
Vestibuläre Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit wiederkehrendem Drehschwindel oder Gleichgewichtsstörung von mindestens mittlerer Stärke, die fünf Minuten bis 72 Stunden dauern kann. Die Diagnose verlangt eine aktuelle oder frühere Migräne nach der Internationalen Kopfschmerzklassifikation sowie migränetypische Begleitzeichen in mindestens der Hälfte der Schwindelattacken.
Kopfschmerz muss nicht gleichzeitig da sein. Silva und Kollegen schrieben 2022, dass bis zu etwa 30 Prozent der Episoden ohne ihn ablaufen; der Schwindel selbst kann den Alltag stärker belasten als der Schmerz. Die Bárány-Gesellschaft und die International Headache Society haben die Kriterien 2012 gemeinsam festgelegt. Im Literatur-Nachzug von 2022 blieben die Regeln selbst unverändert; in der ICHD-3 steht die Entität weiter im Anhang für neue Syndrome. In US-Bevölkerungsdaten erfüllten 2,7 Prozent der Erwachsenen innerhalb eines Jahres eine Falldefinition, doch nur jeder Zehnte hörte, dass Migräne den Schwindel erklärt.
Was ist vestibuläre Migräne?
Vestibuläre Migräne ist kein „einfacher“ Kopfschmerz mit etwas Unsicherheit, sondern eine Störung, bei der das Gleichgewichtssystem wiederholt in eine Attacke gerät. Qualifizierende Beschwerden sind spontaner Drehschwindel, lageabhängiger Schwindel, visuell ausgelöster Schwindel, Schwindel bei Kopfbewegung sowie Benommenheit mit Übelkeit, die durch Kopfbewegung entsteht; leichte Unsicherheit ohne diese Merkmale reicht nach Lempert und Mitautoren nicht.
Frühere Bezeichnungen lauteten migräneassoziierter Schwindel, migränebezogene Vestibulopathie oder migränöser Vertigo. Die gemeinsame Definition sollte HNO-Ärzte und Kopfschmerzspezialisten auf dieselbe Sprache bringen. Mittelgradig heißt, Alltagstätigkeiten werden behindert, aber nicht unmöglich; schwer heißt, sie müssen abgebrochen werden. Kürzere oder nur ganz leichte Episoden erfüllen die Schwelle nicht, auch wenn sie unangenehm sind.
Ob es sich um eine Migräneform oder eine nahe verwandte Krankheit handelt, ist unter Forschenden nicht abgeschlossen, hält die Cleveland Clinic 2023 fest. Praktisch zählt das Muster: wiederkehrende Vestibularisattacken plus Migränegeschichte plus zeitlicher Bezug zu Licht-, Geräusch- oder Schmerzempfindlichkeit. Ein Bluttest oder ein einzelnes Bild beweist die Diagnose nicht. Andere Ursachen müssen ausgeschlossen oder klar von den Attacken getrennt werden, bevor das Etikett trägt.

Welche Symptome sind typisch?
Leitsymptom ist Schwindel, der sich oft als Drehen, Schwanken, „Hin-und-Her“ oder als Gefühl anfühlt, der Boden weiche weg. Viele berichten zusätzlich über Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit und über eine pochende, einseitige Kopfschmerzenattacke; diese Begleiter können fehlen, vorangehen oder nachhinken.
Silva und Castro beschrieben 2022, dass Vestibulariszeichen vor, während, nach oder unabhängig von der Schmerzphase auftreten. Mehrere Qualitäten in derselben Person sind üblich. StatPearls (Stand Februar 2024) nennt außerdem Benommenheit, ein Schweregefühl im Kopf, Kribbeln, gesteigerte Reiseübelkeit sowie vorübergehendes Ohrendruckgefühl, Tinnitus oder leichte Hörschwankung. Ein bleibender, deutlich einseitiger Hörverlust spricht eher für eine Innenohrerkrankung als für isolierte vestibuläre Migräne.
Sehstörungen im Sinn einer Aura (Zacken, Blitze, Gesichtsfeldlücken) dürfen die Episode begleiten, ersetzen aber nicht die Vestibulariskriterien. Nackensteifigkeit, Konzentrationsstörung und Erschöpfung nach der Attacke kennen viele aus der klassischen Migräne; die Mayo Clinic beschreibt Prodrom, Aura, Schmerzphase und Nachphase als mögliches Gerüst, das nicht jede Person vollständig durchläuft. Schwere und Dauer schwanken von Episode zu Episode. Manche Attacken sind in Minuten vorbei, andere füllen den 72-Stunden-Korridor, und ein unsicheres Nachgefühl kann noch länger nachhallen, ohne dass dies automatisch eine neue Diagnose wäre.
Wie häufig ist die Erkrankung?
