Resveratrol im Rotwein: schützt es vor Krebs?

Resveratrol im Rotwein: schützt es vor Krebs?

Resveratrol aus Rotwein ist kein belegtes Mittel, um Krebs zu verhindern. Alkoholische Getränke, also auch Rotwein, stuft die Internationale Agentur für Krebsforschung als krebserregend für den Menschen ein; die Weltgesundheitsorganisation schrieb 2023, ein Maß ohne Gesundheitsrisiko lasse sich nicht festlegen.

Die Vorstellung, ein oder zwei Gläser Rotwein wirkten wie eine pflanzliche Schutztherapie, stammt aus Zellversuchen, Mausmodellen und älteren Beobachtungen zum sogenannten französischen Paradoxon. Eine systematische Übersicht der Universität Leicester von 2024 findet dagegen keine belastbare klinische Grundlage, Resveratrol in irgendeinem medizinischen Setting zu empfehlen. Wer Krebsvorbeugung sucht, gewinnt mehr durch weniger Alkohol, Tabakverzicht, Gewichtskontrolle und Früherkennung als durch den Polyphenolgehalt eines Glases.

Was ist Resveratrol und wo steckt es?

Resveratrol ist ein Stilben-Polyphenol, das Weinreben, Erdnüsse und einige Beeren als Abwehrstoff bilden, etwa nach Verletzung, Pilzbefall oder UV-Licht. Im Rotwein stammt es vor allem aus den Beerenschalen, die bei der Maischegärung länger mit dem Most in Kontakt bleiben; Weißwein enthält deshalb in der Regel weniger.

Chemisch handelt es sich um 3,5,4′-Trihydroxy-trans-stilben. Nach dem Schlucken wird der Stoff im Darm gut aufgenommen, im Körper aber rasch an Glucuronsäure oder Sulfat gekoppelt und ausgeschieden. Das Linus Pauling Institute der Oregon State University hält fest, dass im Blut vor allem diese Konjugate messbar sind, während freies Resveratrol nur in Spuren zirkuliert. Genau dieser Abstand erklärt, warum Zellkulturen oft mit Konzentrationen arbeiten, die ein Glas Wein nicht erreicht.

Neben Wein liefern rote Trauben, Traubensaft, Erdnüsse, Erdnussbutter, Heidelbeeren und Cranberries messbare, aber kleine Mengen. Mayo Clinic betont, Trauben und Saft böten denselben Pflanzenstoff ohne Ethanol. Ob ausgerechnet Resveratrol oder andere Traubenphenole Gefäßmesswerte verändern, ist offen. Eine feste Schutzdosis für Herz oder Krebs kennt niemand.

Viele Kapseln enthalten Extrakt aus dem Wurzelstock des Japanischen Staudenknöterichs. Handelsübliche Stärken liegen oft zwischen unter 1 mg und 500 mg pro Stück. Das ist ein Vielfaches eines Glases, bleibt aber ein Nahrungsergänzungsmittel und kein zugelassenes Krebsmittel.

Rotwein Glas

Schützt ein Glas Rotwein vor Krebs?

Nein. Rotwein senkt das Krebsrisiko in der Bevölkerungsforschung nicht zuverlässig, und Leitlinien raten ausdrücklich davon ab, wegen möglicher Vorteile mit dem Trinken zu beginnen. Das National Cancer Institute stellt fest, dass mäßiger Rotweinkonsum weder mit weniger Prostatakrebs noch mit weniger Darmkrebs verbunden war; eine neuere Metaanalyse fand keinen Unterschied zwischen Rot- und Weißwein für das Gesamtrisiko.

Die American Cancer Society nennt Alkohol nach Tabak und Übergewicht den dritthäufigsten vermeidbaren Krebsfaktor in den USA. Entscheidend sei die aufgenommene Ethanolmenge über die Zeit, nicht die Farbe des Getränks. Bier, Wein und Spirituosen enthalten denselben Wirkstoff. Ein US-Standardglas entspricht etwa 14 g reinem Alkohol, typischerweise 150 ml Wein.

