
Hämatidose bedeutet, dass eine blutige oder rosa Flüssigkeit aus unversehrter Haut oder Schleimhaut austritt. Die Menge ist in den beschriebenen Fällen klein, die Episode dauert oft nur Minuten und endet von selbst; trotzdem gehört jede unerklärte Blutung zuerst in eine ärztliche Abklärung, weil sich dahinter eine Gerinnungsstörung verbergen kann.
DermNet NZ (Stand Januar 2021) und das US-Register GARD der National Institutes of Health beschreiben dasselbe Bild. Nach dem Abwischen bleibt die Haut geschlossen, ohne Schürfung, Teleangiektasie oder Petechie. Das Phänomen ist selten, trifft in Fallserien vor allem Mädchen und junge Frauen und sitzt häufig im Gesicht. Betablocker, angstlösende Mittel und psychologische Begleitung können die Häufigkeit senken. Eine Leitlinie mit kontrollierten Studien fehlt; ältere Ratgeber, die das Bild pauschal als harmlos abtaten, reichen dafür nicht.
Was Hämatidose ist und wie sie sich zeigt
Hämatidose, auch Hämatidrose oder Hämatohidrose genannt, ist das spontane Schwitzen einer blutigen Flüssigkeit aus intakter Haut. Die Flüssigkeit wirkt oft wässrig und rosa, klarer als Venenblut, weil sich Erythrozyten mit Schweiß mischen.
DermNet nennt Synonyme wie Hemidrose und Hämatofolliculohidrose, weil die Flüssigkeit auch aus Follikelöffnungen kommen kann. ICD-10 führt das Bild unter L74.8, ICD-11 unter EE0Y. GARD ergänzt begleitende Blutungen aus Augen (Hämolakrie), Nase, Ohren oder anderen Hautflächen. Die Episoden können tagsüber, im Schlaf oder mehrmals täglich auftreten. Prodromi sind möglich. Kribbeln oder Druck am späteren Austrittsort, Kopfschmerz, Bauchschmerz, Übelkeit oder Erbrechen kündigen bei einem Teil der Betroffenen die Episode an.
Nach Kluger (systematische Übersicht 1996–2016) berichteten fast 30 Prozent der 25 ausgewerteten Fälle solche Vorboten. Die häufigste Region war das Gesicht, besonders Stirn, Augenlider und Ohren. Nabel, Handflächen und seltener Fußsohlen kamen vor. Acht der 25 Personen hatten zusätzlich Schleimhautblutungen, etwa aus Nase oder Mund. Die Dauer lag meist im Minutenbereich; in einzelnen pädiatrischen Berichten, darunter der Fall bei Matsyura und Kollegen (2024), zog sich eine Episode über Stunden.
Nach dem Wischen bleibt die Haut unversehrt. Genau das trennt das Bild von einer Schnittwunde, einem aufgekratzten Ekzem oder einer offenen Follikulitis. Wer Blut an Kleidung oder Kissen findet, ohne je eine offene Stelle gesehen zu haben, sollte das trotzdem dokumentieren und mitnehmen. Fotos und Uhrzeiten helfen, weil die Flüssigkeit oft schon weg ist, wenn die Praxis öffnet.

Wie selten das Phänomen ist und wen es trifft
Hämatidose ist so selten, dass es keine belastbare Inzidenz gibt. Die Literatur besteht aus Einzelfällen und kleinen Serien; große Register fehlen.
Kluger wertete 25 Fälle aus zwei Jahrzehnten PubMed aus. 84 Prozent betrafen Frauen, das Medianalter lag bei 13 Jahren (Spanne 9–72), nur ein Drittel war zum Diagnosezeitpunkt erwachsen. 62 Prozent der Herkunftsangaben lagen in Asien, vor allem in Indien und Pakistan; Europa und Nordamerika waren fast leer. DermNet bestätigt den hohen Frauenanteil über 80 Prozent und den Altersgipfel zwischen 9 und 15 Jahren. Matsyura und Kollegen sammelten 25 Kinderberichte. 88 Prozent waren Mädchen, 56 Prozent stammten aus Indien, Jungen machten 12 Prozent aus. Eine andere Zusammenstellung, die sie zitieren, legt 83 Prozent der Fälle ins Alter bis 18 Jahre.
