MS-Bluttest Neurofilament: Krankheitsaktivität messen

MS-Bluttest Neurofilament: Krankheitsaktivität messen

Ein Bluttest auf die Neurofilament-Leichtkette kann bei Multipler Sklerose anzeigen, ob in den vergangenen Wochen Nervenfasern im Gehirn oder Rückenmark geschädigt wurden. Die Magnetresonanztomografie bleibt unentbehrlich, weil nur sie Ort und Stadium der Herde zeigt; der Serumwert ergänzt sie als wiederholbares Maß für frische axonale Verletzungen.

Die Weltgesundheitsorganisation nennt mehr als 1,8 Millionen Betroffene weltweit. Die Cleveland Clinic (Januar 2024) spricht von fast einer Million Erwachsenen in den Vereinigten Staaten. Eine Heilung gibt es nicht, schreibt die Mayo Clinic (November 2024); mehr als zwanzig zugelassene verlaufsmodifizierende Mittel können Schübe und neue MRT-Herde aber deutlich senken. Aus einer norwegischen Kohorte von 2018 ist inzwischen ein internationaler Fachkonsens geworden. Serum-NfL gehört neben Klinik und Bild zur Entscheidungsgrundlage, ersetzt aber keine davon.

Was der Neurofilament-Bluttest misst

Neurofilamente sind stützende Eiweiße im Inneren von Nervenzellen. Zerfallen Axone durch Entzündung, Alterung oder Trauma, gelangen Bruchstücke in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit und in kleiner Menge ins Blut. Die Neurofilament-Leichtkette (NfL) ist der am besten untersuchte dieser Bausteine. Ein internationales Gremium des Consortium of Multiple Sclerosis Centers hielt 2024 in eBioMedicine fest, dass ein erhöhter Spiegel neuronale Schädigung anzeigt, nicht aber die Diagnose Multiple Sklerose sichert.

Denselben Anstieg findet man nach Schädel-Hirn-Trauma, bei amyotropher Lateralsklerose und bei Alzheimer-Krankheit. Für die Unterscheidung „MS oder etwas anderes“ taugt der Wert deshalb kaum. In der Flüssigkeit um Gehirn und Rückenmark liegt die Konzentration nach dem Konsens bis zum Hundertfachen höher als im Serum. Eine Lumbalpunktion bleibt invasiv und eignet sich nicht für häufige Wiederholungen. Ultrasensitive Einzelmolekül-Assays, vor allem das Simoa-Verfahren mit dem Quanterix-NF-Light-Test, machen die winzigen Serum-Mengen messbar; die untere Bestimmungsgrenze liegt bei etwa 0,1 Pikogramm pro Milliliter.

Gesunde Erwachsene zwischen 20 und 50 Jahren liegen laut demselben Papier grob bei 5 bis 10 Pikogramm pro Milliliter. Nach dem 50. Lebensjahr steigt die Kurve steiler, auch ohne Entzündung. Der Serumwert spiegelt vor allem die letzten etwa drei Monate wider, nicht die Summe aller alten Narben. Genau darin liegt der Nutzen für die Verlaufskontrolle. Ein Anstieg kann neue, noch stumme Aktivität anzeigen, bevor die nächste Jahres-MRT fällig ist.

Ärztin mit Blutprobe

Warum Klinik und MRT Lücken lassen

Weder Anamnese noch Bild allein fangen die ganze Krankheitsaktivität ein. Die Mayo Clinic betont, dass es keinen einzelnen Test für die Diagnose gibt; Geschichte, Untersuchung, MRT und oft eine Analyse des Nervenwassers müssen zusammenpassen. NICE verlangt seit der Änderung 2026 ausdrücklich die überarbeiteten McDonald-Kriterien von 2024 und eine Kombination aus Klinik, Bild und Labor. Blutuntersuchungen dienen dort vor allem dazu, andere Krankheiten auszuschließen, nicht die MS zu beweisen.

