Antidepressiva und Gewichtszunahme nach Wirkstoff

Antidepressiva und Gewichtszunahme nach Wirkstoff

Antidepressiva können das Körpergewicht erhöhen, senken oder kaum verändern. Die Richtung hängt vom Wirkstoff, von der Behandlungsdauer und davon ab, ob die Depression selbst Appetit und Bewegung schon verändert hat. Im Mittel bleiben die Unterschiede oft klein; einzelne Mittel machen eine klinisch spürbare Zunahme aber deutlich wahrscheinlicher.

Die Mayo Clinic schreibt im August 2024, dass fast jedes Antidepressivum die Waage beeinflussen kann, die Reaktion aber von Person zu Person auseinanderläuft. Eine Auswertung der Cleveland Clinic von 2025 nennt als typische Größenordnung rund drei Pfund, etwa 1,4 Kilogramm, innerhalb von zwei Jahren. Wer nach wenigen Wochen mehrere Kilogramm zulegt oder die Kleidung plötzlich nicht mehr passt, sollte das nicht als unvermeidliches Schicksal hinnehmen und das Mittel trotzdem nicht auf eigene Faust streichen. NICE verlangt seit 2022 ausdrücklich, Gewichtszunahme schon vor der ersten Packung als vermeidbare Nebenwirkung zu besprechen.

Zwischen 2018 und 2025 hat sich das Bild geschärft. Ältere Übersichten sortierten Wirkstoffe grob in „nimmt zu“ und „nimmt ab“. Eine Netzwerk-Metaanalyse im Lancet von Oktober 2025 und eine große US-Routinedatenstudie von 2024 zeigen dasselbe Muster feiner: In den ersten acht Wochen verlieren viele Serotonin-Mittel gegen Placebo sogar etwas Gewicht, während Amitriptylin und Mirtazapin zulegen. Über Monate schieben Escitalopram, Paroxetin und Duloxetin die Kurve stärker nach oben als Sertralin, Bupropion bleibt am flachsten.

Warum kann das Gewicht unter Antidepressiva steigen?

Das Plus auf der Waage entsteht selten aus einem einzigen Schalter. Manche Wirkstoffe dämpfen Sättigungssignale über Histamin- und Serotoninrezeptoren, andere verändern Heißhunger auf kohlenhydratreiche Kost, wieder andere machen müde und senken den Bewegungsdrang. Die Mayo Clinic nennt daneben drei Ursachen, die oft mit dem Rezept verwechselt werden: mehr Essen und weniger Aktivität wegen der Depression selbst, zurückkehrender Appetit sobald die Stimmung steigt, und die langsame Gewichtszunahme, die Erwachsene auch ohne Tablette erleben.

Die American Psychiatric Association führt eine deutliche Änderung von Appetit oder Gewicht ohne Diät als diagnostisches Kriterium der Depression. Wer vor der Therapie abgenommen hat, weil Mahlzeiten schal wirkten, kann nach der Besserung wieder normal essen und trotzdem zunehmen. Die Cleveland Clinic beschreibt genau diesen Verlauf als mögliches Zeichen, dass die Behandlung anschlägt, nicht als Beweis für ein „falsches“ Mittel.

Ein zweiter Mechanismus sitzt außerhalb der Stimmung. Die Lancet-Analyse von 2025 fand keinen Zusammenhang zwischen der Besserung depressiver Symptome und den gemessenen Stoffwechselwerten. Wer also glaubt, jede Zunahme sei bloß Genesung, unterschätzt den direkten Einfluss mancher Moleküle auf Appetit, Blutfette oder Blutzucker. Umgekehrt erklärt ein stabiles Gewicht nicht, dass die Depression unbehandelt bleibt.

Praktisch heißt das: Die Waage allein trennt die Ursachen nicht. Sinnvoll ist ein kurzes Protokoll aus Ausgangsgewicht, Hunger, Schlaf, Bewegung und Stimmung in denselben Wochen. Ohne diese Einordnung raten Menschen oft zum falschen Schritt, etwa zum abrupten Absetzen, obwohl der Appetit nur in den Alltag zurückgekehrt ist.

