
Ein tägliches Glas Wein hält Depressionen nicht zuverlässig fern und ersetzt weder Gesprächsbehandlung noch Arzneimittel. Die oft zitierte PREDIMED-Auswertung von 2013 beschrieb bei 5505 älteren Personen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko weniger neue Diagnosen bei 5 bis 15 Gramm Alkohol am Tag, besonders bei zwei bis sieben Weingläsern in der Woche; das blieb eine Beobachtung in einer Interventionskohorte, kein Beleg, dass Wein die Stimmung schützt.
Seit 2018 zeichnen andere Kohorten und Übersichten ein anderes Bild. In britischen und spanischen Altersstichproben blieb mäßiges Trinken ohne Zusammenhang mit neuen Depressionen. Eine kritische Durchsicht von 2022 fand keine belastbare Grundlage, mäßigen Alkoholkonsum als Schutzfaktor zu empfehlen. Die Weltgesundheitsorganisation stellte 2023 klar, dass es für die Gesundheit keinen sicheren Pegel gibt, weil das Krebsrisiko bereits bei kleinen Mengen beginnt.
Wer Wein trinkt, weil er schmeckt und zum Essen gehört, trifft eine andere Entscheidung als jemand, der damit ein Tief behandeln will. Die folgenden Abschnitte trennen die historische Studie von späteren Daten, erklären die J-förmige Kurve, markieren den Kreislauf aus Selbstmedikation und schlechterer Prognose und nennen Schwellen, ab denen die Praxis oder der Notdienst zuständig sind.
Schützt ein tägliches Glas Wein vor Depressionen?
Nein, nicht als zuverlässige Vorbeugung und schon gar nicht als Behandlung einer klinischen Episode. Gea, Beunza und Kollegen berichteten 2013 in BMC Medicine eine niedrigere Rate neuer Depressionen bei mäßigem Alkoholkonsum, vor allem bei Wein. Das Signal galt für ältere Teilnehmende ohne bekannte Depression und ohne alkoholbezogene Vorgeschichte; Männer waren 55 bis 80, Frauen 60 bis 80 Jahre alt. Es gilt nicht als Freibrief für ein Abendritual gegen Traurigkeit.
Beobachtung heißt nicht Ursache. Wer regelmäßig ein Glas bestellt, isst oft anders, hat häufiger Gesellschaft am Tisch und nimmt an Gesundheitsprogrammen teil. Umgekehrt kann eine beginnende Depression den Appetit auf Alkohol verändern, nach oben als Betäubung oder nach unten als Interessenverlust. Genau deshalb taugt ein einzelnes Getränk weder als Vorbeugung noch als Therapie.
Die britische Leitlinie NICE NG222 vom Juni 2022 nennt eine gesunde Ernährung, genug Schlaf und den Verzicht auf übermäßigen Alkohol als Beitrag zum Wohlbefinden, nicht als Wirkprinzip. Das Factsheet der Weltgesundheitsorganisation verknüpft Alkoholkonsum ausdrücklich mit Depressionen, Angststörungen und einer Alkoholgebrauchsstörung. Ein tägliches Glas bleibt ein Genussmittel mit Risiko, kein Stimmungsarzneimittel.
Schwere, anhaltende Niedergeschlagenheit gehört in die Sprechstunde, nicht in den Weinkeller. Die nächsten Abschnitte zeigen, was PREDIMED gemessen hat, warum spätere Arbeiten den Schutz nicht tragen und welche Mengen in einem „Glas“ überhaupt stecken.

Was die PREDIMED-Studie 2013 wirklich gemessen hat
Sie hat Trinkmengen aus Ernährungsfragebögen mit später gemeldeten Diagnosen oder neu begonnenen Antidepressiva verglichen, nicht die Heilung einer behandelten Erkrankung. In der Depressionsauswertung wurden 2683 Männer und 2822 Frauen bis zu sieben Jahre begleitet, über 23655 Personenjahre; 443 neue Fälle wurden gezählt. Alle waren zu Beginn frei von Depression und ohne alkoholbezogene Probleme. Ein validierter Fragebogen mit 137 Punkten wurde jährlich wiederholt.
