Rosenwurz bei Depressionen: Nutzen und Grenzen

Rosenwurz bei Depressionen: Nutzen und Grenzen

Rosenwurz ersetzt keine Behandlung einer Depression. Kleine randomisierte Versuche deuten darauf hin, dass ein standardisierter Extrakt aus Rhodiola rosea bei manchen Menschen mit leichten bis mittleren Beschwerden die Symptomwerte etwas senken kann; aktuelle Leitlinien empfehlen das Kraut dafür nicht.

Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) schreibt im Stand April 2025, der Nutzen sei für keinen Gesundheitszweck sicher nachgewiesen. Eine internationale Arbeitsgruppe der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) und des Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) stufte Rhodiola 2022 für affektive Störungen als nicht gestützt ein. Wer seit Wochen niedergeschlagen ist, braucht zuerst eine ärztliche Einschätzung, nicht eine Packung aus dem Regal.

Was Rosenwurz bei Depressionen leisten kann

Rosenwurz kann depressive Symptome in einzelnen, meist kleinen Studien mildern, heilt die Erkrankung aber nicht. Das Memorial Sloan Kettering Cancer Center fasst die Humanbelege so zusammen: vorläufige Daten zu leichter und mittlerer Depression existieren, die Methodik vieler Versuche bleibt schwach.

Die Pflanze wächst in kalten Höhenlagen Europas, Asiens und Nordamerikas. Wurzel und Rhizom galten in Russland und Skandinavien als Mittel gegen Ermüdung, Höhenbeschwerden und niedergedrückte Stimmung. Heute werden Kapseln, Tabletten und Tropfen als Nahrungsergänzung oder traditionelles pflanzliches Präparat verkauft, oft unter Namen wie Goldwurzel oder Rosenroot. Das MSD Manual (Vollrevision Juli 2025) bezeichnet Rhodiola als sogenanntes Adaptogen, also als Stoff, der dem Körper helfen soll, auf Stress zu reagieren. Diese botanische Kategorie ist keine Zulassung als Antidepressivum.

Zwei Lesererwartungen führen regelmäßig in die Irre. Erstens ist eine Besserung der Hamilton-Skala in einer Sechs-Wochen-Studie kein Beleg, dass schwere, psychotische oder bipolare Depressionen mit dem Kraut behandelt werden dürfen. Zweitens bedeutet „besser verträglich als Sertralin“ nicht „ebenso wirksam“. Mao und Kollegen an der University of Pennsylvania maßen 2015 beides gleichzeitig: der synthetische Wirkstoff senkte die Werte stärker, das Kraut löste weniger unerwünschte Effekte aus, und keiner der beiden Arme unterschied sich statistisch klar vom Placebo.

Wer leichte Beschwerden hat und Medikamente scheut, sucht oft genau nach diesem Risiko-Nutzen-Verhältnis. Das NCCIH erinnert trotzdem daran, dass Depression eine ernste Erkrankung sein kann und ergänzende Ansätze mit der behandelnden Praxis abgesprochen gehören. Eine Kapsel ersetzt weder Gesprächsangebote noch, wenn nötig, ein verschriebenes Arzneimittel.

Deprimierter Mann

Was die Studien seit 2007 wirklich zeigen

Die Beleglage bleibt dünn, widersprüchlich und kurzfristig. Drei randomisierte Arbeiten prägen die Debatte; keine ersetzt eine große, ausreichend gepowerte Zulassungsstudie.

Darbinyan und Kollegen prüften 2007 den standardisierten Extrakt SHR-5 an 89 Erwachsenen mit leichter oder mittlerer Episode nach DSM-IV und Ausgangswerten der Hamilton-Skala zwischen 21 und 31. Sechs Wochen lang erhielten 31 Personen 340 Milligramm täglich, 29 Personen 680 Milligramm, 29 Personen Placebo. In beiden Dosisarmen sanken Gesamtwert sowie Teilskalen zu Schlaflosigkeit, emotionaler Labilität und Körperbeschwerden signifikant, im Placeboarm nicht. Das Selbstwertgefühl besserte sich nur unter der höheren Menge. Schwere Nebenwirkungen wurden nicht gemeldet. Die Arbeit war klein, die Nachbeobachtung kurz, und eine Korrektur der Zeitschrift erschien im selben Jahrgang.

