
Eine Hypothermie liegt vor, wenn die Kerntemperatur unter 35 °C fällt. Der Körper verliert dann mehr Wärme, als Stoffwechsel und Muskelzittern nachliefern können, und Herz, Atmung sowie Denken werden unsicher.
Das ist ein Notfall. Die CDC (fachliche Prüfung 25. August 2026) rät, bei einer gemessenen Temperatur unter 35 °C sofort medizinische Hilfe zu holen. In den Vereinigten Staaten starben 2023 nach einer QuickStats-Auswertung der CDC 1024 Menschen an übermäßiger Kälte oder Hypothermie; die meisten Fälle fielen in die Wintermonate, der höchste Monatsanteil lag im Januar bei 19,9 Prozent.
Viele Verläufe entstehen nicht auf dem Berg, sondern in kühlen Wohnungen, nach einem Sturz auf den Boden, im Wasser oder bei Nässe schon knapp über 4 °C. Seit der Leitlinie der Wilderness Medical Society von 2019 und dem revidierten Schweizer Stadium von 2021 steuert nicht mehr nur die Gradzahl die Therapie. Wachheit, Kreislaufstabilität und – beim Herzstillstand – die Chance auf eine extrakorporale Wiedererwärmung entscheiden mit.
Was ist eine Hypothermie und ab welcher Temperatur?
Eine akzidentelle Hypothermie ist der unbeabsichtigte Abfall der Kerntemperatur unter 35 °C. Die Mayo Clinic (16. April 2024) grenzt das vom normalen Bereich um 37 °C ab und nennt den Zustand einen medizinischen Notfall, weil Herz, Nervensystem und andere Organe ihre Arbeit nicht mehr zuverlässig leisten.
Gesteuert wird die Temperatur im Hypothalamus. Kälterezeptoren in Haut und Körperkern lösen Verengung der Hautgefäße, höheres Muskelzittern und das Verhalten aus, Schutz zu suchen. StatPearls (Aktualisierung 21. Juni 2026) beschreibt, dass Zittern die Wärmeproduktion um ein Vielfaches der Ruheleistung steigern kann, solange Energievorräte und Nervenbahnen mitspielen. Neugeborene zittern kaum; sie nutzen vor allem braunes Fettgewebe. Reicht die eigene Produktion nicht, fällt die Kerntemperatur.
Vier Wege tragen Wärme ab: Strahlung ungeschützter Haut, Leitung beim Kontakt mit kaltem Boden oder Wasser, Konvektion durch Wind und Verdunstung nasser Kleidung. Wasser entzieht Wärme deutlich schneller als Luft gleicher Temperatur, schreibt die Mayo Clinic. Wind nimmt die dünne Warmluftschicht an der Haut mit. Nasse Textilien wirken wie ein Kühlmantel.
Nicht jede Gänsehaut ist schon Hypothermie. Die WMS-Leitlinie 2019 unterscheidet Kältestress mit Zittern bei noch normaler Kerntemperatur von echter Unterkühlung. Wer nach kurzem Eintauchen zittert, aber klar denkt und sich selbst versorgen kann, ist oft nur kältegestresst. Wer tölpelig wird, unsicher läuft oder Hilfe braucht, soll als unterkühlt gelten, bis das Gegenteil feststeht.
Primäre Unterkühlung folgt der Umgebung. Sekundäre Unterkühlung hängt an Krankheiten oder Medikamenten, die Wärmeproduktion, Gefäßregulation oder Urteilskraft stören. Das Merck Manual (vollständige Überarbeitung August 2026) nennt unter anderem Schilddrüsenunterfunktion, Sepsis, Schlaganfall, Unterzuckerung und Intoxikation. Solche Fälle werden leicht übersehen, weil niemand an Kälte denkt, wenn der Mensch im Zimmer liegt.
![[Unterkühlung]](https://demedbook.com/images/1/everything-you-need-to-know-about-hypothermia.jpg)
Welche Symptome hat eine Unterkühlung?
