
Eine generalisierte Angststörung kann in der ersten Stunde eines Herzinfarkts die Zeit bis zur Klinik verkürzen, weil Betroffene Brustenge, Luftnot oder Todesangst früher als Alarm deuten und selbst den Weg ins Krankenhaus wählen. Dieselbe Diagnose bleibt trotzdem keine Schutzformel: über Monate und Jahre hängt sie mit mehr Komplikationen, neuen Herzereignissen und höherer Sterblichkeit zusammen.
Die Münchner MEDEA-Kohorte von 2018 lieferte den Akuteffekt. Eine Metaanalyse von 2021 und Statements der American Heart Association sowie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie von 2023 bis 2025 zeichnen den längeren Bogen. Wer Sorgen um die eigene Gesundheit kennt, braucht beides: den Notruf 112 bei Warnzeichen und eine Behandlung der Angst, sobald der Herzmuskel versorgt ist.
Was die MEDEA-Studie zur Angst wirklich zeigte
Die Studie maß keine Überlebensrate, sondern die Minuten vom ersten Symptom bis zur Klinik. In der multicenter Munich Examination of Delay in Patients Experiencing Acute Myocardial Infarction (MEDEA) wurden 619 Menschen mit ST-Hebungsinfarkt innerhalb von 24 Stunden nach der Intensivstation befragt. Einen GAD-7-Wert von mindestens 10, der eine generalisierte Angststörung anzeigt, hatten 71 Teilnehmende, also 11,47 Prozent.
Diese Gruppe kam früher. Gegenüber Patientinnen und Patienten ohne die Diagnose lag die Chance auf eine lange prähospitale Verzögerung bei einer Odds Ratio von 0,58. Der Abstand war bei Frauen klarer: im Mittel 112 Minuten mit Angststörung gegen 238 Minuten ohne. Bei Männern lagen die Werte bei 150 gegen 198 Minuten; dieser Unterschied erreichte keine statistische Signifikanz. Fang und Kollegen veröffentlichten die Zahlen 2018 in Clinical Research in Cardiology.
Der Mechanismus lag in der Einschätzung, nicht in einem „stärkeren Herzen“. Menschen mit generalisierter Angststörung hatten in den sechs Monaten vor dem Infarkt häufiger das Gefühl, ein erhöhtes Herzrisiko zu tragen (Odds Ratio 2,56). In der Akutphase entschieden sie häufiger selbst, ins Krankenhaus zu gehen (Odds Ratio 2,68). Gleichzeitig korrelierte die Diagnose mit akuter Angst, Todesfurcht, Erschöpfung und schlechterem psychischem Befinden. Die schnellere Tür zur Notaufnahme war also ein Verhaltensvorteil in einem insgesamt belasteten Zustand.
Eine einzelne Querschnittsstudie an Überlebenden kann den Satz „Angst rettet Leben“ nicht tragen. Wer den Infarkt nicht überstanden hat, fehlt in der Stichprobe. Die Autoren selbst betonten den Preis: mehr Stress, mehr Erschöpfung, schlechtere psychische Gesundheit. Der praktische Kern bleibt trotzdem gültig. Wer Körpersignale ernst nimmt und den Rettungsdienst holt, gewinnt Zeit, die der Herzmuskel nicht zurückbekommt.

Warum die Zeit vor dem Krankenhaus über Muskel und Leben entscheidet
Jede Minute ohne wiederhergestellten Blutfluss vergrößert den Schaden im Herzmuskel. Die US-Seuchenbehörde CDC schreibt Stand Oktober 2024, dass die Überlebenschance steigt, je früher die Notfallbehandlung beginnt. Das National Heart, Lung, and Blood Institute rät, bei Verdacht den Notruf zu wählen, auch wenn die Diagnose unsicher ist, und nicht selbst oder mit Angehörigen ins Auto zu steigen.
