Migräne: Symptome, Trigger und aktuelle Therapie

Migräne: Symptome, Trigger und aktuelle Therapie

Migräne ist eine genetisch mitbedingte Erkrankung des Nervensystems mit wiederkehrenden Anfällen, nicht bloß ein besonders starker Kopfschmerz. Unbehandelt dauert die Schmerzphase meist vier bis 72 Stunden und bringt oft pochenden, einseitigen Schmerz, Übelkeit sowie eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen.

Laut der Mayo Clinic (Aktualisierung 8. Juli 2025) betrifft das Bild etwa jede fünfte Frau, jeden 16. Mann und jedes 11. Kind. Das Merck Manual (Fachfassung, Stand Juli 2025) nennt für die Vereinigten Staaten eine Ein-Jahres-Prävalenz von rund 18 Prozent bei Frauen und 6 Prozent bei Männern. Ein europäischer Konsens in Nature Reviews Neurology (2021) schätzt die weltweite Ein-Jahres-Prävalenz auf etwa 15 Prozent und zählt mehr als eine Milliarde Betroffene. Seit 2018 haben Mittel gegen das Schmerzpeptid CGRP die Vorbeugung verändert. Die American Headache Society stellt sie seit März 2024 in die erste Reihe, während NICE sie im britischen System erst nach drei erfolglosen älteren Vorbeugemitteln empfiehlt.

Heilbar ist die Krankheit nicht. Ziel bleibt, Anfälle früher zu stoppen, ihre Zahl zu senken und gefährliche Zweitursachen nicht zu übersehen.

Was ist Migräne und wie unterscheidet sie sich vom Kopfschmerz?

Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung mit wiederkehrenden Attacken, die Alltag, Arbeit und Familie unterbrechen können. Spannungskopfschmerz bleibt meist beidseits drückend, leichter oder mittelschwer und ohne Übelkeit; Clusterkopfschmerz sitzt einseitig um das Auge, dauert Minuten bis drei Stunden und geht mit Unruhe sowie tränendem Auge oder verstopfter Nase einher.

NICE beschreibt Migräne in der Leitlinie CG150 als mittelschweren bis schweren, pulsierenden Schmerz, ein- oder beidseits, der sich durch alltägliche Bewegung verschlechtert oder so heftig ist, dass man diese Bewegung meidet. Dazu kommt mindestens eines der Begleitsymptome Lichtscheu, Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit oder Erbrechen. Die Cleveland Clinic (23. Januar 2024) betont, dass Bewegung, helles Licht, Lärm und starke Gerüche den Anfall oft verstärken. Viele Betroffene legen sich deshalb in einen dunklen, stillen Raum.

Nicht jeder Anfall zeigt das Lehrbuchbild. Das Merck Manual weist darauf hin, dass der Schmerz beidseits sitzen kann und nicht immer pocht; rund 40 Prozent der Menschen mit Migräne berichten laut dem europäischen Konsens von 2021 über beidseitigen Schmerz. Wer nur dumpfen Druck ohne Begleitzeichen hat, hat eher einen Spannungskopfschmerz. Wer jedoch regelmäßig Übelkeit, Lichtscheu und Bewegungsunverträglichkeit hat, sollte Migräne in der Praxis ansprechen, auch wenn der Schmerz „nur“ mäßig wirkt.

Zwei Zahlen helfen bei der Einordnung der Häufigkeit. Episodisch nennt NICE Verläufe mit weniger als 15 Kopfschmerztagen pro Monat. Chronisch bedeutet mindestens 15 Kopfschmerztage im Monat über mehr als drei Monate, davon mindestens acht Tage mit Migränemerkmalen. Aus episodischen Mustern kann ein chronisches werden, besonders wenn Akutmittel zu oft genommen werden; der umgekehrte Weg ist ebenfalls möglich.

Migräne mit Aura-Darstellung mit verschwommenen Farbton um einen Baum

Welche Symptome und Phasen durchläuft ein Anfall?

Ein Anfall kann vier Abschnitte haben, nämlich Vorboten, Aura, Kopfschmerz und Nachphase. Nicht jede Person durchläuft alle vier, und nicht jeder Anfall folgt demselben Ablauf.

Stunden bis zwei Tage vorher können subtile Vorboten auftreten. Die Mayo Clinic listet Verstopfung oder Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Nackensteifigkeit, häufigeres Wasserlassen, Flüssigkeitseinlagerung und unstillbares Gähnen. NINDS ergänzt unerklärliche Hochstimmung oder Traurigkeit. Viele erkennen diese Zeichen erst, wenn sie ein Tagebuch führen.

