
Haus- und Kinderärzte sollen Jugendliche ab 12 Jahren bei der jährlichen Vorsorge auf eine depressive Erkrankung untersuchen und zusätzlich gezielt nach Suizidgedanken fragen. Das verlangen die amerikanische Kinderärzteakademie (AAP) in ihrem Vorsorgeplan Bright Futures seit 2022 und die Leitlinie GLAD-PC; die US-Präventionsbehörde USPSTF bestätigt 2022 das Depressionsscreening für 12- bis 18-Jährige, hält die Evidenz für ein eigenes Suizidscreening aber weiter für unzureichend.
Die alte Hoffnung von 2018, mehr Fälle schon in der Grundversorgung zu finden, bleibt. Neu ist vor allem die Trennung der Instrumente. Ein Depressionsfragebogen fängt nicht alle gefährdeten Jugendlichen. Laut AAP (Stand Februar 2023) verpasste der PHQ-9A in einer Auswertung 36 Prozent derjenigen, die in einem Suizidfragebogen positiv waren. Eltern und Jugendliche können die Vorsorge nutzen, um Stimmung, Schlaf, Schule und Sicherheit anzusprechen, statt auf einen sichtbaren Zusammenbruch zu warten. Behandlung heilt nicht jeden Verlauf, kann aber Symptome bei vielen lindern und das Risiko weiterer Krisen senken.
Was raten aktuelle Leitlinien Haus- und Kinderärzten?
Sie sollen die Praxis so vorbereiten, dass Depression erkannt, eingeordnet und entweder selbst behandelt oder rasch mit Fachleuten geteilt wird. GLAD-PC Teil I (Pediatrics, März 2018) gilt für Jugendliche von 10 bis 21 Jahren und verlangt unter anderem Schulung des Teams, standardisierte Fragebögen, Gespräche mit Patient und Familie, Psychoedukation, lokale Hilfenetze und einen schriftlichen Sicherheitsplan.
Teil II derselben Leitlinie (Cheung und Kollegen, ebenfalls 2018) trennt die Wege nach Schwere. Bei leichter Ausprägung reicht oft eine aktive Beobachtung mit festen Kontrollen. Bei mittlerer oder schwerer Depression sollen evidenzbasierte Psychotherapie und, wo indiziert, ein Medikament hinzukommen, Nebenwirkungen eng verfolgt und Kinder- und Jugendpsychiatrie hinzugezogen werden, wenn die Mittel der Praxis nicht ausreichen. Die Autorinnen betonen ausdrücklich, dass kein Algorithmus das klinische Urteil ersetzt.
Die AACAP-Leitlinie von Walter und Kollegen (Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Mai 2023) stützt sich auf eine systematische Übersicht der Agency for Healthcare Research and Quality. Sie nennt kognitive Verhaltenstherapie und interpersonelle Therapie sowie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, ausgenommen Paroxetin, bevorzugt Fluoxetin; eine Kombination aus Fluoxetin und kognitiver Verhaltenstherapie kann angeboten werden. Die britische Leitlinie NICE NG134 (letzte formale Prüfung 7. Mai 2024) organisiert dasselbe Feld als Stufenmodell für 5- bis 18-Jährige und stellt psychologische Verfahren vor ein Medikament, außer bei mittlerer bis schwerer Erkrankung, wo Fluoxetin von Beginn an mit Therapie kombiniert werden kann.
Für deutsche Leserinnen und Leser sind das Orientierungspunkte, keine Ersatzdiagnosen. Der behandelnde Arzt entscheidet nach Untersuchung, Komorbidität und örtlichem Versorgungspfad. Die US-Texte bleiben trotzdem der Kern dieser Seite, weil die Ursprungsfrage die hausärztliche Versorgung Jugendlicher war und weil GLAD-PC plus Bright Futures genau dort ansetzen.

Ab welchem Alter soll auf Depression gescreent werden?
Ab 12 Jahren soll das Screening in der Vorsorge jährlich und ohne Vorauswahl nach „Verdacht“ laufen. GLAD-PC formulierte das 2018 als universelle Untersuchung bei Gesundheitserhaltungsbesuchen. Die AAP hat das Alter in Bright Futures festgeschrieben und die Fußnote 2024 so ergänzt, dass Jugendliche auf Depression und Suizidrisiko untersucht werden, wobei die Vertraulichkeit so weit wie möglich gewahrt bleibt.
