Johanniskraut bei Depression: Nutzen und Risiken

Johanniskraut bei Depression: Nutzen und Risiken

Johanniskraut kann bei leichter bis mittelschwerer Depression die Stimmung heben, ähnlich wie manches verschriebene Antidepressivum, ersetzt aber keine Diagnose und keine Begleitung. Wer bereits Tabletten, die Pille, Gerinnungshemmer oder eine HIV-Therapie nimmt, sollte das Kraut nicht allein beginnen, weil es viele Wirkspiegel senkt und zusammen mit Serotonin-Mitteln ein Serotoninsyndrom auslösen kann.

Die gelb blühende Art Hypericum perforatum steht in Tees, Kapseln, Tropfen und Hautölen. In der Europäischen Union gelten bestimmte Trockenextrakte als pflanzliche Arzneimittel gegen leichte bis mittlere depressive Episoden; in den Vereinigten Staaten laufen viele Produkte als Nahrungsergänzung ohne Arzneimittelzulassung. Das National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH, Stand Mai 2025) hält den Nutzen bei leichter und mittelschwerer Symptomatik für plausibel, bei schwerer Depression und über zwölf Wochen hinaus für unklar. Die britische Leitlinie NICE bleibt beim Nein zum Verordnen. Die kanadische CANMAT-Aktualisierung von 2023 stuft eine Monotherapie bei einer leichten Episode als erste Linie ein. Dieser Widerspruch ist der Kern der Entscheidung, nicht ein Werbespruch vom Regal.

Was steckt in der Pflanze und wie greift sie ein?

Mehrere Pflanzenstoffe wirken zusammen, vor allem Hyperforin und Hypericin, nicht ein einzelnes „Wundermolekül“. Merck Manual (Juli 2025) nennt standardisierte Zubereitungen mit 0,2 bis 0,3 Prozent Hypericin, 1 bis 4 Prozent Hyperforin oder beidem. StatPearls (Aktualisierung Mai 2023) beschreibt eine Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin; in sehr hohen Mengen ähnelt der Effekt einem Monoaminoxidase-Hemmer. Genau deshalb kann die Kombination mit anderen serotonergen Arzneimitteln gefährlich werden.

Hyperforin aktiviert den Pregnan-X-Rezeptor. Dadurch steigt die Aktivität von CYP3A4 und des Transporters P-Glykoprotein. Leber und Darm räumen dann viele Arzneimittel schneller aus, der Blutspiegel fällt. StatPearls und die EMA-Monographie (Revision vom 23. November 2022) knüpfen diese Enzyminduktion vor allem an den Hyperforin-Gehalt. Fertigpräparate mit hohem Hyperforin gelten als problematischer als schwach standardisierte Tees, doch niemand in der Praxis kann den Gehalt einer Dose am Tresen messen. Wer das Kraut nimmt, muss so tun, als wäre die Enzyminduktion vorhanden.

Die Volksmedizin nutzte die Pflanze für Wunden und „Melancholie“. Antibakterielle und antivirale Laborbefunde zu Hyperforin und Hypericin erklären, warum HIV oder Hautleiden immer wieder auftauchen. Menschliche Studien tragen das für HIV nicht; Merck warnt ausdrücklich vor der Kombination mit Proteasehemmern und bestimmten nichtnukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern. Für die Stimmung bleibt der serotonerge und enzyminduzierende Doppelcharakter entscheidend: Derselbe Mechanismus, der Symptome lindern kann, macht Transplantationsmittel, die Pille und Krebsmedikamente unsicherer.

Johanniskraut

Hilft Johanniskraut wirklich bei Depression?

Kurzzeitstudien zeigen bei leichter bis mittelschwerer Depression häufiger ein Ansprechen als ein Scheinmedikament und oft ein ähnliches Bild wie ein Standardantidepressivum. Die Cochrane-Auswertung von Linde, Berner und Kriston (2008) fasste 29 doppelblinde Studien mit 5489 Patienten über vier bis zwölf Wochen zusammen. Die geprüften Extrakte lagen über Placebo, glichen älteren Antidepressiva und SSRI und führten seltener zum Abbruch wegen Unverträglichkeit. In neun größeren Placebovergleichen lag das relative Risiko für ein Ansprechen bei 1,28; gegen SSRI bei 1,00 in zwölf Vergleichen.

