
Valdoxan mit dem Wirkstoff Agomelatin senkt die Symptome einer schweren depressiven Episode ähnlich stark wie viele Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und wie Venlafaxin. Einen klaren Vorsprung gegenüber diesen Mitteln belegt die unabhängige Cochrane-Auswertung von 2013 nicht. Was sich seit den Kongressmeldungen um 2011 geändert hat, ist die Einordnung. Ein Netzwerkvergleich im Lancet 2018 rückte Agomelatin bei Wirkung und Verträglichkeit nach vorn. Die britische Leitlinie NICE nennt 2022 weiter selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als medikamentösen Standard für die meisten Erwachsenen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur verlangt dichte Leberkontrollen und hat den Nutzen ausdrücklich als möglicherweise kleiner als bei anderen Antidepressiva beschrieben.
Der alte Anspruch, Valdoxan sei durchweg wirksamer als herkömmliche Antidepressiva, stammt aus herstellernahen Sammelauswertungen und Kongressbeiträgen. Unabhängige Reviews und aktuelle Leitlinien zeichnen ein nüchterneres Bild. Das Mittel bleibt eine Option, vor allem wenn Schlaf, sexuelle Funktion oder Absetzsymptome anderer Präparate im Vordergrund stehen. Ohne Bluttests der Leber und ohne Plan für Suizidgedanken in den ersten Wochen gehört es nicht in den Hausgebrauch.
Wie wirkt Agomelatin anders als ein SSRI?
Agomelatin bindet an Melatoninrezeptoren vom Typ MT1 und MT2 und blockiert den Serotoninrezeptor 5-HT2C. Es hemmt die Wiederaufnahme von Monoaminen nicht und hebt den Serotoninspiegel zwischen den Nervenzellen nicht an. Die EMA beschreibt, dass dadurch im Stirnhirn eher Noradrenalin und Dopamin steigen und sich Schlafrhythmen verschieben können. Genau dieser andere Angriffspunkt war der Grund, warum das Mittel 2009 als Ergänzung zu den damals üblichen Tabletten zugelassen wurde.
Die Fachinformation fasst das so zusammen. Agomelatin hat in Bindungsstudien keine relevante Affinität zu adrenergen, histaminergen, cholinergen oder Benzodiazepin-Rezeptoren. In Tiermodellen holt es verschobene Tagesrhythmen nach. Beim Menschen verschiebt eine Einzeldosis den Schlafbeginn, den nächtlichen Temperaturabfall und den Melatoninanstieg nach vorn. Das erklärt, warum viele Behandelte zuerst vom Einschlafen sprechen und erst später von der Stimmung.
Ein SSRI erhöht zuerst das Serotonin im Spalt und braucht oft Wochen, bis sich Rezeptoren und Netzwerke anpassen. Agomelatin umgeht diesen Schritt. Daraus folgt kein automatischer Wirksamkeitsvorsprung. Es folgt ein anderes Nebenwirkungs- und Wechselwirkungsprofil. Übelkeit und sexuelle Funktionsstörungen treten in direkten Vergleichen seltener auf als unter manchen SSRI. Der Preis sitzt in der Leber, nicht im Serotoninsystem.
Wer von einem SSRI oder SNRI wechselt, merkt oft zuerst die Entzugssymptome des alten Mittels. Die britische Produktinformation erlaubt, Agomelatin sofort zu starten, während das bisherige Präparat ausgeschlichen wird. Eine kontrollierte Studie zum Wechsel von Paroxetin oder Venlafaxin fand eine Woche nach dem Stopp bei 79,8 Prozent nach plötzlichem Absetzen mindestens ein Absetzzeichen, nach zwei Wochen Ausschleichen bei 56,1 Prozent. Diese Schicht darf man nicht mit einem frühen Versagen von Valdoxan verwechseln.
Ist Valdoxan wirksamer als herkömmliche Antidepressiva?