Die MRT zeigt, wo Herde sitzen und ob sie Kontrastmittel aufnehmen. Sie bleibt teuer, braucht Zeit und Kontrastmittel und bildet das Rückenmark in der Routine oft unvollständig ab. Zugleich haben nach Angaben der Mayo Clinic rund 95 Prozent der Menschen über 40 Jahre irgendwelche Auffälligkeiten im Kopf-MRT, vergleichbar mit Hautfalten. Ein „Fleck“ ist also nicht automatisch aktive MS. Umgekehrt kann axonale Schädigung im Rückenmark oder in kleinen Bahnen dem Standardprotokoll entgehen.

NICE empfiehlt mindestens einmal jährlich eine fachkundige Gesamtschau, die unter anderem Schübe des letzten Jahres, Gehfähigkeit, Blase, Stimmung und Kognition erfasst. Zwischen diesen Terminen bleibt ein Fenster, in dem stille Entzündung weiterlaufen kann. Serum-NfL füllt genau dieses Fenster, weil die Blutentnahme wenig belastet und sich in Abständen von wenigen Monaten wiederholen lässt. Der CMSC-Konsens 2024 nennt das ausdrücklich als Vorteil gegenüber der Bildgebung, warnt aber zugleich. Ohne Ortsinformation ersetzt der Laborzettel keine MRT.

Was die norwegische Kohorte 2018 zeigte

Varhaug und Kollegen veröffentlichten 2018 in Neurology Neuroimmunology & Neuroinflammation eine Längsschnittstudie an 85 Menschen mit schubförmig remittierender MS. Die Teilnehmenden kamen aus der OFAMS-Studie. Sechs Monate liefen ohne verlaufsmodifizierende Therapie, danach folgten 18 Monate Interferon-beta-1a unter die Haut, 44 Mikrogramm dreimal wöchentlich. Die MRT folgte anfangs monatlich, die Behinderungsskala EDSS alle sechs Monate, das Serum nach 0, 3, 6, 12 und 24 Monaten.

Neue, Gadolinium-aufnehmende T1-Herde gingen mit einem Median von 37,3 Pikogramm NfL pro Milliliter einher; ohne solche Herde lag der Median bei 28,0. Neue oder größer werdende T2-Herde zeigten dieselben Mediane, 37,3 gegen 27,7 Pikogramm. Steig der Wert bei derselben Person um 10 Pikogramm, erhöhten sich die Chancen auf einen neuen T1-Herd um den Faktor 1,48 und auf einen neuen T2-Herd um 1,62. Der Anstieg war schon bis zwei Monate vor und noch einen Monat nach dem MRT-Zeitpunkt messbar, also über ein Fenster von etwa drei Monaten.

Nach Beginn des Interferons sanken die NfL-Spiegel deutlich. Einen Zusammenhang mit einzelnen klinischen Schüben oder einem EDSS-Sprung um mindestens einen Punkt fand die kleine Kohorte nicht; die Nachbeobachtung war dafür vermutlich zu kurz. Chitinase-3-like-1 im Serum blieb über die zwei Jahre flach und hing weder mit der MRT-Aktivität noch mit der Interferon-Gabe zusammen. Die Autorinnen und Autoren formulierten vorsichtig, der Blutwert könne bei klinisch ruhigen Menschen eine eher schonende Ergänzung zur MRT sein, nicht deren Ersatz. Genau diese Zurückhaltung hat die spätere Forschung bestätigt und verfeinert.

Warum Z-Werte die Picogramm-Zahl ersetzen

Rohe Pikogramm-Zahlen täuschen, weil Alter und Körpergewicht den Spiegel verschieben. Benkert und die Schweizer MS-Kohorte modellierten 2022 in The Lancet Neurology 10 133 Blutproben von 5390 Menschen ohne ZNS-Erkrankung. Die Konzentration stieg mit dem Alter exponentiell und nach etwa 50 Jahren noch steiler. Ein höherer Body-Mass-Index senkte den gemessenen Serumwert, vermutlich über das größere Blutvolumen.

Aus diesem Referenzsatz entstanden Perzentile und Z-Werte, adjustiert für Alter und BMI. In 7769 Proben von 1313 Menschen mit MS zeigte ein Z-Wert über 1,5 ein erhöhtes Risiko für spätere klinische oder MRT-Aktivität, Chancenverhältnis 3,15 (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,35–4,23). Selbst bei formaler Ruhe ohne nachweisbare Krankheitsaktivität blieb das Risiko erhöht (Chancenverhältnis 2,66). Die Z-Skala schnitt besser ab als feste Rohschwellen. Eine schwedische Registerkohorte mit 4341 Personen bestätigte das Muster.

