Facebook-Sucht messen: Bergen-Skala und Grenzen

Facebook-Sucht messen: Bergen-Skala und Grenzen

Die Bergen Facebook Addiction Scale (BFAS) ist ein kurzer Selbstfragebogen, der sechs Merkmale suchtartigen Facebook-Gebrauchs abfragt. Sie liefert einen Hinweis für die Forschung, keine klinische Diagnose und keinen Beleg, dass jemand „süchtig nach Facebook“ im Sinne der ICD-11 ist. Cecilie Schou Andreassen und Kollegen von der Universität Bergen veröffentlichten das Instrument im April 2012 in Psychological Reports, nachdem sie 423 Studierende einen größeren Itempool und weitere Persönlichkeits- und Schlaffragen hatten beantworten lassen.

Seit jener Veröffentlichung hat sich das Feld verschoben. Mark D. Griffiths warnte im selben Heft, eine Skala an einem einzelnen Konzernprodukt festzumachen, sei zu eng. 2016 ersetzte dasselbe Team „Facebook“ durch „soziale Medien“. Die Weltgesundheitsorganisation nahm 2019 die Störung durch Computerspielen in die ICD-11 auf, nicht aber eine Facebook- oder Social-Media-Sucht. Für Leserinnen und Leser zählt deshalb weniger ein einzelner Punktwert als die Frage, ob Kontrolle, Schlaf, Schule, Beruf oder Beziehungen bereits leiden.

Was die Bergen-Skala misst

Die BFAS misst, wie stark sechs klassische Suchtmerkmale auf die eigene Facebook-Nutzung der letzten zwölf Monate zutreffen. Andreassen, Torsheim, Brunborg und Pallesen starteten mit 18 Aussagen, drei zu jedem Merkmal, und behielten je das Item mit der höchsten Trennschärfe. Übrig blieb ein Ein-Faktor-Fragebogen mit sechs Fragen. Jede Antwort läuft auf einer fünfstufigen Skala von „sehr selten“ bis „sehr oft“; die Summe liegt zwischen 6 und 30.

Psychometrisch schnitt das Instrument in der Erststichprobe solide ab. Der Modellfit war gut (RMSEA 0,046, CFI 0,99), Cronbachs Alpha lag bei 0,83, die Drei-Wochen-Retest-Reliabilität bei 0,82. Die Werte liefen mit anderen Facebook-Aktivitätsskalen zusammen. Das spricht dafür, dass die sechs Fragen intern stimmig etwas Gemeinsames erfassen. Es sagt nicht, dass dieser Faktor identisch mit einer stoffgebundenen Abhängigkeit ist.

Theoretisch stützt sich die BFAS auf das Komponentenmodell von Griffiths aus dem Jahr 2005. Gedankliche Vereinnahmung, Stimmungsregulation, Dosissteigerung, Unruhe beim Verzicht, Konflikt mit Pflichten und gescheiterte Reduktionsversuche gelten dort als Kern. Genau diese sechs Achsen wurden in Items gegossen. Wer die Skala ausfüllt, bewertet also nicht „wie viele Stunden“, sondern wie sehr der Gebrauch bereits den Alltag organisiert. Stunden bleiben trotzdem relevant, weil sie oft erklären, warum Konflikte und Schlafprobleme entstehen. Die sechs Merkmale ersetzen sie trotzdem nicht.

Für die Praxis bedeutet das eine klare Grenze. Ein hoher Wert kann Anlass sein, genauer hinzusehen. Er ersetzt kein Gespräch über Funktionseinbußen, Begleiterkrankungen oder darüber, welche Tätigkeit auf der Plattform eigentlich den Sog erzeugt. Spiele, Nachrichten, Videos und das ständige Aktualisieren des eigenen Profils können sich hinter derselben Summe verbergen.