Die europäische Leitlinie zum akuten Koronarsyndrom von 2023 trennt Patientenverzug und Systemverzug. Der erste entsteht, weil Symptome bagatellisiert, der Hausarzt angerufen oder abgewartet wird. Der zweite entsteht in Leitstelle, Rettungswagen und Klinik. Für den ST-Hebungsinfarkt gilt als Organisationsziel, die betroffene Kranzarterie binnen 120 Minuten nach der EKG-Diagnose wieder zu eröffnen. Ein Umweg über die hausärztliche Praxis verlängert in den meisten Versorgungssystemen die prähospitale Zeit. Die Leitlinie fordert deshalb öffentlich, bei Verdacht den Rettungsdienst direkt zu rufen.
Rettungsteams beginnen Messung, Sauerstoffgabe, Schmerzmittel und Voranmeldung der Herzkatheterbereitschaft schon unterwegs. Wer mit dem Privatwagen kommt, verliert diese Vorlaufzeit und riskiert, unterwegs ohne Defibrillator zusammenzubrechen. Das NHLBI betont, dass Menschen, die im Rettungswagen eintreffen, in der Klinik oft schneller behandelt werden.
MEDEA erklärt damit, warum eine Angststörung in der ersten Stunde nützlich wirken kann. Sie verkürzt vor allem den Patientenverzug: weniger Abwarten, weniger „es wird schon wieder“, häufiger der eigene Entschluss zur Klinik. Sie ändert nichts am Systemverzug und nichts an Plaque, Thrombus oder Pumpfunktion. Zeitgewinn ist kein Ersatz für Reperfusion, Statine, Plättchenhemmung oder Rauchstopp.
Erhöht eine Angststörung das Herzrisiko auf Dauer?
Ja, die größere Beweislage nach 2018 zeigt eher Schaden als Schutz. Wen, Yang, Shen und Luo werteten 2021 sechzehn prospektive Arbeiten mit 9373 Infarktpatienten aus. Erhöhte Angst hing mit schlechteren klinischen Verläufen zusammen (Risikoverhältnis 1,19). Kurzfristige Komplikationen wie erneute Ischämie, Reinfarkt, Kammerarrhythmie, Herzschwäche oder Tod in der Klinik lagen bei einem Risikoverhältnis von 1,23. Für den längeren Verlauf, definiert als mindestens ein Jahr, lag das Risikoverhältnis bei 1,27, für schwere kardiale Ereignisse bei 1,54 und für die Langzeitsterblichkeit bei 1,16.
Die American Heart Association fasste 2025 die gemischte, aber überwiegende Richtung zusammen. In einer niederländischen Nachbeobachtung von knapp 300 Menschen nach Infarkt war die im Krankenhaus gemessene kardiale Angst mit einer Hazard Ratio von 1,59 für schwere Herzereignisse über im Mittel 4,2 Jahre verbunden; vier Monate nach Entlassung lag der Wert bei 1,77. Vermeidung von körperlicher Belastung trug einen großen Teil dieser Assoziation. Eine ältere Metaanalyse von zwölf Studien mit 5750 Betroffenen nannte eine Odds Ratio von 1,36 für das kombinierte Ende aus Ereignis, Herztod und Gesamttod, 1,71 für ein neues Herzereignis und 1,23 für den kardialen Tod.
Celano und Kollegen beschrieben 2016 bereits den Zwiespalt. Eine einzelne Kohorte nach akutem Koronarsyndrom hatte eine generalisierte Angststörung als Schutzfaktor gesehen. Die Mehrzahl der Arbeiten zu stabiler koronarer Krankheit und zu den Jahren nach dem Infarkt zeigte das Gegenteil. Nach Infarkt war GAD in einer Langzeitbeobachtung mit nahezu verdoppelter Sterblichkeit über zehn Jahre verknüpft. Bei stabiler koronarer Herzkrankheit verdoppelte sich in anderen Serien das Risiko schwerer Ereignisse über zwei Jahre. Eine Metaanalyse von Roest aus dem Jahr 2010, ebenfalls in diesem Review zitiert, nannte bei Menschen ohne bekannte Herzkrankheit ein um 26 Prozent höheres Risiko, später eine koronare Krankheit zu entwickeln.