Auf Gruppenebene sanken die Z-Werte unter monoklonalen Antikörpern (Alemtuzumab, Natalizumab, Ocrelizumab, Rituximab) bis in den Bereich der Kontrollgruppe. Orale Mittel (Dimethylfumarat, Fingolimod, Siponimod, Teriflunomid) senkten sie weniger stark. Unter Interferonen und Glatirameracetat blieben sie im Mittel erhöht. Wer also 2018 nur „37 gegen 28 Pikogramm“ verglich, verglich oft Äpfel mit Birnen. Heute verlangt der CMSC-Konsens dieselbe Assay-Plattform über die Zeit und die Einordnung als Z-Wert oder Perzentil, nicht als magische Grenze.

Was den Blutwert verfälschen kann

Ein einzelner Ausreißer ohne Klinik und ohne frische MRT-Herde ist noch kein Therapiewechsel. Das CMSC-Papier 2024 und die Frontiers-Übersicht von Juni 2026 listen Störgrößen, die den Spiegel heben oder senken, obwohl die MS ruhig bleibt.

  • Das Lebensalter verschiebt den Erwartungswert; nach 50 bis 60 Jahren steigt er auch bei Gesunden steiler.
  • Ein höherer Body-Mass-Index geht oft mit niedrigeren Serumwerten einher, im Nervenwasser fehlt dieser Effekt.
  • Eine mindestens mittelschwere Nierenschwäche mit einer glomerulären Filtrationsrate unter 30 Millilitern pro Minute kann NfL anheben.
  • Diabetes mellitus schädigt periphere Nerven und kann den Blutwert unabhängig von der MS erhöhen.
  • Andere neurologische Krankheiten, ein frisches Trauma oder neurotoxische Behandlungen, etwa nach autologer Stammzelltransplantation, erzeugen eigene NfL-Gipfel.

Geschlecht und, soweit untersucht, die Hautfarbe verändern den Verlauf kaum. Bluthochdruck und erhöhte Blutfette zeigten in den ausgewerteten Kohorten keinen klaren Zusammenhang. Serum und Plasma sind nicht austauschbar; Serumwerte liegen oft etwas höher. Wer das Labor oder das Assay wechselt, braucht einen neuen Ausgangswert. Die Frontiers-Autoren raten ausdrücklich davon ab, eine isolierte Zahl zur alleinigen Begründung für eine Eskalation zu machen.

Wie der Test das Therapieansprechen abbildet

Sinkt Serum-NfL nach dem Start einer wirksamen Therapie, spricht das auf Gruppenebene für weniger neue T2-Herde nach zwei Jahren, weniger Hirnvolumenverlust und einen günstigeren EDSS nach vier Jahren. Der CMSC-Konsens 2024 bezieht sich auf Auswertungen hochwirksamer Mittel. Sechs Monate nach Beginn war ein Rückgang mit genau diesen späteren Bild- und Klinikmaßen verknüpft. Bleibt der Wert trotz Behandlung hartnäckig hoch, drohen nach vier Jahren schlechtere MRT-Befunde.

Die Mayo Clinic (2024) zählt mehr als zwanzig zugelassene verlaufsmodifizierende Präparate. Früh eingesetzt, können sie Schubrate und neue Herde senken; keines heilt die Krankheit. Die Interferon-Spritzen, die Varhaug noch prüfte, senken den Z-Wert laut Benkert seltener in den Kontrollbereich als heutige Antikörper-Infusionen.

Der CMSC-Zeitplan für Blutentnahmen ist pragmatisch. Nach einem Schub oder nach einer MRT mit Kontrastmittelherd folgt die Kontrolle in drei bis sechs Monaten. Vor einem Therapiewechsel wird ein neuer Ausgangswert gezogen, danach erneut nach drei bis sechs Monaten, abhängig davon, wie schnell das Mittel wirken soll. In ruhigen Phasen reicht die Taktung der üblichen Nachsorgetermine. Ein einzelner Abfall beweist nicht, dass nie wieder ein Herd entsteht; ein einzelner Anstieg beweist nicht, dass die laufende Therapie versagt.