Zittern, undeutliches Sprechen, Ungeschicklichkeit, Verwirrtheit und Schläfrigkeit sind die Warnzeichen, die Laien zuerst sehen. Die CDC listet bei Erwachsenen außerdem Erschöpfung, tölpelnde Hände und Gedächtnisverlust; bei Säuglingen grellrote, kalte Haut und sehr geringe Energie.
Leichte Unterkühlung (ungefähr 32 bis 35 °C) kann sich wie eine starke Erkältung anfühlen. Hunger, Übelkeit, blasse trockene Haut, schneller Puls und rasche Atmung kommen vor, weil der Körper Wärme erzwingen will. Das Denken wird unscharf, die Feinmotorik unsicher. Kältediurese treibt viel verdünnten Urin, obwohl der Kreislauf später Volumen fehlt. Betroffene merken oft selbst nicht, dass sie Hilfe brauchen, weil die Kälte das Urteil trübt.
Im mittleren Bereich (ungefähr 28 bis 32 °C) werden Puls und Atmung langsamer. Die Sprache verwaschen, Halluzinationen und steife Muskeln können folgen. Das Zittern lässt nach oder hört auf; die Haut kann bläulich wirken. Vorhofflimmern ist laut StatPearls die häufigste Rhythmusstörung dieser Phase. Paradoxes Entkleiden kommt vor, wenn verwirrte Menschen trotz Kälte Kleidung abstreifen. Das beschleunigt den Wärmeverlust und ist kein Zeichen der Besserung.
Unter etwa 28 °C drohen Bewusstlosigkeit, sehr niedriger Blutdruck, fehlende Reflexe und Herzstillstand. Die Cleveland Clinic (17. August 2023) beschreibt, dass schwere Unterkühlung einen Tod vortäuschen kann: kaum tastbarer Puls, kaum sichtbare Atmung, weite Pupillen. Die Mayo Clinic betont, Symptome entstünden meist schleichend. Deshalb sollen Begleiter nicht auf klare Einsicht der betroffenen Person warten.
Säuglinge verlieren Wärme rascher, weil die Körperoberfläche im Verhältnis zur Masse groß ist. Sie zittern kaum und können in einem kühlen Schlafzimmer unterkühlen, ohne dass jemand Sturm bemerkt. Ein schwaches Schreien, schlaffer Tonus und die grellrote kalte Haut sind Alarmzeichen. Der britische NHS (Seitenstand 9. Juni 2023) ergänzt, dass ein unterkühltes Baby ungewöhnlich still und schläfrig wirken und die Nahrung verweigern kann.
Wann Notruf, und wie misst man die Temperatur?
Bei Verdacht auf Unterkühlung soll der örtliche Notruf gewählt werden, in Deutschland die 112. Der NHS formuliert das als sofortigen Gang in die Notaufnahme oder Rettungsruf, die Mayo Clinic ebenso; abwarten, bis „klarere“ Symptome kommen, ist der häufige Fehler.
Ein Haushalts-Mundthermometer reicht oft nicht. StatPearls hält fest, dass handelsübliche Geräte häufig nur bis etwa 34 °C anzeigen. Wer „Lo“ oder keine Zahl sieht, darf das nicht als Entwarnung lesen. Die CDC setzt die Schwelle zur sofortigen Hilfe bei unter 35 °C. Verwirrtheit, tölpelnde Hände oder undeutliche Sprache genügen als Anlass, auch ohne Zahl.
