
Aprikosensamen heilen Krebs nicht. Rohe Kerne enthalten Amygdalin, das nach dem Kauen im Darm Cyanid freisetzen kann; belastbare Studien haben keinen antitumoralen Nutzen belegt, wohl aber schwere Vergiftungen.
Wer im Netz Packungen mit der Aufschrift Vitamin B17 oder Laetril findet, stößt auf dasselbe Prinzip. Die US-amerikanische Krebsbehörde NCI und die britische Organisation Cancer Research UK stufen die Zubereitung als unzulässig und unbewiesen ein. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2016 eine einmalige Obergrenze festgesetzt, die schon drei kleine Kerne bei Erwachsenen erreichen können. Im Mai 2024 warnte die US-amerikanische Food and Drug Administration erneut vor bitteren Saatpackungen mit hohem Amygdalinanteil, nachdem der Hersteller einen Rückruf ablehnte. Das Fruchtfleisch der Aprikose bleibt davon unberührt.
Was steckt in einem Aprikosenkern?
Der essbare Kern sitzt hinter der harten Steinschale und ähnelt einer kleinen Mandel. Giftig macht ihn nicht das Fruchtfleisch außen, sondern das cyanogene Glykosid Amygdalin im Inneren.
EFSA und Health Canada schreiben übereinstimmend, der normale Verzehr der Frucht selbst belaste den Körper nicht, weil der Kern die Schale nicht berührt. Bittere Sorten tragen mehr Amygdalin als süße; die kanadische Höchstmenge von 20 ppm extrahierbarem Cyanid gilt seit Januar 2020 für beide Varianten, die als Lebensmittel verkauft werden. Shops im Internet bewerben die Samen oft als Snack oder als Teil einer „Stoffwechselkur“. Genau diese Portionsvorschläge – zehn Kerne für Gesunde, sechzig für Erkrankte – hat die EFSA 2016 als Szenarien durchgerechnet und weit oberhalb der sicheren Einmaldosis gefunden.
Im Magen-Darm-Trakt spalten bakterielle Enzyme und pflanzliche Beta-Glucosidasen Amygdalin in Glucose, Benzaldehyd und Cyanwasserstoff. StatPearls beschreibt 2025 den nächsten Schritt: Cyanid dockt an Eisen und Kupfer der Atmungskette und blockiert die Cytochrom-c-Oxidase. Zellen können dann Sauerstoff nicht mehr nutzen, obwohl das Blut noch Sauerstoff trägt. Herz und Gehirn merken das zuerst, weil sie den höchsten Energiebedarf haben. Deshalb wirkt eine Handvoll zerkauter Bitterkerne anders als ein verschluckter ganzer Stein, der unzerkaut den Darm passieren kann.

Amygdalin, Laetril und das sogenannte Vitamin B17
Laetril ist keine extra Heilsubstanz, sondern ein halb synthetisches Verwandtes des pflanzlichen Amygdalins. Beide tragen Mandelsäurenitril und können Cyanid abgeben; keines von beiden ist ein Vitamin.
Das NCI erklärt in seiner PDQ-Übersicht, Ernst T. Krebs junior habe den Namen Vitamin B17 geprägt. Das damalige US-Gremium für Vitaminnamen hat diese Bezeichnung nie anerkannt. Health Canada schreibt 2020 ausdrücklich, Amygdalin oder „Vitamin B17“ sei in den Lebensmittelvorschriften kein anerkanntes Vitamin; jeder Werbespruch, der den Gehalt als Vitamin verkauft, verstößt dort gegen die Regeln. Chemisch unterscheiden Fachleute außerdem das in den USA patentierte Laetril (Mandelsäurenitril-beta-glucuronid) von mexikanischen Zubereitungen aus zerstoßenen Kernen (Mandelsäurenitril-beta-D-gentiobiosid). Für Patientinnen und Patienten ändert das wenig: Beide Formen können nach oraler Einnahme Cyanid freisetzen.
