
Nichtübertragbare Krankheiten töteten im Jahr 2021 mindestens 43 Millionen Menschen und standen damit für drei Viertel der Sterbefälle, die nicht mit der Pandemie zusammenhingen. Fast drei Viertel dieser Tode ereigneten sich in ärmeren Staaten; 18 Millionen Betroffene wurden keine 70 Jahre alt.
Die Weltgesundheitsorganisation zählt dazu vor allem Herzinfarkt und Schlaganfall, Krebs, chronische Lungenleiden und Diabetes. Sie entstehen langsam, halten oft jahrelang an und stecken nicht von Mensch zu Mensch an. Tabak, Salz, Zucker, Bewegungsmangel, schädlicher Alkohol und verschmutzte Luft können das Risiko erhöhen. Wer Blutdruck, Blutzucker und Gewicht kennt und Warnzeichen wie Brustschmerz oder plötzliche Schwäche ernst nimmt, kann früher Hilfe holen. Staaten können mit Steuern, Werbegrenzen und einer belastbaren Grundversorgung viele vorzeitige Tode vermeiden; die WHO-Liste solcher Maßnahmen wurde 2023 deutlich erweitert.
Was nichtübertragbare Krankheiten sind und wen sie treffen
Nichtübertragbare Krankheiten sind chronische Leiden, die meist lange dauern und aus Genen, Stoffwechsel, Umwelt und Verhalten entstehen. Sie gehen nicht wie eine Infektion von Person zu Person über.
Die US-Seuchenbehörde CDC beschreibt chronische Krankheiten als Zustände, die mindestens ein Jahr anhalten und dauerhafte medizinische Betreuung erfordern oder den Alltag einschränken, oft beides. Herzleiden, Krebs und Diabetes gehören in den Vereinigten Staaten zu den häufigsten Todes- und Kostenursachen. Drei von vier Erwachsenen dort haben mindestens eine solche Diagnose, mehr als die Hälfte sogar zwei oder mehr. Das ist ein nationales Bild, kein Weltmaß. Global betont die WHO dieselben vier Hauptgruppen und stellt daneben Umweltgifte und die soziale Lage.
Manche langwierigen Infektionen, etwa HIV, bleiben ansteckend und fallen deshalb nicht in diese Gruppe, auch wenn sie chronisch verlaufen. Alter erhöht das Risiko, doch Kinder und junge Erwachsene sind nicht ausgenommen. Ungeborene und Kleinkinder atmen mit, wenn in der Küche Holz oder Kerosin brennt. Armut verschiebt den Krankheitsbeginn nach vorn, weil Früherkennung, Medikamente und Nachsorge fehlen. Geschlecht spielt mit. Männer tragen in vielen Ländern ein höheres Herzrisiko in mittleren Jahren; nach den Wechseljahren holen Frauen auf. Eine familiäre Häufung von Herzinfarkt oder Diabetes in jungen Jahren bleibt ein Warnhinweis, ersetzt aber nicht messbare Werte.
Wie viele Menschen weltweit daran sterben
Im Jahr 2021 starben laut WHO-Factsheet mindestens 43 Millionen Menschen an nichtübertragbaren Krankheiten. Das entsprach 75 Prozent der Tode, die nicht der Pandemie zugerechnet wurden.
Von diesen Sterbefällen entfielen 73 Prozent, rund 32 Millionen, auf Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. 18 Millionen Menschen starben vor dem 70. Lebensjahr. In dieser Altersgruppe übertrafen die nichtübertragbaren Leiden alle anderen Todesursachen zusammen, einschließlich Infektionen, Verletzungen und COVID-19. 82 Prozent dieser frühen Tode lagen in ressourcenärmeren Staaten. Ältere Berichte aus der Zeit um 2011 nannten noch etwa 36 Millionen Tote für 2008 und einen Anteil von 63 Prozent an allen Sterbefällen. Die absoluten Zahlen sind gestiegen, weil die Weltbevölkerung wächst und älter wird. Gleichzeitig ist der Anteil an den Gesamttoden höher als in jener älteren Statistik, sobald man die Pandemiejahre herausrechnet.
