
Traurigkeit ist eine normale Reaktion auf Enttäuschung oder Verlust und ebbt meist ab, wenn der Anlass nachlässt oder Trost ankommt. Eine Depression bleibt dagegen über mindestens zwei Wochen fast täglich bestehen, nimmt Freude und Antrieb und stört Arbeit, Schlaf oder Beziehungen so deutlich, dass der Alltag zur Last wird.
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt (Stand 2026) rund 332 Millionen Menschen mit einer depressiven Störung; bei Erwachsenen liegt der Anteil bei etwa 5,7 Prozent. Das National Institute of Mental Health zählte für das Jahr 2021 in den Vereinigten Staaten 21 Millionen Erwachsene mit mindestens einer schweren depressiven Episode, also 8,3 Prozent. Ältere Berichte um 2015 nannten noch rund 6,7 Prozent. Wer die Grenze zwischen Stimmungstief und Erkrankung kennt, holt eher rechtzeitig Hilfe und vermeidet sowohl Verharmlosung als auch voreilige Selbstzuschreibung.
Woran unterscheidet sich Traurigkeit von einer Depression?
Traurigkeit hängt meist an einem erkennbaren Anlass und lässt Raum für Erleichterung, Humor oder Ablenkung. Eine Depression hält die Stimmung über weite Teile des Tages tief, oft ohne dass ein Trostgespräch den Kern erreicht, und sie verändert Denken, Schlaf, Appetit und Antrieb.
Das Merck Manual (Stand 2026) rät, für gewöhnliche Tiefs eher von Demoralisierung oder Trauer zu sprechen als von Depression. Negative Gefühle kommen und gehen, sie sind an Erinnerungen an den Auslöser gebunden und weichen, wenn sich die Lage bessert. Phasen mit Wärme oder sogar einem kurzen Lachen bleiben möglich. Durchgängige Wertlosigkeit und Selbsthass gehören nicht dazu. Solche Stimmungstiefs dauern oft weniger als eine Woche und lassen die Person weiter funktionieren.
Eine klinische Depression ist nach der Mayo Clinic keine Schwäche und kein Charakterfehler, aus dem man sich einfach herausreißen kann. Sie kann einmal auftreten oder in mehreren Episoden wiederkommen. Manche Betroffene beschreiben eher Leere oder Taubheit als Weinen. Andere werden reizbar, ungeduldig oder wütend über Kleinigkeiten. Kinder und Jugendliche wirken häufiger mürrisch als traurig, ältere Menschen klagen eher über Schmerzen, Vergesslichkeit oder den Wunsch, zu Hause zu bleiben.
Auslöser können Trennung, Arbeitsverlust, Krankheit oder Einsamkeit sein. Dieselben Ereignisse können aber auch nur vorübergehende Traurigkeit auslösen. Der Unterschied liegt nicht im Thema, sondern in Dauer, Dichte der Symptome und der Frage, ob der Alltag noch tragbar bleibt. Wer sich nach einem schweren Tag ausweint und am nächsten Morgen wieder Pläne fasst, erlebt Traurigkeit. Wer zwei Wochen lang kaum aufsteht, nichts mehr schmeckt und sich für wertlos hält, braucht eine ärztliche Einschätzung.

Welche Symptome braucht die Diagnose?
Für eine schwere depressive Episode nach DSM-5-TR müssen mindestens fünf von neun Symptomen in derselben Zwei-Wochen-Spanne fast täglich auftreten. Eines davon muss gedrückte Stimmung oder deutlich verminderte Freude an fast allen Tätigkeiten sein.
Das Merck Manual listet die übrigen Merkmale so: deutliche Gewichts- oder Appetitänderung (etwa mehr als fünf Prozent des Körpergewichts in einem Monat), Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf, beobachtbare Unruhe oder Verlangsamung, Erschöpfung, Wertlosigkeit oder übermäßige Schuld, Konzentrationsschwäche oder Entscheidungsschwäche sowie wiederkehrende Todesgedanken, Suizidpläne oder ein Suizidversuch. Die Symptome müssen Leiden oder eine spürbare Einbuße in Beruf, Schule oder Beziehungen verursachen. Sie dürfen nicht besser durch eine Substanz, eine körperliche Krankheit oder eine andere psychische Störung erklärt werden. Eine frühere manische oder hypomanische Phase spricht gegen eine rein unipolare Depression und verlangt die Prüfung auf eine bipolare Störung.