Die USPSTF (Empfehlung vom 18. Oktober 2022) kommt beim Depressionsscreening zum gleichen Altersfenster, bewertet es für 12- bis 18-Jährige mit Grad B und verlangt, dass Diagnose, Behandlung und Nachsorge organisatorisch möglich sind. Für Kinder von 11 Jahren oder jünger sieht sie die Evidenz als unzureichend (Aussage I). NICE verlangt in der Primärversorgung und in Schulen geschultes Erkennen von Risikofaktoren; ab 11 Jahren sollen Jugendliche, die an Fachstellen überwiesen werden, routinemäßig einen Selbstbeurteilungsbogen erhalten.
| Institution und Jahr | Depressionsscreening | Extra-Frage nach Suizidrisiko | Alter |
|---|---|---|---|
| GLAD-PC / AAP 2018 | Jährlich, universell in der Vorsorge | Sicherheitsplan nach Diagnose, kein separates Universalscreening | Leitlinie 10–21 Jahre, Screening ab 12 |
| AAP Bright Futures 2022–2025 | Jährlich bei Vorsorgeterminen | Zusätzlich zum Depressionsbogen, universell ab 12 | Ab 12; 8–11 bei klinischem Anlass |
| USPSTF 2022 | Empfohlen, Grad B, mit Nachsorgesystem | Evidenz unzureichend (I) | 12–18 Jahre; unter 12 unklar |
| NICE NG134 2019/2024 | Erkennung in Praxis und Schule, Bogen ab 11 in Fachstellen | Direkte Frage in der Abklärung, keine jährliche Universalkampagne | 5–18 Jahre |
Die Tabelle mittelt die Positionen nicht. AAP und USPSTF widersprechen sich 2022 beim Suizidscreening, weil die Task Force Nutzen und Schaden eines flächendeckenden Instruments noch nicht belegen kann, während die Kinderärzteakademie aus Versorgungsdaten und aus der Lücke des PHQ-9A handelt. Wer in Deutschland vorsorgt, folgt dem örtlichen Standard; sinnvoll bleibt, dass der Arzt den Jugendlichen wenigstens einen Teil der Zeit ohne Eltern spricht, wie NICE und AAP unabhängig voneinander fordern.
Warum reicht ein Depressionsfragebogen allein nicht?
Weil nicht jede suizidgefährdete Person klassische Depressionssymptome angibt. Die AAP schreibt in ihrem Blueprint zur Suizidprävention (Aktualisierung 22. Februar 2023), einige Praxen prüften Suizidgedanken nur nach einem positiven Depressionsbogen. Das sei unzureichend. Der PHQ-9A sei ein brauchbarer Depressionsfilter, habe in der zitierten Auswertung aber 36 Prozent der Kinder und Jugendlichen verpasst, die in einem Suizidinstrument positiv waren; allein die Frage 9 habe 56 Prozent verpasst.
Deshalb empfiehlt die AAP ab 12 Jahren ein universelles Suizidscreening mit einem validierten Werkzeug, etwa den Ask Suicide-Screening Questions (ASQ), dem Suicide Behavior Questionnaire-Revised oder der Columbia-Skala in der Triagefassung. Zwischen 8 und 11 Jahren soll gefragt werden, wenn eine psychische Beschwerde im Vordergrund steht, Eltern oder Kind eine Sorge äußern, es schon Suizidgedanken gab oder Warnzeichen sichtbar sind. Unter 8 Jahren ist ein standardisiertes Screening nicht vorgesehen; der Arzt bewertet dann Hinweise wie Reden über Sterbenwollen, selbstverletzendes Verhalten oder das Verschenken geliebter Gegenstände.