In der erwachsenen Bevölkerung liegt die geschätzte Häufigkeit etwa zwischen 1 und 2,7 Prozent, je nach Kriterium und Land. Formeister und Kollegen werteten 2018 den US-Gesundheitsinterview-Zusatz zu Gleichgewicht von 2008 aus (21 781 Erwachsene). Unter allen Befragten hatten 11,9 Prozent binnen eines Jahres ein Schwindel- oder Balanceproblem; 23,4 Prozent dieser Gruppe erfüllten die Falldefinition, das entspricht 2,7 Prozent der Erwachsenen.
Frauen waren mit 64,1 Prozent häufiger betroffen, das mittlere Alter lag bei 40,9 Jahren. Alter unter 40, weibliches Geschlecht, Angst, Depression und früheres Schädeltrauma hingen mit höheren Chancen zusammen. Nur 10 Prozent der so Klassifizierten hatten gehört, Migräne sei die Ursache ihres Schwindels. Silva et al. gaben 2022 ein Geschlechterverhältnis von etwa 4 zu 1 an und ein typisches Vestibularis-Beginnalter um 38 Jahre, während Kopfschmerz oft schon um das 23. Lebensjahr startet.
StatPearls fasst Klinikdaten so zusammen, dass der Vertigo bei Frauen im Mittel um 37, bei Männern um 42 Jahre beginnt, der Kopfschmerz früher. Cleveland Clinic nennt vestibuläre Migräne die zweithäufigste Erklärung für Drehschwindel, nach dem gutartigen Lagerungsschwindel. In Kopfschmerz- und Schwindelambulanzen liegt der Anteil oft um 10 Prozent der dort Gesehenen. Die alte Faustformel, 40 Prozent aller Migränekranken hätten automatisch diese Diagnose, vermengt unspezifischen Schwindel in einer Schmerzattacke mit den engen Konsenskriterien und gilt so nicht.
Was löst Attacken aus?
Auslöser sind keine Ursache im Sinn eines Keims, sondern Reize, die bei dafür empfindlichen Menschen eine Episode wahrscheinlicher machen. Häufig genannt werden Schlafmangel oder zu viel Schlaf, Stress, ausgelassene Mahlzeiten, hormonelle Schwankungen um Regelblutung oder Wechseljahre, Wetter- und Luftdruckwechsel sowie bestimmte Speisen und Getränke.
Die Mayo Clinic listet 2025 für Migräne unter anderem Rotwein, zu viel Koffein, grelles oder flackerndes Licht, laute Geräusche, starke Gerüche, körperliche Überanstrengung, gereiften Käse, salzige Fertigprodukte sowie Zusatzstoffe wie Aspartam und Natriumglutamat. Nicht jede Person reagiert auf dieselbe Liste. Cleveland Clinic ergänzt Erschöpfung, Kindheitsmigräne in der Vorgeschichte und eine mögliche Rolle von Serotonin. Familienhäufung ist häufig; Silva et al. nannten 2022 bei etwa zwei Dritteln eine Migräne in der Verwandtschaft.
Kalorische Spülung des Ohres kann bei manchen mit Migräneanamnese binnen 24 Stunden eine typische Attacke anstoßen, wie StatPearls anhand einer kontrollierten Beobachtung berichtet. Das stützt die Idee einer wechselseitigen Reizung zwischen Innenohr und trigeminovaskulärem System, beweist aber keinen einzelnen Gendefekt für die häufige Form. Ein Tagebuch, das Schlaf, Zyklus, Mahlzeiten, Wetter und Medikamente neben Beginn und Dauer des Schwindels festhält, hilft der Praxis mehr als eine starre Verbotsliste aus dem Internet.
Häufige, in Studien und Kliniktexten wiederkehrende Auslöser lassen sich so bündeln:
- Unregelmäßiger Schlaf oder Schichtarbeit kann die Reizschwelle senken und eine Episode wahrscheinlicher machen.
- Hormonelle Schwankungen um die Regel oder in den Wechseljahren stoßen bei vielen Frauen Attacken an.
- Alkohol, besonders Wein, und plötzliche Koffeinwechsel gelten als klassische Nahrungsreize.
- Visuell unruhige Umgebungen wie Rolltreppen oder volle Regalreihen können Schwindel auslösen oder verstärken.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Diagnose ist klinisch. Lempert und die Klassifikationsgruppen verlangen mindestens fünf Episoden mit vestibulären Symptomen von mittlerer oder schwerer Intensität, Dauer fünf Minuten bis 72 Stunden, aktuelle oder frühere Migräne mit oder ohne Aura nach ICHD-3, in mindestens 50 Prozent der Episoden mindestens eines der drei Merkmale (migränetypischer Kopfschmerz, Licht- plus Geräuschempfindlichkeit, visuelle Aura) und keine bessere andere Erklärung.
Wahrscheinliche vestibuläre Migräne erfüllt nur eines der beiden Felder Migräneanamnese oder migränetypische Begleiter, bei sonst gleichem Episodenmuster. Diese Kategorie steht in der Bárány-Klassifikation, nicht im ICHD-3-Anhang. Ein isoliertes Symptom genügt, um eine Episode zu zählen; verschiedene Episoden dürfen verschiedene Begleiter zeigen. Begleiter können vor, während oder nach dem Schwindel auftreten.