Die Cleveland Clinic betont, dass es keinen Bluttest und keinen Scan gibt, der die Diagnose allein stellt. Fragebögen wie der PHQ-9 helfen, Schwere und Verlauf zu messen. NICE definiert in der Leitlinie NG222 von 2022 eine weniger schwere Episode grob über Werte unter 16 Punkten auf dem PHQ-9 und eine schwerere Episode ab 16 Punkten. Die Leitlinie warnt zugleich davor, nur Symptome zu zählen. Verlauf, frühere Episoden, Belastungen und die konkrete Funktionseinbuße gehören in dasselbe Gespräch.
| Merkmal | Alltägliche Traurigkeit | Depressive Episode |
|---|---|---|
| Dauer | oft Tage, an einen Anlass gebunden | mindestens zwei Wochen, fast täglich |
| Verlauf | Wellen, Trost und Ablenkung möglich | Stimmung bleibt über weite Teile des Tages tief |
| Selbstwert | meist erhalten | häufig Wertlosigkeit oder übermäßige Schuld |
| Alltag | Arbeit und Pflege bleiben machbar | Beruf, Schule oder Beziehungen leiden deutlich |
| Suizidgedanken | untypisch | können auftreten, dann sofort Hilfe holen |
Nicht jedes einzelne Symptom beweist eine Erkrankung. Schlafmangel nach Nachtschichten oder Appetitverlust bei einer Magen-Darm-Infektion allein erfüllen die Schwelle nicht. Erst die Kombination, die Dauer und der Bruch im Alltag machen aus einem Tief eine behandlungsbedürftige Episode. Wer nur zwei oder drei Merkmale hat, kann trotzdem entlastende Gespräche brauchen. Die Diagnose Major Depression setzt die volle Schwelle voraus.
Wie unterscheidet sich Trauer von einer depressiven Episode?
Trauer nach dem Tod einer nahen Person kommt in Wellen, oft gemischt mit warmen Erinnerungen, und der Selbstwert bleibt meist erhalten. In einer Depression ist die Stimmung fast durchgängig düster, und Selbstvorwürfe richten sich gegen die eigene Person, nicht nur gegen das, was im Abschied ungesagt blieb.
Die American Psychiatric Association hat in einem Kommentar zu DSM-5 festgehalten, dass Schmerz in der Trauer wellenförmig kommt, während in der Depression Gedanken und Stimmung fast ständig negativ bleiben. Sehnsucht nach der verstorbenen Person, das Gefühl, sie wiedersehen zu wollen, und Schuld wegen einzelner Sätze oder Unterlassungen gehören zur Trauer. Globale Wertlosigkeit, das Gefühl, eine Last für alle zu sein, und Suizidgedanken ohne den Wunsch, der verstorbenen Person zu folgen, deuten eher auf eine zusätzlich bestehende Depression. DSM-5 hat die alte Regel aufgehoben, nach der eine schwere Depression in den ersten Wochen nach einem Todesfall pauschal ausgeschlossen war. Ein Verlust schützt nicht vor einer depressiven Episode, er kann sie auslösen.
Seit der Textrevision DSM-5-TR von 2022 gibt es zudem die Diagnose einer anhaltenden Trauerstörung. Sie gilt für Erwachsene, wenn der Verlust mindestens ein Jahr zurückliegt (bei Kindern und Jugendlichen sechs Monate), die Trauer kulturell ungewöhnlich intensiv bleibt und mindestens drei weitere Merkmale fast täglich im letzten Monat bestehen. Dazu zählen Identitätsbruch, Unglaube, Vermeidung von Erinnerungen, heftiger Schmerz, Schwierigkeiten, ins Leben zurückzufinden, emotionale Taubheit, das Gefühl, das Leben sei sinnlos, und starke Einsamkeit. Die APA schätzt, dass etwa 4 bis 15 Prozent der Trauernden diese anhaltende Form entwickeln. Der Kern ist die Sehnsucht oder die gedankliche Fixierung auf die verstorbene Person, nicht die freie, generalisierte Hoffnungslosigkeit der Depression. Beide Diagnosen können nebeneinander stehen, wenn beide Kriterien erfüllt sind.