Mehrere Studien, die die AAP zusammenfasst, fanden keinen Beleg dafür, dass die direkte Frage Suizidgedanken erst erzeugt. Der Mythos, man pflanze die Idee erst ein, hält sich trotzdem. Sinnvoll ist ein validierter Bogen statt einer einzigen Ja-Nein-Frage, weil eine isolierte Frage Untererfassung erzeugt. Positiv getestete Jugendliche brauchen als Nächstes eine kurze Sicherheitsbewertung, nicht automatisch die geschlossene Station.
Die USPSTF bleibt 2022 bei der Aussage I zum Suizidscreening, weil randomisierte Belege für den Nettonutzen fehlen. Das ist kein Freibrief, die Frage zu unterlassen, wenn Warnzeichen da sind. Es bedeutet nur, dass die Behörde ein bevölkerungsweites Pflichtscreening noch nicht wie das Depressionsscreening benoten kann.
Welche Zeichen unterscheiden Depression von Teenagerstimmung?
Anhaltende Traurigkeit, Reizbarkeit oder Freudlosigkeit über Wochen, verbunden mit Funktionsverlust in Schule, Familie oder Freundeskreis, spricht für eine Erkrankung und nicht für eine schlechte Woche. Die Mayo Clinic (Textstand 12. August 2022) beschreibt emotionale und Verhaltenänderungen gegenüber dem früheren Zustand: Weinen ohne Anlass, Leere, Hoffnungslosigkeit, überzogene Selbstkritik, Konzentrationsschwäche, Schlaf- oder Appetitverschiebung, Rückzug, nachlassende Hygiene, unerklärte Kopf- oder Bauchschmerzen, riskantes Verhalten, Selbstverletzung oder konkrete Suizidpläne.
MedlinePlus ergänzt, dass Jugendliche häufiger Wut und Frustration zeigen als sichtbare Trauer. Hormone, familiäre Belastung, Mobbing, Traumata, andere psychische Erkrankungen, chronische Körperkrankheiten und eine familiäre Vorbelastung können das Risiko erhöhen; eine einzige Ursache gibt es nicht. NICE verlangt in der Abklärung die direkte Frage nach Alkohol, Drogen, Mobbing, Missbrauch, Selbstverletzung und Suizidgedanken, und zwar zuerst unter vier Augen mit dem Jugendlichen.
Ein einzelner enttäuschender Einschnitt, etwa eine Trennung der Eltern oder ein Verlust, führt laut NICE für sich genommen selten in eine depressive Erkrankung. Zwei oder mehr zusätzliche Risikofaktoren oder Hinweise auf Selbstverletzung sollen die Schwelle zur fachlichen Abklärung senken. Die Mayo Clinic rät, nicht darauf zu warten, dass „der Teenager das schon selbst schafft“. Unbehandelte Symptome können sich festigen; Suizidrisiko besteht auch dann, wenn der Alltag nach außen noch geordnet wirkt.
Körperliche Ursachen gehören in die erste Sprechstunde dazu. Mayo nennt körperliche Untersuchung, Blutbild und Schilddrüsenwerte, weil Stoffwechsel- oder andere Erkrankungen das Bild nachahmen können. Bipolare Verläufe, anhaltende Reizbarkeit im Sinne einer Disruptive-Mood-Dysregulation-Störung und anhaltende dysthyme Verläufe müssen abgegrenzt werden, bevor ein Antidepressivum gewählt wird.
Wie stufen Leitlinien leichte, mittlere und schwere Verläufe?
Nach Symptomlast, Funktionsverlust und Risiko, nicht nach einem einzelnen Punktwert allein. GLAD-PC verlangt zuverlässige Skalen, Gespräche mit Patient und Bezugspersonen und die Kriterien des diagnostischen Manuals. NICE hängt an die Diagnose ein Stufenmodell: Erkennen und Risikoprofil in der Fläche, leichte Depression zuerst in der Primärversorgung, mittlere und schwere Verläufe in der spezialisierten Jugendhilfe, stationäre Aufnahme bei hohem Suizid-, Selbstverletzungs- oder Selbstvernachlässigungsrisiko.