Facebook-Website im Browser-Bildschirm

Welche sechs Kriterien die Skala abfragt

Jedes Item der Endfassung steht für ein Suchtmerkmal, bezogen auf das letzte Jahr. Die gedankliche Vereinnahmung fragt, wie oft jemand über Facebook nachdenkt oder die nächste Nutzung plant. Die Toleranzfrage zielt auf das Gefühl, immer mehr Zeit oder Intensität zu brauchen. Die Stimmungsfrage prüft, ob die Plattform als Flucht vor persönlichen Problemen dient. Das Rückfallitem erfasst gescheiterte Versuche, den Gebrauch zu drosseln. Das Entzugsitem beschreibt Unruhe oder Gereiztheit, wenn Facebook nicht erreichbar ist. Das Konfliktkriterium fragt, ob Studium oder Beruf bereits gelitten haben.

Andreassen und Kollegen schlugen vor, mindestens vier der sechs Items mit einem Wert von 3 oder höher als möglichen Hinweis auf problematische Nutzung zu lesen. Auf der fünfstufigen Leiter beginnt 3 bei „manchmal“. Spätere Darstellungen sprechen teilweise von „oft“ oder „sehr oft“. Beides bleibt ein Screening-Vorschlag für Studien, kein diagnostischer Schwellenwert einer Fachgesellschaft. Die Cleveland Clinic betont 2025, dass es für „Social-Media-Sucht“ keine offizielle Symptomliste gibt; Forschende sprechen häufiger von problematischer Nutzung.

Ein Summenwert von 6 bis 30 erlaubt Vergleiche zwischen Gruppen. Er sagt wenig über die einzelne Person, wenn niemand nachfragt, was genau schiefgeht. Wer nachts nur Nachrichten der Familie liest, kann denselben Konfliktpunkt ankreuzen wie jemand, der stundenlang Videos schaut. Die Skala unterscheidet diese Motive nicht. Sie ist deshalb ein Türöffner für das Gespräch, kein Stempel.

Instrument oder System Was erfasst wird Status 2025/2026 Hinweis zur Auswertung
BFAS (2012) Facebook, letzte 12 Monate, sechs Items Forschungsfragebogen Summe 6–30; ≥4 Items mit Wert ≥3 als Screeningsignal der Autoren
BSMAS (2016) Soziale Medien insgesamt, gleiche sechs Merkmale Forschungsfragebogen Wortlaut wie BFAS, „Facebook“ durch „soziale Medien“ ersetzt
ICD-11 Gaming-Störung Computerspiele online oder offline WHO-Diagnose seit 2019 Kontrolle, Vorrang, Fortsetzung trotz Schaden, meist 12 Monate, klare Funktionseinbuße
ICD-11 6C5Y andere spezifizierte Verhaltenssüchte Restkategorie nur bei nachgewiesenem Leid und Funktionsverlust, nicht bei bloßer Vielnutzung
DSM-5-TR Glücksspiel als einzige Verhaltenssucht Internet Gaming nur im Anhang Soziale Medien nicht als eigene Störung enthalten

Die Tabelle macht den Sprung sichtbar, den die alte Berichterstattung von 2012 noch nicht leisten konnte. Damals wirkte eine Facebook-Skala wie der erste weltweite Maßstab. Heute stehen daneben eine plattformübergreifende Schwesterskala und zwei große Klassifikationen, die Facebook gerade nicht als eigene Krankheit führen.

Warum der Begriff Facebook-Sucht zu eng ist

Griffiths antwortete 2012 in derselben Zeitschrift und lobte, dass Forschende endlich ein geprüftes Werkzeug hatten. Zugleich nannte er den Namen bereits potenziell veraltet. Facebook sei ein kommerzielles Angebot, auf dem sich sehr verschiedene Handlungen mischen, darunter Nachrichten schreiben, Fotos tauschen, Videos schauen, glücksspielähnliche Angebote oder Browsergames. Wer „Facebook-Sucht“ sagt, vermengt diese Motive.

Denselben Einwand hatte er zuvor beim Schlagwort Internet-Sucht formuliert. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Sucht am Netz und einer Sucht im Netz. Übertragen auf Facebook heißt das, dass manche Menschen am Kontakt zu Bekannten hängen, andere an einem einzelnen Spiel, das zufällig dort läuft. Die BFAS fragt das nicht auseinander. Sie kann deshalb zwei völlig verschiedene Probleme mit derselben Zahl abbilden.

