
Die Inseltransplantation kann bei ausgewählten Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes schwere Unterzuckerungen stoppen und den HbA1c oft in den Zielbereich bringen, heilt die Autoimmunerkrankung aber nicht. Sie bleibt ein Verfahren für Menschen, bei denen trotz intensiver Insulintherapie, Schulung und Sensortechnik lebensbedrohliche Hypos oder eine Wahrnehmungsstörung der Unterzuckerung fortbestehen.
Seit Juni 2023 ist in den USA mit Donislecel (Handelsname Lantidra) erstmals ein allogenes Inselzellprodukt zugelassen; die FDA beschränkt die Indikation auf Erwachsene, die Zielwerte wegen wiederholter schwerer Hypoglykämien nicht erreichen. Der Preis ist eine Immunhemmung, solange das Transplantat arbeitet, plus das Risiko von Blutung, Infekt und nachlassender Nierenfunktion. In Europa gilt die Infusion in mehreren Ländern als erstattete Therapie, nicht als Alltagsoption für jede Person mit Typ-1-Diabetes. Wer wiederholt fremde Hilfe bei Unterzuckerung braucht, gehört zuerst in eine spezialisierte Hypoglykämie-Sprechstunde, nicht vorschnell auf eine Warteliste.
Für wen die Inseltransplantation gedacht ist
Kandidatinnen und Kandidaten sind Erwachsene mit Typ-1-Diabetes, bei denen schwere Unterzuckerungen oder eine fehlende Wahrnehmung tiefer Werte trotz optimaler Behandlung anhalten. Das NIDDK nennt genau diese Gruppe. Dazu zählen labile Verläufe, schwere Hypoglykämien und die gefährliche Unfähigkeit, Warnzeichen rechtzeitig zu spüren.
Typ-1-Diabetes entsteht, wenn das Immunsystem die insulinbildenden Betazellen in den Langerhans-Inseln zerstört. Laut CDC (Stand 15. Mai 2024) betrifft das etwa 5 bis 10 Prozent aller Diabetesfälle. Insulin per Spritze, Pen oder Pumpe ersetzt das Hormon, ahmt aber die feine Regelung der Bauchspeicheldrüse selten vollständig nach. Moderne Sensoren und automatisierte Insulindosierung senken die Hypoglykämielast bei vielen Menschen deutlich. Ein Rest bleibt trotzdem ungeschützt, nämlich wiederholte schwere Ereignisse mit Bewusstlosigkeit oder Krampfanfall, oft nach langer Krankheitsdauer.
Diabetes Canada (Kapitel Transplantation, Leitlinie 2018) stuft die allogene Inseltransplantation bei ausgeprägter Glukoselabilität oder schweren Hypos als erwägenswert ein, sofern die Nierenfunktion erhalten ist oder bereits eine Niere transplantiert wurde. NICE (NG17, Empfehlung von 2015) rät bei rezidivierenden schweren Unterzuckerungen, die auf andere Maßnahmen nicht ansprechen, zur Überweisung an ein Zentrum, das Insel- und Pankreastransplantationen prüft. Nach einer funktionierenden Nierentransplantation kann dasselbe Team eine Inselinfusion erwägen, weil die Abwehrhemmung ohnehin läuft.
Kinder, Jugendliche und Menschen mit gut steuerbarem Typ-1-Diabetes gehören nicht in dieses Fenster. Auch aktive Infekte, schwere Leber- oder Pfortadererkrankungen, unkontrollierte Herzkrankheit und fehlende Bereitschaft zur lebenslangen Medikamenteneinnahme schließen das Verfahren in der Praxis aus. Endotext (Aktualisierung 15. September 2025) fasst die typische Altersspanne mit 18 bis 65 Jahren zusammen; Abweichungen bleiben Einzelfallentscheidungen nach Nutzen und Risiko.
![[Eine Frau mit Diabetes Blutzuckermessung]](https://demedbook.com/images/2/pancreatic-cell-transplantation-a-breakthrough-for-type-1-diabetes.jpg)
Wie die Infusion in die Pfortader abläuft
Spenderinseln werden aus der Bauchspeicheldrüse eines verstorbenen Organspenders enzymatisch gelöst, gereinigt und über einen Katheter in die Pfortader der Leber gegeben. Das NIDDK beschreibt den Eingriff als minimalinvasiv, mit örtlicher Betäubung plus Beruhigungsmittel, selten Vollnarkose, und Führung des Schlauchs unter Röntgen und Ultraschall.