Bei diagnostizierter leichter Depression ohne Suizidpläne soll NICE zwei Wochen beobachtend abwarten, wenn der Jugendliche keine sofortige Therapie will oder eine spontane Besserung plausibel ist. Bleiben die Beschwerden, stehen für 12- bis 18-Jährige digitale kognitive Verhaltenstherapie, Gruppen-KVT, gruppenweise nicht-direktive Unterstützung oder gruppenweise interpersonelle Therapie für etwa zwei bis drei Monate zur Wahl. Ein Antidepressivum gehört laut NICE nicht zur Erstbehandlung der leichten Form.
Mittlere und schwere Depression bei 12- bis 18-Jährigen soll eine Fachstelle sehen. NICE (Aktualisierung 2019) empfiehlt individuelle kognitive Verhaltenstherapie über mindestens drei Monate, mit oder ohne Fluoxetin. Alternativen sind interpersonelle Therapie für Jugendliche, familientherapeutische Verfahren oder psychodynamische Therapie, wenn Einzel-KVT nicht passt. Kombinierte Starttherapie aus Fluoxetin und Psychotherapie darf bei dieser Altersgruppe erwogen werden.
GLAD-PC formuliert denselben Schnitt grober, aber kompatibel: leichte Fälle aktiv beobachten, mittlere und schwere Fälle behandeln, Ergebnisse laufend messen und bei ausbleibender Besserung den Plan ändern. Beide Texte rechnen damit, dass Kinder- und Jugendpsychiatrie knapp ist. Gerade deshalb sollen Haus- und Kinderärzte den ersten Abschnitt nicht an die Warteliste delegieren, sondern Struktur in die Praxis holen.
Welche Psychotherapie hilft Jugendlichen?
Kognitive Verhaltenstherapie und interpersonelle Therapie haben die breiteste Studienlage; NICE und AACAP nennen sie ausdrücklich, MedlinePlus erklärt beide für Jugendliche. In der KVT lernen Patientinnen und Patienten, belastende Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern. Die interpersonelle Therapie arbeitet an Beziehungen, Verlusten und Rollenwechseln, die die Stimmung mitziehen.
NICE hat 2019 die Psychotherapieempfehlungen nach neuen Studien, darunter die IMPACT-Arbeit zu kürzeren psychosozialen Interventionen, neu gefasst. Digitale KVT und Gruppenformate stehen bei leichter Depression gleichberechtigt neben klassischen Gruppen. Für mittelschwere und schwere Verläufe bleibt die individuelle KVT erster Vorschlag, nicht weil andere Verfahren wertlos wären, sondern weil die Effekte auf Symptome, Funktion und Suizidgedanken dort am klarsten waren. Unter 12 Jahren ist die Evidenz dünner; NICE nennt dann familienbasierte interpersonelle Therapie, Familientherapie, psychodynamische Therapie oder individuelle KVT, jeweils an das Entwicklungsalter angepasst.
KidsHealth (Prüfung September 2021) führt zusätzlich dialektisch-behaviorale Therapie und bindungsbasierte Familientherapie auf. Das sind Ergänzungen für Selbstverletzung, Emotionsregulation oder zerrüttete Familienbindungen, keine Pflichtmodule für jede leichte Episode. NICE verlangt Therapeuten mit kinder- und jugendpsychiatrischer Kompetenz in der konkreten Methode. Ein allgemeines „Gespräch über Gefühle“ ohne Rahmen ersetzt das nicht.
Die AACAP hält fest, dass Diagnosequalität und Breite des Behandlungsplans den Nutzen der Verfahren mitbestimmen. Komorbide Angst, ADHS, Substanzkonsum, Lernschwierigkeiten oder eine depressive Erkrankung eines Elternteils müssen parallel mitgedacht werden. NICE sagt dasselbe und rät, Eltern mit eigener psychiatrischer Belastung eine eigene Behandlung zu ermöglichen, weil sonst der Fortschritt des Kindes oft stockt.
Wann kommen Antidepressiva in Betracht und wie werden sie überwacht?
Bei mittlerer oder schwerer Depression, in der Regel zusammen mit einer laufenden Psychotherapie, nicht als stilles Rezept nach einem kurzen Vorsorgetermin. NICE erlaubt Fluoxetin plus Therapie als Startoption für 12- bis 18-Jährige und verlangt Fluoxetin, wenn eine spezifische Psychotherapie nach vier bis sechs Sitzungen nicht greift. Unter 12 Jahren darf Fluoxetin nach derselben Logik nur vorsichtig erwogen werden; die Wirksamkeit in dieser Altersgruppe gilt als nicht gesichert.
