
Die Zahl 44 Genorte aus dem Jahr 2018 ist überholt. Eine genomweite Auswertung des Psychiatric Genomics Consortium fand 2025 in Cell 697 unabhängige genetische Assoziationen in 635 Regionen. Das Risiko bleibt trotzdem polygen. Jede einzelne Variante verschiebt die Wahrscheinlichkeit nur wenig, und niemand erkrankt allein wegen eines Treffers auf dem Chip.
Die ältere Arbeit von Wray, Sullivan und hunderten Mitwirkenden in Nature Genetics hatte 135.458 Fälle und 344.901 Kontrollpersonen zusammengeführt. Sie zeigte vor allem, dass schwere Depression genetisch greifbar wird, sobald die Stichprobe groß genug ist. Sie ersetzte weder die klinische Diagnose noch eröffnete sie einen Routinetest. MedlinePlus Genetics hält fest, dass Verwandte ersten Grades ein zwei- bis dreifaches Risiko haben, viele Betroffene aber ohne Familienanamnese erkranken. Wer sich leer, antriebslos oder suizidal fühlt, braucht eine Sprechstunde, kein Labor.
Was die Studie von 2018 mit 44 Genorten wirklich fand
Die Metaanalyse von 2018 identifizierte 44 unabhängige Genorte, die den Schwellenwert genomweiter Signifikanz überschritten. Beteiligt waren sieben Datensätze, darunter klinisch interviewte Kohorten des Konsortiums und große Sammlungen mit Selbstangabe oder Diagnosecode. Die Autorinnen und Autoren betonten, dass schwere Depression von sehr vielen Varianten mit jeweils kleinem Effekt geprägt wird. Genau deshalb waren frühere, kleinere Genomstudien oft leer ausgegangen.
Im Text der Arbeit steht außerdem, dass alle Menschen irgendwelche Risikoallele für Depression tragen, nur in unterschiedlicher Zahl. Daraus folgt ein kontinuierliches Risiko, kein Ja-oder-nein-Gen. Die genetischen Befunde hingen mit klinischen Merkmalen zusammen und zeigten Anreicherung in Hirnregionen, die sich bei Erkrankten anatomisch unterscheiden. Ziele bekannter Antidepressiva waren in den schwächeren Signalen übervertreten. Das ist ein Hinweis auf Biologie, kein Rezept für die nächste Tablette.
Die Studie verknüpfte das polygene Risiko außerdem mit Schulabschluss, Körpermasse und Schizophrenie. Niedrigerer Bildungsstand und höherer Body-Mass-Index wirkten in den kausalen Modellen der Gruppe als mögliche Mitursachen. Die Überlappung mit Schizophrenie deutete die Gruppe als teilweise gemeinsame Biologie, nicht als Beweis, dass beide Diagnosen dasselbe Leiden sind. Für die Sprechstunde blieb der praktische Ertrag gering. Niemand konnte 2018 und niemand kann heute aus 44 Markern ableiten, ob eine bestimmte Person eine Episode bekommen wird.

Wie viele genetische Signale kennt die Forschung heute
Schon 2019 verdoppelte eine Zusammenfassung der drei damals größten Arbeiten die Trefferzahl. Howard und Kollegen werteten 807.553 Personen aus, davon 246.363 Fälle, und berichteten 102 unabhängige Varianten in 101 Regionen. In einer unabhängigen Stichprobe mit mehr als 1,3 Millionen Menschen blieben 87 der 102 Signale nach Korrektur für Mehrfachtests stehen. Die Gruppe nannte 269 Gene und 15 Gensätze, darunter Wege der Synapsenstruktur und der Reizübertragung, und fand eine Anreicherung in präfrontalen Hirnabschnitten.