Für die Behandlung zählt diese Trennung. Trauer braucht oft Zeit, soziale Stütze und, bei anhaltender Form, eine auf Verlust spezialisierte Psychotherapie. Antidepressiva allein lösen die Sehnsucht nach der verstorbenen Person in der Regel nicht. Eine gleichzeitig bestehende Depression kann dagegen von Therapie, Medikamenten oder beidem profitieren. Wer unsicher ist, sollte das nicht allein sortieren. Hausarztpraxis oder eine psychiatrische Sprechstunde können die Zeitachse, die Inhalte der Gedanken und die Funktion im Alltag gemeinsam einordnen.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?
Zum Arzt oder zur Psychotherapeutin gehört, wer sich über zwei Wochen fast täglich tief niedergeschlagen oder lustlos fühlt und dabei Alltag, Schlaf oder Beziehungen nicht mehr trägt. In die Notaufnahme oder den Notruf 112 gehört jede Situation, in der Selbsttötung, Selbstverletzung oder akute Hilflosigkeit droht.
Die Mayo Clinic rät, bei depressivem Gefühl möglichst bald einen Termin zu machen und nicht zu warten, bis jemand „bereit“ wirkt. NICE schlägt zwei Screeningfragen vor. Hat die Person im letzten Monat oft Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Freudlosigkeit bemerkt? Bei einem Ja folgt eine vollständige Einschätzung, inklusive der direkten Frage nach Suizidgedanken. Wer zögert, kann zuerst eine Vertrauensperson, die Hausarztpraxis oder die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 anrufen. In Deutschland vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117 außerhalb der Sprechzeiten.
Rote Flaggen, die keinen Aufschub vertragen, sind konkret:
- Es gibt einen Plan, Mittel oder den Impuls, sich das Leben zu nehmen, und die Anspannung steigt.
- Die Person kann sich nicht mehr selbst versorgen, isst kaum oder wirkt verwirrt und unansprechbar.
- Psychotische Zeichen wie Stimmen oder wahnhafte Schuldideen treten neu auf.
- Nach Start oder Dosisänderung eines Antidepressivums werden Unruhe, Aggressivität oder Suizidgedanken stärker, besonders unter 25 Jahren.
Niemand muss zwei Wochen warten, wenn solche Zeichen schon früher da sind. Angehörige sollten die betroffene Person nicht allein lassen, wenn akute Gefahr besteht, und den nächsten Notfallkontakt wählen. Die Erkrankung selbst ist der stärkste Risikofaktor für Suizid. Medikamente können das Risiko in den ersten Wochen bei Jüngeren zusätzlich erhöhen, wie die FDA in ihrem Warnhinweis festhält. Beides spricht für enge Begleitung, nicht für Schweigen.
Welche anderen Diagnosen können ähnlich wirken?
Niedrige Stimmung allein beweist keine Major Depression, weil mehrere Störungen denselben Eindruck erzeugen können. Die Praxis muss bipolare Verläufe, anhaltende milde Depression, körperliche Ursachen und Substanzwirkungen ausschließen, bevor sie eine isolierte Episode festlegt.