Im Rettungsdienst und Krankenhaus gilt die Kerntemperatur, nicht die Stirn. Das Merck Manual nennt Ösophagus- und epitympanische Sonden (nicht das übliche Infrarot-Ohrgerät) als genaueste Wege. Rektum- und Blasenwerte hinken während der Wiedererwärmung hinterher, manchmal um bis zu einer Stunde. Orale und Schläfenmessung sind für die Diagnose unzuverlässig. Im Gelände rät die WMS-Leitlinie 2019, sich vor allem an Wachheit, Zittern, Leistung und Kreislauf zu halten, weil Feldmessungen ungenau sind.
| Situation | Was tun |
|---|---|
| Zittern, aber klar und selbstständig | Schutz, trockene Lagen, warme zuckerhaltige Getränke, Beobachtung |
| Verwirrtheit, tölpelnde Hände, undeutliche Sprache | Notruf, nass ausziehen, Rumpf wärmen, nicht allein lassen |
| Kein Zittern mehr, sehr schläfrig oder bewusstlos | Notruf, sanft lagern, Atmung prüfen, bei Bedarf Wiederbelebung |
| Säugling mit grellroter kalter Haut und wenig Energie | Sofort Rettungsdienst, warm und trocken halten, nicht durchschütteln |
| Gemessene Temperatur unter 35 °C | Immer als Notfall behandeln, auch wenn die Person widerspricht |
Ältere Menschen in kühlen Wohnungen fallen leicht durch das Raster. Verlangsamtes Denken, unsicherer Gang und undeutliche Sprache werden dann als Demenz oder Infekt gelesen. Die Mayo Clinic warnt ausdrücklich vor diesem Muster. Wer nach einem Sturz stundenlang auf dem Boden liegt, kühlt auch bei Zimmertemperatur aus.
Erste Hilfe: was tun, was lassen?
Bis Hilfe da ist, zählt: aus der Kälte holen, nasse Kleidung entfernen, den Rumpf wärmen und die Person sanft behandeln. Der Notruf läuft parallel, nicht danach.
Die Mayo Clinic (Erste-Hilfe-Seite, 16. April 2024) und die CDC beschreiben denselben Kern. Wenn kein Innenraum erreichbar ist, Wind von Hals und Kopf nehmen und den Boden mit einer Decke dämmen. Nasse Schichten vorsichtig ausziehen, notfalls aufschneiden, damit niemand gerüttelt wird. Trockene Mäntel oder Decken ersetzen sie; der Kopf wird bedeckt, das Gesicht bleibt frei. Wärme gehört an Brust, Hals und Leiste, nicht an Arme und Beine. Die CDC nennt dafür eine elektrische Decke, falls vorhanden, oder Hautkontakt unter lockeren trockenen Lagen. Ist die Person wach und kann schlucken, helfen warme, süße Getränke ohne Alkohol. Der NHS erlaubt zusätzlich etwas Zuckerhaltiges wie Schokolade, solange die Person voll bei Bewusstsein ist.
Was schadet, ist klarer als viele Hausmittel versprechen.
- Heißes Bad, Heizstrahler oder unbeklebte Wärmflasche können Haut verbrennen und gefährliche Herzrhythmen auslösen, schreiben Mayo Clinic und NHS.
- Arme und Beine zu wärmen oder zu massieren treibt kaltes Blut zum Kern und belastet Herz und Lunge.
- Alkohol weitet Hautgefäße und stört die eigene Wärmeproduktion; Tabak engt die Durchblutung ein, die fürs Wiedererwärmen nötig ist.
- Grobe Bewegungen, Aufrichten oder Laufenlassen können bei mittlerer und schwerer Unterkühlung Kammerflimmern auslösen.
- Bewusstlosen keine Flüssigkeit einflößen, auch keine „schluckweise“ Brühe.
Die Nachkühlung des Kerns erklärt, warum gut gemeintes Aufrichten gefährlich ist. Kaltes Blut aus den Gliedmaßen strömt zurück, der Kern kühlt weiter, der Blutdruck kann einbrechen. Die WMS-Leitlinie 2019 rät deshalb zu waagerechter, schonender Bergung, ohne dass die Person mithelfen muss. Aus Wasser soll sie liegend oder möglichst ohne Kletterarbeit geholt werden, weil der Wegfall des Wasserdrucks um die Beine den Kreislauf zusätzlich entlastet.
