
Traurige Kinder können nach einem Stimmungsumschwung mehr süße Snacks essen als Kinder in neutraler Laune; dasselbe Labor zeigte, dass auch Freude die Schokoladenmenge steigern kann. Das ist kein Beweis, dass jedes weinende Kind „zu viel essen muss“, sondern ein Hinweis, dass Gefühle den Griff zum Schrank früher lenken können als Hunger.
Emotionales Essen meint Essen als Antwort auf Gefühle, oft unabhängig von Sättigung. Bei Erwachsenen ist das Muster lange beschrieben. Bei Kindern wurde es früher vor allem über Fragebögen der Eltern gemessen. Seit der Laborarbeit von Tan und Holub in Appetite (April 2018) ist klarer, dass schon Grundschulkinder nach einer traurigen Filmszene mehr Energie aus Schokolade holen als nach einer neutralen. Aktuelle Leitlinien und Familienstudien rücken danach vor allem das elterliche Trösten mit Essen in den Mittelpunkt, nicht die Traurigkeit allein.
Ein Stück Kuchen nach einem enttäuschenden Spieltag bleibt gewöhnlich harmlos. Problematisch wird der Automatismus, wenn Essen zur ersten Lösung für Langeweile, Streit oder Angst wird. Dann können Hunger- und Sättigungssignale in den Hintergrund treten. Die folgenden Abschnitte trennen Laborbefund, Lernweg über die Familie, Risiken für Gewicht und Stimmung sowie die Schwelle zur Kinderarztpraxis.
Essen traurige Kinder wirklich mehr?
Ja, zumindest im Labor und vor allem bei süßen, energiereichen Snacks. Tan und Holub wiesen 91 Kinder im mittleren Alter von 6,8 Jahren per Zufall einer traurigen, fröhlichen oder neutralen Stimmung zu und maßen danach, was die Kinder tatsächlich aßen, statt sich auf Erinnerungen zu verlassen.
Nach der traurigen Bedingung lag die Energieaufnahme aus Schokolade höher als nach der fröhlichen, und diese wiederum höher als nach der neutralen. Bei salzigen Kräckern kehrte sich die Reihenfolge um: Die Neutralgruppe aß davon am meisten, die traurige Gruppe am wenigsten. Gewichtsklasse und Geschlecht änderten diesen Snackeffekt nicht. Das Alter tat es: Ältere Kinder in der Trauerbedingung griffen stärker zur Schokolade als jüngere.
Die Arbeit widerspricht der Idee, nur Erwachsene „fräßen Kummer herunter“. Sie zeigt zugleich, dass Stimmung die Art der Nahrung verschieben kann, nicht bloß die Kalorienzahl. Wer nur die Gesamtkalorien zählt, übersieht, dass Trauer hier den süßen, nicht den salzigen Teller füllte. Das passt zu späteren Übersichten, wonach emotionales Essen oft besonders schmackhafte, zucker- und fettreiche Produkte betrifft.
Eine einzelne Filmszene im Labor ist kein Alltag. Kinder wussten, dass Snacks bereitstanden; echte Küchen haben andere Ablenkungen. Trotzdem ist der Befund nützlich, weil er beobachtetes Verhalten misst. Elternberichte können das Unter- oder Überschätzen, je nachdem, ob Scham oder Sorge die Antwort färbt. Wer zu Hause nach einem Wutanfall regelmäßig Süßes nachlegt, sieht denselben Mechanismus ohne Kamera.

Gilt das auch, wenn Kinder fröhlich sind?
Ja. Dieselbe Studie fand, dass auch die fröhliche Gruppe mehr Schokolade aß als die neutrale, nur weniger als die traurige. Emotionales Essen ist also nicht allein ein Trauerphänomen.
Geburtstage, Siege im Sport und Familienfeste koppeln Freude fest an Kuchen, Eis und Limonade. Das ist kulturell üblich und kein Krankheitszeichen. Tan und Holub schreiben ausdrücklich, das Verhalten entstehe in der frühen Kindheit und sei in dieser Phase noch im Aufbau. Freude kann den Appetit auf Süßes also ebenso bahnen wie Trauer, nur schwächer.
Studien an Erwachsenen hatten das Naschen in guter Laune schon länger nahegelegt; bei Kindern fehlten beobachtete Mengen. Der Laborbefund schließt diese Lücke teilweise. Er erklärt, warum ein Kind nach einem lustigen Nachmittag noch nascht, obwohl das Mittagessen sättigte. Die Belohnung sitzt dann im Gefühl, nicht im leeren Magen.
