
Die Addison-Krankheit wird mit einer lebenslangen Hormonersatztherapie behandelt. Hydrocortison ersetzt das fehlende Cortisol, Fludrocortison das fehlende Aldosteron; die zerstörte Nebennierenrinde heilt dadurch nicht. Wer die Tabletten regelmäßig nimmt, die Dosis bei Fieber oder Operation anhebt und ein Notfallkit griffbereit hält, kann nach Angaben des NHS (Stand September 2025) und der Cleveland Clinic (2026) einen vollen Alltag führen. Eine Garantie gegen Krisen gibt es nicht, weil Infekte, Erbrechen und Unfälle den Bedarf sprunghaft steigern.
Ältere Ratgeber rieten oft pauschal, die Cortisoltablette bei Krankheit zu verdoppeln. Die britische Leitlinie NICE NG243 vom August 2024 formuliert das schärfer: bei spürbarer körperlicher Belastung mindestens 40 mg Hydrocortison oral, verteilt auf zwei bis vier Gaben, oder mindestens 10 mg Prednisolon, bis die akute Lage vorbei ist. Für die tägliche Erhaltungsdosis bleiben 15 bis 25 mg Hydrocortison der erste Weg, den auch die Endocrine Society 2016 nannte. Neu gegenüber vielen Texten von 2018 ist außerdem, dass NICE retardiertes Hydrocortison als Alternative auflistet, wenn mehrere Tagesdosen nicht passen, und für die primäre wie die sekundäre Insuffizienz zwei oder drei Injektionskits vorsieht.
Cortisol und Aldosteron steuern Blutzucker, Blutdruck, Salz- und Wasserhaushalt. Fehlt beides, wie bei der primären Form, braucht der Körper beide Ersatzstoffe. Fehlt nur Cortisol, weil die Hypophyse zu wenig ACTH sendet, entfällt Fludrocortison. DHEA, die Androgenvorstufe der Rinde, ist kein lebensnotwendiger Ersatz und bleibt ein zeitlich begrenzter Versuch bei ausgewählten Frauen.
Welche Hormone die Tabletten ersetzen
Hydrocortison ist chemisch identisch mit Cortisol und deckt den Glucocorticoidbedarf. Fludrocortison übernimmt die Aufgabe von Aldosteron und hält Natrium, Kalium und das Blutvolumen im Gleichgewicht. Cleveland Clinic beschreibt 2026 genau dieses Paar als Standard der primären Insuffizienz; ohne Tabletten kehren Müdigkeit, Salzhunger und Kreislaufschwäche zurück, mit dem Risiko einer Addison-Krise.
Cortisol stützt den Blutdruck, dämpft übermäßige Entzündungsantworten und hält den Blutzucker in Belastungssituationen. Aldosteron sagt der Niere, Natrium und Wasser zu behalten und Kalium auszuscheiden. Fällt beides aus, sinkt der Druck vor allem im Stehen, Natrium fällt, Kalium steigt, und der Körper verliert Flüssigkeit. Deshalb ersetzt die Therapie nicht „irgendwelche Steroide“, sondern gezielt beide Achsen, sobald ein Aldosteronmangel belegt ist. Die Endocrine Society empfiehlt 2016, Renin und Aldosteron mitzumessen, bevor Fludrocortison startet.
Das NHS stellt klar, dass es derzeit keine Heilung gibt. Die Drüsen wachsen nicht nach, auch wenn sich jemand subjektiv erholt hat. Tabletten müssen deshalb jeden Tag genommen werden, inklusive Reisen, Schichtarbeit und Urlaub. MedlinePlus warnt 2025 ausdrücklich davor, Dosen auszulassen, weil lebensbedrohliche Reaktionen folgen können. Mayo Clinic rät, eine kleine Reserve an Arbeit und im Gepäck zu lassen, weil schon ein vergessener Tag gefährlich werden kann.
Wer zusätzlich andere Autoimmunerkrankungen hat, etwa eine Schilddrüsenentzündung oder Typ-1-Diabetes, braucht oft mehrere Spezialisten, aber denselben Grundsatz. Zuerst Cortisol und Aldosteron ersetzen, dann Begleiterkrankungen nachziehen. Die Endocrine Society schlägt vor, jährlich nach Schilddrüsenkrankheit, Diabetes, vorzeitiger Ovarialinsuffizienz, Zöliakie und Vitamin-B12-Mangel zu schauen, weil diese Krankheiten bei autoimmuner Addison-Krankheit häufiger vorkommen.