Als Startdosis nennt NICE 10 Milligramm Fluoxetin täglich, nach einer Woche bei klinischer Notwendigkeit 20 Milligramm, bei geringem Körpergewicht eher die niedrigere Dosis. Höhere Dosen sind kaum durch Studien gedeckt und bleiben Ausnahmen bei älteren, schwerer kranken Jugendlichen. Nach Symptomfreiheit und voller Funktion über mindestens acht Wochen soll das Mittel noch mindestens sechs Monate weiterlaufen. Das Ausschleichen dauert NICE zufolge sechs bis zwölf Wochen.
Die Mayo Clinic (August 2022) nennt für die USA zwei von der FDA zugelassene Wirkstoffe gegen Depression im Jugendalter: Fluoxetin und Escitalopram. Alle Antidepressiva tragen dort den schärfsten Warnhinweis (Black Box) wegen eines erhöhten Risikos suizidaler Gedanken und Handlungen bei unter 25-Jährigen, vor allem in den ersten Wochen und bei Dosisänderungen. In den ausgewerteten Studien starb kein Kind durch Suizid; die Behörde hielt den Anstieg der Gedanken trotzdem für schwerwiegend genug. NICE verlangt in den ersten vier Wochen wöchentlichen Kontakt und Aufklärung über verzögerten Wirkeintritt. MedlinePlus spricht von oft drei bis vier Wochen, bis eine Besserung spürbar wird, und warnt davor, das Mittel allein abzusetzen.
Paroxetin, Venlafaxin und trizyklische Antidepressiva sollen laut NICE bei Kindern und Jugendlichen nicht gegen Depression eingesetzt werden. Johanniskraut ebenfalls nicht: Es fehlen pädiatrische Studien, und Wechselwirkungen, unter anderem mit Verhütungsmitteln, sind bekannt. Als Zweitlinie nach Fluoxetin nennt NICE Sertralin oder Citalopram, nur nach erneuter Diagnoseprüfung und Beratung durch erfahrene Fachärzte. AACAP 2023 bleibt bei SSRI außer Paroxetin, bevorzugt Fluoxetin. Die Dosierung gehört in die Hand der verschreibenden Ärztin; die Zahlen oben sind Leitlinienwerte, kein Hausrezept.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme?
Anhaltende Stimmungs- oder Verhaltensänderung, die Schule, Freunde oder den Haushalt stört, gehört in die Kinder- oder Hausarztpraxis der nächsten Tage, nicht in eine monatelange Beobachtung hinter verschlossener Zimmertür. Die Mayo Clinic rät Familien und betroffenen Jugendlichen, den Kinderarzt oder eine in der Adoleszenz erfahrene Fachperson anzusteuern, sobald die Zeichen das Leben einengen oder Sicherheit zweifelhaft wird. NICE nennt als Überweisungskriterien unter anderem mittlere oder schwere Depression, aktive Suizidideen oder -pläne, Selbstvernachlässigung über mindestens einen Monat, Rückfall nach früherer mittelschwerer oder schwerer Episode und den ausdrücklichen Wunsch der Familie nach Weiterleitung.
Dieselben Quellen trennen den Notfall klar von der planbaren Sprechstunde. Wer einen Suizidplan äußert, sich oder andere verletzen will oder bereits einen Versuch hinter sich hat, braucht sofort den Notruf 112 oder die nächste Notaufnahme. Die Mayo Clinic fordert, die Person nicht allein zu lassen und Kommentare über Suizid niemals als Theater abzutun. NICE erwägt stationäre Behandlung bei hohem Suizid-, Selbstverletzungs- oder Selbstvernachlässigungsrisiko oder wenn die nötige Überwachung ambulant nicht machbar ist.