Die Global Burden of Disease Study 2021, 2024 im Lancet als systematische Analyse der Todesursachen in 204 Ländern veröffentlicht, bestätigt die Größenordnung. Eine spätere Auswertung derselben GBD-Zahlen in PLOS ONE (Dezember 2025) nannte 43,8 Millionen NCD-Tode und 64,5 Prozent aller Sterbefälle, wenn die Pandemie mitgezählt wird. Die vier Leitkrankheiten allein machten dort etwa 37,6 Millionen Tode aus. Solche Modellrechnungen ersetzen keine Totenscheine in jedem Dorf. Wo Standesämter lückenhaft arbeiten, bleiben Schätzungen unsicher. Trotzdem ist die Richtung klar. Herz, Krebs, Lunge und Zuckerkrankheit prägen die Sterblichkeit fast überall, nicht nur in reichen Städten.
Warum ärmere Länder die Hauptlast tragen
Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern sterben an denselben Leiden oft jünger, weil Risiken früher beginnen und die Behandlung später kommt. Mehr als drei Viertel der Herz-Kreislauf-Tode weltweit fallen dort an.
Die WHO erklärt das mit fehlender Grundversorgung. Bluthochdruck, erhöhter Blutzucker und Fettstoffwechselstörungen werden oft erst erkannt, wenn ein Infarkt oder Schlaganfall bereits eingetreten ist. Unentbehrliche Arzneimittel, die in reichen Systemen zur Routine gehören, fehlen in öffentlichen Stellen oder sind für Haushalte unbezahlbar. Wer dann in Privatkliniken ausweicht, zahlt bar. Kazibwe, Tran und Annerstedt zeigten 2021 in einem systematischen Review, dass genau diese privaten Ausgaben Haushalte unter die Armutsgrenze drücken können.
Hinzu kommt eine andere Risikolandschaft. In ländlichen Regionen kochen rund 49 Prozent der Menschen noch mit Holz, Dung, Kohle oder Kerosin, in Städten 14 Prozent (WHO, Daten 2021). Frauen und Kinder stehen länger am Herd und atmen Feinstaub in Konzentrationen, die im Freien undenkbar wären. Tabakwerbung und billige, stark verarbeitete Lebensmittel erreichen Märkte, in denen Verbraucherregeln schwach sind. Gleichzeitig bleiben Infektionen und Mangelernährung präsent. Gesundheitssysteme, die auf akute Fiebererkrankungen zugeschnitten sind, schaffen den Dauerbetrieb einer Zuckerkrankheit oder einer Herzschwäche kaum. Die Folge ist kein „Wohlstandsproblem“, sondern ein Entwicklungshemmnis. Wer in den produktivsten Jahren stirbt, fehlt der Familie als Verdiener und dem Land als Arbeitskraft.
Die vier großen Krankheitsgruppen im Vergleich
Herz-Kreislauf-Leiden töten weltweit die meisten Menschen unter den nichtübertragbaren Krankheiten, gefolgt von Krebs, chronischen Atemwegserkrankungen und Diabetes. Zusammen tragen die vier Gruppen 80 Prozent der vorzeitigen NCD-Tode.
Für 2021 nannte die WHO mindestens 19 Millionen Herz-Kreislauf-Tode, 10 Millionen Krebs-Tode, rund 4 Millionen Tode durch chronische Lungen- und Atemwegserkrankungen und über 2 Millionen Tode durch Diabetes, wenn nierenbedingte Folgen des Zuckerleidens mitgezählt werden. Im Folgefactsheet zu Herz und Gefäßen steht für 2022 die etwas höhere Zahl 19,8 Millionen; etwa 32 Prozent aller Sterbefälle weltweit, 85 Prozent davon durch Herzinfarkt oder Schlaganfall. Mindestens 38 Prozent der 18 Millionen frühen NCD-Tode von 2021 gingen auf Herz und Gefäße zurück. Die GBD-Auswertung von Freihat und Kollegen (2025) trennt Diabetes ohne Nierenfolge und kommt auf 1,66 Millionen Diabetes-Tode plus 4,41 Millionen bei den chronischen Atemwegserkrankungen. Beide Zählweisen können nebeneinander stehen; sie messen nicht exakt denselben Korb.