Mao und Kollegen verglichen 2015 in einer zwölfwöchigen, verblindeten Vorstudie 57 Erwachsene mit leichter oder mittlerer Major Depression. Ein Arm bekam SHR-5 (340 Milligramm pro Kapsel, steigend), ein Arm Sertralin 50 Milligramm pro Kapsel, ein Arm Milchzucker. Der Hamilton-17-Wert fiel um 8,2 Punkte unter Sertralin, um 5,1 unter Rhodiola und um 4,6 unter Placebo. Die Gruppenunterschiede waren nicht signifikant (p = 0,79). Die Chance auf eine globale Besserung gegenüber Placebo lag bei 1,90 für Sertralin und 1,39 für das Kraut; die Konfidenzintervalle waren breit. Unerwünschte Ereignisse nannten 63,2 Prozent unter Sertralin, 30,0 Prozent unter Rhodiola und 16,7 Prozent unter Placebo. Zwei Personen brachen Sertralin ab, niemand das Kraut. Die Autoren selbst schrieben, die Stichprobe diene der Planung einer größeren Studie, nicht dem endgültigen Nachweis.

Gao und Kollegen prüften 2020 in China 100 Patientinnen und Patienten, die alle Sertralin erhielten. Zusätzlich bekamen sie 0,6 Gramm Rhodiola, 0,3 Gramm oder Placebo über zwölf Wochen. Die Hamilton-, Beck- und CGI-Werte sanken in allen Armen; der Abfall war im Hochdosis-Zusatzarm am stärksten. Das ist ein Zusatzbefund, keine Prüfung als alleiniges Mittel. Das MSD Manual zitiert genau diese Arbeit und stellt ihr die Leitlinie von 2022 gegenüber, die Rhodiola weder allein noch in Kombination unterstützt.

Urata und Kollegen werteten bis November 2024 acht randomisierte Studien zu milder Depression aus. Rhodiola erschien dort als eine von mehreren Optionen, weil Gao einen Vorteil gegenüber Placebo zeigte. Die Übersichtsarbeit selbst betont den Mangel an direkten Vergleichen von Antidepressiva gegen Placebo in genau diesem Schweregrad. Eine einzelne Zusatzstudie trägt eine Metaanalyse nicht.

Arbeit Anlage Tagesmenge Kernbefund
Darbinyan 2007 89 Personen, 6 Wochen, drei Arme SHR-5 340 oder 680 mg Symptomwerte sanken vs. Placebo
Mao 2015 57 Personen, 12 Wochen, drei Arme SHR-5 steigend, Sertralin oder Placebo kein signifikanter Gruppenunterschied
Gao 2020 100 Personen, 12 Wochen, alle mit Sertralin 300 oder 600 mg plus Sertralin Zusatz stärker als Sertralin plus Placebo

Wie Rhodiola im Gehirn wirken kann

Laborbefunde erklären mögliche Stimmungseffekte, beweisen aber keine klinische Wirksamkeit. Das Memorial Sloan Kettering nennt als Leitstoffe Salidrosid und Rosavine; in Zellversuchen hemmen Bestandteile der Wurzel die Monoaminoxidasen A und B.

Hemmung dieser Enzyme kann theoretisch den Abbau von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin verlangsamen. Genau dieser Mechanismus begründet die Warnung, Rhodiola nicht unkontrolliert mit serotonergen Arzneimitteln zu mischen. Mao zitiert ältere tierexperimentelle Arbeiten, nach denen das Extrakt Rezeptoren für Noradrenalin, Serotonin, Dopamin und Acetylcholin in stimmungsrelevanten Hirnregionen anregen und Beta-Endorphin-Spiegel beeinflussen kann. Das bleibt Pharmakologie am Modell, kein Dosisplan für die Hausapotheke.