Scheint jemand ohne Lebenszeichen, gilt nicht automatisch der Tod. Die CDC schreibt, dass Menschen mit schwerer Unterkühlung erfolgreich wiederbelebt werden können, obwohl sie tot wirken. Die WMS-Leitlinie 2019 empfiehlt Fachleuten, den Halsschlagaderpuls bis zu einer Minute zu tasten, bevor die Herzdruckmassage beginnt. Laien mit Kurs sollen bei fehlender Atmung und fehlender Reaktion mit der Wiederbelebung starten und sie fortsetzen, bis Rettungskräfte übernehmen.
Wer ist gefährdet, auch in der Wohnung?
Ältere Menschen, Säuglinge, Menschen ohne Wohnung und wer Alkohol oder bestimmte Medikamente nimmt, tragen das höchste Risiko. Die CDC nennt zusätzlich unzureichende Nahrung, Kleidung oder Heizung und langes Draußensein, etwa bei Obdachlosigkeit, Wandern oder Jagd.
Mit dem Alter lässt das Kältegefühl nach, die Beweglichkeit sinkt, Unterhautfett als Isolation wird knapper. Das Merck Manual beschreibt, dass immobile Ältere schon in kühlen Zimmern unterkühlen können. Nach einem Sturz auf Keller- oder Badezimmerboden dauert die Auskühlung oft nur, bis niemand kommt. Die Cleveland Clinic rät, Wohnräume über 20 °C zu halten. Klimaanlagen im Sommer können Säuglinge und gebrechliche Menschen ebenfalls gefährden, weil kühle Luft plus Nässe denselben Mechanismus startet.
Säuglinge und Kleinkinder verlieren Wärme rascher. Die Mayo Clinic empfiehlt für den Winter eine Lage mehr als bei Erwachsenen unter denselben Bedingungen, häufiges Hereinkommen und den Rückzug, sobald Zittern beginnt. Ein kaltes Schlafzimmer ist für Babys kein „Abhärtungsprogramm“.
Alkohol täuscht Wärme vor, weil sich Hautgefäße weiten, und dämpft zugleich das Zittern. Urteilskraft und Schutzverhalten fallen aus; wer im Freien einschläft, kühlt schnell. StatPearls zitiert eine dänische Registerstudie von 2021 mit einer jährlichen Inzidenz von etwa 4,4 Fällen je 100 000 Einwohner und einer Einjahressterblichkeit von 27 Prozent; Alkoholintoxikation war die häufigste Begleitdiagnose. Sedativa, Opioide, manche Neuroleptika, Clonidin und Narkosemittel können die Thermoregulation zusätzlich stören.
Stoffwechsel- und Nervenerkrankungen gehören auf die Liste: Schilddrüsenunterfunktion, Unterzuckerung, Unterernährung, Parkinson-Krankheit, Schlaganfall, Querschnittlähmung, Sepsis. Demenz erhöht das Risiko, weil Menschen weglaufen oder die Jacke nicht finden. Wer ohne feste Unterkunft bleibt, trifft Kälte, Nässe und fehlende Rückzugsmöglichkeiten oft gleichzeitig.
Warum kühlen Wasser, Wind und nasse Kleidung so schnell aus?
Wasser entzieht Wärme viel schneller als Luft derselben Temperatur, und schon Badewannenwärme unter 37 °C kühlt bei langer Exposition. Die Mayo Clinic hält fest: Jedes Wasser kälter als der Körperkern kostet Wärme; ein Sturz aus dem Boot oder nasse Kleidung im Wind reichen.