Punktprävalenz der generalisierten Angststörung bei koronarer Herzkrankheit liegt laut derselben Übersicht bei etwa 11 Prozent, die Lebenszeitprävalenz bei 26 Prozent. In der US-Allgemeinbevölkerung lag die Lebenszeitrate bei 3 bis 7 Prozent. Die Diagnose ist also unter Herzkranken häufiger und prognostisch nicht harmlos, auch wenn sie in der ersten Stunde die Tür zur Notaufnahme früher öffnen kann.
| Phase | Beobachtung | Quelle |
|---|---|---|
| Minuten vor der Klinik | GAD kürzte den Verzug, bei Frauen 112 gegen 238 Minuten | Fang et al., 2018 |
| Klinik und erstes Jahr | Angst mit mehr Komplikationen, Risikoverhältnis 1,23 | Wen et al., 2021 |
| Ab einem Jahr | mehr schwere Herzereignisse, Risikoverhältnis 1,54 | Wen et al., 2021 |
| Wochen bis Monate danach | Angst oft 20–30 Prozent, stationär bis zur Hälfte belastet | AHA-Statement, 2025 |
Welche seelische Last nach dem Infarkt häufig bleibt
Angst nach dem Ereignis ist häufig und oft mehr als ein kurzer Schrecken. Das AHA-Statement von 2025 bündelt Depression, Angst, psychosozialen Stress und posttraumatische Symptome unter dem Begriff der psychischen Belastung nach Myokardinfarkt. Bis zur Hälfte der Betroffenen erlebt eine Form dieser Last. Stationär reicht Angst bis an 50 Prozent; in den Monaten nach der Entlassung liegen die meisten Schätzungen zwischen 20 und 30 Prozent. Eine Depression trifft bis zu einem Drittel. Eine posttraumatische Belastungsstörung nach Infarkt wird mit mindestens 4 bis 9 Prozent angegeben, in manchen Serien bis 21 Prozent.
Kardiale Angst meint die Furcht vor dem nächsten Ereignis, vor dem Tod und vor Körperempfindungen wie Herzklopfen oder Enge. Sie kann dazu führen, dass Menschen Treppen, Spaziergänge und die kardiologische Rehabilitation meiden. Genau diese Vermeidung erklärt in der niederländischen Kohorte einen großen Teil der späteren Ereignisse. Depression verdoppelt in der Zusammenschau das Risiko für erneute Herzereignisse und Tod; die AHA hatte Depression 2014 bereits als Risikofaktor nach akutem Koronarsyndrom eingestuft.
Entstehung und Rückwirkung greifen ineinander. Der Infarkt setzt Entzündungsbotenstoffe frei, aktiviert Stressachsen und kann serotoninerge Bahnen stören. Psychologisch wirkt das Ereignis wie ein Trauma: der Brustschmerz wird zum Konditionierungsreiz, Bewegung erinnert an Sterben, Rückzug nährt Niedergeschlagenheit. Wer arbeitslos ist, allein lebt oder schon zuvor eine psychische Erkrankung hatte, trägt laut dem Statement ein höheres Risiko für anhaltende Belastung.
Die schwedische SWEDEHEART-Registerauswertung mit 26 641 Erstinfarkten verknüpfte anhaltenden emotionalen Distress (21 Prozent der Kohorte) mit einer Hazard Ratio von 1,46 für den kardiovaskulären Tod. Eine australische Nachbeobachtung über im Mittel 4,7 Jahre zeigte eine Stufung: mäßige Belastung hing mit 28 Prozent mehr späteren Infarkten zusammen, hohe oder sehr hohe Belastung mit 60 Prozent. Das sind Assoziationen, keine Beweise für eine einzige Ursache. Sie reichen, um die Seele nach dem Infarkt nicht als Privatsache abzutun.
