Esketamin-Nasenspray bei Depression: Nutzen und Risiken

Esketamin-Nasenspray bei Depression: Nutzen und Risiken

Esketamin-Nasenspray kann bei manchen Erwachsenen mit therapieresistenter Depression die Stimmung innerhalb von Stunden spürbar heben. Es ersetzt weder eine Klinikeinweisung bei akuter Suizidalität noch die übliche psychiatrische Versorgung, und die US-Fachinformation schreibt klar, dass ein Schutz vor Suizid nicht belegt ist. 2018 lag dazu erst eine kleine Machbarkeitsstudie vor. Seither ist der Wirkstoff in den USA und in der EU zugelassen, bleibt aber an Klinik, Beobachtung und ein Sicherheitsprogramm gebunden.

Herkömmliche Tabletten greifen oft erst nach mehreren Wochen. Genau diese Lücke hat das Spray in die Debatte gebracht. Wer zwei ausreichend dosierte Antidepressiva in der laufenden Episode ohne ausreichendes Ansprechen hinter sich hat, kann mit der behandelnden Psychiaterin oder dem Psychiater prüfen, ob eine überwachte Nasenspray-Serie infrage kommt. Hausgebrauch, Online-Shops und selbst gemischte Ketamin-Sprays gehören nicht dazu.

Wie schnell wirkt Esketamin-Nasenspray bei Depression?

Erste Stimmungsveränderungen können schon nach wenigen Stunden auftreten, nicht erst nach Wochen. In der Zulassungsstudie zur therapieresistenten Depression lag der größte Abstand zum Placebo-Nasenspray bereits nach etwa 24 Stunden, danach besserten sich beide Gruppen weiter, ohne dass der Vorsprung klar wuchs. Das steht so in der aktuellen US-Fachinformation. Ein orales Antidepressivum braucht dagegen oft vier bis sechs Wochen, bis sich ein belastbares Bild zeigt.

Der Wirkstoff blockiert NMDA-Rezeptoren und greift damit ins Glutamatsystem ein, nicht ins Serotonin. Die Europäische Arzneimittel-Agentur beschreibt, dass dieser Angriff die Signalweitergabe in stimmungsrelevanten Hirnarealen verändern kann. Wie genau daraus die antidepressive Wirkung entsteht, bleibt unbekannt. Cleveland Clinic spricht von neuen Verbindungen zwischen Nervenzellen, der Synaptogenese. Das ist ein Modell, kein Beweis für Heilung.

Schnell heißt nicht dauerhaft. Viele spüren nach einer einzelnen Sitzung eine Aufhellung, die nach Tagen wieder abflaut. Deshalb folgt ein Takt aus mehreren Terminen, nicht eine einmalige Rettungsdosis. Wer nach der ersten Anwendung nichts merkt, hat damit noch kein endgültiges Urteil. Die Fachinformation verlangt nach vier Wochen Induktion eine Nutzenprüfung, bevor die Serie weiterläuft.

Placebo und Kliniksetting erklären einen Teil des frühen Effekts. In den Studien zur akuten Suizidalität bekamen alle Teilnehmenden stationäre Aufnahme und ein neu gestartetes oder angepasstes orales Antidepressivum. Trotzdem blieb ein zusätzlicher MADRS-Abstand von knapp vier Punkten nach 24 Stunden messbar. Vier Punkte auf einer Skala von 0 bis 60 sind spürbar, aber keine Umkehr des gesamten Krankheitsbildes.

deprimierte Person

Ketamin oder Esketamin: wo liegt der Unterschied?

Esketamin ist das S-Enantiomer von Ketamin, also eine der beiden spiegelbildlichen Hälften des älteren Narkosemittels. Racemisches Ketamin enthält beide Hälften und ist als Infusion seit Jahrzehnten zur Narkose zugelassen. Für Depression nutzen Kliniken diese Infusion oft außerhalb der Zulassung. Das Nasenspray mit dem Handelsnamen Spravato enthält nur Esketamin und hat eigene Indikationen.

Mayo Clinic erklärt den Unterschied so: Ketamin besteht aus zwei Molekülen, Esketamin aus einem davon. Die Hoffnung der Entwickler war, mit der potenteren Hälfte geringere Mengen und weniger Dissoziation zu brauchen. In der Praxis bleiben Sedierung, Fremdheitsgefühl und Blutdruckanstieg häufig. Cleveland Clinic nennt beide Wege, Infusion und Spray, als Optionen unter Aufsicht, wenn andere Mittel nicht gereicht haben.