Als mäßig galt 5 bis 15 Gramm Reinalkohol am Tag. Gegenüber Abstinenten lag die Hazard Ratio nach Anpassung bei 0,72 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,53 bis 0,98). Für Wein in der Spanne von zwei bis sieben Gläsern pro Woche betrug sie 0,68 (0,47 bis 0,98). Mit aktualisierten Messungen über die Jahre verstärkte sich dieser inverse Zusammenhang auf 0,57 (0,40 bis 0,79). Wein erklärte 82 Prozent der Varianz des Alkohols in dieser Stichprobe; reine Bier- oder Spirituosentrinker waren zu wenige für einen fairen Vergleich.
Die Autoren selbst warnten vor Grenzen. Die Diagnose stammte nicht ausschließlich aus einem klinischen Interview; sie opferten Sensitivität zugunsten hoher Spezifität. Schwere Trinker suchen seltener Hilfe, wodurch Depressionen in dieser Gruppe unterschätzt werden können. Mehr als sieben Gläser in der Woche deuteten eher auf ein höheres Risiko. 88 Prozent der Personen über 15 Gramm am Tag waren Männer.
Gemeinsame Mechanismen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren eine Hypothese, kein Labornachweis in derselben Kohorte. PREDIMED war in erster Linie eine Ernährungsintervention mit Gruppenschulungen. Wer dort „mäßig Wein zur Mittelmeerkost“ lebte, lebte zugleich in einem sozialen Rahmen, der Stimmung und Adhärenz beeinflussen kann.
Warum spätere Kohorten den Schutz nicht bestätigen
Weil die günstige Kurve verschwindet, sobald andere Ältere ohne Intensivprogramm beobachtet werden. García-Esquinas, Ortolá und Team werteten 2018 die englische ELSA-Kohorte und die spanische Seniors-ENRICA-Stichprobe aus. Mäßiges Trinken hing dort nicht mit einem niedrigeren Risiko für klinische Depression zusammen, unabhängig davon, ob Abstinente Nie-Trinkende und ehemalige Trinkende gemeinsam oder getrennt als Vergleich dienten.
Die Arbeitsgruppe nannte als mögliche Erklärung genau das PREDIMED-Setting. Teilnehmende waren hausärztlich betreute Risikopatienten in einer intensiven, gruppenbasierten Gesundheitserziehung. Soziale Unterstützung und die Annäherung an eine Mittelmeerkost können das Depressionsrisiko senken, ohne dass Ethanol der Wirkstoff ist. Eine bessere Kost senkt außerdem Stoffwechsel- und Herzkrankheiten, die ihrerseits Depressionen auslösen können.
Damit ist die 2013er-Botschaft nicht „widerlegt“ im Sinne einer gefälschten Zahl. Sie ist als allgemeine Lebensregel nicht haltbar. Was in einer mediterranen Interventionskohorte mit hohem Weinkonsum auffällt, muss in einer britischen Bevölkerung mit anderem Trinkmuster nicht gelten. Wer 2018 noch las, ein Glas Rotwein halte Depressionen fern, braucht diese Einschränkung als Kern der Einordnung.
Was Metaanalysen zur J-Kurve sagen
Gepoolte Kohorten zeigen oft eine J-Form: Abstinenz und hoher Konsum wirken ungünstiger als die Mitte, während die Mitte nach Störgrößen brüchig wird. Li, Wang und Kollegen fassten 2020 in Addiction 42 Längsschnittstudien mit 338426 Personen zusammen. Eine Alkoholgebrauchsstörung erhöhte das Risiko späterer depressiver Symptome klar (relatives Risiko 1,57; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,41 bis 1,76). Das ist der belastbarste Teil der Auswertung.
Die Mengenkategorien lauteten Abstinenz, leicht (0 bis 84 Gramm pro Woche), mäßig (85 bis 168 Gramm) und stark (über 168 Gramm pro Woche oder über 48 Gramm an mindestens einem Tag wöchentlich). Leichtes und mäßiges Trinken lag in der kategorialen und in der Dosis-Wirkungs-Analyse unter dem Risiko der Abstinenten. Starkes Trinken war nur dann signifikant ungünstiger, wenn die Kontrolle Nicht-Starktrinkende waren (relatives Risiko 1,13); nach Publikationsbias und weiteren Störgrößen verlor dieser Schätzer die Signifikanz.
