McDonald-Kriterien für die Diagnose der MS

McDonald-Kriterien für die Diagnose der MS

Die McDonald-Kriterien sind die international genutzten Regeln, mit denen Multiple Sklerose festgestellt wird. In der Fassung von 2024 kann die Diagnose in typischen Fällen schon nach einem Schub stehen, wenn Bildgebung und Liquor die räumliche Verteilung typischer Läsionen und einen passenden Biomarker zeigen. Ein zweiter Schub oder eine zweite Magnetresonanztomografie sind dann nicht mehr in jedem Fall nötig.

Die Kriterien ersetzen weder Anamnese noch neurologische Untersuchung. Sie bündeln klinische Zeichen, MRT, Liquor und in ausgewählten Situationen Sehnerv-Tests zu einem gemeinsamen Rahmen. Ältere Texte, die noch die Fassung von 2010 wiedergeben, beschreiben einen langsameren Weg. Damals fehlte der Sehnerv als eigene Region, und der Zeitnachweis war fast immer Pflicht. NICE verweist seit der Anpassung 2026 ausdrücklich auf die revidierten Regeln von 2024.

Weltweit leben nach dem Atlas of MS von 2020 rund 2,8 Millionen Menschen mit der Erkrankung, so das MSD Manual. Der Beginn liegt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, Frauen sind häufiger betroffen. Eine einzelne Untersuchung reicht nicht. Die Mayo Clinic betont, dass Diagnose immer Kombination aus Verlauf, Untersuchung, MRT und Ausschluss ähnlicher Krankheiten bedeutet.

Was legen die McDonald-Kriterien fest?

Die McDonald-Kriterien legen fest, wann klinische Schübe, MRT-Läsionen und Laborbefunde zusammen als Multiple Sklerose gelten dürfen. Sie gelten nur, wenn keine andere Erkrankung das Bild besser erklärt. Das internationale Panel unter Leitung von Xavier Montalban hat die Regeln 2024 überarbeitet und 2025 im Lancet Neurology veröffentlicht. Ziel war ein einheitlicher Weg für schubförmige und progrediente Verläufe, vom Kindesalter bis zu Erstvorstellungen jenseits der 50.

Seit 2001 ersetzen die Kriterien rein klinische Schemata wie die Poser-Regeln. Revisionen 2005, 2010 und 2017 haben die Magnetresonanztomografie schrittweise aufgewertet. Die Fassung 2017, geleitet von Alan Thompson, erlaubte erstmals, dass oligoklonale Banden im Liquor den Zeitnachweis ersetzen, wenn nach einem typischen klinisch isolierten Syndrom schon die räumliche Verteilung steht. Symptomatische Läsionen in Großhirn, Hirnstamm oder Rückenmark durften mitzählen, kortikale Herde ebenfalls. Offen blieb der Sehnerv, und fortgeschrittene MRT-Marker fehlten noch.

Die Revision 2024 verschiebt den Schwerpunkt weiter in Richtung biologischer Hinweise. Das Panel beschreibt Multiple Sklerose als Spektrum statt als starre Verlaufstypen. Typische Attacken bleiben der häufigste Einstieg, etwa neun von zehn Erstvorstellungen. Dazu zählen einseitige Sehnerventzündung, Hirnstamm- oder Kleinhirnzeichen und eine unvollständige Rückenmarksentzündung, jeweils länger als 24 Stunden und ohne Fieber. Etwa jede zehnte Person startet mit schleichender Behinderung über mindestens zwölf Monate. Auch unspezifische Beschwerden oder zufällige MRT-Befunde können den Kriterienweg eröffnen, wenn die Bildgebung und ein Biomarker zusammenpassen.

Angewendet werden die Regeln durch Fachärztinnen und Fachärzte für Neurologie. NICE verlangt die Überweisung an eine Fachabteilung, sobald ein neurologischer Schub nach Anamnese und Untersuchung wahrscheinlich ist. Hausärztliche Verdachtsmomente ersetzen die formale Diagnose nicht.

Doktor, der Anmerkungen überprüft

Was bedeutet Ausbreitung im Raum?