Studien aus dem deutschsprachigen Raum fielen günstiger aus als Arbeiten aus anderen Ländern. Cochrane nennt zwei Erklärungen, ohne sie zu entscheiden: etwas andere Patienten oder zu optimistische kleinere Prüfungen. Wer ein deutsches Fertigarzneimittel mit geprüftem Extrakt nimmt, steht näher an jenen Studien als jemand, der einen frei gemischten Tee trinkt. Die Ergebnisse gelten laut Cochrane nur für die geprüften Zubereitungen und vergleichbare Extrakte, nicht für jedes Kraut im Glas.

Eine systematische Übersicht von Apaydin und Kollegen (2016) wertete 35 Studien mit 6993 Personen aus. Gegen Placebo lag das relative Risiko für Ansprechen bei 1,53 (18 randomisierte Studien, 2922 Teilnehmende). Gegen synthetische Antidepressiva betrug es 1,01 (17 Studien). Unerwünschte Ereignisse waren gegenüber Antidepressiva seltener (Chancenverhältnis 0,67). Die Autoren stuften die Qualität als mittel ein, weil die Studien stark streuten und schwere Depression kaum vorkam. Ng und Kollegen (2017, zitiert bei Merck) fanden in 27 Studien mit 3808 Personen ein ähnliches Ansprechen wie unter SSRI bei weniger Therapieabbrüchen.

Zhao und Kollegen (2023) verglichen in 14 klinischen Studien mit 2270 Erwachsenen Johanniskraut mit SSRI. Die Autoren sahen eine Abnahme der Hamilton-Werte und weniger Risiken als unter den konventionellen Mitteln; die Daten waren heterogen. NCCIH und Mayo Clinic (21. März 2025) fassen den Stand so: Bei leichter und mittelschwerer Depression kann das Kraut helfen, bei schwerer Symptomatik bleibt der Beleg dünn. Eine ältere große US-Prüfung bei Major Depression zeigte gegenüber Placebo und Sertralin keinen klaren Kurzzeitvorteil; Merck betont, dass Studiendesign, Schweregrad und Dosis die Streuung erklären.

Was raten NICE, CANMAT und die EMA heute?

Die Behörden widersprechen sich, und das ist kein Rechenfehler, sondern verschiedene Gewichte für Nutzen, Produktstreuung und Wechselwirkungen. NICE NG222 (29. Juni 2022, zuletzt geprüft am 30. Januar 2026) übernahm den Satz von 2009: Es gebe Hinweise auf Nutzen bei weniger schwerer Depression, Fachleute sollen das Kraut dennoch weder verordnen noch empfehlen. Begründung bleiben unsichere Dosis, unklare Wirkdauer, unterschiedliche Zubereitungen und ernste Interaktionen mit hormoneller Verhütung, Gerinnungshemmern und Anfallsmitteln.

CANMAT 2023 stuft eine Monotherapie bei einer leichten majoren depressiven Episode als erste Linie ein (Evidenzstufe 1) und bei mittelschwerer Episode als zweite Linie. Merck zitiert parallel die Fachgruppe von WFSBP und CANMAT (2022): Eine Monotherapie könne bei leichter bis mittelschwerer unipolarer Depression erwogen werden. Die kanadische Linie gilt nur ohne parallele Antidepressiva, weil ein Serotoninsyndrom möglich ist. Dosisangaben dort liegen grob zwischen 500 und 1800 Milligramm Extrakt pro Tag.

Die EMA-Monographie des HMPC (23. November 2022) beschreibt für bestimmte methanolische und ethanolische Trockenextrakte den gut etablierten Gebrauch bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden. Tagesdosen je nach Extrakt: 600 bis 1800 Milligramm, einmal 900 Milligramm oder 500 bis 1200 Milligramm. Wirkung sei innerhalb von vier Wochen zu erwarten; bleiben die Beschwerden, soll eine Ärztin oder ein Arzt sprechen. Unter 18 Jahren, in der Schwangerschaft und in der Stillzeit rät die Monographie ab. Intensives UV-Licht soll gemieden werden.