Wer ins kalte Wasser fällt, soll nach denselben Seiten so rasch wie möglich heraus, auf ein gekentertes Boot oder einen Schwimmkörper. Weites Wegschwimmen verbraucht Energie und kann die Überlebenszeit verkürzen, wenn kein nahes Ufer da ist. Eine Schwimmweste hält ohne Kraftaufwand über Wasser und isoliert etwas. Die Hockstellung mit angezogenen Knien schützt den Rumpf; mehrere Personen können sich im engen Kreis zusammenrücken. Kleidung bleibt im Wasser an, weil sie isoliert; erst an Land wird sie gegen Trockenes getauscht.
Wind verstärkt den Verlust, indem er die Warmluftschicht an der Haut abreißt. Nasse Baumwolle hält Kälte am Körper. Die Mayo Clinic stellt Wolle, Seide oder Polypropylen als innere Lage über Baumwolle, weil sie Wärme besser speichern. Mehrere lockere Schichten fangen Luftpolster; die äußere Lage soll wind- und wasserabweisend sein. Überanstrengung, die zum Schwitzen führt, macht die inneren Lagen nass und kühlt danach umso schneller.
Auch mäßig kühle Luft wird gefährlich, wenn der Mensch nass, erschöpft oder unbeweglich ist. Die CDC setzt die Schwelle „schon über 4 °C“ für nasse, durchfrorene Menschen. Das Merck Manual nennt 13 bis 16 °C für immobile Personen, etwa nach Krampfanfall, Schlaganfall oder Intoxikation. Das widerlegt die Vorstellung, Unterkühlung brauche Frost.
![[Mann mit gefrorenem Bart]](https://demedbook.com/images/1/everything-you-need-to-know-about-hypothermia_2.jpg)
Wie teilt die Medizin die Schwere ein?
Die Schwere richtet sich nach Kerntemperatur und vor allem nach Wachheit und Kreislauf, nicht nach einem einzelnen Messwert. Die WMS-Leitlinie 2019 warnt, dass die Gradzahlen überlappen: Zittern kann unter 32 °C weiterlaufen, Lebenszeichen unter 24 °C noch tastbar sein.
Klassisch gilt: leicht 32 bis 35 °C, mittel 28 bis 32 °C, schwer unter 28 °C, tief unter 24 °C. 2019 arbeitete die WMS noch mit dem älteren Schweizer Schema, das Zittern und Bewusstsein an Temperaturspannen koppelte. 2021 hat die Internationale Kommission für Bergnotfallmedizin das revidierte Schweizer System vorgeschlagen. Es nutzt die AVPU-Skala (wach, auf Ansprache, auf Schmerz, ohne Reaktion) und schätzt das Risiko eines hypothermen Herzstillstands, statt das Zittern zum Stadienmerkmal zu machen. Das Merck Manual (August 2026) stellt beide Raster nebeneinander.
| Ungefähre Kerntemperatur | WMS-Klasse | Revidiertes Schweizer Bild |
|---|---|---|
| 32 bis 35 °C | leicht | wach, oft Zittern |
| 28 bis 32 °C | mittel | reagiert auf Ansprache |
| 24 bis 28 °C | schwer | Schmerzreaktion oder bewusstlos, Lebenszeichen vorhanden |
| unter 24 °C | tief | keine erkennbaren Lebenszeichen |
Die Spannen sind Näherung. Wer auf Ansprache verlangsamt reagiert, aber noch zittert, gehört in die mittlere, nicht in die leichte Schublade. Begleiterkrankungen, Asphyxie, Trauma oder Intoxikation können das Bild verfälschen und ein höheres Risiko vortäuschen oder verdecken.
Im Krankenhaus kommen Labor und EKG hinzu. Kältediurese hebt Hämatokrit. Gerinnungstests bei 37 °C können eine klinisch relevante Blutungsneigung verschleiern. Das EKG zeigt oft verlängerte Strecken und J- oder Osborn-Wellen, die Computerprogramme mit einem Infarkt verwechseln können. Vorhofflimmern ist häufig; unter 28 °C steigt die Bereitschaft zu Kammerflimmern. Blutgaswerte werden laut Merck Manual nicht auf die niedrige Temperatur „korrigiert“. Bleibt die Wiedererwärmung aus, suchen Kliniker nach Myxödem, Nebenniereninsuffizienz, Sepsis, Unterzuckerung oder Giftstoffen.