| Situation | Typische nächste Stufe | Zeitfenster |
|---|---|---|
| Traurige oder reizbare Stimmung über mindestens zwei Wochen, Alltag noch tragbar | Kinder- oder Hausarzt, Screening und Gespräch | Termin in den nächsten Tagen |
| Schulversagen, Rückzug, Schlaf- oder Essstörung ohne akute Gefahr | Praxis plus geplante Fachanbindung | Zeitnah, nicht „nach den Ferien“ |
| Leichte Diagnose ohne Suizidplan | Beobachtung oder kurzfristige Psychotherapie nach NICE | Kontrolle oft binnen zwei Wochen |
| Mittlere oder schwere Symptome, Selbstverletzung ohne akuten Plan | Fachstelle Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sicherheitsplan | Rasche Zuweisung, nicht nur Hausmittel |
| Suizidplan, Versuch, akute Selbst- oder Fremdgefährdung | Notaufnahme oder Notruf 112 | Sofort |
In den USA verweist Mayo auf die Krisenlinie 988. In Deutschland bleibt bei akuter Gefahr der Notruf 112 der verbindliche Weg; die ärztliche Bereitschaft 116 117 hilft, wenn die Situation dringend ist, aber nicht lebensbedrohlich. Waffen, scharfe Gegenstände und nicht benötigte Tabletten sollen laut Mayo aus dem unmittelbaren Zugriff, solange das Risiko erhöht ist.
Was können Familien parallel zur Behandlung tun?
Zuhören ohne Sofortrichter, den Termin wahrnehmen und den vereinbarten Plan halten, auch an Tagen, an denen der Jugendliche „keine Lust“ hat. Mayo und KidsHealth beschreiben dasselbe Muster: Viele Betroffene fühlen sich allein oder unliebenswert; kleine, wiederholte Zeichen von Interesse senken diese Distanz eher als eine einmalige Grundsatzrede. Der Arzt braucht Beobachtungen der Eltern zu Schlaf, Essen, Schule und Freundeskreis, gleichzeitig aber Zeit allein mit dem Jugendlichen, sonst bleiben Substanzkonsum und Suizidgedanken oft ungesagt.
NICE rät zu regelmäßigem, angeleitetem Ausdauertraining, typischerweise bis zu drei Einheiten pro Woche von 45 bis 60 Minuten über zehn bis zwölf Wochen, plus Schlafhygiene, Angstmanagement und einer ausgewogenen Ernährung. Das NIMH nennt Bewegung, verlässlichen Schlaf und Kontakt zu Vertrauten als alltagsnahe Stützen, nicht als Ersatz für Therapie. Alkohol und andere Drogen können Symptome kurz dämpfen und die Erkrankung laut Mayo längerfristig verschlechtern.
Selbsthilfehefte, Foren und Johanniskrauttee ersetzen keine geplante Behandlung. NICE erlaubt Selbsthilfematerial nur als Teil eines begleiteten Pakets und rät Jugendlichen, die Johanniskraut bereits frei verkäuflich nehmen, zum Absetzen unter Beobachtung. Alternative Verfahren wie Yoga oder Meditation dürfen Mayo zufolge ergänzen, sollen aber weder Medikament noch Psychotherapie ersetzen. Familien, die Schusswaffen oder große Tablettenvorräte im Haus haben, sichern beides; das ist Prävention, keine Schuldzuweisung.
Was hat sich seit den GLAD-PC-Empfehlungen von 2018 geändert?
Das Depressionsscreening ab 12 ist geblieben, das Suizidscreening ist in der US-Kinderheilkunde dazugekommen. Bright Futures hat 2022 das Suizidrisiko an die bestehende Depressionszeile gehängt; die AAP-Fußnote von 2024 nennt beides namentlich. Die USPSTF hat im selben Jahr 2022 das Depressionsscreening für 12- bis 18-Jährige bestätigt und das Suizidscreening offen gelassen. Wer 2018 nur den PHQ-9A in die Akte heftete, arbeitet nach heutigem AAP-Stand unvollständig.
Auf der Behandlungsseite haben NICE 2019 digitale und Gruppenformate für leichte Depression aufgewertet und 2024 vor allem redaktionell gestrafft, ohne die klinische Linie zu kippen. Die AACAP-Leitlinie 2023 bündelt die Evidenz zu KVT, interpersoneller Therapie, Fluoxetin und Kombinationsbehandlung und benennt ehrlich die Lücken: Sequenz nach Nichtansprechen, Langzeitrisiko der SSRI und der Mangel an Fachkräften bleiben Forschungsfragen. Mayo hält an Fluoxetin und Escitalopram als den in den USA zugelassenen Jugend-Antidepressiva fest; der Black-Box-Hinweis gilt weiter.