Ausbreitung im Raum bedeutet, dass typische Entmarkungsherde in mindestens zwei von fünf festgelegten Regionen des zentralen Nervensystems liegen. Die fünf Orte sind der Sehnerv, die periventrikuläre weiße Substanz, Rinde oder juxtakortikale Zone, die infratentorielle Region und das Rückenmark. Zwei passende Regionen erfüllen den räumlichen Nachweis. Bei Beginn mit schleichender Progression können auch zwei Rückenmarksherde diesen Nachweis ersetzen.

Bis 2017 zählten nur vier Hirn- und Rückenmarksorte. Der Sehnerv fehlte, obwohl viele Menschen mit einer einseitigen Sehnerventzündung vorstellig werden. Mehrere Studien zeigten laut Cleveland Clinic, dass die fünfte Region die Empfindlichkeit steigert, ohne die Spezifität zu opfern. Nachweisen lässt sich der Sehnerv über eine orbitanahe MRT mit fettsupprimierten Sequenzen, über optische Kohärenztomografie oder über visuell evozierte Potenziale.

Für die optische Kohärenztomografie gelten enge Schwellen. Ein Seitenunterschied der peripapillären Nervenfaserschicht von mindestens 6 Mikrometern oder der Ganglienzell-Innenplexusschicht von mindestens 4 Mikrometern kann eine demyelinisierende Sehnervschädigung stützen, sofern andere Augenerkrankungen ausgeschlossen sind. Bei evozierten Potenzialen spricht eine P100-Latenz von 2,5 Standardabweichungen über dem labor eigenen Mittelwert für eine Leitungsverzögerung. Beidseitige Auffälligkeiten ohne Seitenunterschied sind schwer zu deuten und zählen dann nicht.

Hirnläsionen sollen in der Regel mindestens 3 Millimeter messen. Periventrikuläre Herde berühren die Ventrikelwand, juxtakortikale Herde stoßen ohne dazwischenliegende weiße Substanz an die Rinde. Infratentoriell liegen Brücke, Kleinhirn und benachbarte Bahnen. Rückenmarksherde sind oft kurzstreckig und unvollständig. Lange, beidseitige oder chiasmanahe Sehnervschäden lenken eher zu anderen Entzündungskrankheiten. Die MAGNIMS-CMSC-NAIMS-Empfehlung 2024 verlangt diagnostische Aufnahmen von Gehirn und Rückenmark, nicht nur einen Schädelscan.

Vier oder fünf typische Regionen können bei einem klaren Schub oder einer dokumentierten Progression die Diagnose ohne zusätzlichen Zeitnachweis tragen. Das ist der größte Unterschied zur älteren Logik, die räumliche und zeitliche Streuung fast immer gemeinsam forderte.

Wann braucht es noch den Zeitnachweis?

Der Zeitnachweis bleibt ein gültiger Weg, ist aber seit 2024 nicht mehr in jeder Konstellation Pflicht. Er ist erfüllt, wenn auf einer Aufnahme gleichzeitig eine Gadolinium-anreichernde und eine nicht anreichernde Läsion liegen, wenn eine spätere MRT neue Herde zeigt oder wenn ein weiterer typischer Schub folgt. Wo diese Zeichen fehlen, können Liquor oder hochspezifische MRT-Marker die Lücke schließen.

Die ältere Vorstellung, Schaden müsse an getrennten Kalendertagen sichtbar sein, stammt aus der Zeit vor der breiten MRT-Nutzung. Schon 2017 durften liquor-spezifische oligoklonale Banden den zweiten Zeitpunkt ersetzen. 2024 geht das Panel weiter. Bei typischem Schub oder typischer Progression und Läsionen in vier oder fünf Regionen entfällt die zeitliche Forderung ganz. Bei zwei oder drei Regionen reicht eines von drei Zusatzelementen: Zeitnachweis, positiver Liquor oder positives Zentralvenen-Zeichen.

Nur eine Region reicht selten. Dann braucht es eine Kombination, etwa Zeitnachweis oder Liquor plus Zentralvenen-Zeichen oder mindestens eine paramagnetische Randläsion. Ohne jede typische Region bleibt die Diagnose nach den Kriterien offen. Die Cleveland Clinic stellt diese Stufen als Mindestgerüst dar und rät, im Zweifel mehr Belege zu sammeln statt die untere Schwelle anzusteuern.