Im Labor zählen die Teams Inseläquivalente. Pro Infusion landen laut NIDDK im Mittel rund 400.000 Inseln in der Leber. Dort bilden sich in etwa zwei Wochen neue Gefäßanschlüsse. Insulinproduktion beginnt oft rasch, die volle Funktion braucht länger. Deshalb bleibt die bisherige Insulintherapie zunächst bestehen; das Zentrum senkt die Dosis schrittweise, wenn C-Peptid nachweisbar wird und die Glukosewerte stabiler werden.
Eine einzige Spenderpankreas reicht häufig nicht. Viele Empfängerinnen und Empfänger brauchen eine zweite, selten eine dritte Infusion, wenn nach Wochen noch zu wenig Eigeninsulin entsteht. Das CIT-Konsortium dokumentierte in der Phase-3-Studie CIT-07 bei 48 Erwachsenen 75 Präparatelose, also im Schnitt mehr als eine Gabe pro Person. Die FDA erlaubt bei Donislecel eine weitere Infusion, falls die erste nicht ausreicht, höchstens drei Infusionen in den Zulassungsstudien.
Unmittelbar nach der Gabe drohen Blutung entlang des Katheterwegs und Thrombosen in Pfortaderästen. Erfahrene Zentren geben deshalb Heparin in die Infusionslösung und danach niedermolekulares Heparin über einige Tage, wie Endotext zur Vorbeugung der sofortigen blutvermittelten Entzündungsreaktion festhält. Schmerzen im Oberbauch, ein Hb-Abfall oder Fieber sind Anlass, noch in der Klinik zu bleiben und nicht nach Hause zu gehen.
Was Phase-3-Studien und Register wirklich zeigen
Schutz vor schweren Unterzuckerungen und ein HbA1c unter 7 Prozent sind die belastbaren Effekte, nicht eine dauerhafte Insulinfreiheit für alle. In CIT-07 erreichten 87,5 Prozent der Teilnehmenden nach einem Jahr den kombinierten Endpunkt HbA1c unter 7 Prozent ohne schwere Hypoglykämie (Tag 28 bis 365); nach zwei Jahren hielten 71 Prozent diesen Endpunkt. Das mediane HbA1c lag bei 5,6 Prozent in beiden Jahren, so Hering und Kollegen in Diabetes Care (2016).
Insulinunabhängigkeit ist ein zweites, schwächeres Ziel. Das NIDDK fasst dieselbe Studie so zusammen. Nach einem Jahr benötigte etwa die Hälfte kein Spritzinsulin mehr, nach zwei Jahren noch etwa vier von zehn. Wer Insulin wieder aufnimmt, kann trotzdem C-Peptid behalten und damit vor tiefen Hypos geschützt bleiben. Genau das unterscheidet ein funktionierendes Teiltransplantat von einem Totalverlust.
Längerfristige Registerdaten dämpfen die frühen Zahlen. Endotext zitiert den 12. CITR-Allograft-Bericht (Daten bis 2023). Darin stehen 1.477 Empfänger allogener Inseln an 40 Zentren, Insulinunabhängigkeit bei 40 bis 60 Prozent nach einem Jahr und rund 25 Prozent nach fünf Jahren, Hypoglykämieschutz bei mehr als 90 Prozent auch mit Restfunktion. Kanadische Kohorten nennen 32 Prozent Insulinunabhängigkeit nach fünf Jahren und 8 Prozent nach 20 Jahren; italienische Serien berichten etwa 50 Prozent Transplantatüberleben nach zwei Jahrzehnten.
Ein Fall-Kontroll-Vergleich von Rickels und Kollegen (Diabetes Care, 1. Mai 2025) stellt 71 CITR-Fälle mit mindestens einer schweren Hypoglykämie (Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit) 213 Kontrollen aus dem T1D-Exchange-Register gegenüber. Über fünf Jahre erreichten 71 bis 80 Prozent der Transplantierten HbA1c unter 7 Prozent ohne solches Ereignis, gegenüber 21 bis 33 Prozent unter fortgesetzter Standardtherapie. Die Mehrheit der CITR-Gruppe kam ohne Insulin aus. Die geschätzte Filtrationsrate der Niere fiel in der Transplantgruppe stärker, von minus 8,8 bis minus 20 gegenüber minus 1,3 bis minus 6,5 Milliliter pro Minute pro 1,73 Quadratmeter. Der metabolische Gewinn und der Nierenpreis gehören also in denselben Satz.