| Krankheitsgruppe | Geschätzte Todesfälle | Einordnung |
|---|---|---|
| Herz-Kreislauf-Erkrankungen | mindestens 19 Mio. (2021, WHO); 19,8 Mio. (2022, WHO) | größte Gruppe; 85 Prozent der CVD-Tode 2022 durch Infarkt oder Schlaganfall |
| Krebserkrankungen | 10 Mio. (2021, WHO) | zweithäufigste Todesursache unter den NCD |
| Chronische Atemwegserkrankungen | rund 4 Mio. (2021, WHO); 4,4 Mio. (GBD 2021) | vor allem COPD und Asthma; Hausbrand trägt bei |
| Diabetes inkl. nierenbedingter Tode | über 2 Mio. (2021, WHO) | ohne Nierenfolge nennt die GBD-Auswertung 1,7 Mio. |
Rheumatisches Fieber nach Streptokokken-Angina zerstört Herzklappen vor allem bei Kindern in armen Regionen. Die WHO rechnet etwa 2 Prozent der Herz-Kreislauf-Tode dieser Folge zu. In reichen Ländern ist das Bild selten geworden; in vielen afrikanischen, asiatischen und pazifischen Staaten bleibt es Alltag. Genau deshalb steht die regelmäßige Penicillin-Prophylaxe für bereits erkrankte Patienten auf der aktuellen WHO-Liste besonders lohnender Maßnahmen.
Risikofaktoren von Tabak bis Feinstaub
Tabak, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, schädlicher Alkoholkonsum und Luftverschmutzung erhöhen das Sterberisiko an nichtübertragbaren Krankheiten. Aus dem Verhalten werden messbare Stoffwechselwerte, voran hoher Blutdruck.
Die WHO nennt vier verhaltensbezogene Hebel. Rauchen und Passivrauch schädigen Gefäße und Lunge. Zu viel Salz, Zucker und ungesunde Fette treiben Blutdruck, Gewicht und Blutfette. Bewegungsmangel schwächt Herz und Stoffwechsel. Schädlicher Alkohol belastet Blutdruck, Leber und Krebsrisiko. Diese Muster entstehen nicht nur aus persönlichem Geschmack. Preise, Werbung, Stadtplanung und das Angebot in Geschäften steuern, was leicht und was teuer ist. Die CDC führt für die USA dieselbe kurze Liste an und ergänzt soziale Bedingungen. Wer keinen sicheren Park, keinen Laden mit frischem Gemüse und keinen Arzt in erreichbarer Nähe hat, kann „gesunde Wahl“ kaum treffen.
Stoffwechselrisiken machen den nächsten Schritt sichtbar. Hoher Blutdruck, Übergewicht, erhöhter Blutzucker und ungünstige Blutfette lassen sich in der Hausarztpraxis messen. Der führende metabolische Faktor weltweit ist laut WHO-Factsheet (Bezug GBD 2021) der erhöhte Blutdruck; ihm werden 25 Prozent der globalen NCD-Tode zugerechnet. Danach folgen Blutzucker und Übergewicht.
Luftverschmutzung ist der größte Umweltfaktor. Innen- und Außenluft zusammen hängen mit 6,7 Millionen vorzeitigen Toden pro Jahr zusammen, davon etwa 5,6 Millionen durch nichtübertragbare Leiden wie Schlaganfall, koronare Herzkrankheit, COPD und Lungenkrebs. Haushaltsluft allein forderte 2021 schätzungsweise 2,9 Millionen Tode, darunter über 309 000 Kinder unter fünf Jahren. Rund 2,1 Milliarden Menschen kochen noch über offenem Feuer oder ineffizienten Öfen. In schlecht belüfteten Räumen kann der Feinstaub das Hundertfache akzeptabler Werte erreichen. Ältere Statusberichte der WHO erwähnten Umwelt nur am Rande. Seit den 2020er-Jahren steht sie in den Kernfaktensätzen neben Tabak und Salz.
Krankheitskosten und die Armutsspirale
Nichtübertragbare Krankheiten können Haushalte arm machen, und Armut macht die Krankheiten tödlicher. Wer die Behandlung selbst zahlt, schiebt sie oft auf, bis Komplikationen teurer und gefährlicher sind.