Angeboten wird das Präparat als Tablette, Infusion, Salbe oder Einlauf. Cancer Research UK betont, Tabletten lösten mehr Nebenwirkungen aus als Spritzen, weil der Darm das Molekül erst aufschließt. Das NCI beschreibt dasselbe Muster: Nach Infusion blieben die Blutcyanidwerte in der großen Studie niedrig, nach der anschließenden oralen Erhaltung stiegen sie. Wer also „nur schluckt, nicht spritzt“ handelt nicht vorsichtiger, sondern belastet den Körper stärker.
Die Geschichte reicht weit zurück. Amygdalin isolierten Chemiker 1830; als Krebsmittel taucht es in Russland 1845 und in den Vereinigten Staaten in den 1920er Jahren auf. In den 1950er Jahren wurde eine Infusionsform patentiert, in den 1970er Jahren nutzten laut NCI zehntausende Menschen in den USA das Mittel. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten bestätigte 1980 das bundesweite Versandverbot. Seither wandert der Handel vor allem über das Internet und über Kliniken außerhalb der Zulassung.
Können Aprikosenkerne Krebs behandeln?
Nein. Weder Kerne noch Laetril haben in kontrollierten Untersuchungen Heilung, Tumorstillstand oder ein längeres Leben belegt.
Die Idee klingt einfach: Krebszellen hätten mehr spaltende Enzyme und weniger Rhodanese, das Cyanid in harmloseres Thiocyanat umwandelt. Deshalb solle das Gift vor allem den Tumor treffen. Das NCI listet vier solche Theorien, darunter die Behauptung, Krebs sei ein Vitaminmangel. Für keine dieser Annahmen gibt es eine klinische Bestätigung, die einer randomisierten Prüfung standhält. Laborversuche an Zelllinien und Tieren zeigten laut Fachfassung der PDQ wenig antitumorale Aktivität; die humane Evidenz ist noch dünner.
Cancer Research UK fasst 2022 zusammen, werbende Seiten stützten sich auf Einzelberichte und ungestützte Meinungen. Die Cochrane-Gruppe fand 2015 keine randomisierte oder quasirandomisierte Studie, die Einschlusskriterien erfüllte. Eine Suche im Juni 2018 brachte keine neue Arbeit dieser Güte. Die Autorinnen und Autoren schreiben klar: Das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist eindeutig negativ. Wer eine nachgewiesene Therapie unterbricht, um Kerne zu kauen, riskiert Fortschreiten der Erkrankung und zusätzlich eine Vergiftung.
Manche Menschen hoffen auf mehr Energie, eine „Entgiftung“ oder extra Lebenszeit, wenn Onkologie nicht mehr weiterhilft. Diese Hoffnungen sind verständlich, sie ersetzen aber keine Daten. Das NCI hält fest, die FDA habe Laetril weder gegen Krebs noch gegen irgendeine andere Erkrankung zugelassen. Chargen aus nicht überwachter Herstellung können verunreinigt sein oder anders zusammengesetzt als auf dem Etikett.
Was die großen Studien wirklich zeigten
Die größte prospektive Prüfung stammt vom NCI und erschien 1982. Unter 175 auswertbaren Patientinnen und Patienten erfüllte eine Person die Kriterien einer Teilremission, und die hielt zehn Wochen.
Teilnehmende hatten vor allem Brust-, Darm- oder Lungenkrebs, waren noch nicht bettlägerig und hatten mindestens einen Monat keine andere Tumortherapie erhalten. Amygdalin, vom NCI auf Reinheit geprüft, lief 21 Tage als Infusion, danach folgte die orale Erhaltung plus Vitamine, Pankreasenzyme und eine restriktive Diät. 54 Prozent zeigten schon am Ende der Infusionsphase ein messbares Wachstum. Sieben Monate nach der Infusion hatten alle ein Fortschreiten. Sieben Prozent gaben zeitweise an, im Alltag besser zurechtzukommen, 20 Prozent nannten weniger Beschwerden; beides blieb meist nicht bestehen. Zwei Personen in der kleinen Dosisfindungsstudie bekamen Cyanidzeichen, nachdem sie während der oralen Phase rohe Mandeln aßen.
