Addison-Krise: Symptome und Notfallbehandlung

Addison-Krise: Symptome und Notfallbehandlung

Eine Addison-Krise ist der lebensbedrohliche Zusammenbruch bei akutem Cortisolmangel. Ohne rasches Hydrocortison und Flüssigkeit kann der Kreislauf versagen; die britische Leitlinie NICE NG243 vom August 2024 verlangt deshalb die Sofortgabe von 100 mg Hydrocortison in Vene oder Muskel, noch bevor Laborwerte eintreffen. Der Körper braucht in Infekt, Operation oder Verletzung ein Vielfaches der üblichen Cortisolmenge. Fehlt dieser Anstieg, fallen Blutdruck, Blutzucker und Natrium, während Kalium steigen kann.

Betroffen sind Menschen mit bekannter Nebenniereninsuffizienz und solche, bei denen die Diagnose erst in der Notaufnahme fällt. StatPearls (Aktualisierung Februar 2025) beziffert die Sterblichkeit auf rund 0,5 Todesfälle je 100 Patientenjahre. Eine prospektive deutsche Beobachtung von Hahner und Kollegen (2015) fand selbst bei geschulten Patientinnen und Patienten 8,3 Krisen je 100 Patientenjahre; etwa jede sechzehnte Krise endete tödlich. Wer die frühen Zeichen kennt und die Notfallspritze nicht aufschiebt, verschafft dem Rettungsdienst die entscheidende Stunde.

Was ist eine Addison-Krise?

Die Addison-Krise, auch akute Nebenniereninsuffizienz genannt, ist keine schleichende Müdigkeit, sondern ein akuter hormoneller Notfall. Cortisol aus der Nebennierenrinde stützt Blutdruck, Blutzucker und die Abwehr gegen Entzündung; fehlt es plötzlich, kippt der Kreislauf innerhalb von Stunden. Rushworth und Mitautoren beschrieben 2019 im New England Journal of Medicine (zitiert in StatPearls 2025) eine arbeitsfähige Definition: akute Verschlechterung plus systolischer Blutdruck unter 100 mmHg oder ein Abfall um mindestens 20 mmHg gegenüber dem persönlichen Ausgangswert. Nach parenteralem Hydrocortison soll der Druck oft binnen einer Stunde steigen, die übrigen Beschwerden etwas langsamer.

Addison-Krankheit meint die chronische primäre Form, bei der die Nebennieren selbst versagen und oft auch Aldosteron fehlt. Sekundäre und tertiäre Formen entstehen, wenn Hypophyse oder Hypothalamus zu wenig ACTH bzw. CRH liefern; hier bleibt Aldosteron meist erhalten, weil das Renin-Angiotensin-System unabhängig arbeitet. Eine Krise kann jede dieser Formen treffen. Das NIDDK (Stand September 2018) nennt für Industrieländer etwa 100 bis 140 Addison-Fälle je eine Million Menschen; die sekundäre Insuffizienz ist mit 150 bis 280 je Million häufiger. Frauen erkranken etwas öfter an Addison, der Gipfel liegt zwischen 30 und 50 Jahren, Kinder sind nicht ausgenommen.

Cortisol folgt normalerweise einem Tagesrhythmus mit hohen Werten am Morgen und niedrigen in der ersten Nachthälfte. Krankheit, Trauma oder Operation können die Produktion auf das Zwei- bis Dreifache anheben, schreibt die Mayo Clinic (Dezember 2024). Wer Ersatztabletten nimmt oder dessen Drüsen zerstört sind, schafft diesen Sprung nicht. Dann reichen schon ein Magen-Darm-Infekt oder ausgelassenes Hydrocortison, um aus stabiler Substitution einen Schock zu machen.

Man fühlt sich schwindelig und unwohl

Welche Symptome gelten als Notfall?