Die Schmerzphase beginnt oft langsam und wird stärker. Typisch ist pochender oder pulsierender Schmerz, häufig einseitig an Schläfe oder Stirn, manchmal um Auge, Kiefer oder Nacken. Übelkeit und Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit sowie Konzentrationsschwäche gehören dazu. Alltägliche Tätigkeit wie Treppensteigen oder Bücken verschlimmert den Schmerz meist. Unbehandelt hält diese Phase bei Erwachsenen vier bis 72 Stunden; bei Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren nennt NICE eine Spanne von einer bis 72 Stunden.

Nach dem Abklingen fühlen sich viele erschöpft, benommen oder reizbar, manche ungewöhnlich hellwach. Die Cleveland Clinic spricht von einem „Kater“ nach dem Anfall, der Stunden bis zwei Tage dauern kann. Plötzliche Kopfbewegungen können den Schmerz kurz zurückholen. Status migrainosus nennt StatPearls (Aktualisierung 5. Juli 2024) einen lähmenden Anfall über 72 Stunden; der NHS rät dann zu einer dringenden hausärztlichen oder 111-Abklärung.

Aura und welche Migränetypen es gibt

Eine Aura ist eine vorübergehende Störung des Nervensystems, die sich über Minuten aufbaut, vollständig zurückbildet und meist fünf bis 60 Minuten dauert. Sie tritt bei etwa einem Viertel bis einem Drittel der Betroffenen auf, häufiger vor als während des Schmerzes; manche erleben Aura fast ohne Kopfschmerz.

Visuelle Zeichen überwiegen. Fortifikationsspektren, Zickzacklinien, flackernde Punkte, Lichtblitze oder ein wandernder Gesichtsfeldausfall sind klassisch. Sensorische Auren beginnen oft in einer Hand und ziehen in Arm und Gesicht, als Kribbeln oder Taubheit. Sprachstörungen kommen seltener vor. NICE verlangt für die typische Aura, dass die Zeichen voll reversibel sind, sich über mindestens fünf Minuten entwickeln und fünf bis 60 Minuten anhalten. Motorische Schwäche, Doppelbilder, Symptome nur in einem Auge, Gleichgewichtsverlust oder Bewusstseinsminderung gelten als atypisch und sollen abgeklärt werden.

Die wichtigsten Typen nach ICHD-3 und NINDS:

  • Migräne ohne Aura bleibt der häufigste Typ und macht laut StatPearls etwa 75 Prozent der Fälle aus.
  • Migräne mit typischer Aura verbindet die genannten reversiblen Zeichen mit oder ohne anschließenden Schmerz.
  • Chronische Migräne zählt Kopfschmerztage, nicht die Stärke eines einzelnen Anfalls, und braucht oft Vorbeugung.
  • Menstruationsbezogene Migräne tritt vorwiegend von zwei Tagen vor bis drei Tage nach Beginn der Blutung in mindestens zwei von drei Zyklen auf.
  • Hemiplegische Migräne erzeugt vorübergehende einseitige Schwäche und darf nicht mit einem Schlaganfall verwechselt, aber auch nicht bagatellisiert werden.
  • Migräne mit Hirnstammaura kann Schwindel, Doppeltsehen, Sprach- oder Gleichgewichtsstörung und Ohrgeräusche bringen.
  • Abdominale Migräne und verwandte Syndrome betreffen vor allem Kinder und äußern sich als Bauchschmerz, Übelkeit oder Schwindel ohne klassischen Kopfschmerz.

Beide Hauptformen können bei derselben Person vorkommen. Wer Anfälle mit und ohne Aura hat, erhält laut ICHD-3 beide Diagnosen. Das ändert die Therapie kaum, ist aber wichtig für die Beratung zu hormonellen Verhütungsmitteln.

Ursachen, CGRP und typische Auslöser

Die genaue Ursache bleibt unvollständig geklärt; Genetik und Umwelt wirken zusammen. Die Mayo Clinic beschreibt eine gestörte Kommunikation zwischen Hirnstamm und Trigeminusnerv sowie ein Ungleichgewicht von Botenstoffen, darunter Serotonin und das Peptid CGRP. CGRP erweitert Gefäße in Hirnhäuten, fördert Entzündungsreize und überträgt Schmerz; genau dort greifen die neueren Antikörper und Gepante an.