Griffiths forderte deshalb eine Skala, die Social Networking als Tätigkeit misst, nicht die Marke eines Anbieters. 2012 waren Dienste wie Bebo bei jüngeren Teenagern noch relevant; heute heißen die Alternativen anders, das Argument bleibt. Plattformen kommen und gehen, die Handlungen (Vergleichen, Bestätigen-Lassen, Endlos-Scrollen, Gruppenzugehörigkeit) bleiben. Eine Diagnose oder auch nur ein Forschungslabel, das an einem Produkt klebt, altert mit dem Markt.

Für Betroffene ist dieser Unterschied praktisch. Wer vor allem ein Spiel nicht lassen kann, braucht andere Fragen als jemand, der jede Benachrichtigung öffnet, weil Stille Angst auslöst. Die Skala allein sortiert das nicht. Sie markiert nur, dass sechs Suchtmerkmale auf „Facebook“ hoch ausfallen.

Von der Facebook-Skala zur BSMAS

2016 passte Andreassen das Instrument an und nannte die neue Fassung Bergen Social Media Addiction Scale (in manchen Texten auch Bergen Social Networking Addiction Scale). Die Änderung besteht im Wesentlichen darin, das Wort Facebook durch „soziale Medien“ zu ersetzen. In der Anleitung stehen als Beispiele Facebook, Twitter, Instagram und vergleichbare Dienste. Die sechs Merkmale, der Fünf-Punkte-Antwortmodus und der Zeitraum von zwölf Monaten bleiben.

Die Arbeitsgruppe prüfte die neue Fassung in einer Online-Querschnittsstudie mit 23 533 Erwachsenen (mittleres Alter 35,8 Jahre, Spanne 16 bis 88). Cronbachs Alpha der Social-Media-Skala lag bei 0,88. Gleichzeitig wurde suchtartiges Videospielen mit einer anderen Skala erfasst. Die beiden Verhaltensweisen hingen nur schwach zusammen. Das stützt Griffiths’ alten Punkt. „Internet-Sucht“ als einheitliches Konstrukt ist zu grob. Wer viel spielt, ist nicht automatisch auch in sozialen Medien gefangen, und umgekehrt.

Demografische Variablen erklärten in den hierarchischen Regressionen 11 bis 12 Prozent der Unterschiede in den Suchtwerten. Symptome von ADHS, Zwangsstörung, Angst und Depression erklärten zusätzlich 7 bis 15 Prozent. Jüngeres Alter ging mit höheren Werten einher. Frauen lagen bei sozialen Medien höher, Männer bei Spielen. Alleinlebende hatten in beiden Bereichen höhere Werte. Das sind Zusammenhänge, keine Beweise für eine Ursache.

Für Leserinnen und Leser ändert das die Lesart der alten BFAS-Meldung. Die Sechs-Item-Logik hat sich gehalten, der Gegenstand hat sich geweitet. Wer heute nur Facebook ausfüllt, unterschätzt Instagram, TikTok, YouTube-Kommentare oder geschlossene Messenger-Gruppen. Die BSMAS ist deshalb für aktuelle Studien meist die passendere Variante, bleibt aber ebenfalls ein Selbstbericht, kein Labortest.

Ist Facebook-Sucht eine offizielle Diagnose?

Weder die ICD-11 noch das DSM-5-TR kennen eine eigene Störung „Facebook-Sucht“ oder „Social-Media-Sucht“. Die WHO führt unter den Störungen durch abhängiges Verhalten das Glücksspielen und seit der 11. Revision das Computerspielen. Für die Gaming-Störung müssen drei Muster zusammenkommen. Die Kontrolle über das Spielen ist beeinträchtigt, das Spielen verdrängt andere Interessen und Alltagsaufgaben, und es wird trotz greifbarer Schäden fortgesetzt oder gesteigert. Zusätzlich muss der Funktionsverlust in Familie, Schule, Beruf oder sozialen Beziehungen deutlich sein. In der Regel soll das Muster mindestens zwölf Monate bestehen.