Was geschieht im Krankenhaus und bei Herzstillstand?
Leichte, stabile Unterkühlung mit erhaltenem Zittern braucht oft nur passive Wiedererwärmung: warme Umgebung, isolierende Decken, warme Getränke. Das Merck Manual hält bei Kreislaufstabilen einen Anstieg um etwa 1 °C pro Stunde für akzeptabel. Unter 32 °C, bei Instabilität, Trauma, Gift oder Hormonmangel wird aktiv gewärmt.
Aktive äußere Wärme kommt als Warmluftsystem vor allem auf den Rumpf, nicht auf die Gliedmaßen. Aktive innere Wege sind angewärmte Infusionen (laut Merck 40 bis 42 °C, zunächst oft 500 ml bis 2 l isotone Kochsalzlösung bei Erwachsenen, bei Kindern 20 ml je kg), angewärmter befeuchteter Sauerstoff, Spülungen von Brustfell oder Bauchfell und extrakorporale Verfahren. Blasen- oder Magenspülung transportieren wenig Wärme. Volumenersatz ist nötig, weil Kältediurese und Plasmaverschiebung in das Gewebe den Kreislauf täuschen; beim Wiedererwärmen weiten sich die Gefäße, und der Druck kann einbrechen.
Beim hypothermen Herzstillstand gelten andere Regeln als in der warmen Reanimation. Paal, Pasquier, Darocha und Kolleginnen (Update 2021) raten, Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren für einen unmittelbar drohenden Stillstand oder mit bereits eingetretenem Stillstand direkt in ein Zentrum mit extrakorporaler Lebenserhaltung (ECLS) zu bringen. Genannt werden Kerntemperatur unter 30 °C bei Jüngeren und Gesunden (unter 32 °C bei Älteren oder multimorbiden Menschen), Kammerrhythmusstörungen und systolischer Blutdruck unter 90 mmHg. ECMO wird gegenüber der klassischen Herz-Lungen-Maschine bevorzugt. Mechanische oder, wenn ununterbrochenes Drücken unmöglich ist, intermittierende Herzdruckmassage kann den Transport überbrücken.
Der HOPE-Score schätzt die Überlebenswahrscheinlichkeit nach ECLS anhand von Alter, Geschlecht, Mechanismus, Kerntemperatur, Serumkalium und Dauer der Reanimation. StatPearls (2026) und das Merck Manual nennen eine Schwelle von mindestens 10 Prozent als Entscheidungshilfe für den Beginn der extrakorporalen Wiedererwärmung; bei Kindern gilt der Wert nicht als harte Grenze. Kalium über 12 mmol/l spricht für sehr schlechte Aussichten, soll die Reanimation aber nicht allein beenden. ACLS-Medikamente werden laut Merck oft erst oberhalb von 30 °C gegeben. Ein Defibrillationsversuch mit maximaler Energie kann darunter versucht werden; weitere Schocks warten typischerweise, bis der Kern wärmer als 30 °C ist. Die japanische ICE-CRASH-Beobachtung von 2023, zitiert in StatPearls, fand einen Nutzen von ECMO vor allem bei Herzstillstand, nicht bei erhaltener Zirkulation, wo Blutungen zunahmen.
Ohne Stillstand ist die Prognose der primären Unterkühlung gut, wenn rasch erkannt und gewärmt wird. Mit ECLS nach hypothermem Herzstillstand berichten ausgewählte Serien im Merck Manual von neurologisch günstigem Überleben in der Größenordnung von 42 bis 56 Prozent. Das rechtfertigt langes Reanimieren, solange die Geschichte zur akzidentellen Kälte passt und keine eindeutig tödlichen Verletzungen vorliegen.