Ob die geografische Häufung eine biologische Neigung dunklerer Hauttypen, eine kulturelle Bereitschaft zur Publikation oder beides spiegelt, bleibt offen. DermNet erwähnt betroffene Geschwister und hält eine genetische Komponente für denkbar, ohne dass ein Gen bekannt wäre. Die Zahl der Berichte ist seit den 2000er-Jahren gestiegen. Kluger betont, dass die große ältere Sammlung von Holoubek und Holoubek (1996) vor allem historische Schilderungen ohne Labor enthielt. Neuere Arbeiten fordern deshalb Zeugen aus dem medizinischen Personal und den Nachweis von Blutbestandteilen.
Für den Alltag heißt das. Ein einzelner Bericht in der Familie beweist keine Häufigkeit, und fehlende europäische Serien beweisen nicht, dass das Bild hier nicht vorkommt. Sie erklären, warum viele Ärztinnen und Ärzte das Wort noch nie am Patientenbett benutzt haben.
Was in der Haut und im vegetativen Nervensystem passiert
Die genaue Pathophysiologie ist unklar. Die meistgenannte Hypothese verknüpft eine starke Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit den Kapillaren um ekkrine Schweißdrüsen.
DermNet beschreibt den Ablauf so. Unter Angst oder Extrembelastung verengen sich die Gefäße, danach weiten sie sich; in der Weitungsphase können Kapillaren um Drüsen und Haarfollikel reißen, Blut tritt in die Ausführungsgänge und erreicht die Oberfläche als gefärbter Schweiß. Matsyura und Kollegen ergänzen den Rezeptorweg. Endothelzellen tragen β2-Adrenozeptoren, die über Stickstoffmonoxid eine gefäßerweiternde Antwort steuern; ein nichtselektiver Betablocker wie Propranolol könne diese Weitung dämpfen und so ein Reißen weniger wahrscheinlich machen. Das bleibt eine Erklärung aus Fallbeobachtungen, keine gemessene Kausalkette.
Andere Modelle konkurrieren. Manonukul und Kollegen beschrieben Bluträume in der Dermis, die sich in Follikelkanäle öffnen; sie schlugen den Begriff Hämatofolliculohidrose vor. Zhang und Mitarbeiter fanden in einer Biopsie intradermale Blutungen und verlegte Kapillaren ohne Schaden an Drüsen und Follikeln und diskutierten eine besondere Vaskulitis. Kluger hält fest, dass die meisten späteren Biopsien unauffällig oder nur minimal verändert waren. Blutungen an Stellen ohne Schweißdrüsen und begleitende Hämolakrie, Epistaxis oder Hämaturie passen nicht sauber in ein reines Drüsenmodell.
Laborchemisch enthält die Flüssigkeit typische Blutbestandteile, der Hämoglobingehalt liegt aber unter dem des Venenbluts. Genau deshalb wirkt der Fleck oft dramatischer, als der Volumenverlust ist. Eine tiefe Arterie oder Vene ist nicht die Quelle. Das entlastet vor dem Bild des Verblutens, ersetzt aber nicht die Suche nach einer Gerinnungsstörung, wenn noch andere Blutungszeichen bestehen.
Welche Auslöser und psychischen Begleiter vorkommen
Stress, Angst und belastende Situationen sind die am häufigsten genannten Auslöser, erklären aber nicht jeden Fall. In Klugers Serie fand sich ein möglicher Trigger bei 56 Prozent; von diesen betrafen 86 Prozent Konflikte oder Missbrauch in der Familie oder Druck in der Schule.
Matsyura und Kollegen sahen bei 64 Prozent der Kinderberichte einen Auslöser, meist emotionale Anspannung, seltener extreme körperliche Anstrengung, Hitze, Angst oder Alpträume. Drei Kinder hatten zuvor eine psychiatrische Diagnose (Störung des Sozialverhaltens, dissoziative Störung, Depression). Kluger zählte bei neun von 25 Personen eine begleitende psychische Diagnose, darunter Angst, Depression, Konversion und oppositionelles Trotzverhalten. GARD listet Furcht und intensiven emotionalen Stress neben Anstrengung und Bluthochdruck als mögliche Begleiter.