Soziale Netzwerke fehlen in dieser Liste bewusst. Brand, Rumpf und eine internationale Expertengruppe schlugen 2020 vor, problematischen Social-Network-Gebrauch unter der Restkategorie „andere spezifizierte Störungen durch abhängiges Verhalten“ (Code 6C5Y) zu prüfen, sofern klinische Relevanz, ein Suchtmodell und belastbare Befunde vorliegen. Für Pornografie-Nutzung und Kaufsucht hielten sie die Belege für stärker. Beim Social-Network-Gebrauch seien Funktionseinbußen seltener in klinischen Stichproben belegt, viele Arbeiten beruhten auf Convenience-Samples und Cut-off-Werten von Screenings. Die Kategorie 6C5Y soll Alltagsverhalten nicht pathologisieren und gleichzeitig ernstes Leid nicht kleinreden.

Die American Psychiatric Association stellt in ihrem Patientenratgeber klar, dass im DSM-5-TR Glücksspiel die einzige anerkannte Verhaltenssucht ist. Internet Gaming steht im Anhang als Forschungsdiagnose. Soziale Medien, Onlineshopping oder problematische Pornografie-Nutzung können klinisch relevant sein, ohne eigene Ziffern zu besitzen. Die Cleveland Clinic formuliert 2025 ähnlich. Eine unbeherrschbare Nutzung mit negativen Folgen kann das Leben belasten, auch wenn sie nicht als Störung kodiert wird.

Ältere Texte von 2012, die die BFAS als „erste Skala weltweit“ feierten, überspringen genau diesen Schritt. Ein zuverlässiger Fragebogen erzeugt noch keine Krankheit im Klassifikationssinn. Er erzeugt eine Messgröße, über die man streiten, forschen und im Einzelfall sprechen kann.

Wer höhere Werte zeigt

In der Erststudie von 2012 hingen BFAS-Werte positiv mit Neurotizismus und Extraversion zusammen, negativ mit Gewissenhaftigkeit. Menschen, die leichter ängstlich, reizbar oder unsicher reagieren, und Menschen, die sozialen Kontakt suchen, lagen höher. Wer Aufgaben planvoll und beharrlich angeht, lag niedriger. Das passt zu dem Bild, das Andreassen später öffentlich beschrieb: Sozial ängstliche Nutzerinnen und Nutzer weichen oft auf schriftliche Kanäle aus, weil das Gesicht-zu-Gesicht-Gespräch mehr kostet.

Die große Erhebung von 2016 verschiebt den Blick vom Persönlichkeitsfragebogen zu Alter, Geschlecht und psychischen Symptomen. Jüngere Teilnehmende hatten höhere Suchtwerte bei sozialen Medien und bei Spielen. Frauen lagen bei sozialen Medien höher, Männer bei Videospielen. ADHS-Symptome, Zwangssymptome, Angst und Depression erklärten einen eigenen Anteil der Varianz, nachdem Alter und Geschlecht bereits berücksichtigt waren. Wer allein lebte, lag in beiden Bereichen höher.

Keine dieser Zahlen beweist, dass Facebook Neurotizismus erzeugt oder dass Frauen „süchtigere“ Nutzerinnen sind. Querschnitte können die Richtung nicht klären. Möglich ist, dass unsichere Menschen Plattformen intensiver nutzen. Möglich ist auch, dass intensiver Gebrauch Unsicherheit verstärkt. Die Metaanalyse von Huang (2022) über 133 Stichproben und 244 676 Personen fand genau diese Zweiseitigkeit auf der Ebene der Korrelationen: Problematische Nutzung ging mäßig mit Depression und Einsamkeit einher, nur schwach mit geringerer Lebenszufriedenheit und geringerem Selbstwert. Die Stärke der Zusammenhänge blieb über Instrumente, Plattformen und mittleres Alter hinweg ähnlich.