Peter, Gómez-Juanes und Mitautorinnen schlossen 2022 in einer kritischen Übersicht: Es gibt derzeit keine klare, konsistente wissenschaftliche Grundlage, mäßigen Alkoholkonsum als solchen als Schutz vor Depression zu empfehlen. Die meisten der 23 ausgewerteten Arbeiten waren längsschnittlich und zeigten weniger Symptome bei mäßigem Konsum. Zuletzt blieb offen, wie viel davon Neurochemie ist und wie viel Gesundheit, Geselligkeit oder andere Lebensstilfaktoren.
Eine J-Kurve in der Grafik ist also kein Rezept. Sie beschreibt Häufigkeiten in Beobachtungsdaten. Sie rechtfertigt nicht die Empfehlung, Abstinenten ein Glas zu verordnen, damit die Stimmung besser wird.
Warum Abstinenz und mäßiges Trinken schwer vergleichbar sind
Weil die Gruppe „trinkt nichts“ Kranke, ehemalige Vieltrinker und lebenslange Abstinente in einen Topf wirft. Wer aus gesundheitlichen Gründen aufgehört hat, trägt oft genau die Last, die später als Depression zählt. Dieser Effekt der „kranken Ex-Trinkenden“ zieht die Abstinenz-Säule nach oben und lässt die Mitte künstlich günstig erscheinen.
Geselligkeit verzerrt zusätzlich. Ein regelmäßiges Glas zum Essen kann ein Marker für soziale Einbindung sein, nicht der Stoff, der Serotoninwege repariert. Wer isoliert lebt, trinkt entweder gar nicht oder allein und viel; beide Muster hängen mit schlechterer Stimmung zusammen, ohne dass der Wein der Hebel wäre. Einkommen, Bildung, Rauchen und körperliche Aktivität laufen oft parallel zum Gläserzählen.
Umgekehrt wirkt eine Depression auf das Trinken zurück. Manche Menschen greifen zum Glas, um Anspannung zu dämpfen. Andere verlieren das Interesse am Genuss und erscheinen dann als Abstinente, obwohl die Erkrankung schon begonnen hat. Längsschnitte mit jährlichen Fragebögen fangen diese Richtung nur grob ein. PREDIMED schloss Personen mit bekannter Depression aus, nicht aber alle, die kurz vor einer Episode standen.
Kausale Designs mit genetischen Instrumenten haben einen klaren Pfad von mehr Konsum zur Alkoholabhängigkeit gezeigt, nicht denselben klaren Pfad zu weniger Depression. Solange randomisierte Versuche fehlen, die Abstinenten Wein zuweisen, bleibt der vermeintliche Schutz eine Hypothese mit vielen Alternativerklärungen.
Wie Alkohol und Depressionen sich gegenseitig verstärken
Sie schaukeln sich auf, statt dass das eine das andere heilt. Das US-amerikanische National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) nennt depressive Störungen die häufigsten begleitenden Erkrankungen einer Alkoholgebrauchsstörung. Unter Menschen mit einer Major Depression liegt die Lebenszeitprävalenz einer solchen Störung zwischen 27 und 40 Prozent, die Zwölf-Monats-Prävalenz bis 22 Prozent. In klinischen Stichproben erreichen Menschen mit bipolarer Störung sogar rund 42 Prozent.
Drei Wege erklären die Überschneidung. Eine bestehende psychische Erkrankung kann Trinken als Bewältigung bahnen, auch wenn Alkohol die Symptome später verschärft. Längerfristiger Konsum, besonders in der Jugend, kann umgekehrt psychische Erkrankungen wahrscheinlicher machen. Gemeinsame genetische Risiken und Belastungen wie Traumata kommen hinzu. Klinisch überlappen Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und gedrückte Stimmung mit Rausch, Entzug und Verlangen; ohne Zeitachse bleibt unklar, was zuerst da war.