Mann sucht in einem Kühlschrank

Was Kurzzeitstudien 2025 und der Alltag unterscheiden

Randomisierte Studien messen vor allem die ersten Wochen. Pillinger und Kollegen werteten 151 Studien und 17 Berichte der US-Arzneimittelbehörde aus, insgesamt 58 534 Teilnehmende und 30 Antidepressiva, mit einer mittleren Dauer von acht Wochen. Zwischen Agomelatin und Maprotilin lag die Gewichtsdifferenz bei etwa vier Kilogramm. Gegen Placebo verloren Agomelatin 2,44 Kilogramm, Fluoxetin 0,81, Bupropion 0,79 und Sertralin 0,76 Kilogramm. Zugenommen wurde unter Maprotilin um 1,82, unter Amitriptylin um 1,60 und unter Mirtazapin um 0,87 Kilogramm.

Für den Alltag ist die Acht-Wochen-Zahl unvollständig. Viele Menschen nehmen Antidepressiva Monate oder Jahre, und in dieser Zeit verschiebt sich das Bild. Dieselbe Lancet-Arbeit berichtet, dass Paroxetin, Duloxetin, Desvenlafaxin und Venlafaxin das Gesamtcholesterin anheben können, obwohl das Körpergewicht in der kurzen Studienphase sogar sank. Duloxetin erhöhte zusätzlich den Blutzucker. Wer nur auf die Waage schaut, verpasst also metabolische Veränderungen.

Die Langzeitseite liefert Petimar und Kollegen 2024. Sie bildeten in elektronischen Akten von 183 118 Patientinnen und Patienten an acht US-Systemen einen Vergleich nach, als wäre jedes der acht häufigsten Mittel neu gestartet worden. Nach sechs Monaten lagen die mittleren Differenzen gegen Sertralin unter einem halben Kilogramm. Escitalopram, Paroxetin und Duloxetin erhöhten aber das Risiko, mindestens fünf Prozent des Ausgangsgewichts zuzulegen, um zehn bis 15 Prozent. Bupropion senkte dieses Risiko um 15 Prozent.

Beide Designs ergänzen sich, statt sich zu widersprechen. Die Kurzzeitstudien isolieren den pharmakologischen Effekt gegen Placebo. Die Routinedaten zeigen, was nach dem Verlassen der Studienwelt passiert, inklusive niedriger Adhärenz von 28 bis 41 Prozent nach sechs Monaten. Eine Zahl wie „25 Prozent aller Nutzenden nehmen zu“, die ältere Texte oft ohne Quelle nannten, hält diesem Raster nicht stand. Treffender ist: Ein Teil der Zunahme liegt schon unter Placebo, einzelne Mittel schieben die Verteilung spürbar, der Mittelwert bleibt oft klein.

Welche Wirkstoffe eher zur Zunahme neigen

Höheres Risiko tragen nach der Mayo Clinic von 2024 vor allem ältere trizyklische Antidepressiva, einzelne Monoaminoxidase-Hemmer, Paroxetin und Mirtazapin. Genannt werden Amitriptylin, Nortriptylin, Imipramin, Doxepin und Phenelzin. Diese Mittel bleiben sinnvoll, wenn andere Stoffe versagt haben oder zusätzlich Schlaf und Appetit fehlen. Sie sind nicht die erste Wahl, wenn Gewicht bereits ein Thema ist.

Die Lancet-Schätzung für klinisch relevante Zunahme von mindestens zwei Kilogramm in rund acht Wochen liegt bei Maprotilin bei 48 Prozent und bei Amitriptylin bei 46 Prozent. Unter Mirtazapin waren es 42 Prozent, unter Placebo 19 Prozent. Die Schwelle von zwei Kilogramm ist enger als die fünf Prozent aus der US-Routinestudie, erklärt aber, warum Mirtazapin in Sprechstunden so oft mit Heißhunger verknüpft wird.

Paroxetin sitzt in beiden Welten unbequem. Gegen Placebo verlor es in der kurzen Lancet-Auswertung 0,35 Kilogramm, blieb also im Mittel nicht „ein Dickmacher“. Gegen Sertralin lag es nach sechs Monaten um 0,37 Kilogramm höher und erhöhte das Risiko für fünf Prozent Zunahme. Wer nur die erste Packungsbeilage oder nur eine Acht-Wochen-Studie liest, unterschätzt die Monate danach.

Monoaminoxidase-Hemmer werden laut NHS selten gegen Depression eingesetzt, weil Wechselwirkungen mit Lebensmitteln und anderen Arzneimitteln den Blutdruck gefährlich anheben können. Phenelzin erscheint in der Mayo-Liste der gewichtskritischen Stoffe. Für die Hautpflaster-Form von Selegilin fehlen in der Lancet-NMA belastbare Gewichtszahlen; ältere Hinweise auf Gewichtsverlust darf man deshalb nicht als gesicherte Alternative verkaufen.