Was aus CHI3L1 und anderen Markern geworden ist

Chitinase-3-like-1, auch YKL-40 genannt, wird von Mikroglia, Makrophagen und Astrozyten gebildet und steigt bei vielen chronischen Entzündungen. In der norwegischen RRMS-Kohorte 2018 blieb der Serumspiegel stumm. Weder neue MRT-Herde noch Interferon-beta-1a hinterließen eine Spur. Die Autoren erklärten das damit, dass CHI3L1 im Nervenwasser vor allem aus dem Gehirn stammt und die Blut-Hirn-Schranke zu schlecht überwindet, um im Serum die gleiche Geschichte zu erzählen.

Spätere Arbeiten haben CHI3L1 vor allem bei fortschreitenden Verlaufsformen und im Liquor weiterverfolgt, nicht als Ersatz für Serum-NfL bei schubförmiger Aktivität. Die Frontiers-Übersicht 2026 rückt stattdessen das saure Gliafaserprotein (GFAP) im Serum in den Blick. Es soll eher die chronische Astrozytenreaktion und fortschreitende Schädigung abbilden, während NfL die frische axonale Verletzung der letzten Wochen anzeigt. Der Zusatznutzen von GFAP ist noch Gegenstand von Studien. Für den Alltag bleibt NfL der einzige Blutmarker mit belastbarer, altersadjustierter Referenz und mit einem veröffentlichten Einsatzrahmen neben Klinik und MRT.

Einen diagnostischen Bluttest, der MS beweist, gibt es weiter nicht. MedlinePlus und die Mayo Clinic schreiben übereinstimmend, dass Blut vor allem andere, ähnlich aussehende Krankheiten ausschließt. Tests auf Kappa-freie Leichtketten im Nervenwasser können die ältere Suche nach oligoklonalen Banden ergänzen, gehören aber in die Erstpunktion, nicht in die vierteljährliche Röhrchenkontrolle.

Wann zum Arzt, wann Notruf

Neue Herde im Laborzettel ersetzen keine klinische Einschätzung. NICE beschreibt typische Erstzeichen. Dazu zählen Sehverlust auf einem Auge mit schmerzhaften Augenbewegungen, Doppelbilder, aufsteigende Gefühlsstörung oder Schwäche, das Lhermitte-Zeichen beim Vorbeugen des Nackens sowie schleichende Gang- und Gleichgewichtsstörungen. Symptome, die sich über mehr als 24 Stunden entwickeln, mehrere Tage anhalten und ohne Fieber auftreten, gehören zum Neurologen oder ins MS-Zentrum, nicht in die Selbstbeobachtung.

Die NHS-Seite (August 2024) zieht eine scharfe Grenze zur Notaufnahme. Plötzliche Schwäche oder Taubheit in einem Arm, plötzlicher Sehverlust oder plötzliche schwere Gleichgewichtsstörung können einen Schlaganfall bedeuten. Dann gilt der Notruf, in Deutschland 112, nicht der nächste Werktagstermin. Wer bereits MS hat und ein neues, über 24 Stunden anhaltendes fokal-neurologisches Defizit bemerkt, soll das Team kontaktieren, das NICE ausdrücklich im Behandlungsplan nennt.

Befund Typische Deutung Nächster Schritt
Sehverlust eines Auges über Stunden, Augenschmerz möglicher Schub, Optikusneuritis rasch Neurologie, oft innerhalb von 14 Tagen
Neue Lähmung oder aufsteigende Taubheit ohne Fieber möglicher Schub MS-Team; Steroide nur nach fachlicher Prüfung
Alte Symptome bei Hitze oder Fieber, die sich nach Abkühlung bessern oft Pseudoschub Ursache der Hitze oder Infekt behandeln, kein Automatik-Steroid
Plötzliche einseitige Schwäche oder akuter Sehverlust Schlaganfall möglich Notruf 112, nicht selbst fahren
Serum-NfL-Z-Wert über 1,5 bei ruhiger Klinik erhöhtes Risiko stiller Aktivität MRT und Therapie prüfen, nicht allein eskalieren

