
Nicotinamid, die Amidform von Vitamin B3, hat in einer großen randomisierten Studie die Zahl neuer heller Hauttumoren bei Menschen mit hohem Risiko gesenkt. Einen belegten Schutz vor Melanomen liefert dieselbe Substanz bis heute nicht; passende Wirksamkeitsstudien an Melanom-Risikogruppen fehlen.
Die Unterscheidung lohnt, weil ältere Berichte beides vermischten. Basalzell- und Plattenepithelkarzinome entstehen meist in sonnengeschädigter Haut und sind häufig. Melanome gehen von pigmentbildenden Zellen aus, streuen leichter und verursachen den Großteil der Hautkrebstodesfälle, obwohl sie seltener sind. Die American Cancer Society schätzt für die USA im Jahr 2026 etwa 112 000 neue Melanomdiagnosen und 8510 Todesfälle. Wer Nicotinamid als Kapsel kauft, braucht deshalb eine klare Trennung: was gemessen wurde, für wen die Dosis gedacht ist, und was weiter gilt, nämlich UV-Schutz und Hautkontrolle.
Kann Nicotinamid Melanome verhindern?
Nein, das ist klinisch nicht gezeigt. Nicotinamid kann bei ausgewählten, immunkompetenten Patienten mit mehreren hellen Hautkrebsarten die Zahl neuer Keratinozytenkarzinome senken. Für das Melanom gibt es keine abgeschlossene randomisierte Studie, die Inzidenz oder Sterblichkeit als Zielgröße prüft.
Die Arbeitsgruppe um Diona Damian in Sydney hat den Wirkstoff über Jahre untersucht, weil er nach UV-Licht die zelluläre Energie stützt, DNA-Reparatur erleichtert und die durch Sonne ausgelöste örtliche Immunschwäche mindern kann. Dieselben Mechanismen könnten theoretisch auch Melanozyten davor bewahren, entartet zu wachsen. Theorie ersetzt keine Zählung neuer Melanome in einer ausreichend großen Hochrisiko-Kohorte.
In der Phase-3-Studie ONTRAC (Oral Nicotinamide to Reduce Actinic Cancer) traten während der Einnahme nur wenige Melanome auf, verteilt auf Verum und Placebo, ohne erkennbaren Vorteil. Menschen mit einem Melanom in den vorangegangenen fünf Jahren waren ausgeschlossen, weil die Studie auf Basalzell- und Plattenepithelkarzinome ausgelegt war. StatPearls (Aktualisierung Mai 2025) nennt eine melanomgerichtete Chemoprophylaxe deshalb biologisch denkbar, aber unbestätigt. Das National Cancer Institute führt Nicotinamid in der Fachfassung zur Hautkrebsprävention unter den systemischen Ansätzen mit unzureichender Evidenz.
Wer ein erhöhtes Melanomrisiko hat (viele oder atypische Muttermale, früheres Melanom, helles, schnell verbrennendes Hautbild, familiäre Häufung), sollte deshalb keine Kapsel als Ersatz für Schatten, Kleidung, Lichtschutzfaktor und regelmäßige Untersuchung erwarten. Ein Gespräch über Nicotinamid kann sinnvoll sein, wenn gleichzeitig viele helle Tumoren oder eine Feldkanzerisierung vorliegen. Die Melanomfrage selbst bleibt eine offene Forschungsaufgabe.

Nicotinamid ist nicht dasselbe wie Nicotinsäure
Nicotinamid (auch Niacinamid) und Nicotinsäure heißen beide Vitamin B3, wirken im Körper aber nicht austauschbar. Nur Nicotinsäure bindet die Rezeptoren, die Blutfette verändern; Nicotinamid tut das nicht und löst auch kein typisches Flushing aus. Das Office of Dietary Supplements der US-amerikanischen Gesundheitsinstitute betont diese Trennung in der Fachinformation zu Niacin.
Ältere populäre Texte schrieben Nicotinamid eine cholesterinsenkende Wirkung zu. Das gehört zur Nicotinsäure in Arzneidosis, nicht zur Amidform. Die Mayo Clinic (März 2025) nennt für Erwachsene als üblichen Tagesbedarf 16 mg Niacin bei Männern und 14 mg bei Frauen, die nicht schwanger sind. Solche Mengen kommen mit Fleisch, Geflügel, Fisch, Hülsenfrüchten und angereichertem Getreide zusammen. Kapseln mit 500 mg pro Einnahme liegen weit über dem Bedarf und sind pharmakologisch, nicht ernährungsphysiologisch.