Schwere Schwäche, plötzlicher Schmerz in Rücken, Bauch oder Beinen, heftiges Erbrechen oder Durchfall und Bewusstseinstrübung sind rote Flaggen. Die Mayo Clinic (Dezember 2024) und MedlinePlus (Review 24. April 2025) zählen dazu Fieber, starken Flüssigkeitsverlust, verwirrtes Denken, Ohnmacht und gefährlich niedrigen Blutdruck. Wer diese Zeichen bei sich oder einer betreuten Person mit Nebenniereninsuffizienz sieht, soll den Notruf wählen und nicht auf einen Hausarzttermin warten. NICE NG243 sagt klar: Verdacht auf Krise bedeutet Krankenwagen ohne vorherige Überweisung.

Frühe Hinweise wirken oft banal und werden als Magen-Darm-Grippe verkannt. Übelkeit, Appetitverlust, Schwindel beim Aufstehen und bleierne Müdigkeit können Stunden vor dem Kollaps stehen. NICE (2024) fordert, eine Krise auch bei leichteren Zeichen zu erwägen, wenn jemand zur Risikogruppe gehört: Mattigkeit, Blässe, kalter Schweiß, Fiebergefühl oder Verwirrtheit. Kinder zeigen häufiger Unterzuckerung bis zum Krampfanfall und Gedeihstörung. Hyperpigmentierung an Narben, Handlinien oder Wangenschleimhaut spricht für die primäre Form, fehlt aber bei dunkler Haut leicht und fehlt bei sekundärer Insuffizienz ganz, weil ACTH nicht erhöht ist.

Labor und Klinik ergänzen das Bild, ersetzen den Notruf aber nicht. Typisch sind niedriges Natrium, hohes Kalium, niedriger Blutzucker und ein Blutdruck, der auf Infusion und Katecholamine schlecht anspricht. Merck (Review Januar 2026) nennt zusätzlich Azidose, hohen Harnstoff und relative Eosinophilie. Fieber bis über 40 °C kommt vor, ebenso ein akutes Abdomen, das chirurgisch wirkt. Krampfanfälle entstehen vor allem über Unterzuckerung, Natriumsturz oder, seltener, über Kalziumanstieg. Wartet man, bis jemand bewusstlos wird, ist die Therapie schwieriger und die Prognose schlechter.

Welche Ursachen und Auslöser gibt es?

Auslöser ist fast immer ein zusätzlicher Bedarf, den die Nebenniere oder die Tabletten nicht decken. Gastrointestinale Infekte, Fieber und emotionaler Stress standen in der Hahner-Kohorte 2015 je für etwa 20 Prozent der dokumentierten Krisen; weitere Anlässe waren starke Schmerzen, Operation, ungewohnte Belastung, Hitze, Schwangerschaft oder ein plötzlicher Beginn ohne erkennbare Ursache (rund 7 Prozent). Infektionen bleiben der häufigste Motor, einschließlich viraler Atemwegsinfekte. Wer die Tabletten erbricht oder bei Durchfall nicht nachspritzt, verliert den Ersatz genau dann, wenn der Bedarf steigt.

Ursachen der zugrunde liegenden Insuffizienz haben sich verschoben. In Europa und den USA gehen nach Merck (2026) rund 90 Prozent der primären Fälle auf Autoimmunadrenalitis zurück; das NIDDK nennt 8 bis 9 von 10 Addison-Fällen. Tuberkulose war historisch führend und bleibt in vielen Ländern mit hoher TB-Last relevant. Weitere Zerstörer der Rinde sind Blutungen unter Gerinnungshemmern, Metastasen, beidseitige Entfernung, angeborene Enzymdefekte (adrenogenitales Syndrom) und Infektionen bei geschwächter Abwehr. Sekundär zählen Hypophysentumoren, Operation oder Bestrahlung im Sellabereich und Schädel-Hirn-Trauma.

Tertiäre Insuffizienz entsteht vor allem, wenn Glukokortikoide über Wochen in pharmakologischer Dosis genommen und dann abrupt gestoppt werden. NICE (2024) sieht das Risiko bereits nach mehr als vier Wochen bei Erwachsenen und nach mehr als drei Wochen bei unter 16-Jährigen, unabhängig vom Aufnahmeweg (Tablette, Inhalation, Haut, Gelenk). Neu in den Listen seit etwa 2018 sind Immuntherapeutika gegen Krebs, die Kontrollpunkte des Immunsystems blockieren, sowie Enzymhemmer wie Ketoconazol, Mitotan oder Etomidat. Thyreotoxikose und der Start von Levothyroxin bei unerkannter Nebenniereninsuffizienz können Cortisol schneller verbrauchen und eine Krise entlarven.