Familiäre Häufung ist häufig. Hat ein Elternteil Migräne, liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Kind laut Mayo Clinic bei etwa 50 Prozent. Die Cleveland Clinic nennt sogar bis zu 80 Prozent der Betroffenen mit einem Verwandten ersten Grades. Seltene monogene Formen wie die familiäre hemiplegische Migräne mit Varianten in Ionenkanälen erklären nur einen kleinen Teil. Für die alltägliche Form gilt ein Zusammenspiel vieler Genorte plus Auslöser.

Auslöser sind keine Schuldfrage und oft überschätzt. Das Merck Manual warnt davor, den gesamten Speiseplan zu streichen; mäßige Beobachtung reicht meist. Häufig genannt werden Östrogenschwankungen vor und während der Regel, in Schwangerschaft und Wechseljahren, Schlafmangel oder zu viel Schlaf, ausgelassene Mahlzeiten, Stress und dessen plötzliches Nachlassen, Alkohol (besonders Rotwein), zu viel Koffein oder dessen Entzug, grelles oder flackerndes Licht, Lärm, starke Gerüche, Wetter- und Luftdruckwechsel sowie Mittel wie Nitroglycerin oder manche hormonellen Präparate. StatPearls zitiert ältere Befragungen, in denen Stress, Hormone und ausgelassene Mahlzeiten besonders oft genannt wurden.

Lebensmittel wie gereifter Käse, verarbeitete Fleischwaren, Glutamat oder Aspartam können bei einzelnen Menschen mitwirken, belegen aber keine universelle „Migränediät“. Sinnvoller als eine lange Verbotsliste ist ein Tagebuch, das Anfall, Schlaf, Mahlzeiten, Zyklus und Mittel nebeneinanderlegt.

Wie wird Migräne diagnostiziert?

Die Diagnose bleibt klinisch und stützt sich auf Anamnese, körperliche und neurologische Untersuchung, oft ergänzt durch ein Kopfschmerztagebuch. Es gibt keinen Blutwert und kein Bild, das Migräne beweist. Die Mayo Clinic formuliert das so, dass die Struktur des Gehirns unauffällig ist, die Funktion im Anfall nicht.

NICE empfiehlt ein Tagebuch über mindestens acht Wochen. Darin stehen Häufigkeit, Dauer und Stärke, Begleitzeichen, alle verschriebenen und frei verkäuflichen Mittel, mögliche Auslöser und der Bezug zur Menstruation. Derselbe Bogen hilft später, den Nutzen einer Vorbeugung zu prüfen. Bildgebung allein zur Beruhigung lehnt NICE bei klarer Primärdiagnose ab.

Untersuchungen wie Magnetresonanztomografie, Computertomografie oder selten eine Lumbalpunktion dienen dem Ausschluss anderer Ursachen, wenn rote Flaggen vorliegen oder das Muster neu und ungewöhnlich ist. Häufige Fehldeutungen listet das Merck Manual. Beidseitiger Schmerz wird als „keine Migräne“ abgetan, autonome Zeichen als Nasennebenhöhlenleiden, eine Aura ohne Schmerz als transitorische ischämische Attacke, und ein Donnerschlagkopfschmerz als „wieder nur Migräne“, weil ein Triptan die Schmerzen mindert. Ein Triptan kann auch bei einer Blutung unter die Hirnhaut den Schmerz lindern; die Wirkung beweist also nicht die Diagnose.

Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?

Wiederkehrende Anfälle mit Übelkeit, Lichtscheu und Alltagsverlust gehören in die hausärztliche Sprechstunde, nicht erst nach Jahren stillen Ertragens. Der NHS rät zum Termin, wenn Attacken schwerer oder länger werden, öfter als einmal pro Woche kommen, sich schlecht steuern lassen oder regelmäßig an die Regelblutung gekoppelt sind.