Gegenüber Placebo wirkt Agomelatin, aber nicht in jeder Studie und nicht deutlich stärker als etablierte Vergleichsmittel. Die Fachinformation zählt zehn placebokontrollierte Kurzstudien. In sechs davon senkte die Dosis 25 bis 50 Milligramm den Hamilton-Wert nach sechs oder acht Wochen signifikant. In zwei weiteren Studien wirkte weder Agomelatin noch der eingebaute Vergleichsstoff Paroxetin oder Fluoxetin gegen Placebo, sodass kein Urteil möglich war. Die EMA schreibt offen, der Nutzen könne unter dem anderer Antidepressiva liegen, das andere Wirkprinzip und das Verträglichkeitsprofil rechtfertigten die Zulassung trotzdem.
Die Cochrane-Gruppe um Guaiana wertete 2013 dreizehn randomisierte Studien mit 4495 Erwachsenen aus, fast alle vom Hersteller Servier finanziert. Gegen SSRI lag das Chancenverhältnis für ein Ansprechen bei 1,01, gegen Venlafaxin bei 1,06. Beide Intervalle schlossen die Null ein. Auch die Remission unterschied sich nicht belastbar. Agomelatin war verträglicher als Venlafaxin, gemessen an Abbrüchen, und verursachte seltener Schwindel. Gegenüber SSRI lagen Übelkeit, Erbrechen und sexuelle Nebenwirkungen niedriger. Die Autoren warnten vor mäßiger Studienqualität und fehlenden Primärversorgungsdaten.
Huang und Kollegen bündelten 2014 sechs direkte Vergleiche mit 1871 Patienten. Die Response-Rate lag um den Faktor 1,08 höher, die akute Remission um 1,12. Die Autoren nannten den Unterschied statistisch sichtbar, klinisch aber nicht relevant. Der Schlafscore auf dem Leeds-Fragebogen fiel zugunsten von Agomelatin aus. Abbrüche wegen Nebenwirkungen waren seltener, relatives Risiko 0,38. Das ist der Befund, den Kongressfolien oft als Überlegenheit verkauft haben.
Der Netzwerkvergleich von Cipriani und Kollegen im Lancet 2018 stellte 21 Wirkstoffe in 522 Studien mit 116477 Teilnehmenden gegenüber. Alle Mittel schlugen Placebo. Nur Agomelatin und Fluoxetin hatten weniger Abbrüche jeglicher Ursache als Placebo, Odds Ratio 0,84 beziehungsweise 0,88. In den direkten Duellen gehörten Agomelatin, Escitalopram und Vortioxetin zu der kleinen Gruppe mit zugleich höherer Wirkung und besserer Akzeptanz. Die Sicherheit der Evidenz war mäßig bis sehr niedrig, viele Studien industriegefördert. Cipriani und Kollegen selbst schreiben, die Unterschiede zwischen den Wirkstoffen seien klein und sollten die gemeinsame Entscheidung leiten, nicht eine Ranglistenmedizin.
Für die Erhaltungstherapie nennt die Fachinformation eine Rückfallstudie. Nach Ansprechen in der offenen Phase bekamen Patienten sechs Monate Agomelatin oder Placebo. Rückfälle traten bei 22 Prozent unter Wirkstoff und 47 Prozent unter Placebo auf. Die EMA-Übersicht erinnert an eine zweite Erhaltungsstudie, in der sich kein Unterschied zeigte. Langzeitnutzen ist also belegt, aber nicht in jedem Protokoll.
Hilft Agomelatin bei Angst in der Depression?
Angstsymptome in einer depressiven Episode hängen mit schwererem Verlauf, höherer Suizidalität und schlechterem Ansprechen zusammen. Stein, Picarel-Blanchot und Kennedy fassten 2013 drei Placebostudien und drei Vergleiche gegen Fluoxetin, Sertralin und Venlafaxin zusammen. Agomelatin senkte Angstwerte stärker als Placebo und stärker als die genannten Vergleichsmittel. Der Unterschied war bei einem Hamilton-Angst-Unterscore von mindestens 5 Punkten deutlicher.