Wie lässt sich Unterkühlung verhindern?
Die wirksamste Vorbeugung ist Verhalten: passende Kleidung, trockene Schichten, Rückzug bei Zittern, warme Wohnung, kein Alkohol in der Kälte. Physiologie allein reicht beim Menschen nicht.
Die Mayo Clinic fasst den Winterschutz im Kürzel COLD: Kopf, Hals und Gesicht bedecken; Überanstrengung mit Schweiß vermeiden; lockere Lagen tragen; trocken bleiben. Fäustlinge wärmen besser als Fingerhandschuhe. Die CDC nennt Schal oder Maske, Mütze, wasserabweisende Jacke und Stiefel sowie mehrere lockere Schichten. Innere Lagen aus Wolle, Seide oder Polypropylen halten Wärme besser als Baumwolle.
- Kinder sollen eine Lage mehr tragen als Erwachsene unter denselben Bedingungen und bei erstem Zittern hereinkommen.
- Säuglinge gehören nicht in ein kaltes Schlafzimmer; Decken ersetzen keine Raumwärme und können ersticken.
- Ältere Menschen brauchen Wohnräume über 20 °C, warme Mahlzeiten und regelmäßige Anrufe, besonders nach Stürzen.
- Wer im Auto feststeckt, bleibt im Wagen und lässt den Motor etwa zehn Minuten je Stunde laufen.
- Ein Fenster bleibt einen Spalt offen, der Auspuff muss schneefrei bleiben.
- Auf dem Wasser trägt man die Schwimmweste schon vor dem Kentern; nasse Kleidung kommt erst an Land weg.
Alkohol vor dem Schlafen in kalter Wohnung oder vor dem Bootsausflug gehört zu den vermeidbaren Fehlern. Ausreichend essen und trinken hält den Stoffwechsel, der Wärme erzeugt. Gemeindeangebote wie Wärmestuben, Heizkostenzuschüsse und Besuchsdienste nennt die Mayo Clinic ausdrücklich für jene, die selbst nicht mehr heizen oder Hilfe rufen können.
Wer erste Zeichen leichter Unterkühlung an sich bemerkt, soll sich sofort in den Warmen zurückziehen. Der Weg von Zittern zu Verwirrtheit ist kürzer, als viele denken, weil das Denken genau dann nachlässt, wenn Schutzhandlungen nötig wären.
Häufige Fragen
Kann man sich auch im Sommer unterkühlen?
Ja. Nässe, Wind, kühle Klimaanlage oder langes Liegen auf dem Boden reichen, auch ohne Frost. Die CDC beschreibt Unterkühlung schon oberhalb von etwa 4 °C, wenn Regen, Schweiß oder Wasser kühlen. Säuglinge und ältere Menschen in zu kühlen Zimmern sind typische Sommerfälle.
Soll ich Arme und Beine reiben oder in heißes Wasser halten?
Nein. Reiben, Massieren und heißes Bad können Haut schädigen und kaltes Blut zum Herzen schieben. Mayo Clinic und NHS raten zu sanfter Wärme am Rumpf und zu trockenen Lagen. Gliedmaßen bleiben zugedeckt, werden aber nicht extra erhitzt.
Wann ist das Aufhören des Zitterns gefährlich?
Wenn Zittern bei anhaltender Kälte nachlässt und Denken oder Sprache kippen, ist die Unterkühlung meist fortgeschritten. Die WMS-Leitlinie 2019 setzt das Sistieren oft um 30 °C an, mit großer Streuung. Das ist ein Grund für den Notruf, kein Zeichen, dass sich der Körper „gewöhnt“ hat.
Dürfen warme Getränke gegeben werden?
Nur wenn die Person wach ist und sicher schlucken kann. Dann helfen warme, süße Getränke ohne Alkohol; der NHS nennt zusätzlich etwas Zuckerhaltiges. Bewusstlose bekommen nichts in den Mund. Koffein und Alkohol gehören nicht dazu.