Sofortige Notfallhilfe ist nötig, wenn der Schmerz in Sekunden bis wenigen Minuten zur maximalen Stärke explodiert (Donnerschlag), nach einem Kopftrauma auftritt oder zusammen mit Fieber und Nackensteife, Krampfanfall, Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung, neuem Sehverlust, Doppelbildern, Sprachstörung oder einseitiger Lähmung erscheint. NICE nennt zusätzlich Kopfschmerz, der durch Husten, Pressen, Niesen oder Anstrengung ausgelöst wird, lageabhängigen Schmerz, Hinweise auf Riesenzellarteriitis oder ein akutes Engwinkelglaukom sowie eine deutliche Änderung eines bekannten Musters. Neu einsetzender Kopfschmerz nach dem 50. Lebensjahr, bei bekannter Krebserkrankung oder bei geschwächtem Immunsystem soll ebenfalls zügig abgeklärt werden.

Situation Typische Zeichen Nächster Schritt
Bekannte episodische Migräne Pochender Schmerz, Übelkeit, Lichtscheu, Muster unverändert Hausarzt, Tagebuch, Akutplan
Häufige oder chronische Last ≥4 Migränetage/Monat oder ≥15 Kopfschmerztage Vorbeugung besprechen, Übergebrauch prüfen
Atypische Aura Schwäche, Doppelbilder, einäugige Störung, Bewusstseinsänderung Zeitnahe neurologische Abklärung
Donnerschlag oder neue Herdzeichen Maximum in Minuten, Lähmung, Sprachverlust, Fieber plus steifer Nacken Notaufnahme, nicht selbst fahren
Anfall über 72 Stunden Ununterbrochener schwerer Schmerz, oft mit Erbrechen Dringende hausärztliche oder 111-Hilfe (NHS)

Aura, die länger als eine Stunde anhält, und ein Anfall in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt stuft der NHS als dringlich ein, auch ohne Donnerschlag. Wer unsicher ist, wählt lieber die Notaufnahme als das Warten auf den nächsten Arbeitstag.

Was hilft im akuten Anfall?

Akutmittel wirken am besten, sobald der Schmerz oder die zuverlässigen Vorboten beginnen, nicht erst wenn Erbrechen den Schluckweg versperrt. NICE empfiehlt als Standard die Kombination aus einem oralen Triptan plus einem NSAR oder aus einem oralen Triptan plus Paracetamol; wer nur ein Mittel nehmen will, kann ein Triptan, ein NSAR, Aspirin 900 mg oder Paracetamol allein versuchen. Bei 12- bis 17-Jährigen bevorzugt NICE ein nasales Triptan; außer nasalem Sumatriptan war das im Juni 2025 in Großbritannien oft noch ein Off-Label-Gebrauch.

Triptane (unter anderem Sumatriptan, Rizatriptan, Zolmitriptan, Eletriptan, Frovatriptan) blockieren Schmerzbotenstoffe an Serotonin-1B/1D-Rezeptoren. Das Merck Manual betont, sie seien keine klassischen Schmerzmittel, sondern unterbrechen die Freisetzung der Peptide, die den Anfall tragen. Versagt ein Triptan wiederholt, soll ein anderes versucht werden, weil das Versagen kein Klasseneffekt ist. Bei koronarer Herzkrankheit, unkontrolliertem Bluthochdruck oder hohem Gefäßrisiko sind Triptane und Dihydroergotamin ungeeignet.

Neuere Alternativen ohne gefäßverengende Wirkung sind Gepante und Lasmiditan. Ubrogepant und Rimegepant sind orale CGRP-Rezeptorblocker; Zavegepant kommt als Nasenspray. In Studien linderten sie den Schmerz zwei Stunden nach Einnahme häufiger als Scheinmittel, so die Mayo Clinic. NICE begrenzt Rimegepant zur Akuttherapie auf Erwachsene, bei denen mindestens zwei Triptane nicht ausgereicht haben oder Triptane ungeeignet waren und NSAR sowie Paracetamol versagt haben. Lasmiditan dockt am Serotonin-1F-Rezeptor an und hat laut Merck Manual keine kardiovaskulären Gegenanzeigen; Schläfrigkeit und Schwindel sind häufig, Autofahren ist für mindestens acht Stunden tabu.

Ein Mittel gegen Übelkeit kann NICE ergänzen, auch wenn niemand erbricht; Metoclopramid und Prochlorperazin haben eigene Warnhinweise in der Fachinformation. Opioide und Ergotamine sollen laut NICE nicht zur Akuttherapie der Migräne angeboten werden. Kleine Hilfen ohne Tablette bleiben sinnvoll, etwa ein dunkler kühler Raum, eine kühle Kompresse, Flüssigkeit und kurze Ruhe. Sie ersetzen kein wirksames Akutmittel, wenn der Anfall bereits rollt.

