
Eine Infektion am künstlichen Knie sitzt in der Operationswunde oder tief um Metall und Kunststoff der Endoprothese. Sie kann noch während des Klinikaufenthalts beginnen, nach der Entlassung auftreten oder erst Monate und Jahre später, wenn Keime über die Blutbahn das Implantat erreichen.
Die Mayo Clinic beschreibt die periprothetische Gelenkinfektion als behandelbar, aber in der Regel nur mit Antibiotika plus Operation. StatPearls (Stand Oktober 2023) schätzt die Häufigkeit nach Hüft- und Knieersatz auf etwa 1 bis 2 Prozent. Eine Metaanalyse von 2024 mit mehr als 3,6 Millionen Erst-Knie-TEP kam auf rund 0,83 Prozent, bei sehr großer Streuung zwischen Kliniken und Registern. Das Risiko erlischt nicht nach der Wundheilung. Bevölkerungsstudien am Knie nannten etwa 0,8 Prozent nach einem Jahr und rund 2 Prozent nach 15 Jahren. Tabletten allein reichen bei einem tiefen Infekt fast nie.
Was ist eine Infektion am künstlichen Knie?
Eine Knieersatz-Infektion ist eine Infektion im Gewebe um die Endoprothese oder direkt auf deren Oberfläche. Ärzte sprechen von periprothetischer Gelenkinfektion. Schon wenige Keime können ausreichen, weil Metall und Kunststoff keinen eigenen Blutfluss haben und das Immunsystem dort schlechter angreift.
Biofilm macht den Unterschied zur Gelenkentzündung ohne Implantat. Viele Staphylokokken heften sich an die Prothese und bilden eine Schleimschicht, die Antibiotika und Abwehrzellen ausbremst. Laut StatPearls reift dieser Film oft über etwa vier Wochen. Deshalb hängt die Wahl zwischen Implantaterhalt und Prothesenentfernung stark vom Zeitpunkt ab.
Keime stammen meist von der eigenen Haut oder gelangen später über das Blut. Die American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS) betont in ihrer Patienteninformation, dass nach moderner Sterilisation und perioperativer Antibiotikagabe die körpereigene Hautflora der häufigste Ausgangspunkt ist, nicht der Operationssaal. Eine große Vergleichsstudie fand bei fast 90 Prozent der späteren Infekte denselben Keim, der schon vor der Operation auf der Haut lebte. Hämatogene Streuung kommt von Hautwunden, Harnwegsinfekten, Lungenentzündungen oder infizierten Gefäßzugängen.
Zeitliche Einteilungen unterscheiden sich leicht. Das Merck Manual (Aktualisierung Dezember 2024) nennt früh innerhalb von drei Monaten, verzögert zwischen drei und zwölf Monaten und spät danach. StatPearls setzt „früh“ enger auf die ersten vier Wochen und beschreibt späte Fälle oft als Blutweg-Infekte. Zwei Drittel aller Protheseninfekte treten laut Merck im ersten Jahr auf. Das ändert nichts daran, dass ein plötzlich schmerzendes, zuvor gutes Knie auch nach einem Jahrzehnt abgeklärt gehört.

Welche Beschwerden nach der Operation sind normal?
Leichte Schwellung, Wärme und eine rötliche Naht sind in den ersten Wochen häufig Heilungszeichen, kein Beweis für einen Infekt. Die AAOS nennt gelegentliche Rötung oder Wärme um das Knie sogar bis zu einem Jahr nach dem Eingriff als möglich, solange die Richtung klar besser wird.
Alarmierend wird das Bild, wenn Schmerz, Schwellung oder Sekret zunehmen statt nachzulassen. Die Mayo Clinic listet als typische Hinweise Sekret aus der Wunde, steigenden Schmerz, wachsende Schwellung, Farbwechsel oder Wärme der Haut sowie Fieber und Schüttelfrost. OrthoInfo der AAOS ergänzt Schmerz, der sich durch Belastung nicht erklärt, anhaltende Müdigkeit, Rötung an der Naht und Wundsekret, das länger als etwa zehn Tage nach der Operation anhält.