Die WHO-Vertretung Europa formulierte 2023 schärfer als viele ältere Ratgeber: Ein Schwellenwert, unterhalb dessen krebserzeugende Effekte ausbleiben, sei nicht belegt. In der europäischen Region entfalle rund die Hälfte der alkoholbedingten Krebsfälle auf sogenanntes leichtes und mäßiges Trinken, also weniger als etwa 1,5 Liter Wein pro Woche. Brustkrebs bei Frauen trägt einen großen Teil dieser Last.

Das US-Zentrum für Seuchenkontrolle schreibt im Januar 2026 ausdrücklich, dass auch Rot- und Weißwein das Risiko erhöhen. Mund, Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Dick- und Enddarm, Leber und die weibliche Brust sind die Organe mit dem klarsten Zusammenhang. Manche Auswertungen deuten zusätzlich auf Magen, Bauchspeicheldrüse und Prostata hin, sobald der Konsum hoch liegt.

Ältere Empfehlungen betonten oft „ein Glas für Frauen, zwei für Männer“ als unbedenklich. Die ACS-Ernährungsleitlinie von 2020 bleibt bei dieser Obergrenze für Menschen, die trotzdem trinken, stellt aber voran, Verzicht sei besser. Das NCI verweist auf einen aktuellen Hinweis des US-Surgeon-General, selbst die bisherigen Grenzwerte neu zu prüfen, weil das Krebsrisiko schon darunter steigt.

Warum Laborerfolge oft nicht beim Menschen ankommen

In der Petrischale kann Resveratrol Zellteilung bremsen, programmierten Zelltod anstoßen, Entzündungsenzyme hemmen und die Bildung neuer Blutgefäße stören. Nagetiere mit chemisch ausgelösten Tumoren oder mit erblichen Darmpolypen zeigen unter hohen oder gezielt gewählten Dosen manchmal weniger Läsionen. Aus solchen Modellen folgt kein Trinkratschlag.

Die verfügbare Menge im Gewebe bleibt das Nadelöhr. Nach Einzeldosen von 0,5 bis 5 g lagen die Spitzenwerte des unveränderten Stoffs im Plasma laut Linus Pauling Institute etwa zwischen 0,3 und 2,3 Mikromol pro Liter. Viele Zellversuche nutzen mehr als 5 Mikromol. Der Darm kommt mit unmetabolisiertem Resveratrol in Kontakt; Leber, Brust und Prostata sehen vor allem Konjugate, deren eigene Wirkung nur lückenhaft bekannt ist.

Brown und Kolleginnen werteten bis Februar 2023 jede Studie mit festgelegter Dosis reinen Resveratrols aus. Seit der ersten Humanstudie 2004 kamen 154 eigenständige Prüfungen und weitere Nachanalysen hinzu. Knapp 200 Arbeiten decken mindestens 24 Anwendungsfelder ab, darunter Krebs, Wechseljahresbeschwerden, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine einheitliche Dosis, Dauer oder Zielgröße fehlt. Entzündungs- und Stoffwechselmarker sinken in mehreren Versuchen, harte Krebsendpunkte wie Neuerkrankungen oder Überleben fehlen.

Kleine Pilotstudien an Menschen mit bereits bestehendem Tumor messen oft nur Surrogate. Ein Absinken eines Färbemarkers in wenigen Dutzend Gewebeproben ist kein Beweis, dass Gesunde durch Wein oder Kapseln seltener erkranken. Genau diese Lücke hält die Leicester-Übersicht fest: Ohne große, gut definierte Kohorten bleibt die Substanz im Regal der Reformhäuser, nicht in der Leitlinie.

Was die Leicester-Studien wirklich zeigten

Die Gruppe um Karen Brown in Leicester hat Resveratrol über Jahre klinisch begleitet, zuerst mit hohen Kapseldosen, später mit der Frage, ob weniger mehr sein könnte. Das ist der Kern der älteren Meldungen über „zwei Gläser Wein“ und Darmtumoren; die menschliche Evidenz blieb dabei dünn.