Lebensqualität steigt in den CIT-Nachbeobachtungen auch dann, wenn Insulin bleibt, weil die Angst vor plötzlicher Bewusstlosigkeit nachlässt. Das NIDDK betont diesen Punkt ausdrücklich. Gleichzeitig können Nebenwirkungen der Immunhemmung die gewonnene Freiheit wieder belasten. Ein „Durchbruch für alle mit Typ-1-Diabetes“ folgt aus diesen Daten nicht.
Immunsuppression, Infekte, Krebsrisiko und Niere
Ohne dauerhafte Abwehrhemmung stößt der Körper die fremden Inseln ab, und die Autoimmunität, die einst die eigenen Betazellen zerstörte, kann zurückkehren. Das NIDDK schreibt klar, dass die Transplantatinseln die Arbeit einstellen, sobald jemand die Mittel absetzt.
Die Mittel erhöhen die Anfälligkeit für bakterielle und virale Infekte und können langfristig bestimmte Krebserkrankungen, besonders der Haut, begünstigen. Weitere vom NIDDK genannte Wirkungen sind Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerz, Tremor, Verwirrtheit, Bluthochdruck, höhere Blutzucker- und Blutfettwerte sowie Nierenschäden. Calcineurinhemmer und mTOR-Hemmer gelten als besonders nierenbelastend. Genau deshalb ist eine bereits eingeschränkte Niere ohne Transplantatoption oft ein Ausschlussgrund für eine Inseltransplantation allein.
CIT-07 zählte bei 5 von 48 Teilnehmenden (10,4 Prozent) Blutungen, die Transfusionen erforderten, bezogen auf 5 von 75 Infusionen. Zwei Personen (4,1 Prozent) erlitten Infekte, die dem Immunregime zugeschrieben wurden. Die glomeruläre Filtrationsrate nahm unter der Therapie signifikant ab; bei zwei Personen entstanden spendergerichtete Antikörper. Studienbezogene Todesfälle oder bleibende Behinderungen traten in dieser Kohorte nicht auf. Die FDA berichtet für Donislecel, dass die Mehrheit mindestens eine schwere Nebenwirkung im Zusammenhang mit Infusion oder Immunhemmung hatte; bei manchen musste die Immunhemmung abgesetzt werden, womit die Inseln und die Insulinunabhängigkeit verloren gingen.
NIDDK und NIAID halten in ihrem Überblick vom 10. Januar 2024 fest, dass dieselben Medikamente die Inseln selbst langfristig schädigen können. Immunologische Toleranz, also ein Leben ohne Dauertherapie, bleibt ein Forschungsziel, keine heutige Klinikroutine. Wer schon nach einer Nierentransplantation Immunsuppressiva nimmt, zahlt diesen Preis nicht zusätzlich; für alle anderen muss der Schutz vor Hypoglykämie diesen Alltag rechtfertigen.
Nach der Infusion gehören Fieber, Husten, brennendes Wasserlassen, neue Hautveränderungen und ein plötzlicher Insulinbedarf zur Sofortmeldung an das Transplantteam. Eigenmächtiges Absetzen der Tabletten, etwa wegen Übelkeit, zerstört das Transplantat oft unwiderruflich.
Inseln, ganze Bauchspeicheldrüse oder Stammzellprodukt
Drei Wege können endogenes Insulin zurückbringen, mit sehr verschiedenem Schnitt und verschiedenem Halt. Die Inselinfusion bleibt der kleinere Eingriff. Die Transplantation der ganzen Drüse ist eine große Bauchoperation. Stammzellinseln kommen aus dem Labor statt vom Organspender, brauchen in den bisherigen Studien aber ebenfalls Immunhemmung.