Anatomische Regionen Zusätzliche Befunde bei typischem Schub oder Progression
4 oder 5 Keiner nötig
2 oder 3 Zeitnachweis oder Liquor oder Zentralvenen-Zeichen
1 Zeitnachweis oder Liquor plus Zentralvene oder Eisenrand
0 Diagnose nach den Kriterien nicht möglich

Bei Zufallsbefunden ohne typischen Schub liegt die Schwelle höher. Mindestens zwei Regionen plus Zeitnachweis, Liquor oder Zentralvenen-Zeichen sind dann nötig. Eine isolierte unspezifische Läsion begründet keine Diagnose.

Welche Rolle spielen Liquor und Kappa-Index?

Ein positiver Liquor zeigt eine Antikörperproduktion im zentralen Nervensystem und kann den Zeitnachweis ersetzen, sobald die räumliche Verteilung steht. Als positiv gelten liquor-spezifische oligoklonale Banden oder ein erhöhter Index freier Kappa-Leichtketten. Beide gelten in der Fassung 2024 als austauschbar. Der klassische IgG-Index allein reicht nach dem Panel nicht mehr.

Oligoklonale Banden sind Immunglobulin-Streifen, die im Liquor erscheinen und im parallel entnommenen Serum fehlen. Sie finden sich laut Cleveland Clinic bei nahezu 90 Prozent der Menschen mit gesicherter Multipler Sklerose, seltener bei Neuromyelitis-optica-Spektrum und MOG-Antikörperkrankheit. Der Nachweis braucht Isoelektrische Fokussierung und Erfahrung im Labor. Das erklärt, warum das Panel 2024 eine quantitative Alternative aufgenommen hat.

Freie Kappa-Leichtketten entstehen, wenn B-Zellen im Zentralnervensystem Immunglobuline bilden. Der Kappa-Index setzt Liquor- und Serumwerte ins Verhältnis. Eine Übersichtsarbeit, die die Cleveland Clinic zitiert, fand mittlere Sensitivität von 88 Prozent und Spezifität von 89 Prozent, vergleichbar mit Banden. Ein Index von 6,1 oder höher gilt über Plattformen hinweg häufig als Hinweis auf entzündliche Aktivität, jedes Labor soll den Schwellenwert aber an das eigene Verfahren anpassen. Die Mayo Clinic nennt den Kappa-Test schneller und oft günstiger als die klassische Bandenanalyse.

Eine Lumbalpunktion ist nicht in jedem Fall nötig. Fehlt der Zeitnachweis im MRT und bleibt die räumliche Lage knapp, kann der Liquor die Diagnose vorziehen. Gleichzeitig hilft die Untersuchung, Infektionen und andere Entzündungen abzugrenzen. Blut im Röhrchen oder atypische Zellzahlen mahnen zur Vorsicht. NICE verlangt, dass Laborwerte nur im Verbund mit Klinik und Bildgebung gelesen werden.

Welche MRT-Zeichen stützen die Diagnose?

Zwei neu aufgenommene MRT-Zeichen können die Diagnose stützen, wenn das übliche Bild nicht reicht: das Zentralvenen-Zeichen und paramagnetische Randläsionen. Beide brauchen suszeptibilitätsempfindliche Sequenzen und ersetzen weder Klinik noch den Ausschluss von Nachahmern. Die MAGNIMS-Gruppe empfiehlt diese Sequenzen in diagnostischen Protokollen, weil sie spätere Wiederholungsaufnahmen sparen können.

Das Zentralvenen-Zeichen zeigt eine dünne Vene, die eine Läsion mittig durchzieht. Es spiegelt die perivenöse Entmarkung wider, die Pathologen seit Langem kennen. Kleingefäßschäden, Migräneherde und viele andere Entzündungen tragen dieses Zeichen seltener. Die in die Kriterien übernommene Sechs-Läsionen-Regel gilt als positiv, wenn mindestens sechs Herde eine Zentralvene zeigen oder, bei weniger als zehn Herden insgesamt, die Mehrheit. Eine Metaanalyse, die die Cleveland Clinic anführt, kam auf etwa 82 Prozent Sensitivität und 89 Prozent Spezifität.