Patel, Brown und Kollegen gaben 20 Patientinnen und Patienten mit operablen Dickdarmkrebs acht Abende lang 0,5 oder 1,0 g als Tabletten, zuletzt am Vorabend der Operation. Der Wirkstoff und mehrere Sulfat- und Glucuronid-Konjugate waren im Darmgewebe messbar, rechtsseitig oft höher als links. Unerwünschte Wirkungen, die dem Präparat zugeordnet wurden, traten nicht auf. Der Vermehrungsmarker Ki-67 im Tumor fiel im Mittel von 88,0 auf 83,2 Prozent. Getrennt nach Dosis war der Unterschied nicht mehr signifikant. Die Autoren selbst nannten die biologische Bedeutung dieser kleinen Verschiebung zweifelhaft.

2015 verglichen Cai, Scott, Kholghi und Kollegen eine diätische Menge mit der 200-fach höheren Aufnahme. In ApcMin-Mäusen unter fettreicher Kost senkte die niedrige Dosis die Zahl der Darmadenome um rund 40 Prozent und die Gesamtlast um etwa 52 Prozent; die hohe Dosis war schwächer und minderte die Last nur um 25 Prozent. In menschlichem Darmgewebe aktivierten niedrige Konzentrationen außerhalb des Körpers unter anderem den Energiestoffwechselweg AMPK. Das ist ein mechanistischer Hinweis, kein Freibrief für Abendwein. Die Mäuse tranken keinen Wein, und die Menschen in der Begleituntersuchung bekamen Kapseln, nicht Alkohol.

Ob niedrige oder hohe Dosen Polypen beim Menschen verhindern, prüft seit 2022 die Plattformstudie COLO-PREVENT im britischen Darmkrebs-Screening. Im verblindeten Teil erhalten Teilnehmende mit entfernten Polypen ein Jahr lang 5 mg, 1 g oder Scheinpräparat. Ergebnisse zur Polypenzahl liegen noch nicht vor; die Rekrutierung lief 2025 weiter, das geplante Ende steht bei 2031. Bis dahin bleibt jede Behauptung, die optimale Dosis sei bekannt, Spekulation.

Eine mikronisierte Zubereitung namens SRT501 sollte die Aufnahme steigern. In einer sehr kleinen plazebokontrollierten Reihe bei Lebermetastasen eines Darmtumors war unverändertes Resveratrol in der Leber nachweisbar, und ein Apoptose-Marker stieg im Tumorgewebe. Eine nicht verblindete Prüfung bei multiplem Myelom wurde wegen schwerer Nierenschäden abgebrochen. Das Linus Pauling Institute weist darauf hin, dass Nierenversagen beim Myelom häufig ist; ein kausaler Anteil des Präparats bleibt unsicher. Hohe, „bioverfügbare“ Formen sind damit kein Alltagsrat.

Wie viel Resveratrol steckt im Glas Wein?

Ein typisches Glas Rotwein liefert nach Tabellen des Linus Pauling Institute im Mittel etwa 0,3 mg, bei Pinot Noir im Schnitt rund 0,5 mg. Der Gehalt schwankt je nach Rebsorte, Jahrgang, Anbaugebiet und Gärdauer zwischen Bruchteilen eines Milligramms und wenigen Milligramm pro Liter; der globale Mittelwert roter Weine liegt bei etwa 1,9 mg je Liter.

Quelle Resveratrol Alkohol Was dazu bekannt ist
Glas Rotwein, etwa 150 ml meist 0,2–0,5 mg ja, ein Standardglas kein Beleg für weniger Krebs als bei Weißwein
Tasse Trauben, etwa 160 g etwa 0,2–1,3 mg nein gleiche Pflanzenstoffe ohne Ethanol
Kapsel im Handel oft 100–500 mg nein keine Zulassung zur Krebsvorbeugung
Patel 2010, vor Darmoperation 0,5 oder 1,0 g über 8 Tage nein Ki-67 im Tumor leicht gesenkt, 20 Personen
COLO-PREVENT, laufend 5 mg oder 1 g über 1 Jahr nein Polypenrate noch unbekannt

Wer 0,5 g erreichen wollte, bräuchte bei 1,9 mg je Liter grob 250 Liter Wein. Das ist rechnerisch, nicht als Rezept gemeint: Ethanol würde lange vorher schaden. Selbst die „niedrige“ Studienkapsel von 5 mg entspricht bereits vielen Gläsern mancher Weine, ohne dass daraus ein Nutzen folgt.