Eltern müssen Feste deshalb nicht streichen. Hilfreich ist, Freude nicht nur über Essen zu markieren. Ein gemeinsames Spiel, ein Spaziergang oder ein Anruf bei den Großeltern kann denselben Höhepunkt tragen. Bleibt Essen die einzige Feierwährung, übt das Kind den Griff zur Schokolade für beide Pole, Hoch und Tief.
Wann hören Kinder auf, Hunger zu spüren?
Kleine Kinder regulieren die Menge oft erstaunlich gut nach Energiedichte und Sättigung; im Vorschulalter gewinnen soziale Regeln an Gewicht. Stone, Blissett, Haycraft und Farrow fassen 2022 zusammen, dass emotionales Essen in der Vorschulzeit entsteht, ins Erwachsenenalter hineinreichen kann und mit Adipositas in Verbindung gebracht wird.
Biologisch ist das Muster paradox. Akuter Stress sollte über Cortisol den Appetit dämpfen, nicht steigern. Wenn Kinder trotzdem essen, spricht vieles für Lernen statt für einen angeborenen Reflex. Dieselbe Arbeitsgruppe verweist auf Zwillingsdaten (Herle 2018), wonach emotionales Essen eher erworben als vererbt wirkt. Eltern, die selbst bei Ärger zum Schrank gehen, liefern ein sichtbares Drehbuch.
Druck von außen ersetzt innere Signale. Der volle Teller als Pflicht, das Verbot bestimmter Lebensmittel und das Trösten mit Süßem sagen dem Kind: Maßstab ist die Umgebung, nicht der Magen. Nach und nach wird „Ich bin satt“ leiser als „Das darf ich jetzt“ oder „Das tröstet mich“. Genau dieser Wechsel erklärt, warum ein Laborclip bei älteren Kindern stärker auf Schokolade wirkt.
Nicht jedes Kind verliert die Selbstregulation. Temperament, Vorbilder und wie oft Essen als Werkzeug dient, entscheiden mit. Wer Hunger und Langeweile noch unterscheiden kann, braucht keine Diagnose. Wer nach jedem Streit isst und Sättigung kaum noch bemerkt, verdient Aufmerksamkeit, bevor das Muster fest wird.
Wie prägen Eltern das Essverhalten, ohne es zu wollen?
Essen als Trost, als Belohnung und als hartes Verbot kann Kindern beibringen, Gefühle über Nahrung zu steuern. In der Querschnittstudie von Stone und Farrow (2022) mit 244 Müttern von Drei- bis Fünfjährigen vermittelte das Füttern zur Emotionsregulation den Zusammenhang zwischen elterlichem und kindlichem emotionalem Essen vollständig.
Belohnung mit Lieblingsspeisen und Restriktion aus Gesundheitsgründen vermittelten denselben Zusammenhang nur teilweise. Der negative Affekt des Kindes verstärkte diese beiden Wege: Kinder, die rasch heftig ärgerlich oder ängstlich wurden, reagierten stärker auf Belohnung und Verbote. Das Trösten mit Essen hing unabhängig vom Temperament mit mehr kindlichem emotionalem Essen zusammen.
Eine ältere Laborarbeit von Blissett, Haycraft und Farrow (2010) hatte das schon experimentell gezeigt. Vorschulkinder, deren Mütter häufig mit Essen beruhigten, aßen auch ohne Hunger mehr Kekse. Unter negativer Stimmung aßen sie mehr Schokolade als Kinder, deren Mütter dieses Mittel selten nutzten. Restriktion, Essensdruck und Belohnung zeigten dort keinen klaren Snackeffekt; das Trostessen schon.
Die randomisierte INSIGHT-Studie (Harris und Kollegen, Pediatric Obesity 2020) geht einen Schritt weiter. Mütter Erstgeborener, die eine feinfühlige Pflege lernten, berichteten seltener, unruhige Säuglinge mit Nahrung zu beruhigen. Dieser Rückgang vermittelte den Effekt auf späteres emotionales Überessen des Kindes. Die Botschaft ist praktisch: Alternative Beruhigung kann das Muster früh dünner machen, bevor Schokolade die Standardantwort wird.
Welche Kinder greifen eher zum Schrank?
Kinder mit starkem negativem Affekt und Eltern, die selbst emotional essen, tragen ein höheres Risiko, dass sich das Muster festsetzt. Stone und Farrow (2022) beschreiben genau diese Kombination aus Vorbild, Fütterpraxis und Temperament.