Fieber ist kein Pflichtzeichen. StatPearls schreibt, dass klassische Entzündungszeichen und Fieber oft fehlen, besonders bei schleichenden Verläufen. OrthoInfo geht 2024/2026 noch weiter und stuft Fieber nicht mehr als zuverlässiges Zeichen einer Protheseninfektion ein. Ein fieberfreies, aber zunehmend steifes oder dumpf schmerzendes Knie kann also trotzdem infiziert sein. Umgekehrt begründet Fieber plus Gelenkbeschwerden immer denselben Tag eine ärztliche Bewertung.
Frühinfekte wirken oft laut. Rötung, pralle Schwellung, Wunddehiszenz und eitriges oder übel riechendes Sekret passen zu virulenten Keimen wie Staphylococcus aureus. Verzögerte und späte Infekte können sich auf persistierenden Schmerz, Steifheit oder eine Fistel beschränken. Eine Fistel, die mit dem Gelenk kommuniziert, gilt in den Kriterien von 2018 als sicherer Nachweis.
Wann sollte ich die Klinik aufsuchen?
Rufen Sie Operateurin oder Operateur noch am selben Tag an, wenn Sekret aus der Naht kommt, der Schmerz trotz Schonung steigt oder sich Rötung ausbreitet. Die Mayo Clinic nennt als Gründe für sofortige Hilfe die Kombination aus Fieber und schmerzhaft-warmem Gelenk, plötzliche Verwirrtheit, plötzliche Unfähigkeit zu belasten sowie eine Hautverfärbung, die sich ausdehnt.
Nicht warten, bis „es sich morgen zeigt“, gilt bei diesen Mustern.
- Aus der Narbe tritt trübes, blutiges oder übel riechendes Sekret aus, oder die Wunde klafft wieder auf.
- Das Knie wird binnen Stunden deutlich heißer, dicker und schmerzhafter, obwohl die Belastung nicht zugenommen hat.
- Sie können das Bein plötzlich nicht mehr belasten, obwohl das Gehen zuvor schon besser geworden war.
- Fieber, Schüttelfrost oder Nachtschweiß treten zusammen mit Gelenkbeschwerden auf, auch ohne eitrige Wunde.
- Eine neue Hautöffnung in der Nähe der Narbe sondert Flüssigkeit ab. Das kann eine Fistel zur Prothese sein.
Antibiotika auf eigene Faust vor der Abklärung erschweren die Diagnose. Die IDSA-Leitlinie von 2013 empfiehlt bei medizinisch stabilen Patienten, Antibiotika mindestens zwei Wochen vor einer geplanten Punktion zu pausieren, sofern kein Sepsisbild vorliegt. OrthoInfo formuliert dieselbe Logik für Patientinnen und Patienten. Blutwerte und Synovialflüssigkeit bleiben sonst oft stumm, obwohl Keime vorhanden sind. Bei Kreislaufinstabilität, Bewusstseinstrübung oder rasch fortschreitender Rötung zählt dagegen jede Stunde. Dann gehören Blutkulturen und eine notfallmäßige Versorgung vor die geplante Diagnostikpause.
Wer trägt ein höheres Infektionsrisiko?
Jede Person mit Knie-TEP kann einen Infekt entwickeln, manche Konstellationen häufen ihn jedoch. StatPearls und das Merck Manual nennen Diabetes mit schlechter Stoffwechsellage, Adipositas, Rauchen, durchblutungsgestörte Extremitäten, Krebs oder Chemotherapie, Kortison und andere Immunsuppressiva, rheumatoide Arthritis sowie vorausgegangene Eingriffe am selben Knie.
Der Body-Mass-Index verschiebt die Schwelle gegenüber älteren Patientenbroschüren. Dort tauchte oft ein Wert über 50 auf. Aktuelle Übersichten markieren bereits einen BMI über 40 als deutlich erhöhtes Risiko. Die American Association of Hip and Knee Surgeons erwägt bei Werten über 40, besonders kombiniert mit schlecht eingestelltem Diabetes oder Mangelernährung, den elektiven Ersatz zu verschieben. StatPearls nennt intraartikuläre Spritzen (Kortison, Hyaluron, Lokalanästhetikum) in den drei Monaten vor der TEP als zusätzlichen Faktor.