Die nächste Größenordnung kam Anfang 2025. In Cell meta-analysierte die Depressionsarbeitsgruppe des Konsortiums 109 Kohorten aus 29 Ländern mit 688.808 Fällen und 4.364.225 Kontrollpersonen. Etwa 23 Prozent der statistischen Kraft stammten aus nicht-europäischen oder gemischten Herkünften. Die Auswertung fand 697 unabhängige Signale in 635 genomischen Regionen, davon 293 zuvor nicht mit Depression verknüpft. Rund 100 dieser neuen Regionen tauchten erst auf, weil vielfältige Herkunftsgruppen einbezogen wurden.
| Jahr | Arbeit | Fälle | Unabhängige Signale |
|---|---|---|---|
| 2018 | Wray und Konsortium, Nature Genetics | 135.458 | 44 Genorte |
| 2019 | Howard und Kollegen, Nature Neuroscience | 246.363 | 102 Varianten |
| 2025 | Konsortium, Cell | 688.808 | 697 Assoziationen in 635 Regionen |
Die Tabelle zählt Gruppenstatistiken, keine persönlichen Prognosen. Die europäisch beschränkte Teilauswertung 2025 fand 622 Signale in 570 Regionen. Die gemischte Metaanalyse gewann 142 Regionen hinzu und verlor 77, die die strengere Schwelle nicht mehr hielten. Feinzuordnung und Expressionsdaten priorisierten 308 Gene mit hoher Konfidenz. Angereichert waren die postsynaptische Dichte und das Zusammenlagern von Rezeptoren. Einzelzelldaten wiesen auf erregende und hemmende Neurone, mittelstachelige Neurone und Amygdala-Zellen.
Zwillings- und Familienstudien beziffern die Erblichkeit weiter auf etwa 37 Prozent. Die SNP-basierte Heritabilität lag in der europäischen Teilauswertung 2025 bei 8,4 Prozent auf der Haftungsskala, bei angenommener Lebenszeitwahrscheinlichkeit von 15 Prozent. Howard hatte 2019 8,9 Prozent genannt. Die Lücke zwischen Familienwert und Chipwert ist kein Widerspruch. Der Chip erfasst häufige Varianten. Seltene Mutationen, Gen-Umwelt-Wechsel und Messfehler in der Diagnose fehlen dort weitgehend.
Warum jedes einzelne Risikoallel nur wenig bewirkt
Depression ist kein monogenes Leiden. MedlinePlus Genetics schreibt, dass viele Gene mit je kleinem Effekt zusammenwirken und dass die Vererbung keinem klaren Muster folgt. Die Cell-Auswertung schätzt die Polygenizität relativ hoch. Ein großer Teil des Genoms trägt winzige Beiträge, statt weniger starker Mutationen. Genau das erklärt, warum ein einzelner Treffer in einem Direkt-an-Verbraucher-Bericht fast nichts vorhersagt.
Die 2018er Gruppe formulierte dasselbe als Kontinuum. Oben auf der Verteilung stehen Menschen mit mehr Risikoallelen, unten solche mit weniger. Dazwischen liegt die Mehrheit. Klinisch erscheint die Erkrankung als Episode mit Schwelle, genetisch als Verschiebung einer Wahrscheinlichkeit. Wer viele Allele trägt, kann gesund bleiben. Wer wenige trägt, kann nach einem schweren Verlust, nach Krankheit oder nach monatelangem Schlafmangel trotzdem erkranken.
Zwei weitere Gründe machen die Suche mühsam. Erstens ist „Depression“ in den großen Datensätzen kein einheitliches Bild. Die 2025er Arbeit prüfte klinische Interviews, elektronische Akten, Fragebögen und Selbstangaben einer Diagnose. Die genetischen Korrelationen zwischen diesen Definitionen lagen zwischen 0,78 und 0,88. Ein gemeinsamer Faktor erklärte die Zusammenhänge. Selbstangaben luden etwas schwächer. Ein Ort im Gen NEGR1 zeigte echte Heterogenität. Die meisten Signale blieben trotzdem über die Definitionsarten hinweg tragfähig.