Unbehandelt verschlechtern sich beide Seiten. Das NIAAA beschreibt häufigere Rückfälle ins Trinken, schwerere psychische Symptome, mehr Klinikaufenthalte und ein höheres Suizidrisiko. Die Erholungschance steigt, wenn beide Probleme behandelt werden. Antidepressiva müssen laut NIAAA nicht warten, bis jemand nüchtern ist; Wechselwirkungen mit Alkohol sind trotzdem zu prüfen. Drei von der FDA zugelassene Mittel gegen die Alkoholgebrauchsstörung (Acamprosat, Naltrexon, Disulfiram) können in der Hausarztpraxis begonnen werden, ohne dass Laien sie selbst dosieren.
Alkohol als „Schlafmittel“ oder „Mutmacher“ ist ein kurzer Filter, kein Therapieplan. Schon eine einzelne schwere Trinkepisode kann angstähnliche Symptome hinterlassen. Wiederholte Entzüge treiben Angst und gedrückte Stimmung hoch. Wer merkt, dass die Menge steigt, obwohl die Stimmung sinkt, hat den Kreislauf bereits betreten.
Was ein Glas Wein an Reinalkohol wirklich enthält
Meist mehr, als die PREDIMED-Spanne „mäßig“ meint, und oft mehr als ein US-Standarddrink. Das NIAAA definiert (Stand Dezember 2025) ein Standardgetränk über 14 Gramm Reinalkohol. Das entspricht etwa 148 Millilitern Wein mit 12 Volumenprozent, 355 Millilitern üblichem Bier mit 5 Prozent oder 44 Millilitern Spirituosen mit 40 Prozent. Ein gezapftes Restaurantglas von 0,2 Litern liegt über diesem Maß.
Die CDC beschreibt mäßigen Konsum (Stand Januar 2025) als höchstens ein Drink am Tag für Frauen und höchstens zwei für Männer. Rauschtrinken beginnt bei Frauen ab vier, bei Männern ab fünf Drinks an einem Anlass. Als stark gilt für Frauen ab acht Drinks in der Woche, für Männer ab 15. PREDIMED nannte 5 bis 15 Gramm am Tag mäßig: das ist höchstens ein schmales US-Glas, oft weniger. Zwei bis sieben Gläser in der Woche sind kein tägliches 0,2-Liter-Ritual.
| Angabe | Menge Reinalkohol | Quelle, Jahr |
|---|---|---|
| US-Standardglas Wein 12 % (148 ml) | 14 g | NIAAA, 2025 |
| PREDIMED „mäßiger“ Tageskonsum | 5–15 g | Gea et al., 2013 |
| PREDIMED-Weinspanne | 2–7 Gläser/Woche | Gea et al., 2013 |
| CDC mäßig, Frauen | höchstens 1 Drink/Tag | CDC, 2025 |
| CDC Rauschtrinken, Frauen | ab 4 Drinks/Anlass | CDC, 2025 |
| CDC stark, Frauen / Männer | ab 8 / 15 Drinks/Woche | CDC, 2025 |
Wer „ein Glas am Tag“ sagt, meint in der Küche selten 100 Milliliter. Ausschank, Sorte und Restzucker schwanken. Rot und Weiß enthalten dasselbe Ethanol; Polyphenole ändern nichts an der Krebsstoffgruppe, in die die Internationale Agentur für Krebsforschung Alkohol eingestuft hat. Die CDC stellt klar, dass jede alkoholische Sorte, einschließlich Rot- und Weißwein, mit Krebs verknüpft ist und dass das Risiko mancher Tumoren, darunter Brustkrebs bei Frauen, bereits mit kleinen Mengen steigt.