Vor den Studien hatte das NCI 1978 Fallberichte eingesammelt. Von 67 bewertbaren Verläufen wertete eine Fachgruppe zwei als Vollremission und vier als Teilremission. Genau dieser dünne Rücklauf war der Anlass für die kontrollierten Versuche, nicht der Beweis eines Nutzens. Cochrane hat später nach randomisierten Vergleichen gesucht und keine gefunden. Die PDQ-Redaktion notierte im Juni 2022 nur redaktionelle Änderungen und stellt die Patientenfassung mit dem Hinweis bereit, es gebe entweder keine neue Forschung oder die neue Arbeit sei zu schwach für eine Aufnahme. Das ist der aktuelle Stand, kein Freibrief für Kerne.
Wie viel Cyanid steckt in einer Portion?
Schon drei kleine rohe Kerne können bei Erwachsenen die einmalige Sicherheitsgrenze der EFSA erreichen. Ein kleines Kleinkind kann mit der Hälfte eines einzelnen kleinen Kerns darüber liegen.
Das CONTAM-Gremium setzte 2016 eine akute Referenzdosis von 20 Mikrogramm Cyanid pro Kilogramm Körpergewicht fest. Das liegt nach Angabe der Behörde etwa 25-fach unter der niedrigsten in der Literatur genannten tödlichen Dosis von 0,5 Milligramm pro Kilogramm. Studien nennen als tödlichen Bereich 0,5 bis 3,5 Milligramm pro Kilogramm. Für Erwachsene schätzte die EFSA drei kleine Kerne mit zusammen rund 370 Milligramm als Menge, die die Einmalgrenze noch nicht überschreitet; weniger als die Hälfte eines großen Kerns kann sie bereits reißen. Für Kleinkinder lag die Rechnung bei etwa 60 Milligramm.
| Situation | Menge oder Schwelle | Quelle und Jahr |
|---|---|---|
| Einmalige Referenzdosis | 20 µg Cyanid je kg Körpergewicht | EFSA 2016, bestätigt 2019 |
| Erwachsene, kleine Kerne | drei Kerne (rund 370 mg) können die Grenze erreichen | EFSA 2016 |
| Kleinkinder | rund 60 mg, etwa die Hälfte eines kleinen Kerns | EFSA 2016 |
| Von Händlern beworbene Tagesmenge | 10 Kerne allgemein, 60 bei Krebs | EFSA 2016 |
| Tödlicher Bereich in der Literatur | 0,5–3,5 mg Cyanid je kg Körpergewicht | EFSA 2016 |
| Höchstgehalt im kanadischen Verkauf | 20 ppm extrahierbares Cyanid | Health Canada 2020 |
2019 prüfte dasselbe Gremium cyanogene Glykoside in anderen Lebensmitteln und hielt fest, die Referenzdosis gelte unabhängig von der Quelle. Für Marzipan, Leinsamen oder Maniok setzte es Faktoren für eine geringere Bioverfügbarkeit an; bei rohen Aprikosenkernen bleibt die volle Last. Wer zehn oder sechzig Stück kaut, wie es Werbetexte vorschlagen, liegt in allen EFSA-Szenarien deutlich über 20 Mikrogramm pro Kilogramm.
Welche Symptome lösen Kerne aus?
Eine Cyanidvergiftung nach Kernen beginnt oft mit Übelkeit, Kopfschmerz, Schwäche und Atemnot. Schwere Verläufe können zu Krampfanfall, Kreislaufversagen und Tod führen.