Lim, Rhee, Hoang und Kollegen fassten 2025 zweiundvierzig Beobachtungsstudien mit rund 96.000 Krebsfällen und 2,8 Millionen Teilnehmenden zusammen. Beim Vergleich höchster gegen niedrigste Aufnahme lag das relative Gesamtrisiko für Rotwein bei 0,98 und für Weißwein bei 1,00. Nur in der Kohortenuntergruppe war Weißwein mit einem relativen Risiko von 1,12 verbunden. Brustkrebs zeigte bei beiden Farben eine Tendenz nach oben. Die Analyse widerlegt die Idee, Rotwein sei die krebsärmere Wahl.

Sind Resveratrol-Kapseln sinnvoll und sicher?

Als Krebsvorbeugung sind Kapseln nicht zu empfehlen, weil Nutzen und beste Dosis beim Menschen unklar bleiben. Brown und Howells schreiben 2024, Resveratrol sei in Prüfungen bis 1 g täglich meist gut vertragen worden; eine Konsensdosis für irgendein Krankheitsziel gebe es nicht.

Einzelgaben bis 5 g führten in einer frühen Verträglichkeitsstudie nicht zu schweren Schäden. Wiederholte Mengen über 1 g täglich über mehrere Wochen brachten häufig Übelkeit, Bauchschmerz, Blähungen und Durchfall. Sechs von acht Personen mit zweimal 2 g täglich berichteten leichten Durchfall. Das sind Forschungsdosen, keine Packungsempfehlung für zu Hause.

Wechselwirkungen muss man ernst nehmen, weil der Stoff Enzyme der Cytochrom-P450-Familie beeinflusst. Das Linus Pauling Institute nennt Hemmung von CYP3A4, über das rund die Hälfte der marktüblichen Arzneistoffe läuft, darunter viele Statine, einige Kalziumantagonisten, Ciclosporin, Tacrolimus, Midazolam und Sildenafil. Theoretisch steigen Spiegel und Nebenwirkungsrisiko. CYP1A2 kann leicht angeregt werden; dann könnten Paracetamol und einzelne Antidepressiva schneller abgebaut werden.

Weil Resveratrol die Thrombozytenaggregation im Reagenzglas hemmt, warnt dasselbe Institut vor der Kombination hoher Kapselmengen mit Warfarin, Heparin, Clopidogrel oder regelmäßig eingenommenen Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen und Acetylsalicylsäure. Mehr Blutergüsse oder Blutungen sind denkbar, besonders vor Operationen.

Frauen mit östrogenempfindlichen Tumoren der Brust, der Eierstöcke oder der Gebärmutter sollten Kapseln meiden, bis die gemischte Hormonwirkung am Menschen klarer ist. In der Schwangerschaft und Stillzeit ist die Sicherheit von Hochdosis-Präparaten nicht belegt; Wein als Quelle entfällt ohnehin, weil es für Ethanol in der Schwangerschaft kein sicheres Maß gibt.

Die US-Arzneimittelbehörde prüft Nahrungsergänzungsmittel nicht vorab auf Wirksamkeit. Hersteller dürfen keine Heilung oder Vorbeugung einer Krankheit versprechen. Wer Kapseln trotzdem nimmt, sollte Arzt oder Ärztin und die Apotheke über alle Präparate informieren, nicht die verschriebene Therapie ersetzen und vor Eingriffen rechtzeitig absetzen, wenn das Team das rät.