Pellagra, der schwere Niacinmangel mit Hautveränderungen, Durchfall und neurologischen Zeichen, ist in Industrieländern selten. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt laut ODS zur Behandlung 300 mg Nicotinamid täglich in geteilten Dosen über drei bis vier Wochen, ergänzt um andere B-Vitamine. Das ist eine Mangeltherapie, keine Hautkrebsvorsorge. Wer „Vitamin B3 gegen Melanom“ sucht und Nicotinsäure-Tabletten gegen Fettstoffwechsel kauft, riskiert Flushing, Blutdruckabfall, Zuckerentgleisung und Leberschäden, ohne den in ONTRAC geprüften Wirkstoff zu erhalten.
Wie Nicotinamid UV-Schäden in der Haut beeinflusst
UV-Strahlung knickt DNA, leert zelluläre Energiespeicher und dämpft die örtliche Abwehr in der Haut. Nicotinamid ist Vorstufe von NAD+, einem Coenzym, das ATP-Bildung und Reparaturenzyme stützt. Nach UV-Belastung kann die Amidform den ATP-Abfall begrenzen; Zellen behalten eher die Kraft, Brüche in der DNA zu nähen.
Gleichzeitig sinkt in humanen Versuchen die durch UV ausgelöste Unterdrückung von Kontaktallergien, ohne dass die Grundabwehr dauerhaft lahmgelegt würde. Chen und Kollegen fassen diesen Mechanismus in der ONTRAC-Publikation zusammen: weniger Energieschwund, bessere Reparatur, weniger UV-bedingte Immunsuppression. Genau diese Kette erklärt, warum man einen Effekt auf Keratinozytenkarzinome für denkbar hielt und später auch für Melanozyten diskutierte.
Melanozyten schützen tiefere Schichten mit Melanin, bleiben aber selbst UV-empfindlich. Intermittierende, verbrennende Sonnenepisoden, besonders in Kindheit und Jugend, gelten epidemiologisch als wichtiger Melanomtreiber als die reine Lebensdosis. Wenn Nicotinamid Reparatur und örtliche Immunüberwachung stützt, wäre ein Beitrag gegen Melanomentstehung plausibel. Plausibilität heißt nicht, dass 500-mg-Kapseln das persönliche Risiko halbieren. Ohne Zählung neuer Melanome in einer passenden Population bleibt der Mechanismus ein Laborargument.
Was ONTRAC bei hellen Hauttumoren gemessen hat
ONTRAC prüfte 386 immunkompetente Erwachsene in Sydney, die in den vorangegangenen fünf Jahren mindestens zwei histologisch gesicherte Nichtmelanom-Hautkrebse gehabt hatten. Die eine Hälfte erhielt zwölf Monate lang 500 mg Nicotinamid zweimal täglich, die andere ein identisches Placebo. Hautärztinnen und Hautärzte untersuchten die Haut alle drei Monate über 18 Monate, also auch ein halbes Jahr nach dem Absetzen.
Nach zwölf Monaten lag die Rate neuer Nichtmelanom-Hautkrebse in der Nicotinamid-Gruppe um 23 Prozent niedriger (95-Prozent-Konfidenzintervall 4 bis 38; p = 0,02). Plattenepithelkarzinome waren um etwa 30 Prozent seltener (p = 0,05), Basalzellkarzinome um 20 Prozent, letzteres ohne statistische Signifikanz (p = 0,12). Aktinische Keratosen, raue Sonnenschäden, lagen zu den Kontrollterminen um 11 bis 20 Prozent niedriger. Unerwünschte Ereignisse und Laborwerte unterschieden sich nicht in klinisch relevanter Weise.
Der Schutz endete mit der Tablette. In den sechs Monaten danach glichen sich die Raten wieder an. Wer die Kapsel als Dauerlösung denkt, muss das mitbedenken: ONTRAC beschreibt einen Effekt unter Einnahme, keinen bleibenden Impfschutz. Das mittlere Alter lag bei 66 Jahren, 63 Prozent waren Männer, die mittlere Zahl früherer heller Tumoren bei acht. Die Ergebnisse gelten für diese Hochrisiko-Gruppe in Australien, nicht für junge Menschen ohne Hautkrebsvorgeschichte und nicht für Melanome.