Wie SSRI und SNRI im direkten Vergleich abschneiden

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind laut Mayo Clinic und NICE die am häufigsten verordnete und für die meisten Menschen erste Gruppe. Sie können Appetit senken oder steigern. Der alte Satz „am Anfang nimmt man ab, später zu“ trifft die Richtung grob, trennt die einzelnen Moleküle aber zu grob. Petimar setzte Sertralin als Referenz, weil es in den untersuchten Systemen am häufigsten neu begonnen wurde.

Nach sechs Monaten lag Escitalopram 0,41 Kilogramm über Sertralin, Paroxetin 0,37, Duloxetin 0,34, Venlafaxin 0,17 und Citalopram 0,12 Kilogramm. Fluoxetin unterschied sich praktisch nicht (−0,07 Kilogramm). Bupropion lag 0,22 Kilogramm darunter. Die Cleveland Clinic übersetzt denselben Datensatz für Sertralin in rund 3,2 Pfund, etwa 1,5 Kilogramm, über 24 Monate; Fluoxetin lag in dieser langen Sicht ähnlich.

Wirkstoff Kurzzeit gegen Placebo (Lancet 2025) Sechs Monate gegen Sertralin (Petimar 2024)
Amitriptylin plus 1,60 kg nicht in der Acht-Mittel-Kohorte
Mirtazapin plus 0,87 kg nicht in der Acht-Mittel-Kohorte
Escitalopram kaum Beleg für Veränderung plus 0,41 kg
Paroxetin minus 0,35 kg plus 0,37 kg
Duloxetin minus 0,63 kg plus 0,34 kg
Sertralin minus 0,76 kg Referenz
Fluoxetin minus 0,81 kg minus 0,07 kg
Bupropion minus 0,79 kg minus 0,22 kg

Die Tabelle macht einen Fehler älterer Ratgeber sichtbar. Escitalopram galt dort oft als „leichtes“ Mittel. In der großen Alltagsstudie schob es die Waage stärker als Sertralin. Duloxetin wurde früher mit Gewichtsverlust beworben; die Kurzzeitdaten stützen das gegen Placebo, die Sechs-Monats-Daten nicht gegen Sertralin. Wer bereits Übergewicht, Diabetes oder eine Fettstoffwechselstörung hat, braucht genau diese Differenz, nicht die Klassenetikette „SSRI“ oder „SNRI“.

Sertralin ist damit kein Garant für Stabilität. Es ist der Maßstab, an dem die anderen häufigen Mittel gemessen wurden. Ein kleiner Mittelwertsunterschied von 0,4 Kilogramm klingt banal, bis man das Risiko für fünf Prozent des Körpergewichts danebenlegt. Fünf Prozent bei 80 Kilogramm sind vier Kilogramm, genug um Blutdruck, Gelenke und die Bereitschaft zu treffen, die Tablette weiterzunehmen.

Welche Mittel eher gewichtsneutral bleiben

Bupropion zeigt in Kurzzeit und Alltag die günstigste Gewichtskurve unter den häufig verglichenen Stoffen. Gegen Placebo verlor es in der Lancet-NMA 0,79 Kilogramm, gegen Sertralin 0,22 Kilogramm, und das Risiko für fünf Prozent Zunahme sank um 15 Prozent. Das macht es nicht zum Abnehmmittel und nicht zur Standardlösung. Es wirkt über Noradrenalin und Dopamin, nicht über Serotonin, und die verschreibende Praxis prüft, ob es zur Diagnose und zu den Begleiterkrankungen passt.

Fluoxetin bleibt in beiden Datensätzen nah an der gewichtsarmen Seite. Agomelatin, in Europa zugelassen, verlor in der kurzen NMA 2,44 Kilogramm gegen Placebo; geschätzt 55 Prozent der Behandelten verloren mindestens zwei Kilogramm. Vilazodon und Vortioxetin zeigten in derselben Arbeit wenig Beleg für eine gerichtete Gewichtsänderung. Diese neueren Stoffe sind in Deutschland nicht überall erste Wahl und fehlen in der US-Acht-Mittel-Kohorte, sodass Alltagszahlen dünner bleiben.