Wer trägt ein erhöhtes Risiko?

Am stärksten gefährdet ist, wer schon einmal eine Krise hatte. Hahner und Kollegen (2015) berechneten dafür eine Odds Ratio von 2,85; andere unabhängige Risikomarker fanden sie in der geschulten Gruppe nicht. StatPearls (2025) nennt zusätzlich die primäre Form als riskanter als die sekundäre, weil Aldosteron mitausfällt, ferner höheres Alter, Begleiterkrankungen, Typ-1-Diabetes und polyglanduläre Autoimmunsyndrome. Schwangerschaft, besonders das letzte Drittel, und die Geburt gelten als physiologischer Stress mit eigenem Protokoll.

Viele Krisen treffen Menschen ohne bekannte Diagnose. StatPearls schätzt, dass rund die Hälfte der Addison-Erstdiagnosen erst in der Krise gestellt wird. Unerklärte Hyponatriämie, Hyperkaliämie, Orthostase, Salzhunger und eine zunehmend dunklere Haut sollen deshalb an die Nebenniere denken lassen, schreibt NICE in den Erkennungskapiteln 2024. Begleitende Autoimmunerkrankungen (Hashimoto, Typ-1-Diabetes, vorzeitige Ovarialinsuffizienz, Vitiligo, perniziöse Anämie) erhöhen die Vortestwahrscheinlichkeit. Nach Schädel-Hirn-Trauma oder Hypophyseneingriff bleibt die sekundäre Form oft monatelang unerkannt, bis ein Infekt den Bedarf reißt.

Arzneimittel verschieben das Risiko in beide Richtungen. Enzyminduktoren wie Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin oder Johanniskraut können Hydrocortison rascher abbauen; NICE verlangt dann eine höhere Ersatzdosis. Gerinnungshemmer erhöhen die Gefahr einer Nebennierenblutung. Wer Prednisolon in einer Tagesdosis von mindestens 10 mg nimmt, braucht nach NICE 2024 an Krankheitstagen keine Extra-Tablette, soll die Menge aber auf zwei Gaben teilen. Das entbindet nicht vom Notfallset, sobald die orale Aufnahme versagt.

Wie wirkt der Hormonmangel im Körper?

Cortisol hält Gefäße ansprechbar für Adrenalin und dämpft Zytokine. Fehlt es, erweitern sich die Gefäße, Flüssigkeit tritt ins Gewebe, und Katecholamine wirken stumpf; der Schock bleibt dann trotz Infusion und Kreislaufmitteln bestehen. Gleichzeitig fehlt der Schub für Glukoneogenese und Glykogenolyse, sodass der Blutzucker sinkt, besonders bei Kindern und bei sekundärer Insuffizienz. Appetitlosigkeit erklärt sich teilweise über ungehemmtes CRH, das Hunger unterdrückt. Das klinische Bild mischt also Volumenmangel, Verteilungsschock und Energiemangel.

Aldosteronmangel trifft vor allem die primäre Form. Natrium und Wasser gehen über Niere, Schweiß und Darm verloren, Kalium und Wasserstoffionen werden zurückgehalten. Folge sind Hyponatriämie, Hyperkaliämie, metabolische Azidose und ein schrumpfendes Blutvolumen mit prärenalem Nierenversagen. Sekundäre und tertiäre Formen schonen Aldosteron relativ; Elektrolyte können fast normal sein, Unterzuckerung tritt dafür häufiger auf. Hyperpigmentierung entsteht nur, wenn ACTH und verwandte Peptide steigen, also bei primärem Versagen.