Kazibwe und Kollegen werteten 51 Studien aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen aus (Publikation 2021, Kosten auf US-Dollar 2018 umgerechnet). Die mittleren Jahreskosten pro Patient oder Haushalt lagen bei etwa 7387 Dollar für COPD, 6056 Dollar für Herz-Kreislauf-Leiden, 3304 Dollar für Krebserkrankungen und 1017 Dollar für Diabetes. Die Spanne ist groß, die Methoden heterogen, COPD stützte sich auf wenige Arbeiten. Trotzdem zeigt die Richtung. In Staaten, deren jährliches Pro-Kopf-Einkommen nur wenige Hundert Dollar beträgt, kann schon eine Krebsbehandlung das Jahreseinkommen übersteigen. Die Review nennt Beispiele. Ein Schlaganfall in China drängte 37 Prozent der betroffenen Haushalte unter die Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag; bei Unversicherten waren es fast zwei Drittel. Familien in Pakistan griffen zu Ersparnissen oder Krediten. Ein Kind mit Diabetes in Sudan verbrauchte rund ein Viertel des Haushaltseinkommens für die medizinische Versorgung.
Die WHO warnt, dass genau diese Kosten Armutsprogramme untergraben. Wer krank und ohne Lohnfortzahlung dasteht, verkauft Nutztiere, nimmt Kinder aus der Schule oder bricht die Therapie ab. Dann steigen Amputation, Herzschwäche und früher Tod. Universelle Krankenversicherung und Grundversorgung in der Nähe der Wohnung können diesen Kreis durchbrechen. Länder ohne solche Absicherung erreichen das UN-Ziel zur Senkung früher NCD-Tode kaum.
Welche staatlichen Maßnahmen wirklich helfen
Steuern auf Tabak und Alkohol, klare Warnhinweise, weniger Salz und Zucker in Fertigprodukten sowie eine erreichbare Grundversorgung können viele vorzeitige Tode vermeiden. Die Weltgesundheitsversammlung hat 2023 die Liste solcher besonders lohnender Maßnahmen erweitert.
Die PAHO fasst die technische Grundlage zusammen. Anhang 3 des WHO-Aktionsplans wurde 2022 aktualisiert und 2023 von der 76. Weltgesundheitsversammlung bestätigt. Von 90 geprüften Interventionen galten 28 in Ländern mit niedrigem und niedrigerem mittlerem Einkommen als „best buys“, weil sie im Mittel höchstens 100 internationale Dollar pro gewonnenem gesunden Lebensjahr kosteten. Neu oder stärker betont gegenüber der Fassung von 2017 sind unter anderem flächendeckende Rauchstopp-Angebote, kürzere Verkaufszeiten für Alkohol, Schutz und Förderung des Stillens, Rezepturvorgaben gegen Transfette und Salz, Ampelkennzeichnung auf Packungen, Beschaffung gesunder Speisen in öffentlichen Kantinen, Werbeschutz für Kinder, HPV-Impfung, HPV-DNA-Tests ab 30 Jahren, Frühprogramme für Brust-, Darm- und Kinderkrebs sowie die Dauerbehandlung von Asthma und COPD mit inhalativen Wirkstoffen.
Im September 2025 bezifferte die WHO den Aufpreis. Zusätzlich etwa 3 US-Dollar pro Person und Jahr für dieses Paket könnten bis 2030 rund 12 Millionen Leben retten, 28 Millionen Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern, 150 Millionen gesunde Lebensjahre gewinnen und über 1 Billion US-Dollar wirtschaftlichen Nutzen bringen. Das sind Modellrechnungen, keine Garantie für jedes Land. Sie widerlegen aber die alte Ausrede, Vorbeugung sei ein Luxus reicher Haushalte. Für bereits erkrankte Menschen nennt die WHO Basismedikamente, die verfügbar sein sollen, darunter Acetylsalicylsäure, Betablocker, Calciumantagonisten, ACE-Hemmer, Diuretika und Statine. Dosis und Indikation gehören in ärztliche Hand, nicht in Selbstversuche nach einer Liste.