Das ist genau die Datenlage, die ältere Kongresstexte als Durchbruch darstellten. Es bleibt eine gepoolte, herstellernahe Auswertung ohne unabhängige Replikation in derselben Größe. Cochrane hat die Angstfrage nicht als Hauptziel geprüft. NICE 2022 behandelt ängstliche Depression nicht als eigenen Startgrund für Agomelatin. Mayo Clinic führt unter den Zusatzmerkmalen der Major Depression die ängstliche Anspannung auf und beginnt medikamentös trotzdem meist mit einem SSRI.
Für die generalisierte Angststörung ohne depressive Episode ist Valdoxan in der EU nicht zugelassen. Die Indikation der Fachinformation lautet ausschließlich schwere depressive Episoden bei Erwachsenen. Einzelne Länder außerhalb der Union haben eine Angstindikation erteilt. Für Patientinnen und Patienten in Deutschland, Österreich oder der Schweiz bleibt das Off-Label, solange keine nationale Erweiterung vorliegt.
Praktisch heißt das. Wer neben der gedrückten Stimmung stark grübelt, innerlich unruhig ist oder schlecht einschläft, kann mit dem behandelnden Team Agomelatin als eine von mehreren Optionen erwägen. Ein Automatismus „Angst gleich Valdoxan“ folgt aus den gepoolten Zahlen nicht. Psychotherapie bleibt laut NICE bei vielen Verläufen der eigentliche Hebel, unabhängig davon, welche Tablette dazukommt.
Was ändert sich am Schlaf in den ersten Wochen?
Viele Behandelte spüren zuerst den Schlaf, nicht die Stimmung. Die Fachinformation beschreibt mehr Tiefschlaf ohne Veränderung der REM-Menge, einen früheren Schlafbeginn und eine bessere subjektive Schlafqualität schon in der ersten Woche, ohne grobe Tagesmüdigkeit in den Messungen. Huang fand denselben Vorteil im Leeds-Fragebogen gegenüber SSRI und SNRI.
Das passt zum Melatonin-Angriff. Es erklärt auch, warum Hamilton-Skalen, die mehrere Schlafitems enthalten, Agomelatin leicht begünstigen können. Ein Teil des Punktvorsprungs in älteren Vergleichen steckt vermutlich im Schlaf, nicht in Anhedonie oder Schuldgefühlen. Wer die Stimmung als einzigen Maßstab nimmt, sollte deshalb nach vier Wochen nicht nur fragen, ob das Einschlafen leichter fällt.
Schlaf allein heilt eine schwere Episode nicht. Mayo Clinic rechnet bei Antidepressiva mit ersten Veränderungen nach wenigen Wochen und mit der vollen Wirkung oft erst nach sechs Wochen oder später. NICE nennt für den Nutzen einer Tablette typischerweise vier Wochen. Wer nach zwei Wochen nur besser schläft, hat damit keinen Misserfolg, aber auch noch keinen Beweis, dass die Dosis reicht.
Tagesmüdigkeit und Schwindel bleiben häufige, meist frühe Nebenwirkungen. Die Fachinformation warnt, Auto und Maschinen in dieser Phase vorsichtig zu bewerten. Kaffee am Abend oder Schichtarbeit können den rhythmischen Vorteil wieder zunichtemachen. Alkohol rät dasselbe Dokument ab, weil die Kombination die Leber und die Wachheit zusätzlich belastet.
Welche Dosis gilt und wann steigt man auf 50 mg?
Die empfohlene Dosis ist eine Tablette mit 25 Milligramm abends, mit oder ohne Essen. Fehlt nach zwei Wochen eine spürbare Besserung, darf die Dosis auf 50 Milligramm steigen, also zwei Tabletten zur selben Zeit. Jede Erhöhung muss gegen das höhere Risiko eines Transaminasenanstiegs abgewogen werden. Die Leberwerte laufen dann dasselbe Raster wie am Anfang noch einmal durch.
Eine Behandlung soll laut Fachinformation mindestens sechs Monate dauern, auch nachdem die Symptome weg sind. Das entspricht der NICE-Logik, nach Remission nicht sofort zu stoppen. Beim Absetzen von Agomelatin ist kein Ausschleichen vorgesehen. Eine eigene Studie mit der DESS-Checkliste fand nach plötzlichem Stopp kein Absetzsyndrom. Das unterscheidet das Mittel von Venlafaxin oder Paroxetin, die Mayo Clinic ausdrücklich langsam reduziert wissen will.