Zweitens unterscheiden sich Unterformen. Früher Beginn, wiederkehrende Episoden, begleitende Angst oder atypische vegetative Zeichen können genetisch nicht identisch sein. Das ändert nichts daran, dass die gemeinsamen häufigen Varianten real sind. Es warnt nur davor, aus einem Chipwert eine Unterdiagnose zu schnitzen. Die Cleveland Clinic betont 2026, dass kein Labor und kein Scan die Diagnose ersetzen. Das gilt für 44 Marker von 2018 ebenso wie für 697 Signale von 2025.
Erbe und Umwelt: wer trägt das höhere Risiko
Ein Elternteil oder Geschwister mit Depression hebt das eigene Risiko etwa auf das Zwei- bis Dreifache der Allgemeinbevölkerung. MedlinePlus Genetics nennt genau diese Spanne und fügt hinzu, dass viele Menschen mit betroffener Verwandtschaft nie erkranken. Umgekehrt entwickeln viele eine Episode, ohne dass in der nahen Familie jemand betroffen war. Familienanamnese ist ein Warnsignal für die Praxis, kein Schicksal.
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Depression 2026 als Ergebnis sozialer, psychischer und biologischer Einflüsse. Wer Missbrauch, schwere Verluste oder anhaltenden Stress erlebt hat, erkrankt häufiger. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Weltweit leben schätzungsweise 332 Millionen Menschen mit der Erkrankung, etwa 5,7 Prozent der Erwachsenen. In den Vereinigten Staaten zählte das National Institute of Mental Health für 2021 rund 21,0 Millionen Erwachsene mit mindestens einer Episode im vergangenen Jahr, das entspricht 8,3 Prozent. Ältere US-Zahlen um 16 Millionen aus der Mitte der 2010er Jahre sind damit überholt.
Mayo Clinic listet weitere Faktoren, die das Risiko anheben können. Dazu gehören chronische Krankheiten wie Diabetes, Herzleiden oder Schilddrüsenstörungen, hormonelle Umbrüche um Schwangerschaft und Wechseljahre, Alkohol- oder Drogenkonsum, wenig soziale Stütze und belastende Lebensereignisse. Psychologisch zählen Vermeidung, Selbstabwertung und anhaltend negative Bewertungen. Keiner dieser Punkte „beweist“ eine Episode. Zusammen mit einer höheren genetischen Last können sie die Schwelle senken.
Praktisch heißt das für Familien mit mehreren Betroffenen etwas Nüchternes. Frühe Hilfe bei Schlafstörung, Rückzug und Freudlosigkeit lohnt sich, weil wiederkehrende Verläufe häufiger werden, wenn die erste Episode unbehandelt bleibt. Ein Gentest ändert diese Logik nicht. Die Umwelt bleibt der Teil, an dem Therapie, Entlastung und Behandlung körperlicher Begleiterkrankungen ansetzen können.
Überlappung mit Psychose, Gewicht und Bildung
Schwere Depression teilt einen Teil ihrer genetischen Architektur mit anderen psychiatrischen Diagnosen. Die Arbeit von 2018 nannte eine teilweise gemeinsame Biologie mit Schizophrenie. Howard 2019 und die Cell-Auswertung 2025 haben diese Linie erweitert, ohne die Diagnosen zu vermischen. Gemeinsame Varianten bedeuten gemeinsame biologische Wege, etwa an Synapsen. Sie bedeuten nicht, dass aus einer depressiven Episode eine Psychose werden muss.
Die 2018er Modelle setzten niedrigeren Schulabschluss und höheren Body-Mass-Index als mögliche Mitursachen auf die Seite der Exposition. Das ist ein statistisches Argument aus Mendel-Randomisierung, kein Vorwurf an Betroffene. Gewicht, Schlaf und Tagesmüdigkeit überlappen in vielen Kohorten mit depressiven Symptomen. Ob Fettgewebe, Entzündung, Bewegungsmangel oder gemeinsame Gene den Ausschlag geben, bleibt in der Einzelperson offen. Klinisch folgt daraus höchstens, Stoffwechsel und Stimmung gemeinsam zu fragen, nicht eines gegen das andere auszuspielen.