| Zielgröße | ONTRAC-Ergebnis über 12 Monate | Bewertung |
|---|---|---|
| Neue Nichtmelanom-Hautkrebse | 23 % niedrigere Rate unter Nicotinamid | Primärer Endpunkt, signifikant |
| Plattenepithelkarzinome | etwa 30 % niedrigere Rate | Grenzwertig signifikant |
| Basalzellkarzinome | 20 % niedrigere Rate | nicht signifikant |
| Aktinische Keratosen | 11–20 % weniger Läsionen je Termin | sekundär, unter Einnahme |
| Melanome | wenige Fälle, kein erkennbarer Unterschied | Studie nicht dafür ausgelegt |
| Effekt nach Absetzen | kein anhaltender Vorteil über 6 Monate | Nutzen an die Einnahme gebunden |
Warum die Melanomfrage offen bleibt
ONTRAC zählte Melanome nicht als primären Endpunkt, und die Fallzahl reicht dafür nicht. In der Interventionsphase wurden insgesamt wenige In-situ- und invasive Melanome dokumentiert, ohne Unterschied in Dicke oder Invasion zwischen den Armen. Wer ein Melanom in den fünf Jahren zuvor gehabt hatte, durfte nicht teilnehmen. Damit fehlt genau die Gruppe, für die eine Chemoprävention am ehesten diskutiert würde.
Malesu, Damian und Halliday prüften 2020 Melanome aus ONTRAC immunhistochemisch und setzten Nicotinamid auf Melanom- und Melanozytenlinien an. Eine Konzentration von 50 Mikromol, die im Blut nach üblicher Einnahme erreichbar ist, veränderte Überleben, Vermehrung und Invasion der Tumorlinien nicht. Sehr hohe, im Körper nicht erreichbare Konzentrationen hemmten das Wachstum. In den unter Nicotinamid entstandenen Melanomen fanden sich mehr CD4- und CD8-Lymphozyten im und um den Tumor. Die Autorinnen und Autoren werteten das als Sicherheitsargument für künftige Melanomstudien, nicht als Wirksamkeitsbeleg.
Eine eigene, ausreichend große, placebokontrollierte Studie an Menschen mit früherem Melanom, vielen atypischen Nävi oder genetischer Belastung ist seither nicht nachgeliefert worden. Übersichten zur Chemoprävention des Hautkrebses wiederholen 2022 bis 2025 denselben Satz: Für das Melanom fehlen klinische Wirksamkeitsdaten. Solange das so bleibt, ist jede Packungsbeilage, die „Melanomschutz“ verspricht, Marketing, keine Leitlinie.
Laborbefunde und kritische Stimmen seit 2018
Nach ONTRAC setzte eine praxisnahe Welle ein. Eine Umfrage unter Mohs-Chirurgen in den USA ergab laut StatPearls, dass 76,9 Prozent der Antwortenden Nicotinamid zur Vorbeugung heller Hautkrebse empfehlen. Fachartikel im Journal of the American Academy of Dermatology nennen 500 mg zweimal täglich bei Feldkanzerisierung oder mehr als einem kutanen Plattenepithelkarzinom. Eine Metaanalyse von Mainville und Kollegen (2022), die StatPearls zusammenfasst, sieht mittlere Evidenzqualität für Plattenepithelkarzinome und niedrige für Basalzellkarzinome.
Das National Cancer Institute bleibt knapper. In der PDQ-Fassung zur Prävention (Health Professional) gilt die Datenlage zu Nicotinamid, selbst für aktinische Keratosen, als unzureichend; ONTRAC senkte Läsionen nur während der Einnahme, ONTRANS zeigte in der begrenzten Stichprobe keinen Nutzen. Systemische Mittel insgesamt (einschließlich Nicotinamid) haben laut dieser Übersicht keine ausreichende Evidenz, Melanome zu verhindern. Beide Lesarten können nebeneinander stehen: Dermatologische Praxis nutzt ONTRAC bei Hochrisiko-Keratinozytenkarzinomen, die onkologische Präventionszusammenfassung verlangt strengere Nachweise.
Laborseitig bleibt eine zweite Debatte. Arbeiten zu NAD-Stoffwechsel und Melanomzellen haben gefragt, ob mehr NAD+ aggressivere Klone begünstigen könnte. Malesu und Kollegen fanden bei erreichbaren Konzentrationen keine Wachstumsförderung. Das entkräftet die größte Sicherheitsangst nicht vollständig, weil Zellkultur und wenige Tumoren aus einer NMSC-Studie keine Langzeit-Melanomkohorte ersetzen. Wer Nicotinamid erwägt, braucht deshalb eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, keine pauschale Empfehlung „für alle mit Sommersprossen“.
