch Fachpersonal nach NICE 1.5 |
Warum der frühere PERK-Hemmer der Bauchspeicheldrüse schadete
Vor Trazodon testete dieselbe Linie den selektiven PERK-Hemmer GSK2606414 oral an Prionenmäusen. Die Translation kam wieder in Gang, klinische Zeichen blieben aus, der Hippocampus blieb erhalten. Gleichzeitig stieg der Blutzucker leicht, das Körpergewicht fiel um etwa ein Fünftel, das Pankreas verlor Masse und azinäres Gewebe. PERK steuert in der Bauchspeicheldrüse die Last an Verdauungsenzymen und Insulinvorstufen. Eine komplette Blockade nimmt dem Organ die Notbremse.
ISRIB, ein späterer Eingriff unterhalb von eIF2α-P, schützte das Gehirn ohne diesen Pankreasschaden, war aber schlecht löslich und damit für Menschen ungeeignet. Trazodon und Dibenzoylmethan sollten genau diese Lücke füllen: teilweise Hemmung, Hirngängigkeit, bekannte oder zumindest geringe systemische Last. In den behandelten Mäusen blieb das Pankreas unauffällig. Das ist ein tierexperimenteller Sicherheitsbefund, kein Freibrief für hohe Dosen beim alten Menschen mit Herz-, Leber- oder Nierenerkrankung.
Die Lehre für 2026 bleibt schmal. Ein Stoff, der in der Maus „sauber“ wirkt, kann beim Menschen über Serotonin, Blutdruck, QT-Zeit oder Stürze schaden, ohne je den PERK-Arm im Cortex zu treffen. Umgekehrt kann ein Pankreas-schonender Mechanismus in einem anderen Mausmodell wirkungslos bleiben, wie spätere Arbeiten zu anderen Erbkrankheiten andeuteten. Ein Signalweg ist kein Universalschlüssel.
Was britische Routinedaten seit 2019 zum Demenzrisiko sagen
Brauer, Lau und Kollegen werteten die Hausarzt-Datenbank THIN aus: mehr als 15 Millionen Datensätze, Einschluss ab 50 Jahren und mindestens zwei aufeinanderfolgende Antidepressiva-Rezepte zwischen 2000 und 2017. Nach Matching standen 4596 Trazodon-Nutzer 22980 Nutzerinnen und Nutzern anderer Antidepressiva gegenüber. Die Demenzinzidenz lag bei 1,8 gegen 1,1 Fälle pro 100 Personenjahre, die Hazard Ratio bei 1,80 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,56–2,09). Der Median bis zur Diagnose betrug 1,8 Jahre.
Die Autorinnen und Autoren werten das nicht als Nachweis, dass Trazodon Demenz erzeugt. Menschen in einer unklaren Frühphase bekommen Trazodon häufig wegen Schlaf, Unruhe oder Depression, also genau dann, wenn die Krankheit schon läuft. Je länger die Einnahme dauerte, desto näher rückte der Unterschied gegen null. Eine Zusatzanalyse nur für Alzheimer-Codes plus Cholinesterasehemmer zeigte keinen Zusammenhang. Auch die Beschränkung auf mindestens 194 Milligramm pro Tag, die Maus-Äquivalenzdosis, blieb ohne Schutzeffekt (Hazard Ratio 1,27; Intervall 0,82–1,99).
Beobachtung ersetzt keine randomisierte Studie in einem frühen Stadium mit ausreichend hoher Dosis und Biomarkern. Sie widerlegt aber die einfache Schlagzeile, wer Trazodon schlucke, sei vor Demenz geschützt. Wer 2018 las, der Weg in die Apotheke sei kurz, liest 2026 eine Korrektur aus der Versorgung, nicht aus dem Labor.
Schlaf und Trazodon bei Alzheimer: Cochrane und NICE
Schlafzerfall gehört zur Demenz, belastet Angehörige und beschleunigt oft den Umzug ins Heim. Cochrane prüfte 2020 Arzneimittel gegen Schlafstörungen bei Demenz und fand neun Studien mit 649 Teilnehmenden. Eine einzige randomisierte Studie mit 30 Personen und Trazodon 50 Milligramm über zwei Wochen zeigte im Mittel 43 Minuten mehr Nachtschlaf und 8,5 Prozentpunkte bessere Schlafeffizienz. Wachliegen nach dem Einschlafen und die Zahl der Weckungen blieben unsicher. Schwere Schäden wurden in dieser winzigen Stichprobe nicht gemeldet. Die Sicherheit der Evidenz stufte Cochrane als niedrig ein.