Bildung taucht in Genomstudien oft auf, weil sie viele Lebenswege bündelt. Weniger Schuljahre hängen mit Einkommen, Arbeitsbedingungen, Diskriminierung und Zugang zu Versorgung zusammen. Die genetische Korrelation misst nicht den Wert eines Abschlusses. Sie warnt davor, Depression als rein inneres Hirnleiden ohne sozialen Rahmen zu lesen. WHO nennt Arbeitslosigkeit, Verluste und Traumata ausdrücklich als beitragende Lagen.
Für Angehörige bleibt eine einfache Regel. Eine zweite psychiatrische Diagnose in der Familie erhöht die Aufmerksamkeit, ersetzt aber keine Untersuchung. Wer Stimmen hört, das Denken zerrissen erlebt oder wochenlang kaum schläft, braucht fachärztliche Abklärung. Das gilt unabhängig davon, wie viele Depressionsmarker der Chip anzeigen würde.
Können Gentests eine Depression vorhersagen
Ein polygener Risikoscore summiert Tausende Varianten zu einer Zahl. In der Cell-Arbeit sagte ein solcher Score den Fall-Kontroll-Status in allen geprüften Herkunftsgruppen voraus. In europäischen Stichproben erklärte er höchstens 5,8 Prozent der Varianz auf der Haftungsskala. Das ist für die Forschung ein Fortschritt gegenüber 2018. Für eine individuelle Vorhersage bleibt es schwach. Die allermeiste Streuung steckt in Umwelt, Zufall, seltenen Varianten und Messungenauigkeit.
Anbieter für Endverbraucher verkaufen oft Zusatzberichte zu Lebensstilmerkmalen mit Hunderten Einträgen. Die 2018er Metaanalyse nutzte unter anderem Daten eines solchen Anbieters, weil die Fallzahl sonst nicht gereicht hätte. Das macht den Chip nicht zum Diagnosegerät. Cleveland Clinic stellt 2026 klar, dass Fragebögen wie der PHQ-9 und das klinische Gespräch die Diagnose tragen. Blutwerte dienen dazu, Schilddrüse, Mangelzustände oder Medikamenteneffekte auszuschließen, nicht dazu, Depression zu beweisen.
Ein hoher Score ohne Symptome rechtfertigt keine vorbeugende Tablette. Ein niedriger Score bei klarer Episode rechtfertigt kein Abwarten. NICE verlangt 2022, Suizidgedanken direkt zu erfragen und die Behandlung an Schwere und Wunsch der Person zu koppeln. Nichts davon hängt am Chip. Wer neugierig auf Herkunft oder andere medizinische Marker testen lässt, sollte Depressions-Zusatzberichte als Unterhaltungswert behandeln, nicht als Prognose.
Für Menschen mit starker Familienlast kann ein Gespräch über das eigene Risiko trotzdem sinnvoll sein. Es gehört in die Sprechstunde, nicht in ein Farbbalken-PDF. Themen sind frühere Episoden, Wochenbett, Suchtmittel, Schlaf und aktuelle Belastung. Genetische Beratung im engen Sinn ist bei typischer unipolarer Depression selten indiziert, weil kein einzelnes Gen die Erkrankung erklärt.
Was die Gene über Medikamente sagen
Sowohl 2018 als auch 2025 fanden die Arbeitsgruppen eine Anreicherung bekannter Antidepressiva-Ziele in den genetischen Signalen. Die spätere Arbeit spricht zusätzlich von möglichen Umwidmungskandidaten, also von Wirkstoffen, die für andere Indikationen zugelassen sind und nun in der Depressionsbiologie auftauchen. Das ist ein Forschungsprogramm. Es ist keine Empfehlung, ein Mittel außerhalb der Zulassung zu beginnen, weil es in einer Anreicherungsliste steht.