Wie lässt sich Migräne vorbeugen?

Vorbeugung lohnt, wenn Anfälle trotz guter Akuttherapie häufig den Alltag stören, Akutmittel drohen überzunutzen oder einzelne Attacken extrem lang und schwer sind. NINDS nennt als grobe Schwelle etwa einen Anfall pro Woche oder seltenere, aber sehr schwere Verläufe. Die Wahl hängt von Begleiterkrankungen, Kinderwunsch und Verträglichkeit ab, nicht von einem einzigen „besten“ Mittel.

Klassische orale Optionen bei NICE sind Propranolol, Topiramat und Amitriptylin. Propranolol braucht Vorsicht bei Depression, weil eine Überdosis rasch gefährlich werden kann. Topiramat darf in der Schwangerschaft nicht zur Vorbeugung dienen und bei Menschen mit Gebärfähigkeit nur im Rahmen des britischen Schwangerschaftsverhütungsprogramms. Amitriptylin fällt unter die Regeln zum sicheren Umgang mit Antidepressiva. Gabapentin rät NICE ausdrücklich nicht zur Migränevorbeugung. Nach drei bis sechs Monaten soll geprüft werden, ob die Vorbeugung noch nötig ist.

CGRP-gerichtete Therapien sind der größte Wandel seit 2018. Die monoklonalen Antikörper Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab sowie die vorbeugenden Gepante Atogepant und Rimegepant haben in randomisierten Studien und in der Versorgung eine Evidenz, die die American Headache Society im März 2024 als größer beschreibt als die jedes älteren Vorbeugemittels. Dieselbe Stellungnahme stellt klar, dass ein Scheitern älterer, nicht migränespezifischer Mittel keine Pflichtvoraussetzung mehr sein darf. NICE bleibt strenger und knüpft die Erstattung an mindestens vier Migränetage pro Monat und das Versagen, die Unverträglichkeit oder die Ungeeignetheit von mindestens drei Vorbeugemitteln. CGRP-Mittel sollen nach 12 Wochen beendet werden, wenn die Anfallsfrequenz bei episodischer Migräne nicht um mindestens 50 Prozent und bei chronischer nicht um mindestens 30 Prozent sinkt.

OnabotulinumtoxinA, gespritzt etwa alle 12 Wochen in definierte Punkte an Kopf und Nacken, ist eine Option bei chronischer Migräne. NICE verlangt zuvor drei erfolglose Vorbeugemittel und eine geregelte Lage beim Medikamentenübergebrauch. Eine systematische Auswertung von 2018 zu Botulinumtoxin fand gegenüber Scheinbehandlung etwa zwei Migränetage weniger pro Monat. Für episodische Migräne gilt Botulinumtoxin als unwirksam. Ältere Texte über chirurgische Nervendekompression als Standard haben sich in den aktuellen Leitlinien nicht gehalten; das bleibt Einzelfallchirurgie, keine Erstmaßnahme.

NICE nennt außerdem Riboflavin 400 mg einmal täglich als Nahrungsergänzung, die bei manchen Menschen Häufigkeit und Stärke senken kann. Magnesium und Coenzym Q10 werden in Enzyklopädien erwähnt, die Datenlage ist gemischt. Butterbur rät die Mayo Clinic wegen Sicherheitsbedenken ab. Akupunktur kann NICE erwägen, wenn Propranolol, Topiramat und Amitriptylin nicht infrage kommen.

Medikamentenübergebrauch und was zu Hause hilft

Wer Akutmittel zu oft nimmt, kann den Kopfschmerz selbst am Leben halten. NICE spricht von Medikamentenübergebrauchskopfschmerz, wenn der Schmerz entstanden oder schlimmer geworden ist, während mindestens drei Monate lang Triptane, Opioide, Ergotamine oder Kombinationsanalgetika an zehn oder mehr Tagen pro Monat oder Paracetamol, Aspirin oder NSAR an 15 oder mehr Tagen genutzt wurden. Die Mayo Clinic setzt die Schwellen etwas enger, nämlich Ibuprofen oder Aspirin an mehr als 14 Tagen und Triptane an mehr als neun Tagen; am höchsten sei das Risiko bei Mischpräparaten aus Aspirin, Paracetamol und Koffein. Der NHS formuliert alltagstauglich, Schmerzmittel nicht an mehr als zwei Tagen pro Woche zu nehmen.