Was sich persönlich prüfen und ändern lässt
Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Tabakkonsum sind die Hebel, die ein einzelner Mensch am ehesten beeinflussen kann. Keine Lebensstiländerung ersetzt Medikamente, wenn bereits eine Krankheit besteht, aber sie kann das Risiko senken.
MedlinePlus (US-Nationalbibliothek) rät den meisten Erwachsenen, den Blutdruck mindestens einmal jährlich messen zu lassen, häufiger bei bekannter Hypertonie. Hohe Cholesterin- und Triglyzeridwerte können Arterien verengen; Ernährung, Bewegung und bei Bedarf Arzneimittel können sie senken. Regelmäßige Aktivität stärkt das Herz, verbessert die Durchblutung und hilft beim Gewicht. Die Seite nennt als Beispiel den DASH-Speiseplan mit viel Gemüse, Obst und Vollkorn, wenig Salz und wenig gesättigtem Fett. Wer Alkohol trinkt, soll laut derselben Quelle höchstens zwei Standardgetränke pro Tag als Mann und höchstens eines als Frau nicht überschreiten; wer nichts trinkt, soll nicht anfangen. Das sind US-Patienteninformationen, keine deutsche Leitlinie, und schädlicher Konsum beginnt für manche Menschen deutlich früher.
Rauchen aufzugeben senkt das Risiko für Infarkt, Schlaganfall, COPD, Diabetes und mehrere Krebsarten. Die CDC schreibt dem Zigarettenrauch in den USA jährlich mehr als 480 000 Tode zu. Wer nie geraucht hat, soll nicht beginnen. Stress allein „macht“ kein Herzleiden, kann aber Blutdruck steigern und ungünstige Gewohnheiten nähren. Erwachsene sollen 7 bis 9 Stunden schlafen; unbehandeltes Schlafapnoe-Syndrom kann Blutdruck und Herzrisiko erhöhen. Diabetes verdoppelt laut MedlinePlus das Risiko einer diabetischen Herzkrankheit, weil dauerhaft hoher Zucker Gefäße und Nerven schädigen kann. Familiäre Vorbelastung, Alter und Herkunft lassen sich nicht ändern. Messwerte und Rauchstatus lassen sich ändern. Wer unsicher ist, fragt die Hausarztpraxis nach einem Risikoprofil, nicht nach einem Wundermittel.
Wann zum Arzt oder in die Notaufnahme
Brustschmerz, plötzliche Luftnot oder eine Ohnmacht sind Gründe für den Notruf, nicht für das Abwarten bis zum nächsten Werktag. Dieselben Warnzeichen gelten für viele Menschen in armen und reichen Ländern.
Die Mayo Clinic nennt Brustschmerz, Atemnot und Ohnmacht als Symptome, bei denen sofortige Notfallhilfe nötig ist. Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt soll die örtliche Notrufnummer gewählt werden, in Deutschland 112. Die WHO beschreibt typische Infarktzeichen als Schmerz oder Enge in der Brustmitte, oft mit Ausstrahlung in Arme, linke Schulter, Ellenbogen, Kiefer oder Rücken. Hinzu können Luftnot, Übelkeit, Erbrechen, Kaltschweiß und Blässe kommen. Frauen berichten häufiger als Männer über Atemnot, Übelkeit und Schmerz im Rücken oder Kiefer, weniger über das klassische „Ziehen in der Brust“.
Beim Schlaganfall zählt Minuten. Plötzliche Schwäche von Gesicht, Arm oder Bein, meist einseitig, plötzliche Sprach- oder Sehstörung, Drehschwindel mit Gangunsicherheit oder ein vernichtender Kopfschmerz ohne erkennbare Ursache verlangen denselben Notruf. Viele Gefäßleiden bleiben bis zum Ereignis still. Deshalb lohnt die planbare Sprechstunde, bevor der Notfall kommt. Die Mayo Clinic betont, Herzleiden seien leichter zu behandeln, wenn sie früh entdeckt werden. Sinnvolle Anlässe für einen Termin ohne Drama sind ein Blutdruck über den vereinbarten Zielwert, neu aufgetretene Belastungsdyspnoe, ungewollter Gewichtsverlust, Bluthusten, ein Knoten in der Brust, Teerstuhl oder ein Blutzucker, der trotz vereinbarter Therapie aus dem Ruder läuft. Wer bereits Tabletten gegen Blutdruck, Zucker oder Blutfette nimmt, soll sie nicht auf eigene Faust absetzen.