Die Mayo Clinic stellt klar, dass eine Pankreastransplantation die Insulinpflicht beenden kann, sich aber vor allem bei schweren Komplikationen eignet, häufig zusammen mit einer Niere. Sie dauert typischerweise vier bis sechs Stunden, verlangt Intensivüberwachung und trägt Risiken wie Thrombose, Blutung, Pankreatitis, Wundinfekt und Abstoßung. Diabetes Canada nennt für die kombinierte Nieren-Pankreas-Transplantation Einjahres-Transplantatüberleben um 91 Prozent, nach zehn Jahren um 62 Prozent; alleinige Pankreas- oder Pankreas-nach-Niere-Transplantate liegen darunter. Inseln vermeiden den großen Schnitt, brauchen öfter mehrere Spender und verlieren die Insulinunabhängigkeit früher.
Stammzellinseln umgehen den Mangel an Spenderpankreata. Zimislecel (früher VX-880) ist ein allogenes, aus Stammzellen ausdifferenziertes Inselprodukt, das ebenfalls in die Pfortader läuft. Reichman und Kollegen veröffentlichten am 20. Juni 2025 im New England Journal of Medicine Zwischenanalysen von 14 Personen, davon 12 mit voller Dosis. Alle zwölf blieben frei von schweren Hypoglykämien, lagen mit dem HbA1c unter 7 Prozent und verbrachten mehr als 70 Prozent der Zeit im Glukosezielbereich 70 bis 180 mg/dl (3,9 bis 10,0 mmol/l). Zehn von zwölf (83 Prozent) waren an Tag 365 ohne exogenes Insulin. Zwei Todesfälle traten auf, eine Kryptokokkenmeningitis und das Fortschreiten einer vorbestehenden schweren Demenz. Neutropenie war das häufigste schwere unerwünschte Ereignis (drei Personen). Die Studie ist klein, kurz und herstellerfinanziert; eine Zulassung fehlt.
| Merkmal | Spenderinseln (allogen) | Ganze Bauchspeicheldrüse | Stammzellinseln (Zimislecel) |
|---|---|---|---|
| Zugang | Katheter in die Pfortader | offene Bauchoperation, 4–6 Stunden | Katheter in die Pfortader, Studienbedingungen |
| Zellquelle | verstorbene Spender, oft mehrere Organe | ein Spenderorgan | Labor, Menge prinzipiell erweiterbar |
| Insulinunabhängigkeit | oft anfangs, nach 5 Jahren seltener | häufiger und länger haltbar | 10 von 12 nach 1 Jahr in kleiner Serie |
| Hypoglykämieschutz | hoch, auch bei Teilfunktion | hoch bei funktionierendem Organ | alle 12 Volldosis-Teilnehmenden ohne schwere Hypo |
| Immunhemmung | lebenslang nötig | lebenslang nötig | in der Studie ebenfalls nötig |
| Status 2025/2026 | FDA-Produkt Donislecel; in Teilen Europas erstattet | etabliertes Organtransplantat | Phase 1–3, nicht zugelassen |
Eine vierte, oft verwechselte Variante ist die autologe Inselrückgabe nach totaler Pankreatektomie wegen schwerer chronischer Pankreatitis. Die eigenen Inseln wandern in die Leber, Immunhemmung entfällt. Menschen mit Typ-1-Diabetes können dieses Verfahren nicht nutzen, weil ihre Inseln bereits zerstört sind.
Wann bei schwerer Unterzuckerung ins Spezialzentrum
Wiederholte schwere Unterzuckerungen trotz Schulung, Sensor und angepasstem Insulinregime sind der klinische Anlass, eine Transplantationsabklärung zu prüfen. NICE formuliert die Schwelle so. Erwachsene mit rezidivierenden schweren Hypoglykämien, die auf die übrigen Maßnahmen nicht ansprechen, sollen an ein Zentrum überwiesen werden, das Insel- und Pankreastransplantationen bewertet.
Schwere Unterzuckerung bedeutet, dass eine andere Person helfen muss – mit Traubenzucker, Glukagonspritze oder Notarzt. Die ADA-Stufen (Standards of Care 2025) unterscheiden Level 1 unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l), Level 2 unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l) und Level 3 als Ereignis mit Hilfebedarf. Eine Wahrnehmungsstörung liegt vor, wenn Warnzeichen wie Zittern, Schwitzen oder Heißhunger ausbleiben, bis der Wert bereits tief im Level-2-Bereich liegt. Endotext nennt als Orientierung eine Wahrnehmungslücke unter 54 mg/dl.