Kalzium kann paradox steigen, weil Cortisol die Vitamin-D-Aktivierung und den Knochenumbau mitsteuert; StatPearls (2025) nennt mehrere Hypothesen, eine einheitliche Mechanik fehlt. TSH steigt oft leicht, entweder durch fehlende Cortisolbremse oder durch begleitende Autoimmunthyreoiditis. Schilddrüsenhormon soll laut den Notfallhinweisen der Society for Endocrinology erst ersetzt werden, wenn TSH deutlich über 10 mU/l liegt, sonst droht eine zusätzliche Krise. Diese Verschränkung erklärt, warum eine isolierte „Magengrippe mit niedrigem Natrium“ in Wahrheit ein endokriner Notfall sein kann.

Welche Tests sichern die Diagnose?

Blutabnahmen dürfen die erste Hydrocortison-Spritze nicht verzögern. NICE, Endocrine Society (2016) und Merck (2026) sind hier einig: bei instabilem Patienten zuerst behandeln, Cortisol und ACTH wenn möglich aus der bereits liegenden Leitung sichern, den ACTH-Stimulationstest auf die Erholungsphase verschieben. Ein einzelnes tiefes Cortisol bei hohem ACTH stützt die primäre Form; tiefes Cortisol bei tiefem oder normalem ACTH spricht für sekundäre oder tertiäre Insuffizienz. Merck nennt als grobe Orientierung Cortisol unter 5 µg/dl (138 nmol/l) plus ACTH ab 50 pg/ml bei schwerem Stress.

Im Intervall prüft der Standard-ACTH-Test (250 µg Cosyntropin bei Erwachsenen) die Reserve der Rinde. Die Endocrine Society (2016) wertet einen Gipfel unter 500 nmol/l (18 µg/dl) nach 30 oder 60 Minuten als Hinweis auf Insuffizienz; der Schwellenwert hängt vom Assay ab. NICE (2024) nutzt morgens zwischen 8 und 9 Uhr Cortisol unter 150 nmol/l als Anlass zur Überweisung und startet bei akut Kranken schon die Krisentherapie; Werte über 300 nmol/l machen eine Insuffizienz sehr unwahrscheinlich. Orales Östrogen soll sechs Wochen vor der Messung pausiert werden, weil es Cortisol im Blut falsch hoch erscheinen lässt.

Ursachensuche folgt, sobald der Kreislauf steht. Renin und Aldosteron trennen Mineralokortikoidmangel von reinem Cortisoldefizit. 21-Hydroxylase-Antikörper sichern die Autoimmunadrenalitis; fehlen sie, kommen CT oder MRT der Nebennieren, Tuberkulose-Diagnostik und, bei Verdacht auf Hypophysenleiden, eine Bildgebung der Sella infrage. Begleitende Autoimmunität (Schilddrüse, Zöliakie, B12, Diabetes) soll die Endocrine Society jährlich mitdenken. Keiner dieser Schritte gehört in die erste halbe Stunde der Krise.

junger Arzt, der eine iv Linie anschließt

Wie wird die Krise im Krankenhaus behandelt?

Sofort 100 mg Hydrocortison in Vene oder Muskel, dazu rasche isotone Flüssigkeit. NICE NG243 (August 2024) nennt für Erwachsene ab 16 Jahren 1 Liter 0,9-prozentiges Natriumchlorid in 30 Minuten und anschließende Infusion nach Kreislauf und Elektrolyten. Die Endocrine Society (2016) hält danach 200 mg Hydrocortison je 24 Stunden, bevorzugt als kontinuierliche Infusion, alternativ 50 mg alle sechs Stunden. Merck (2026) startet mit 100 mg intravenös und 1 Liter Glukose in 0,9-prozentiger Kochsalzlösung über ein bis zwei Stunden; die Leitlinien widersprechen sich in der Infusionsdauer, nicht in der Notwendigkeit von Salz und Hydrocortison. Mineralokortikoid ist unter hohen Hydrocortison-Dosen entbehrlich, weil Hydrocortison selbst mineralokortikoid wirkt.

Kinder brauchen körperoberflächenbezogene Mengen. Die Endocrine Society nennt 50 mg/m² als Bolus und 50–100 mg/m² über 24 Stunden; NICE verweist für unter 16-Jährige auf die Konsensusleitlinie der British Society of Paediatric Endocrinology and Diabetes. Fehlt Hydrocortison, gilt Prednisolon als Ersatz, Dexamethason als letzte Wahl, weil es weder mineralokortikoid wirkt noch Cortisolmessungen erlaubt. Blutdruck, Puls, Natrium, Kalium und Glukose sollen engmaschig laufen. Die auslösende Infektion braucht eigene Therapie, sobald Kulturen oder Klinik das hergeben.