Institution Stand Kernaussage zu Johanniskraut
NICE NG222 2022, geprüft 2026 Möglichen Nutzen nennen, aber nicht verordnen und nicht empfehlen
CANMAT 2023 Monotherapie erste Linie bei leichter, zweite bei mittelschwerer Episode
EMA HMPC 2022 Bestimmte Trockenextrakte bei leichter bis mittlerer Episode zugelassen
NCCIH 2025 Hilfe bei leichter/mittlerer Depression möglich, schwere Form unsicher

Für Leserinnen und Leser in Deutschland liegt die Praxis näher an EMA und Apotheke als an NICE. Ein zugelassenes pflanzliches Arzneimittel mit Packungsbeilage ist nicht dasselbe wie eine US-Kapsel ohne Chargenstandard. Trotzdem gelten die Wechselwirkungen unabhängig vom Etikett. Wer sich auf CANMAT beruft, braucht trotzdem eine Diagnose, eine Medikamentenliste und eine Kontrolle nach wenigen Wochen, sonst bleibt die „erste Linie“ ein Kauf ohne Netz.

Mit welchen Medikamenten ist die Kombination gefährlich?

Johanniskraut beschleunigt den Abbau vieler Arzneistoffe und kann zugleich Serotonin im Körper häufen. NCCIH listet lebenswichtige Gruppen, deren Wirkung schwächer werden kann: Amitriptylin und Bupropion, hormonelle Verhütung, Ciclosporin nach Transplantation, Phenytoin und Carbamazepin, Digoxin und Ivabradin, Indinavir und Nevirapin, Irinotecan, Imatinib und Docetaxel, Warfarin sowie Simvastatin. Mayo ergänzt Alprazolam, Tacrolimus, Atorvastatin und Lovastatin, Methadon, Omeprazol, Voriconazol, Ketamin, Dextromethorphan und Triptane gegen Migräne.

Die EMA stellt Cumarin-Antikoagulanzien, Ciclosporin, Everolimus, Sirolimus, Tacrolimus zur systemischen Gabe, Fosamprenavir, Indinavir und andere Proteasehemmer, nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer sowie Irinotecan, Imatinib und weitere über CYP3A4, CYP2B6, CYP2C9, CYP2C19 oder P-Glykoprotein laufende Zytostatika als Kontraindikation. StatPearls nennt dieselben Pfade und ergänzt Oxycodon. Nach Absetzen kann die Enzyminduktion noch Tage nachwirken; wer dann die Dosis eines engen Therapeutika anhebt, riskiert später eine Überdosierung.

Hormonelle Verhütung verdient einen eigenen Satz. Mayo beschreibt Durchbruchblutungen, unregelmäßige Zyklen und ungeplante Schwangerschaften. StatPearls bestätigt Fallberichte. Eine zweite, nicht hormonell abhängige Methode ist vernünftig, solange das Kraut läuft, und oft die sauberere Lösung, das Kraut zu lassen. Warfarin und andere Cumarine können ihre gerinnungshemmende Kraft verlieren; INR-Sprünge nach heimlichem Start oder Stopp sind der klassische Praxisunfall.

Zusammen mit SSRI, SNRI, trizyklischen Mitteln, MAO-Hemmern, Triptanen oder dextromethorphanhaltigem Hustenmittel kann Serotonin gefährlich steigen. StatPearls nennt als frühe Zeichen schnellen Puls, hohen Blutdruck, weite Pupillen und Schwitzen; das Fieber kann über 41 °C steigen. Ältere Ratgeber schrieben irrtümlich von Untertemperatur. Das Gegenteil ist richtig: Hitze, Unruhe und Verwirrtheit gehören zum Notfallbild. Mayo rät, Johanniskraut und ein Antidepressivum nur unter fachlicher Aufsicht zu kombinieren; CANMAT 2023 rät in der Praxis von der Kombination ab.