Vor jeder Transplantationsdiskussion steht die Ausschöpfung der weniger eingreifenden Wege. Dazu gehören strukturierte Schulung, Überprüfung der Insulindosen, kontinuierliche Glukosemessung sowie eine Pumpe mit automatischer Abschaltung oder hybrid geschlossenem Regelkreis. NIDDK und NIAID erinnern, dass künstliche Pankreassysteme für einen großen Teil der Betroffenen die Hypoglykämielast senken. Nur wer danach noch schwere Ereignisse hat, rückt in die enge Indikation.
Sofortige Notfallhilfe ist nötig bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfall, Verwirrtheit mit Gefahr im Straßenverkehr oder wenn Glukagon nicht greift. Nach einer Inselinfusion gelten zusätzlich Fieber, starker Oberbauchschmerz, frische Blutung, rasch steigende Glukosewerte und jede Unterbrechung der Immunhemmung als Alarm für das Transplantteam, nicht für das Warten auf den nächsten Routinetermin.
- Eine schwere Unterzuckerung mit Hilfebedarf, Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit gehört in die Notaufnahme und danach in die Diabetes-Spezialsprechstunde.
- Fehlende Warnzeichen bei Werten unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l) sollen innerhalb weniger Wochen endokrinologisch abgeklärt werden.
- Nach zwei oder mehr schweren Ereignissen in zwei Jahren trotz Schulung und Technik prüft NICE die Überweisung zur Transplantationsbewertung.
- Fieber, Wundschmerz oder ein plötzlicher Insulinbedarf nach Inselinfusion müssen noch am selben Tag das Transplantzentrum erreichen.
Donislecel und Zimislecel, Zulassung gegen Studie
Donislecel ist das erste von der FDA lizenzierte allogene Inselprodukt aus Bauchspeicheldrüsen Verstorbener; Zimislecel bleibt ein Prüfpräparat aus Stammzellen. Beide zielen auf Erwachsene mit Typ-1-Diabetes und gestörter Hypoglykämiewahrnehmung, ersetzen aber weder einander noch die Insulintherapie als Standard.
Die Zulassungsstudien zu Lantidra umfassten 30 nicht randomisierte Teilnehmende mit Hypoglykämiewahrnehmungsstörung, die mindestens eine und höchstens drei Infusionen erhielten. Einundzwanzig brauchten ein Jahr oder länger kein Insulin, darunter elf für ein bis fünf Jahre und zehn für mehr als fünf Jahre. Fünf erreichten keinen einzigen Tag ohne Insulin. Häufige unerwünschte Wirkungen waren Übelkeit, Müdigkeit, Anämie, Durchfall und Bauchschmerz. Die FDA verbindet die Zulassung mit patientenverständlicher Risikoaufklärung; Peter Marks, Leiter des zuständigen FDA-Zentrums, nannte schwere Hypoglykämie ausdrücklich als Verletzungs- und Anfallsrisiko, dem die neue Option gelten soll.
Das NIDDK wertet die Lizenz als Endpunkt jahrzehntelanger CIT- und Immune-Tolerance-Network-Arbeit nach dem Edmonton-Protokoll mit steroidfreier Immunhemmung und Pfortaderinfusion, die aus einem Forschungsprotokoll eine regulierte Zelltherapie machte. Zugleich bleibt das Produkt an wenige Zentren, knappe Spenderorgane und eine strenge Indikation gebunden. Cleveland Clinic (Aktualisierung 12. August 2026) hält fest, dass es für Typ-1-Diabetes keine Heilung gibt und Transplantate nur einem kleinen Kreis offenstehen.
Zimislecel umgeht den Organspender, nicht die Immunhemmung. Die Volldosis in der FORWARD-Studie betrug 0,8 × 10^9 Zellen als einmalige Infusion, begleitet von einem steroidfreien Immunschema. Alle Teilnehmenden hatten zu Beginn kein messbares C-Peptid; nach der Gabe war es nachweisbar. Das spricht für Einnistung, nicht für eine zugelassene Versorgung. Kapselverfahren und gentechnisch „versteckte“ Inseln, die ohne Systemtherapie auskommen sollen, stehen in früheren Phasen. Wer solche Studien erwägt, braucht ein Prüfzentrum und eine Aufklärung über Infektionsrisiko unter Immunhemmung, nicht den Eindruck, das Labor habe die Spenderlücke bereits geschlossen.