Rechtlich zählen beide Stoffe in den USA zu den kontrollierten Substanzen der Klasse III. Missbrauch und Abhängigkeit sind möglich, besonders bei früherer Suchtgeschichte. Genau deshalb darf das zugelassene Spray nicht mit nach Hause. Mischungen aus Apotheken, die Ketamin als Nasenspray anbieten, sind ein anderes Produkt. Die US-Behörde hat vor solchen Zubereitungen gewarnt, weil Dosis, Reinheit und Überwachung dort oft fehlen.

Wer „Ketamin gegen Depression“ sucht, findet also zwei Welten. Die eine ist ein zugelassenes, teures, streng überwachtes Esketamin-Spray. Die andere sind Off-Label-Infusionen, deren Schemata von Klinik zu Klinik schwanken. Beide können rasch wirken. Keine der beiden Varianten ist ein Alltagsmedikament für die Hausapotheke.

Für wen ist Esketamin-Nasenspray zugelassen?

Zugelassen ist das Spray für Erwachsene, nicht für Kinder. In den USA gilt therapieresistente Depression, definiert als unzureichendes Ansprechen auf mindestens zwei orale Antidepressiva, seit Januar 2025 auch als Monotherapie oder weiter zusammen mit einer Tablette. Zusätzlich dürfen Erwachsene mit schwerer Depression und akuten Suizidgedanken oder suizidalem Verhalten das Spray nur zusammen mit einem oralen Antidepressivum bekommen. MedlinePlus fasst denselben Rahmen.

In der Europäischen Union hat die EMA das Mittel am 18. Dezember 2019 zugelassen, und zwar als Zusatz zu einem SSRI oder SNRI, wenn in der laufenden mittelschweren bis schweren Episode mindestens zwei Antidepressiva versagt haben. Die Entscheidung zur Verordnung soll eine Fachärztin oder ein Facharzt für Psychiatrie treffen. Das Spray wird in Praxis oder Klinik unter direkter Aufsicht angewendet, nicht in der Wohnung.

Nicht jede schwere Traurigkeit erfüllt diese Kriterien. Eine einzelne erfolglose Tablette reicht nicht. Psychose in der Vorgeschichte, unbehandelter Bluthochdruck, frischer Herzinfarkt, erhöhtet Hirndruck und schwere Leberkrankheit sind Gründe, warum Cleveland Clinic und Mayo Clinic andere Wege vorschlagen. Aneurysmen, arteriovenöse Fehlbildungen und frühere Hirnblutung sind harte Gegenanzeigen der Fachinformation.

Schwangerschaft und Stillzeit gehören ebenfalls nicht in den Routineeinsatz. Esketamin kann dem Ungeborenen schaden, so Mayo Clinic und die US-Fachinformation. Stillen wird nicht empfohlen, weil der Stoff in die Milch übergeht. Wer schwanger werden kann, braucht vor dem Start ein Verhütungsgespräch.

Was zeigen die Studien zum Nutzen wirklich?

Die Phase-II-Arbeit von Canuso und Kollegen 2018 prüfte 68 Menschen mit schwerer Depression und hohem Suizidrisiko. Esketamin 84 mg oder Placebo kamen zweimal wöchentlich über vier Wochen dazu, alle behielten die übliche Behandlung. Der MADRS-Wert fiel in der Wirkstoffgruppe nach vier und nach 24 Stunden stärker als unter Placebo. Am Tag 25 war der Abstand nicht mehr signifikant. Genau diese frühe, dann verblassende Kurve war 2018 die große Meldung.

Die späteren Phase-3-Studien ASPIRE I und II, im FDA-Label als Studie 4 und 5 geführt, waren größer und härter. Erwachsene mit MADRS über 28 und aktiver Suizidabsicht bekamen 84 mg oder Placebo, jeweils plus Krankenhaus und neues oder angepasstes orales Antidepressivum. Nach 24 Stunden lag der Vorteil bei minus 3,8 und minus 3,9 MADRS-Punkten. Das ist statistisch belegt und klinisch eher mäßig.