Wie Alkohol das Krebsrisiko erhöht

Ethanol selbst und sein Abbauprodukt Acetaldehyd gelten als krebserregend. Acetaldehyd schädigt DNA und Eiweiße. Zusätzlich entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen, die Zellstrukturen angreifen. Alkohol erschwert die Aufnahme von Folat und anderen Mikronährstoffen, die die DNA-Reparatur stützen, und erleichtert in Mund und Rachen die Aufnahme von Tabakgiften. Bei Frauen kann er den Östrogenspiegel heben, ein Pfad, der Brustkrebs plausibel macht.

Schon kleine Mengen zählen. Das NCI rechnet mit australischen Daten in US-Gläsern vor: Unter 100 Frauen mit weniger als einem Getränk pro Woche entwickeln etwa 17 einen alkoholassoziierten Krebs, bei einem Getränk täglich 19, bei zwei Getränken täglich etwa 22. Bei Männern steigen die Zahlen von 10 über 11 auf 13 je 100. Relativ wirkt das bescheiden, absolut betrifft es häufige Tumoren, vor allem die Brust.

Rauchen und Trinken verstärken sich im oberen Verdauungstrakt überadditiv. Wer beides tut, trägt für Mund, Rachen, Kehlkopf und Speiseröhre ein deutlich höheres Risiko als bei nur einem der beiden Faktoren. Menschen ostasiatischer Herkunft mit einer langsameren Acetaldehyd-Abbauvariante des Enzyms ALDH2 haben bei trotzdem fortgesetztem Konsum ein besonders hohes Risiko für Speiseröhren- und Kopf-Hals-Tumoren.

Nach dem Aufhören sinkt das Risiko für Mundhöhlen- und Speiseröhrenkrebs mit den Jahren; für Rachen, Brust und Darm ist der Nutzen des Verzichts weniger klar, aber nie zu spät. Das NCI betont, die Rückkehr auf das Niveau von Nie-Trinkenden könne Jahre dauern.

Während einer Krebstherapie kann schon wenig Ethanol Schleimhautschäden verstärken und mit Zytostatika oder Schmerzmitteln kollidieren. Nach Tumoren im Kehlkopf, Kopf-Hals-Bereich oder in der Leber rät die ACS, Alkohol eher zu meiden, weil die Sterblichkeit steigen kann. Individuelle Fragen gehören ins Behandlungsteam, nicht ins Weinglas.

Herz, Demenz und Haut: was von den alten Versprechen blieb

Mayo Clinic schreibt im Januar 2026, begrenzter Rotwein sei lange als herzfreundlich gegolten, die Befunde zu Resveratrol seien jedoch gemischt. Manche älteren Arbeiten sahen höhere HDL-Werte oder weniger Gefäßreizung, andere keinen Schutz vor Herzkrankheit. Menschen, die mäßig Wein trinken, essen oft anders, bewegen sich mehr und haben besseren Zugang zur Versorgung. Solche Unterschiede können den Anschein eines Nutzens erzeugen.

Die American Heart Association und das National Heart, Lung, and Blood Institute raten laut Mayo ausdrücklich davon ab, wegen des Herzens mit Alkohol anzufangen. Zu den bekannten Schäden hoher Mengen gehören Herzschwäche, Vorhofflimmern, Bluthochdruck, Leber- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, Unfälle und mehrere Krebsarten. Wer schwanger ist, eine Suchterkrankung in der eigenen oder engen Familiengeschichte hat, eine alkoholbedingte Leber- oder Pankreaserkrankung hat oder unverträgliche Medikamente nimmt, sollte ganz verzichten.

Behauptungen zu Demenz, Sonnenbrand, altersbedingter Makuladegeneration oder Schlaganfallschutz durch Rotwein stammen oft aus kleinen, älteren oder rein experimentellen Arbeiten. Sie tragen heute keine Leitlinie. Resveratrol erreicht das Gehirn unsicher; einzelne Studien zu Durchblutung oder Gedächtnistests ersetzen keine Vorbeugung gegen Alzheimer. UV-Schutz bleibt Sache von Schatten, Kleidung und geprüftem Sonnenschutz, nicht von Wein.