Wie Hydrocortison über den Tag verteilt wird
Erwachsene mit primärer Insuffizienz erhalten nach NICE 2024 und der Endocrine Society 2016 in der Regel 15 bis 25 mg Hydrocortison oral, aufgeteilt in zwei bis vier (NICE) bzw. zwei bis drei (Endocrine Society) Gaben. Die größte Menge kommt morgens direkt nach dem Aufwachen, die kleinste am Nachmittag, damit der Tagesrhythmus des natürlichen Cortisols grob nachgezeichnet wird. Eine Tablette unmittelbar vor dem Schlafengehen stört den Schlaf häufiger als eine frühe Abenddosis.
Ein häufiges Schema im Merck Manual (Stand 2026) verteilt etwa 10 mg morgens, 5 mg mittags und 5 mg am frühen Abend. Andere teilen zwei Drittel auf den Morgen und ein Drittel auf den Nachmittag. Die genaue Milligrammzahl richtet sich nach Körpergröße, Arbeit, Sport und danach, ob Unter- oder Überersatz-Zeichen auftreten, nicht nach einem starren Cortisol-Tagesprofil. NICE rät 2024 ausdrücklich davon ab, Routinetageskurven zur Dosisfindung zu fahren. Die Endocrine Society lehnt es ab, die Dosis nach ACTH zu justieren, weil ACTH unter Ersatz oft erhöht bleibt und ein Nachregeln nach diesem Wert in den Überersatz treibt.
Kinder brauchen andere Zahlen. NICE nennt für die primäre Form jenseits des Säuglingsalters 8 bis 10 mg je Quadratmeter Körperoberfläche, verteilt auf drei bis vier Gaben. Die Endocrine Society startet Kinder bei etwa 8 mg/m² und warnt vor langwirksamen Synthetika, weil Wachstum und Pubertät darunter leiden können. Säuglinge mit Salzverlust erhalten zusätzlich Kochsalz, solange die Niere noch unreif auf Mineralocorticoide reagiert.
Enzyminduktoren wie bestimmte antiretrovirale Mittel beschleunigen den Abbau. NICE fordert dann eine höhere Glucocorticoiddosis. Umgekehrt sollen Menschen mit Diabetes nach Merck in der Regel nicht dauerhaft über 30 mg Hydrocortison liegen, weil höhere Mengen den Insulinbedarf treiben. Solche Anpassungen gehören in die Sprechstunde, nicht in einen Eigenversuch anhand von Internetdosisrechnern.
Prednisolon und retardiertes Hydrocortison
Prednisolon 3 bis 5 mg täglich ist die von NICE und der Endocrine Society genannte Alternative, wenn mehrere Hydrocortisongaben nicht durchzuhalten sind oder jemand das Wachstum abgeschlossen hat. Ein- oder zweimal täglich schluckt sich das einfacher. Dexamethason lehnt die Endocrine Society für den Routineersatz ab, weil sich die Dosis schlecht feinjustieren lässt und cushingartige Zeichen rascher entstehen. NICE erlaubt Dexamethason nur unter Spezialaufsicht bei angeborener Nebennierenhyperplasie, nicht als Standard der Addison-Krankheit.
Retardiertes Hydrocortison (in der EU etwa als Plenadren zugelassen) nimmt man einmal morgens. Die EMA beschreibt eine übliche Spanne von 20 bis 30 mg, nüchtern mindestens 30 Minuten vor dem Essen, Tablette unzerkaut. In der Zulassungsstudie mit 64 Erwachsenen lag die aufgenommene Cortisolmenge rund 20 Prozent unter der dreimal täglichen konventionellen Therapie; die Behörde hielt die Spiegel dennoch für ausreichend und verwies auf die Möglichkeit, nachmittags Extra-Hydrocortison nachzulegen. NICE führt 2024 retardierte Tabletten oder Kapseln als Alternative auf, wenn Mehrfachdosen nicht passen. Für Unter-18-Jährige war das Präparat im August 2024 noch off-label.