Paramagnetische Ränder markieren chronisch aktive Plaques mit eisenhaltigen Mikrogliazellen am Rand. In derselben Übersicht lag die Spezifität bei etwa 99 Prozent, die Sensitivität nur bei 56 Prozent. Deshalb nutzt das Panel den Eisenrand enger. Er hilft vor allem, wenn nur eine Region betroffen ist und zugleich Zeitnachweis oder Liquor vorliegen. Bei Kindern reichen die Daten für diesen Marker noch nicht.

Geräte mit 3 Tesla erfassen beide Zeichen zuverlässiger als 1,5 Tesla, auch niedrigere Feldstärken können sie zeigen. Kontrastmittel bleibt sinnvoll, um aktive von älteren Herden zu trennen, ist aber kein Ersatz für die neuen Sequenzen. Fettsättigung an der Orbita sucht den Sehnerv, FLAIR und T2 zeigen T2-helle Plaques. Ein unauffälliges Rückenmark bei älteren Menschen mit vielen unspezifischen Marklagerherden senkt die Wahrscheinlichkeit für Multiple Sklerose.

Kann MS nach einem einzigen Schub feststehen?

Ja. Nach einem typischen ersten Schub kann Multiple Sklerose feststehen, wenn die räumliche Verteilung und mindestens ein zugelassenes Zusatzelement vorliegen. Das klinisch isolierte Syndrom bleibt der Name für den ersten entzündlichen Vorfall. Es ist keine eigene Krankheit neben der Multiplen Sklerose, sondern oft ihr sichtbarer Beginn.

Bis 2010 mussten Betroffene häufig auf einen zweiten Schub oder eine zweite MRT warten. 2017 verkürzte den Weg, indem Banden den Zeitnachweis ersetzen durften. 2024 verkürzt ihn weiter, weil vier Regionen ohne Zeitnachweis genügen und weil Zentralvenen-Zeichen oder Kappa-Index zusätzliche Türen öffnen. Manche Menschen, die früher jahrelang unter der Bezeichnung klinisch isoliertes Syndrom geführt wurden, erfüllen jetzt die formale Diagnose.

Das radiologisch isolierte Syndrom beschreibt typische MRT-Herde ohne bisherigen Schub, oft entdeckt bei Kopfschmerzabklärung. Lange galt es als Vorstufe, nicht als Diagnose. Die Revision 2024 erlaubt die Feststellung von Multipler Sklerose, wenn mindestens zwei Regionen betroffen sind und Zeitnachweis, positiver Liquor oder positives Zentralvenen-Zeichen hinzukommen. Das Panel betont zugleich, dass Zufallsbefunde leicht überinterpretiert werden. Unspezifische periventrikuläre Punkte ohne Rückenmark, ohne Liquor und ohne Zentralvene bleiben Beobachtungsfälle.

NICE rät, bei Verdacht ohne erfüllte Kriterien einen Wiedervorstellungstermin zu planen, zum Beispiel jährlich, und klare Ansprechpartner für neue Ausfälle zu nennen. Eine frühere Diagnose kann den Zugang zu verlaufsmodifizierenden Mitteln öffnen. Sie verpflichtet niemanden automatisch zu einem bestimmten Präparat. Therapieentscheidung und Diagnosekriterien bleiben getrennte Fragen.

Eine Frau in einem MRI-Scanner

Gelten dieselben Regeln bei progredienter MS?

Ja. Schubförmiger und primär progredienter Beginn laufen seit 2024 in einem gemeinsamen Schema. Der einzige bleibende Unterschied betrifft das Rückenmark. Weil viele Menschen mit Progression vom ersten Tag an vor allem dort Läsionen tragen und das Gehirn vergleichsweise leer wirkt, erfüllen zwei charakteristische Rückenmarksherde den räumlichen Nachweis.

Frühere Fassungen forderten für die primär progrediente Form ein Jahr dokumentierter Verschlechterung plus zwei von drei Elementen: Hirnherde in typischen Regionen, mindestens zwei Rückenmarksherde, positiver Liquor. Der neue Rahmen hält das Jahr Progression fest, fügt aber dieselben Biomarker hinzu wie beim Schub. Zeitnachweis, Liquor oder Zentralvenen-Zeichen können die Diagnose stützen, wenn die räumliche Lage knapp bleibt.