NICE hat 2022 die Leitlinie für Erwachsene (NG222) neu gefasst und 2026 nach Prüfung nicht geändert. Bei einer neuen, weniger schweren Episode sollen Gespräche die Wahl an Bedarf und Vorliebe koppeln. Als wenig eingreifend gilt zuerst begleitete Selbsthilfe nach Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie oder der Verhaltensaktivierung, meist in sechs bis acht strukturierten Einheiten. Antidepressiva sollen bei weniger schwerer Depression nicht routinemäßig als erste Linie stehen, außer die Person wünscht sie nach Aufklärung.
Wenn ein Mittel begonnen wird, erwartet NICE eine Wirkung oft innerhalb von vier Wochen, sofern das Präparat anschlägt. Die erste Kontrolle liegt meist bei zwei Wochen, bei 18- bis 25-Jährigen oder bei Suizidrisiko bereits nach einer Woche. Abrupt absetzen kann Entzugssymptome auslösen, darunter Reizbarkeit, Schwindel und selten suizidale Gedanken. Paroxetin und Venlafaxin gelten als besonders entzugsanfällig. Ausschleichen in Stufen ist die Regel, nicht das plötzliche Stoppen.
Die Genomstudien ersetzen diese Regeln nicht. Sie erklären höchstens, warum Serotonin-, Noradrenalin- und synaptische Wege in der Biologie auftauchen. Welches Mittel eine bestimmte Person verträgt, entscheidet weiter die Klinik. Pharmakogenetik einzelner Abbau-Enzyme ist ein anderes Kapitel als der polygene Depressions-Score. Solange Leitlinien den Score nicht in die Auswahl aufnehmen, bleibt er Forschung.
Wann zur Praxis, wann in die Notaufnahme
Mayo Clinic rät, bei anhaltender Niedergeschlagenheit zeitnah eine Ärztin, einen Arzt oder eine psychotherapeutische Stelle aufzusuchen. Die Diagnose verlangt nach DSM-Kriterien, die auch NIMH zugrunde legt, mindestens zwei Wochen mit gedrückter Stimmung oder Verlust von Freude plus weiteren Symptomen, die den Alltag stören. Cleveland Clinic beschreibt dasselbe Fenster. Frühere Hilfe ist kein Fehler. Wer wartet, bis nichts mehr geht, verschenkt Wochen, in denen Gesprächsangebote schon greifen können.
Sofortige Notfallhilfe ist nötig, wenn jemand sich oder andere nicht mehr sicher halten kann, sich schwer verletzt hat oder eine Überdosis genommen hat. In Deutschland ist das der Notruf 112. Bei Suizidgedanken ohne unmittelbare Ausführung helfen der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117, die örtliche psychiatrische Klinik und die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Mayo Clinic nennt für die Vereinigten Staaten die Leitung 988. Gedanken an den Tod gehören in jedes Erstgespräch. NICE verlangt, sie direkt zu fragen, nicht zu umschreiben.
Besondere Wachsamkeit gilt beim Start oder Wechsel eines Antidepressivums und in Phasen hoher Belastung. NICE listet Unruhe, Angst, Hoffnungslosigkeit und neu auftretende Suizidgedanken als Gründe, die Praxis zu kontaktieren. Angehörige sollen dasselbe beobachten. Das ist keine Dramatisierung. Es ist die Zeit, in der Antrieb manchmal früher zurückkehrt als die Hoffnung.
Ein Gentest ändert keine dieser Schwellen. Hohe polygene Last ohne Beschwerden ist kein Notfall. Niedrige Last plus konkreter Suizidplan ist einer. Die Klinik folgt dem Leid und der Sicherheit, nicht dem Chip.