Negativer Affekt bedeutet nicht „schwieriges Kind“. Gemeint ist eine Anlage, schneller und länger auf Ärger, Angst oder Kummer zu reagieren. Solche Kinder brauchen oft länger, bis der Körper wieder ruhig wird. Liegt dann Süßes bereit und hat die Familie Essen als Beruhiger vorgeführt, ist der Griff logisch. Kinder mit ruhigerem Temperament können dieselben Praktiken eher wegstecken.
Die Obesity Medical Association unterschied 2022 in einer klinischen Stellungnahme: Ausgeprägtes emotionales Essen als behandlungsbedürftiges Muster sei bei jüngeren Kindern noch selten und trete häufiger in der Jugend auf, etwas öfter bei Mädchen, oft zusammen mit Angst oder depressiver Stimmung. Das widerspricht dem Laborbefund von Tan und Holub nicht. Beobachtetes Naschen nach einem Clip ist nicht dasselbe wie ein festes, alltagsbestimmendes Muster. Beides kann nacheinander auftreten.
Trauma, anhaltender Stress und hohe Kontrolle über das Essen werden in derselben Stellungnahme als Begleiter genannt. Genetische Neigung plus elterliche psychologische Kontrolle können das Risiko erhöhen. Kein einzelnes Merkmal erzwingt den Verlauf. Es markiert, wo genauer hingesehen werden sollte, etwa wenn ein empfindsames Kind nach jedem Streit isst und die Eltern dasselbe tun.
Hängt emotionales Essen mit Übergewicht und Stimmung zusammen?
Es kann dazu beitragen, beweist aber allein weder Adipositas noch Depression. Ein Review von Dakanalis und Kollegen in Nutrients (Februar 2023) verbindet emotionales Essen mit Übergewicht, ungesünderen Mahlzeiten, mehr depressiven Symptomen und psychischem Stress; die meisten eingeschlossenen Arbeiten waren Querschnitte mit kleinen, wenig vielfältigen Stichproben.
Eine Metaanalyse in der Journal of Pediatric Nursing (2025) fand bei Jugendlichen einen mittleren positiven Zusammenhang zwischen emotionalem Essen und Adipositas. Ursache und Folge bleiben darin oft vermischt. Wer bereits ein höheres Gewicht hat, kann häufiger essen, um Scham oder Hänseleien zu dämpfen; wer oft so isst, kann zunehmen. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Die CDC meldete im Oktober 2024 für August 2021 bis August 2023 eine Adipositasprävalenz von 21,1 Prozent bei Zwei- bis 19-Jährigen in den USA, gegenüber 13,9 Prozent 1999–2000. Schwere Adipositas stieg von 3,6 auf 7,0 Prozent. Das erklärt nicht, warum ein einzelnes Kind nascht. Es zeigt, warum Familien und Praxen Essmuster ernst nehmen, ohne jedes Stück Schokolade zur Diagnose zu machen.
Depressive Stimmung und Angst können das Essen als Kurzschluss verstärken. Die OMA-Stellungnahme 2022 nennt emotionales Essen sogar als möglichen Vermittler zwischen Depression und Adipositas, weil Nahrung negative Gefühle vorübergehend abschwächt. Umgekehrt können Hänseleien wegen des Gewichts die Stimmung senken und den Kreis schließen. Wer nur Kalorien streicht und die Traurigkeit ignoriert, behandelt die halbe Geschichte.
Wann sollte ein Kind wegen des Essens zum Arzt?
Wenn Gewicht oder Wachstum von der bisherigen Kurve abweichen, das Kind dauernd über Figur spricht oder Essen und Stimmung den Alltag beherrschen, gehört das in die Kinderarztpraxis. Das Merck Manual (Fachfassung, Prüfung Mai 2025, Stand September 2025) nennt drei konkrete Anlässe zur Abklärung einer Essstörung.
Kinder sollen vorgestellt werden, wenn sie anhaltend über Aussehen oder Gewicht sprechen, wenn das Gewicht in einem Alter stagniert oder sinkt, in dem Wachstum erwartet wird, oder wenn es deutlich schneller steigt als zuvor. Die meisten Schwankungen im Appetit bleiben vorübergehend und stören Wachstum und Entwicklung nicht. Überzogene Sorge und Zwang am Tisch können selbst den Boden für spätere Essprobleme bereiten.