Ist paradoxes Entkleiden ein gutes Zeichen?
Nein. Wer in der Kälte Kleidung abstreift, ist in der Regel verwirrt und verliert danach noch schneller Wärme. StatPearls ordnet das Phänomen der mittleren Unterkühlung zu. Die Person braucht Schutz, Decken und den Rettungsdienst, kein Zureden zum „Abkühlen“.
Wie lange soll man bei scheinbarem Herzstillstand wiederbeleben?
Länger als im warmen Notfall, solange die Geschichte zur Kälte passt. Die CDC hält fest, dass Menschen, die tot wirken, dennoch gerettet werden können. Über den Abbruch entscheiden Klinikteams nach Wiedererwärmung, oft mit HOPE-Score und Kalium, nicht Laien am Unfallort.
![[Mann im Pool]](https://demedbook.com/images/1/everything-you-need-to-know-about-hypothermia_3.jpg)
Fazit
Unterkühlung beginnt unter 35 °C und ist ein Notfall, auch wenn draußen kein Frost herrscht. Zittern, tölpelnde Hände, undeutliche Sprache und Verwirrtheit sind die Signale, auf die Begleiter achten müssen, weil die betroffene Person selbst selten noch klar urteilt. Nass ausziehen, Rumpf und Kopf wärmen, waagerecht und ruhig lagern, warme süße Getränke nur bei wachen Menschen: das ist die Laienhilfe, bis der Rettungsdienst übernimmt.
Was sich seit den älteren Ratgebern um 2018 geändert hat, betrifft vor allem die schwere Verlaufsform. Stadien folgen der Wachheit, nicht allein dem Thermometer. Beim Herzstillstand in der Kälte zählt der Transport in ein ECLS-Zentrum und die Wiedererwärmung über ECMO, gestützt auf den HOPE-Score, nicht das frühe Einstellen allein wegen langer Reanimationszeit. Adrenalin und wiederholte Schocks warten oft, bis der Kern über 30 °C liegt.
Für den Alltag bleibt Vorbeugung konkreter als Technik: Schichten statt Baumwolle auf der Haut, Wohnung über 20 °C für Ältere und Säuglinge, kein Alkohol in der Kälte, Schwimmweste auf dem Wasser, nach einem Sturz rasch vom Boden. Wer zittert, geht herein. Wer verwirrt wirkt, bekommt den Notruf, nicht noch eine Runde draußen.
Quellen
- Centers for Disease Control and Prevention: Preventing Hypothermia. Centers for Disease Control and Prevention, Stand: 2026.
- Garnett MF: QuickStats: Percentage Distribution of Deaths Attributed to Excessive Cold or Hypothermia, by Month — United States, 2023. Morbidity and Mortality Weekly Report, 27. Februar 2025.
- Mayo Clinic Staff: Hypothermia – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 16. April 2024.
- Mayo Clinic Staff: Hypothermia: First aid. Mayo Clinic, 16. April 2024.
- Mayo Clinic Staff: Hypothermia – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, 16. April 2024.
- Danzl DF: Hypothermia – Injuries; Poisoning. Merck Manual Professional Edition, August 2026.
- National Health Service: Hypothermia – NHS. National Health Service, 9. Juni 2023.
- Cleveland Clinic: Hypothermia (Low Body Temperature): Signs, Causes & Treatment. Cleveland Clinic, 17. August 2023.
- Crist C, Patel G: Hypothermia – StatPearls. StatPearls, 21. Juni 2026.
- Dow J, Giesbrecht GG et al.: Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Out-of-Hospital Evaluation and Treatment of Accidental Hypothermia: 2019 Update. Wilderness & Environmental Medicine, 15. November 2019.
- Paal P, Pasquier M et al.: Accidental Hypothermia: 2021 Update. International Journal of Environmental Research and Public Health, 3. Januar 2022.