Für wen Dermatologen Nicotinamid erwägen
Die Gruppe, für die der Nutzen am klarsten beschrieben ist, sind immunkompetente Erwachsene mit mehreren hellen Hautkrebsen in kurzer Zeit oder ausgedehnter Feldkanzerisierung. StatPearls und die JAAD-Beiträge, auf die dort verwiesen wird, setzen 500 mg Nicotinamid zweimal täglich an, gestützt vor allem auf ONTRAC. Das ist tertiäre Prävention: weniger nächste Tumoren bei Menschen, die schon welche hatten, nicht Primärschutz der Allgemeinbevölkerung.
Organtransplantierte stehen anders da. Sie entwickeln Plattenepithelkarzinome deutlich häufiger und oft aggressiver. ONTRANS (2023) randomisierte 158 Empfängerinnen und Empfänger mit mindestens zwei Keratinozytenkarzinomen in fünf Jahren auf dieselbe Dosis oder Placebo. Die Rekrutierung stockte, die Studie endete früher als geplant. Nach zwölf Monaten standen 207 neue Keratinozytenkarzinome unter Nicotinamid 210 unter Placebo gegenüber (Rate Ratio 1,0; p = 0,96). Aktinische Keratosen und Lebensqualität unterschieden sich nicht. Unerwünschte Ereignisse und Laborwerte waren ähnlich. Für diese immunosupprimierte Gruppe liefert die bisher größte randomisierte Prüfung keinen Beleg.
Menschen mit ausschließlich Melanomrisiko, ohne Serie heller Tumoren, fallen in keine der beiden Evidenzboxen. ACS und Mayo Clinic listen für Melanomvorbeugung UV-Schutz, Verzicht auf Solarien, Selbstuntersuchung und bei familiärer Last genetische Beratung. Nicotinamid kommt dort nicht als Standard vor. Ein Hautarztgespräch kann trotzdem klären, ob parallel viele aktinische Keratosen oder Plattenepithelkarzinome eine Off-Label-Einnahme rechtfertigen.
Dosis, Verträglichkeit und Verwechslungsrisiko
Die in ONTRAC und ONTRANS geprüfte Dosis war 500 mg Nicotinamid zweimal täglich über zwölf Monate, also 1000 mg am Tag. Das ist keine Empfehlung zur Selbstmedikation aus dem Drogerieregal. StatPearls warnt ausdrücklich davor, frei verkäufliche Nicotinsäure zu nehmen, weil Flushing, Hitze und Kreislaufreaktionen folgen können. Leberversagen ist bei Nicotinamid-Dosen über 3 g täglich beschrieben; ODS nennt Übelkeit, Erbrechen und Leberzeichen ab etwa 3000 mg Nicotinamid pro Tag.
Die zulässige Höchstmenge für Nahrungsergänzung (in den USA 35 mg Niacinäquivalent für Erwachsene) basiert auf dem Flushing der Nicotinsäure. ODS schreibt, dass diese Obergrenze unter ärztlicher Aufsicht nicht gilt. 1000 mg Nicotinamid liegen also in einem Bereich, den Studien als Arzneimittel geprüft haben, nicht in dem, den Nährstofftabellen als „sicher für alle“ ausweisen. Bei Dialyse wurden in kleinen Serien Durchfall und niedrige Thrombozyten nach 500 bis 1500 mg täglich über Monate beobachtet.
- Die Kapsel muss Nicotinamid oder Niacinamid heißen, nicht Nicotinsäure, nicht „Flush-free Niacin“ aus Inositolhexanicotinate.
- Lebererkrankung, unklare Übelkeit, dunkler Urin oder Gelbfärbung der Haut sind Stoppsignale und gehören in die Praxis, nicht in die nächste Packung.
- Wechselwirkungen der Nicotinsäure (Alkohol, Blutdruckmittel, Antidiabetika, Statine) darf man nicht unbesehen auf Nicotinamid übertragen; die Mayo-Liste gilt vor allem für die Säureform.
- Schwangere sollen hohe Niacindosen gegen Cholesterin laut Mayo Clinic nicht nehmen; eine Mangelbehandlung läuft nur nach ärztlicher Vorgabe.
Wer bereits ein Multivitamin nimmt, zählt die Nicotinamid-Menge mit, um nicht unbemerkt in den Grammbereich zu rutschen. Blutkontrollen sind bei der ONTRAC-Dosis in der Studie nicht als Pflichtprogramm aufgefallen, ersetzen aber bei Lebervorbefund oder Dialyse keine individuelle Planung.
