
Ein akutes Kompartmentsyndrom ist ein chirurgischer Notfall. Steigt der Druck in einer von Faszie umschlossenen Muskelgruppe so weit, dass Blut und Sauerstoff die Zellen nicht mehr erreichen, drohen binnen Stunden bleibende Muskelschäden, Nervenschäden oder der Verlust der Gliedmaße.
Die zweite Form, das chronische belastungsabhängige Kompartmentsyndrom, entsteht meist beim Sport und gilt nicht als lebensbedrohlicher Notfall. Sie kann trotzdem Training und Alltag stark einschränken. Die American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS, OrthoInfo) trennt beide Verläufe klar: nur die akute Form verlangt sofortige Entlastung, meist durch eine Fasziotomie. StatPearls (Aktualisierung Januar 2023) schätzt die jährliche Häufigkeit auf etwa 7,3 Fälle je 100.000 Männer und 0,7 je 100.000 Frauen. Die Cleveland Clinic (Dezember 2023) nennt weniger als zehn Fälle je 100.000 Menschen in den USA und rund zehn Prozent der Schienbeinbrüche als typisches Umfeld.
Was im Muskelkompartiment den Druck steigen lässt
Muskeln, Nerven und Gefäße liegen in festen Fächern. Die derbe Hülle, die Faszie, hält sie an ihrem Ort und dehnt sich kaum.
Schwellung oder Blutung in diesem Raum erhöhen den Gewebedruck, weil der Inhalt nicht nach außen ausweichen kann. Merck (Review März 2025) erklärt den Teufelskreis so: schon über dem normalen Kapillardruck von etwa 8 mmHg verlangsamt sich die Durchblutung der Zellen, lange bevor der tastbare Arterienpuls verschwindet. Weniger venöser Abfluss steigert den Druck weiter, der arterielle Zustrom bricht später ein, und Ischämie vermehrt das Ödem. Ohne rasche Entlastung folgen Nekrose, Rhabdomyolyse und Freisetzung von Kalium und Myoglobin.
Am Unterschenkel liegen vier klassische Fächer. Das vordere (tibialis-anteriore) Fach ist laut StatPearls am häufigsten betroffen; daneben gibt es ein seitliches sowie ein oberflächliches und ein tiefes hinteres Fach. Dieselbe Logik gilt an Unterarm, Hand, Fuß, Oberschenkel, Gesäß und selten im Bauchraum. Offene Hautwunden entlasten das Fach nicht zuverlässig. Neuere Beobachtungen zu offenen Schienbeinbrüchen, die StatPearls 2023 zitiert, zeigen, dass auch Gustilo-Typ-2- und Typ-3-Verletzungen ein akutes Syndrom nicht ausschließen.

Akut oder chronisch: woran sich die Formen unterscheiden
Die akute Form beginnt plötzlich, meist nach Trauma, und bleibt ohne Operation gefährlich. Die chronische Form kehrt bei derselben Belastung wieder und lässt in Ruhe oft nach.
Zeit und Auslöser trennen die Bilder. StatPearls beschreibt den akuten Verlauf typischerweise innerhalb weniger Stunden, möglich bis etwa 48 Stunden nach dem Ereignis. Der NHS (geprüft Februar 2023) nennt als Auslöser Verletzung oder einen zu engen Gips; die chronische Variante baue sich beim Sport auf und klinge in der Pause ab. OrthoInfo betont, dass bleibende Gewebeschäden bei der belastungsabhängigen Form unüblich sind, wenn die Aktivität stoppt.
Die Mayo Clinic (Januar 2023) zeichnet für die chronische Form ein wiederkehrendes Muster. Der Schmerz beginnt nach einer recht konstanten Zeit, Distanz oder Intensität, nimmt während der Belastung zu und wird innerhalb von etwa 15 Minuten nach dem Stopp schwächer oder verschwindet. Nach Monaten kann die Erholung länger dauern. Häufig sind beide Unterschenkel betroffen, oft dasselbe Fach. Junge Erwachsene unter 30 Jahren, die stoßbelastete Sportarten betreiben, stehen im Vordergrund. Wer denselben Laufschmerz jedes Mal nach Kilometer acht spürt und nach einer Viertelstunde Pause wieder gehen kann, hat ein anderes Problem als jemand, dessen Unterschenkel nach einem Bruch trotz Schmerzmitteln immer enger und heißer wird.