NICE NG97 rät bei Schlafproblemen zu einem persönlichen Bündel aus Schlafhygiene, Tageslicht, Bewegung und alltagsnahen Aktivitäten. Melatonin soll bei Alzheimer-Krankheit nicht angeboten werden. Antidepressiva sollen bei leichter bis mittelschwerer Depression und zugleich leichter bis mittelschwerer Demenz nicht routinemäßig gegeben werden, außer es besteht eine schwere vorbestehende psychische Erkrankung. Trazodon taucht in der Leitlinie nicht als Mittel auf, das den Verlauf von Alzheimer, Lewy-Körper- oder frontotemporaler Demenz ändert.
Wer nachts wandert, schreit oder stürzt, braucht zuerst Schmerz, Delir, Harnwegsinfekt, unbequeme Matratze und zu viel Abendkaffee ausgeschlossen. Ein niedrig dosiertes Trazodon kann der Ärztin dann als Off-Label-Versuch gegen den Schlaf erscheinen. Das ist eine andere Frage als die Maushoffnung von 2017. Die Cochrane-Zahlen gelten nicht für frontotemporale Demenz und nicht für einen mehrjährigen Schutz der Synapsen.
Welche Alzheimer-Therapien heute Standard sind
NICE NG97 empfiehlt Donepezil, Galantamin oder Rivastigmin als Option bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Krankheit und Memantin bei mittlerer Erkrankung ohne Hemmer-Verträglichkeit sowie bei schwerer Erkrankung. Wer bereits einen Hemmer nimmt, kann in der mittleren Stufe Memantin zusätzlich erwägen, in der schweren Stufe soll es angeboten werden. Hemmer sollen nicht allein wegen zunehmender Schwere abgesetzt werden. Bei Lewy-Körper-Demenz gelten Donepezil oder Rivastigmin, bei frontotemporaler Demenz ausdrücklich weder Hemmer noch Memantin. Der NHS schreibt parallel, Alzheimer sei nicht heilbar, die genannten Stoffe könnten Symptome vorübergehend lindern.
In den USA hat die FDA Lecanemab und Donanemab für Menschen mit leichter kognitiver Störung oder leichter Demenz bei nachgewiesenem Amyloid zugelassen. Mayo Clinic und Alzheimer’s Association beschreiben eine mäßige Verlangsamung des Abbaus, dazu das Risiko von Hirnschwellung und Mikroblutungen (ARIA), Pflicht-MRT und höhere Gefahr bei ApoE-ε4. Das sind andere Zielmoleküle als PERK oder eIF2α. Trazodon steht auf keiner dieser Listen als krankheitsveränderndes Alzheimer-Mittel.
Zwischen 2018 und 2026 hat sich die Landschaft der zugelassenen Optionen also verschoben, aber nicht zugunsten der umgewidmeten Antidepressiva. Wer 2017 auf einen schnellen Umweg über die Apotheke hoffte, trifft 2026 auf teure Infusionen mit Bildgebungsaufwand in manchen Ländern und auf dieselben Tabletten gegen Acetylcholinmangel wie zuvor. Die Proteinantwort bleibt ein Forschungsziel, kein Standard.
Dosierung, Wechselwirkungen und rote Flaggen
StatPearls nennt für die sofort freisetzende Form bei Depression 50 bis 100 Milligramm zwei- oder dreimal täglich, Start oft 25 bis 50 Milligramm, Steigerung alle drei bis vier Tage, höchstens 400 Milligramm ambulant und 600 Milligramm stationär. Bei älteren Menschen soll die Tagesdosis auf 100 Milligramm begrenzt und wegen Hyponatriämie vorsichtig titriert werden. Schlafdosen in Studien lagen häufig bei 50 bis 100 Milligramm zur Nacht. MedlinePlus verlangt Einnahme zu einer Mahlzeit oder einem Imbiss, kein plötzliches Absetzen und mindestens 14 Tage Abstand zu MAO-Hemmern einschließlich Linezolid und intravenösem Methylenblau.
Zu den häufigen unerwünschten Wirkungen zählen Schläfrigkeit, Schwindel, Kopfschmerz, Mundtrockenheit und Blutdruckabfall im Stehen. Schwerwiegend können QT-Verlängerung, Torsade, Priapismus länger als sechs Stunden, Serotonin-Syndrom, Krampfanfälle, Engwinkelglaukom und bei Jüngeren neu auftretende Suizidgedanken sein. Alkohol und Benzodiazepine verstärken die Sedierung. Grapefruit kann den Spiegel über CYP3A4 anheben, Carbamazepin ihn senken. Leber- und Niereninsuffizienz sind nicht systematisch geprüft, beide Quellen raten zur Zurückhaltung.