Die EFSA listet 2016 zusätzlich Fieber, Schlaflosigkeit, Durst, Mattigkeit, Nervosität, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie sinkenden Blutdruck. Die FDA beschrieb im Mai 2024 milde bis mittelschwere Zeichen als Atemnot, bläuliche Haut oder Schleimhaut, Schwäche und Benommenheit. Als schwere Zeichen nannte sie Koma, Krampfanfälle, Bewusstseinstrübung, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufzusammenbruch und metabolische Azidose. Eine tödliche Dosis kann rasch zu schwerem Blutdruckabfall, Atemstillstand, Krämpfen und Tod führen.
StatPearls ergänzt 2025 den Mechanismus: Weil die Atmungskette steht, entsteht Milchsäure. Ein Serumlactat von mindestens 8 mmol/l gilt bei Verdacht als hinweisend. Die Hautfarbe „kirschrot“ und der Geruch nach bitteren Mandeln, klassisch in Lehrbüchern, treten nur bei einem kleinen Teil der Fälle auf und dürfen die Diagnose nicht tragen. Nach Aufnahme über den Darm können Minuten bis Stunden vergehen, bis Beschwerden da sind, weil Amygdalin erst gespalten werden muss. Wer mehrere Kerne gegessen hat und sich noch wohlfühlt, ist deshalb nicht automatisch sicher.
Längerfristig hohe Mengen cyanogener Glykoside können Nerven schädigen. Die FDA nennt Sehstörungen durch Schädigung des Sehnervs, Schwerhörigkeit, Gleichgewichtsstörungen und Ausfälle sensibler oder motorischer Bahnen. Das NCI führt Leberentzündung, hängendes Augenlid, unsicheren Gang und sehr niedrigen Blutdruck als mögliche Begleiterscheinungen der Laetril-Einnahme.

Wann zum Arzt oder in die Notaufnahme?
Nach dem Verzehr mehrerer Kerne oder eines B17-Präparats gehört der Fall in professionelle Hände, auch wenn noch keine Beschwerden da sind. Bei Atemnot, Krampfanfall, starker Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit ist der Notruf 112 richtig.
Die Mayo Clinic schreibt in ihrer Erste-Hilfe-Übersicht vom April 2024, bei Verdacht auf eine Vergiftung solle niemand auf Symptome warten. Notfallrettung ist nötig, wenn die Person schläfrig oder bewusstlos ist, schlecht oder gar nicht atmet, unbeherrscht unruhig wirkt oder Krämpfe hat. In ruhigeren Lagen rät sie zur Giftinformationszentrale, mit Angabe von Alter, Gewicht, Menge und Zeitpunkt. Erbrochenes auslösen sollen Laien nicht; Fachgesellschaften haben Ipecacuanha-Sirup dafür aufgegeben. Verpackung oder Restkerne mit ins Krankenhaus nehmen hilft dem Team.
Die FDA rät nach den 2024 getesteten bitteren Saatpackungen, das Produkt wegzuwerfen und die Ärztin oder den Arzt zu informieren, selbst wenn die letzte Einnahme länger zurückliegt. In der Klinik steht in den USA Hydroxocobalamin als Mittel der ersten Wahl bereit; StatPearls nennt 5 Gramm als Infusion über 15 Minuten, bei Bedarf eine zweite gleiche Menge. Natriumnitrit und Natriumthiosulfat sind Alternativen mit eigenen Risiken. Diese Dosierungen gehören ausschließlich ins Krankenhaus, nicht in die Hausapotheke. In Deutschland vermittelt der regionale Giftnotruf das weitere Vorgehen, der Notruf 112 bringt das Rettungsteam.
Welche Lebensmittel und Vitamine das Risiko erhöhen
Rohe Mandeln, zerkleinerte Steine und hohe Vitamin-C-Dosen können die Cyanidlast aus Amygdalin verstärken. Manche Gemüse mit Beta-Glucosidase wirken in dieselbe Richtung, sobald gleichzeitig Kerne oder Laetril geschluckt werden.