Operationsbezogen zählen lange Schnitt-Naht-Zeit über etwa 90 Minuten, Hämatom, Serom und Wunddehiszenz. Eine frühere Infektion an derselben oder einer anderen Prothese erhöht das Risiko eines weiteren Infekts; StatPearls spricht bei multiplen Endoprothesen und vorausgegangenem Infekt von bis zu etwa 20 Prozent für einen weiteren, zeitgleichen oder späteren Herd. Männliches Geschlecht lag in der Knie-Metaanalyse 2024 höher als weibliches (rund 1,3 gegenüber 0,7 Prozent), ohne dass daraus ein individuelles Schicksal folgt.
Nicht jeder Risikofaktor lässt sich streichen. HIV, schwere Nierenkrankheit oder notwendige Immunsuppressiva bleiben. Verschiebbar sind dagegen Nikotin, Blutzucker, offene Hautstellen am Operationsbein und unbehandelte Zahnherde. Genau diese Liste gehört in das Vorgespräch, nicht erst auf die Station.
Wie gelangen Bakterien an die Prothese?
Drei Wege erklären fast alle Fälle. Perioperativ gelangen Hautkeime in die offene Wunde. Nach der Heilung können benachbarte Weichteilinfekte oder eine Fistel direkt ins Gelenk vordringen. Über die Blutbahn siedeln Keime von einem entfernten Herd auf dem Implantat, oft Monate später in einem zuvor gut funktionierenden Knie.
Häufige Erreger unterscheiden sich nach Zeitpunkt. Früh dominieren Staphylococcus aureus, aerobe gramnegative Stäbchen, beta-hämolysierende Streptokokken und Enterokokken. Verzögerte Infekte tragen oft koagulasenegative Staphylokokken, Cutibacterium acnes oder Enterokokken. Späte hämatogene Fälle spiegeln den Primärherd. StatPearls nennt Haut (S. aureus), Atemwege (Streptococcus pneumoniae), Harnwege (Escherichia coli und andere Enterobacterales) und selten zahnärztliche Eingriffe (Viridansstreptokokken). Candida bleibt laut Merck selten, ändert aber die Therapie grundlegend.
Biofilm und „Persister“-Zellen erklären, warum reine Tabletten scheitern. Bakterien stellen den Stoffwechsel ruhig und überstehen Konzentrationen, die planktonische Keime töten würden. OrthoInfo schreibt klar, dass Antibiotika allein die Infektion unterdrücken können, sie nach dem Absetzen aber zurückkehrt. Deshalb steht bei einem tiefen Infekt immer auch eine Operation auf dem Plan, außer jemand ist für jeden Eingriff zu krank. Dann bleibt nur eine dauerhafte Hemmtherapie mit dem Ziel, Symptome zu dämpfen, nicht den Keim sicher zu tilgen.
Welche Untersuchungen sichern die Diagnose?
Blickdiagnose reicht nicht. Die IDSA verlangt bei Verdacht Blutsenkung oder C-reaktives Protein, ein Röntgenbild und in aller Regel eine Gelenkpunktion, sofern der Infekt nicht ohnehin offensichtlich ist und die Operation unmittelbar folgt. Routinemäßiges MRT, CT, Knochenszintigrafie oder PET rät die Leitlinie nicht an, weil sie Infekt und aseptische Lockerung oft nicht trennen.
Seit 2018 gilt ein validierter Punktescore, nicht mehr allein der klinische Eindruck. Parvizi und Kollegen werteten strenge Kohorten an drei Zentren aus. Zwei Kulturen desselben Erregers oder eine Fistel zur Prothese gelten als Major-Kriterien und beweisen den Infekt. Unter den Minor-Kriterien zählen unter anderem CRP über 1 mg/dl, D-Dimer über 860 ng/ml, Blutsenkung über 30 mm/h, Synovia-Leukozyten über 3000/µl, Alpha-Defensin, Leukozytenesterase ++, Neutrophilenanteil über 80 Prozent und synoviales CRP. Ab sechs Punkten gilt der Infekt als nachgewiesen, zwei bis fünf Punkte bleiben unklar und brauchen intraoperative Befunde. Die Sensitivität lag in der Validierung bei 97,7 Prozent, höher als ältere MSIS- und Konsensusdefinitionen.