NICE definiert einen Schub als neue oder deutlich verstärkte neurologische Symptome, die länger als 24 Stunden dauern, nachdem andere Ursachen, vor allem Infekte, ausgeschlossen sind. Symptome, die länger als drei Monate bestehen, sollen nicht routinemäßig als Schub gelten. Orales Methylprednisolon 0,5 Gramm täglich über fünf Tage ist die dort genannte Standarddosis, wenn der Schub den Alltag spürbar einschränkt; niedrigere Steroiddosen sollen nicht verwendet werden, und niemand soll Vorratstabletten für den nächsten Schub nach Hause mitnehmen. Die Mayo Clinic ergänzt, dass Hitze oder anstrengender Sport alte Beschwerden vorübergehend verstärken können, ohne dass ein echter Schub vorliegt.

Was der Bluttest nicht ersetzen kann

Serum-NfL diagnostiziert keine MS. NICE (Änderung 2026) stützt die Diagnose auf Anamnese, Untersuchung, MRT und Labor nach den McDonald-Kriterien 2024. Blut-NfL steht in dieser Liste nicht. Der CMSC-Konsens 2024 und die Frontiers-Übersicht 2026 ordnen den Marker als Entscheidungshilfe für Prognose, stille Aktivität und Therapieantwort ein. Eine räumliche Karte der Herde, die Unterscheidung aktiver von alten Läsionen und die Suche nach zentralen Venenzeichen oder paramagnetischen Rändern bleiben Aufgabe der Bildgebung.

Auch die klinische Jahreskontrolle bleibt Pflicht. NICE verlangt mindestens einmal jährlich eine fachkundige Gesamtschau und rät Betroffenen, diese einzufordern, wenn sie ausbleibt. Blasenstörung, Fatigue, Stimmung, Kognition, Schmerz und Gehhilfen tauchen im Laborwert nicht auf. Die Cleveland Clinic (Januar 2024) und MedlinePlus betonen, dass Verlauf und Schwere von Mensch zu Mensch stark schwanken; manche behalten milde Ausfälle, andere verlieren Gehfähigkeit. Ein niedriger NfL-Wert ist kein Freibrief, Termine ausfallen zu lassen.

Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit sind unfertig. Assays verschiedener Hersteller liefern unterschiedliche Absolutwerte. Referenzkurven stammen vor allem aus europäischen und nordamerikanischen Kohorten. In manchen Ländern ist der Test bereits als klinische Laborleistung zugelassen, in anderen bleibt er Forschungs- oder Speziallabor. Wer ihn nutzen will, sollte denselben Anbieter, dasselbe Material (Serum oder Plasma) und eine alters- sowie BMI-adjustierte Einordnung verlangen und das Ergebnis mit der behandelnden Neurologie besprechen, nicht allein interpretieren.

Häufige Fragen

Kann der Bluttest die MRT ersetzen?

Nein. Der CMSC-Konsens 2024 und die Frontiers-Übersicht 2026 sehen Serum-NfL als Ergänzung, nicht als Ersatz. Die MRT zeigt, wo Herde liegen und ob sie frisch Kontrastmittel aufnehmen. Der Blutwert misst nur, dass irgendwo im zentralen Nervensystem in den letzten Wochen Axone verletzt wurden.

Was bedeutet ein Z-Wert über 1,5?

In der Arbeit von Benkert aus dem Jahr 2022 war ein alters- und BMI-adjustierter Z-Wert über 1,5 mit einem etwa dreifachen Risiko späterer klinischer oder MRT-Aktivität verknüpft. Das galt auch für Menschen, die nach Klinik und Bild ruhig wirkten. Eine Therapieentscheidung folgt daraus erst zusammen mit Untersuchung und Bild, nicht aus der Zahl allein.

Ist Neurofilament nur bei MS erhöht?

Nein. Jede frische axonale Schädigung kann den Spiegel heben, darunter Trauma, Schlaganfall, amyotrophe Lateralsklerose und Alzheimer-Krankheit. Deshalb eignet sich der Test nicht zur Erstdiagnose. Sein Platz ist die Verlaufskontrolle bei bereits gesicherter oder hochgradig wahrscheinlicher MS.