Die ältere populäre Darstellung, religiöse Berichte von blutigem Schweiß seien schlicht Extremangst, bleibt eine historische Fußnote. Kluger erinnert an die Gethsemane-Erzählung und an Fehldeutungen als Stigmata. In den modernen Fallberichten spielt religiöse Überhöhung kaum eine Rolle. Wichtiger ist der Hinweis, dass auch Alltagsstress wie Prüfungen oder Streit ausreichen kann und dass in rund der Hälfte der Fälle kein Auslöser gefunden wird. Deshalb darf niemand die Diagnose an einem psychischen Stempel festmachen.
Wer Blut auf der Haut sieht, gerät selbst unter Anspannung. Diese Rückkopplung kann Episoden häufen, ohne dass die erste Ursache psychisch war. Pädiatrische Berichte beschreiben genau diesen Kreis. Die sichtbare Blutung ängstigt, die Angst hält das vegetative System wach, neue Tropfen folgen. Beratung, die das Bild ernst nimmt und zugleich erklärt, dass der Volumenverlust klein ist, kann diesen Kreis lockern.
Was ausgeschlossen werden muss, bevor die Diagnose gilt
Hämatidose ist eine Ausschlussdiagnose. Chromhidrose, selbstbeigebrachte Läsionen, Thrombozyten- und Gerinnungsstörungen sowie kutane Gefäßanomalien müssen vom Tisch, bevor das Wort fällt.
Chromhidrose färbt Schweiß durch Pigment, nicht durch Erythrozyten. Mikroskopie oder ein einfacher Nachweis von Blutbestandteilen trennt die beiden Bilder. Dermatitis artefacta und vorgetäuschte Störung (einschließlich Münchhausen und Münchhausen-by-proxy) bleiben Differenzialdiagnosen, weil Stress beiden Situationen gemeinsam sein kann und weil Blut auf der Haut sich auch auftragen lässt. Kluger und DermNet fordern deshalb, dass medizinisches Personal mindestens eine Episode selbst sieht. Fehlt dieser Zeuge und bleibt nur angetrocknetes Blut, sinkt die Sicherheit der Zuordnung.
Gerinnungs- und Plättchenstörungen sind der medizinisch wichtigste Ausschluss. Das Merck Manual (Fachfassung, September 2025) ordnet unklare Haut- und Schleimhautblutungen zuerst quantitativen oder qualitativen Plättchendefekten oder einer Gefäßwandschwäche zu; tiefe Hämatome und Gelenkblutungen sprechen eher für eine Koagulopathie. GARD nennt ausdrücklich, dass einzelne Hämatidose-Berichte mit systemischer Krankheit oder Blutungsneigung einhergingen. Eine PF3-Dysfunktion tauchte in der älteren Kasuistik auf. Kluger rät zu einer breiten Hämostasediagnostik, sobald weitere Blutungszeichen oder ein schleppender Verlauf vorliegen.
Skorbut, Vaskulitis, hereditäre Bindegewebsschwäche und teleangiektatische Syndrome gehören in dieselbe Ausschlussliste, weil fragile Gefäße leicht bluten. Ein normales Blutbild allein schließt das nicht aus. Die Klinik entscheidet, wie weit die Suche geht.
Wie Ärztinnen und Ärzte die Diagnose stellen
Vorgeschlagene Kriterien verlangen vier Punkte. Wiederholte, schmerzlose, selbst begrenzte Episoden einer blutigen Flüssigkeit, beobachtet durch medizinisches Personal; Nachweis üblicher Blutbestandteile in der Flüssigkeit; intakte Haut ohne Schürfung, Teleangiektasie oder Purpura; nach dem Wischen kein Nachsickern.
DermNet und Matsyura formulieren diese Liste nahezu gleich. Biopsien direkt nach einer Episode sind meist normal und dienen eher dem Ausschluss als dem Beweis. Die Flüssigkeit wird mikroskopisch und, wo möglich, biochemisch untersucht. Das Blutbild, Gerinnungstests (Quick/INR, aPTT, Fibrinogen) und ein Vaskulitisscreening gehören zur Grundausstattung. Das Merck Manual nennt als Erstpaket bei unklarer Blutung Blutbild mit Plättchen, Ausstrich sowie Prothrombinzeit und aPTT. Bleiben diese Werte normal und besteht trotzdem eine familiäre Blutungsneigung, kann von-Willebrand-Syndrom noch folgen, weil die aPTT dort oft nicht verlängert ist.