NICE nennt SSRI weiterhin als Start für die meisten Erwachsenen, weil Nutzen, Verträglichkeit und Sicherheit bei Überdosierung günstiger liegen als bei trizyklischen Mitteln. Gewichtsneutralität ist ein Kriterium neben Schlaf, sexueller Funktion, Vorerkrankungen und früheren Antworten. Ein Mittel, das die Depression nicht erreicht, „spart“ kein Gewicht, wenn die Erkrankung selbst das Essen und die Bewegung durcheinanderbringt.

Moclobemid verlor in der NMA 0,94 Kilogramm gegen Placebo. Als reversibler Hemmer der Monoaminoxidase sitzt es näher an den älteren MAO-Mitteln, ohne deren strenge Diätregeln vollständig zu kopieren. Die Datenbasis ist schmaler als bei Fluoxetin oder Sertralin. Wer Gewicht fürchtet, sollte das Gespräch trotzdem mit den gut belegten Optionen beginnen, nicht mit dem seltensten Molekül.

Antidepressivum

Wann Gewichtszunahme zum Arzt gehört

Jede unerwartete oder belastende Zunahme gehört in die Sprechstunde, nicht ins stille Absetzen. NHS und MedlinePlus betonen, dass ein plötzlicher Stopp Absetzzeichen auslösen und die Depression zurückbringen kann. NICE legt die erste Kontrolle meist auf zwei Wochen, bei 18- bis 25-Jährigen oder Suizidsorgen auf eine Woche. Genau dort lässt sich das Ausgangsgewicht festhalten, bevor sich Erinnerungslücken auftun.

Die Cleveland Clinic rät, bei einem Sprung von mehr als fünf Pfund, rund 2,3 Kilogramm, innerhalb einer Woche nicht zu warten. So rasche Änderungen können auf Wassereinlagerung, eine andere Erkrankung oder eine Unverträglichkeit deuten. Langsames Plus über Monate bleibt ein Thema für das nächste Rezeptgespräch, kein Grund für die Notaufnahme. Rote Flaggen liegen woanders.

Suizidgedanken oder der Drang, sich zu verletzen, können laut NHS und Mayo Clinic nach dem Start oder nach einer Dosisänderung auftreten, besonders unter 25 Jahren. Dann zählt Stunden, nicht die nächste Routine. Selten, aber dringend ist das Serotoninsyndrom: Unruhe, hohes Fieber, Schwitzen, Verwirrtheit, Zittern, starke Blutdruckschwankungen und schneller Puls, oft nach der Kombination zweier serotoninerger Stoffe inklusive Johanniskraut. Mayo Clinic verlangt dafür sofortige Hilfe.

NICE verlangt bei einer antipsychotischen Ergänzung der Depression zusätzlich Ausgangswerte für Puls, Blutdruck, Gewicht, Nüchternzucker oder HbA1c und Blutfette. Rasche oder übermäßige Zunahme, auffällige Lipide oder Zuckerwerte sollen dort aktiv abgeklärt werden. Wer nur ein Antidepressivum nimmt, braucht dieses Labor nicht automatisch; bei vorbestehendem Diabetes, starkem Appetitplus oder familiärer Stoffwechsellast ist die Frage trotzdem berechtigt.

Was im Alltag helfen kann, ohne das Mittel abzusetzen

Bewegung, Kost und Schlaf bleiben die gleichen Hebel wie ohne Rezept, nur mit einer anderen Startlage. Die Cleveland Clinic nennt genau diese vier Punkte: ausgewogen essen, regelmäßig bewegen, Stress senken, genug schlafen. Die American Psychiatric Association ergänzt, dass regelmäßige Bewegung die Stimmung vieler Menschen heben kann. Sobald Antrieb zurückkehrt, ist der Zeitpunkt günstig, kleine Routinen zu setzen, bevor sich Heißhunger festfrisst.

NICE erwartet schriftliche Information und ein gemeinsames Ziel: welche Nebenwirkungen jemand besonders vermeiden will, darunter Gewicht, Sedierung und sexuelle Funktion. Wer Kohlenhydratcraving bemerkt, kann Mahlzeiten mit Eiweiß und Ballaststoffen planen, statt ganze Lebensmittelgruppen zu streichen. Crash-Diäten und frei verkäufliche „Fatburner“ sind riskant, weil MedlinePlus jede Pflanze, jedes Schmerzmittel und jeden Alkohol ausdrücklich auf den Tisch der Verschreibenden legt. Johanniskraut plus SSRI ist das Lehrbuchbeispiel für eine gefährliche Kombination.