Die Behandlung besteht im Absetzen der übernutzten Mittel, laut NICE abrupt und für mindestens einen Monat, nicht ausschleichend. Der Schmerz wird kurz schlimmer, bevor er besser wird; eine Vorbeugung der zugrunde liegenden Migräne kann parallel starten. Stationärer Entzug ist nicht die Regel, außer bei starken Opioiden, wichtigen Begleiterkrankungen oder wiederholtem Scheitern zu Hause.

Alltagsmaßnahmen ersetzen keine Diagnose, können aber Anfälle seltener machen. Die Mayo Clinic bündelt sie als regelmäßigen Schlaf, Bewegung, die man langsam steigert, feste Mahlzeiten plus genug Flüssigkeit, ein Tagebuch und Stressarbeit (Achtsamkeit, Biofeedback, kognitive Verhaltenstherapie). Plötzlicher, sehr harter Sport kann selbst einen Anfall auslösen; Aufwärmen und maßvolle Ausdauer sind sicherer. Yoga und Entspannungsübungen können laut Merck Manual die vegetative Balance verbessern. Dunkler Raum, kühle Kompresse und Flüssigkeit bleiben die einfachsten Schritte, sobald der Anfall da ist.

Geräte zur Neuromodulation (supraorbitale Stimulation, Vagusnervstimulation, einzelne Magnetimpulse) erwähnt das Merck Manual als ergänzende Option ohne relevante Gefäßwirkung. Verfügbarkeit und Kosten unterscheiden sich stark; sie sind kein Ersatz für eine ärztlich geplante Akut- und Vorbeugestrategie.

Was gilt für Frauen, Hormone und Schwangerschaft?

Östrogenschwankungen sind ein kräftiger Auslöser. Viele Frauen erleben den ersten Anfall um die Menarche, schwerere Attacken um die Blutung und eine Besserung nach der Menopause; eine operative Entfernung der Eierstöcke kann die Lage laut NINDS verschlechtern. Menstruationsbezogene Migräne erkennt NICE, wenn die Attacken in mindestens zwei von drei Zyklen vorwiegend im Fenster von zwei Tagen vor bis drei Tage nach Beginn der Blutung liegen. Reicht die übliche Akuttherapie nicht, kann an den erwarteten Tagen Frovatriptan 2,5 mg zweimal täglich oder Zolmitriptan 2,5 mg zwei- bis dreimal täglich erwogen werden; das war im Juni 2025 in Großbritannien ein Off-Label-Gebrauch.

Kombinierte hormonelle Verhütung soll NICE Frauen und Mädchen mit Migräne plus Aura nicht routinemäßig anbieten. Das Merck Manual verknüpft hormonelle Therapie bei Aura mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko. Wer Aura hat und die Pille nimmt oder nehmen will, braucht eine individuelle Beratung, oft mit rein gestagenhaltigen Methoden als Alternative. Ohne Aura kann sich die Lage unter hormoneller Verhütung bei manchen bessern, bei anderen verschlechtern.

In der Schwangerschaft bietet NICE zuerst Paracetamol zur Akuttherapie an. Ein Triptan oder ein NSAR kommt nur nach Gespräch über Nutzen und Risiken infrage; NSAR tragen nach der 20. Schwangerschaftswoche eigene Warnungen der britischen Arzneimittelbehörde. Vorbeugung in der Schwangerschaft gehört in fachärztliche Hand. Manche Frauen erleben in der Schwangerschaft eine Besserung, andere eine Verschlechterung im ersten oder zweiten Drittel; nach der Geburt, wenn der Östrogenspiegel fällt, können Anfälle zurückkehren.

Häufige Fragen

Ist Migräne dasselbe wie ein sehr starker Kopfschmerz?

Nein. Migräne ist eine Erkrankung des Nervensystems mit wiederkehrenden Anfällen, die Schmerz, Übelkeit und Reizempfindlichkeit verbinden können. Ein einzelner starker Spannungskopfschmerz ohne Begleitzeichen erfüllt die Kriterien nicht. Die Unterscheidung trifft die Praxis anhand von Dauer, Begleitzeichen und Muster, nicht anhand der Schmerzskala allein.

Wie lange dauert ein typischer Anfall?