Psychiatrische Mitbeurteilung sucht Trigger und Begleiterkrankungen, nicht den Beweis, dass die Blutung „eingebildet“ sei. Neurologische Bildgebung ist kein Standard, sondern folgt gezielten Hinweisen (Krampfanfall, fokale Ausfälle, Trauma). In Klugers Serie lagen zwischen ersten Tropfen und erster Vorstellung im Median sechs Monate, in Extremfällen Jahre. Die Verzögerung entsteht, weil das Bild unbekannt ist und weil die Episode oft vorbei ist, wenn das Wartezimmer frei wird.
Praktisch hilft ein Plan für die nächste Episode. Sofort Praxis oder Klinik aufsuchen, nicht abwischen, bevor jemand zugesehen hat, Flüssigkeit auf einem Tupfer sichern. Wer das Kind oder den Partner filmt, sollte das Gesicht schützen und das Material nur der behandelnden Stelle zeigen.

Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme
Jede erstmalige, unerklärte Blutung aus Haut oder Schleimhaut gehört zeitnah in die ärztliche Sprechstunde. Die Notaufnahme ist der richtige Ort, sobald die Blutung nicht steht, Zeichen eines Volumenmangels auftreten oder Warnsignale einer systemischen Blutungsneigung dazukommen.
Das Merck Manual für Laien (Aktualisierung Februar 2026) nennt klare Schwellen. Nicht stillbare Blutung, Bluterbrechen oder kaffeesatzartiges Erbrechen, Blut im Stuhl oder teerstuhlfarbener Stuhl, Schwäche, Schwindel, Ohnmacht, starker Durst, Schwangerschaft oder kürzliche Geburt, Fieber und Infektzeichen sowie Kopfschmerz plus Verwirrtheit. Der britische NHS stuft starke Blutung als Grund für die Notaufnahme ein. Diese Schwellen gelten unabhängig davon, ob jemand das Wort Hämatidose schon gehört hat.
| Zeichen | Was es bedeuten kann | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Rosa Tropfen auf intakter Haut, stehen nach Minuten | Hämatidose möglich, andere Ursachen offen | Zeitnah Hausarzt oder Kinderarzt, Blutbild und Gerinnung |
| Wiederholte Episoden, Zeuge aus der Klinik | Kriterien für Hämatidose eher erfüllt | Dermatologie plus Hämatologie, Trigger klären |
| Petechien, große Blutergüsse, Nasenbluten, Zahnfleischbluten | Plättchen- oder Gerinnungsstörung möglich | Rasch Hämatologie, nicht abwarten |
| Blutung steht nicht, Schwindel, kalte Haut, Verwirrtheit | Volumenmangel oder Schock möglich | Sofort Notaufnahme |
| Bluterbrechen, Teerstuhl, Fieber, Schwangerschaft | Systemische Blutung oder DIC-Risiko | Sofort Notaufnahme |
| Blutung nur von Angehörigen gesehen, Hautläsionen erreichbar | Artefakt oder vorgetäuschte Störung möglich | Klinikbeobachtung, keine Anschuldigung am Telefon |
Ältere Ratgeber schrieben, Hämatidose sei praktisch nie lebensbedrohlich und ein Verbluten unmöglich. Das gilt nur, nachdem eine echte Hämostasestörung ausgeschlossen ist und die beobachtete Menge klein bleibt. GARD hält fest, dass einzelne Berichte mit systemischer Krankheit oder Blutungsneigung verknüpft waren. Der erste Kontakt klärt deshalb nicht das seltene Wort, sondern die häufigen gefährlichen Differenzialdiagnosen.
Welche Behandlungen in Fallberichten helfen können
Es gibt kein zugelassenes Standardregime. In Fallberichten werden Betablocker, angstlösende Mittel, Antidepressiva, selten Atropin-Pflaster und psychologische Verfahren genutzt; ein Teil der Betroffenen wird ohne Medikament ruhiger.
DermNet nennt orales Propranolol in einer Dosis von 10–20 mg pro Tag als berichtete Therapie, plus Anxiolytika und Antidepressiva. Die Übersicht von Palabiyik (2025) wertete 20 Arbeiten der Jahre 2014–2024 aus. Propranolol war der häufigste Betablocker, die Dosen lagen meist zwischen 10 und 40 mg täglich, symptomatische Besserung wurde in über 75 Prozent der berichteten Fälle genannt. Kombination mit Psychotherapie, darunter kognitive Verhaltenstherapie, schien in einzelnen Serien stärker zu wirken. Unerwünschte Wirkungen wurden selten beschrieben. Die Evidenz bleibt niedrig. Es handelt sich um Beobachtungen ohne Kontrollgruppe, ohne einheitliche Endpunkte und ohne Langzeitdaten.