Besserung des Drucks innerhalb der ersten Stunde ist das klinische Ziel. An Tag zwei senkt Merck die Menge oft auf etwa 150 mg, an Tag drei auf 75 mg, sofern der Zustand klar besser ist; die genaue Treppe steuert die Endokrinologie. NICE (2024) setzt nach Stabilisierung mindestens 40 mg orales Hydrocortison täglich in zwei bis vier Gaben oder mindestens 10 mg Prednisolon, bis der Auslöser weg ist. Psychotische Reaktionen unter hohen Dosen kommen vor; dann senkt man auf die niedrigste kreislaufstabile Menge. Intensivüberwachung bleibt sinnvoll, solange Schock, Bewusstseinsstörung oder schwere Elektrolytstörungen anhalten.

Situation Maßnahme bei Erwachsenen Quelle
Täglicher Hormonersatz Hydrocortison 15–25 mg oral in 2–4 Dosen NICE 2024, Endocrine Society 2016
Krankheitstag mit Fieber oder Trauma mindestens 40 mg Hydrocortison oral täglich NICE NG243, August 2024
Erbrechen binnen 30 Minuten nach Tablette Dosis nachholen, bei Wiederholung 100 mg in den Muskel NICE 2024
Verdacht auf Addison-Krise 100 mg Hydrocortison sofort in Vene oder Muskel NICE 2024, Endocrine Society 2016
Weiterbehandlung in der Klinik 200 mg über 24 Stunden oder 50 mg alle 6 Stunden Endocrine Society 2016
Kreislaufstützung mit Infusion 1 Liter 0,9 % Natriumchlorid in 30 Minuten NICE NG243, 2024

Wie verhindern Krankheitstage-Regeln die nächste Krise?

Krankheitstage-Regeln ersetzen den fehlenden körpereigenen Cortisolanstieg. Ältere Schulungen rieten pauschal zum Verdoppeln oder Verdreifachen der Tablette; StatPearls (2025) nennt noch die Staffel ab 38 °C verdoppeln und ab 39 °C verdreifachen. NICE NG243 (2024) setzt für Erwachsene eine Untergrenze: bei deutlichem physiologischem Stress mindestens 40 mg Hydrocortison oral täglich in zwei bis vier Dosen oder mindestens 10 mg Prednisolon, nur so lange der Infekt oder das Trauma anhält. Wer retardiertes Hydrocortison nimmt, braucht dafür sofort freisetzende Tabletten im Schrank. Psychischen Stress, etwa eine schwere Krise der seelischen Gesundheit, führt NICE 2024 ausdrücklich als Anlass für ein bis zwei Krankheitstage, notfalls 100 mg in den Muskel.

Die Spritze kommt, sobald Tabletten nicht mehr ankommen. Erbrechen innerhalb von 30 Minuten heißt nach NICE: Dosis nach dem Abklingen nachholen, verdoppelt; wiederholt sich das Erbrechen, 100 mg intramuskulär und Fahrt in die Notaufnahme. Anhaltender Durchfall, Vorbereitung zur Koloskopie, Trauma und Narkose fallen in dieselbe Kategorie. Die intramuskuläre Dosis darf laut NICE jede anwesende Person geben, auch die betroffene selbst; eine Überdosis Hydrocortison in dieser Lage gelte nicht als Risiko. Danach bleibt der Krankenwagen Pflicht, weil die Spritze nur überbrückt.

NICE verlangt für primäre und sekundäre Insuffizienz zwei oder drei Notfallsets. Jedes Set enthält Hydrocortison zur intramuskulären Gabe (Fertigspritze 100 mg/ml oder Pulver plus Wasser), zwei blaue Kanülen, zwei 2-ml-Spritzen, bebilderte Anleitung, Steroid-Notfallkarten und bei unter 16-Jährigen Glukosegel. Tertiäre Insuffizienz bekommt ein Set, wenn bereits eine Krise auftrat, bei Kindern auch ohne diesen Beleg. Training und das regelmäßige Prüfen des Verfallsdatums gehören dazu. Ohne Übung bleibt das Set im Schubfach, während die Krise zu Hause beginnt.