Welche Verletzungen und Sportarten auslösen
Ein akutes Syndrom entsteht, wenn der Raum im Fach kleiner wird oder der Inhalt zunimmt. Bruch, Quetschung und Wiederdurchblutung nach Gefäßverschluss sind die häufigsten Wege.
StatPearls ordnet rund drei Viertel der akuten Fälle Frakturen zu, am häufigsten dem Schaft des Schienbeins, danach dem distalen Speichenbruch. Weichteiltrauma ohne Knochenbruch folgt als zweithäufigste Gruppe. Weitere Auslöser sind Verbrennungen, Gefäßverletzungen, Reperfusion nach Gefäßnaht, Thrombosen, Gerinnungsstörungen, Infekte, zu enge Gipse oder zirkuläre Verbände, Lagerungsschäden bei Operationen und schwere Rhabdomyolyse nach exzessivem Training. Bei Kindern nennt dieselbe Quelle suprakondyläre Oberarmbrüche und kombinierte Unterarmbrüche von Elle und Speiche. Menschen mit Hämophilie oder anderen Blutungsneigungen tragen ein höheres Risiko, auch ohne grobes Trauma.
Die AAOS-Leitlinie (ursprünglich 2018, Rapid Update November 2025) listet als Risikomerkmale Fraktur vor allem von Tibia oder Unterarm, Quetschung ohne Bruch, männliches Geschlecht und Alter unter 35 Jahren. Langes Liegen auf einem Arm oder Bein, etwa bei schwerer Alkohol- oder Drogenintoxikation, kann Gefäße abdrücken; gesunde Schlafende wechseln die Lage, bevor ein Fach kippt. Anabole Steroide gelten bei OrthoInfo als möglicher Beitrag, weil Muskelmasse und Ödemneigung steigen können.
Die chronische Form hängt an wiederholter Stoß- oder Griffbelastung.
- Laufen, Marschieren und Springen belasten vor allem die Fächer des Unterschenkels und erklären den größten Teil der Sportfälle.
- Radfahren, Schwimmen und Krafttraining können dieselben Beschwerden auslösen, wenn dieselbe Bewegung sehr oft wiederholt wird.
- Militärdienst mit langen Märschen und enger Ausrüstung taucht in Studien zur belastungsabhängigen Form besonders häufig auf.
- Selten betreffen dieselben Mechanismen Unterarm, Hand, Fuß oder Oberschenkel, etwa bei Klettersport oder starkem Greifen.
Konservative Maßnahmen bei der chronischen Form zielen auf genau diese Wiederholung. Wer die auslösende Bewegung nicht reduzieren kann oder will, bleibt oft im Kreis aus Schmerz, Pause und Rückfall.
Wann der Rettungsdienst nötig ist
Plötzlicher, starker Gliedmaßenschmerz nach Verletzung, Operation oder unter einem Gips gehört in die Notaufnahme, nicht in die Hausapotheke. Der NHS fordert bei plötzlichem schwerem Schmerz den Notruf und rät, nicht selbst zu fahren.
Das Leitzeichen ist Schmerz, der zur sichtbaren Verletzung nicht passt. Merck nennt ihn als frühestes Symptom, verstärkt durch passives Dehnen der Muskeln im Fach. Für das vordere Unterschenkelfach bedeutet das etwa eine passive Senkung des Fußes und Beugung der Zehen. Das Fach kann sich holzartig fest anfühlen. Kribbeln oder Brennen der Haut kann früh auftreten. Taubheit, Lähmung, Blässe und fehlender Puls sind nach StatPearls und Merck meist spät und zeigen bereits fortgeschrittene Ischämie. Ein tastbarer Puls widerlegt die Diagnose nicht, weil der Zellstoffwechsel schon bei Drücken um 8 mmHg leidet, weit unter dem arteriellen Systemdruck.