Spendermangel, Europa und warum das Verfahren selten bleibt
Die Inseltransplantation bleibt selten, weil Spenderpankreata knapp sind und die Immunhemmung den Kreis der Geeigneten klein hält. CITR zählte zwischen 1999 und 2015 weltweit 1.086 allogene Empfänger; der spätere Bericht kommt auf 1.477 bis 2023 – bei Millionen Menschen mit Typ-1-Diabetes eine Nische.
Viele entnommene Bauchspeicheldrüsen eignen sich nicht zur Isolierung. Ein Teil der Inseln geht bei Isolation, Transport und der Entzündungsreaktion in der Leber verloren. Deshalb brauchen viele Empfänger Inseln von zwei oder mehr Spendern. Endotext nennt als übliche Zieldosis mindestens 10.000 Inseläquivalente pro Kilogramm, oft kumulativ. Jedes Organ, das in die Inselaufbereitung geht, fehlt potenziell einem Empfänger einer ganzen Pankreastransplantation. Die Allokation entscheiden Transplantprogramme, nicht Suchanfragen im Netz.
Regulatorisch unterscheiden sich die Kontinente. In den USA gelten isolierte Inseln als Zelltherapie; die BLA für Donislecel 2023 hat diesen Weg geöffnet. In weiten Teilen Europas laufen Inseln unter Gewebe- und Organregeln. Endotext listet als Länder mit Erstattung unter anderem die Schweiz, das Vereinigte Königreich, Schweden, Frankreich, Italien, Belgien und Polen; 2024 erschienen harmonisierte EDQM-Leitlinien zur Qualität. Großbritannien finanziert seit 2008 ein nationales Programm. Für Deutschland nennt dieselbe Übersicht keine flächendeckende Regelleistung; wer hier lebt, klärt die Option an einer Universitätsklinik mit Transplantations- und Diabeteszentrum und lässt prüfen, ob eine Überweisung ins Ausland oder in eine Studie infrage kommt.
NIDDK fördert parallele Wege aus der Engpasslage. Dazu zählen Verkapselung, Schweineinseln in der Forschung und vor allem humane Inseln aus Stammzellen. Solange diese Ansätze keine zugelassene, immunhemmungsarme Routine sind, bleibt die ehrliche Botschaft dieselbe wie 2018, nur schärfer belegt. Für wenige mit schwerer Hypoglykämie kann die Infusion den Alltag retten, für die große Mehrheit bleibt Insulin plus Technik die Therapie der Wahl.
Häufige Fragen
Heilt die Inseltransplantation Typ-1-Diabetes?
Nein. Die Autoimmunerkrankung bleibt bestehen, und fremde Inseln brauchen Immunhemmung. Manche Empfängerinnen und Empfänger können Monate oder Jahre ohne Spritzinsulin leben, andere behalten eine Teilfunktion mit weniger Insulin und deutlich weniger schweren Hypos. Cleveland Clinic formuliert 2026 ausdrücklich, dass es keine Heilung gibt und Transplantate nur wenigen zustehen.
Wer kommt in Deutschland oder Europa dafür infrage?
Erwachsene mit Typ-1-Diabetes und wiederholten schweren Unterzuckerungen oder Wahrnehmungsstörung trotz ausgeschöpfter Schulung und Technik. NICE empfiehlt die Überweisung an ein bewertendes Zentrum; Diabetes Canada nennt zusätzlich Menschen nach erfolgreicher Nierentransplantation. Ob gesetzliche Kassen in Deutschland die allogene Infusion zahlen, ist keine pauschale Ja-Nein-Antwort – das klärt das Transplantzentrum.
Wie schnell wirkt die Infusion, und brauche ich weiter Insulin?
Betazellen können unmittelbar Insulin abgeben, die volle Leistung dauert oft Wochen. Bis dahin bleibt Insulin Pflicht. Viele brauchen eine zweite Infusion, wenn nach etwa zwei bis drei Monaten noch zu wenig Eigenproduktion messbar ist. Das NIDDK belegt, dass auch Menschen, die Insulin behalten, von stabileren Werten und weniger schweren Hypos profitieren können.
Welche Risiken sind häufiger als der Nutzen wert?