Was WHO, CDC und NICE seit 2018 geändert haben
Sie haben die Idee eines herzschützenden, stimmungsneutralen Glases zurückgenommen. Im Januar 2023 erklärte das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation, es gebe keine Menge ohne gesundheitliche Wirkung. Alkohol ist ein Gruppe-1-Karzinogen. Ethanol und sein Abbauprodukt wirken krebserregend, unabhängig von Preis und Qualität des Getränks. Die Hälfte der alkoholbedingten Krebsfälle in der europäischen WHO-Region entfällt auf „leichten“ und „mäßigen“ Konsum: weniger als 1,5 Liter Wein, 3,5 Liter Bier oder 450 Milliliter Spirituosen in der Woche. Einen Schwellenwert, unter dem die krebserzeugende Wirkung „einschaltet“, können die vorliegenden Daten nicht zeigen.
Ältere Erzählungen zu einem möglichen Herzschutz wiegen dieses Krebsrisiko nach WHO-Einschätzung nicht auf. Dr. Carina Ferreira-Borges formulierte, das Risiko beginne beim ersten Tropfen und sinke nur, wenn weniger getrunken wird. Das globale Factsheet beziffert für 2019 rund 2,6 Millionen alkoholbedingte Todesfälle und nennt Depressionen und Angststörungen unter den psychischen Folgen. Etwa 400 Millionen Menschen ab 15 Jahren lebten 2019 mit einer Alkoholgebrauchsstörung.
Die CDC schreibt 2025 denselben Grundsatz in alltagsnahe Sprache: weniger trinken ist gesünder als mehr, und wer verzichtet, senkt das Risiko weiter. Zu den Langzeitfolgen zählen neben Krebs, Bluthochdruck, Leber- und Herzkrankheiten ausdrücklich psychische Erkrankungen einschließlich Depression und Angst. In den USA sterben nach CDC-Angaben jährlich etwa 178000 Menschen an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums.
NICE hat 2022 in NG222 festgehalten, dass die Erhebung von Lebensumständen den Alkoholkonsum einschließt. Zur Behandlung neuer Episoden stehen Gesprächsverfahren im Vordergrund, bei schwererer Ausprägung oft kombiniert mit Antidepressiva. Als Lebensstil rät die Leitlinie, Alkohol nicht übermäßig zu nutzen. Wein als Stimmungsprophylaxe kommt in den Empfehlungen nicht vor. Die Überarbeitung vom Januar 2026 hat diese Linie bestätigt.
Was statt Wein gegen Niedergeschlagenheit besser belegt ist
Bewegung, Schlaf, soziale Kontakte, weniger Alkohol und bei anhaltenden Symptomen eine professionelle Behandlung, nicht ein weiteres Glas. Der britische Gesundheitsdienst NHS nennt genau diese Alltagsbausteine und stellt klar, dass Depression eine echte Erkrankung ist, aus der man sich nicht „zusammenreißen“ kann. Bei leichter Ausprägung kann die Praxis zunächst beobachten, Bewegung und begleitete Selbsthilfe vorschlagen oder eine kognitive Verhaltenstherapie anbieten. Bei mittlerer und schwerer Ausprägung ist die Kombination aus Gesprächsverfahren und Antidepressivum üblich.
NICE NG222 vom 29. Juni 2022 ordnet die Wahl nach Schwere und Vorlieben. Eine gesunde Kost steht dort als Wohlbefinden, nicht als Ersatz für Psychotherapie. Die Mayo Clinic beschreibt Depression als behandelbare Störung mit anhaltender Traurigkeit und Interessenverlust; die meisten Betroffenen bessern sich mit Arzneimitteln, Psychotherapie oder beidem. Frühe Hilfe soll verhindern, dass sich eine Episode festsetzt. Langfristige Erhaltungstherapie kann Rückfälle seltener machen.
Wer bereits trinkt, um traurig oder ängstlich zu werden, kehrt die Reihenfolge um. Zuerst gehört die Menge auf den Tisch, dann die Stimmung, oft beides parallel. Das NIAAA betont integrierte Pläne: kognitive Verhaltenstherapie kann Trinkauslöser und depressive Gedanken in denselben Sitzungen bearbeiten. Eine Metaanalyse, die das Institut zitiert, fand kleine, aber klinisch relevante Rückgänge von Symptomen und Konsum, wenn kognitive Verhaltenstherapie und motivierende Gesprächsführung kombiniert wurden.