MedlinePlus (Review August 2024) rät zur sofortigen Kontaktaufnahme, wenn nach einer Verletzung schwere Schwellung oder Schmerz bleibt, der trotz Schmerzmitteln nicht nachlässt. Nimmt der Schmerz unter einem Gips zu, obwohl das Bein hochlagert und Tabletten genommen wurden, soll die Gipskontrolle oder die Notaufnahme noch am selben Weg erfolgen. Die Cleveland Clinic ergänzt extreme Schmerzen, Schwellung oder Taubheit nach Operation sowie unter Schiene oder Gips.
| Lage | Wohin | Zeitdruck |
|---|---|---|
| Plötzlicher, unverhältnismäßiger Schmerz nach Trauma, OP oder unter Gips | Rettungsdienst oder Notaufnahme | Sofort |
| Zunehmender Schmerz unter Gips trotz Tabletten und Hochlagern | Behandelnde Praxis sofort oder Notaufnahme | Stunden |
| Holzartig festes Fach, Kribbeln, zunehmende Schwäche | Notaufnahme | Sofort |
| Belastungsschmerz, der in Ruhe binnen Minuten nachlässt und wiederkehrt | Hausarzt oder Sportmedizin | Tage, nicht als Notfall |
| Fußheberschwäche oder sichtbare Muskelvorwölbung beim Sport | Fachärztliche Abklärung | Bald, kein Notruf allein dafür |
Die Tabelle ersetzt keine Untersuchung. Tiefe Venenthrombose, schwere Prellung, Infekt und arterielle Ischämie können ähnlich wirken. Unklarheit spricht für die Klinik, nicht für weiteres Abwarten.
Wie die Diagnose heute gestellt wird
Die akute Form bleibt eine klinische Diagnose. Druckmessung hilft, wenn das Bild unklar ist, ersetzt aber weder Untersuchung noch Verlauf.
Ältere Listen der „fünf P“ (Schmerz, Parästhesie, Parese, Blässe, Pulslosigkeit) führen in die Irre, wenn man auf späte Zeichen wartet. Die AAOS-Leitlinie von 2018, im November 2025 als Rapid Update bestätigt, gibt der Druckmessung mäßige Evidenz als Hilfe. Wiederholte oder kontinuierliche Messung und ein Delta-Druck (diastolischer Blutdruck minus Fachdruck) über 30 mmHg können helfen, ein akutes Syndrom auszuschließen. Ein einzelner unauffälliger Wert schließt es nicht aus, weil der Druck dynamisch steigt. Merck bestätigt das Syndrom näherungsweise bei einem Fachdruck über etwa 30 mmHg oder wenn der Wert innerhalb von etwa 30 mmHg am diastolischen Blutdruck liegt. StatPearls nennt denselben Delta-Schwellenwert von 30 mmHg als häufiges Kriterium für die Fasziotomie und empfiehlt bei 15 bis 20 mmHg serielle Messungen, bei 20 bis 30 mmHg Aufnahme und chirurgische Mitbeurteilung.
Technisch messen Teams mit manometrischen Nadeln oder Schlitzkathetern, die eine Dauerableitung erlauben. Alle verdächtigen Fächer gehören geprüft, nicht nur das vorderste. Röntgenbilder suchen Begleitbrüche. Laborwerte wie Kreatinkinase, Nierenwerte und Myoglobin im Urin werden relevant, sobald Rhabdomyolyse im Raum steht. Bewusstlose oder stark sedierte Verletzte können den Leitschmerz nicht schildern; bei ihnen wiegt die Schwelle zur Messung und zur wiederholten Untersuchung besonders schwer.
Bei der chronischen Form ist die Ruheuntersuchung oft unauffällig. Die Mayo Clinic lässt deshalb nach symptomauslösender Belastung untersuchen und nennt die invasive Druckmessung vor und nach Belastung als Referenzmethode, weil sie unangenehm ist und erst nach Ausschluss häufiger Ursachen folgt. Röntgen oder MRT sollen Ermüdungsbruch und Schienbeinkantensyndrom trennen. Eine belastungsgekoppelte MRT und die Nahinfrarotspektroskopie können die Durchblutung und den Flüssigkeitsgehalt abbilden und manche Nadelmessung ersparen. Der NHS nennt dieselben drei Säulen: Röntgen, MRT in Ruhe und unter Belastung, Druckmessung nur wenn Anamnese und Bild das Syndrom nahelegen.
Was vor einer Operation sofort passiert
Jeder einengende Verband, Gips oder Splint wird sofort geöffnet oder entfernt. Die Extremität bleibt auf Herzhöhe, nicht hochgelagert.