Die Häufigkeit hat sich gegenüber den Zahlen der alten Seite verschoben. Das CDC-Data-Brief 527 (16. April 2025) misst für August 2021 bis August 2023 bei 12- bis 19-Jährigen 19,2 Prozent mit PHQ-9-Wert ab 10, bei Mädchen 26,5 Prozent, bei Jungen 12,2 Prozent. In der Gesamtgruppe ab 12 Jahren stieg der Anteil von 8,2 Prozent (2013/2014) auf 13,1 Prozent. Von den Betroffenen mit Depressionssymptomen hatten 87,9 Prozent wenigstens etwas Mühe mit Arbeit, Haushalt oder sozialen Kontakten; nur 39,3 Prozent berichteten Beratung oder Therapie im zurückliegenden Jahr. Die 2016er-Schätzung von rund 3,1 Millionen US-Jugendlichen mit schwerer Episode ist damit als aktueller Maßstab überholt.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter sollen Jugendliche auf Depression untersucht werden?
Ab 12 Jahren jährlich in der Vorsorge, so GLAD-PC 2018 und der AAP-Vorsorgeplan. Die USPSTF bestätigt das Fenster 12 bis 18 Jahre. Unter 12 Jahren bleibt das flächendeckende Screening umstritten, weil die Evidenz fehlt; bei deutlichen Zeichen wartet man trotzdem nicht auf den zwölften Geburtstag.
Reicht der Depressionsfragebogen in der Kinderarztpraxis?
Als alleiniges Werkzeug nein, wenn es um Suizidrisiko geht. Die AAP (2023) berichtet, der PHQ-9A habe 36 Prozent der in einem Suizidbogen positiven Fälle verpasst. Ein zweites, validiertes Instrument oder wenigstens eine direkte, nicht wertende Frage gehört dazu, sobald der Jugendliche alt genug für das Universalscreening ist.
Hilft Psychotherapie ohne Tabletten?
Bei leichter Depression ist das der vorgesehene Weg. NICE verbietet Antidepressiva als Erstbehandlung der leichten Form und setzt nach kurzem Abwarten auf digitale oder Gruppen-KVT und verwandte Verfahren. Bei mittlerer oder schwerer Depression kann Fluoxetin von Beginn an mit Therapie kombiniert werden; die Entscheidung trifft die Fachärztin nach Risiko und Präferenz.
Sind Antidepressiva bei Teenagern gefährlich?
Sie können bei unter 25-Jährigen suizidale Gedanken in den ersten Wochen und nach Dosisänderungen verstärken, das steht im FDA-Warnhinweis und bei Mayo. Gleichzeitig kann eine wirksame Behandlung das langfristige Risiko senken, weil die Depression selbst Suizidalität treibt. Engmaschige Kontrollen, kleine Packungsgrößen und das Verbot, das Mittel allein abzusetzen, gehören zum Sicherheitsrahmen.
Wann muss ich mit meinem Kind in die Notaufnahme?
Sofort bei Suizidplan, Suizidversuch, akuter Selbst- oder Fremdgefährdung oder wenn niemand die Aufsicht gewährleisten kann. Der Notruf 112 oder die nächste Notaufnahme ist dann der richtige Ort, nicht die nächste freie Sprechstunde. NICE nennt außerdem schwere Selbstvernachlässigung als stationären Anlass.
Dürfen Eltern im Zimmer bleiben, wenn der Arzt fragt?
Ein Teil des Gesprächs soll ohne Eltern stattfinden, weil Substanzkonsum und Suizidgedanken sonst oft verschwiegen werden. AAP und NICE formulieren das unabhängig voneinander. Verweigern Eltern das Verlassen des Raums, kann das Screening trotzdem laufen; die Antworten werden dann vorsichtiger, das Modell „man darf darüber sprechen“ bleibt.