Was gilt nach der Entlassung im Alltag?

Nach der Klinik geht es um stabile Ersatzdosen und um Sichtbarkeit im Notfall. Die Endocrine Society (2016) empfiehlt Hydrocortison 15–25 mg oder Cortisonacetat 20–35 mg, morgens die größte Menge, verteilt auf zwei oder drei Gaben; Prednisolon 3–5 mg ist Alternative, Dexamethason soll wegen schlechter Steuerbarkeit entfallen. Fludrocortison startet bei Aldosteronmangel mit 50–100 µg täglich, NICE erlaubt Anpassung bis 300 µg. Salzrestriktion ist nicht sinnvoll. Schwangerschaft braucht hydrocortisonbasierten Ersatz, oft eine Erhöhung im dritten Trimenon und eine Stressdosis unter der Geburt, vergleichbar einer großen Operation.

Ausweis rettet, wenn Sprache und Bewusstsein ausfallen. NICE nennt die NHS-Steroid-Notfallkarte für Erwachsene und die pädiatrische Karte der BSPED, dazu medizinische Schmuckstücke und Handy-Notizen. In Deutschland erfüllen der Notfallausweis der Fachgesellschaften und ein sichtbares Armband denselben Zweck: Hydrocortison 100 mg sofort, dann 200 mg/24 Stunden. MedlinePlus (2025) rät, die übliche Dosis und den Hinweis auf die Insuffizienz immer bei sich zu tragen. Angehörige und Arbeitsstelle sollten die Spritze gesehen haben, nicht nur davon gehört.

Kontrollen fangen Über- und Unterersatz. Erwachsene sollen mindestens jährlich eine endokrinologische Sprechstunde wahrnehmen, Kinder laut Endocrine Society alle drei bis vier Monate, laut NICE unter 16 Jahren mindestens halbjährlich und einmal jährlich mit Größenmessung. Zu viel Glukokortikoid kann Gewicht, Blutdruck und Blutzucker treiben; zu wenig bringt Orthostase, Salzhunger und die nächste Krise. Autoimmune Begleiterkrankungen werden mituntersucht. Cleveland Clinic (Aktualisierung Juli 2026) hält fest: mit passender Dosis muss die Lebenserwartung nicht allein wegen Addison sinken, sofern Krisen früh behandelt werden.

Häufige Fragen

Kann eine Addison-Krise ohne bekannte Addison-Krankheit auftreten?

Ja, oft ist die Krise die erste sichtbare Episode einer noch unerkannten Insuffizienz. StatPearls (2025) geht davon aus, dass etwa die Hälfte der Addison-Diagnosen erst im Notfall gestellt wird. Unerklärter Schock, niedriges Natrium plus hohes Kalium oder eine Dunkelfärbung der Haut sollen deshalb an die Nebenniere denken lassen, auch ohne Vorerkrankung im Ausweis.

Wann muss die Notfallspritze gesetzt werden?

Sobald Erbrechen oder Durchfall die Tabletten unzuverlässig machen oder klassische Krisenzeichen beginnen, ist die intramuskuläre Gabe fällig. NICE (2024) erlaubt die Spritze jeder anwesenden Person und warnt davor, auf Labor oder den Hausarzt zu warten. Nach der Injektion gehört der Weg in die Klinik in den Krankenwagen, nicht in den eigenen Pkw bei Kreislaufschwäche.

Reicht es, die Tablettendosis zu verdoppeln?

Bei Fieber mit Bettlägerigkeit war das lange die Standardregel und bleibt ein brauchbarer erster Schritt. NICE NG243 (2024) formuliert für Erwachsene eine Untergrenze von 40 mg Hydrocortison täglich, weil eine bloße Verdopplung niedriger Erhaltungsdosen den Bedarf verfehlen kann. Hält Erbrechen an oder fällt der Blutdruck, ersetzt die Spritze jede orale Rechnung.