Welche Nebenwirkungen sind häufig, welche selten?

Bei Erwachsenen ohne Begleitmedikation gilt die orale Einnahme über bis zu zwölf Wochen nach NCCIH und Mayo meist als verträglich; einzelne Studien deuten auf eine sichere längere Anwendung über ein Jahr hin. Häufiger als dramatische Zwischenfälle sind Magen-Darm-Beschwerden, Durchfall oder Verstopfung, trockener Mund, Schwindel, Kopfschmerz, Unruhe, Schlafstörung, Müdigkeit und eine höhere Sonnenempfindlichkeit. Mayo nennt Angst und Lichtempfindlichkeit ausdrücklich. Merck ergänzt Verwirrtheit und, bei bipolarer Störung, eine Manie.

Photosensibilität tritt vor allem bei hoher Dosis oder wenn das Kraut auf die Haut kommt und dann Sonne oder Solarium folgt. Die EMA verlangt, intensives UV-Licht zu meiden. Wer draußen arbeitet oder zur Lichttherapie geht, braucht das Gespräch vorher, nicht nach dem Sonnenbrand. NCCIH warnt vor schweren Hautreaktionen, wenn große Mengen geschluckt oder äußerlich aufgetragen werden.

Selten, aber praxisrelevant bleibt die manische Umschlaggefahr. Merck und StatPearls raten bei bipolarer Störung und bei psychotischen Erkrankungen zur Zurückhaltung, weil das Kraut eine Manie oder psychotische Symptome anstoßen kann. Ein einzelner Fallbericht einer supraventrikulären Tachykardie steht bei Merck; das ist kein Bevölkerungsrisiko, aber ein Hinweis, Herzrasen ernst zu nehmen. Zur äußerlichen Anwendung fehlen Mayo zufolge ausreichende Sicherheitsdaten, auch wenn die EMA traditionelle Öl- und Tinkturanwendungen bei kleinen Hautentzündungen und Wunden kennt.

Drei Punkte, die in der Sprechstunde oft untergehen:

  • Lichtschutz und UV-Meidung gehören zur Packungsinfo, nicht nur zu einem Urlaubshinweis.
  • Sexuelle Funktionsstörungen und Mundtrockenheit können auftreten, ähnlich wie unter manchen Antidepressiva.
  • Ein „natürliches“ Etikett ändert nichts an Enzyminduktion, Serotoninrisiko und Produktstreuung.

Wann zum Arzt, wann nicht selbst behandeln?

Eine depressive Episode gehört in die Praxis, sobald Alltag, Schlaf oder Arbeit über zwei Wochen einbrechen, und sofort, wenn Suizidgedanken auftauchen. NCCIH betont, Depression könne eine schwere Krankheit sein; das Kraut ist kein Ersatz für Abklärung. Wer bereits ein Antidepressivum, ein Immunsuppressivum, eine HIV- oder Krebstherapie, Warfarin oder die Pille nimmt, klärt das Kraut vorher, nicht hinterher. Apotheke und Arztpraxis brauchen die komplette Liste, inklusive Tropfen, Tee und „Schlafkraut-Mischung“.

Selbstbehandlung ist ungeeignet bei bekannter bipolarer Störung, früheren psychotischen Episoden, Epilepsie unter Enzyminduktoren, nach Organtransplantation und in der Schwangerschaft. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sollen das Kraut laut EMA nicht zur Depressionstherapie bekommen. Bleibt nach vier Wochen kein spürbarer Effekt, verlangt die EMA-Monographie den Arztkontakt; ein weiteres halbes Jahr stiller Selbstversuch verschleppt eine behandelbare Erkrankung.

Diese Warnzeichen brauchen denselben Tag, nicht das nächste frei verfügbare Präparat:

  • Gedanken an Suizid, konkreter Plan oder Abschiedshandlungen gehören in den Notdienst.
  • Hohes Fieber, Muskelsteifigkeit, Durchfall und Verwirrtheit unter serotonergen Mitteln können ein Serotoninsyndrom markieren.
  • Gelbsucht, sehr dunkler Urin oder plötzliche Blutungsneigung unter Gerinnungshemmern verlangen Laborkontrolle.
  • Herzrasen, schwere Hautreaktion nach Sonne oder eine manische Hochstimmung sind Abbruchgründe plus Vorstellung.