Unter 18 Jahren ist Valdoxan nicht empfohlen. Die EMA hat im Mai 2024 einen Antrag auf Zulassung für Jugendliche von 12 bis 17 Jahren bewertet. Der Hersteller zog den Anspruch zurück, weil die Datenlage dem Ausschuss nicht reichte. Die Studienergebnisse stehen seitdem in der Fachinformation. Bei 25 Milligramm lag der Unterschied auf der Kinder-Depressionsskala gegenüber Placebo bei 4,22 Punkten in der Gesamtgruppe und bei 5,22 Punkten bei den Jugendlichen. Leberereignisse betrafen 6,3 Prozent der Jugendlichen gegen 1,7 Prozent der Erwachsenen, suizidbezogene Ereignisse 3,1 gegen 1,2 Prozent. Für Kinder von 7 bis 11 Jahren war der Punktwert unter Wirkstoff sogar etwas schlechter als unter Placebo.
Ab 75 Jahren ist kein Nutzen dokumentiert. Eine achtwöchige Studie bei Menschen ab 65 Jahren fand 2,67 Hamilton-Punkte Unterschied, in der Untergruppe ab 75 Jahren fehlte der Effekt. Bei Demenz soll das Mittel nicht eingesetzt werden. Eine Dosisanpassung allein wegen des Alters unter 75 Jahren ist nicht nötig.
Warum Leberwerte Pflicht sind
Agomelatin kann die Leber zellulär schädigen. Nach der Zulassung sind Leberversagen, Transplantationen und einzelne Todesfälle bei Menschen mit Risikofaktoren gemeldet worden, dazu Enzymanstiege über das Zehnfache der Norm, Hepatitis und Gelbsucht. Die meisten Fälle lagen in den ersten Monaten. Nach dem Absetzen normalisierten sich die Werte oft wieder. Genau deshalb gilt das dichte Laborschema, das ältere Werbetexte kaum erwähnten.
| Zeitpunkt | Was gemessen wird | Folge nach Fachinformation |
|---|---|---|
| Vor der ersten Tablette | ALT und AST | Start nur wenn Werte höchstens das Dreifache der Norm erreichen |
| Nach etwa 3 Wochen | dieselben Enzyme | bei Anstieg Wiederholung innerhalb von 48 Stunden |
| Nach 6, 12 und 24 Wochen | dieselben Enzyme | sofortiger Stopp über dem Dreifachen der Norm |
| Bei Wechsel auf 50 mg | gleiches Raster wie am Start | höheres Risiko für Enzymanstieg |
| Jederzeit bei Beschwerden | Klinik plus Labor | Stopp bei Gelbsucht, dunklem Urin, hellem Stuhl, rechtem Oberbauchschmerz oder neuer unerklärter Erschöpfung |
In den Zulassungsstudien lagen Anstiege über dem Dreifachen der Norm bei 1,2 Prozent unter 25 Milligramm, bei 2,6 Prozent unter 50 Milligramm und bei 0,5 Prozent unter Placebo. Das Risiko steigt also mit der Dosis. Übergewicht, Fettleber, Diabetes, hoher Alkoholkonsum und andere leberschädigende Arzneimittel verlangen vor dem Start eine besonders klare Nutzenabwägung. Bestehende Zirrhose oder aktive Leberkrankheit sind Kontraindikationen.
Die EMA-Übersichtsseite nennt weiter Schulungsmaterial für Verordnende und eine Patientenbroschüre. Unabhängig davon bleibt das Laborschema in der aktuellen Produktinformation von 2025 und 2026 bestehen. Wer die Termine nicht halten kann, braucht ein anderes Antidepressivum, nicht eine lockere Handhabung.
Dunkler Urin, heller Stuhl, gelbe Haut oder Augen, Schmerz unter dem rechten Rippenbogen und plötzliche, sonst nicht erklärbare Erschöpfung sind Stoppsignale, keine „Eingewöhnungsbeschwerden“. Nach dem Absetzen sollen die Enzyme weiter gemessen werden, bis sie in der Norm liegen.