Das französische Paradoxon, also vergleichsweise wenig koronare Herzkrankheit trotz fettreicher Küche, hat die Forschung in den 1990er-Jahren auf Rotwein gelenkt. Lebensstil, soziale Lage und die Wahl der Vergleichsgruppen erklären einen Teil des Bildes. Einen Freibrief für das abendliche Glas als Krebstherapie hat es nie gegeben.

Wann zum Arzt und was statt Wein hilft

Kapseln und Wein ersetzen keine Früherkennung und keine Abklärung von Warnzeichen. Blut im Stuhl, Teerstuhl, anhaltender Durchfall oder Verstopfung über Wochen, ungewollter Gewichtsverlust, neu aufgetretene Schluckstörung, ein Knoten in der Brust, blutige Brustwarzenabsonderung oder Heiserkeit über mehr als drei Wochen gehören in die Sprechstunde, nicht in ein Selbstexperiment mit Polyphenolen.

Wer regelmäßig trinkt und aufhören will, sollte das Ärzteteam fragen, bevor der Konsum abrupt endet. Die ACS beschreibt Entzugserscheinungen bis zu Krampfanfällen und Verwirrtheit; bei schwerem Konsum kann der Entzug lebensbedrohlich sein und braucht begleitete Hilfe. Das ist kein Argument weiterzutrinken, sondern ein Sicherheitshinweis.

Sinnvolle Schritte zur Senkung des Krebsrisikos sind belegt, ohne dass jemand Resveratrol schlucken muss.

  • Tabak weglassen senkt das Risiko in Mund, Rachen, Lunge und vielen weiteren Organen klarer als jedes Weinphenolg.
  • Körpergewicht im normalen Bereich halten und sich regelmäßig bewegen, weil Übergewicht nach ACS der zweitgrößte vermeidbare Faktor nach dem Rauchen ist.
  • Alkohol reduzieren oder streichen; wer trotzdem trinkt, bleibt unter einem Glas täglich als Frau und unter zwei Gläsern als Mann, besser darunter.
  • Gesetzliche Krebsfrüherkennung wahrnehmen, statt auf ein Nahrungsergänzungsmittel zu hoffen, das Leitlinien nicht empfehlen.

Trauben, Beeren und Erdnüsse können Polyphenole liefern, ohne Ethanol. Mayo Clinic nennt das die nüchterne Alternative zum Glas. Sie ersetzen weder Impfungen gegen humane Papillomviren noch die Behandlung einer Hepatitis noch den Verzicht auf das Rauchen.

Häufige Fragen

Schützt ein tägliches Glas Rotwein vor Krebs?

Nein. Weder das NCI noch die ACS noch die CDC sehen in Rotwein einen belegten Schutz. Ethanol bleibt der bestimmende Inhaltsstoff, und schon ein Getränk täglich erhöht bei Frauen das Risiko alkoholassoziierter Tumoren messbar.

Soll ich Resveratrol-Kapseln zur Vorbeugung nehmen?

Nicht als Krebsstrategie. Die Leicester-Übersicht 2024 findet keine Grundlage für eine klinische Empfehlung. Wer sie aus anderen Gründen erwägt, klärt Dosis, Begleitmedikamente und geplante Eingriffe vorher ärztlich.

Wie viel Resveratrol steckt wirklich im Wein?

Meist wenige Zehntelmilligramm pro Glas, selten über 0,5 mg. Studienkapseln mit 0,5 g liegen um das Tausendfache darüber. Wein ist deshalb keine praktische Quelle für Versuchsdosen.

Ist Rotwein weniger schädlich als Bier oder Schnaps?

Für Krebs zählt vor allem die Ethanolmenge, nicht die Sorte. Die Metaanalyse von 2025 fand beim Gesamtrisiko keinen Vorteil für Rotwein gegenüber Weißwein. Alle alkoholhaltigen Getränke erhöhen laut CDC das Risiko.