Die Cleveland Clinic (21. Februar 2024) erinnert, dass Adipositas eine komplexe chronische Erkrankung ist, kein Charakterfehler. Pädiaterinnen und Pädiater nutzen Perzentilen des Body-Mass-Index (Körpermasseindex) ab zwei Jahren; Werte ab der 95. Perzentile definieren Adipositas. Ein hoher Wert allein ersetzt keine Untersuchung. Blutwerte, Schlaf, Gelenke, Stimmung und das familiäre Umfeld gehören dazu.
Die folgende Übersicht trennt Alltag, Beobachtung und rasche Hilfe. Die Schwellen stammen aus Merck, NICE und den Familienratgebern von NIDDK und KidsHealth, nicht aus einer einzelnen Laborstudie.
| Beobachtung | Was das oft bedeutet | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Gelegentlich Süßes nach Streit oder Freude | Alltagsübliches Trost- oder Feieressen | Gefühl benennen, ohne Essen als Lösung |
| Essen wird regelmäßig zur Beruhigung genutzt | Hunger- und Sättigungssignale können verblassen | Andere Trostwege üben, Muster notieren |
| Gewicht steigt deutlich schneller als bisher | Merck-Kriterium für ärztliche Prüfung | Kinderarzt mit Wachstumskurve aufsuchen |
| Kontrollverlust, große Mengen, Scham danach | Kann auf Binge-Eating hinweisen | Fachstelle; NICE rät zur zeitnahen Abklärung |
| Anhaltende Traurigkeit, Rückzug, Schlafstörung | Mögliche depressive Belastung | Pädiatrie plus psychologische Einschätzung |
| Kind spricht ständig über Figur oder Kalorien | Verdacht auf gestörtes Essverhalten | Keine Diät in Eigenregie, Überweisung klären |
Was können Eltern zu Hause ändern, ohne zu moralisieren?
Gefühle benennen, Essen vom Trost trennen und den Tisch ruhig halten hilft oft mehr als Kalorienzählen. Merck rät, Mahlzeiten am Tisch ohne Bildschirm, Geräte und Haustiere anzubieten und Nahrung nicht mit übermäßig positiven oder negativen Emotionen zu verknüpfen.
Nach 20 bis 30 Minuten kann der Teller ohne Kommentar zur Menge verschwinden. Zwischen den Hauptmahlzeiten reicht meist ein Vormittags- und ein Nachmittagssnack. Zwangsfüttern steigert die Aufnahme selten; Kinder können dann Essen im Mund behalten, ausspucken oder erbrechen. Aufräumen nach absichtlich geworfenem Essen gehört zur Regel, nicht zur Strafe mit Nachtischentzug.
NIDDK (Stand März 2023) und KidsHealth (Januar 2023) formulieren drei Hausregeln, die sich mit Merck decken:
- Das Kind muss den Teller nicht leer essen, weil Sättigung Vorrang vor der Portionsnorm hat.
- Süßes eignet sich nicht als Belohnung oder Strafe, sonst steigt der Reiz genau dieser Speisen.
- Komplette Verbote von Lieblingssnacks können zu heimlichem Essen außerhalb der Wohnung führen.
Bewegung, Schlaf und Bildschirmzeit gehören ins selbe Paket. KidsHealth und NIDDK nennen für Sechs- bis 17-Jährige mindestens 60 Minuten Bewegung täglich; Drei- bis Fünfjährige sollen sich über den Tag verteilt bewegen. Vorschulkinder brauchen 10 bis 13 Stunden Schlaf inklusive Nickerchen, Schulkinder 9 bis 12, Jugendliche 8 bis 10. Bildschirme aus dem Schlafzimmer und eine Stunde vor dem Schlafengehen senken die Chance, dass Langeweile plus Werbung den Kühlschrank öffnen.
Feinfühlige Pflege statt Füttern als erster Reaktion hat in INSIGHT den späteren emotionalen Überkonsum gesenkt. Bei einem weinenden Kleinkind heißt das: erst prüfen, ob Hunger, Müdigkeit, nasse Windel oder Reizüberflutung vorliegen. Nicht jeder Schrei ist ein Essenssignal. Wer das unterscheidet, schützt die innere Uhr des Kindes.
Warum Verbote, Diäten und „nur noch gesund“ oft schaden
Kalorienrestriktion ohne Emotionsarbeit kann das Muster verstärken, statt es zu lösen. Die OMA-Stellungnahme 2022 stellt klar, dass die Behandlung emotionalen Essens auf Emotionsregulation zielt, nicht auf eine kalorienarme Diät.