Was das Melanomrisiko wirklich senken kann
Den größten, belastbaren Hebel nennt die American Cancer Society (Aktualisierung August 2026) weiter beim UV-Licht. Schatten, langärmlige, dicht gewebte Kleidung, breitkrempiger Hut, Sonnenbrille und ein Verzicht auf Solarien senken die Dosis, die DNA in Melanozyten trifft. Solarien sind besonders vor dem 30. Lebensjahr mit höherem Melanomrisiko verknüpft. Kinder brauchen extra Schutz, weil schwere Sonnenbrände in jungen Jahren später nachwirken.
Die American Academy of Dermatology rät, Schatten zu suchen, wenn der eigene Schatten kürzer ist als die Körpergröße, typischerweise zwischen 10 und 14 Uhr, und ein wasserfestes Breitbandpräparat mit Lichtschutzfaktor 30 oder höher auf unbedeckte Haut zu geben. Die Mayo Clinic nennt für viele Regionen Nordamerikas die stärkste Sonne zwischen 10 und 16 Uhr und empfiehlt, den Schutz alle zwei Stunden sowie nach Schwimmen oder Schwitzen zu erneuern. Das NCI-PDQ hält die Evidenz zu Sonnencreme und Melanomsenkung für uneinheitlich, weil Studienqualität und Verhalten (mehr Sonne trotz Creme) stören. Das ändert die Praxisregel nicht: Creme ist Teil eines Pakets, kein Freibrief für Mittagssonne.
Regelmäßige Betrachtung der eigenen Haut ergänzt den Schutz. Die ACS rät, neue, wachsende oder ungewöhnliche Male zeitig zu zeigen. Viele Muttermale pauschal herauszuschneiden, um Melanome zu verhüten, empfiehlt sie nicht, weil die meisten Melanome nicht aus einem vorbekannten Nävus entstehen. Bei familiärer Last, mehreren eigenen Melanomen oder Erkrankung vor dem 45. Lebensjahr kann eine genetische Beratung sinnvoll sein; Tests ersetzen weder UV-Schutz noch Hauttermine.
Wann zur Hautärztin oder zum Hautarzt
Jede neue oder veränderte pigmentierte Stelle, die beunruhigt, gehört in die Sprechstunde, unabhängig von Nicotinamid. Die Mayo Clinic nennt als Warnzeichen eine unregelmäßige Form mit zwei verschiedenen Hälften, gezackte oder unscharfe Ränder, mehrere Farben, Wachstum über etwa 6 Millimeter und neue Symptome wie Juckreiz oder Blutung. Melanome können auch auf zuvor unauffälliger Haut entstehen, nicht nur in einem alten Mal.
Versteckte Orte werden leicht übersehen: Fußsohlen, Zwischenzehenräume, Handflächen, Nagelbett, behaarte Kopfhaut, Schleimhäute. Bei dunklerer Haut entstehen Melanome häufiger an genau diesen Stellen. Ein dunkler Streifen unter dem Nagel ohne Trauma, der nicht mit dem Nagel herauswächst, ist kein Bluterguss und braucht Abklärung. Menschen nach Organtransplantation, mit HIV, bestimmten Blutkrebserkrankungen oder vielen atypischen Nävi brauchen engere Intervalle als die jährliche „Routine“, die für Menschen ohne Risiko oft ausreicht.
Nicotinamid ersetzt diese Untersuchung nicht. Wer die Substanz erwägt, sollte Ausgangsbefund, Medikamentenliste und Leberwerte mitbringen und klären, ob das Ziel helle Hauttumoren sind. Bei akutem, rasch wachsendem Knoten, nässender oder blutender Läsion oder Lymphknotenschwellung in der Drainage eines verdächtigen Mals zählt Tage, nicht die nächste Kapsellieferung.
Häufige Fragen
Hilft Vitamin B3 gegen ein Melanom?
Als Behandlung eines bestehenden Melanoms ist Nicotinamid nicht zugelassen und nicht belegt. Zur Vorbeugung neuer Melanome fehlt eine eigene Wirksamkeitsstudie. Was belegt ist, betrifft hellere Hauttumoren bei ausgewählten Hochrisiko-Patienten unter laufender Einnahme.
Soll ich Nicotinamid oder Niacin kaufen?
Für die Hautkrebsstudien zählt Nicotinamid (Niacinamid), nicht Nicotinsäure. Nicotinsäure flushs und greift in Blutfette ein; Nicotinamid tut das nach ODS nicht. Die Etikettenbezeichnung „Vitamin B3“ allein reicht nicht.