Ein Wechsel vom verschriebenen Antidepressivum auf Johanniskraut ohne Begleitung ist besonders riskant. Die Depression kann zurückkehren, während Enzyme noch hochgefahren sind oder Serotonin abrupt schwankt. Wer absetzen will, plant das mit der Praxis, die das Mittel ursprünglich empfohlen hat.

Was ist mit ADHS, Angst, PMS und Wechseljahren?

Außerhalb der leichten bis mittleren Depression bleibt die Evidenz dünn oder negativ. NCCIH nennt kleine Studien zu Hitzewallungen und zur somatoformen Störung als mögliche Lichtblicke; für ADHS, Reizdarm, Zwangsstörung, prämenstruelles Syndrom, Rauchstopp und Wundheilung reiche die Forschung nicht für eine klare Empfehlung. Mayo teilt die vorsichtige Linie zu Wechseljahresbeschwerden und somatoformer Störung.

Merck berichtet eine Metaanalyse von sechs Studien mit 717 Frauen in den Wechseljahren. Johanniskraut allein oder mit Traubensilberkerze oder Mönchspfeffer schnitt gegen Placebo besser ab, die Studien streuten stark, die Autoren verlangten weitere Forschung. Eine randomisierte Prüfung an 80 Frauen nach der Menopause mit leichter Depression zeigte Vorteile für Hitzewallungen und Stimmung. Das ist kein Freibrief für jede Tee-Mischung und kein Ersatz für eine gynäkologische Abklärung von Blutungsstörungen.

ADHS bei Kindern und Jugendlichen: Eine randomisierte Studie, die Merck zitiert (Weber und Kollegen, 2008), fand keinen Symptomvorteil eines auf Hypericin standardisierten Extrakts. StatPearls erwähnt Mischpräparate mit Baldrian und Passionsblume bei unruhigen Kindern; das ist kein Beleg für Johanniskraut allein und kein Argument gegen die EMA-Grenze unter 18 Jahren. Angststörungen und Zwangsstörungen haben keinen belastbaren Nachweis; einzelne Berichte, das Kraut könne Unruhe verstärken, passen zu den bekannten Nebenwirkungen.

HIV und AIDS: Laborhemmung behüllter Viren durch Hypericin hat sich klinisch nicht in eine Therapie übersetzt. Merck und NCCIH raten wegen der Interaktionen mit Proteasehemmern und nichtnukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern klar ab. Eine unterdosierte antiretrovirale Kombination ist gefährlicher als jede theoretische antivirale Pflanze. Topische Cremes bei Plaque-Psoriasis senkten in kleinen Studien Rötung und Schuppung; Mayo sieht die Hautanwendung insgesamt als unzureichend geprüft.

Welche Dosis, wie lange warten, wie absetzen?

Es gibt keine Einheitskapsel für jedes Etikett, sondern extraktspezifische Spannen. StatPearls nennt als häufige Angaben 300 Milligramm mit 0,3 Prozent Hypericin dreimal täglich zu den Mahlzeiten. Die EMA staffelt nach Zubereitung: 600 bis 1800 Milligramm am Tag, einmal 900 Milligramm oder 500 bis 1200 Milligramm. Merck fasst geprüfte Spannen von 300 bis 900 Milligramm täglich zusammen, CANMAT 500 bis 1800 Milligramm. Wer ein in der EU zugelassenes Fertigarzneimittel kauft, folgt der Packungsbeilage dieses Extrakts, nicht einem Internetmittelwert.

Wirkung erwartet die EMA innerhalb von vier Wochen. Cochrane- und Apaydin-Studien liefen meist vier bis zwölf Wochen. Wer nach einem Monat nichts spürt, braucht keine Dosisverdopplung aus der Schublade, sondern eine ärztliche Neubewertung. NCCIH hält die Einnahme über zwölf Wochen für die am besten dokumentierte Spanne; längere Anwendungen kommen in manchen Studien vor, bleiben aber schlechter abgesichert, besonders wenn neue Arzneimittel dazukommen.