Kluger fand unter 20 behandelten Personen Betablocker in 45 Prozent, Anxiolytika in 30 Prozent, Antidepressiva in 10 Prozent und Psychotherapie, Beratung oder Entspannung in 35 Prozent. Zwei Personen erhielten keine Therapie. Matsyura und Kollegen sahen Propranolol in 13 von 25 Kinderberichten als wirksam (52 Prozent); fünf Kinder wurden ohne Medikament wieder beschwerdefrei. Transdermales Atropin minderte in einzelnen Fällen Häufigkeit und Stärke. Ein Sonderfall mit epileptischen Anfällen besserte sich unter Oxcarbazepin; das ist kein Rezept für hämatidose ohne Anfallsleiden.
Propranolol bleibt ein verschreibungspflichtiges Mittel mit Risiken wie Bradykardie, Hypotonie, Hypoglykämie und Bronchospasmus, besonders bei Asthma. Dosis und Überwachung gehören in die behandelnde Praxis, bei Kindern in die Pädiatrie. Niemand soll Tabletten aus dem Hausapothekenschrank gegen Blut-Schweiß einsetzen. Lokale Reinigung mit einer antiseptischen Lösung während der Episode, wie im pädiatrischen Fall von Matsyura beschrieben, dient der Hygiene, nicht der Heilung.
Wie der Verlauf aussieht und was im Alltag hilft
Der Verlauf ist in den ausgewerteten Serien meist günstig. DermNet nennt das Bild gutartig und vorübergehend, oft mit Spontanremission.
Bei Kluger heilten oder besserten sich 18 von 20 nachverfolgten Fällen; in 13 Fällen (72 Prozent) trat die Besserung binnen Tagen bis zwölf Monaten ein. Zwei Personen erlitten einen Rückfall nach Absetzen des Betablockers, zwei remittierten ohne medizinische Intervention. Matsyura beschreibt bei einem neunjährigen Mädchen unter Propranolol und familiärer Psychokorrektur eine vollständige Rückbildung; die Dosis wurde nach sechs Wochen gesenkt und nach drei Monaten beendet. Palabiyik betont, dass Langzeitdaten rar sind. Ein günstiger Ausgang in Fallberichten beweist keine Heilgarantie.
Alltagshilfen sind nüchtern. Trigger, die sich benennen lassen (Schlafentzug, Prüfungswoche, familiärer Streit), lassen sich oft abschwächen. Ein Tagebuch mit Uhrzeit, Ort, vermutetem Auslöser und Dauer ersetzt keine Diagnose, macht aber Muster sichtbar. Offene Wunden entstehen bei echter Hämatidose nicht; Pflaster auf intakter Haut sind unnötig. Eisenmangel durch den Blutverlust ist bei den kleinen Volumina unwahrscheinlich, gehört aber geprüft, wenn zusätzlich Menstruation oder Nasenbluten bestehen.
Scham und Isolation wiegen oft schwerer als der Volumenverlust. Erklären, dass das Bild beschrieben, selten und in Serien meist vorübergehend ist, nimmt den mythischen Schrecken. Gleichzeitig bleibt die Botschaft. Erst die Gerinnung klären, dann das seltene Wort verwenden.
Häufige Fragen
Ist Hämatidose gefährlich, kann man daran verbluten?
In den ausgewerteten Fallserien ist der Volumenverlust klein, und die Hautquelle sind oberflächliche Kapillaren, nicht tiefe Arterien. Ein Verbluten gilt bei diesem Bild als unwahrscheinlich, sobald eine Gerinnungsstörung ausgeschlossen ist. Schwindel, anhaltende Blutung oder Schockzeichen gehören trotzdem sofort in die Notaufnahme, weil dann eine andere Ursache wahrscheinlicher ist.
Warum tritt blutiger Schweiß oft bei Stress auf?