Selbstmedikation gegen „beginnende Demenz“ ist gefährlich und sinnlos. Die Mausdosis lag höher als viele Schlaftabletten, die Humanbelege für einen Verlaufsschutz fehlen, und Stürze nach Orthostase können genau das Gehirn treffen, das geschützt werden soll. Jede Neueinstellung gehört in die Hand der verordnenden Praxis, mit Medikationsliste, EKG-Risiko und Aufklärung über Priapismus und Suizidwarnung.
Wann zur Gedächtnissprechstunde
Neue, alltagsrelevante Lücken im Gedächtnis, der Sprache, der Orientierung oder der Planung gehören in die Hausarztpraxis, nicht ins Internetforum. NICE verlangt dort Anamnese von der betroffenen Person und möglichst von Angehörigen, körperliche Untersuchung, Blut und Urin gegen behebbare Ursachen sowie einen kurzen, validierten Kognitionstest. Ein normaler Test schließt Demenz nicht aus. Bleibt der Verdacht, folgt die Überweisung in eine spezialisierte Diagnostik, etwa eine Memory Clinic.
Besonders eilig ist ein rasch fortschreitender Abbau über Wochen. NICE nennt dann eine neurologische Stelle mit Zugang zu Liquoruntersuchungen, unter anderem wegen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Plötzliche Verwirrtheit mit Fluktuation spricht eher für ein Delir und braucht Infekt-, Schmerz- und Medikamentencheck am selben Tag. Nach einem Sturz mit Kopfverletzung, bei Brustschmerz, Ohnmacht, Erektion über sechs Stunden oder steifem Fieber unter serotonergen Mitteln ist der Notdienst zuständig, nicht die Demenzsprechstunde.
Angehörige sollten mitbringen, seit wann sich Einkaufen, Telefon, Medikamente oder Wege verändern, welche Stoffe mit anticholinerger Last laufen und ob Sehen und Hören nachgelassen haben. NICE warnt ausdrücklich vor kognitiven Nebenwirkungen solcher Mittel. Eine frühe Diagnose öffnet Zugang zu Hemmern, wenn sie indiziert sind, zu Fahr-, Arbeits- und Vorsorgefragen und zu Studien. Sie rechtfertigt nicht, Trazodon auf Verdacht zu beginnen.
Was die REST-Studie noch klären soll
Die Johns-Hopkins-Studie REST (NCT05282550) prüft Trazodon 50 Milligramm zur Nacht gegen Placebo bei Menschen ab 55 Jahren mit amnestischer leichter kognitiver Störung und Schlafbeschwerden. Geplant sind 100 Teilnehmende, Überkreuzdesign mit je vier Wochen Wirkstoff und Placebo plus vier Wochen Pause, Start 2023, primärer Abschluss 2027, Studienende 2028. Gemessen werden Schlafdauer, Tiefschlaf, Einschlaflatenz, Fragmentierung sowie Gedächtnis und hippokampale Aktivierung in der funktionellen Magnetresonanztomographie.
Das ist eine Schlaf- und Kognitionsfrage über Wochen, keine mehrjährige Verlaufsstudie an Prionen- oder Tau-Last. 50 Milligramm liegen unter der von Halliday genannten Äquivalenz von 194 Milligramm. Wer 2017 „in zwei bis drei Jahren wissen“ hörte, wartet 2026 also immer noch auf den entscheidenden Humanbeleg für eine krankheitsverändernde Wirkung. REST kann zeigen, ob besserer Tiefschlaf das episodische Gedächtnis kurzfristig stützt. Sie kann nicht beweisen, dass Trazodon Neurodegeneration stoppt.
Weitere, größere randomisierte Arbeiten mit früher Erkrankung, ausreichender Dosis, langer Nachbeobachtung und Biomarkern fehlen. Bis sie vorliegen, bleibt der ehrliche Satz: Die Mäuse waren eindrucksvoll, die Apotheke ist kein Ersatz für Leitlinienmedizin.
Häufige Fragen
Stoppt Trazodon Alzheimer oder Parkinson beim Menschen?
Nein. Die Mausarbeit von 2017 zeigte Schutz in Prionen- und Tau-Modellen, britische Routinedaten von 2019 keinen geringeren Demenzbeginn. Es gibt keine abgeschlossene randomisierte Studie, die einen gebremsten Verlauf beim Menschen belegt.