Salidrosid zeigte in Zellkulturen neuroprotektive und antioxidative Signale, unter anderem über Enzyme wie Hämoxygenase-1. Solche Wege passen oberflächlich zu Stress- und Entzündungsmodellen der Depression. Passung ist kein Wirksamkeitsbeweis. Das MSD Manual hält fest, dass hochwertige Humanstudien für keine der beworbenen Indikationen vorliegen, inklusive Lernen, Cholesterin, Alterung und Höhenkrankheit.

Wer „Adaptogen“ liest, erwartet oft eine intelligente Anpassung der Stresshormone in beide Richtungen. Das MSD Manual erklärt den Begriff als traditionelle Kategorie, nicht als nachgewiesene Wirkung. Ein Kraut, das gleichzeitig anregend und dämpfend wirken soll, bleibt ein theoretisches Konstrukt, solange große klinische Endpunkte fehlen.

Welche Mengen in Versuchen vorkamen

Eine amtliche Depressionsdosis für Rosenwurz gibt es nicht. Die publizierten Mengen gelten nur für die jeweiligen Prüfpräparate und sind keine Einnahmeempfehlung für den Handel.

Darbinyan verwendete SHR-5 in Tabletten zu 170 Milligramm, entweder zwei Stück (340 Milligramm) oder vier Stück (680 Milligramm) über 42 Tage. Mao startete mit einer Kapsel SHR-5 à 340 Milligramm, standardisiert auf 3,07 Prozent Rosavin und 1,95 Prozent Rhodiolosid, und steigerte bei unzureichendem Ansprechen bis auf vier Kapseln. Gao nannte 0,3 und 0,6 Gramm Kapselware zusätzlich zu Sertralin. CANMAT 2016, von späteren Reviews zitiert, nannte in der älteren Fassung Spannen von 100 bis 680 Milligramm täglich und Laufzeiten von vier bis acht Wochen.

Handelsprodukte weichen von diesen Chargen oft ab. Manche Kapseln mischen mehrere Rhodiola-Arten, andere standardisieren nur auf Salidrosid, wieder andere deklarieren Rohpulver ohne Gehaltsangabe. Das NCCIH erinnert daran, dass Nahrungsergänzungsmittel in den USA vor dem Verkauf nicht wie Arzneimittel zugelassen werden; Hersteller verantworten Sicherheit und Kennzeichnung selbst. In Deutschland und der EU können einzelne Zubereitungen als traditionelle pflanzliche Arzneimittel registriert sein, andere als Nahrungsergänzung. Der Aufdruck „standardisiert“ ersetzt keine ärztliche Indikation.

Wer nach der „richtigen Milligrammzahl“ sucht, findet im Regal häufig 200 bis 400 Milligramm pro Kapsel. Das ist Marketing. Die Studien dauerten sechs bis zwölf Wochen; das NCCIH nennt Rhodiola für bis zu zwölf Wochen als möglicherweise sicher. Längere Selbstmedikation ist nicht systematisch geprüft.

Welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen bekannt sind

Häufige Beschwerden sind Schwindel, Mundtrockenheit oder im Gegenteil vermehrter Speichel, Kopfschmerz und Schlaflosigkeit. Das NCCIH listet genau dieses Muster und ergänzt eine berichtete Wechselwirkung mit dem Blutdrucksenker Losartan.

Schwere Ereignisse sind selten dokumentiert, aber nicht ausgeschlossen. Das Memorial Sloan Kettering zitiert eine 26-jährige Patientin, die nach drei Tagen Rhodiola plus ihrem Antidepressivum mit schneller, unregelmäßiger Herzaktion in die Notaufnahme kam. Das MSD Manual erwähnt einen Fallbericht von 2022, in dem Rhodiola als Sportpräparat eine manische Episode auslöste. Beides sind Einzelfälle, keine Häufigkeitsstatistik. Sie zeigen, dass „natürlich“ keine Garantie für Harmlosigkeit ist.