Blutung und Pfortaderthrombose sind prozedurale Risiken; Infekte, Nierenfunktionsverlust und ein höheres Risiko bestimmter Krebserkrankungen folgen der Immunhemmung. CIT-07 und der CITR-Vergleich 2025 zeigen den Nierenpreis in Zahlen. Für jemanden mit häufigen Krampfanfällen durch Hypoglykämie kann dieser Tausch sinnvoll sein, für jemanden mit stabiler Pumpe und seltenen Hypos eher nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Lantidra und Zimislecel?
Lantidra (Donislecel) besteht aus Inseln verstorbener Spender und ist in den USA seit 2023 zugelassen. Zimislecel stammt aus Stammzellen, zeigte 2025 in einer kleinen NEJM-Serie starke Einjahresdaten und ist nicht zugelassen. Beide werden in die Pfortader gegeben und verlangen in der bisherigen Praxis Immunhemmung.
Kann ich nach der Transplantation die Immunhemmung wieder absetzen?
Nicht, solange das Transplantat arbeiten soll. Das NIDDK warnt, dass Absetzen zur Abstoßung führt. Verkapselte oder gentechnisch getarnte Inseln sollen dieses Dilemma künftig lockern; klinisch verfügbar ist das für die Routine nicht.
Fazit
Wer trotz moderner Sensor-Pumpen-Systeme schwere Unterzuckerungen erleidet oder sie nicht mehr spürt, hat 2026 mehr als die eine Phase-3-Meldung von 2016. Es gibt ein FDA-lizenziertes Spenderzellprodukt, europäische Qualitätsregeln, Register über zwei Jahrzehnte und erste belastbare Stammzelldaten. Der Kernnutzen ist Schutz vor Bewusstlosigkeit und ein oft nah-normaler HbA1c, nicht die Garantie, nie wieder Insulin zu spritzen.
Morgen heißt das konkret. Hypoglykämien dokumentieren, Schulung und Technik auf den aktuellen Stand bringen, bei Level-3-Ereignissen die Notfallkette und danach die Spezialambulanz nutzen. Eine Insel- oder Pankreasabklärung gehört erst dorthin, wenn dieser Weg ausgeschöpft ist oder bereits Immunhemmung nach Nierentransplantation läuft. Nutzen und Nierenrisiko müssen am selben Tisch stehen.
Stammzellinseln können die Spenderlücke schließen, ändern aber vorerst nichts am Immunpreis. Bis Toleranz oder Kapselverfahren das ändern, bleibt Insulin die Basistherapie und die Transplantation die Ausnahme für eine eng gefasste, schwer belastete Gruppe.
Quellen
- U.S. Food and Drug Administration: FDA Approves First Cellular Therapy to Treat Patients with Type 1 Diabetes. U.S. Food and Drug Administration, 28. Juni 2023.
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Pancreatic Islet Transplantation. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Stand: 2018.
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Islet Transplantation for Treating Difficult-to-Manage Type 1 Diabetes in Adults. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, 10. Januar 2024.
- Piemonti L: Islet Transplantation. Endotext / NCBI Bookshelf, 15. September 2025.
- Mayo Clinic: Pancreas transplant. Mayo Clinic, Stand: 2026.
- Senior PA, AlMehthel M et al.: Diabetes and Transplantation. Diabetes Canada Clinical Practice Guidelines, Stand: 2018.
- National Institute for Health and Care Excellence: Type 1 diabetes in adults: diagnosis and management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 2022.
- Centers for Disease Control and Prevention: Type 1 Diabetes. Centers for Disease Control and Prevention, 15. Mai 2024.
- Cleveland Clinic: Type 1 Diabetes. Cleveland Clinic, 12. August 2026.
- Hering BJ, Clarke WR et al.: Phase 3 Trial of Transplantation of Human Islets in Type 1 Diabetes Complicated by Severe Hypoglycemia. Diabetes Care, 18. April 2016.
- Reichman TW, Markmann JF et al.: Stem Cell–Derived, Fully Differentiated Islets for Type 1 Diabetes. New England Journal of Medicine, 20. Juni 2025.
- Rickels MR, Ballou CM et al.: Islet Transplantation Versus Standard of Care for Type 1 Diabetes Complicated by Severe Hypoglycemia From the Collaborative Islet Transplant Registry and the T1D Exchange Registry. Diabetes Care, 1. Mai 2025.