Anhaltende depressive Störung (früher oft Dysthymie genannt) bedeutet nach Merck gedrückte Stimmung an den meisten Tagen über mindestens zwei Jahre bei Erwachsenen, bei Kindern und Jugendlichen ein Jahr, plus mindestens zwei weitere Merkmale wie Schlafstörung, Erschöpfung oder Hoffnungslosigkeit. Die Intensität kann unter der Schwelle einer schweren Episode bleiben, der Verlauf zermürbt trotzdem. Prämenstruelle dysphorische Störung bündelt schwere Stimmungs- und Angstsymptome in der Woche vor der Regel und klingt nach Beginn der Blutung ab. Saisonale Muster hängen an lichtarmen Monaten. Eine Depression mit Beginn in der Schwangerschaft oder in den Wochen danach heißt peripartal. Die WHO nennt perinatale Depression bei mehr als zehn Prozent der Schwangeren und Wöchnerinnen.
Bipolare Störungen mischen depressive Phasen mit Hochphasen, in denen Schlafbedarf sinkt, Rededrang steigt und riskante Impulse zunehmen. Wer nur die Tiefs sieht, bekommt leicht Antidepressiva ohne Stimmungsstabilisierer, was eine Manie anstoßen kann. Deshalb fragt NICE ausdrücklich nach früheren Hochphasen. Schilddrüsenstörungen, Parkinson, Schlaganfall, schwere Infektionen, bestimmte Blutdruckmittel, Interferon oder Alkohol- und Drogenkonsum können das Bild einer Depression nachahmen oder verstärken. Im Alter kann eine Depression wie eine Demenz wirken, mit Verlangsamung und Konzentrationsbruch. Umgekehrt löst eine beginnende Demenz oft Niedergeschlagenheit aus. Unsicherheit spricht für einen Behandlungsversuch der Depression, nicht für monatelanges Abwarten.
Was prüft die Praxis außer dem Gespräch?
Die Diagnose entsteht im Gespräch über Symptome, Zeitraum, Funktion und Vorgeschichte. Laborwerte dienen dazu, Nachahmer auszuschließen, nicht dazu, Depression zu beweisen.
Mayo Clinic und Merck nennen körperliche Untersuchung, Blutbild, Schilddrüsenwerte und häufig Vitamin B12 sowie Folat. Bei älteren Männern kann der Testosteronwert sinnvoll sein, bei Verdacht auf Substanzkonsum ein entsprechender Test. Die psychiatrische Exploration fragt nach Beginn, Tagesverlauf, früheren Episoden, Ansprechen auf frühere Therapien, Schlaf, Appetit, Beziehungen, Schulden, Einsamkeit und Gewalterfahrungen. NICE verlangt, dass die Einschätzung nicht auf einer bloßen Symptomzahl stehen bleibt. Persönliche Stärken und stützende Bindungen gehören ebenso in die Akte wie Risiken.
Zwei Fragen aus der Leitlinie helfen als Einstieg, ersetzen aber keine Untersuchung. Wer in den letzten vier Wochen oft niedergeschlagen oder hoffnungslos war oder kaum Freude an Tätigkeiten fand, sollte ausführlicher befragt werden. Direkte Fragen nach Suizidgedanken, Plänen und früheren Versuchen sind Teil der Sorgfalt, nicht eine Zumutung. Fragebögen wie PHQ-9 oder das Beck-Inventar machen Schwere vergleichbar und eignen sich, den Verlauf nach Wochen zu prüfen. Smartphone-Apps zur Psychoedukation ersetzen laut Mayo weder Arztgespräch noch Therapie.

Welche Behandlung gilt heute als erste Wahl?
Wirksame Hilfe gibt es für leichte, mittlere und schwere Verläufe; die erste Wahl hängt von Schwere, Wunsch der Person und früheren Erfahrungen ab. NICE hat 2022 die ältere Stufenleiter von 2009 ersetzt und spricht von weniger schwerer und schwererer Depression statt nur von mild, mittel und schwer.
Bei einer neuen, weniger schweren Episode soll die Praxis nicht routinemäßig Antidepressiva als ersten Schritt anbieten. Sie kommen infrage, wenn die Person das nach Aufklärung ausdrücklich will. Zuerst stehen weniger eingreifende Angebote. Geführte Selbsthilfe nach Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie, Gruppen- oder Einzeltherapie, Verhaltensaktivierung, interpersonelle Therapie, achtsamkeitsbasierte Gruppen und strukturierte Bewegungsprogramme gehören zu den Optionen. Die Leitlinie nennt geführte Selbsthilfe als ressourcenschonenden Start, sofern die Person mitmachen kann. Wer keine Behandlung will, soll innerhalb von zwei bis vier Wochen wiedereinbestellt werden, nicht einfach entlassen.