Mit welchen Mitteln verträgt sich Valdoxan nicht?
Starke Hemmer des Enzyms CYP1A2 sind tabu. Fluvoxamin, selbst ein Antidepressivum, steigerte die Agomelatin-Exposition im Mittel um das Sechzigfache, in einzelnen Fällen bis zum Vierhundertfachen. Ciprofloxacin fällt in dieselbe Gruppe. Beides steht in der Kontraindikationsliste neben Leberkrankheit und bekannter Überempfindlichkeit.
Mäßige Hemmer wie Propranolol oder Enoxacin können die Spiegel ebenfalls heben. Östrogenhaltige Verhütungsmittel erhöhten die Exposition um ein Mehrfaches. In etwa 800 gemeinsam behandelten Personen sah die Fachinformation kein eigenes Sicherheitssignal, rät aber weiter zur Vorsicht. Rauchen, besonders ab 15 Zigaretten täglich, senkt die Verfügbarkeit, weil es CYP1A2 anregt. Rifampicin kann denselben Weg beschleunigen und den Spiegel drücken.
Agomelatin selbst verändert die Spiegel anderer CYP-Substrate in den geprüften Studien nicht. Phase-I-Daten zu Benzodiazepinen, Lithium, Paroxetin, Fluconazol und Theophyllin zeigten keine relevanten Wechsel. Elektrokrampftherapie ist nicht gemeinsam geprüft, tierexperimentell wirkte der Stoff nicht krampfbereitend. Laktoseintoleranz vom seltenen erblichen Typ schließt die Tablette aus, weil jede Dragee 61,8 Milligramm Laktose enthält.
Schwangerschaft soll nach der Fachinformation möglichst gemieden werden. Menschliche Daten umfassen weniger als 300 Verläufe. Tierexperimente zeigten keine direkten Schäden, das reicht für keine Entwarnung. Ob Agomelatin in die Muttermilch übergeht, ist unbekannt. Bei Tieren erscheint der Stoff in der Milch. Stillen oder Therapie, das bleibt eine Einzelfallentscheidung.
Was aktuelle Leitlinien statt des Kongressclaims sagen
NICE hat 2022 die Erwachsenenleitlinie zur Depression neu gefasst. Antidepressiva sind bei weniger schweren Episoden nicht mehr der Routine-Start, sondern eine informierte Wahl, wenn die Person genau das möchte. Bei schwereren Episoden stehen Kombinationen aus kognitiver Verhaltenstherapie und Tablette sowie einzelne Psychotherapien vorn. Soll eine Tablette fallen, gelten SSRI für die meisten als erste Wahl, weil sie verträglich und in Überdosierung weniger gefährlich sind als ältere Trizyklika.
Agomelatin taucht in diesen Tabellen nicht als Standardstart auf. Das ist die eigentliche Korrektur gegenüber Texten, die Valdoxan 2011 als überlegene Erstlinie verkauften. Ciprianis Netzwerk erklärt, warum einzelne Kliniker das Mittel trotzdem früh anbieten. Es verbindet in den direkten Duellen Wirkung mit wenigen Abbrüchen. NICE gewichtet zusätzlich Kosten, Versorgungsalltag und die breite Erfahrung mit SSRI.
Mayo Clinic beschreibt den US-Alltag, in dem Agomelatin fehlt, weil die FDA es nicht zugelassen hat. Drugs.com bestätigt das im April 2026. Amerikanische Übersichten beginnen deshalb bei Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Sertralin oder einem SNRI. Für Leserinnen und Leser in der EU bleibt Valdoxan legal verfügbar, aber als Zweit- oder Sonderweg, nicht als neuer Goldstandard.
Die CHMP-Bewertung von 2009 bleibt in der Sache aktuell. Anderer Mechanismus, wenige typische Serotoninnebenwirkungen, dafür Leberüberwachung. Wer sexuelle Funktion, Gewicht und Absetzsymptome besonders fürchtet, hat damit ein Argument. Wer unregelmäßige Laborkontrollen hat, Leberrisiken mitbringt oder unter 18 beziehungsweise über 75 Jahre alt ist, hat ein Gegenargument.