Alkohol macht laut NHS Symptome schlimmer und verstärkt Müdigkeit oder Schwindel. Das trifft die Gewichtskurve doppelt: leere Kalorien und weniger Bewegung am nächsten Tag. Ein Ernährungsprotokoll über zwei Wochen, Waage einmal wöchentlich zur gleichen Zeit, Schrittzahl oder eine feste Gehstrecke sind oft informativer als tägliches Grübeln über 200 Gramm. Ziel ist nicht eine Strafdiät, sondern eine Kurve, die sich im nächsten Arztgespräch zeigen lässt.

Wenn die Depression noch so schwer ist, dass Kochen und Laufen unmöglich wirken, hat die Symptomkontrolle Vorrang. Mayo Clinic formuliert das nüchtern: Überwiegt der Gewinn an Stimmung, kann man die Kilos über Kost und Aktivität angehen, statt das wirksame Mittel zu opfern. Das ist keine Aufforderung, Zunahme hinzunehmen. Es ist die Reihenfolge, in der sich beides behandeln lässt.

Wann ein Wechsel oder eine Ergänzung sinnvoll ist

Ein Wechsel lohnt sich, wenn die Zunahme belastet, andere Ursachen unwahrscheinlich sind und ein Mittel mit flacherer Kurve zur Diagnose passt. Die Mayo Clinic nennt Dosisanpassung, Austausch und das Hinzufügen eines weiteren Stoffes als ärztliche Optionen. Solmi und Kollegen fassten 2024 zusammen, dass ein Wechsel von Paroxetin, Mirtazapin oder einem trizyklischen Mittel hin zu Fluoxetin, Escitalopram, Vortioxetin oder Bupropion klinisch vernünftig sein kann. Escitalopram ist dabei der widersprüchliche Fall: In der US-Kohorte nahm es stärker zu als Sertralin, in der Kurzzeit-NMA blieb es unauffällig.

Frühe Zunahme gilt in dieser Übersicht als Vorbote der späteren Kurve. Wer in den ersten Wochen klar zulegt, sollte das nicht bis zur Jahreskontrolle aufschieben. Umgekehrt rechtfertigt ein halbes Kilogramm in acht Wochen keinen Wechsel, wenn Schlaf, Antrieb und Suizidalität sich gerade tragen. Jeder Wechsel braucht ein Ausschleichen; NHS beschreibt Absetzzeichen von Schwindel über grippeähnliche Beschwerden bis zu Stromschlaggefühlen im Kopf.

Metformin oder GLP-1-Rezeptoragonisten erscheinen in der Solmi-Übersicht als Zweitlinie, vor allem wenn ein Wechsel nicht möglich ist und die Evidenz bei Antipsychotika dichter ist als bei Antidepressiva. Das ist ein Fachgespräch, keine Empfehlung für die Internetapotheke. Denselben Vorbehalt verdienen Appetitzügler und Kombinationspräparate, die in die serotonerge oder noradrenerge Bahn eingreifen.

Seit 2022 steht in der britischen Leitlinie schwarz auf weiß, was viele Praxen schon taten: Gewicht als vermeidbare Nebenwirkung benennen, bevor das Rezept geschrieben wird. Wer 2018 noch hörte, „Nebenwirkungen besprechen wir, wenn sie kommen“, kann heute eine konkrete Alternative verlangen. Die Lancet-Autoren schreiben 2025, Leitlinien sollten die physiologischen Unterschiede abbilden, die Wahl aber individuell bleiben.

Häufige Fragen

Nehmen alle Menschen unter Antidepressiva zu?

Nein. Die Mayo Clinic betont, dass dieselbe Substanz die eine Person zunehmen und die andere unverändert lassen kann. In der Lancet-NMA legten unter Placebo bereits 19 Prozent mindestens zwei Kilogramm zu, unter Amitriptylin fast die Hälfte. Der Mittelwert einer Studie sagt wenig über die eigene Kurve.

Ist Gewichtszunahme ein Zeichen, dass das Mittel nicht wirkt?

Nicht zwangsläufig. Zurückkehrender Appetit kann laut Cleveland Clinic und Mayo Clinic gerade heißen, dass die Stimmung sich hebt. Die Lancet-Arbeit fand zugleich keinen Gleichlauf von Symptomplus und Stoffwechseländerung. Beides muss man parallel ansehen, nicht gegeneinander ausspielen.

Welches Antidepressivum nimmt am wenigsten zu?