Herzinfarkt oder Panikattacke: wann den Notruf 112 wählen
Zu Hause lässt sich das nicht zuverlässig trennen, deshalb gilt bei Warnzeichen der Notruf. Die CDC nennt als Hauptzeichen Druck, Enge, Fülle oder Schmerz in der Brustmitte oder links, der Minuten anhält oder wiederkehrt; Schwäche, Schwindel oder Ohnmachtsnähe, oft mit kaltem Schweiß; Schmerz in Kiefer, Nacken oder Rücken; Schmerz in einem oder beiden Armen oder Schultern; Luftnot mit oder ohne Brustenge. Ungewöhnliche Müdigkeit, Übelkeit oder Erbrechen kommen hinzu und treten bei Frauen häufiger auf.
Das NHLBI ergänzt, dass ein Infarkt langsam, milde oder in Wellen über Stunden kommen kann und dass stille Verläufe vor allem ältere Menschen und Menschen mit Diabetes treffen. Frauen berichten häufiger ungewöhnliche Erschöpfung über Tage, Schulter- oder Rückenschmerz und Übelkeit. Wer schon einen Infarkt hatte, muss beim nächsten Mal nicht dasselbe Muster erwarten. Stabile Angina nach Belastung, die in Ruhe oder nach dem gewohnten Spray rasch weicht, ist etwas anderes als ein Schmerz, der in Ruhe bleibt.
Eine Panikattacke kann Herzrasen, Enge, Luftnot, Schwindel, Übelkeit, Zittern und Todesangst in wenigen Minuten aufschaukeln. MedlinePlus beschreibt genau diese Mischung aus Gedanken, Körperzeichen und Vermeidung. Die Überlappung ist so groß, dass Kardiologen in der öffentlichen Aufklärung der American Heart Association raten, im Zweifel die Notaufnahme zu nutzen. Ein Infarkt ist die Diagnose, die Minuten kostet; eine Panikattacke übersteht die Abklärung.
- Bei Brustdruck, der Minuten bleibt oder wiederkommt, den Notruf 112 wählen, nicht den Hausarzt anrufen.
- Luftnot, kalter Schweiß, Übelkeit oder Schmerz in Arm, Kiefer oder Rücken zählen als gleichwertige Alarme.
- Bekannte Angststörung ändert die Regel nicht, weil sich Infarkt und Panik zu Hause nicht sicher trennen lassen.
- Selbst fahren oder Angehörige fahren lassen, entfällt, weil unterwegs kein Defibrillator und keine Voranmeldung warten.
Frauen in MEDEA ohne Angststörung brauchten im Mittel mehr als zwei zusätzliche Stunden. Genau dieser Verzug ist der Grund, warum „abwarten, ob es eine Panik ist“ die gefährlichere Strategie bleibt.
Was Leitlinien seit 2023 zur seelischen Gesundheit raten
Die europäische ACS-Leitlinie von 2023 hebt die Prüfung des mentalen Befindens mit einem validierten Instrument vor der Entlassung auf Klasse IIa, Evidenz B, und empfiehlt bei Bedarf die Weiterleitung in die Psychologie oder Psychiatrie. Das war 2018, als MEDEA erschien, noch keine Standardformulierung in der Infarktversorgung. Die US-Leitlinie zu akuten Koronarsyndromen von 2025 stellt das offene Gespräch über Depressions- und Angstzeichen als Kern der Patientenschulung und der kardiologischen Rehabilitation dar.
Das AHA-Statement von 2025 bleibt beim flächendeckenden Pflichtscreening vorsichtiger, weil eine randomisierte Studie nach akutem Koronarsyndrom für Depression weder Lebensqualität noch Symptome klar verbesserte. Es verlangt aber, dass Ärztinnen und Ärzte stationär und in der Nachsorge nach Niedergeschlagenheit, Sorgen, Überforderung und Traumazeichen fragen. Wer testet, braucht einen Pfad zur Abklärung und Behandlung. Als kurze Einstiegsfragen eignen sich die vier Items des Patient Health Questionnaire zu Nervosität, unkontrollierbarer Sorge, Hoffnungslosigkeit und Interessenverlust.