Wie oft sollte der Wert kontrolliert werden?

Nach Schub, kontrastmittelaufnehmender Läsion oder Therapiewechsel nennt der CMSC-Konsens 2024 ein Fenster von drei bis sechs Monaten. In ruhigen Phasen kann die Blutentnahme an die üblichen Kontrolltermine gekoppelt werden. Ein fester Weltstandard für das Intervall existiert nicht; NICE listet den Test in der Diagnostikleitlinie nicht.

Hilft der Test bei einem vermuteten Schub?

Er kann stützen, entscheidet aber nicht. NfL steigt oft im Umkreis von etwa drei Monaten um neue Gadolinium-Herde, also zeitlich unscharf. Ob ein neues Symptom ein Schub, ein Infekt oder eine hitzebedingte Schwankung ist, klären Anamnese, Untersuchung und oft eine MRT. Steroide verordnet NICE nur nach fachlicher Prüfung, nicht nach einem Laborwert.

Heilt eine niedrige Neurofilament-Zahl die MS?

Nein. Ein niedriger oder sinkender Wert spricht dafür, dass gerade wenig axonale Verletzung messbar ist, oft unter einer wirksamen Therapie. Die Mayo Clinic, die NHS und die WHO schreiben übereinstimmend, dass es keine Heilung gibt. Der Test misst Schaden, er beseitigt ihn nicht.

Fazit

Wer mit schubförmiger MS lebt, hat 2026 mehr als die MRT-CD und den Kalender der Jahressprechstunde. Serum-NfL kann zwischen den Terminen anzeigen, ob Axone frisch verletzt werden, und nach einem Therapiewechsel zeigen, ob der Z-Wert in Richtung gesunder Vergleichswerte fällt. Die Zahl gehört auf denselben Tisch wie Klinik und Bild, adjustiert für Alter und Gewicht, gemessen immer mit demselben Assay.

Ein Anstieg ohne Erklärung ist ein Grund für eine vorgezogene MRT und ein Gespräch über die laufende Therapie, kein automatischer Wechsel. Ein niedriger Wert ist kein Freibrief, neue Sehstörungen, Lähmungen oder eine über 24 Stunden anhaltende Gefühlsstörung zu ignorieren. Plötzliche einseitige Ausfälle gehören in den Notruf, weil sie auch ein Schlaganfall sein können.

Praktisch heißt das, denselben Laborweg zu nutzen, den eigenen Ausgangswert zu kennen, Hitze und Infekte als Scheinschübe ernst zu nehmen und das MS-Team so zu kontaktieren, wie NICE es im Behandlungsplan verlangt. Der Bluttest von 2018 ist erwachsen geworden. Er bleibt ein Werkzeug, kein Urteil.

Quellen

  1. Mayo Clinic: Multiple sclerosis – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 1. November 2024.
  2. Mayo Clinic: Multiple sclerosis – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2024.
  3. Freedman MS, Gnanapavan S et al.: Guidance for use of neurofilament light chain as a cerebrospinal fluid and blood biomarker in multiple sclerosis management. eBioMedicine, 13. Februar 2024.
  4. NICE: Multiple sclerosis in adults: management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 2026.
  5. Varhaug KN, Barro C et al.: Neurofilament light chain predicts disease activity in relapsing-remitting MS. Neurology Neuroimmunology & Neuroinflammation, 28. November 2017.
  6. Benkert P, Meier S et al.: Serum neurofilament light chain for individual prognostication of disease activity in people with multiple sclerosis: a retrospective modelling and validation study. The Lancet Neurology, März 2022.
  7. National Library of Medicine: Multiple Sclerosis. MedlinePlus, Stand: 2024.
  8. NHS: Multiple sclerosis. National Health Service, 16. August 2024.
  9. Cleveland Clinic: Multiple Sclerosis (MS). Cleveland Clinic, 25. Januar 2024.
  10. WHO: Multiple sclerosis. World Health Organization, 7. August 2023.
  11. Caminero AB, Fernández O: Serum neurofilament light chain in multiple sclerosis: from biological signal to clinically informed decision-making. Frontiers in Neurology, 24. Juni 2026.
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