Kann ich Trazodon selbst gegen Gedächtnisverlust nehmen?
Nein. Trazodon ist verschreibungspflichtig, für Depression zugelassen und bei Älteren mit Sturz, Hyponatriämie und Herzrisiko belastet. Eine Selbsttherapie ersetzt keine Diagnostik und testet nicht die Mausdosis.
Warum half der Stoff bei Mäusen, in Hausarztakten aber nicht?
Die Mäuse bekamen früh eine hohe, umgerechnete Dosis in klaren Modellen. In der Versorgung bekommen oft schon erkrankte, niedrig dosierte Patientinnen das Mittel wegen Schlaf. Unterschiedliche Stadien, Dosen und Krankheitsdauern erklären die Lücke, ohne die Mausdaten ungültig zu machen.
Hilft Dibenzoylmethan aus Lakritze gegen Demenz?
Dafür gibt es keine Humanstudie und keine Zulassung. Der Stoff lag in der Mausarbeit dosiert im Futter. Lakritztee oder Kapseln aus dem Handel sind kein Äquivalent und können den Blutdruck belasten.
Welche Medikamente bremst NICE bei Alzheimer wirklich?
Cholinesterasehemmer und Memantin nach Schweregrad, dazu nichtmedikamentöse Angebote. Trazodon steht nicht als verlaufsänderndes Mittel. In den USA kommen bei früher Amyloid-positiver Erkrankung zusätzlich Antikörper hinzu, mit ARIA-Risiko.
Wann muss ich mit Vergesslichkeit zur Ärztin oder zum Arzt?
Wenn Alltagsaufgaben, Sprache, Orientierung oder Urteilskraft neu und dauerhaft leiden, oder wenn der Abbau über Wochen rast. Plötzliche Verwirrtheit, Brustschmerz, Ohnmacht oder eine Erektion über sechs Stunden unter Trazodon gehören in den Notdienst.
Fazit
Zwei bekannte Stoffe haben 2017 in Cambridge gezeigt, dass sich eine überdrehte Proteinbremse im Mausgehirn lösen lässt, ohne das Pankreas zu opfern. Das bleibt ein sauberer mechanistischer Befund. Er macht Trazodon nicht zur Alzheimer-Pille und Dibenzoylmethan nicht zum Nahrungsergänzungsmittel gegen Nervenzelltod.
Wer Angehörige pflegt oder selbst Lücken bemerkt, handelt morgen konkreter, wenn er zur Abklärung geht, Schlaf ohne Melatonin-Automatismus organisiert und zugelassene Hemmer oder Memantin nur nach Fachurteil nimmt. Trazodon kann die Ärztin bei Schlaf oder Depression erwägen, in niedriger Dosis, mit Fallrisiko im Blick. Das ist Symptomarbeit, kein Nachbau der Mausstudie.
Die versprochenen zwei bis drei Jahre bis zum Humanbeleg sind vorbei. Offene Schlafstudien wie REST können Teilstücke klären. Bis eine große Verlaufsstudie vorliegt, gilt die Leitlinie, nicht die Schlagzeile von 2017.
Quellen
- Halliday M, Radford H et al.: Repurposed drugs targeting eIF2α-P-mediated translational repression prevent neurodegeneration in mice. Brain, 19. April 2017.
- Brauer R, Lau WCY et al.: Trazodone use and risk of dementia: A population-based cohort study. PLOS Medicine, 5. Februar 2019.
- NICE: Dementia: assessment, management and support for people living with dementia and their carers. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 24. Oktober 2025.
- Mayo Clinic: Alzheimer’s disease – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2026.
- MedlinePlus: Trazodone: MedlinePlus Drug Information. MedlinePlus, U.S. National Library of Medicine, 15. Oktober 2025.
- Shin JJ, Saadabadi A: Trazodone – StatPearls – NCBI Bookshelf. StatPearls, 29. Februar 2024.
- McCleery J, Sharpley AL: Pharmacotherapies for sleep disturbances in dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews, November 2020.
- Johns Hopkins University: Targeting Cognition in Early Alzheimer’s Disease by Improving Sleep With Trazodone (NCT05282550). ClinicalTrials.gov, Stand: 2026.
- Alzheimer’s Association: Medications for Memory, Cognition and Dementia-Related Behaviors. Alzheimer’s Association, Stand: 2026.
- NHS: Treatment – Alzheimer’s disease. National Health Service, 4. Juli 2024.