Wer Retardtabletten schluckt, braucht trotzdem sofort freisetzendes Hydrocortison im Schrank. NICE verlangt Extra-Tabletten für Krankheitstage ausdrücklich in der unretardierten Form, weil sich eine einmal tägliche Retarddosis nicht sauber „krankheitsgerecht“ strecken lässt. Subkutane Pumpen oder tägliche Spritzen lehnt NICE für den Alltagsersatz ab. Sie bleiben Notfall- und Klinikwerkzeuge.
| Präparat | Ersetzt | Übliche Erwachsenendosis | Wann es gewählt wird |
|---|---|---|---|
| Hydrocortison, sofort freisetzend | Cortisol | 15–25 mg in 2–4 Gaben | Erste Wahl nach NICE 2024 und Endocrine Society 2016 |
| Prednisolon | Cortisol | 3–5 mg in 1–2 Gaben | Wenn mehrere Tagesdosen unpraktisch sind |
| Hydrocortison retardiert | Cortisol | einmal morgens, EMA oft 20–30 mg | Alternative, wenn Mehrfachdosen nicht eingehalten werden; Extra-Tabletten für Krankheitstage nötig |
| Fludrocortison | Aldosteron | Start 50 µg, Anpassung oft bis 200–300 µg | Nur primäre Insuffizienz mit Aldosteronmangel |
| DHEA | Androgenvorstufe | 25–50 mg morgens, Versuch 6 Monate | Ausgewählte Frauen mit Restbeschwerden, kein Lebensersatz |
Die Tabelle fasst Leitlinien- und Behördenspannen zusammen. Die individuelle Dosis setzt die Endokrinologie nach Klinik, Elektrolyten und Blutdruck, nicht nach der Tabellenmitte.
Fludrocortison, Salz und Blutdruck
Jeder bestätigte Aldosteronmangel bekommt Fludrocortison, und Salz darf nicht künstlich gekürzt werden. Die Endocrine Society startet Erwachsene bei 50 bis 100 µg einmal täglich, Median oft 0,1 mg. NICE beginnt 2024 bei 50 µg und titriert bis 300 µg; junge, körperlich aktive Menschen dürfen höher liegen, darüber war die Dosis im August 2024 off-label. Merck nennt 0,1 bis 0,2 mg als praxisnahen Korridor und steuert vor allem nach Blutdruck und Serumkalium.
Die Wirkung auf Volumen und Druck kommt langsam. NICE nennt 2024 als Steuergrößen Salzhunger, Schwindel im Stehen, Knöchelödeme, liegenden und stehenden Blutdruck, Elektrolyte und bei Bedarf Renin. Zu wenig Mineralocorticoid zeigt sich als Lichtempfindlichkeit beim Aufstehen und als Hunger auf Salziges. Zu viel zeigt sich als geschwollene Knöchel und steigender Blutdruck.
Hitze, starkes Schwitzen und Ausdauersport erhöhen den Salzverlust. Mayo und Cleveland raten dann zu mehr Kochsalz in der Nahrung, besonders unter Fludrocortison. In sehr heißem Klima kann die Fludrocortisondosis vorübergehend steigen, so das Merck Manual. Bleibt eine Hyponatriämie trotz der von NICE genannten Höchstdosis, kommt unter spezialistischer Aufsicht zusätzliches Natriumchlorid infrage, nicht eine eigenmächtige Extra-Tablette.
Entsteht unter Fludrocortison Bluthochdruck, senkt die Endocrine Society zuerst die Dosis. Bleibt der Druck hoch, bleiben Mineralocorticoide trotzdem nötig; dann kommen Antihypertensiva dazu, möglichst ohne Diuretika, die den Salzverlust verstärken. Solange die Hydrocortisondosis über etwa 50 mg pro Tag liegt, wie in der Krise, deckt Hydrocortison selbst einen Teil der Mineralocorticoidwirkung. Fludrocortison kann in dieser Phase pausieren und startet wieder, sobald die Erhaltungsdosis erreicht ist.
DHEA bei Frauen: Versuch, nicht Pflicht
DHEA ersetzt bei Addison-Krankheit kein lebenswichtiges Hormon und gehört nicht zur Standardtherapie. Die Endocrine Society schlägt einen Versuch nur bei Frauen vor, die trotz gut eingestelltem Cortisol- und Aldosteronersatz niedrige Libido, depressive Symptome oder anhaltende Energielosigkeit haben. Die Startdosis liegt bei 25 bis 50 mg als eine Morgen Gabe. Nach sechs Monaten ohne klaren, anhaltenden Nutzen wird abgesetzt.