Schwellen in der Synovia liegen weit unter denen einer nativen eitrigen Arthritis. Merck nennt bei frühen Infekten oft über 10 000 Leukozyten/µl, bei verzögerten und späten Verläufen typischerweise über 3000/µl, dazu Neutrophile über 90 Prozent (akut) bzw. über 80 Prozent (später). StatPearls zitiert für das Knie sogar Stützwerte ab etwa 1700/µl. Labore und Kliniken nutzen deshalb scores, nicht eine einzige Magiezahl.
Intraoperativ sollen laut IDSA mindestens drei, besser fünf bis sechs Gewebeproben oder die explantierte Prothese selbst in Kultur. Anaerobier brauchen bis zu 14 Tage. Sonikation der ausgebauten Teile kann Biofilm lösen. Blutkulturen werden positiv in etwa einem Viertel, vor allem bei Frühinfekten, und der Blutkeim muss nicht mit dem Gelenkkeim identisch sein. Kulturnegativität kommt vor, in manchen Serien bis in den zweistelligen Prozentbereich, besonders nach vorheriger Antibiotikagabe.

Wie wird eine tiefe Infektion behandelt?
Oberflächliche Infekte der Haut und des Unterhautgewebes, die das Implantat nicht erreicht haben, können früh mit oralen oder intravenösen Antibiotika ausheilen. Sobald der Infekt tief am Metall sitzt, plant das Team Operation plus gezielt lange antimikrobielle Therapie. OrthoInfo schreibt unmissverständlich, dass Antibiotika allein bei der tiefen Form nicht als Heilversuch gelten.
Die Wahl folgt Zeitpunkt, Sitzfestigkeit, Fistel, Keim und Belastbarkeit.
| Situation | Typische Operation | Antibiotika, grob nach Leitlinie |
|---|---|---|
| Nur Haut und Naht, Implantat frei | Wundpflege, selten lokale Revision | oral oder i.v., Dauer nach Klinikbefund |
| Akut, Prothese fest, Symptome wenige Tage bis unter 3 Wochen, keine Fistel | Spülung, Débridement, Wechsel der Gleitflächen, Implantaterhalt (DAIR) | IDSA nach Staphylokokken oft Wochen i.v. plus Rifampin, Knie gesamt bis 6 Monate |
| Chronisch oder gelockerte Prothese | Ausbau, Antibiotika-Spacer, später neue TEP | oft 2 bis 8 Wochen i.v. vor dem Wiedereinbau |
| Bekannter empfindlicher Keim, gutes Weichteil, belastbare Person | einzeitiger Komplettwechsel | verlängerte Therapie nach dem Eingriff |
| Keine weitere OP möglich oder mehrfach gescheitert | Resektion, selten Amputation, oder dauerhafte Hemmung | oft lebenslange orale Suppression |
DAIR kommt infrage, wenn die Prothese knöchern fest sitzt, keine Fistel besteht, die Symptome kurz sind und der Keim Biofilm-wirksame Mittel erlaubt. StatPearls nennt zusätzlich den akuten hämatogenen Infekt mit weniger als 72 Stunden Beschwerden. Der Preis ist ein höheres Rückfallrisiko als nach komplettem Ausbau. Viele brauchen danach lange oder dauerhafte Suppression.
Der zweizeitige Wechsel bleibt in den USA der Standard bei chronischen Fällen. Zuerst entfernt das Team Prothese und Zement, räumt infiziertes Gewebe aus und setzt einen antibiotikahaltigen Platzhalter. Nach klinischer Besserung, fallenden Entzündungswerten und oft negativen Kulturen folgt die neue TEP, häufig nach mindestens sechs Wochen. Einzeitiger Wechsel ist in Europa gebräuchlicher und gewinnt auch in US-Zentren an Raum, wenn der Keim vorher bekannt und empfindlich ist, die Weichteile tragfähig sind und keine schwere Immunschwäche besteht.