Bei schwererer Depression steht die Kombination aus individueller kognitiver Verhaltenstherapie und einem Antidepressivum weit vorn, gefolgt von Therapie allein, Verhaltensaktivierung oder Medikamenten. SSRIs gelten dort als gut verträgliche erste pharmakologische Wahl für die meisten Erwachsenen. Trizyklika bergen ein höheres Risiko in Überdosierung. Die Weltgesundheitsorganisation sieht psychologische Verfahren ebenfalls als erste Behandlung und hält Antidepressiva bei milder Depression für entbehrlich. Eine Metaanalyse von Voderholzer und Kollegen aus dem Jahr 2024 (19 Studien, 1154 Personen, Nachbeobachtung mindestens zwölf Monate nach Therapieende) fand niedrigere Rückfall- und Wiederaufnahmeraten für Kombination oder Psychotherapie gegenüber alleiniger Medikation. Der Vergleich zwischen Kombination und alleiniger Therapie blieb unsicher. Das spricht gegen die alte Kurzformel, Tabletten seien immer der schnellste und beste Weg.
Schwere, lebensbedrohliche Verläufe können eine stationäre Aufnahme oder tagesklinische Programme brauchen, bis Selbstsorge wieder möglich ist. Elektrokonvulsionstherapie und repetitive transkranielle Magnetstimulation bleiben Optionen, wenn Medikamente nicht greifen, nicht vertragen werden oder akute Suizidalität im Vordergrund steht. Johanniskraut soll laut NICE trotz Hinweisen bei leichteren Verläufen nicht empfohlen werden, weil Dosis, Qualität und Wechselwirkungen (unter anderem mit hormonellen Verhütungsmitteln, Gerinnungshemmern und Antiepileptika) unsicher bleiben.
Was gilt für Antidepressiva und ihre Risiken?
Antidepressiva können Symptome lindern, heilen die Erkrankung aber nicht und wirken nicht bei jeder Person gleich. Nutzen, Nebenwirkungen und das Absetzen gehören vor der ersten Packung ins Gespräch.
Mayo Clinic nennt selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin und Sertralin als häufigen Start, weil sie meist weniger belastend sind als ältere Klassen. Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, atypische Wirkstoffe, Trizyklika und MAO-Hemmer folgen je nach Vorgeschichte. Ein familiäres Ansprechen auf einen Stoff kann einen Hinweis geben, ersetzt aber keinen eigenen Versuch. Mehrere Wochen Geduld sind üblich. NICE schreibt, dass ein Nutzen, wenn er eintritt, oft innerhalb von vier Wochen spürbar wird. Die erste Kontrolle liegt meist bei zwei Wochen, bei 18- bis 25-Jährigen oder bei Suizidrisiko nach einer Woche, idealerweise im direkten Kontakt.
Die FDA verlangt für alle Antidepressiva einen Warnhinweis im schwarzen Kasten. Gepoolte Kurzstudien zeigten mehr suizidale Gedanken und Handlungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 24 Jahren unter Wirkstoff als unter Placebo. Jenseits von 24 Jahren fand sich kein Anstieg, bei Menschen ab 65 Jahren eher eine Abnahme. Die DailyMed-Fachinformation zu Fluoxetin beziffert den Unterschied grob mit zusätzlich 14 Fällen je 1000 Behandelten unter 18 Jahren und fünf Fällen zwischen 18 und 24 Jahren. Familien sollen Verhaltensänderungen in den ersten Wochen und bei Dosiswechseln beobachten. Abruptes Absetzen kann entzugsähnliche Beschwerden auslösen und die Depression plötzlich verschlechtern. NICE fordert deshalb ein stufenweises, an Halbwertszeit und Behandlungsdauer angepasstes Reduzieren, besonders bei Paroxetin und Venlafaxin. In Schwangerschaft und Stillzeit muss die Praxis Nutzen und Risiken einzeln abwägen. Dosierungen setzt nur die verschreibende Ärztin fest.