Tee und Tinktur sind nicht austauschbar mit einem standardisierten Trockenextrakt. Die EMA kennt traditionelle Tees gegen vorübergehende Erschöpfung oder Unruhe, nicht als Belegtherapie einer depressiven Episode. Hyperforin-arme und hyperforin-reiche Chargen können sich in der Enzyminduktion unterscheiden; Nicolussi und Kollegen (2020, bei StatPearls und NCCIH zitiert) haben diese klinische Relevanz neu gewichtet. Billige Mischungen ohne deklarierten Extrakt entziehen sich jeder Dosislogik.

Absetzen eines frei gekauften Krauts erzeugt selten ein klassisches Entzugssyndrom wie nach manchen SSRI. Trotzdem gehört der Stopp in denselben Kalender wie andere Arzneimittel, weil CYP3A4-Substrate danach im Blut steigen können. Ciclosporin, Tacrolimus, HIV-Mittel, Antikonvulsiva und Cumarine brauchen Laborkontrollen, wenn das Kraut neu startet oder endet. Ein paralleles Antidepressivum wird nicht am selben Tag „umgestellt“, sondern geplant, damit weder Serotonin überläuft noch die Stimmung einbricht.

Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder

In Schwangerschaft und Stillzeit soll Johanniskraut nicht genommen werden. NCCIH schreibt, das Kraut könne das Risiko für Fehlbildungen erhöhen; gestillte Säuglinge von Müttern, die es einnehmen, können Koliken, Schläfrigkeit und Trägheit zeigen. Mayo und Merck formulieren dasselbe Verbot. Die EMA stellt fest, die Sicherheit sei nicht belegt, tierexperimentell gebe es Hinweise auf Reproduktionstoxizität, Fruchtbarkeitsdaten fehlen.

Depressive Symptome in der Schwangerschaft und im Wochenbett brauchen eine eigene Abklärung, oft mit Psychotherapie und, falls nötig, einem besser dokumentierten Arzneimittel. Ein „mildes Kraut“ als vermeintlich sanftere Alternative ist hier die riskantere Wahl, weil Nutzen und Schaden für den Fetus unklar bleiben und Wechselwirkungen mit Eisen, Schilddrüsenmitteln oder gerinnungsaktiven Präparaten dazukommen können. Wer unerwartet schwanger wird und das Kraut nimmt, setzt es nicht stillschweigend ab und hofft, sondern spricht Praxis oder Hebamme an.

Unter 18 Jahren rät die EMA wegen fehlender Daten von der oralen Anwendung gegen Depression ab. Offene Pilotstudien an Kindern mit depressiven Symptomen existieren, randomisierte, belastbare Belege fehlen. Die ADHS-Studie bei 6- bis 17-Jährigen blieb negativ. Eltern, die im Haushalt Kapseln stehen haben, behandeln damit weder Schulangst noch Konzentrationsprobleme. Jugendliche mit depressiver Symptomatik gehören in die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder die hausärztliche Abklärung, nicht in die Drogerie.

Häufige Fragen

Hilft Johanniskraut bei einer Depression?

Bei leichter bis mittelschwerer Depression kann ein geprüfter Extrakt Symptome lindern, ähnlich wie manches Standardantidepressivum und besser als ein Scheinmedikament. Cochrane 2008 und Apaydin 2016 tragen diese Richtung, mit Streuung und schwächeren Effekten in manchen großen Studien. Schwere Depression, lange Verläufe und Kinder sind damit nicht abgedeckt.

Kann ich Johanniskraut zusammen mit der Pille nehmen?

Die Kombination senkt oft den Schutz der hormonellen Verhütung. Mayo und NCCIH berichten Zwischenblutungen und ungeplante Schwangerschaften. Solange das Kraut läuft, braucht es eine zweite, nicht hormonell abhängige Methode oder, klarer, den Verzicht auf das Kraut.