Im August 2025 veröffentlichte die Europäische Gesellschaft für Kardiologie erstmals einen klinischen Konsens zu mentaler Gesundheit und Herz-Kreislauf-Krankheit. Er fordert, Angst, Depression und posttraumatische Symptome in der kardiologischen Versorgung systematisch zu erfassen und umgekehrt bei psychischen Erkrankungen das Herzrisiko mitzudenken. Im Dokument steht unter anderem, dass eine generalisierte Angststörung drei Monate nach akutem Infarkt bei 5,5 Prozent vorkam und dann über zehn Jahre mit etwa verdoppeltem Risiko für Herzereignisse und Gesamttod verknüpft war.
Die Richtung hat sich also verschoben. Ältere Kurzberichte feierten die MEDEA-Minuten als Ironie der Evolution. Aktuelle Texte behandeln Angst als Teil der Infarktkrankheit: häufig, messbar, mit Verhalten und Prognose verknüpft, und in der Klinik ansprechbar.
Welche Behandlung bei Angst und nach Infarkt helfen kann
Medikamente und Gesprächstherapie können Angst und Stimmung nach einem Herzereignis bessern; ob sie die nächste Katheteruntersuchung verhindern, ist weniger klar. Das AHA-Statement 2025 nennt selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als in Studien verträglich nach kürzlichem Infarkt oder bei chronischer koronarer Krankheit. Sertralin ist der am häufigsten geprüfte Wirkstoff; als Start nannte das Statement 50 bis 75 Milligramm täglich, ausschließlich nach ärztlicher Verordnung und Kontrolle. Bupropion und Mirtazapin wurden in kleineren Arbeiten ebenfalls als vertretbar beschrieben, Letzteres mit dem Hinweis auf mögliche Gewichtszunahme.
Zur Wirkung auf das Herz selbst widersprechen sich Übersichten. Eine bayessche Metaanalyse fand unter antidepressiver Therapie nach akutem Koronarsyndrom weniger Reinfarkte (Odds Ratio 0,45). Eine Netzwerk-Metaanalyse mit 12 116 Personen sah zwar weniger Depressionssymptome, aber keinen Zusammenhang mit erneutem Infarkt oder Tod. Für Angst und Trauma nach Koronarerkrankung fehlen große eigene Medikamentenstudien. Eine Arbeit fand Escitalopram über ein Jahr angstlösend stärker als Training oder Scheinbehandlung.
Kognitive Verhaltenstherapie, auch als internetgestützte Form, senkte in mehreren randomisierten Studien Depressions- und Angstwerte bei koronarer Krankheit. Eine Metaanalyse mit acht Studien und 1117 Teilnehmenden zeigte diesen Effekt für die Onlinevariante. Eine Cochrane-Auswertung zu psychologischen Interventionen fand dagegen keinen belegten Einfluss auf die Gesamtmortalität und unsichere Daten zu schweren Herzereignissen. Training in der kardiologischen Rehabilitation kann Stimmung und Angst selbst senken und ist zugleich die Maßnahme, die Infarkt, Klinikaufenthalt und Lebensqualität in großen Übersichten verbessert.
Die Mayo Clinic beschreibt für die generalisierte Angststörung Psychotherapie, Medikamente, Alltagsanpassungen und Entspannung als üblichen Mix; die Störung geht selten von allein vorüber und kann Verdauung, Schlaf, Schmerz und die Herzgesundheit belasten. MedlinePlus nennt kognitive Verhaltenstherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie sowie Angst- oder Antidepressiva als Hauptsäulen, immer bezogen auf die konkrete Störung. Benzodiazepine erwähnt das AHA-Statement nicht als geprüfte Langzeitstrategie nach Infarkt.