Was kann man selbst tun, während Hilfe läuft?
Alltagsmaßnahmen können Symptome stützen, ersetzen aber keine Diagnose und keine Behandlung, wenn die Schwelle zur Depression erreicht ist. Sie wirken am ehesten als Begleitung, nicht als Ersatz für Therapie oder Medikamente.
Die WHO nennt einfache, prüfbare Schritte. Bekannte Tätigkeiten weiterführen, auch wenn die Freude fehlt. Kontakt zu Freundinnen und Familie halten. Regelmäßig bewegen, und sei es ein kurzer Spaziergang. Ess- und Schlafzeiten möglichst konstant lassen. Alkohol reduzieren und keine illegalen Drogen nutzen, weil beides die Lage verschlechtern kann. Mit einer vertrauten Person über das innere Bild sprechen. NICE ergänzt, dass regelmäßige Bewegung das Wohlbefinden heben kann und der Gewinn oft größer ist, wenn sie draußen stattfindet. Mayo warnt davor, Termine oder Tabletten auszusetzen, sobald es etwas besser wird, weil Rückfälle und Absetzbeschwerden dann häufiger werden.
Konkrete, alltagstaugliche Anker können so aussehen:
- Ein fester Aufstehzeitpunkt an Werktagen verhindert, dass der Tag im Bett zerfällt und der Schlafrhythmus weiter kippt.
- Ein kurzer Spaziergang bei Tageslicht ersetzt kein Sportprogramm, senkt aber die Schwelle, überhaupt vor die Tür zu gehen.
- Alkohol als Schlafhilfe weglassen, weil er die Schlafarchitektur stört und Niedergeschlagenheit verstärken kann.
- Frühwarnzeichen mit einer Vertrauensperson benennen, etwa Rückzug, Appetitbruch oder neue Todesgedanken, und festlegen, wer dann anruft.
Wer merkt, dass Selbstsorge nicht mehr gelingt, hat damit kein Versagen belegt, sondern ein klinisches Zeichen. Dann zählt der nächste Termin, nicht noch eine Woche Durchhalten. Rückfälle sind häufig. Frühe erneute Hilfe verkürzt oft die nächste Episode.
Häufige Fragen
Kann Traurigkeit von selbst wieder aufhören?
Ja, alltägliche Traurigkeit klingt häufig ab, sobald der Auslöser nachlässt oder Trost und Ablenkung greifen. Das Merck Manual beschreibt solche Tiefs als anlassgebunden, oft kürzer als eine Woche und ohne durchgängige Wertlosigkeit. Bleibt die Stimmung über zwei Wochen fast täglich tief und der Alltag bricht, ist das kein gewöhnliches Tief mehr. Dann gehört die Lage in die Sprechstunde, auch wenn der Auslöser nachvollziehbar war.
Reichen zwei Wochen niedriger Stimmung für die Diagnose?
Zwei Wochen sind die Mindestdauer, aber nicht das einzige Kriterium. Es müssen mindestens fünf Symptome fast täglich vorliegen, darunter gedrückte Stimmung oder Freudverlust, plus eine spürbare Einbuße im Alltag. NICE bewertet zusätzlich Verlauf, frühere Episoden und Funktion, nicht nur die Kalenderfrist. Weniger Merkmale über längere Zeit können auf eine anhaltende depressive Störung hinweisen, die ebenfalls behandelbar ist.
Ist Trauer nach einem Todesfall automatisch eine Depression?
Nein. Trauer kommt in Wellen, lässt positive Erinnerungen zu und lässt den Selbstwert meist unberührt. Eine Depression färbt Denken und Stimmung fast durchgängig dunkel und bringt häufig globale Schuld. Seit 2022 kann eine anhaltende Trauerstörung vorliegen, wenn die intensive, funktionsstörende Trauer bei Erwachsenen länger als ein Jahr dauert und sich um die verstorbene Person dreht. Beides kann zusammen vorkommen und braucht dann unterschiedliche Schwerpunkte in der Therapie.