Gemessen wird morgens das DHEAS im Serum, vor der nächsten Tablette, Ziel ist die Mitte des prämenopausalen Referenzbereichs. Androgene Hautzeichen wie fettigere Haut, Akne oder vermehrte Körperbehaarung können auftreten; dann sinkt die Dosis oder der Versuch endet. Langzeitdaten zu hormonabhängigen Tumoren fehlen, und die Leitlinie erwähnt, dass DHEA oft frei verkäuflich ist. Genau deshalb gehört der Versuch in die endokrinologische Kontrolle, nicht in die Selbstmedikation aus dem Onlinehandel.
Männer bilden Androgene vor allem in den Hoden. Ein routinemäßiger DHEA-Ersatz ist für sie in der Leitlinie nicht vorgesehen. Studien zur Lebensqualität unter DHEA sind gemischt; manche Gruppen berichten bessere Stimmung, andere keinen anhaltenden Unterschied. Wer Hoffnungen in eine „Kompletterstattung aller Nebennierenhormone“ setzt, wird enttäuscht. Cortisol und Aldosteron entscheiden über Überleben und Kreislauf, DHEA höchstens über Befinden.
Schwangere sollen DHEA nicht auf eigene Faust fortführen. Die Endocrine Society priorisiert in der Schwangerschaft Hydrocortison und Fludrocortison und hält Dexamethason für ungeeignet, weil es die Plazenta ungebrochen passiert. DHEA ist dort kein Bestandteil der Standardüberwachung.
Nebenwirkungen von Unter- und Überersatz
Die häufigsten Probleme entstehen nicht aus einer exotischen Unverträglichkeit, sondern daraus, dass die Ersatzdosis am Bedarf vorbeigeht. NICE listet 2024 für Unterersatz Gewichtsverlust, frühes Sättigungsgefühl, Appetitverlust, Übelkeit, alltagsbehindernde Müdigkeit, zunehmende Hautdunklung bei der primären Form und Muskelschwäche. Bei Kindern kommen auffälliges Wachstum und verschobene Pubertät hinzu. Solche Zeichen heißen nicht automatisch „mehr Tablette“, aber sie gehören in die nächste Kontrolle, nicht in wochenlanges Abwarten.
Überersatz bei Dosen oberhalb des physiologischen Ersatzes zeigt sich nach derselben Box als Gewichtszunahme, Heißhunger, gestörter Schlaf, dünnere Haut, neuer oder schlechterer Diabetes, neuer oder schlechterer Blutdruck, cushingartiges Gesicht, Hautinfekte, Akne, Soor, brüchige Knochen nach geringer Last und Größenverlust. Cleveland Clinic nennt 2026 Gewicht, Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck als Risiken einer zu hohen Dosis. EMA nennt für retardiertes Hydrocortison als häufig (mehr als einer von zehn) Müdigkeit, Durchfall, Schwindel und Kopfschmerz; das sind Produktangaben, keine Addison-spezifische Statistik.
Knochen und Stoffwechsel brauchen deshalb geplante Messungen, nicht nur ein Gespräch über Befinden. NICE fordert bei Erwachsenen Blutdruck im Liegen und Stehen, Elektrolyte, HbA1c, ein Lipidprofil und mindestens eine Knochendichtemessung in den ersten fünf Jahren nach der Diagnose. Wer häufig Krankendosen braucht, Infekte sammelt oder schon Fragilitätsfrakturen hatte, braucht die Messung eher früher. Kinder werden mindestens halbjährlich gesehen, mit Größe, Gewicht und Pubertätsstand.
Schlafstörungen nach einer späten Abendtablette sind ein Dosiszeit-Problem, kein Grund, Hydrocortison abzusetzen. Akne und langsamere Wundheilung können sowohl zum Überersatz als auch zu androgener DHEA-Wirkung passen. Schwindel und Übelkeit können Unterersatz oder eine beginnende Krise sein. Deshalb ersetzt keine Nebenwirkungsliste aus einem Beipackzettel die klinische Einordnung. Wer neue Symptome unter laufender Therapie bemerkt, sollte die Dosis nicht selbst verdoppeln und nicht selbst streichen, sondern die behandelnde Praxis anrufen.