Was unabhängig vom Genom hilft
Depression bleibt behandelbar, unabhängig davon, wie viele Risikoallele jemand trägt. WHO nennt wirksame psychologische Verfahren an erster Stelle, darunter Verhaltensaktivierung, kognitive Verhaltenstherapie, interpersonelle Therapie und Problemlösen. Antidepressiva sind bei leichter Ausprägung oft entbehrlich. Bei mäßiger und schwerer Episode können sie mit Psychotherapie kombiniert werden. Bei Kindern sollen sie nicht eingesetzt werden, bei Jugendlichen nur mit besonderer Vorsicht.
NICE sortiert 2022 weniger schwere neue Episoden und schwerere Verläufe getrennt. Bei den leichteren stehen begleitete Selbsthilfe, Gruppen- und Einzeltherapie sowie, wenn gewünscht, Medikamente zur Wahl. Bei schwereren Episoden rücken Therapien mit mehr Kontakt und Arzneimittel nach vorn. Paartherapie kann helfen, wenn die Beziehung ein zentraler Stressor ist. Rückfallschutz, Ausschleichpläne und die Versorgung chronischer Symptome sind eigene Kapitel der Leitlinie, nicht ein Anhang.
Alltagshilfen ersetzen keine Behandlung, können sie aber stützen. WHO nennt Bewegung, regelmäßigen Schlaf und Mahlzeiten, Kontakt zu Vertrauten und den Verzicht auf Alkohol und illegale Drogen. Mayo Clinic ergänzt, dass Depression keine Schwäche ist und sich nicht „abschütteln“ lässt. Die Cleveland Clinic beschreibt Therapie, Medikamente oder beides als üblichen Weg. Hirnstimulationsverfahren wie Elektrokonvulsionstherapie oder repetitive Magnetstimulation bleiben schweren, oft therapieresistenten Verläufen vorbehalten.
- Wer sich zwei Wochen lang leer oder freudlos fühlt und den Alltag nicht mehr schafft, vereinbart zeitnah einen Termin in der Hausarztpraxis oder einer psychiatrischen Sprechstunde.
- Wer Suizidgedanken hat, spricht sie offen an und nutzt 112, 116 117 oder die Telefonseelsorge, statt allein auf Besserung zu warten.
- Wer ein Antidepressivum nimmt, setzt es nicht selbst ab und plant das Ausschleichen mit der verordnenden Stelle.
- Wer in der Familie mehrere depressive Verläufe kennt, erwähnt das im Gespräch, erwartet aber keine Entscheidung vom Gentest.
Die Gene erklären einen Teil der Verletzlichkeit. Sie erklären nicht, ob jemand morgen Hilfe holt. Genau diese Entscheidung bleibt die wirksamste, die eine betroffene Person selbst treffen kann.
Häufige Fragen
Bedeuten 44 Genorte, dass Depression erblich ist?
Sie bedeuten, dass häufige Varianten messbar zur Wahrscheinlichkeit beitragen. Familienstudien setzen die Erblichkeit weiter bei etwa 37 Prozent an, Chipstudien bei gut 8 Prozent. Der Rest liegt in Umwelt, seltenen Varianten und der Ungenauigkeit der Diagnose. Erblich heißt nicht unvermeidlich.
Soll ich einen Gentest auf Depression machen lassen?
Für die Diagnose oder die Wahl der ersten Therapie ist ein solcher Test nicht vorgesehen. Der beste polygene Score erklärt in europäischen Stichproben höchstens 5,8 Prozent der Haftung. Cleveland Clinic stellt klar, dass kein Labor die Diagnose trägt. Neugier auf Herkunft ändert das nicht.
Erhöht Depression in der Familie mein Risiko?
Ja, Verwandte ersten Grades haben laut MedlinePlus Genetics ein zwei- bis dreifaches Risiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung. Viele Menschen mit dieser Last erkranken trotzdem nie. Frühe Hilfe bei Schlaf, Rückzug und Freudlosigkeit bleibt sinnvoller als ein Chipbericht.