Wie hoch ist das Sterberisiko?

Unbehandelt kann die Krise in Schock, Koma und Tod münden, das betonen Mayo Clinic und NIDDK. In behandelten Kohorten liegt die krisenbezogene Sterblichkeit bei etwa 0,5 je 100 Patientenjahre; Hahner 2015 fand unter 64 Krisen vier Todesfälle, also rund 6 Prozent. Schnelles Hydrocortison und Flüssigkeit senken dieses Risiko deutlich, sie löschen es nicht vollständig.

Was soll ich dem Rettungsdienst zuerst sagen?

Nennen Sie die Diagnose Nebenniereninsuffizienz oder Addison und verlangen Sie sofort 100 mg Hydrocortison, nicht erst nach dem Labor. Zeigen Sie Karte, Armband und das Notfallset. Erwähnen Sie Erbrechen, Fieber, Operation oder abgesetzte Steroide, damit niemand eine „simple Gastroenteritis“ diagnostiziert und die Spritze verschiebt.

Brauche ich in der Krise extra Fludrocortison?

In der Akutphase meist nicht, weil 100 mg Hydrocortison und mehr bereits mineralokortikoid wirken. Fludrocortison kommt zurück, sobald die Tagesdosis Hydrocortison unter etwa 50 mg fällt, so StatPearls (2025) in Anlehnung an die Notfallleitlinien. Die Entscheidung trifft das behandelnde Team anhand von Natrium, Kalium und Blutdruck.

Medikation Hände Nahaufnahme nehmen

Fazit

Wer Cortisol nicht selbst steigern kann, braucht einen Plan, der Minuten und nicht Tage denkt. Die NICE-Leitlinie von 2024 hat die alten Faustregeln geschärft: 100 mg Hydrocortison sofort bei Verdacht, Krankheitstage mit mindestens 40 mg oral, zwei bis drei geübte Notfallsets, Krankenwagen ohne Überweisung. Labor, ACTH-Test und Ursachensuche kommen nach der ersten Spritze, nicht davor.

Für den nächsten Infekt zählt, was in der Küchenschublade und in der Brieftasche liegt. Tablettenvorrat für Krankheitstage, nicht abgelaufene Ampulle, Karte mit der 100-mg-Anweisung und eine Person im Haushalt, die den Oberschenkel schon einmal am Übungsset gesehen hat. Fieber, Erbrechen und ein Blutdruck, der beim Aufstehen wegbricht, sind keine Bagatelle.

Langfristig bleibt die Endokrinologie der Ort, an dem Dosen, Impfungen, Reisen, Schwangerschaft und neue Arzneimittel (einschließlich Krebsimmuntherapie) angepasst werden. Mit diesem Gerüst ist ein alltagsfähiges Leben die Regel, nicht die Ausnahme; die Krise bleibt der vermeidbare, aber ernst zu nehmende Ausreißer.

Quellen

  1. NICE: Recommendations | Adrenal insufficiency: identification and management. National Institute for Health and Care Excellence, 28. August 2024.
  2. Endocrine Society: Primary Adrenal Insufficiency Guideline Resources. Endocrine Society, Stand: 2016.
  3. Elshimy G, Chippa V, Kaur J et al.: Adrenal Crisis – StatPearls – NCBI Bookshelf. StatPearls, 15. Februar 2025.
  4. NIDDK: Definition & Facts of Adrenal Insufficiency & Addison’s Disease. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Stand: September 2018.
  5. Mayo Clinic: Addison’s disease – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 21. Dezember 2024.
  6. MedlinePlus: Acute adrenal crisis. MedlinePlus, 24. April 2025.
  7. Grossman AB: Primary Adrenal Insufficiency (Addison Disease). Merck Manual Professional Edition, Stand: Mai 2026.
  8. Hahner S, Spinnler C et al.: High incidence of adrenal crisis in educated patients with chronic adrenal insufficiency: a prospective study. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 24. November 2014.
  9. Cleveland Clinic: Addison’s Disease: What It Is, Symptoms & Treatment. Cleveland Clinic, Stand: 15. Juli 2026.
DeMedBook