Fieber, Erbrechen, Operation: Dosis anheben
Bei signifikanter körperlicher Belastung, Fieber, Infekt oder Verletzung reicht die Erhaltungsdosis oft nicht. NICE nennt 2024 für Menschen ab 16 Jahren mindestens 40 mg Hydrocortison oral in zwei bis vier Gaben oder mindestens 10 mg Prednisolon, bis die akute Krankheit oder das Trauma vorbei ist. Wer ohnehin 10 mg Prednisolon oder mehr nimmt, braucht keine Extra-Milligramm, kann die Tagesmenge aber auf zwei gleiche Gaben teilen. Eine wochenlange Hochdosis ohne Anlass lehnt NICE ab, weil Überersatz-Zeichen folgen.
Erbricht jemand innerhalb von 30 Minuten nach der Tablette, soll nach Abklingen eine weitere Gabe in doppelter ursprünglicher Menge folgen. Kommt das Erbrechen erneut in dieser Frist, ist intramuskuläres Hydrocortison fällig, danach die Notaufnahme. Anhaltender Durchfall oder Erbrechen bedeuten, dass Tabletten nicht ankommen; NICE verlangt dann Klinikeinweisung und 100 mg Hydrocortison in den Muskel oder die Vene. Merck bleibt bei der älteren Faustregel, die Hydrocortisondosis während eines Infekts zu verdoppeln, und ergänzt, dass parenterale Gabe nötig wird, sobald Schlucken unmöglich ist. Für den Alltag in Europa ist die NICE-Schwelle von 40 mg die aktuellere, konkret bezifferte Vorgabe.
Psychische Extrembelastung kann denselben Mechanismus auslösen. NICE erwägt Krankendosen für ein bis zwei Tage bei schwerem psychischem Stress und 100 mg intramuskulär, wenn in einer psychiatrischen Krise nichts geschluckt werden kann. Das ist kein Freibrief für Extra-Tabletten vor jeder Prüfung, aber ein Hinweis, dass „nur psychisch“ den Cortisolbedarf nicht automatisch klein hält.
Geplante oder notfallmäßige Operationen und invasive Eingriffe brauchen Spritzen, nicht die Haushaltstablette. NIDDK (zuletzt 2018 geprüft) beschreibt Infusionen ab der Narkoseeinleitung bis zum sicheren Schlucken danach, danach stufenweises Zurückfahren. NICE verweist auf die perioperativen Tabellen von Woodcock und Kolleginnen. Wer eine Darmspiegelung mit Abführmaßnahmen plant und Fludrocortison nimmt, kann Volumen und Spritzen schon in der Vorbereitungsphase brauchen; das gehört in den Aufklärungsbogen, nicht in den Op-Saal als Überraschung.
Addison-Krise: was sofort geschehen muss
Eine Addison-Krise ist ein Notfall. Hydrocortison muss sofort in den Muskel oder die Vene, noch bevor Laborwerte zurück sind. NICE betont 2024, dass die intramuskuläre Dosis jede geschulte Person geben kann, auch die Betroffenen selbst, und dass in dieser Lage keine Überdosisgefahr durch Hydrocortison besteht. Danach Rettungsdienst, in Deutschland über 112, ohne auf eine Überweisung zu warten. Das NHS verlangt 999 schon dann, wenn die Zeichen plötzlich kippen, selbst nachdem die Notfallspritze gesetzt wurde.
Die Endocrine Society beziffert 2016 für Erwachsene 100 mg Hydrocortison sofort, danach 200 mg über 24 Stunden als Infusion oder 50 mg alle sechs Stunden, plus rasche Flüssigkeit. NICE ergänzt einen Liter 0,9-prozentiges Natriumchlorid in 30 Minuten und häufige Kontrolle von Druck, Puls, Elektrolyten und Zucker. Merck gibt 100 mg intravenös, dann einen Liter Glucose 5 Prozent in isotoner Kochsalzlösung über ein bis zwei Stunden und weitere Kochsalzinfusionen, bis Druck, Flüssigkeit und Natrium stimmen. Kalium kann unter der Rehydratation fallen und muss ersetzt werden. Zucker gehört dazu, weil Cortisolmangel Unterzuckerung begünstigt; Mayo nennt Steroide, Kochsalz und Zucker als das klassische Trio.