MedlinePlus unterscheidet weiter schubförmig-remittierende, sekundär progrediente und primär progrediente Verläufe, weil Verlauf und Therapieplanung davon abhängen. Die diagnostische Tür ist trotzdem dieselbe. Isolierte Rückenmarksherde ohne Hirnbefund und ohne Liquor bleiben unsicher. Kompression, Mangelerscheinungen und andere Myelopathien müssen dann zuerst ausgeschlossen werden.

Ein schleichender Gang über Monate, steife Beine, Blasenstörung und fehlende klare Schübe sollten zur Fachabteilung führen, nicht zum Abwarten auf einen „richtigen“ Relaps. Wärme kann vorhandene Zeichen vorübergehend verstärken, das Uhthoff-Phänomen. Es ersetzt keinen Schub und begründet allein keine Diagnose.

Welche Krankheiten müssen zuerst ausgeschlossen werden?

Die Kriterien dürfen erst greifen, wenn keine bessere Erklärung für Klinik und Bild vorliegt. Multiple Sklerose bleibt eine Ausschlussdiagnose. Gefäßschäden, Migräneherde, Infektionen, Stoffwechselstörungen, Tumoren und andere Autoimmunerkrankungen können einzelne Bausteine nachahmen. Die Abklärung richtet sich nach Alter, Vorerkrankungen und dem konkreten Syndrom, nicht nach einer starren Labormaske.

Zwei entzündliche Nachahmer verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung mit Aquaporin-4-Antikörpern und die MOG-Antikörperkrankheit können Sehnerv und Rückenmark befallen, oft mit längeren, beidseitigen oder chiasmanahen Läsionen. Die Mayo Clinic empfiehlt gezielte Bluttests, vor allem bei Menschen asiatischer oder afroamerikanischer Herkunft und bei atypischem Verlauf. Niedrige Titer sind vorsichtig zu lesen. Zellbasierte Assays sind zuverlässiger als ältere Verfahren.

Kopfschmerzbedingte Marklagerveränderungen häufen sich mit dem Alter und bei Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung oder Diabetes. Sie liegen oft tiefer in der weißen Substanz und tragen selten eine Zentralvene. Das Panel verlangt deshalb bei Menschen ab 50 Jahren oder mit Gefäßrisiko zusätzliche Stützen, etwa Rückenmarksherde, Liquor oder Zentralvenen-Zeichen. Ein isoliertes „Flecken-MRT“ ohne passende Klinik ist kein Freibrief für die Diagnose.

NICE warnt davor, Multiple Sklerose zu vermuten, wenn Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Schwindel oder unbestimmte Missempfindungen das einzige Bild sind und fokale Ausfälle fehlen. Blutuntersuchungen können Schilddrüse, Mangelzustände und systemische Entzündungen abdecken. Die Liste ist individuell, nicht vollständig abarbeitbar in einem festen Paket.

Wann zum Neurologen, wann in die Notaufnahme?

Typische, über mehr als 24 Stunden entstandene Ausfälle gehören zum Neurologen, nicht in die Selbstbeobachtung über Monate. NICE nennt als häufige Einstiege den schmerzhaften Sehverlust eines Auges, Doppelbilder, aufsteigende Gefühls- oder Kraftstörung, das Lhermitte-Zeichen beim Beugen des Nackens sowie schleichende Gang- und Gleichgewichtsstörung. Menschen unter 50 mit einem früheren, damals unerklärten neurologischen Ereignis verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Hausärztinnen und Hausärzte sollen zuerst prüfen, ob wirklich ein neurologischer Vorfall vorliegt, und häufigere Ursachen ausschließen. Danach folgt die Überweisung an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Neurologie. Isolierte Sehnerventzündung, bestätigt durch Augenheilkunde, gehört ebenfalls dorthin. MedlinePlus rät zum Kontakt, wenn neue Zeichen auftreten oder bekannte Beschwerden trotz Behandlung zunehmen.