Dieser letzte Punkt korrigiert eine ältere Hausregel. Hochlagern senkt den arteriellen Zustrom und kann die Ischämie verstärken; StatPearls und die klinische Praxis halten das Fach deshalb auf Herzhöhe. Blutdruckabfälle werden behandelt, Sauerstoff gegeben, Kalium und Nierenfunktion überwacht. Merck ergänzt Analgesie und die Behandlung einer Hyperkaliämie oder Rhabdomyolyse. Diese Schritte ersetzen die Fasziotomie nicht, wenn Druck und Schmerz nicht rasch fallen.
Niemand soll einen engen Gips selbst zerschneiden, wenn chirurgische Hilfe erreichbar ist. OrthoInfo rät, einengende Bandagen zu lockern und bei Gips sofort die behandelnde Stelle zu rufen. In der Klinik erfolgt das kontrollierte Spalten, oft in Längsrichtung, weil schon das Öffnen eines zirkulären Verbandes den Druck deutlich senken kann. Hypotension verschlechtert die Perfusion schon bei mäßig erhöhtem Fachdruck; Kreislaufstabilität gehört deshalb zur ersten Stunde, nicht erst in den OP.

Fasziotomie: Ablauf und Heilung
Für das bestätigte akute Syndrom gibt es keine wirksame nichtoperative Therapie. Die Fasziotomie öffnet Haut und Faszie aller betroffenen Fächer, damit der Druck abfallen kann.
StatPearls nennt als ideales Zeitfenster etwa sechs Stunden nach Beginn der Ischämie und rät, eine Fasziotomie nach mehr als 36 Stunden zurückhaltend zu wägen, weil irreversibler Schaden dann häufig ist und Infektgefahr steigt. Dieselben Texte berichten, dass Eingriffe innerhalb von sechs Stunden in älteren Serien fast vollständige Funktionserholung zeigten, nach zwölf Stunden nur noch bei etwa zwei Dritteln. Eine Metaanalyse von Kungwengwe und Kollegen (Februar 2025, elf Studien, 2504 Patientinnen und Patienten) fand nach Fasziotomie am Bein eine gepoolte Sterblichkeit von 7,7 Prozent und eine Amputationsrate von 10,5 Prozent. Eine Fasziotomie innerhalb von sechs Stunden senkte die Amputationsodds (Odds Ratio 0,31). Druckmonitoring war mit niedrigeren Amputationsodds verbunden. Die Zahlen stammen aus Beobachtungsstudien und beschreiben operierte Kollektive, nicht die Allgemeinbevölkerung.
Die Wunde bleibt oft zunächst offen, weil die Schwellung den Hautverschluss verhindert. Später folgt der sekundäre Verschluss oder ein Hauttransplantat. Alle Muskeln werden auf Lebensfähigkeit geprüft, totes Gewebe entfernt. Infektion, akutes Nierenversagen und Rhabdomyolyse bleiben postoperative Risiken. Physiotherapie soll Beweglichkeit und Kraft zurückholen und Kontrakturen vorbeugen. Die Cleveland Clinic nennt für viele Fälle etwa einen Monat Schonung, bevor die Muskeln wieder belastet werden; den genauen Zeitpunkt setzt das Operationsteam.
Bei der chronischen Form ist dieselbe Operation geplant und mit kürzeren Hautschnitten möglich. OrthoInfo berichtet bessere Ergebnisse in vorderem und seitlichem Unterschenkelfach als in den hinteren Fächern. Mini-offene oder endoskopische Verfahren zielen auf kleinere Narben; der Nutzen hängt weiter von der richtigen Fachwahl ab.
Was bei der belastungsabhängigen Form hilft
Schonung der auslösenden Aktivität bleibt die einzige konservative Strategie mit verlässlicher Symptomruhe. Physiotherapie, Einlagen und Entzündungshemmer helfen oft nur begrenzt, wenn derselbe Sport unverändert weitergeht.
Die Mayo Clinic (Januar 2023) nennt Schmerzmittel, Krankengymnastik, Schuheinlagen, Massage, Trainingspause und eine Änderung des Fußaufsatzes als erste Versuche. Dauerhaften Nutzen sieht sie selten, sobald Laufen oder Marschieren in alter Intensität zurückkehren. OrthoInfo ergänzt Untergrundwechsel (Tartan statt Beton, Rasen statt Kunstrasen), Umstieg auf gelenkschonende Sportarten und, je nach betroffenem Fach, eine Änderung von Fersen- zu Vorfußlauf. Der NHS hält fest, dass bei der allmählichen Form oft keine Operation nötig ist, wenn die Belastung wechselt.