NICE hält eine Krise für denkbar bei kritisch Kranken mit niedrigem Druck (einschließlich Orthostase), Hyponatriämie, Unterzucker (besonders Kinder), Schock oder ausbleibender Antwort auf die erste Therapie; Hyperpigmentierung spricht für die primäre Form. Mildere Warnzeichen bei bekannter Insuffizienz sind Mattigkeit, Blässe, kalter Schweiß, Frieren oder Fieber, Verwirrtheit und Schwäche. Das NHS zählt zusätzlich rasenden Puls, starken Bauch- oder Flankenschmerz, anhaltenden Kopfschmerz, Erbrechen, Krampfanfall und Bewusstlosigkeit.
Jeder Mensch mit primärer oder sekundärer Insuffizienz soll nach NICE zwei oder drei Notfallkits haben. Im Kit liegen eine intramuskuläre Hydrocortisonampulle (100 mg als Fertiglösung oder Pulver plus Wasser), Nadeln, Spritzen, bebilderte Anleitung, Steroidnotfallkarten und bei Kindern Glucose-Gel. Training und das Verfallsdatum gehören zur Jahreskontrolle. Mayo ergänzt Notfallausweis oder Armband und einen schriftlichen Aktionsplan, damit Fremde im Unfall die Diagnose sehen.
Schwangerschaft, Geburt und Kinder
Hydrocortison bleibt in der Schwangerschaft das bevorzugte Glucocorticoid, Dexamethason entfällt, weil es die Plazenta nicht abgebaut passiert. Die Endocrine Society will mindestens eine Kontrolle pro Trimenon und eine Dosisanhebung vor allem im dritten Drittel, gesteuert nach Klinik. NICE 2024 geht ähnlich vor und erwägt im dritten Trimenon auch mehr Fludrocortison, wenn Symptome, Natrium und Orthostase das verlangen. Das NHS warnt, eine schlecht geführte Addison-Krankheit in der Schwangerschaft erhöhe das Risiko ernster Komplikationen einschließlich Fehlgeburt; eine geplante Schwangerschaft gehört deshalb in die Sprechstunde, bevor der Test positiv ist.
Übelkeit der Frühschwangerschaft gefährdet die orale Einnahme. NICE rät, Extra-Hydrocortison zu nehmen, sobald die Übelkeit nachlässt, und bei anhaltendem Erbrechen das Team zu rufen. Bei Hyperemesis sollen 100 mg intramuskulär gesetzt und die Klinik aufgesucht werden; dort folgen 200 mg über 24 Stunden oder 50 mg viermal täglich, plus Flüssigkeit und Antiemetika. Nach der Entbindung gelten 48 Stunden Krankendosis oral, danach die übliche Menge. Wurde im dritten Drittel erhöht, sinkt die Dosis schrittweise auf den Wert vor der Schwangerschaft. NIDDK nannte 2018 etwa zehn Tage bis zur alten Erhaltungsdosis, wenn die Wöchnerin klinisch stabil ist. Die Geburt selbst gilt als großer chirurgischer Stress; Hydrocortison läuft parenteral, sobald die aktive Phase beginnt oder ein Kaiserschnitt ansteht.
Stillende Mütter, die physiologisch ersetzt werden, brauchen nach älterer Fachliteratur keine routinemäßige Nebennierentestung des Kindes. Das ändert nichts daran, dass die Mutter ihr Kit und ihre Karte im Wochenbett griffbereit hält. NICE erinnert außerdem daran, Informationen in Übergängen zu wiederholen, etwa wenn Jugendliche die Verantwortung von den Eltern übernehmen.
Kinder wachsen, also wächst die Hydrocortisondosis mit der Körperoberfläche. NICE sieht unter 16 Jahren mindestens halbjährliche Termine und einmal jährlich eine Präsenzmessung von Größe und Gewicht. Langwirksame Synthetika sollen in der Wachstumsphase möglichst entfallen. Säuglinge mit Salzverlust bekommen Kochsalzsupplemente bis etwa zum ersten Geburtstag, so die Endocrine Society. Schulpläne, Sportfeste und Infektwellen gehören schriftlich in den Notfallplan, den Eltern mit Kita oder Schule teilen.