Labor- und Interaktionsdaten zwingen zur Vorsicht bei mehreren Arzneimittelklassen. Rhodiola hemmt in einer Humanstudie mäßig CYP2C9; davon betroffen sind Stoffe mit enger therapeutischer Breite wie Warfarin und Phenytoin. Vorklinisch hemmt das Extrakt auch CYP3A4 und P-Glykoprotein; die klinische Bedeutung ist unklar. Wegen der MAO-Hemmung kann die serotonerge Last steigen, wenn gleichzeitig SSRI, SNRI oder andere serotonerge Mittel laufen. Das MSD Manual nennt zusätzlich die Möglichkeit eines Serotonin-Syndroms, einer erhöhten Herzfrequenz, einer Unterzuckerung (besonders unter Antidiabetika), eines zu niedrigen Blutdrucks unter Antihypertensiva, additiver Effekte mit Entzündungshemmern und einer Abschwächung von Immunsuppressiva.

Zwei Gruppen brauchen besondere Klarheit. Wer Gerinnungshemmer nimmt, spricht jedes Kraut mit der gerinnungsführenden Praxis ab, bevor die erste Kapsel fällt. Wer bereits ein Antidepressivum schluckt, setzt Rhodiola nicht als „natürliche Verstärkung“ dazu. Gao prüfte die Kombination unter Studienbedingungen; außerhalb eines Protokolls bleibt das Risiko einer Rhythmusstörung oder einer serotonergen Überlagerung unkalkuliert.

Wer Rosenwurz meiden sollte

Schwangere, Stillende und Kinder sollen Rhodiola meiden, weil Sicherheitsdaten fehlen. Das Merck Manual (Verbraucherfassung, Juli 2025) formuliert das als klare Empfehlung, nicht als vagen Hinweis.

Autoimmunerkrankungen gehören auf dieselbe Liste. Rhodiola kann das Immunsystem anregen und damit Krankheiten wie multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis theoretisch anheizen; zugleich kann es Immunsuppressiva abschwächen. Wer solche Mittel nimmt, hat an einem frei verkäuflichen Stimulans der Abwehr nichts verloren, solange die Fachabteilung nicht ausdrücklich zustimmt.

Menschen mit bipolarer Störung oder früheren manischen Phasen tragen ein zusätzliches Risiko, weil ein Fallbericht eine Manie unter dem Kraut beschreibt. Mao schloss schwere Depression, bipolare Störung, Psychose, akute Suizidalität und unkontrollierte internistische Krankheiten von vornherein aus. Ergebnisse aus diesem gefilterten Kollektiv gelten nicht für genau jene Gruppen, die am ehesten Hilfe brauchen.

Zuckerkranke, Blutdruckpatienten und alle, die Warfarin, Phenytoin, Theophyllin oder Antidepressiva nehmen, brauchen vor dem ersten Präparat ein Gespräch mit Arzt oder Apotheke. Das NCCIH nennt Losartan namentlich. Das Merck Manual rät generell von Rhodiola ab, weil der behauptete Nutzen die Risiken und Wechselwirkungen in hochwertigen Studien nicht überwiegt.

Wann zum Arzt statt zur Kapsel

Wer die meiste Zeit des Tages, jeden Tag, länger als zwei Wochen niedergeschlagen ist, soll eine Hausarztpraxis aufsuchen. Der britische National Health Service nennt genau diese Schwelle und hebt drei Situationen besonders hervor: die Stimmung bessert sich nicht, Beruf, Interessen oder Beziehungen leiden, oder es treten Gedanken an Suizid oder Selbstverletzung auf.

Depression lässt sich nicht am Blutbild ablesen. Der NHS beschreibt, dass Ärztinnen und Ärzte körperliche Ursachen wie eine Unterfunktion der Schilddrüse mit Untersuchung und Labor ausschließen können, die Diagnose selbst aber über Gespräch, Vorgeschichte und Fragebögen stellen. Die Mayo Clinic listet zusätzlich psychiatrische Spezifizierer, von ängstlicher Unruhe bis saisonalem Muster, und erinnert daran, dass eine bipolare Störung leicht mit einer reinen Depression verwechselt wird. Ein Kraut, das anregend wirkt, wäre in einer unerkannten manischen Anlage das falsche Experiment.