Welche Dosis wurde in Studien geprüft?
ONTRAC und ONTRANS verwendeten 500 mg Nicotinamid zweimal täglich über zwölf Monate. Das liegt weit über dem Nährstoffbedarf von 14 bis 16 mg. Die Dosis gehört in ein ärztliches Konzept, nicht in eine stille Selbstmedikation.
Ersetzt Nicotinamid Sonnencreme?
Nein. Damian und die Studienprotokolle setzen Sonnenschutz voraus. ACS und AAD bleiben bei Schatten, Kleidung und Lichtschutzfaktor 30 oder höher. Die Kapsel ist höchstens Zusatz bei hellen Tumoren, nie Ersatz.
Warum wirkte Nicotinamid nach Organtransplantation nicht?
ONTRANS fand nach zwölf Monaten keinen Unterschied zu Placebo, bei früherem Studienende und 158 Teilnehmenden. Ob Immunsuppression den Mechanismus stört oder die Power fehlte, bleibt offen. Für Transplantierte gilt der ONTRAC-Effekt nicht als übertragen.
Kann ich Nicotinamid vorbeugend nehmen, wenn in der Familie Melanome vorkamen?
Familienanamnese erhöht das Risiko, liefert aber keinen Beleg für Nicotinamid. ACS empfiehlt UV-Schutz, Selbstkontrolle und bei starker Last ein Gespräch über genetische Beratung. Ob parallel helle Tumoren eine Einnahme rechtfertigen, entscheidet die Hautarztpraxis.
Fazit
Nicotinamid hat die Dermatologie verändert, weil ONTRAC 2015 zum ersten Mal eine gut verträgliche Tablette mit messbarem Minus an hellen Hauttumoren zeigte. Dieselbe Evidenz trägt die Melanomfrage nicht. Seit 2018 ist keine randomisierte Melanom-Präventionsstudie nachgelegt worden; ONTRANS 2023 hat den Optimismus für Transplantierte gebremst, und das NCI-PDQ stuft den Nutzen weiter als unzureichend ein.
Praktisch heißt das: Wer mehrere Plattenepithelkarzinome oder eine schwere Feldkanzerisierung hat, kann mit der Hautärztin oder dem Hautarzt 500 mg Nicotinamid zweimal täglich als Zusatz zu UV-Schutz besprechen. Wer vor allem Melanome fürchtet, gewinnt mehr durch konsequenten Lichtschutz, Solarienverzicht und das ernsthafte Anschauen neuer oder veränderter Male.
Die Kapsel aus dem Regal ist kein Screening und kein Heilversprechen. Form, Dosis und Ziel müssen zur eigenen Vorgeschichte passen. Ändert sich ein Mal, blutet es oder erscheint ein dunkler Streifen ohne Verletzung, zählt der Termin in der Praxis höher als jede Ergänzung.
Quellen
- Chen AC, Martin AJ et al.: A Phase 3 Randomized Trial of Nicotinamide for Skin-Cancer Chemoprevention. New England Journal of Medicine, 22. Oktober 2015.
- Allen NC, Martin AJ et al.: Nicotinamide for Skin-Cancer Chemoprevention in Transplant Recipients. New England Journal of Medicine, 2. März 2023.
- Malesu R, Martin AJ et al.: Nicotinamide for skin cancer chemoprevention: effects of nicotinamide on melanoma in vitro and in vivo. Photochemical & Photobiological Sciences, 8. Januar 2020.
- National Cancer Institute: Skin Cancer Prevention (PDQ®)–Health Professional Version. National Cancer Institute, Stand: 2025.
- National Institutes of Health Office of Dietary Supplements: Niacin – Health Professional Fact Sheet. National Institutes of Health, Stand: 2024.
- American Cancer Society: Key Statistics for Melanoma Skin Cancer. American Cancer Society, 12. August 2026.
- American Cancer Society: Causes, Risk Factors, and Prevention of Melanoma Skin Cancer. American Cancer Society, 12. August 2026.
- Mayo Clinic Staff: Melanoma – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 30. Dezember 2023.
- Mayo Clinic Staff: Niacin – Mayo Clinic. Mayo Clinic, 21. März 2025.
- Hunter AL, Bermudez R: Mohs Micrographic Surgery: Chemoprophylaxis Options for Nicotinamide and Oral Retinoids. StatPearls, 4. Mai 2025.
- American Academy of Dermatology: How to prevent skin cancer. American Academy of Dermatology, Stand: 2025.