Was Betroffene und Angehörige in den nächsten Tagen tun können
Der nächste sinnvolle Schritt ist konkret, nicht motivierend. Bei Druck, Enge, Luftnot, kaltem Schweiß, Übelkeit oder Schmerz in Arm, Kiefer oder Rücken 112 wählen und die Tür öffnen, bis der Rettungsdienst da ist. Nach einem überstandenen Infarkt die angebotene Rehabilitation annehmen, auch wenn die Angst vor Belastung groß ist; genau diese Angst hält sonst vom Training fern, das die Prognose tragen kann.
Im Entlassgespräch nach der ESC-Empfehlung von 2023 nachfragen, ob ein kurzer Fragebogen zu Angst und Stimmung gemacht wurde und wohin eine auffällige Antwort führt. Anhaltende Sorgen, Schlaflosigkeit, Vermeidung von Bewegung, Albträume vom Infarkt oder der Gedanke, das Leben lohne sich nicht, gehören in die Hausarztpraxis, zur Kardiologie oder in den psychiatrischen Notdienst, nicht in stille Selbstberuhigung. Suizidgedanken sind ein Notfall.
Angehörige können den Notruf übernehmen, wenn der Betroffene bagatellisiert, und später zur Rehabilitation begleiten. Sie ersetzen keine Diagnostik. Ein Satz wie „das ist nur deine Angst“ hat in MEDEA den Preis von Stunden. Ein Satz wie „wir lassen das in der Notaufnahme klären“ kostet eine Fahrt und kann Muskel retten.
- Den Notruf 112 bei Warnzeichen selbst wählen und den Rettungsdienst einlassen.
- Nach dem Klinikaufenthalt die kardiologische Rehabilitation antreten, statt Bewegung aus Furcht zu streichen.
- Vor der Entlassung nach einem validierten Fragebogen zu Angst und Stimmung fragen.
- Anhaltende Sorgen, Vermeidung oder Todesfurcht in den Wochen danach fachlich ansprechen lassen.
Häufige Fragen
Schützt Angst wirklich vor dem Tod durch einen Herzinfarkt?
Nein, das ist so pauschal nicht belegt. MEDEA zeigte 2018 nur eine kürzere Zeit bis zur Klinik bei generalisierter Angststörung, besonders bei Frauen. Spätere Zusammenfassungen, darunter Wen 2021 und das AHA-Statement 2025, verknüpfen Angst nach dem Infarkt mit mehr Komplikationen und späteren Herzereignissen. Schneller Hilfe holen kann in der ersten Stunde nützen; die Diagnose selbst heilt den Herzmuskel nicht.
Kann ich eine Panikattacke von einem Infarkt selbst unterscheiden?
In der Regel nicht sicher genug, um zu Hause abzuwarten. Beide können Enge, Herzrasen, Luftnot, Schwindel und Todesangst auslösen. Die CDC und das NHLBI raten, bei diesen Zeichen den Notruf zu wählen, auch wenn Unsicherheit bleibt. Die Abklärung in der Notaufnahme ist die sichere Variante; ein verpasster Infarkt ist die teure.
Soll ich bei bekannter Angststörung trotzdem 112 rufen?
Ja, die bekannte Diagnose ändert die Notfallregel nicht. In MEDEA kamen gerade Menschen mit generalisierter Angststörung früher, weil sie Körpersignale ernst nahmen. Wer aus Scham vor „wieder nur Panik“ wartet, gibt genau diesen Zeitvorteil wieder her. Der Rettungsdienst und die Klinik können EKG und Troponin klären, das Wohnzimmer nicht.
Wird Angst nach einem Infarkt in der Klinik untersucht?
In Europa soll sie es. Die ESC-Leitlinie 2023 empfiehlt, das mentale Befinden vor der Entlassung mit einem validierten Instrument zu prüfen und bei Bedarf weiterzuverweisen. Das AHA-Statement 2025 fordert zumindest gezielte Fragen, wenn Belastung sichtbar wird. Der Konsens der ESC von 2025 geht weiter und will Angst und Depression in der Kardiologie systematisch mitdenken.