Hilft die Genetik bei der Wahl des Antidepressivums?
Die großen Genomstudien zeigen, dass bekannte Wirkstoffziele in den Signalen angereichert sind. Sie sagen nicht, welches Mittel eine bestimmte Person verträgt. NICE koppelt die Wahl 2022 an Schwere, Vorliebe und Verträglichkeit, nicht an einen polygenen Depressionswert.
Wann muss ich sofort Hilfe holen?
Wenn Leben in Gefahr ist, etwa nach Verletzung, Überdosis oder wenn Sicherheit nicht gehalten werden kann, gilt der Notruf 112. Bei Suizidgedanken ohne unmittelbare Tat helfen 116 117, die Telefonseelsorge und die psychiatrische Klinik. Mayo Clinic rät, solche Gedanken nie allein auszusitzen.
Kann ich eine Depression verhindern, wenn ich Risikovarianten trage?
Einen sicheren Schutz gibt es nicht. Mayo Clinic nennt Stressbewältigung, soziale Stütze und frühe Behandlung bei den ersten Zeichen als Strategien, die Rückfälle weniger wahrscheinlich machen können. WHO ergänzt Bewegung, Schlaf, Verzicht auf Alkohol und das Gespräch mit Vertrauten. Keine dieser Maßnahmen löscht Allele.
Fazit
Die 44 Genorte von 2018 waren ein Durchbruch der Fallzahl, kein Schlussstrich unter die Biologie. Howard 2019 und die Cell-Metaanalyse 2025 haben die Karte auf 102 und dann auf 697 unabhängige Signale erweitert, Zelltypen an Synapsen benannt und den polygenen Score ein Stück tragfähiger gemacht. Für die einzelne Person bleibt der Chip ein schwaches Instrument. Familienanamnese, aktuelle Symptome und Sicherheit zählen mehr.
Wer eine Episode vermutet, holt sich zeitnah ein Gespräch, nicht einen Herkunftstest mit Depressionszusatz. NICE stellt bei weniger schwerer Erkrankung begleitete Selbsthilfe vor die routinemäßige Tablette. WHO und Mayo Clinic halten fest, dass psychologische Verfahren und, wo nötig, Medikamente Symptome senken können. Abrupt absetzen und allein durchhalten sind die schlechteren Optionen.
Bei Gedanken an Suizid zählt die nächste Stunde, nicht der nächste Fachartikel. 112, 116 117 und die Telefonseelsorge sind dafür da. Die Gene beschreiben eine Verletzlichkeit. Die Behandlung beginnt, sobald jemand sie ernst nimmt.
Quellen
- Wray NR, Ripke S et al.: Genome-wide association analyses identify 44 risk variants and refine the genetic architecture of major depression. Nature Genetics, 26. April 2018.
- Howard DM, Adams MJ et al.: Genome-wide meta-analysis of depression identifies 102 independent variants and highlights the importance of the prefrontal brain regions. Nature Neuroscience, 4. Februar 2019.
- Major Depressive Disorder Working Group of the Psychiatric Genomics Consortium: Trans-ancestry genome-wide study of depression identifies 697 associations implicating cell types and pharmacotherapies. Cell, 14. Januar 2025.
- National Institute of Mental Health: Major Depression. National Institute of Mental Health, Stand: 2023.
- MedlinePlus Genetics: Depression: MedlinePlus Genetics. MedlinePlus Genetics, Stand: 2024.
- Mayo Clinic Staff: Depression (major depressive disorder) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 14. März 2026.
- National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, Juni 2022.
- World Health Organization: Depressive disorder (depression). World Health Organization, Stand: 2026.
- National Institute of Mental Health: Depression – National Institute of Mental Health. National Institute of Mental Health, Dezember 2024.
- Cleveland Clinic: Depression: What It Is, Symptoms, Types & Treatment. Cleveland Clinic, 28. Mai 2026.