Dosierungen gehören in die Hand von Infektiologie und Orthopädie. Die IDSA nennt für Staphylokokken-Infekte Rifampin 300 bis 450 mg oral zweimal täglich zusätzlich zur keimspezifischen Therapie, nach der intravenösen Phase weiter oral, am Knie insgesamt sechs Monate, an der Hüfte drei. Merck beschreibt als empirische Startkombination bei unbekanntem Keim Vancomycin 1 g intravenös alle 12 Stunden plus Piperacillin/Tazobactam 3,375 g alle 6 Stunden oder Ceftazidim 2 g alle 8 Stunden, danach Anpassung an Resistenzlage. Das sind Fachangaben, keine Hausapothekenregel.
Was senkt das Risiko vor und nach der Operation?
Prävention wirkt stärker als jede Revision. Vor dem Termin lassen sich Blutzucker, Nikotin, Haut und Zähne in Ordnung bringen. Viele Zentren prüfen nasale Besiedlung mit Staphylococcus aureus und dekolonisieren Träger mit Mupirocin-Salbe. Chlorhexidin-Waschungen an den Tagen vor dem Schnitt senken die Keimlast auf der Haut. Offene Kratzer, Intertrigo oder Insektenstiche am Operationsbein verschieben den Termin, weil jede Hautlücke Eintrittspforte ist.
Im Saal zählen Zeitpunkt und Auswahl der Prophylaxe. Die AAOS und StatPearls nennen Cefazolin innerhalb einer Stunde vor dem Schnitt, nach Möglichkeit vor der Blutsperre, und eine Fortführung über höchstens 24 Stunden. Die meisten selbst berichteten Penicillinallergien erlauben trotzdem Cefazolin, außer nach Anaphylaxie oder Stevens-Johnson-Syndrom. Vancomycin plus Clindamycin als Ausweichschema war in Auswertungen mit mehr Infekten verknüpft als Cefazolin-haltige Pläne. Kurze Operationszeit, wenig Türverkehr, sterile Instrumente und verdünnte Povidon-Jod-Spülung gehören zu den Maßnahmen mit besserer Datenlage. Aggressive Vollantikoagulation zur Thromboseprophylaxe wird eher vermieden; viele Programme bevorzugen Acetylsalicylsäure, wenn das individuelle Risiko das zulässt.
Zu Hause gilt Wundruhe plus Aufmerksamkeit für andere Infekte. Die Mayo Clinic rät, Harnwegsinfekte, Zahnabszesse und Hautentzündungen rasch behandeln zu lassen, weil Bakteriämien das Implantat treffen können. Rasieren der Operationszone zu Hause entfällt. Wenn Haare stören, übernimmt das Klinikteam kurz vor dem Schnitt die Kürzung.
Brauche ich vor dem Zahnarzt Antibiotika?
Routine-Antibiotika vor einer Zahnbehandlung senken nach der AAOS-Aktualisierung vom Dezember 2024 bei den meisten Trägern einer Hüft- oder Knie-TEP das Risiko einer späteren periprothetischen Infektion nicht nachweisbar. Die neue Leitlinie ersetzt die Fassung von 2012 und bewertet die Datenlage als begrenzt, aber einheitlich in eine Richtung. Keine ausgewertete Studie zeigte, dass eine systemische Prophylaxe vor dem Zahnarzt die PJI-Rate verändert.
Das ist eine Abkehr von der langen Praxis, jedem Prothesenträger vor der Zahnreinigung Amoxicillin zu geben. Die Entscheidung soll individuell fallen, etwa bei schwerer Immunsuppression, Revisionsimplantaten oder sehr schlechten Weichteilen. Schäden der Gießkannenprophylaxe (Clostridioides-difficile-Kolitis, Resistenz) wiegen in der Nutzen-Schaden-Abwägung schwer. Mundhygiene selbst bleibt wichtig. Schlechte Zähne und unbehandelte Entzündungen können Bakteriämien auslösen, unabhängig von einer Tablette eine Stunde vorher.