Plötzliche Schwäche oder Taubheit eines Arms, plötzlicher Sehverlust oder akute Gleichgewichtsstörung können einen Schlaganfall bedeuten. Der NHS verlangt dann den Notruf oder die Notaufnahme, nicht das Abwarten auf einen geplanten Fachtermin. Fieberhafte Infekte können vorhandene MS-Zeichen vorübergehend verstärken. Neue, stetig zunehmende Ausfälle ohne Infekt sind kein Grund zum Zuwarten.

Wer bereits eine Diagnose hat, braucht laut NICE innerhalb von sechs Wochen nach Feststellung ein persönliches Gespräch zur Einordnung, zu verlaufsmodifizierenden Mitteln und zu Unterstützungsangeboten. Ein jährlicher Gesamtcheck soll klären, ob sich der Verlauf ändert. Diagnosekriterien steuern diesen Termin nicht, sie erklären nur, warum die Feststellung früher greifen kann als noch 2010.

Gelten die Kriterien auch bei Kindern und ab 50?

Ja, dasselbe Gerüst gilt für Kinder und für Erstvorstellungen im höheren Alter, mit klaren Vorsichtsregeln. Bei Kindern darf das Schema nicht auf eine akute disseminierte Enzephalomyelitis angewendet werden. Unter zwölf Jahren gehört die Bestimmung von MOG-Antikörpern zur Pflichtabklärung, über zwölf Jahren bei atypischen Zügen. Das Zentralvenen-Zeichen zählt bei Kindern erst, wenn mehr als die Hälfte der Läsionen eine Vene zeigt. Die Sechs-Läsionen-Regel ist in dieser Altersgruppe nicht ausreichend geprüft.

Optische Kohärenztomografie und evozierte Potenziale sind bei Kindern weniger gut standardisiert. Alterstypische Normwerte fehlen teilweise. Die Cleveland Clinic nutzt die Netzhautmessung trotzdem regelmäßig, wertet sie aber vorsichtiger. Paramagnetische Ränder dürfen die Kinderdiagnose nach aktuellem Stand nicht allein tragen.

Ab 50 Jahren steigen unspezifische Marklagerveränderungen. Das Panel empfiehlt dort und bei Migräne oder Gefäßrisiko zusätzliche Marker. Rückenmarksherde, Liquor oder Zentralvenen-Zeichen machen die Zuordnung belastbarer. Eisenränder sind hochspezifisch, das Panel hat sich für diese Altersgruppe jedoch nicht auf eine formale Pflicht geeinigt. Die Cleveland Clinic setzt sie trotzdem ein, um Gefäßschäden von Entmarkung zu trennen.

Familienplanung, Beruf und Führerschein ändern die Diagnose nicht, aber das Gespräch danach. NICE verlangt Hinweise auf Meldepflichten im Straßenverkehr und auf sozialrechtliche Ansprüche. Eine frühere Feststellung soll den Weg zu Behandlung und Rehabilitation öffnen, nicht die Lebensplanung automatisch umwerfen.

Häufige Fragen

Reichen die McDonald-Kriterien allein für die Diagnose?

Nein. Die Kriterien greifen erst, wenn Anamnese, Untersuchung und Bild zusammenpassen und keine bessere Erklärung bleibt. Sie sind ein Gerüst für Fachärztinnen und Fachärzte, kein Selbsttest anhand eines MRT-Befunds. NICE verlangt die Feststellung durch Neurologie oder durch eine unter ihrer Aufsicht arbeitende Spezialistin.

Kann MS ohne Lumbalpunktion festgestellt werden?

Ja, wenn Klinik und MRT den räumlichen und, wo nötig, den zeitlichen Nachweis schon tragen. Vier typische Regionen nach einem klaren Schub können ohne Liquor ausreichen. Fehlt der Zeitnachweis oder bleibt die Lage knapp, kann die Punktion die Diagnose vorziehen. Die Mayo Clinic nennt den Kappa-Index als mögliche, oft schnellere Alternative zu Banden.

Was ändert sich an einer bestehenden MS-Diagnose?

An einer bereits gesicherten Feststellung ändert die Revision 2024 nichts. Neu ist der Weg für Menschen, die bisher als klinisch oder radiologisch isoliertes Syndrom geführt wurden. Manche erfüllen jetzt die formale Diagnose und können über verlaufsmodifizierende Mittel sprechen. Ob behandelt wird, bleibt eine getrennte Entscheidung.