Soll man bei leichter Depression gleich Tabletten nehmen?
Nicht automatisch. NICE rät seit 2022, bei weniger schwerer Depression Antidepressiva nicht routinemäßig als ersten Schritt zu geben, außer die Person wünscht das nach Aufklärung. Geführte Selbsthilfe, kognitive Verhaltenstherapie, Verhaltensaktivierung oder strukturierte Bewegung stehen zuerst zur Wahl. Tabletten bleiben eine legitime Option, wenn Therapie nicht verfügbar ist, früher geholfen hat oder die Person sie klar bevorzugt.
Wie schnell wirken Antidepressiva?
Wenn sie anschlagen, merken viele Menschen den Nutzen innerhalb von etwa vier Wochen, so NICE. Die erste Kontrolle liegt meist nach zwei Wochen, bei 18- bis 25-Jährigen oder bei Suizidrisiko nach einer Woche. In den ersten Tagen können Unruhe, Schlafstörung oder verstärkte Suizidgedanken auftreten. Das ist ein Grund für enge Begleitung, nicht dafür, die Packung ohne Rücksprache wegzuwerfen.
Was tun bei Suizidgedanken?
Sofort Hilfe holen, nicht allein bleiben und den Notruf 112 wählen, wenn Gefahr unmittelbar ist. Die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Die Mayo Clinic nennt Suizidgedanken als medizinischen Notfall, unabhängig davon, ob schon eine Diagnose steht. Wer solche Gedanken bei einer nahen Person erkennt, bleibt bei ihr, bis professionelle Hilfe da ist.
Fazit
Die Grenze zwischen Traurigkeit und Depression liegt nicht in der Würde des Anlasses, sondern in Dauer, Symptomdichte und dem Bruch im Alltag. Zwei Wochen fast täglicher Tiefs plus mehrere weitere Merkmale und eine spürbare Funktionseinbuße sind der klinische Schwellenwert, den DSM-5-TR und aktuelle Enzyklopädien teilen. Trauer nach einem Verlust folgt anderen Regeln. Sie darf lange weh tun, ohne krank zu sein, und sie darf seit 2022 als eigene, anhaltende Störung gelten, wenn Sehnsucht und Funktionsverlust das Jahr überdauern.
Seit den Texten um 2018 hat sich die Lage verschoben. Die gemeldeten Häufigkeiten liegen höher als die älteren US-Zahlen um 6,7 Prozent. Die britische Leitlinie von 2022 hat Antidepressiva bei leichteren Episoden aus der Routine-Erstlinie genommen und das langsame, geplante Absetzen festgeschrieben. Die anhaltende Trauerstörung im DSM-5-TR trennt endlich klarer, was Verlustschmerz ist und was eine generalisierte Depression. Für den morgigen Schritt gilt deshalb etwas Nüchternes. Wer unsicher ist, holt sich eine Einschätzung. Wer akute Todesgedanken hat, wählt den Notfallweg noch am selben Tag.
Quellen
- World Health Organization: Depressive disorder (depression). World Health Organization, 29. August 2026.
- National Institute of Mental Health: Major Depression. National Institute of Mental Health, Juli 2023.
- Mayo Clinic Staff: Depression (major depressive disorder) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 14. März 2026.
- Mayo Clinic Staff: Depression (major depressive disorder) – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2026.
- Coryell W: Depressive Disorders. Merck Manual Professional Edition, Juli 2026.
- National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
- American Psychiatric Association: Prolonged Grief Disorder. American Psychiatric Association, August 2025.
- Cleveland Clinic: Depression: What It Is, Symptoms, Types & Treatment. Cleveland Clinic, 28. Mai 2026.
- Voderholzer U, Barton BB et al.: Enduring effects of psychotherapy, antidepressants and their combination for depression: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry, 27. November 2024.
- U.S. National Library of Medicine: PROZAC- fluoxetine hydrochloride capsule. DailyMed, Stand: 2026.