Zur Taktung nennt die Arbeitsgruppe Orientierungswerte, keine starren Gesetze. Nichtinvasive Untersuchungen und Zahnreinigung können bis zum Vortag einer elektiven TEP stattfinden. Extraktionen und oralchirurgische Eingriffe sollen mindestens drei Wochen vor dem Gelenkersatz abgeschlossen und verheilt sein. Nach der TEP rät das Papier, die meisten zahnärztlichen Eingriffe je nach Art bis zu drei Monate zu verschieben. Das Gespräch führen Orthopädie und Zahnmedizin gemeinsam, nicht der Beipackzettel einer alten Patientenbroschüre.
Wie ist die Prognose nach einer Infektion?
Heilung ist möglich, Garantien gibt es nicht. Nach kombiniert chirurgisch-medikamentöser Therapie bleiben in längerfristigen Serien grob vier von fünf Menschen infektfrei, abhängig vom Verfahren und von der Auswahl der Operablen. StatPearls nennt für Knie-Wechsel Eradikationsraten um 87 Prozent (einzeitig) und 83 Prozent (zweizeitig), warnt aber vor Verzerrung. Viele erreichen die zweite Stufe nie. Nach Zeitpunkt lag der Erfolg in einer Übersicht bei etwa 74 Prozent (früh), 49 Prozent (verzögert) und 44 Prozent (chronisch).
Sterblichkeit und Funktion sind ernst. Ein Jahr nach Explantation einer infizierten Knieprothese starben in zitierten Serien etwa 9 Prozent der Betroffenen, nach Hüftexplantation etwa 13 Prozent. Fünf-Jahres-Sterblichkeit nach Hüft-PJI lag bei 21 Prozent, etwa vierfach über altersangepassten Raten. Klinikaufenthalte dauerten am Knie im Mittel 5,3 statt 3,0 Tage. Das sind Gruppenzahlen, kein individuelles Urteil, aber sie begründen, warum spezialisierte Zentren mit Orthopädie plus Infektiologie sinnvoll sind.
Rückfall bleibt häufiger als nach einer nie infizierten TEP. Manche entwickeln denselben Herd erneut, andere eine zweite Prothese an einem anderen Gelenk. OrthoInfo berichtet von Untersuchungen an vermeintlich „klaren“ Gelenken, deren Synovialproteinmuster noch einem infizierten Milieu ähnelte. Ein Teil der Keime kann ruhen und später wieder aktiv werden. Deshalb gehören Verlaufskontrollen, Hautpflege und die rasche Behandlung neuer Infektherde zum Alltag, auch wenn der Spacer schon gewechselt ist.
Häufige Fragen
Reichen Tabletten, um eine tiefe Knieersatz-Infektion zu heilen?
Meist nein. Antibiotika allein können Symptome dämpfen, der Biofilm auf Metall und Kunststoff überlebt aber. OrthoInfo und die IDSA sehen die Heilabsicht in der Kombination aus Operation und langer, keimgerechter Therapie. Reine Tabletten bleiben denen vorbehalten, die keinen Eingriff überstehen, und gelten dann als Hemmung, nicht als Tilgung.
Muss Fieber da sein, bevor ich an einen Infekt denke?
Nein. StatPearls und OrthoInfo beschreiben Fieber als häufig fehlend oder unzuverlässig. Führend sind zunehmender Schmerz, Steifheit, Sekret und eine Fistel. Fieber plus warmes Gelenk ist trotzdem ein Alarmzeichen der Mayo Clinic und gehört noch am selben Tag abgeklärt.
Kann die Infektion Jahre nach der Operation kommen?
Ja. Hämatogene Infekte treten oft später als zwölf Monate auf, in einem Knie, das lange gut funktioniert hat. StatPearls zitiert Anstiege der Knie-PJI von etwa 0,8 Prozent nach einem Jahr auf rund 2 Prozent nach 15 Jahren. Jede neue, unerklärte Schmerzattacke am Ersatzgelenk verdient deshalb eine Punktion, nicht nur ein Rezept gegen „Verschleiß“.
Soll ich vor jeder Zahnreinigung Antibiotika nehmen?
Nicht routinemäßig. Die AAOS-Leitlinie 2024 findet keinen Beleg, dass eine systemische Prophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen die PJI-Rate senkt. Ausnahmen besprechen Sie mit Operateurin und Zahnarzt, etwa bei starker Immunsuppression. Saubere Zähne und behandelte Entzündungen wiegen schwerer als eine Standardtablette.