Schlaf war schon 2012 ein Begleitbefund. Hohe BFAS-Werte hingen mit späteren Bettgeh- und Aufstehzeiten zusammen. Das ist kein Beweis für eine biologische Entzugsnacht. Es zeigt, dass die Plattform den Tagesrand verschieben kann, genau dort, wo Erholung und Schule am nächsten Morgen entschieden werden.

Was problematische Nutzung mit Psyche und Alltag macht

Problematische Nutzung sozialer Medien ist in Beobachtungsstudien mit mehr depressiven Symptomen, mehr Angst, schlechterem Schlaf und stärkerer Einsamkeit verknüpft. Huang bezifferte 2022 die mittleren Korrelationen mit Depression und Einsamkeit als mittelgroß, die mit Lebenszufriedenheit und Selbstwert als klein. Das ist weniger dramatisch als viele Schlagzeilen, aber konsistent über sehr große Stichproben.

Der US-Surgeon-General verwies 2023 auf eine Längsschnittkohorte von 12- bis 15-Jährigen: Mehr als drei Stunden soziale Medien pro Tag verdoppelten das Risiko für ungünstige psychische Outcomes, einschließlich Depressions- und Angstsymptomen, nachdem der Ausgangsstatus berücksichtigt war. Gleichzeitig nutzen Jugendliche im Schnitt oft schon um die 3,5 Stunden. Bis zu 95 Prozent der 13- bis 17-Jährigen berichten irgendeine Plattform, mehr als ein Drittel „fast ständig“. Das Advisory sagt ausdrücklich, Sicherheit für Kinder und Jugendliche sei auf dieser Datenlage nicht zu belegen; Nutzen (Anschluss, Identität, Hilfe suchen) und Schaden (Schlafverlust, Cybermobbing, verzerrte Körperbilder) liegen nebeneinander.

Die Mayo Clinic (Aktualisierung Dezember 2025) trennt gesunde und ungesunde Effekte ähnlich. Netzwerke können Jugendliche tragen, die offline wenig Unterstützung haben, die einer Minderheit angehören oder die eine chronische Erkrankung bewältigen. Dieselben Kanäle können Hausaufgaben, Sport und Familienzeit verdrängen, Schlaf zerlegen, Gerüchte und zu persönliche Bilder verbreiten und mit Inhalten zu Selbstverletzung oder Essstörungen konfrontieren. Nicht jede lange Nutzungszeit ist schädlich; Art der Inhalte, Reife und Vorerkrankungen steuern den Effekt.

Die Cleveland Clinic beschreibt den möglichen Mechanismus nüchtern als Verhaltensschleife. Likes, Nachrichten und überraschende Clips können das belohnende System ansprechen. Mit der Zeit braucht es oft mehr Reiz für dasselbe Gefühl. Das erklärt, warum jemand trotz schlechten Gewissens weiterscrollt. Es macht aus jeder halben Stunde noch keine Sucht. Dreißig Minuten können, so die Klinik, Einsamkeit lindern; deutlich längere Sessions kippen in manchen Studien in die Gegenrichtung. Solche Schwellen sind Orientierung, keine biologische Konstante.

Wann zum Arzt oder zur Beratung

Ein auffälliger BFAS- oder BSMAS-Wert allein ist kein Grund für eine Notaufnahme. Anlass für ein Gespräch mit Hausarzt, Kinder- und Jugendärztin oder einer psychotherapeutischen Stelle entsteht, wenn der Gebrauch bereits den Alltag beschädigt oder wenn Angst, Depression, Selbstverletzungsgedanken oder ein Essproblem mitlaufen. Die Mayo Clinic nennt für Jugendliche vier greifbare Zeichen: Weiternutzung trotz Stoppwunsch; Schule, Schlaf, Hobbys oder Beziehungen leiden; deutlich mehr Zeit als geplant; Lügen, um online zu sein.