Die Cleveland Clinic begrenzt rezeptfreie Entzündungshemmer oder Paracetamol auf höchstens zehn Tage hintereinander ohne Rücksprache. Botulinumtoxin A in die betroffenen Muskeln kann nach Mayo den Druck senken, die Datenlage bleibt dünn und die Dosis soll nach einer Probeinfiltration geplant werden. Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse von Elsenosy und Kollegen (Dezember 2024, vier Kohorten, 463 Personen) fand für die Fasziotomie eine deutlichere Schmerzsenkung als für konservative Programme (standardisierte Mittelwertdifferenz −0,46) und höhere Zufriedenheit (Odds Ratio 3,51). Die Rückkehr zum früheren Sport unterschied sich nicht sicher, die Studien waren heterogen und nicht randomisiert. Zufriedenheit nach Fasziotomie lag in den zitierten Serien grob zwischen knapp der Hälfte und über 90 Prozent, Rückfälle in der Größenordnung von 10 bis 18 Prozent.
Wer Leistungssport oder Dienst nicht unterbrechen kann, braucht eine ehrliche Nutzen-Risiko-Abwägung. Die Operation kann Schmerz und Enge senken, garantiert aber keine Rückkehr auf das alte Niveau und hinterlässt Narben, mögliche Nervenirritationen und Infektrisiko.
Welche Spätfolgen möglich bleiben
Unbehandelt kann die akute Form Muskeln und Nerven dauerhaft zerstören. An Unterarm und Hand heißt das Endstadium Volkmann-Kontraktur.
MedlinePlus warnt, dass bleibende Nervenschäden schon nach weniger als 12 bis 24 Stunden Kompression möglich sind und Muskeln noch früher leiden. Bewusstlose Patientinnen und Patienten verpassen den Warnschmerz. Stirbt Muskelgewebe ab, können Myoglobin die Nieren belasten, Kalium das Herz gefährden und Infekte bis zur Sepsis führen. StatPearls nennt als mögliche Todesursache vor allem Infektion mit Multiorganversagen. Amputation wird nötig, wenn Nekrose und Infekt das Gewebe nicht mehr tragfähig lassen.
Auch nach rechtzeitiger Fasziotomie bleiben Restbeschwerden möglich. Langzeitbeobachtungen, die StatPearls zusammenfasst, beschreiben Restschmerz, milde neurologische Defizite, kosmetisch störende Narben und Kontrakturen. Hintere Unterschenkelfächer gelten als undankbarer, weil die Entlastung technisch schwieriger ist. Narben können bei Sportlerinnen und Sportlern erneut ein Engesyndrom erzeugen. Die belastungsabhängige Form selbst bedroht selten Leben oder Gliedmaße, wenn sie erkannt wird. Die Mayo Clinic hält fest, dass Schmerz, Schwäche oder Taubheit dennoch das Trainingsniveau dauerhaft begrenzen können.
Häufige Fragen
Ist ein Kompartmentsyndrom immer ein Notfall?
Nur die akute Form nach Trauma, Operation, Reperfusion oder unter engem Gips ist ein Notfall. Die chronische, belastungsabhängige Form klingt in Ruhe oft ab und gehört zum Hausarzt oder zur Sportmedizin, nicht automatisch in den Schockraum. Unklarheit nach einer Verletzung wird wie ein Notfall behandelt.
Wie unterscheidet sich der Schmerz von einem normalen Muskelkater?
Der akute Schmerz ist tiefer, nimmt trotz Ruhe und Tabletten zu und explodiert beim passiven Dehnen. Muskelkater beginnt verzögert, bleibt beweglich und fällt binnen Tagen. Beim chronischen Syndrom kehrt derselbe brennende oder krampfartige Schmerz nach einer festen Belastungsspanne wieder.
Kann ein zu enger Gips das Syndrom auslösen?
Ja. Zirkuläre Gipse, Schienen und Bandagen können den Raum im Fach begrenzen, während das Gewebe nach dem Bruch noch schwillt. Nimmt der Schmerz unter dem Gips zu, muss die Versorgung den Verband spalten oder ersetzen. Selbst sägen ist unsicher, wenn klinische Hilfe erreichbar ist.