Zur therapieresistenten Depression nennt das Label eine flexible 56- oder 84-mg-Studie plus neu gestartete Tablette. Nach vier Wochen betrug der Abstand minus 4,0 Punkte. In der Erhaltungsstudie hielten Menschen, die bereits remittiert waren, unter weiterem Spray länger durch als nach Umstellung auf Placebo-Spray. Das Hazardverhältnis für einen Rückfall lag bei 0,49. Das spricht für eine Erhaltung bei denen, die schon angesprochen haben, nicht für einen Start bei jedem schweren Tief.

Seit 2025 steht im Label auch eine Monotherapie-Studie. Ohne begleitende Tablette senkten 56 mg den MADRS nach 28 Tagen um 5,1 Punkte mehr als Placebo, 84 mg um 6,8 Punkte. Der Effekt war schon am zweiten Tag sichtbar. Die EMA-Übersicht zu den älteren Kombinationsstudien nannte in einer vierwöchigen Arbeit 3,5 Punkte Vorsprung und in der Langzeitstudie Rückfälle bei 27 Prozent unter Wirkstoff gegen 45 Prozent unter Placebo.

Floriano, Silvinato und Bernardo bündelten 2023 drei Studien mit 522 Menschen mit schwerer Depression und Suizidgedanken. Nach 24 Stunden lag die mittlere MADRS-Senkung um 3,18 Punkte tiefer als unter Placebo, die Ansprechrate stieg um 18 Prozent, eine Person von sechs profitierte zusätzlich. Nach 25 Tagen blieb ein Abstand von 2,94 Punkten, das Ansprechen unterschied sich dann nicht mehr klar. Die Autoren stuften das Verzerrungsrisiko als mäßig bis hoch ein, unter anderem wegen Abbrecherquoten.

Hilft das Spray gegen Suizidgedanken?

Es kann depressive Symptome rasch senken, auch bei Menschen mit akuter Suizidalität. Einen eigenen, belastbaren Schutz vor Suizid oder vor anhaltend weniger Suizidgedanken hat es in den großen Studien nicht gezeigt. Die US-Fachinformation begrenzt die Indikation ausdrücklich: Wirksamkeit zur Verhinderung von Suizid oder zur Reduktion suizidaler Gedanken und Handlungen ist nicht nachgewiesen. Eine Besserung nach der ersten Dosis macht eine nötige stationäre Aufnahme nicht überflüssig.

Schon Canuso 2018 fand den Vorteil beim MADRS-Item „Suizidgedanken“ nach vier Stunden, nicht nach 24 Stunden und nicht am Tag 25. Das globale klinische Urteil zum Suizidrisiko unterschied sich zu keinem Zeitpunkt. In ASPIRE I und II fiel die Schwere der Suizidalität in beiden Armen rasch, der Abstand zwischen Esketamin und Placebo war nicht signifikant. Krankenhaus, Zuwendung und neue Tablette wirken hier offenbar stark mit.

Floriano und Kollegen sahen nach 24 Stunden mehr Ansprechen und nach 25 Tagen mehr Remission auf der MADRS, nicht aber einen eigenen, harten Suizidendpunkt mit Todesfällen oder Versuchen als Hauptziel. In beiden Armen der ausgewerteten Studien gab es im Beobachtungsfenster keinen Suizid. Daraus folgt keine Sicherheit für den Alltag. Seltene Ereignisse braucht man Tausende von Beobachtungen.

Praktisch heißt das. Wer suizidale Gedanken hat, braucht sofort einen Notfallplan, nicht einen Termin in zwei Wochen „zum Spray“. Das Mittel kann eine Brücke sein, während Klinik, Gesprächsangebot und eine Tablette greifen. Es ist kein Ersatz für 112, die Notaufnahme oder eine Schutzvereinbarung mit Angehörigen.

Wie läuft eine Behandlungssitzung ab?

Die Anwendung findet in einer zertifizierten Praxis oder Klinik statt. Patientinnen und Patienten sprühen selbst, eine Fachkraft bleibt dabei. Jedes Gerät gibt zwei Sprühstöße und 28 mg ab. Für 56 mg braucht man zwei Geräte, für 84 mg drei, mit fünf Minuten Pause dazwischen. Vor dem ersten Gerät wird die Nase geputzt, der Kopf leicht zurückgelegt, ein Nasenloch verschlossen.