Rote Flaggen dulden keinen Aufschub durch Selbstmedikation. Gedanken, sich das Leben zu nehmen oder sich zu verletzen, gehören in die Notaufnahme oder an den Notruf 112, nicht in eine Wartezeit auf die Wirkung einer Kapsel. Wer sich nicht mehr selbst versorgen kann oder andere gefährdet, braucht stationäre Hilfe. Die Mayo Clinic nennt genau diese Schwellen für Klinik oder tagesklinische Programme.

Schon begonnene Antidepressiva darf niemand abrupt absetzen, nur weil eine pflanzliche Alternative attraktiver wirkt. Die Mayo Clinic warnt vor Absetzerscheinungen und einem plötzlichen Rückfall. Wer ein Präparat wechseln oder ergänzen will, plant das mit der verschreibenden Praxis. Das NCCIH formuliert denselben Grundsatz für alle ergänzenden Verfahren.

Was Leitlinien statt Kräutern empfehlen

Aktuelle Leitlinien setzen bei weniger schwerer Depression zuerst auf Psychotherapie und angeleitete Selbsthilfe, nicht auf Rosenwurz. NICE NG222 (Juni 2022, Überprüfung Januar 2026 ohne Änderung) teilt neue Episoden in weniger schwere und schwerere Formen; die Grenze am PHQ-9 liegt bei 16 Punkten.

Für weniger schwere Episoden sollen Fachleute zuerst das am wenigsten eingreifende wirksame Angebot wählen, in der Regel ein geleitetes Selbsthilfeprogramm nach Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie. Weitere Erstlinienoptionen sind Gruppen-Verhaltenstherapie, Gruppen-Verhaltensaktivierung, individuelles Therapieangebot, Gruppen-Achtsamkeit und körperliche Aktivität. Antidepressiva sollen in diesem Schweregrad nicht routinemäßig als Erstlinie gegeben werden, sondern nur bei ausdrücklichem, informiertem Wunsch. Das ist eine Kehrtwende gegenüber älteren Gewohnheiten, die bei „irgendwie depressiv“ schnell ein Serotoninmittel öffneten.

Schwere Episoden brauchen nach NICE oft die Kombination aus individueller Verhaltenstherapie und Antidepressivum. Die Mayo Clinic beschreibt SSRI als häufigen Einstieg, nennt aber auch SNRI, atypische Mittel, ältere trizyklische Stoffe und MAO-Hemmer sowie Verfahren wie Elektrokrampftherapie oder transkranielle Magnetstimulation, wenn Medikamente nicht greifen. Keines dieser Kapitel erwähnt Rhodiola.

Johanniskraut ist das einzige Kraut, das NICE namentlich abhandelt. Es darf trotz Hinweisen auf Nutzen bei weniger schwerer Depression weder verordnet noch empfohlen werden, weil Dosis, Wirkdauer, Präparatequalität und gefährliche Wechselwirkungen (Verhütung, Gerinnung, Krampfmittel) unsicher bleiben. Rhodiola kommt in der Leitlinie gar nicht vor. Die Lücke ist Absicht, kein Freifahrtschein.

WFSBP und CANMAT prüften 2022 Nähr- und Pflanzenstoffe mit der Messlatte von Metaanalysen oder mindestens zwei randomisierten Studien. Johanniskraut, Safran, Curcumin und Lavendel erhielten gestufte Unterstützung bei unipolarer Depression. Rhodiola wurde für affektive Störungen ausdrücklich nicht gestützt, weil die Daten gemischt, methodisch unsicher oder auf zu kleinen Gruppen beruhten. Das MSD Manual übernimmt diesen Satz 2025 als aktuellen Stand.

Johanniskraut und andere pflanzliche Mittel im Vergleich

Johanniskraut hat eine deutlich dichtere Studienlage als Rosenwurz, trägt aber schwerere Interaktionsrisiken. NICE und die Mayo Clinic warnen übereinstimmend vor Kombinationen mit Herzmitteln, Gerinnungshemmern, hormonellen Verhütungsmitteln, Chemotherapie, HIV-Arzneimitteln und Immunsuppressiva sowie vor der gemeinsamen Einnahme mit Antidepressiva.