Ältere Ratschläge setzten oft auf weniger Tellerinhalt und mehr Kontrolle. Die Leitlinie der American Academy of Pediatrics vom 1. Februar 2023 kehrt das um: Adipositas im Kindes- und Jugendalter gilt als behandlungsbedürftige chronische Erkrankung. Empfohlen werden intensive, familienbezogene Programme zu Ernährung, Bewegung und Verhalten; die Cleveland Clinic nennt dafür oft mindestens 26 Stunden über drei bis zwölf Monate. Medikamente und metabolische Chirurgie bleiben Zusatzoptionen ab bestimmten Altersgrenzen, kein Ersatz für die Arbeit an Auslösern.
NIDDK warnt ausdrücklich davor, ein Kind ohne fachliche Begleitung auf einen Abnahmeplan zu setzen. Viele Kinder mit höherem Gewicht sollen nicht abnehmen, sondern in der Höhe langsamer zunehmen, während sie wachsen. Wer Süßes verteufelt und Gemüse nur als Eintrittskarte zum Nachtisch inszeniert, lehrt genau die Hierarchie, die später das Verlangen steigert.
Struktur ersetzt Verbot. Feste Mahlzeiten, sichtbares Obst, Wasser statt zuckerhaltiger Getränke und seltene, geplante Süßigkeiten geben Orientierung, ohne den Reiz des Verbotenen zu nähren. Die Familie ändert Routinen gemeinsam, damit ein Kind nicht als einziges „Problem“ dasteht. Das senkt Scham, die selbst wieder zum Essen treiben kann.
Wann wird aus Trostessen eine Essstörung?
Gelegentliches Trostessen ist keine Essstörung; Kontrollverlust, große Mengen in kurzer Zeit und starker Leidensdruck können auf eine Binge-Eating-Störung hinweisen. NICE NG69 (letzte formale Durchsicht 15. August 2024) behandelt diese Diagnose bei Kindern und Jugendlichen mit denselben psychologischen Angeboten wie bei Erwachsenen.
Zuerst steht oft ein angeleitetes Selbsthilfeprogramm mit wenigen kurzen Sitzungen. Hilft das nach etwa vier Wochen nicht oder ist es ungeeignet, folgen gruppen- oder einzelbezogene kognitive Verhaltenstherapie mit Essstörungsfokus. Gewichtsverlust ist dort kein Therapieziel; wer Gewicht ändern muss, braucht einen getrennten, leitliniengerechten Pfad. Medikamente sollen nicht die einzige Behandlung sein.
Kinderärztinnen und -ärzte sollen laut NICE während Abklärung und Therapie auf Mobbing, Hänseleien, Misshandlung und Vernachlässigung achten. Bei Kindern kommen stockendes Wachstum oder verzögerte Pubertät als Warnzeichen hinzu. NICE betont, dass eine frühe Antwort die Chance auf Besserung verbessert; bei Kindern und Jugendlichen soll die Abklärung nicht auf die lange Bank geschoben werden.
Familientherapeutische Ansätze stehen bei Anorexie und Bulimie im Vordergrund; beim Binge-Eating folgt NICE dem Stufenmodell der Selbsthilfe und der kognitiven Therapie. Eltern, die sich schuldig fühlen, weil sie früher mit Keksen getröstet haben, sind nicht die Ursache einer Diagnose. Sie sind aber zentrale Mitspieler, sobald professionelle Hilfe beginnt.
Häufige Fragen
Müssen traurige Kinder zwangsläufig zu viel essen?
Nein. Trauer kann den Griff zu Süßem wahrscheinlicher machen, zwingt aber kein Kind zum Überessen. In der Studie von Tan und Holub aß die traurige Gruppe mehr Schokolade als die anderen, nicht jedes Kind und nicht jede Snackart. Wer Hunger, Langeweile und Kummer noch unterscheiden kann, braucht keine Sonderdiät.
Ist ein Stück Schokolade nach dem Weinen schädlich?
Ein einzelnes Stück nach einem schweren Nachmittag ist in der Regel unproblematisch. Schädlich wird der Automatismus, wenn Essen zur ersten und häufigsten Antwort auf Unruhe wird. Dann übt das Kind, Gefühle über Zucker zu dämpfen, statt sie auszuhalten oder zu benennen.
Soll ich Süßigkeiten ganz aus dem Haus nehmen?