Die gängige Hypothese sieht eine sympathische Überaktivierung, die Kapillaren um Schweißdrüsen erst eng stellt und dann bis zum Reißen weitet. Kluger fand Auslöser in gut der Hälfte der Fälle, meist in Familie oder Schule. Fehlt ein Trigger, widerspricht das der Diagnose nicht; die Ursache bleibt dann offen.
Wie unterscheidet der Arzt Blut-Schweiß von einer Gerinnungsstörung?
Er prüft Blutbild, Quick, aPTT und oft Fibrinogen und lässt die Flüssigkeit auf Blutbestandteile untersuchen. Gleichzeitig muss jemand aus dem Team eine Episode an unversehrter Haut sehen. Petechien, große Hämatome, anhaltendes Nasenbluten oder tiefe Blutungen sprechen gegen eine isolierte Hämatidose.
Hilft Propranolol wirklich gegen Hämatidose?
In Fallberichten und in der Übersicht von Palabiyik (2025) nahm die Häufigkeit unter Propranolol häufig ab, oft in Dosen von 10–40 mg täglich und oft zusammen mit Psychotherapie. Randomisierte Studien fehlen, Rückfälle nach Absetzen kamen vor. Das Mittel darf nur ärztlich und mit Überwachung von Puls und Blutdruck eingesetzt werden.
Verschwindet Hämatidose von allein?
Ja, Spontanremission ist in mehreren Serien beschrieben, auch ohne Medikament. DermNet nennt den Verlauf meist vorübergehend. Weil Rückfälle vorkommen, bleibt eine Nachkontrolle sinnvoll, sobald die Episoden seltener werden oder ein Mittel abgesetzt wird.
Was tun, wenn ein Kind Blut auf der Haut hat?
Zuerst die Haut ansehen, nicht reiben, und zeitnah die Kinderarztpraxis oder die Klinik aufsuchen, damit jemand die Episode bezeugen und Blut abnehmen kann. Matsyura und Kollegen behandelten Kinder oft mit niedrig dosiertem Propranolol plus psychologischer Begleitung der Familie; fünf der 25 ausgewerteten Kinder wurden ohne Medikament wieder beschwerdefrei. Hausmittel ersetzen die Hämostasediagnostik nicht.

Fazit
Blutiger Schweiß auf intakter Haut ist ein reales, sehr seltenes Bild. Die ersten zwei Schritte bleiben dieselben wie bei jeder unklaren Blutung. Zeugen sichern, Blutbild und Gerinnung machen, gefährliche Warnzeichen nicht vertrösten.
Fehlen Hinweise auf eine Hämostasestörung und erfüllt die Episode die genannten Kriterien, kann Hämatidose die Arbeitsdiagnose sein. Dann zielen die Maßnahmen auf Trigger, Angst und die vermutete sympathische Überaktivität. Betablocker und psychologische Begleitung können in Fallserien die Häufigkeit senken; Heilversprechen gibt die Literatur nicht.
Für den nächsten Tag gilt eine kurze Liste. Termin in der Praxis oder Kinderklinik, Medikamenten- und Familienanamnese notieren, bei stehender starker Blutung, Schwindel oder schwarzem Stuhl die Notaufnahme wählen. Das mythische Bild vom schwitzenden Blut weicht einem nüchternen Ablauf. Ausschließen, beobachten, entlasten.
Quellen
- DermNet NZ: Haematohidrosis. DermNet, Stand: Januar 2021.
- Genetic and Rare Diseases Information Center: Hematohidrosis | About the Disease | GARD. Genetic and Rare Diseases Information Center, Stand: Juni 2026.
- Palabiyik AA: Efficacy of beta-blockers in the treatment of hematidrosis: A systematic review. World Journal of Experimental Medicine, 20. Dezember 2025.
- Streiff MB: Excessive Bleeding. Merck Manual Professional Edition, Stand: September 2025.
- Merck Manual Editorial Staff: Bruising and Bleeding. Merck Manual Consumer Version, Stand: Februar 2026.
- Matsyura O, Besh L et al.: Hematohidrosis in Pediatric Practice – a Case Report and Review of the Literature. Acta Medica Lituanica, 27. Februar 2024.
- Kluger N: Hematidrosis (bloody sweat): a review of the recent literature (1996–2016). Acta Dermatovenerologica Alpina, Pannonica et Adriatica, 2018.
- National Health Service: Find urgent and emergency care services. National Health Service, 25. November 2025.