Hilft eine Angststörung, dauerhaft gesünder zu leben?
Für die erste Stunde der Hilfesuche kann erhöhte Wachheit nützen. Über Monate überwiegen in Kohorten eher Rauchen, weniger Bewegung, schlechtere Ernährung, lückenhafte Medikamenteneinnahme und fernbleibende Rehabilitation. Celano 2016 und das AHA-Statement 2025 beschreiben genau diese Verhaltenswege. Eine behandelte Angststörung ist deshalb Teil der Herzvorsorge, nicht ihr Ersatz.
Welche Therapie ist nach Infarkt und bei Angst üblich?
Häufig kombiniert die Versorgung kognitive Verhaltenstherapie, kardiologische Rehabilitation und bei Bedarf einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, etwa Sertralin nach ärztlicher Vorgabe. Das AHA-Statement 2025 nennt Startmengen von 50 bis 75 Milligramm Sertralin täglich als Beispiel aus Studien, nicht als Selbstmedikation. Ob die Psyche-Therapie das nächste Herzereignis verhindert, bleibt in den Übersichten uneinheitlich; Lebensqualität und Alltag können sich trotzdem bessern.
Fazit
Die Pointe von 2018 hält nur zur Hälfte. Eine generalisierte Angststörung kann den Weg in die Klinik verkürzen, weil Menschen Symptome früher als Gefahr lesen und selbst den Rettungsweg wählen. Dieselbe Diagnose und anhaltende Angst nach dem Infarkt hängen in Metaanalysen und Leitlinientexten der Jahre 2021 bis 2025 mit mehr Komplikationen, neuen Ereignissen und höherer Sterblichkeit zusammen.
Für den Alltag zählt die Handlung, nicht die Ironie. Bei Brustdruck, Luftnot, kaltem Schweiß, Übelkeit oder Schmerz in Arm, Kiefer oder Rücken 112 rufen, den Rettungsdienst kommen lassen und nicht selbst diagnostizieren, ob es „nur Angst“ ist. Nach der Akutversorgung die Rehabilitation antreten, vor der Entlassung nach einem kurzen Fragebogen zu Sorgen und Stimmung fragen und eine bekannte Angststörung behandeln lassen, statt sie als heimlichen Schutz zu feiern.
Quellen
- Fang XY, Spieler D et al.: Impact of generalized anxiety disorder (GAD) on prehospital delay of acute myocardial infarction patients. Findings from the multicenter MEDEA study. Clinical Research in Cardiology, 2018.
- Wen Y, Yang Y et al.: Anxiety and prognosis of patients with myocardial infarction: A meta-analysis. Clinical Cardiology, 7. Mai 2021.
- American Heart Association: Post–Myocardial Infarction Psychological Distress: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation, Stand: 2025.
- Byrne RA, Rossello X et al.: 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. European Heart Journal, 25. August 2023.
- European Society of Cardiology: 2025 ESC Clinical Consensus Statement on mental health and cardiovascular disease. European Society of Cardiology, 29. August 2025.
- Centers for Disease Control and Prevention: About Heart Attack Symptoms, Risk, and Recovery. Centers for Disease Control and Prevention, 24. Oktober 2024.
- National Heart, Lung, and Blood Institute: Heart Attack Symptoms. National Heart, Lung, and Blood Institute, Stand: 2024.
- Mayo Clinic: Generalized anxiety disorder – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 27. Mai 2026.
- MedlinePlus: Anxiety: types, symptoms, diagnosis, and treatments. MedlinePlus, National Library of Medicine, Stand: 2025.
- Celano CM, Daunis DJ et al.: Anxiety disorders and cardiovascular disease. Current Psychiatry Reports, November 2016.
- Rao SV, O’Donoghue ML et al.: 2025 ACC/AHA/ACEP/NAEMSP/SCAI Guideline for the Management of Patients With Acute Coronary Syndromes. Circulation, 2025.