In den großen Vergleichen von 2024 und 2025 liegt Bupropion am günstigsten, Fluoxetin folgt nah an Sertralin. Agomelatin verlor in der kurzen NMA am stärksten gegen Placebo, fehlt aber in der US-Alltagsstudie. Die Wahl hängt trotzdem von Diagnose, Vorerkrankungen und früheren Antworten ab, nicht allein von der Waage.

Darf ich das Mittel selbst absetzen, wenn ich zunehme?

Nein. NHS, MedlinePlus und Mayo Clinic warnen vor dem plötzlichen Stopp wegen Absetzzeichen und Rückfall. Der Weg führt über die Praxis: Dosis prüfen, Ursachen trennen, bei Bedarf wechseln. Wer Suizidgedanken hat, braucht am selben Tag Hilfe, nicht erst einen neuen Termin in vier Wochen.

Hilft Sport gegen die Zunahme unter Antidepressiva?

Regelmäßige Bewegung kann Gewicht und Stimmung gleichzeitig stützen, das schreiben Cleveland Clinic und die American Psychiatric Association. Sie ersetzt kein Gespräch über den Wirkstoff, wenn die Kurve steil bleibt. Schon kurze, wiederholbare Einheiten zählen mehr als ein Plan, der in der nächsten Tiefphase zerbricht.

Wann ist die Zunahme ein Notfall?

Ein Plus von mehr als etwa 2,3 Kilogramm in einer Woche, Atemnot, Brustschmerz, Verwirrtheit, hohes Fieber oder Suizidgedanken gehören in die Notaufnahme oder die ärztliche Bereitschaft, nicht auf die Waage von übermorgen. Langsames Plus über Monate ist ein Rezeptthema. Die Grenze ist die Geschwindigkeit plus Begleitsymptome, nicht eine einzelne Zahl auf der Anzeige.

Doktor, der einen Patienten tröstet

Fazit

Antidepressiva sind keine einheitliche Gewichtsbombe. Die Daten von 2024 und 2025 zeigen eine Spanne von klarem Plus unter Amitriptylin und Mirtazapin bis zu flachen oder leicht fallenden Kurven unter Bupropion, Fluoxetin und in der kurzen Frist Agomelatin. Viele häufige Serotonin-Mittel verlieren in Studienwochen gegen Placebo sogar etwas, schieben aber über Monate die Chance auf fünf Prozent Zunahme auseinander.

Für die nächste Sprechstunde reicht ein Blatt mit Ausgangsgewicht, Hunger, Bewegung und der Frage, welche Nebenwirkung am ehesten stört. NICE will genau dieses Gespräch vor der ersten Packung. Wer bereits ein Mittel nimmt und die Kleidung enger wird, setzt nicht ab, sondern bringt die Kurve mit. Oft trägt schon der Wechsel innerhalb derselben Stoffklasse oder hin zu Bupropion, wenn die Diagnose das zulässt.

Die Depression selbst bleibt der größere Risikofaktor für Rückzug, Appetitbruch und späteres metabolisches Gepäck. Ein Mittel, das den Tag wieder tragbar macht, ist kein Fehlgriff, nur weil die Waage einen halben Schritt mitgeht. Ziel ist eine Kombination, die Stimmung und Körpergewicht gleichzeitig im Blick behält, ohne eines von beiden zu opfern.

Quellen

  1. Mayo Clinic Staff: Antidepressants and weight gain: What causes it?. Mayo Clinic, 17. August 2024.
  2. Mayo Clinic Staff: Selective serotonin reuptake inhibitors (SSRIs). Mayo Clinic, 11. September 2024.
  3. National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. NICE Guideline NG222, 29. Juni 2022.
  4. Petimar J, Young JG et al.: Medication-Induced Weight Change Across Common Antidepressant Treatments: A Target Trial Emulation Study. Annals of Internal Medicine, 2. Juli 2024.
  5. Pillinger T, Arumuham A et al.: The effects of antidepressants on cardiometabolic and other physiological parameters: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet, 21. Oktober 2025.
  6. Cleveland Clinic: Antidepressants and Weight Gain: What You Need To Know. Cleveland Clinic, 21. April 2025.
  7. National Health Service: Antidepressants. National Health Service, 12. Juni 2025.
  8. MedlinePlus: Antidepressants. National Library of Medicine, Stand: 2024.
  9. Solmi M, Miola A et al.: Risk factors, prevention and treatment of weight gain associated with the use of antidepressants and antipsychotics: a state-of-the-art clinical review. Expert Opinion on Drug Safety, 23. September 2024.
  10. American Psychiatric Association: What Is Depression?. American Psychiatric Association, April 2024.
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