Zählt eine Sehnerventzündung jetzt für die Diagnose?

Ja. Der Sehnerv ist seit 2024 die fünfte Region für die räumliche Verteilung. Nachweisbar ist er über orbitanahe MRT, optische Kohärenztomografie oder visuell evozierte Potenziale. Beidseitige, lange oder chiasmanahe Läsionen lenken eher zu NMOSD oder MOGAD und zählen nicht automatisch als MS-Sehnerv.

Wie sicher sind die neuen MRT-Zeichen?

Das Zentralvenen-Zeichen nach der Sechs-Läsionen-Regel erreichte in einer Metaanalyse etwa 82 Prozent Sensitivität und 89 Prozent Spezifität. Paramagnetische Ränder waren sehr spezifisch, aber nur bei gut der Hälfte der Erkrankten sichtbar. Beide Zeichen brauchen geeignete Sequenzen und erfahrene Befundung. Sie ersetzen den Ausschluss von Nachahmern nicht.

Was ist der Unterschied zu NMOSD und MOGAD?

Beide können Sehnerv und Rückenmark entzünden, folgen aber anderen Antikörpern und oft anderen MRT-Mustern. Lange, beidseitige oder chiasmanahe Sehnervschäden und lange Rückenmarksherde sprechen gegen typische Multiple Sklerose. Zellbasierte Tests auf Aquaporin-4 und MOG gehören dann zur Abklärung. Die Behandlung unterscheidet sich, eine Verwechslung kann schaden.

Überprüfung von MRI-Scans

Fazit

Wer über mehr als einen Tag anhaltende, fokale Ausfälle bemerkt, etwa schmerzhaften Sehverlust eines Auges, aufsteigende Taubheit oder neue Beinschwäche, holt zeitnah neurologischen Rat. Die McDonald-Kriterien von 2024 können die Feststellung beschleunigen, weil der Sehnerv mitzählt, der Kappa-Index Banden ersetzen darf und vier typische Regionen den Zeitnachweis entbehrlich machen. Sie heilen die Erkrankung nicht. MedlinePlus und der NHS halten fest, dass es keine Heilung gibt, verlaufsmodifizierende Mittel Schübe und Behinderung aber oft dämpfen können.

Plötzliche einseitige Lähmung, akuter Sehverlust oder schlagartig gestörtes Gleichgewicht gehören in die Notaufnahme, weil ein Schlaganfall dasselbe Bild liefern kann. Müdigkeit oder unbestimmte Missempfindungen allein begründen den Verdacht nicht. Wer bereits eine Diagnose hat, braucht keinen neuen Stempel durch die Revision. Neu ist der Weg für Erstvorstellungen, einschließlich mancher Zufallsbefunde mit klarer Bildgebung und Biomarker.

Der nächste sinnvolle Schritt ist ein Termin in der Neurologie mit MRT von Gehirn und Rückenmark, nicht der Versuch, einen schriftlichen Befund selbst den Tabellen zuzuordnen. Fragen zu Liquor, Sehnervmessung und Therapie gehören dorthin, wo die Kriterien angewendet und Nachahmer ausgeschlossen werden.

Quellen

  1. Montalban X, Lebrun-Frénay C, Oh J et al.: Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria. The Lancet Neurology, 1. Oktober 2025.
  2. Thompson AJ, Banwell BL, Barkhof F et al.: Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. The Lancet Neurology, 21. Dezember 2017.
  3. Barkhof F, Reich DS, Oh J et al.: 2024 MAGNIMS-CMSC-NAIMS consensus recommendations on the use of MRI for the diagnosis of multiple sclerosis. The Lancet Neurology, 1. Oktober 2025.
  4. Cleveland Clinic: Diagnosing MS Using the 2024 McDonald Criteria. Cleveland Clinic, Stand: 2025.
  5. NICE: Multiple sclerosis in adults: management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 2026.
  6. Mayo Clinic: Multiple sclerosis – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2026.
  7. MedlinePlus: Multiple sclerosis. MedlinePlus, 27. Januar 2026.
  8. NHS: Multiple sclerosis. National Health Service, 16. August 2024.
  9. Levin MC: Multiple Sclerosis (MS). MSD Manual Professional Edition, Stand: April 2026.
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