Wann Sie die Praxis oder die Notaufnahme brauchen
Suizidgedanken, Selbstverletzung oder der Impuls, anderen zu schaden, gehören in die Notaufnahme oder an den Notruf, nicht in die nächste Routinekontrolle. Mayo Clinic und die Fachinformation betonen, dass das Risiko in den ersten Wochen einer Besserung paradox steigen kann. Unter 25 Jahren zeigen Metaanalysen von Antidepressiva gegen Placebo mehr suizidales Verhalten. Angehörige sollen ungewohnte Unruhe, plötzliche Hochstimmung oder neues Rückzugsverhalten ernst nehmen.
Leberzeichen verlangen denselben Tag, nicht das Abwarten bis zum nächsten Labortermin. Dunkler Urin, heller Stuhl, Gelbfärbung, Schmerz rechts oben oder neue schwere Erschöpfung bedeuten sofortiges Absetzen und ärztliche Klärung. Nach einem Anstieg der Enzyme im Blatt folgt die Wiederholung binnen 48 Stunden. Über dem Dreifachen der Norm endet die Therapie.
Manische oder hypomane Symptome, verwirrtes Denken oder Halluzinationen sind Gründe, das Mittel zu stoppen und die Diagnose zu prüfen. Agomelatin soll bei bekannter bipolarer Störung nur vorsichtig laufen. Eine schwere Depression, in der jemand nicht mehr trinkt, isst oder sich versorgt, braucht nach Mayo Klinik oder tagesklinische Aufnahme, unabhängig vom Präparat.
Wer nach vier Wochen keinerlei Veränderung spürt, soll nicht selbst verdoppeln. Die 50-Milligramm-Stufe gehört an ein Gespräch plus neue Leberwerte. Wer die Tabletten vergisst oder den Abendtermin dauerhaft verlegt, braucht eher ein anderes Schema als eine heimische Dosisexperimente.
Häufige Fragen
Ist Valdoxan stärker als ein SSRI?
In der Cochrane-Auswertung von 2013 war Agomelatin weder klar stärker noch klar schwächer als die geprüften SSRI. Huang fand 2014 einen kleinen Vorteil, den die Autoren selbst als klinisch nicht relevant einordneten. Cipriani 2018 sieht Agomelatin in direkten Duellen eher vorn, vor allem weil weniger Menschen abbrechen. Stärker im Alltag heißt deshalb oft verträglicher, nicht automatisch wirksamer.
Brauche ich wirklich Leberwerte, wenn ich mich gut fühle?
Ja. Die meisten Leberschäden kündigen sich zuerst im Labor an, nicht als Schmerz. Die Fachinformation verlangt Messungen vor dem Start sowie nach etwa drei, sechs, zwölf und 24 Wochen, dazu dasselbe Raster nach jeder Dosiserhöhung. Wer die Termine nicht wahrnehmen kann, sollte ein anderes Antidepressivum wählen.
Kann ich Valdoxan einfach absetzen?
Laut Fachinformation ist kein Ausschleichen nötig, und eine eigene Studie fand nach plötzlichem Stopp kein Absetzsyndrom. Das gilt nur für Agomelatin selbst. Wer gleichzeitig noch ein SSRI oder SNRI reduziert, braucht für dieses Mittel weiter einen langsamen Plan. Die Depression kann nach dem Stopp zurückkehren, deshalb gehört das Ende der Therapie ins Gespräch, nicht in einen stillen Alleingang.
Wann merke ich eine Wirkung?
Schlaf und innere Unruhe können sich in der ersten oder zweiten Woche ändern. Die Stimmung braucht bei Antidepressiva oft vier bis sechs Wochen, manchmal länger, wie Mayo Clinic und NICE beschreiben. Nach zwei Wochen ohne jeden Fortschritt darf die Dosis auf 50 Milligramm steigen, sofern die Leberwerte das mittragen. Sechs Monate Mindestdauer nach Besserung sollen Rückfälle senken.