Zwei Stunden vor der Sitzung soll niemand essen, 30 Minuten vorher niemand trinken, so Mayo Clinic. Das senkt die Chance auf Übelkeit. Ein nasales Kortison oder ein Abschwellmittel kommt mindestens eine Stunde früher, sonst stört es die Aufnahme. Nach dem Sprühen bleibt man mindestens zwei Stunden im Raum. Blutdruck wird vorher, ungefähr nach 40 Minuten und bei Bedarf erneut gemessen. In den USA verlangt das REMS-Programm diese Überwachung, in der EU gilt dasselbe Prinzip der Aufsicht.

Viele beschreiben ein zeitweiliges Fremdheitsgefühl, als säßen sie neben sich. Farben und Geräusche können lauter wirken, die Zeit dehnt sich. Cleveland Clinic nennt das erwartbar und vorübergehend. Wer Angst bekommt, sagt Bescheid. Das Team bleibt im Raum. Nach der Sitzung holt eine Begleitperson ab. Autofahren, Maschinen und wichtige Entscheidungen warten bis zum nächsten Tag nach einem erholsamen Schlaf.

Ein Termin dauert oft zwei bis drei Stunden, Anfahrt und Beobachtung eingerechnet. Wer die Serie abbricht, weil der Kalender nicht passt, verliert leicht den Takt, der den frühen Effekt halten soll. Verpasste Termine soll man nicht selbst „nachholen“, sondern mit der Praxis neu legen. Bei verschlechterter Stimmung in der Erhaltung kann der Takt wieder dichter werden.

Welche Dosis nennt die Fachinformation?

Für therapieresistente Depression nennt Mayo Clinic 56 oder 84 mg zweimal wöchentlich in den Wochen 1 bis 4, danach einmal wöchentlich in den Wochen 5 bis 8, anschließend wöchentlich oder alle zwei Wochen. Die Dosis richtet sich nach Nutzen und Verträglichkeit. Nach der Induktion muss jemand prüfen, ob die Serie weiter Sinn hat. Eine Dauer ohne Nutzenprüfung ist nicht vorgesehen.

Bei Depression mit akuten Suizidgedanken oder suizidalem Verhalten steht 84 mg zweimal wöchentlich über vier Wochen. Bei Unverträglichkeit darf auf 56 mg gesenkt werden. Eine Anwendung über diese vier Wochen hinaus ist für diese Indikation nicht systematisch geprüft. Das Spray kommt hier immer zusammen mit einem oralen Antidepressivum.

Jedes Gerät liefert 28 mg in zwei Stößen. Unbedingt nicht vorbereiten oder leer sprühen, sonst geht Wirkstoff verloren. Kinderdosen gibt es nicht, weil Sicherheit und Nutzen unter 18 Jahren fehlen. Bei älteren Erwachsenen hat Mayo Clinic keine altersspezifische Sperre gefunden, die das Mittel grundsätzlich ausschließt. Schwere Leberkrankheit gilt als Argument gegen den Einsatz, mittelschwere Leberkrankheit als Grund für besondere Vorsicht.

Indikation Dosis bei Erwachsenen Takt Begleittherapie
Therapieresistente Depression 56 mg oder 84 mg Woche 1–4 zweimal wöchentlich, danach seltener allein oder plus Tablette, laut FDA-Label
Depression mit akuter Suizidalität 84 mg, bei Bedarf 56 mg zweimal wöchentlich über vier Wochen immer plus orales Antidepressivum
Unter 18 Jahren nicht zugelassen entfällt andere kinder- und jugendpsychiatrische Wege
Nach jeder Sitzung keine Extra-Dosis zu Hause Beobachtung mindestens zwei Stunden Abholung, kein Fahren bis zum Folgetag

Diese Zahlen stammen aus Fachinformation und Mayo-Dosisabschnitt, nicht aus Foren. Wer woanders „eine Sprühstoßreihe für zu Hause“ liest, liest nicht das zugelassene Schema.

Welche Nebenwirkungen und Gegenanzeigen zählen?