Meist nein. KidsHealth und NIDDK raten von Totalverboten ab, weil verbotene Speisen draußen oder heimlich umso reizvoller werden. Besser sind feste Mahlzeiten, sichtbare Alltagsnahrung und seltene, geplante Süßigkeiten ohne Drama.
Ab welchem Alter entsteht emotionales Essen?
Labor- und Fragebogendaten legen den Schwerpunkt auf das Vorschul- und frühe Grundschulalter, während klinisch ausgeprägte Muster oft erst in der Jugend auffallen. Tan und Holub sahen den Effekt schon zwischen etwa 4,5 und 9 Jahren, stärker bei den Älteren in der Trauerbedingung. INSIGHT setzt noch früher an, nämlich beim Beruhigen von Säuglingen.
Wann ist der Kinderarzt nötig, wann eine Essstörungssprechstunde?
Der Kinderarzt ist die erste Adresse bei abweichender Wachstumskurve, anhaltender Figurangst oder wenn Essen und Stimmung den Alltag bestimmen. Eine spezialisierte Stelle wird nötig bei Verdacht auf Binge-Eating, Anorexie, Bulimie oder wenn sich das Gewicht rasch und unerklärlich ändert. NICE betont eine zeitnahe Abklärung, bei Kindern idealerweise innerhalb weniger Wochen.
Hilft eine Diät gegen emotionales Essen?
Als alleinige Maßnahme eher nicht. OMA 2022 und die AAP-Leitlinie 2023 setzen auf Emotionsregulation und familienbezogene Programme, nicht auf eine isolierte Kaloriengrenze. Eine Diät ohne Hilfe bei Trauer, Angst oder Langeweile lässt den Auslöser bestehen.
Fazit
Trauer kann Kinder zu süßen Snacks greifen lassen, Freude ebenfalls, nur schwächer. Das Labor von 2018 bleibt gültig, reicht aber nicht mehr als alleinige Erklärung. Seitdem zeigen Familienstudien und die INSIGHT-Studie, dass Essen als Trost, als Belohnung und als hartes Verbot das Muster formt; Temperament entscheidet mit, wie stark das wirkt.
Für den Alltag zählt weniger die einzelne Tafel Schokolade als die Regel dahinter. Gefühle benennen, den Tisch ruhig halten, den Teller nicht zur Pflicht machen und Süßes weder als Lohn noch als Strafe einsetzen. Weicht die Wachstumskurve ab, spricht das Kind ständig über Figur oder kommen Essanfälle mit Scham, ist der Kinderarzt der nächste Schritt, nicht eine stille Diät.
Wer früh andere Wege der Beruhigung übt, senkt die Chance, dass aus einem nachvollziehbaren Impuls ein festes Essmuster wird. Heilung verspricht das nicht. Es gibt dem Kind zurück, was kleine Kinder oft schon können: Hunger von Kummer zu trennen.
Quellen
- Tan CC, Holub SC: The effects of happiness and sadness on Children’s snack consumption. Appetite, 1. April 2018.
- Centers for Disease Control and Prevention: QuickStats: Prevalence of Obesity and Severe Obesity Among Persons Aged 2–19 Years — United States, 1999–2000 Through 2021–2023. Morbidity and Mortality Weekly Report, 17. Oktober 2024.
- Sulkes SB: Eating Behavior in Children. Merck Manual Professional Edition, Stand: September 2025.
- National Institute for Health and Care Excellence: Eating disorders: recognition and treatment. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 15. August 2024.
- Stone RA, Blissett J et al.: Predicting preschool children’s emotional eating: The role of parents‘ emotional eating, feeding practices and child temperament. Maternal & Child Nutrition, 27. Februar 2022.
- Cleveland Clinic: Childhood Obesity. Cleveland Clinic, 21. Februar 2024.
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Helping Your Child Who Is Overweight. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Stand: März 2023.
- Dakanalis A, Mentzelou M et al.: The Association of Emotional Eating with Overweight/Obesity, Depression, Anxiety/Stress, and Dietary Patterns: A Review of the Current Clinical Evidence. Nutrients, 26. Februar 2023.
- Nemours KidsHealth: Overweight and Obesity. Nemours KidsHealth, Stand: Januar 2023.
- Harris HA, Anzman-Frasca S et al.: Effect of a responsive parenting intervention on child emotional overeating is mediated by reduced maternal use of food to soothe: The INSIGHT RCT. Pediatric Obesity, 2020.
- Hampl SE, Hassink SG et al.: Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Treatment of Children and Adolescents With Obesity. Pediatrics, 1. Februar 2023.