Prognose, Kontrollen und Alltag
Mit passendem Ersatz können die meisten Betroffenen ein aktives Leben führen. Cleveland Clinic schreibt 2026, die Lebenserwartung müsse sich allein wegen Addison nicht ändern, sofern die Dosis stimmt und Krisen verhindert werden. Das NHS formuliert 2025 eine gute Lebensqualität und eine normale Lebenserwartung unter Therapie. Das ist die heutige Patientenbotschaft, kein Freibrief. Ältere Bevölkerungsstudien fanden dennoch eine erhöhte Sterblichkeit, vor allem durch Infekte, Herz-Kreislauf-Ereignisse und Tumoren. Cleveland Clinic und Merck führen schlechte Verläufe auf Krisen, Begleitkrankheiten und eine dauerhaft zu hohe oder zu niedrige Ersatzdosis zurück. Genau diese zwei Fehler bleiben der Kern der Nachsorge.
Kontrollen justieren die Dosis, prüfen Begleitautoimmunität und üben den Ernstfall. Die Endocrine Society will Erwachsene mindestens jährlich in endokrinologischer Hand, Säuglinge alle drei bis vier Monate. NICE staffelt dichter um die Diagnose, in Wachstumsphasen, bei Zweifeln an der Einnahmetreue und in Übergängen, lockerer bei stabilen, sicheren Erwachsenen. Gefragt wird nach Befinden, Alltagsfähigkeit, Tablettenadhärenz, Häufigkeit von Extra-Dosen, Krisen, Klinikaufenthalten und Infekten. Lifestyle-Spitzen wie ein ungewöhnlich langer Tag, Ausdauerbelastung, Schicht oder Zeitzonen dürfen die Einnahmezeiten verschieben, nicht die Therapie beenden.
Reisen brauchen Extra-Tabletten, das Kit im Handgepäck und einen Plan für Zeitzonen. Fasten, Ramadan oder Schichtdienst verschieben den Cortisolpeak; NICE verlangt dazu konkrete, individuelle Anweisungen statt eines Standardzettels. Arbeitgeber und Schulen sollen wissen, dass Glucocorticoide lebensnotwendig sind und nicht abrupt gestoppt werden dürfen. Kostenfreie Rezepte, so NICE für England, und ein sichtbarer Ausweis senken die Schwelle, im Notfall richtig zu handeln.
Ein volles Leben heißt nicht, die Krankheit zu vergessen. Es heißt, die Tablette zur Gewohnheit zu machen, Fieber ernst zu nehmen und die Spritze zu beherrschen, bevor sie gebraucht wird. Wer das übt, braucht seltener die Intensivstation. Wer es aufschiebt, bleibt trotz „guter Prognose“ eine Krise von einem Magen-Darm-Infekt entfernt.
Häufige Fragen
Kann ich die Hydrocortisontablette einen Tag auslassen?
Nein. MedlinePlus und Mayo Clinic stufen schon einen ausgelassenen Tag als gefährlich ein, weil der Körper kein eigenes Cortisol nachlegt. Wer eine Dosis verschläft, holt sie nach, sobald es auffällt, und verschiebt die folgenden Gaben mit Abstand, statt zwei Tabletten auf einmal zu schlucken. Fehlt die ganze Tagesmenge, etwa durch verlorenes Gepäck, zählt das wie ein Notfall und braucht ärztlichen Rat noch am selben Tag.
Muss ich bei jedem Schnupfen die Dosis verdoppeln?
Nicht automatisch bei einem leichten Kratzen im Hals ohne Fieber und ohne Bettlägerigkeit. NICE verlangt Extra-Hydrocortison, sobald eine spürbare körperliche Belastung da ist, und nennt dann mindestens 40 mg über den Tag, nicht bloß „eine Extra-Tablette nach Gefühl“. Fieber, Bettlägerigkeit, Antibiotikabedarf, Erbrechen oder eine Verletzung sind typische Schwellen. Unsicherheit ist ein Grund anzurufen, kein Grund, die Dosis tagelang verdreifacht zu lassen.
Hilft DHEA jeder Person mit Addison-Krankheit?
Nein. DHEA ist kein lebensnotwendiger Ersatz und bleibt nach der Endocrine Society ein sechsmonatiger Versuch bei Frauen mit Restbeschwerden trotz guter Cortisol- und Aldosterontherapie. Männer und Schwangere gehören nicht in diese Routine. Bleibt der Nutzen aus oder treten androgene Hautzeichen auf, wird abgesetzt.