Das UN-Ziel 2030 und der stockende Fortschritt
Die Staaten haben sich verpflichtet, die Wahrscheinlichkeit, zwischen 30 und 70 Jahren an einer der vier Hauptkrankheiten zu sterben, bis 2030 um ein Drittel zu senken. Die Welt liegt hinter diesem Pfad.
2019 verlängerte die Weltgesundheitsversammlung den globalen Aktionsplan bis 2030 und verlangte eine Umsetzungsroadmap für 2023 bis 2030. Neun freiwillige Ziele sollen den größten Hebel bringen, darunter weniger Bluthochdruck und eine bessere Versorgung derer, die bereits ein hohes Risiko für Infarkt oder Schlaganfall haben. Im September 2025 zog die WHO eine nüchterne Zwischenbilanz. 82 Prozent der Länder senkten zwischen 2010 und 2019 die NCD-Sterblichkeit. In 60 Prozent der Staaten war der Rückgang aber langsamer als im Jahrzehnt davor. Manche Länder verzeichneten sogar wieder steigende Raten. Dänemark gehörte zu den stärksten Gewinnern. Rückgänge bei Herzleiden und einzelnen Krebsarten trugen die Gewinne; Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs sowie neurologische Leiden zogen in vielen Staaten in die Gegenrichtung.
Am 25. September 2025 tagte die vierte UN-Hochrangtagung zu diesen Krankheiten und zur psychischen Gesundheit. Politische Erklärungen ersetzen keine Steuern, keine Impfprogramme und keine Hausarztstellen. Ohne diese Alltagsarbeit bleibt Ziel 3.4 der nachhaltigen Entwicklungsziele ein Satz auf Papier. Für Leserinnen und Leser in Deutschland heißt das nicht, dass das Thema nur die Ferne betrifft. Importierte Fertigprodukte, Tabakkonzerne und Feinstaub kennen keine Zollgrenze. Gleichzeitig bleibt die größte Lücke dort, wo Menschen am Herd Holz verbrennen, Streptokokken-Anginen unbehandelt bleiben und ein Monatslohn nicht für ein Jahr Statine reicht.
Häufige Fragen
Sind nichtübertragbare Krankheiten nur ein Problem reicher Länder?
Nein. 73 Prozent aller NCD-Tode und 82 Prozent der Tode vor dem 70. Lebensjahr ereigneten sich 2021 in Staaten mit geringerem Einkommen. Reiche Staaten haben oft niedrigere altersbereinigte Raten, weil Blutdrucktherapie, Krebsfrüherkennung und Tabakregeln früher gegriffen haben. Die absolute Last liegt trotzdem vor allem im globalen Süden.
Welche Krankheit tötet unter diesen Leiden die meisten Menschen?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die WHO nannte für 2021 mindestens 19 Millionen und für 2022 19,8 Millionen Tode, etwa 32 Prozent aller Sterbefälle; 85 Prozent davon durch Infarkt oder Schlaganfall. Krebs folgt mit 10 Millionen (2021). Chronische Atemwegserkrankungen und Diabetes liegen darunter, bleiben aber große, oft vermeidbare Killer.
Kann ich das Risiko selbst senken, oder zählen nur Gesetze?
Beides greift ineinander. Persönlich zählen Nichtrauchen, weniger Salz und Zucker, Bewegung, Alkoholgrenzen und das Kennen von Blutdruck und Blutzucker. Gesetze entscheiden, ob Zigaretten teuer, Werbung an Kinder verboten und Blutdruckmittel in der nächsten Ambulanz vorrätig sind. Die WHO-Modellrechnung von 2025 beziffert den staatlichen Aufpreis auf rund 3 US-Dollar pro Person und Jahr.
Warum sterben in ärmeren Ländern jüngere Menschen daran?
Weil Risiken früher beginnen und die Diagnose später kommt. Kochrauch, billiger Tabak, salzige Fertigkost und unbehandelter Bluthochdruck treffen Menschen, deren Gesundheitssystem auf akute Infekte ausgerichtet ist. Katastrophale Eigenanteile führen dazu, dass Therapien abgebrochen werden. Dann tritt der Infarkt in den Jahren ein, in denen anderswo noch gearbeitet wird.