Urata fand 2025 in zwei direkten Vergleichen mit Fluoxetin keinen Unterschied in der Ansprechrate (Risikoverhältnis 0,96). Das macht Johanniskraut nicht zur Hausmittel-Lösung. Die Präparate streuen im Hyperforin- und Hypericingehalt. Wer die Pille nimmt oder Marcumar braucht, riskiert unbemerkte Wirkverluste. Rhodiola hat dieses epidemiologische Polster nicht; dafür fehlen bei Rhodiola die großen Interaktionsdatenbanken, die bei Johanniskraut wenigstens die Gefahrenkarte zeichnen.

Safran und Curcumin erhielten in der WFSBP-CANMAT-Bewertung 2022 vorläufige oder schwache Unterstützung, Omega-3-Fettsäuren eine klare Zusatzempfehlung bei unipolarer Depression. Die Mayo Clinic nennt SAMe und Omega-3 als ergänzend untersuchte Stoffe und warnt bei SAMe vor Manie. Keines dieser Mittel ersetzt die Leitlinienkaskade aus Gesprächsangebot, Selbsthilfe und, bei schwererer Erkrankung, Arzneimittel.

Wer pflanzliche Kapseln kauft, testet ein ungleichmäßiges Produkt. WFSBP betonte 2022 die Standardisierung als zentralen Schwachpunkt aller Phytozeutika. Zwei Dosen „Rosenwurz 400 Milligramm“ aus verschiedenen Regalen können sich im Gehalt an Rosavin und Salidrosid um ein Vielfaches unterscheiden. Ein positives Ergebnis mit SHR-5 unter IND-Nummer der US-amerikanischen Food and Drug Administration, wie bei Mao, überträgt sich nicht auf eine belanglose Mischkapsel.

Häufige Fragen

Hilft Rosenwurz wirklich gegen eine Depression?

Manchmal kann ein standardisierter Extrakt leichte bis mittlere Symptomwerte etwas senken, ein Ersatz für eine Behandlung ist das nicht. Darbinyan 2007 fand einen Vorteil gegenüber Placebo, Mao 2015 keinen signifikanten. Das NCCIH und die WFSBP-CANMAT-Leitlinie von 2022 halten den Nutzen für nicht ausreichend belegt.

Kann ich Rosenwurz statt Sertralin nehmen?

Eigenmächtig ersetzen Sie ein verschriebenes Antidepressivum nicht durch das Kraut. Mao zeigte zahlenmäßig einen stärkeren Effekt von Sertralin bei mehr Nebenwirkungen, aber beide Arme lagen statistisch nahe am Placebo. Absetzen ohne ärztlichen Plan kann die Stimmung abrupt verschlechtern, schreibt die Mayo Clinic.

Welche Dosis ist die richtige?

Eine amtliche Dosis existiert nicht. Studien prüften vor allem 340 bis 680 Milligramm SHR-5 über sechs Wochen oder eine Steigerung über zwölf Wochen; Gao nutzte 300 oder 600 Milligramm zusätzlich zu Sertralin. Handelsangaben sind keine Leitlinie.

Darf ich Rosenwurz mit meinem Antidepressivum kombinieren?

Ohne Rücksprache nicht. Das Memorial Sloan Kettering warnt vor MAO-Hemmung und zitiert eine Tachyarrhythmie unter der Kombination. Gao prüfte den Zusatz unter Studienbedingungen; das ersetzt keine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung.

Wann muss ich zum Arzt, statt Kapseln zu kaufen?

Wenn Niedergeschlagenheit die meiste Zeit des Tages, jeden Tag, länger als zwei Wochen anhält, ist die Hausarztpraxis der richtige Ort. Gedanken an Suizid oder Selbstverletzung gehören sofort in die Notaufnahme oder an den Notruf 112.

Ist Johanniskraut die bessere pflanzliche Alternative?