Kann ich mit dem Trinken einfach aufhören?

Viele Menschen können die Menge schrittweise senken. Nach langem, hohem Konsum gehört der Entzug ins medizinische Setting, weil Zittern, Krämpfe und Verwirrtheit gefährlich werden können. Hausarztpraxis oder Suchtberatung sind der richtige erste Schritt.

Wann ist Resveratrol in der Schwangerschaft tabu?

Wein als Quelle entfällt in jeder Phase der Schwangerschaft, weil Ethanol dem Ungeborenen schadet. Hochdosis-Kapseln sind nicht auf Sicherheit geprüft und sollten unterbleiben, solange keine ärztliche Indikation existiert.

Fazit

Rotwein enthält Resveratrol, aber nicht in einer Menge und nicht in einer Form, die Krebsvorbeugung tragen könnte. Alkohol bleibt ein Gruppe-1-Karzinogen; seit 2023 sagt die WHO klar, ein risikofreies Maß sei nicht bestimmbar, und US-Fachgesellschaften raten 2025/2026 vom Trinken als Gesundheitsmaßnahme ab. Laborerfolge und ein kleiner Ki-67-Effekt in zwanzig Darmgeweben ersetzen keine großen Studien mit Krebs als Endpunkt.

Kapseln bis etwa 1 g täglich waren in Prüfungen meist verträglich, interagieren aber mit gerinnungshemmenden und CYP3A4-abhängigen Arzneimitteln und sind bei östrogenempfindlichen Tumoren und in der Schwangerschaft ungeeignet. Die laufende COLO-PREVENT-Studie testet 5 mg gegen 1 g gegen Scheinpräparat; bis Ergebnisse vorliegen, bleibt die Dosisfrage offen.

Praktisch heißt das für morgen: kein Glas „für die Gesundheit“ neu anfangen, vorhandene Mengen eher senken, Trauben statt Wein wählen, wenn Pflanzenstoffe reizen, Warnzeichen abklären lassen und Früherkennung nutzen. Resveratrol bleibt ein Forschungsstoff, kein Ersatz für das, was das Risiko wirklich senkt.

Quellen

  1. National Cancer Institute: Alcohol and Cancer Risk Fact Sheet. National Cancer Institute, Stand: 2025.
  2. American Cancer Society: Alcohol Use and Cancer. American Cancer Society, 3. November 2025.
  3. World Health Organization: No level of alcohol consumption is safe for our health. World Health Organization Regional Office for Europe, 4. Januar 2023.
  4. Centers for Disease Control and Prevention: Alcohol and Cancer. Centers for Disease Control and Prevention, 29. Januar 2026.
  5. Mayo Clinic Staff: Red wine and resveratrol: Good for your heart?. Mayo Clinic, 21. Januar 2026.
  6. Brown K, Theofanous D et al.: Resveratrol for the Management of Human Health: How Far Have We Come? A Systematic Review of Resveratrol Clinical Trials to Highlight Gaps and Opportunities. International Journal of Molecular Sciences, 6. Januar 2024.
  7. Patel KR, Brown VA et al.: Clinical pharmacology of resveratrol and its metabolites in colorectal cancer patients. Cancer Research, 1. Oktober 2010.
  8. Cai H, Scott E et al.: Cancer chemoprevention: Evidence of a nonlinear dose response for the protective effects of resveratrol in humans and mice. Science Translational Medicine, 29. Juli 2015.
  9. Linus Pauling Institute: Resveratrol | Linus Pauling Institute | Oregon State University. Linus Pauling Institute, Oregon State University, Stand: 2015.
  10. Lim RK, Rhee J et al.: Consumption of Red Versus White Wine and Cancer Risk: A Meta-Analysis of Observational Studies. Nutrients, 31. Januar 2025.
  11. University of Leicester: COLO-PREVENT – do simple drugs (aspirin or aspirin plus metformin) or food supplements (resveratrol) reduce the occurrence of bowel polyps. ISRCTN Registry, Stand: 2025.
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