Keiner dieser Wege verspricht Heilung durch ein Lebensmittel. Sie verschieben die Wahrscheinlichkeit und brauchen Wochen, nicht einen Abend. Wer nach zwei Wochen fast täglich Freudlosigkeit, Schlafstörung, Antriebslosigkeit oder Selbstvorwürfe bemerkt, hat die Schwelle zur Abklärung erreicht, unabhängig davon, ob das Weinglas halb voll ist.
Wann zur Praxis oder in die Notaufnahme
Wenn Niedergeschlagenheit den Alltag über mindestens zwei Wochen bestimmt oder Gedanken an den Tod auftauchen, zählt das Glas nicht als erster Schritt. Die Mayo Clinic rät, bei depressiven Beschwerden zeitnah eine Ärztin, einen Arzt oder eine psychiatrische Fachkraft aufzusuchen. Der NHS schreibt dasselbe für den Hausarzt und warnt davor, lange zu warten. NICE verlangt in der Abklärung ausdrücklich Fragen zu Alkohol, Schulden, Einsamkeit und Lebensumständen.
Notfall ist jede Situation, in der jemand sich verletzen oder das Leben beenden könnte. In Deutschland ist der europäische Notruf 112 der schnellste Weg in die Klinik. Die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. Die Mayo Clinic nennt für die USA die Leitung 988; das Prinzip bleibt lokal derselbe: nicht allein bleiben, Hilfe holen, eine Person dabehalten, bis Unterstützung da ist.
| Lage | Schwelle | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Anhaltendes Tief | fast täglich, länger als zwei Wochen | Termin in der Hausarztpraxis |
| Alltag bricht weg | Arbeit, Pflege, Hygiene oder Schlaf entgleisen | Rasche Abklärung, ggf. Facharzt |
| Trinken trotz Schäden | Kontrolle verloren, Entzugszeichen, heimliches Trinken | Sucht- und Depressionsbehandlung parallel |
| Gedanken an den Tod | Pläne, Stimmen, akute Hoffnungslosigkeit | 112, nicht warten, nicht allein lassen |
| Gemischte Symptome | Rausch plus schwere Traurigkeit | Beide Probleme benennen, nicht nur eines |
Alkohol kann die Beurteilung erschweren. Entzug täuscht Angst vor, Rausch dämpft Hemmungen, beides erhöht die Gefahr impulsiver Handlungen. Wer unsicher ist, ob die Traurigkeit „nur vom Trinken“ kommt, braucht trotzdem eine medizinische Einschätzung. Eine Woche ohne Alkohol klärt manches, ersetzt aber bei Suizidgedanken keine Notfallhilfe.
Häufige Fragen
Hilft ein Glas Wein am Abend gegen Depressionen?
Nein. Es kann Müdigkeit oder Enthemmung bringen, ändert aber nicht die Diagnose und kann die Stimmung am nächsten Tag verschlechtern. PREDIMED 2013 zeigte eine Assoziation in einer besonderen Kohorte, keine Wirkung als Hausmittel. Anhaltende Symptome über zwei Wochen gehören in die Praxis.
Ist Rotwein gesünder für die Psyche als Bier oder Schnaps?
Dafür gibt es keinen belastbaren Vergleich, der Rotwein als Stimmungsarzneimittel ausweist. In PREDIMED dominierte Wein einfach die Trinkgewohnheit der Teilnehmenden. Die WHO und die CDC knüpfen Krebsrisiko an Ethanol in jeder Sorte, einschließlich Rot- und Weißwein. Polyphenole heben diese Einordnung nicht auf.
Soll ich ganz aufhören, wenn ich niedergeschlagen bin?
Weniger trinken ist nach CDC und WHO für die Gesundheit die sicherere Richtung, besonders wenn Alkohol bereits als Stütze dient. Abruptes Absetzen nach langem, hohem Konsum kann Entzugserscheinungen auslösen und gehört dann unter ärztliche Begleitung. Bei leichten Mengen ist eine Reduktion oft der erste sinnvolle Schritt, parallel zur Abklärung der Stimmung.
Darf ich Wein trinken, wenn ich ein Antidepressivum nehme?