Das NCI nennt Sellerie, Pfirsiche, Sprossen und Karotten als Beispiele für Lebensmittel, die das spaltende Enzym mitbringen. Cancer Research UK ergänzt Bohnen, Leinsamen und Nüsse und stellt klar: Dieselben Speisen sind unauffällig, solange niemand Laetril oder Bitterkerne dazu nimmt. Die Kombination ist das Problem, nicht die Karotte allein. Zwei Patientinnen oder Patienten der NCI-Dosisstudie entwickelten Cyanidzeichen, als sie während der oralen Amygdalinphase rohe Mandeln aßen.
Cochrane weist zusätzlich auf Vegetarierinnen und Vegetarier mit Vitamin-B12-Mangel hin; der Entgiftungsweg über Thiocyanat und Cobalamin kann dann schmaler sein. Hochdosiertes Ascorbinsäurepräparat plus Amygdalin ist in Fallberichten mit lebensbedrohlicher Vergiftung verknüpft. Wer also „B17-Kuren“ mit Vitamin-C-Megadosen stapelt, folgt keinem Sicherheitskonzept, sondern verdoppelt den Risikopfad. Das Fruchtfleisch der Aprikose, ein Glas Saft oder ein Stück Kuchen mit Marzipannote liegen in einer anderen Liga; die EFSA-Bewertung 2019 betraf vor allem übliche Back- und Saftprodukte und blieb für die Mittelwerte unter der Referenzdosis.
Was Behörden seit 2016 zum Verkauf sagen
Seit der EFSA-Stellungnahme 2016 haben Behörden die Grenze nicht gelockert, sondern bestätigt und den Handel enger gefasst. Die klinische Nutzenlage hat sich seither nicht gedreht.
Die EFSA-Presseerklärung vom 27. April 2016 machte die Drei-Kerne-Rechnung öffentlich. 2019 übertrug dasselbe Gremium die 20-Mikrogramm-Grenze auf Cyanid unabhängig von der Speise. Health Canada setzte am 25. Januar 2020 einen Höchstgehalt von 20 ppm extrahierbarem Cyanid für Kerne fest, die als Lebensmittel in Kanada verkauft werden; Ware darüber darf dort nicht in den Handel. Gleichzeitig stellt Ottawa klar, Werbeaussagen zu Vitamin B17 seien unzulässig.
In den Vereinigten Staaten bleibt Laetril ohne Zulassung. Am 24. Mai 2024 veröffentlichte die FDA eine Sicherheitswarnung zu drei Chargen bitterer Kerne der Marke Apricot Power. Labore in Virginia hatten in Proben aus Texas hohe Amygdalinmengen gefunden. Der Hersteller lehnte am 8. Mai und erneut bis zum 24. Mai einen freiwilligen Rückruf ab; die Behörde wandte sich deshalb direkt an Verbraucherinnen und Verbraucher. Cancer Research UK hält fest, in Großbritannien und Europa dürfe niemand Laetril als Arzneimittel verkaufen. Der Internethandel umgeht diese Linie regelmäßig. Cochrane warnt, ohne Behördenkontrolle seien Verunreinigungen möglich.
Häufige Fragen
Heilen Aprikosenkerne Krebs?
Nein. Die Cochrane-Übersicht 2015 und die NCI-PDQ-Texte finden keine zuverlässigen Belege für Heilung, Stillstand oder längeres Überleben. Wer eine wirksame Onkologie dafür aufgibt, kann dem Tumor Zeit geben und sich zusätzlich vergiften.
Ist Vitamin B17 ein echtes Vitamin?
Nein. Das NCI und Health Canada stufen die Bezeichnung als unzulässig ein, weil kein Mangelbild existiert und kein Gremium den Stoff als Vitamin anerkannt hat. Der Name stammt aus der Vermarktung der 1970er Jahre, nicht aus der Ernährungsphysiologie.
Wie viele Kerne darf ein Erwachsener essen?