Was bedeutet DAIR am Knie?
DAIR heißt Débridement, Antibiotika und Belassen der Prothese, meist mit Wechsel der Kunststoffgleitflächen. Das Verfahren eignet sich für kurze, akute Verläufe bei festem Implantat ohne Fistel. Der Vorteil ist der Erhalt der knöchernen Verankerung. Der Nachteil ist ein höheres Rückfallrisiko als nach komplettem Ausbau.
Kommt der Infekt nach erfolgreicher Behandlung wieder?
Er kann. Wer schon eine Protheseninfektion hatte, trägt ein erhöhtes Risiko für denselben oder einen zweiten Herd. Deshalb bleiben Hautpflege, Stoffwechsel und schnelle Abklärung neuer Beschwerden Daueraufgaben. Manche brauchen nach Absprache eine längere oder dauerhafte Suppression.

Fazit
Ein verdächtiges Knie nach Endoprothese gehört nicht in die Warteposition. Zunehmender Schmerz, Sekret, ausbreitende Rötung oder die Kombination aus Fieber und Gelenkbeschwerden rechtfertigen noch am selben Tag den Anruf beim Operateur, nicht erst den nächsten Kontrolltermin. Blutsenkung, CRP und eine Punktion vor dem Start von Antibiotika entscheiden, ob ein oberflächlicher Weichteilinfekt oder ein tiefer Implantatinfekt vorliegt.
Die Behandlung tiefer Infekte ist Teamarbeit aus Orthopädie und Infektiologie. Akute, kurze Verläufe können einen Implantaterhalt erlauben. Chronische Fälle brauchen meist Ausbau, Spacer und später eine neue Prothese. Einzeitige Wechsel und 2024er Zahnregeln haben ältere Automatismen (immer zweizeitig, immer Amoxicillin vor der Zahnreinigung) abgelöst, ohne die Ernsthaftigkeit zu mindern.
Für den nächsten Tag zählt Konkretes. Offene Hautstellen und fieberhafte Infekte andernorts rasch behandeln lassen, die Wunde beobachten statt selbst antibiotisch „abdecken“, und vor Zahn- oder urologischen Eingriffen das Team fragen, das die Prothese eingesetzt hat. Spezialisierte Zentren sind sinnvoll, sobald Fistel, Lockerung oder ein mehrfach vorbehandelter Infekt ins Spiel kommen.
Quellen
- Mayo Clinic Staff: Periprosthetic joint infection (PJI) – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 17. März 2026.
- American Academy of Orthopaedic Surgeons: Infection After Joint Replacement. OrthoInfo, Stand: 2026.
- Ayoade F, Li D et al.: Periprosthetic Joint Infection. StatPearls, 14. Oktober 2023.
- Lehman B: Prosthetic Joint Infectious Arthritis. Merck Manual Professional Edition, Dezember 2024.
- Osmon DR, Berbari EF et al.: Diagnosis and Management of Prosthetic Joint Infection: Clinical Practice Guidelines by the Infectious Diseases Society of America. Clinical Infectious Diseases, 6. Dezember 2012.
- Parvizi J, Tan TL et al.: The 2018 Definition of Periprosthetic Hip and Knee Infection: An Evidence-Based and Validated Criteria. Journal of Arthroplasty, Mai 2018.
- American Academy of Orthopaedic Surgeons: AAOS Updates Clinical Practice Guideline to Prevent Total Hip and Knee Arthroplasty Periprosthetic Joint Infection in Patients Undergoing Dental Procedures. American Academy of Orthopaedic Surgeons, 17. Dezember 2024.
- Ma T, Jiao J et al.: Incidence of periprosthetic joint infection after primary total knee arthroplasty shows significant variation : a synthesis of meta-analysis and bibliometric analysis. Journal of Orthopaedic Surgery and Research, 12. Oktober 2024.
- American Academy of Orthopaedic Surgeons: Diagnosis and Prevention of Periprosthetic Joint Infections. American Academy of Orthopaedic Surgeons, 11. März 2019.