Wann muss ich den Rettungsdienst rufen?
Sobald Zeichen einer Krise auftreten oder Tabletten wegen Erbrechen nicht mehr gehalten werden. Dazu zählen plötzlich sehr niedriger Druck, starker Bauch- oder Rückenschmerz, Verwirrtheit, anhaltendes Erbrechen, Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit. Zuerst die Notfallspritze, dann 112, auch wenn es danach subjektiv etwas besser wirkt. Das NHS verlangt denselben Ablauf mit der britischen 999.
Bleibt meine Lebenserwartung normal?
Unter konsequenter Ersatztherapie und funktionierendem Notfallplan kann sie nach NHS und Cleveland Clinic der der Allgemeinbevölkerung entsprechen. Ältere Register zeigten trotzdem eine Übersterblichkeit, vor allem wenn Krisen, Infekte oder ein chronischer Überersatz dazukamen. Die Prognose hängt also weniger am Diagnosenamen als daran, ob Dosis, Kit und Kontrollen im Alltag tragen.
Brauche ich Fludrocortison, wenn die Hypophyse das Problem ist?
In der Regel nein. Bei sekundärer oder tertiärer Insuffizienz bleibt die Aldosteronachse über Renin-Angiotensin oft erhalten. NICE und NIDDK geben Fludrocortison nur bei nachgewiesenem Aldosteronmangel, also typischerweise bei der primären Form. Wer unsicher ist, welche Form vorliegt, klärt das anhand von ACTH, Renin und Aldosteron, nicht anhand des Befindens allein.
Fazit
Addison-Krankheit heißt lebenslanger Ersatz von Cortisol und, bei primärer Form, von Aldosteron. Die aktuellen Zahlen sind schlicht: 15 bis 25 mg Hydrocortison, Fludrocortison ab 50 µg, bei Krankheit mindestens 40 mg Hydrocortison oral, in der Krise 100 mg in den Muskel oder die Vene plus Kochsalzinfusion. Retardiertes Hydrocortison und Prednisolon sind Ausweichwege, DHEA ist ein zeitlich begrenzter Versuch, Dexamethason taugt nicht als Alltagsersatz.
Was sich seit den kurzen Texten um 2018 konkret geändert hat, steht in NICE NG243. Die Leitlinie beziffert Krankheitstage, schreibt zwei bis drei Kits fest, nimmt psychischen Stress ernst, plant Knochendichte und HbA1c ein und lässt Retardpräparate als Alternative zu. Die internationale Leitlinie der Endocrine Society von 2016 bleibt der Rahmen für DHEA, Schwangerschaft und die 100-plus-200-mg-Krise.
Für den morgigen Tag zählt weniger eine neue Substanz als ein geübter Ablauf. Tablette zur gewohnten Zeit, Extra-Dosis im Haus, Kit nicht abgelaufen, Ausweis in der Tasche, Telefonnummer der Endokrinologie gespeichert. Wer Fieber bekommt, hebt die Dosis. Wer erbricht, spritzt und wählt den Rettungsdienst. Das ersetzt keine Sprechstunde, verhindert aber, dass aus einem Magen-Darm-Infekt eine vermeidbare Krise wird.
Quellen
- National Institute for Health and Care Excellence: Adrenal insufficiency: identification and management. National Institute for Health and Care Excellence, 28. August 2024.
- Bornstein SR, Allolio B, Arlt W et al.: Diagnosis and Treatment of Primary Adrenal Insufficiency: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Februar 2016.
- Mayo Clinic: Addison’s disease – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, 21. Dezember 2024.
- Cleveland Clinic: Addison’s Disease: What It Is, Symptoms & Treatment. Cleveland Clinic, 15. Juli 2026.
- National Health Service: Addison’s disease. National Health Service, 19. September 2025.
- MedlinePlus: Addison disease. MedlinePlus, 24. April 2025.
- Merck Manual: Primary Adrenal Insufficiency (Addison Disease). Merck Manual Professional Edition, Stand: 2026.
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Treatment for Adrenal Insufficiency & Addison’s Disease. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, September 2018.
- European Medicines Agency: Plenadren | European Medicines Agency (EMA). European Medicines Agency, 13. Oktober 2023.
- Endocrine Society: Primary Adrenal Insufficiency Guideline Resources. Endocrine Society, 2016.