Die American Academy of Pediatrics (Antwort vom März 2025) rät, zuerst die Funktion zu prüfen, nicht die Stoppuhr. Schläft die Person ausreichend? Kommen Schule oder Arbeit ohne ständige Brüche zu Ende? Bleibt Zeit für andere Freizeit? Gibt es soziale Kontakte offline? Gibt es andere Wege, schlechte Gefühle auszuhalten, außer dem Griff zum Telefon? Fallen die Antworten ja aus, spricht wenig für eine entgleiste Nutzung, selbst wenn die Stundenzahl hoch wirkt. Fallen Konflikte, Belästigung, dauernd negative Inhalte, zwanghaftes Gefühl oder Geldausgaben ins Gewicht, ändert sich das Bild.

Die American Psychiatric Association betont denselben Punkt für Kinder: Zwei oder drei Stunden am Abend können unauffällig sein, wenn Noten, Sport, Freunde und das Klima zu Hause stimmen. Dieselbe Dauer kann Alarm sein, wenn Leistungen einbrechen, frühere Hobbys wegfallen und die Stimmung zu Hause kippt. Es gibt keine magische Stundenzahl. Eltern sollen zuerst neugierig fragen, warum die App zieht, statt nur zu verbieten.

Rote Flaggen, die nicht auf die nächste Woche warten sollten:

  • Gedanken an Selbstverletzung, Suizid oder das Gefühl, nicht mehr weiterzuwissen, brauchen noch am selben Tag ärztliche Hilfe.
  • Inhalte, die Selbstverletzung, extremes Fasten oder Gewalt anleiten, und das Gefühl, ihnen nicht mehr ausweichen zu können, gehören in die Sprechstunde.
  • Plötzlicher Rückzug, massiver Schlafentzug über viele Nächte oder ein Einbruch der Schul- oder Arbeitsfähigkeit rechtfertigen eine zeitnahe Abklärung.
  • Cybermobbing, Erpressung mit Bildern oder Kontakt zu Erwachsenen, die Intimes fordern, sind Schutzfragen, keine reinen Medienfragen.

In den USA nennt das Gesundheitsministerium bei einer akuten psychischen Krise die Nummer 988. In Deutschland ist der erste sinnvolle Schritt meist die Ärztin oder der Arzt, dem die Person vertraut; bei Selbstgefährdung die örtliche Notaufnahme.

Was zu Hause und in der Therapie helfen kann

Viele Menschen können problematische Muster ohne Klinikaufenthalt verändern, wenn sie Auslöser kennen, Zeiten begrenzen und Ersatzhandlungen haben. Die Cleveland Clinic rät 2025 ausdrücklich gegen den harten Entzug über Nacht. Sinnvoller sei, Gewohnheiten und Trigger zu benennen, tägliche Limits mit Wecker zu setzen, einen Vorrat anderer Tätigkeiten aufzubauen und Achtsamkeit zu üben. Ziel ist selten lebenslanges Verbot, sondern Nutzung, die wieder zur eigenen Absicht passt.

Für Jugendliche nennt die Mayo Clinic konkrete Haushaltsregeln, die Erwachsene selbst mittragen sollten. Soziale Medien bleiben hinter Hausaufgaben, Mahlzeiten und der letzten Stunde vor dem Schlaf. Geräte können nachts außerhalb des Schlafzimmers liegen. Frühe Teenagerjahre vertragen nach Empfehlung der American Psychological Association, auf die Mayo verweist, eine regelmäßigere Mitlesepraxis; mit wachsender Reife kann die Kontrolle lockern. Gespräche darüber, wie sich der Feed anfühlt, wirken nachhaltiger als eine einmalige Standpauke. Gesichtskontakte bleiben besonders wichtig, wenn soziale Angst schon besteht.

Kleine Selbstversuche helfen, wenn unklar ist, ob überhaupt ein Problem vorliegt. Die AAP schlägt vor, die geräteeigene Zeitstatistik anzusehen, die Zahl der Entsperrungen und die zuerst geöffnete App. Wer Benachrichtigungen abstellt oder Ruhezeiten setzt und sich danach klarer fühlt, hat eine Information, keine Diagnose. Wer den Drang nicht steuern kann und deshalb lügt oder Pflichten schiebt, hat eine andere Information.