Wie schnell wirkt Johanniskraut?

Die EMA erwartet einen spürbaren Effekt innerhalb von vier Wochen. Studien liefen meist vier bis zwölf Wochen. Bleibt die Stimmung nach einem Monat unverändert, ist das ein Arzttermin, keine Dosisverdopplung.

Darf ich Johanniskraut mit einem SSRI kombinieren?

Die Kombination kann ein Serotoninsyndrom auslösen. StatPearls beschreibt raschen Puls, hohen Blutdruck, weite Pupillen, Schwitzen und hohes Fieber. CANMAT 2023 rät von der parallelen Einnahme ab; Mayo verlangt zumindest fachliche Aufsicht.

Ist Johanniskraut in der Schwangerschaft oder Stillzeit erlaubt?

Nein. NCCIH, Mayo, Merck und die EMA raten ab. Mögliche Fehlbildungen und bei gestillten Säuglingen Kolik, Schläfrigkeit und Trägheit sind die genannten Risiken.

Hilft Johanniskraut gegen ADHS oder Angst?

Für ADHS bei Kindern zeigte eine randomisierte Studie keinen Nutzen. Angst- und Zwangsstörungen haben keinen belastbaren Nachweis, Unruhe kann sogar zunehmen. NCCIH sieht außerhalb der Depression keine klare Empfehlung.

Fazit

Ein geprüfter Johanniskraut-Extrakt kann bei einer leichten bis mittelschweren Depression eine Option sein, wenn die Diagnose steht, keine problematischen Begleitmedikamente laufen und nach vier Wochen jemand den Verlauf prüft. NICE bleibt beim Nein zum Verordnen, CANMAT 2023 und die EMA-Monographie 2022 lassen die Option bei klar umrissenen Extrakten zu. Schwere Depression, bipolare Störung, Schwangerschaft, Stillzeit und das Alter unter 18 Jahren gehören nicht in diese Schublade.

Vor dem ersten Blister zählt die Medikamentenliste mehr als die Hoffnung auf ein „pflanzliches“ Profil. Pille, Warfarin, Transplantationsmittel, HIV- und Krebstherapien, Anfallsmedikamente und jedes serotonerge Mittel sind rote Linien, keine Fußnoten. Photosensibilität und ein möglicher manischer Umschlag bleiben Alltagsrisiken, kein Kleingedrucktes.

Wer sich unsicher fühlt, kauft nichts und vereinbart einen Termin. Wer bereits schluckt, sagt es jeder behandelnden Person, auch vor Operationen und neuen Rezepten. Die bessere Entscheidung ist selten das lauteste Etikett, sondern die, die Diagnose, Dosis und Interaktionen in einem Satz zusammenbringt.

Quellen

  1. National Center for Complementary and Integrative Health: St. John’s Wort: Usefulness and Safety. National Center for Complementary and Integrative Health, Stand: Mai 2025.
  2. Mayo Clinic Staff: St. John’s wort. Mayo Clinic, 21. März 2025.
  3. Linde K, Berner MM, Kriston L: St. John’s wort for treating depression. Cochrane Database of Systematic Reviews, 8. Oktober 2008.
  4. Shane-McWhorter L: St. John’s Wort. Merck Manual Professional Edition, Stand: Juli 2025.
  5. Peterson B, Nguyen H: St. John’s Wort. StatPearls, 16. Mai 2023.
  6. National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
  7. Apaydin EA, Maher AR et al.: A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder. Systematic Reviews, 2. September 2016.
  8. Zhao X, Zhang H et al.: The efficacy and safety of St. John’s wort extract in depression therapy compared to SSRIs in adults: A meta-analysis of randomized clinical trials. Advances in Clinical and Experimental Medicine, Februar 2023.
  9. Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments: Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) 2023 Update on Clinical Guidelines for Management of Major Depressive Disorder in Adults. The Canadian Journal of Psychiatry, 2024.
  10. European Medicines Agency: European Union herbal monograph on Hypericum perforatum L., herba. European Medicines Agency, 23. November 2022.
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