Johanniskraut hat mehr Studien, aber NICE rät 2022 weiter davon ab, es zu empfehlen, wegen unklarer Dosis und gefährlicher Wechselwirkungen. Für Rosenwurz fehlt sogar dieser begrenzte Evidenzsockel. Keines der beiden Kräuter ersetzt geleitetes Selbsthilfeangebot oder Psychotherapie.

Wirkt Rosenwurz auch gegen Erschöpfung statt gegen Depression?

Kleine Arbeiten zu stressbedingter Müdigkeit und Ausdauer existieren, hochwertige Nachweise fehlen laut NCCIH und MSD Manual. Ermüdung und depressive Episode sind diagnostisch nicht dasselbe; wer monatelang antriebslos ist, braucht Abklärung, kein Sportpräparat.

Fazit

Rosenwurz bleibt ein traditionell genutztes Wurzelkraut mit interessanten Laborwegen und einer dünnen, widersprüchlichen Klinik. Seit der Penn-Studie von 2015, die viele Texte damals als Hoffnung rahmten, hat sich der Leitlinienstand verschärft statt gelockert: WFSBP und CANMAT tragen Rhodiola 2022 nicht, NICE nennt 2022 für weniger schwere Depression zuerst Selbsthilfe und Psychotherapie, und das NCCIH sieht 2025 weiter keinen gesicherten Nutzen.

Wer seit mehr als zwei Wochen fast täglich niedergeschlagen ist, vereinbart einen Hausarzttermin und nennt dort jedes Präparat aus Drogerie oder Internet. Gedanken, sich zu verletzen oder nicht mehr leben zu wollen, warten nicht auf die nächste Kapselcharge. Sie gehören in die Notaufnahme oder an den Notruf 112.

Ein Extrakt aus dem Regal kann Schwindel, Schlaflosigkeit und Wechselwirkungen mit Gerinnungshemmern, Blutdruckmitteln, Antidiabetika und Antidepressiva mitbringen. Das rechtfertigt keinen Versuch als heimliche Alternative. Es rechtfertigt ein ruhiges Gespräch darüber, welches leitliniengestützte Angebot als Nächstes Sinn ergibt.

Quellen

  1. National Center for Complementary and Integrative Health: Rhodiola: Usefulness and Safety. National Center for Complementary and Integrative Health, April 2025.
  2. Memorial Sloan Kettering Cancer Center: Rhodiola | Memorial Sloan Kettering Cancer Center. Memorial Sloan Kettering Cancer Center, 16. April 2026.
  3. Shane-McWhorter L: Rhodiola – Special Subjects – MSD Manual Professional Edition. MSD Manual Professional Edition, Dezember 2025.
  4. Shane-McWhorter L: Rhodiola – Special Subjects – Merck Manual Consumer Version. Merck Manual Consumer Version, Juli 2025.
  5. Mao JJ, Xie SX et al.: Rhodiola rosea versus sertraline for major depressive disorder: A randomized placebo-controlled trial. Phytomedicine, 15. März 2015.
  6. Darbinyan V, Aslanyan G et al.: Clinical trial of Rhodiola rosea L. extract SHR-5 in the treatment of mild to moderate depression. Nordic Journal of Psychiatry, 2007.
  7. Gao L, Wu C et al.: Antidepressants effects of Rhodiola capsule combined with sertraline for major depressive disorder: A randomized double-blind placebo-controlled clinical trial. Journal of Affective Disorders, 15. März 2020.
  8. Sarris J, Ravindran A et al.: Clinician guidelines for the treatment of psychiatric disorders with nutraceuticals and phytoceuticals: The World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) and Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) Taskforce. World Journal of Biological Psychiatry, 21. März 2022.
  9. National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
  10. National Health Service: Diagnosis – Depression in adults. National Health Service, 5. Juli 2023.
  11. Mayo Clinic: Depression (major depressive disorder) – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2025.
  12. Urata M, Sakurai H et al.: Efficacy of Pharmacological Interventions in Milder Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis. Neuropsychopharmacology Reports, März 2025.
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