Strukturierte Psychotherapie kann zusätzlich greifen, vor allem wenn Angst, Depression oder ADHS mitlaufen. Pérez-Wiesner und Kollegen werteten 2025 neun Studien (fünf randomisiert) mit 744 Jugendlichen zwischen 10 und 21 Jahren aus. Psychologische Programme, häufig kognitive Verhaltenstherapie, senkten Symptome problematischer Internet-, Spiel-, Social-Media- und Messenger-Nutzung. Die gepoolten Effekte lagen bei einer standardisierten Mittelwertdifferenz von −1,53 in den randomisierten und −1,13 in den nicht randomisierten Arbeiten. Die Autorinnen und Autoren warnen vor Heterogenität und möglichem Publication Bias; die Richtung spricht trotzdem für Therapie, Familientherapie und Training exekutiver Funktionen, nicht für ein einzelnes Medikament gegen „Facebook“.

Die APA nennt kognitive Verhaltenstherapie als üblichen Einstieg. Auslöser, Gedanken („nur noch kurz“) und alternative Bewältigung werden bearbeitet. Unterstützungsgruppen und Familientherapie können ergänzen. Medikamente tauchen in diesem Ratgeber für Glücksspiel (Naltrexon-Hinweise) und für Internet Gaming (Antidepressiva oder ADHS-Mittel in frühen Daten) auf, nicht als Standard gegen Social-Media-Nutzung. Wer Tabletten erwartet, die das Scrollen abschalten, liegt falsch. Behandelt wird das, was den Sog speist, etwa Schlafmangel, Angst, Depression, Impulsivität oder Einsamkeit.

Häufige Fragen

Ist Facebook-Sucht eine anerkannte Krankheit?

Nein. Weder ICD-11 noch DSM-5-TR führen Facebook- oder Social-Media-Sucht als eigene Diagnose. Die WHO kodiert unter den Verhaltenssüchten Glücksspiel und Computerspielen. Ein hoher Wert auf der Bergen-Skala ist ein Forschungssignal, kein Krankenschein.

Ab welchem Punktwert bin ich süchtig?

Es gibt keinen anerkannten klinischen Cut-off. Die Autoren der BFAS schlugen vor, vier von sechs Items mit mindestens dem Wert 3 als möglichen Hinweis zu lesen. Das bleibt ein Screening, das Funktion, Leidensdruck und Begleiterkrankungen nicht ersetzt.

Misst die Skala auch Instagram oder TikTok?

Die ursprüngliche BFAS fragt nur Facebook. Die BSMAS von 2016 verwendet denselben Satzbau für soziale Medien insgesamt und nennt in der Anleitung Facebook, Twitter, Instagram und vergleichbare Dienste. Wer heute nur die alte Facebook-Fassung ausfüllt, lässt andere Apps außen vor.

Unterscheidet die BFAS Spiele von Chats?

Nein. Griffiths hat genau das 2012 kritisiert. Dieselbe Summe kann ein Browsergame, ständiges Nachrichtenprüfen oder stundenlange Videos meinen. Im Gespräch muss die konkrete Tätigkeit benannt werden.

Hilft eine Woche komplett ohne soziale Medien?

Ein harter Entzug ist kein nachgewiesenes Standardverfahren. Reviews und Kliniktexte legen näher, Limits, Triggerarbeit und Therapieelemente zu kombinieren als nur die Apps zu löschen. Manche Menschen profitieren von einer Pause, andere rutschen danach härter zurück.

Wann sollte ich mit meinem Teenager zur Ärztin?

Wenn Schule, Schlaf oder Beziehungen leiden, wenn gelogen wird, um online zu sein, oder wenn Angst, Depression, Selbstverletzung oder ein Essproblem mitlaufen. Die Stundenzahl allein entscheidet das nicht.

Gibt es Medikamente gegen Social-Media-Sucht?