Nicht auf eigene Faust als „erlaubt“ verbuchen. NICE verlangt, dass Wechselwirkungen mit Alkohol bei der Einnahme erklärt werden. Alkohol kann Müdigkeit verstärken und die Stimmung weiter drücken. Die verordnende Praxis entscheidet, welche Menge in der konkreten Kombination vertretbar ist.
Ab wann gilt mein Weinkonsum als riskant?
Schon unterhalb der alten „mäßigen“ Werbung, wenn die Menge steigt, Kontrollverluste auftreten oder die Stimmung sich an Trinktagen verschlechtert. Die CDC markiert für Frauen vier Drinks an einem Anlass und acht in der Woche als Schwellen für Rausch und starken Konsum, für Männer fünf und fünfzehn. PREDIMED sah bereits oberhalb von sieben Gläsern in der Woche eher mehr Depressionen.
Wann muss ich notfallmäßig Hilfe holen?
Sobald Gedanken an Selbsttötung, konkrete Pläne oder das Gefühl entstehen, das Leben sei nicht mehr wert. Rufen Sie 112 an oder die Telefonseelsorge. Bleiben Sie nicht allein, und lassen Sie eine betroffene Person nicht allein, bis Hilfe da ist. Wein, Bier oder Schnaps sind in dieser Lage keine Beruhigung, sondern ein Risiko.
Fazit
Ein tägliches Glas Wein ist kein belegtes Mittel gegen Depressionen. Die PREDIMED-Zahlen von 2013 bleiben eine Beobachtung in einer älteren, intensiv betreuten Mittelmeer-Kohorte. Spätere Altersstichproben, die Metaanalyse zu Alkoholgebrauchsstörungen und die kritische Übersicht von 2022 tragen den Schutz nicht als kausalen Effekt. WHO und CDC haben den Satz vom sicheren, nützlichen Glas durch die Regel ersetzt, dass weniger sicherer ist.
Wer trinkt, weil es zum Essen gehört, kann Menge und Anlässe nüchtern zählen: 14 Gramm Reinalkohol sind ein US-Standardglas, kein volles Restaurantglas. Wer trinkt, weil die Stimmung sinkt, dreht an der falschen Stellschraube. Dann zählen zwei Wochen fast täglicher Freudlosigkeit, der Hausarzt, und bei Gedanken an den Tod der Notruf, nicht die nächste Flasche.
Behandlung heißt Gespräch, bei Bedarf Arzneimittel, weniger Alkohol und Alltagsstützen wie Bewegung und Schlaf. Das heilt nicht über Nacht und verspricht keine Garantie. Es folgt den Leitlinien, die nach 2018 geschrieben wurden, statt einer Schlagzeile über ein Glas Wein.
Quellen
- Gea A, Beunza JJ et al.: Alcohol intake, wine consumption and the development of depression: the PREDIMED study. BMC Medicine, 30. August 2013.
- García-Esquinas E, Ortolá R et al.: Moderate alcohol drinking is not associated with risk of depression in older adults. Scientific Reports, 1. August 2018.
- Li J, Wang H et al.: Effect of alcohol use disorders and alcohol intake on the risk of subsequent depressive symptoms: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. Addiction, 14. Dezember 2019.
- Peter LJ, Gómez-Juanes R et al.: Moderate alcohol consumption and depression prevention: A critical review. Actas Españolas de Psiquiatría, Mai 2022.
- WHO Regional Office for Europe: No level of alcohol consumption is safe for our health. World Health Organization, 4. Januar 2023.
- WHO: Alcohol fact sheet. World Health Organization, Stand: 2024.
- CDC: Alcohol Use and Your Health. Centers for Disease Control and Prevention, 14. Januar 2025.
- NIAAA: Mental Health Issues: Alcohol Use Disorder and Common Co-occurring Conditions. National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, Stand: 2024.
- NIAAA: What Is A Standard Drink?. National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, Dezember 2025.
- Mayo Clinic: Depression (major depressive disorder) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 14. März 2026.
- NHS: Depression in adults. National Health Service, Stand: 1. Juni 2024.
- NICE: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