Häufig sind Dissoziation, Schwindel, Übelkeit, Sedierung, Drehschwindel, Taubheitsgefühl, Angst, Mattigkeit, Blutdruckanstieg, Erbrechen, ein Gefühl wie nach Alkohol und Kopfschmerz. So listet das Label die Reaktionen, die bei therapieresistenter Depression mindestens fünf Prozent und mindestens doppelt so oft wie Placebo auftraten. Bei der Suizid-Indikation kamen gehobene Stimmung und Schwindel hinzu. Die EMA nennt Schwindel, Übelkeit und Dissoziation bei bis zu drei von zehn Behandelten.

Sedierung trat in den Studien bei 48 bis 61 Prozent auf, gemessen an einer Wachheitsskala. Bewusstlosigkeit war selten, 0,3 bis 0,4 Prozent. Dissoziative Veränderungen betrafen 61 bis 84 Prozent. Nach der Zulassung sind Atemdepression und vereinzelt Atemstillstand gemeldet worden. Deshalb bleibt die Pulsoximetrie in den zwei Stunden Pflicht, nicht Höflichkeit.

Der Blutdruck steigt typischerweise, Gipfel nach etwa 40 Minuten, Dauer rund vier Stunden. Zwischen 3 und 19 Prozent der Behandelten hatten mindestens einmal in den ersten vier Wochen einen Sprung von 40 mmHg systolisch oder 25 mmHg diastolisch. Brustschmerz, Luftnot, plötzlich heftigster Kopfschmerz, Sehstörung oder Krampfanfall sind Alarmsignale einer hypertensiven Krise. Dann zählt die Notaufnahme, nicht das Abwarten im Wartezimmer.

Harte Gegenanzeigen sind aneurysmatische Gefäßerkrankung, arteriovenöse Malformation, frühere Hirnblutung und Überempfindlichkeit gegen Esketamin, Ketamin oder Hilfsstoffe. Vorsicht gilt bei Herzschwäche, Schlaganfallvorgeschichte, Psychose, unbehandeltem Bluthochdruck und mittelschwerer Leberkrankheit. Zentral dämpfende Mittel, Stimulanzien und MAO-Hemmer können die Risiken verstärken. Alkohol in zeitlicher Nähe zur Sitzung ist ungünstig.

Blasenbeschwerden bis hin zu einer interstitiellen Zystitis stehen in der Warnliste. Blutiger Urin, Brennen oder häufiger Harndrang gehören zum Arztgespräch, nicht zum Abwarten. Kognitive Trübung und langsamere Reaktion sind erwartet. Junge Erwachsene bis 24 Jahre haben unter Antidepressiva generell ein etwas höheres Risiko neu auftretender Suizidgedanken. Das gilt als Klassenwarnung, nicht als spezifischer Beweis gegen Esketamin, und ändert nichts daran, dass das Spray für Kinder nicht zugelassen ist.

Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?

Neue oder stärkere Suizidgedanken, ein Plan oder eine Handlung sind ein Notfall. Notruf 112 oder die psychiatrische Notaufnahme kommen vor jedem nächsten Spray-Termin. Das Label sagt ausdrücklich, dass eine Besserung nach der ersten Dosis eine klinisch nötige Aufnahme nicht ersetzt. Angehörige sollen Stimmungsbrüche, Aggressivität, Panik und Schlaflosigkeit in den ersten Wochen und nach Dosiswechseln ernst nehmen.

Brustschmerz, Luftnot, plötzlicher sehr starker Kopfschmerz, Sehstörung, Krampfanfall, blaue Lippen oder flache Atmung gehören ebenfalls in die Notaufnahme. Das sind die Schwellen, die MedlinePlus und die Fachinformation für Blutdruckkrise und Atemdepression nennen. Wer nach der Sitzung nicht wach bleibt oder das Gefühl hat, wegzusacken, muss das Team sofort rufen, nicht nach Hause wollen.

Ein geplanter Termin beim Psychiater reicht, wenn die Stimmung trotz Serie nach vier Wochen kaum nachgibt, Nebenwirkungen den Alltag blockieren oder jemand schwanger geworden ist. Auch neu aufgetretene Blasenbeschwerden, anhaltende Verwirrtheit oder der Wunsch, die Dosis selbst zu steigern, gehören in die Sprechstunde. Wer eine Suchtvorgeschichte hat, braucht vor dem Start ein offenes Gespräch über Missbrauchsrisiko, nicht ein Verschweigen aus Scham.

Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 ist rund um die Uhr erreichbar, der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Das ersetzt keine Einweisung, füllt aber die Stunde, in der niemand neben einem sitzt. Ein schriftlicher Krisenplan mit Nummern, einer Nachtklinik und einer Vertrauensperson sollte vor der ersten Sitzung liegen, nicht erst danach.

Was sagen Zulassungsbehörden und Leitlinien heute?

2018 stand die Frage im Raum, ob ein Nasenspray die Wartezeit oraler Mittel überbrücken kann, bevor überhaupt eine Zulassung existiert. Die Antwort der Behörden kam 2019. Die FDA ließ Esketamin im März 2019 für therapieresistente Depression zu, 2020 für depressive Symptome bei akuter Suizidalität plus Tablette, im Januar 2025 auch als Monotherapie bei therapieresistenter Depression. Die EMA folgte am 18. Dezember 2019 für die Zusatztherapie bei TRD und bindet das Mittel an besondere Verschreibung und Aufsicht.

NICE hat im Dezember 2022 entschieden, das Spray innerhalb der Zulassung für therapieresistente Depression im englischen NHS nicht zu empfehlen. Der Ausschuss sah unsichere langfristige Vorteile, eine schmale Evidenz genau für die Gruppe mit drei oder mehr Vorbehandlungen und Kosten, die sich nicht zuverlässig rechnen ließen. Im Juni 2024 prüfte NICE neue Daten, darunter ESCAPE-TRD gegen Quetiapin, und ließ die Empfehlung unverändert. Für Leserinnen und Leser in Deutschland ist das kein Verbot, aber ein klares Signal, dass der Zusatznutzen umstritten bleibt.

Die EMA fand den Nutzen größer als das Risiko, sofern Missbrauch durch Aufsicht begrenzt wird. Sie nennt Schwindel, Übelkeit, Dissoziation, Kopfschmerz, Schläfrigkeit und Drehschwindel als häufig. Menschen mit brüchigen Gefäßen, früherer Hirnblutung oder frischem Herzinfarkt sollen das Mittel nicht bekommen. Reanimationsbereitschaft gilt bei schweren Herz- oder Atemproblemen.

Zwischen Hoffnung von 2018 und Alltag von 2026 liegt also keine Wunderwaffe, sondern ein zugelassenes, eng geführtes Reserveinstrument. In manchen Ländern zahlen Kassen, in anderen nicht. Die medizinische Frage bleibt dieselbe. Hilft es dieser einen Person rasch genug, um die Lücke zu überbrücken, und ist das Risiko in einem Raum mit Blutdruckmanschette tragbar?

Häufige Fragen

Kann ich Esketamin-Nasenspray zu Hause anwenden?

Nein. Zugelassenes Esketamin wird in einer zertifizierten Einrichtung unter Aufsicht gesprüht und mindestens zwei Stunden überwacht. Mitnahme nach Hause ist nicht vorgesehen, weil Sedierung, Dissoziation, Atemdepression und Missbrauch möglich sind. Selbst gemischte Ketamin-Sprays aus dem Internet sind ein anderes, unkontrolliertes Produkt.

Wie schnell merkt man eine Wirkung?

Manche spüren eine Aufhellung innerhalb von Stunden, messbar oft schon nach etwa 24 Stunden. Das zeigen die Zulassungsstudien zur therapieresistenten Depression und zur akuten Suizidalität. Der Effekt einer einzelnen Sitzung kann nach Tagen nachlassen. Ob die Serie trägt, prüft das Team nach etwa vier Wochen.

Hilft das Spray, einen Suizid zu verhindern?

Nein, das ist nicht belegt. Die US-Fachinformation sagt ausdrücklich, dass weder Suizidprävention noch eine gesicherte Senkung suizidaler Gedanken und Handlungen nachgewiesen sind. Bei akuter Gefahr zählen Notaufnahme, Schutz und ein Plan, nicht die Hoffnung auf die nächste Sitzung.

Was ist der Unterschied zwischen Ketamin und Esketamin?