Darf ich die Antibabypille dazu nehmen?
Östrogene hemmen CYP1A2 mäßig und können den Agomelatin-Spiegel vervielfachen. Die Fachinformation sieht in rund 800 gemeinsam behandelten Personen kein eigenes Alarmsignal, rät aber zur Vorsicht. Das ist kein automatisches Verbot, sondern ein Grund, Start und Kontrollen enger zu führen. Fluvoxamin und Ciprofloxacin bleiben dagegen harte Ausschlüsse.
Hilft Valdoxan bei einer Angststörung ohne Depression?
In der Europäischen Union lautet die Zulassung nur auf schwere depressive Episoden bei Erwachsenen. Eine generalisierte Angststörung allein ist dort keine zugelassene Indikation. Der Herstellerantrag für Jugendliche mit Depression wurde 2024 zurückgezogen. Wer nur Angst hat, braucht ein Mittel und eine Leitlinie, die genau dazu passen, nicht den Umweg über eine Depressionszulassung.
Fazit
Valdoxan ist kein geheimes stärkeres Antidepressivum. Es ist ein melatonerges, 5-HT2C-blockierendes Mittel mit ähnlicher Wirkung wie viele SSRI, oft weniger sexuellen und Absetzproblemen und einem klar benannten Leberrisiko. Cochrane 2013 und Huang 2014 haben den alten Kongressclaim der Überlegenheit zurechtgerückt. Cipriani 2018 erklärt, warum das Mittel in manchen direkten Vergleichen trotzdem gut dasteht. NICE 2022 belässt den medikamentösen Start bei den SSRI und die Psychotherapie bei vielen Verläufen vorn.
Wer Agomelatin erwägt, sollte drei Dinge klären. Erstens, ob die Leberwerte vor der ersten Tablette in der Norm liegen und die Folgetermine realistisch sind. Zweitens, ob Schlaf, sexuelle Funktion oder schlechte Erfahrung mit Serotoninmitteln das Profil wirklich passend machen. Drittens, wer in den ersten Wochen auf Suizidgedanken und auf Gelbsucht achtet. Ohne diese drei Punkte ist ein gewöhnliches SSRI nach Leitlinie die ehrlichere Wahl.
Die Tablette heilt die Erkrankung nicht. Sie kann eine schwere Episode milder machen, Rückfälle in einer positiven Erhaltungsstudie senken und den Schlaf früher ordnen. Der morgige Schritt ist kein Onlinekauf und kein Dosisversuch auf eigene Faust, sondern ein Termin, der Diagnose, Laborkalender und Krisenplan in denselben Kalender schreibt.
Quellen
- European Medicines Agency: Valdoxan (agomelatine) – European public assessment report. European Medicines Agency, Stand: 15. April 2025.
- Servier Laboratories Limited: Valdoxan 25 mg film-coated tablets – Summary of Product Characteristics (SmPC). Electronic Medicines Compendium, 30. April 2026.
- Guaiana G, Gupta S et al.: Agomelatine versus other antidepressant medication for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews, 12. Dezember 2013.
- Cipriani A, Furukawa TA et al.: Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet, 7. April 2018.
- National Institute for Health and Care Excellence: Depression in adults: treatment and management. National Institute for Health and Care Excellence, 29. Juni 2022.
- Mayo Clinic: Depression (major depressive disorder) – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, Stand: 2026.
- Stein DJ, Picarel-Blanchot F, Kennedy SH: Efficacy of the novel antidepressant agomelatine for anxiety symptoms in major depression. Human Psychopharmacology, März 2013.
- Huang KL, Lu WC et al.: Comparison of agomelatine and selective serotonin reuptake inhibitors/serotonin-norepinephrine reuptake inhibitors in major depressive disorder: A meta-analysis of head-to-head randomized clinical trials. Australian and New Zealand Journal of Psychiatry, Juli 2014.
- Drugs.com: What is agomelatine used for?. Drugs.com, 5. April 2026.
- European Medicines Agency: Questions and answers on the outcome of assessment to extend the use of Valdoxan (agomelatine). European Medicines Agency, 31. Mai 2024.