Unbehandelt dauert die Schmerzphase bei Erwachsenen meist vier bis 72 Stunden. Vorboten können Stunden bis zwei Tage vorher beginnen, die Nachphase Stunden bis zwei Tage danach anhalten. Dauert der Schmerz länger als 72 Stunden, spricht man von einem Status migrainosus; dann ist eine dringende ärztliche Einschätzung nötig.

Kann ich eine Aura ohne Kopfschmerz haben?

Ja. Eine typische Aura kann dem Schmerz vorausgehen, ihn begleiten oder fast allein auftreten. NICE und ICHD-3 werten das trotzdem als Migräne mit Aura, sofern die Zeichen reversibel sind und das Zeitfenster passen. Neue, plötzliche oder einseitige Ausfälle gehören trotzdem in die Abklärung, weil ein Schlaganfall ähnlich beginnen kann.

Wann muss ich mit Migräne in die Notaufnahme?

Bei Donnerschlagkopfschmerz, neuen Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, Krampfanfall, Verwirrtheit, Fieber mit Nackensteife oder Schmerz nach einem Schädeltrauma. Der NHS nennt dieselben Warnzeichen und rät, nicht selbst zu fahren. Ein bekannter, typischer Anfall ohne neue Herdzeichen ist in der Regel ein Fall für den Hausarzt, nicht für die Aufnahme.

Helfen Vitamin B2, Magnesium oder Kräuter wirklich?

NICE hält Riboflavin 400 mg täglich für eine Option, die bei manchen Menschen Anfälle seltener und schwächer machen kann. Magnesium und Coenzym Q10 haben gemischte Studien; Butterbur rät die Mayo Clinic aus Sicherheitsgründen ab. Nahrungsergänzung ersetzt weder Akutmittel noch eine ärztlich geplante Vorbeugung und sollte mit der bestehenden Medikation abgeglichen werden.

Sind CGRP-Antikörper jetzt die erste Wahl zur Vorbeugung?

In den USA ja als eine Erstlinienoption. Die American Headache Society verlangt seit März 2024 kein vorheriges Scheitern älterer Mittel mehr. In der NICE-Logik bleiben CGRP-Antikörper und vorbeugende Gepante hinter mindestens drei anderen Vorbeugemitteln, sofern diese verträglich und geeignet wären. Welche Regel für Sie gilt, entscheidet das örtliche Versorgungssystem zusammen mit Begleiterkrankungen und Kinderwunsch.

Darf ich die Antibabypille nehmen, wenn ich Aura habe?

NICE rät davon ab, kombinierte hormonelle Verhütung bei Migräne mit Aura routinemäßig zu geben. Grund ist das zusätzliche Gefäßrisiko, das Fachquellen mit Östrogen plus Aura verknüpfen. Ob eine gestagenbetonte Methode passt, klären Gynäkologie und Hausarzt gemeinsam; selbst absetzen ohne Ersatzverhütung ist unsicher.

Fazit

Migräne bleibt eine häufige, oft unterschätzte neurologische Erkrankung. Wer regelmäßig pochenden Schmerz mit Übelkeit oder Lichtscheu hat, führt acht Wochen lang Tagebuch und spricht die Diagnose aktiv an, statt nur frei verkäufliche Mittel zu steigern. Die Unterscheidung zu Spannungs- und Clusterkopfschmerz sowie das Erkennen roter Flaggen schützen vor zwei Fehlern, nämlich vor dem Bagatellisieren und vor dem Übersehen gefährlicher Zweitursachen.

Im Anfall zählt frühe, leitliniengerechte Akuttherapie, oft Triptan plus NSAR oder Paracetamol, bei Bedarf ein Mittel gegen Übelkeit, bei Gegenanzeigen Gepante oder Lasmiditan. Opioide gehören nicht dazu. Wer an mehr als zwei Tagen pro Woche Akutmittel braucht, hat ein Vorbeugungsthema und ein Risiko für Übergebrauchskopfschmerz.

Seit 2018 stehen CGRP-Antikörper, Gepante und für chronische Verläufe Botulinumtoxin bereit. Ob sie Erstlinie sind, hängt vom Land und vom Einzelfall ab; die Evidenz für Wirksamkeit und Verträglichkeit ist deutlich größer als 2018. Konkret für die nächsten Tage heißt das, Auslöser grob zu notieren, Schlaf und Mahlzeiten zu verstetigen, Akutmittel zu zählen und bei mindestens vier belastenden Tagen im Monat oder bei Aura plus hormoneller Verhütung einen festen Behandlungstermin zu vereinbaren.

Quellen

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