Wie lange dauert es, bis ein Antidepressivum wirkt?
Oft drei bis vier Wochen, manchmal länger, und nicht jedes Präparat passt beim ersten Versuch. MedlinePlus und NICE betonen den verzögerten Beginn. In den ersten vier Wochen sind laut NICE wöchentliche Kontakte vorgesehen, gerade weil sich Stimmung und Antrieb ungleich schnell ändern können.
Sollen wir Johanniskraut versuchen?
NICE rät bei Kindern und Jugendlichen davon ab. Es fehlen belastbare pädiatrische Studien, das Nebenwirkungsprofil ist unklar, und Wechselwirkungen, etwa mit Verhütungsmitteln, sind beschrieben. Wer das Mittel bereits nimmt, soll es in Absprache mit der Praxis absetzen und die Stimmung beobachten.
Fazit
Wer als Elternteil oder Jugendlicher den nächsten Vorsorgetermin hat, kann den Bogen ernst nehmen und eigene Beobachtungen mitbringen: Schlaf, Schulleistung, Rückzug, Selbstverletzung, Zugang zu Waffen oder Tabletten. Der Haus- oder Kinderarzt ist nach GLAD-PC und Bright Futures genau die Stelle, an der das jährlich passieren soll, nicht erst die Notaufnahme. Ein positives Screening ist keine Diagnose; es ist der Start einer Abklärung mit Gespräch, Körpercheck und Sicherheitsplan.
Die Therapie folgt der Schwere. Leichte Verläufe brauchen oft Zeit, Struktur und eine kurze, evidenzbasierte Psychotherapie. Mittlere und schwere Verläufe brauchen Fachstellen, häufig kognitive Verhaltenstherapie, manchmal Fluoxetin unter wöchentlicher Sicht in der Anfangsphase. Versprechen auf Heilung gibt keine Leitlinie; messbare Entlastung und weniger Krisen sind realistische Ziele.
Seit 2018 hat sich vor allem die Sicherheitslogik verschärft. Depression und Suizidrisiko werden in der US-Kinderheilkunde getrennt abgefragt, digitale Therapieformen sind bei leichten Fällen angekommen, und die gemessene Häufigkeit bei 12- bis 19-Jährigen liegt nach CDC-Daten 2021–2023 klar über den 2016er-Zahlen. Wer Zeichen sieht, wartet nicht auf die nächste Leitlinienauflage. Der nächste sinnvolle Schritt ist ein Termin, bei akuter Gefahr der Notruf 112.
Quellen
- Zuckerbrot RA, Cheung A et al.: Guidelines for Adolescent Depression in Primary Care (GLAD-PC): Part I. Practice Preparation, Identification, Assessment, and Initial Management. Pediatrics, März 2018.
- Cheung AH, Zuckerbrot RA et al.: Guidelines for Adolescent Depression in Primary Care (GLAD-PC): Part II. Treatment and Ongoing Management. Pediatrics, März 2018.
- US Preventive Services Task Force, Mangione CM et al.: Screening for Depression and Suicide Risk in Children and Adolescents: US Preventive Services Task Force Recommendation Statement. JAMA, 18. Oktober 2022.
- Walter HJ, Abright AR et al.: Clinical Practice Guideline for the Assessment and Treatment of Children and Adolescents With Major and Persistent Depressive Disorders. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Mai 2023.
- NICE: Depression in children and young people: identification and management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 7. Mai 2024.
- American Academy of Pediatrics: Screening for Suicide Risk in Clinical Practice. American Academy of Pediatrics, Stand: 22. Februar 2023.
- American Academy of Pediatrics: Preventive Care/Periodicity Schedule. American Academy of Pediatrics, Stand: 6. Februar 2025.
- Brody DJ, Hughes JP: Depression Prevalence in Adolescents and Adults: United States, August 2021–August 2023. Centers for Disease Control and Prevention, 16. April 2025.
- Mayo Clinic Staff: Teen depression – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 12. August 2022.
- Mayo Clinic Staff: Teen depression – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, 12. August 2022.
- MedlinePlus: Teen Depression. MedlinePlus, National Library of Medicine, Stand: 2024.