Ein zugelassenes Mittel gegen problematische Nutzung sozialer Medien gibt es nicht. Die APA erwähnt Medikamente in anderen Kontexten (Glücksspiel, Internet Gaming) und nur als frühe Hinweise. Zuerst gehören Gespräch und, falls nötig, die Behandlung von Angst, Depression oder ADHS.

Kann ich die Skala selbst als Test benutzen?

Ja, als Selbstbeobachtung. Nein, als Selbstdiagnose. Die Fragen können sichtbar machen, welche der sechs Merkmale bereits oft zutreffen. Die Bewertung gehört in ein Gespräch, wenn der Alltag bröckelt.

Fazit

Die Bergen-Skala von 2012 hat der Forschung sechs prüfbare Fragen zu Facebook gegeben. Sie bleibt nützlich, wenn man sie als das liest, was sie ist, nämlich ein kurzer Selbstbericht über Vereinnahmung, Stimmungsflucht, Steigerung, gescheiterte Pausen, Unruhe und Konflikt. Sie ist keine WHO-Diagnose und kein Beweis, dass ein Konzernprodukt eine eigene Suchtgattung begründet.

Seit 2018 hat sich der Rahmen verschoben. Die Messung wanderte zur BSMAS, die Klassifikation öffnete die Tür für Gaming, nicht für Facebook, und Public-Health-Texte (Surgeon General 2023, APA, AAP, Mayo und Cleveland Clinic 2025) fragen nach Stunden und nach Funktion. Drei Stunden am Tag können bei Jugendlichen das Risiko für Angst- und Depressionssymptome verdoppeln; dieselbe Zahl sagt bei einem funktionierenden Alltag weniger als bei Notenverlust und Schlaflosigkeit.

Wer unsicher ist, braucht keinen Punktwert, um morgen etwas zu ändern. Benachrichtigungen lassen sich abschalten, das Telefon kann nachts außerhalb des Bettes liegen, und ein Gespräch über das, was der Feed ersetzt (Langeweile, Angst, Einsamkeit), ist oft der ehrlichere Einstieg als das Wort Sucht. Bleibt der Gebrauch trotz solcher Schritte steuerlos oder kommen dunkle Stimmung und Selbstgefährdung hinzu, gehört das in die Sprechstunde, nicht in einen weiteren Selbsttest.

Quellen

  1. Andreassen CS, Torsheim T, Brunborg GS et al.: Development of a Facebook Addiction Scale. Psychological Reports, April 2012.
  2. Griffiths MD: Facebook addiction: concerns, criticism, and recommendations–a response to Andreassen and colleagues. Psychological Reports, April 2012.
  3. Andreassen CS, Billieux J, Griffiths MD et al.: The relationship between addictive use of social media and video games and symptoms of psychiatric disorders: A large-scale cross-sectional study. Psychology of Addictive Behaviors, März 2016.
  4. WHO: Addictive behaviours: Gaming disorder. World Health Organization, 22. Oktober 2020.
  5. American Psychiatric Association: Technology Addictions: Social Media, Online Gaming, and More. American Psychiatric Association, Stand: 2024.
  6. Cleveland Clinic: Is It Possible To Become Addicted to Social Media?. Cleveland Clinic, 8. Dezember 2025.
  7. Mayo Clinic Staff: Teens and social media use: What’s the impact?. Mayo Clinic, 24. Dezember 2025.
  8. Office of the Surgeon General: Social Media and Youth Mental Health. U.S. Department of Health and Human Services, Stand: 19. Februar 2025.
  9. Brand M, Rumpf HJ, Demetrovics Z et al.: Which conditions should be considered as disorders in the International Classification of Diseases (ICD-11) designation of “other specified disorders due to addictive behaviors”?. Journal of Behavioral Addictions, 30. Juni 2020.
  10. Huang C: A meta-analysis of the problematic social media use and mental health. International Journal of Social Psychiatry, Februar 2022.
  11. Pérez-Wiesner M, Bühler KM, López-Moreno JA et al.: Effectiveness of Psychological Treatments for Problematic Use of Internet, Video Games, Social Media and Instant Messaging: A Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 21. Oktober 2025.
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