Wann ist Brustschmerz ein Grund für den Notruf?
Sofort, wenn Enge oder Schmerz in der Brust mit Luftnot, Kaltschweiß, Übelkeit oder Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken einhergeht, und ebenso bei plötzlicher einseitiger Lähmung oder Sprachstörung. Die Mayo Clinic und die WHO werten das als Notfall. In Deutschland wählt man 112 und wartet nicht auf den Hausarzttermin.
Hilft eine Impfung gegen nichtübertragbare Krankheiten?
Gegen die Krankheiten selbst gibt es keine Universalimpfung. Die HPV-Impfung für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren und die Hepatitis-B-Impfung stehen auf der WHO-Liste, weil sie Gebärmutterhalskrebs und Leberkrebs verhindern können. Das verschiebt Krebs aus der Statistik, heilt aber weder Infarkt noch Diabetes.
Fazit
Die alten Zahlen aus dem WHO-Statusbericht 2011 sind überholt. Heute sterben mehr Menschen an nichtübertragbaren Krankheiten, und die Hauptlast liegt weiterhin in Ländern mit geringerem Einkommen, vor allem bei den Toten unter 70 Jahren. Neu in den Kernbotschaften der 2020er-Jahre ist die Luft in Küche und Stadt als fünfter großer Risikofaktor neben Tabak, Salz, Bewegungsmangel und Alkohol. Gleichzeitig ist die Werkzeugkiste gewachsen. HPV-Tests, COPD-Inhalativa, Stillförderung und Lebensmittelampeln stehen neben den bekannten Tabaksteuern.
Für den einzelnen Tag reicht ein kleiner Satz Prüfungen. Blutdruck messen lassen, Tabak lassen, Salz und Zucker in der Küche sichtbar machen, Warnzeichen von Brust und Hirn nicht schönreden. Wer bereits Tabletten braucht, holt sie zuverlässig und setzt sie nicht eigenmächtig ab. Politisch zählt, ob Grundversorgung und Werberegeln dort ankommen, wo Menschen am Holzkohlenherd stehen. Das UN-Ziel 2030 ist laut WHO derzeit nicht auf Kurs. Jeder vermiedene Infarkt in einem 50-jährigen Ernährer ist trotzdem ein gewonnenes Familienleben, unabhängig davon, ob die globale Kurve rechtzeitig knickt.
Quellen
- World Health Organization: Noncommunicable diseases. World Health Organization, Stand: 25. September 2025.
- World Health Organization: Cardiovascular diseases (CVDs). World Health Organization, Stand: 31. Juli 2025.
- World Health Organization: More ways, to save more lives, for less money: World Health Assembly adopts more Best Buys to tackle noncommunicable diseases. World Health Organization, 26. Mai 2023.
- World Health Organization: WHO urges cost effective solutions on NCDs and mental health amidst slowing progress. World Health Organization, 18. September 2025.
- World Health Organization: Household air pollution. World Health Organization, Stand: 2025.
- Pan American Health Organization: „Best buys“ for the prevention and control of NCDs. Pan American Health Organization, Stand: 2023.
- Centers for Disease Control and Prevention: About Chronic Diseases. Centers for Disease Control and Prevention, 14. Mai 2026.
- Mayo Clinic: Heart disease – Symptoms and causes. Mayo Clinic, Stand: 2025.
- MedlinePlus: How to Prevent Heart Disease. MedlinePlus, Stand: 2025.
- Kazibwe J, Tran PB, Annerstedt KS: The household financial burden of non-communicable diseases in low- and middle-income countries: a systematic review. Health Research Policy and Systems, 21. Juni 2021.
- GBD 2021 Causes of Death Collaborators: Global burden of 288 causes of death and life expectancy decomposition in 204 countries and territories and 811 subnational locations, 1990-2021: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. The Lancet, 3. April 2024.
- Freihat O, Sipos D et al.: Global burden and future projections of non-communicable diseases (2000–2050): Progress toward SDG 3.4 and disparities across regions and risk factors. PLOS ONE, 10. Dezember 2025.