Hilft Hochlagern oder Kühlen zu Hause bei akuten Beschwerden?
Bei Verdacht auf die akute Form ersetzt weder Eis noch Hochlagern die Klinik. Das Bein bleibt dort auf Herzhöhe, weil Hochlagern den arteriellen Zustrom senken kann. Kühlen lindert Prellungsschmerz, senkt aber einen gefährlichen Fachdruck nicht zuverlässig.
Wann ist bei der chronischen Form eine Operation sinnvoll?
Wenn Schonung, Technikänderung, Einlagen und Physiotherapie die Beschwerden nicht tragbar machen und die Druckmessung die Diagnose stützt. Die Mayo Clinic nennt die Fasziotomie als wirksamstes Verfahren, ohne Erfolgsgarantie. Wer die auslösende Sportart aufgeben kann, braucht den Eingriff oft nicht.
Bleiben nach einer Fasziotomie dauerhafte Narben?
Meist ja, vor allem wenn die Wunde offen bleiben musste und später ein Hauttransplantat braucht. OrthoInfo und StatPearls nennen Narben, Infekte und gelegentliche bleibende Taubheit als bekannte Folgen. Kleinere Schnitte bei der geplanten Sport-Operation mindern das, löschen es nicht.

Fazit
Wer nach einem Bruch, einer Quetschung, einer Gefäßoperation oder unter einem Gips Schmerz verspürt, der zur Verletzung nicht passt und beim Dehnen zunimmt, gehört ohne Umweg in die Notaufnahme. Minuten zählen weniger als Stunden, aber Stunden entscheiden über Muskeln, Nerven und mitunter über die Gliedmaße. Gips und Verband werden dort geöffnet, das Fach auf Herzhöhe gelagert, der Druck gemessen, und bei bestätigtem akuten Syndrom folgt die Fasziotomie.
Wiederkehrender Belastungsschmerz, der nach einer festen Distanz kommt und in der Pause weicht, ist ein anderes Krankheitsbild. Hier helfen zuerst Trainingsänderung und Abklärung gegen Ermüdungsbruch und Schienbeinkantensyndrom. Eine geplante Fasziotomie bleibt eine Option, wenn der Sport ohne sie nicht möglich ist und die Person die Risiken kennt.
Beide Wege brauchen eine ärztliche Diagnose. Hausmittel ersetzen weder die Druckmessung noch den Schnitt, und kein Text im Netz kann das betroffene Fach von außen sicher benennen.
Quellen
- American Academy of Orthopaedic Surgeons: Compartment Syndrome. OrthoInfo, Stand: 2022.
- American Academy of Orthopaedic Surgeons: Management of Acute Compartment Syndrome Evidence-Based Clinical Practice Guideline. American Academy of Orthopaedic Surgeons, 18. November 2025.
- Torlincasi AM, Lopez RA, Waseem M.: Acute Compartment Syndrome. StatPearls, 16. Januar 2023.
- Campagne D: Compartment Syndrome. Merck Manual Professional Edition, März 2025.
- Mayo Clinic Staff: Chronic exertional compartment syndrome – Symptoms & causes. Mayo Clinic, 14. Januar 2023.
- Mayo Clinic Staff: Chronic exertional compartment syndrome – Diagnosis & treatment. Mayo Clinic, 14. Januar 2023.
- National Health Service: Compartment syndrome. National Health Service, 9. Februar 2023.
- A.D.A.M. Medical Encyclopedia: Compartment syndrome. MedlinePlus, 27. August 2024.
- Cleveland Clinic: Compartment Syndrome: What It Is, Symptoms & Treatments. Cleveland Clinic, 18. Dezember 2023.
- Elsenosy AM et al.: Outcomes of Fasciotomy Versus Conservative Management for Chronic Exertional Compartment Syndrome: A Systematic Review and Meta-Analysis. Cureus, 16. Dezember 2024.
- Kungwengwe G, Donnachie D et al.: Post-fasciotomy complications in lower extremity acute compartment syndrome: a systematic review and proportional meta-analysis. European Journal of Orthopaedic Surgery & Traumatology, 12. Februar 2025.