Eine Menge, die Fachgesellschaften zum Kauen empfehlen, gibt es nicht. Die EFSA rechnet vor, dass drei kleine Kerne die einmalige Sicherheitsgrenze schon erreichen können und weniger als ein halber großer Kern sie reißen kann. Werben Shops mit zehn oder sechzig Stück, liegen sie nach derselben Rechnung weit darüber.
Ist das Fruchtfleisch der Aprikose giftig?
Nein. EFSA und Health Canada sehen beim normalen Verzehr der Frucht kein Cyanidproblem, weil der Kern in der Steinschale steckt und das Fruchtfleisch nicht berührt. Gefährlich wird der Inhalt der Schale, sobald jemand ihn knackt und kaut.
Was tun, wenn jemand mehrere Kerne gegessen hat?
Giftnotruf oder 112 anrufen und die ungefähre Menge nennen, auch ohne Beschwerden. Die Mayo Clinic rät, nicht auf Symptome zu warten und kein Erbrechen zu erzwingen. Verpackung oder Reste mitnehmen, damit das Team den Stoff zuordnen kann.
Dürfen Kinder Aprikosenkerne bekommen?
Nein. Für Kleinkinder kann schon die Hälfte eines kleinen Kerns die EFSA-Grenze überschreiten. Kinder haben weniger Körpergewicht und kauen ungleichmäßig; eine „halbe Nuss als Snack“ ist hier keine Kleinigkeit.

Fazit
Rohe Aprikosenkerne sind kein Krebsmittel. Amygdalin wird im Darm zu Cyanid, Laetril ist chemisch verwandt und ebenfalls unzulässig als Therapie. Die NCI-Studie von 1982, die Cochrane-Suche bis 2018 und die PDQ-Aktualisierung 2022 ändern an diesem Kern nichts: Es fehlt der Nutzen, das Gift bleibt.
Wer Packungen mit B17-Aufdruck, bittere Kerne „für Patientinnen und Patienten“ oder Infusionen außerhalb der Onkologie angeboten bekommt, sollte das Behandlungsteam informieren statt heimlich zu schlucken. Die EFSA-Grenze von 20 Mikrogramm Cyanid pro Kilogramm, die Health-Canada-Schwelle von 20 ppm und die FDA-Warnung vom Mai 2024 ziehen dieselbe Linie. Bei Atemnot, Krämpfen oder Verwirrtheit nach Kernen zählt Minuten, nicht Werbetext.
Das Fruchtfleisch der Aprikose darf auf dem Teller bleiben. Den Stein knackt man besser nicht. Fragen zu ergänzenden Verfahren gehören in das Gespräch mit der behandelnden Onkologie, nicht in den Warenkorb eines Onlineshops.
Quellen
- National Cancer Institute: Laetrile/Amygdalin (PDQ®)–Patient Version. National Cancer Institute, Stand: 2022.
- PDQ Integrative, Alternative, and Complementary Therapies Editorial Board: Laetrile/Amygdalin (PDQ®)–Health Professional Version. National Cancer Institute, 14. Juni 2022.
- Cancer Research UK: Laetrile (amygdalin or vitamin B17). Cancer Research UK, 27. September 2022.
- Milazzo S, Horneber M, Ernst E.: Laetrile treatment for cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015.
- European Food Safety Authority: Apricot kernels pose risk of cyanide poisoning. European Food Safety Authority, 27. April 2016.
- EFSA Panel on Contaminants in the Food Chain: Evaluation of the health risks related to the presence of cyanogenic glycosides in foods other than raw apricot kernels. EFSA Journal, 2019.
- U.S. Food and Drug Administration: FDA Issues Warning About Toxic Amygdalin Found in Apricot Seeds. U.S. Food and Drug Administration, 24. Mai 2024.
- Health Canada: Cyanide in apricot kernels. Health Canada, 25. Januar 2020.
- Schaffer DH, Poole ND, Traylor J.: Cyanide Toxicity. StatPearls, 22. Februar 2025.
- Mayo Clinic Staff: Poisoning: First aid. Mayo Clinic, 30. April 2024.