Esketamin ist eine der beiden Hälften des Ketamin-Moleküls und als Nasenspray für bestimmte Depressionsformen zugelassen. Racemisches Ketamin wird als Infusion oft außerhalb der Zulassung genutzt. Beide greifen am NMDA-Rezeptor an und können rasch wirken, beide brauchen medizinische Aufsicht.

Darf ich nach der Sitzung Auto fahren?

Nein, nicht am Behandlungstag. Mayo Clinic und die Fachinformation verlangen, bis zum nächsten Tag nach einem erholsamen Schlaf weder zu fahren noch Maschinen zu bedienen. Eine Begleitperson holt ab. Wer allein mit dem Auto anreist, kann die Sitzung in der Regel nicht wahrnehmen.

Ist die Behandlung für Kinder zugelassen?

Nein. Sicherheit und Nutzen bei Minderjährigen sind nicht belegt, das Spray ist für Kinder nicht zugelassen. Unter 24 Jahren gilt zudem die allgemeine Warnung, dass Antidepressiva Suizidgedanken verstärken können. Jugendliche brauchen andere, altersgerechte Wege.

Was tun, wenn vor dem Termin Suizidgedanken stärker werden?

Sofort Hilfe holen, über 112, die Notaufnahme oder die Telefonseelsorge. Das Spray ersetzt keine Einweisung, auch wenn eine frühere Dosis geholfen hat. Dem behandelnden Team den Zustandswechsel noch am selben Tag mitteilen.

Fazit

Aus der kleinen Studie von 2018 ist ein zugelassenes Reserve-Antidepressivum geworden, das bei einem Teil der Erwachsenen mit therapieresistenter Depression Stunden statt Wochen braucht. Der Preis ist hoch und sitzt nicht nur im Listenpreis. Jede Sitzung bindet Raum, Personal, Blutdruckkontrolle und eine Abholung. Wer zwei erfolglose, ausreichend lange Tablettenversuche hinter sich hat, kann das Mittel mit einer Fachärztin oder einem Facharzt als Option prüfen, nicht als Selbstversuch.

Bei akuter Suizidalität bleibt das Spray höchstens eine Brücke neben Klinik und Tablette. Es hat in den großen Studien die Schwere der Suizidalität nicht klar stärker gesenkt als Placebo plus Standardversorgung. NICE hält den Zusatznutzen für das englische System für nicht belegt genug. Das ist die nüchterne Lage, nicht die Schlagzeile von 2018.

Morgen zählt der konkrete nächste Schritt. Bei akuter Gefahr 112 oder die Notaufnahme. Sonst einen psychiatrischen Termin, an dem Vorbehandlungen, Herz- und Blutdruckgeschichte, Schwangerschaftswunsch und Suchtvorgeschichte offen liegen. Erst danach lohnt die Frage, ob eine überwachte Esketamin-Serie in einer zertifizierten Einrichtung sinnvoller ist als ein Wechsel der Tablette, eine Stimulation oder eine stationäre Krise.

Quellen

  1. FDA / DailyMed: SPRAVATO (esketamine) nasal spray, CIII. DailyMed, U.S. National Library of Medicine, Stand: März 2026.
  2. Mayo Clinic: Esketamine (nasal route) – Side effects & dosage. Mayo Clinic, 1. August 2026.
  3. Cleveland Clinic: Ketamine Therapy: What It Is, How It Works & Side Effects. Cleveland Clinic, 16. Januar 2026.
  4. NICE: Esketamine nasal spray for treatment-resistant depression. National Institute for Health and Care Excellence, 14. Dezember 2022.
  5. European Medicines Agency: Spravato | European Medicines Agency (EMA). European Medicines Agency, Stand: 10. September 2025.
  6. MedlinePlus: Esketamine Nasal Spray. MedlinePlus, U.S. National Library of Medicine, 15. Februar 2025.
  7. Floriano I, Silvinato A, Bernardo WM: The use of esketamine in the treatment of patients with severe depression and suicidal ideation: systematic review and meta-analysis. Revista da Associação Médica Brasileira, 15. Mai 2023.
  8. Canuso CM, Singh JB et al.: Efficacy and Safety of Intranasal Esketamine for the Rapid Reduction of Symptoms of Depression and Suicidality in Patients at Imminent Risk for Suicide: Results of a Double-Blind, Randomized, Placebo-Controlled Study. American Journal of Psychiatry, Juli 2018.
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