Cleveland Clinic beschreibt 2023, dass zuerst andere Ursachen wie Morbus Menière und benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV) bedacht werden. Mögliche Ergänzungen sind neurologische Untersuchung, Video- oder Elektronystagmographie, Hörtest sowie CT oder MRT, wenn Warnzeichen oder ein ungewöhnlicher Verlauf dazu zwingen. Vestibuläre Tests sind oft unauffällig oder unspezifisch; ein normaler Befund widerlegt die Diagnose nicht. StatPearls betont, dass die Anamnese einschließlich Kindheitsschwindel und Familienmigräne mehr trägt als ein einzelnes Labor. Bildgebung sucht Alternativen, sie „beweist“ vestibuläre Migräne nicht.
Was unterscheidet sie von Menière und BPPV?
Drei häufige Verwechslungen sind lagerungsabhängiger Kristallschwindel, Morbus Menière und, bei Erst- oder Einzelattacke, eine Durchblutungsstörung der hinteren Hirnstrombahn. Die Unterscheidung stützt sich auf Dauer, Auslöser, Gehör und Begleiter, nicht auf ein einziges Wort wie „Drehen“.
BPPV erzeugt kurze Drehschwindelstöße von Sekunden, wenn der Kopf in eine bestimmte Lage kommt; der Dix-Hallpike-Test und Befreiungsmanöver gehören zur Abklärung. Morbus Menière verbindet Attacken meist von 20 Minuten bis etwa 12 Stunden mit einseitigem Hörverlust, Druck und Tinnitus; ein Audiogramm mit tieffrequentem, relevantem Hörverlust spricht dafür. Vestibuläre Migräne darf Ohrgeräusche und Druck haben, ein bleibender einseitiger Hörverlust bleibt verdächtig auf das Innenohr. Silva et al. listen außerdem Hirnstammaura, transitorische ischämische Attacke, persistierenden postural-perzeptiven Schwindel und episodische Ataxie Typ 2.
Überlappungen sind real. StatPearls zitiert Zentren, in denen ein erheblicher Teil der Menière-Patienten zugleich Kriterien der vestibulären Migräne erfüllt oder migräneähnliche Züge zeigt. Beide Diagnosen können nebeneinander stehen, wenn sich Episoden klar trennen lassen. Ein plötzlicher, anhaltender Schwindel ohne frühere Serie und ohne migränetypische Begleiter ist kein Grund, zuerst „Migräne“ zu raten.
| Merkmal | Vestibuläre Migräne | Morbus Menière | Lagerungsschwindel (BPPV) |
|---|---|---|---|
| Typische Dauer | 5 Minuten bis 72 Stunden | oft 20 Minuten bis 12 Stunden | Sekunden nach Lagewechsel |
| Gehör | Tinnitus oder Druck möglich, bleibender einseitiger Verlust untypisch | wiederkehrender einseitiger Hörverlust | in der Regel unbeeinträchtigt |
| Auslöser der einzelnen Attacke | variabel, oft nicht rein lagerungsgebunden | spontan, nicht durch eine Kopflage erklärt | typische Kopfposition |
| Migränemerkmale | in ≥50 % der Episoden gefordert | können begleitend vorkommen | fehlen meist |
| Untersuchung | oft unauffällig zwischen den Attacken | Audiogramm häufig auffällig | Lagerungstest oft positiv |

Wann zum Arzt oder in die Notaufnahme?
Wiederholte Schwindelattacken, die Arbeit, Gehen oder Autofahren stören, gehören in die Hausarztpraxis, besonders wenn Migräne in der eigenen oder familiären Geschichte vorkommt. Cleveland Clinic rät 2023, häufiger oder stärker werdende Attacken, zunehmende Licht- und Geräuschempfindlichkeit und heftigere Kopfschmerzen erneut vorzustellen, auch wenn die Diagnose schon steht.
Ein neues Muster nach Jahren „bekannter Migräne“ darf nicht automatisch als dieselbe Krankheit gelten. Die Mayo Clinic nennt 2025 als Alarmzeichen unter anderem einen Donnerschlagkopfschmerz, der in Sekunden Gipfelintensität erreicht, Kopfschmerz mit Fieber, Nackensteife, Verwirrtheit, Krampfanfall, Doppelbildern oder Schwäche, Schmerz nach Kopfverletzung, zunehmenden Schmerz nach Husten oder Pressen und erstmals starken Kopfschmerz nach dem 50. Lebensjahr. Der NHS fordert den Notruf bei plötzlich extremem Schmerz, Sprach- oder Erinnerungsstörung, Sehverlust oder Doppelbildern, Bewusstseinstrübung, Krampfanfall, halbseitiger Schwäche und Meningitisverdacht.
Hinterer Kreislaufinfarkt oder eine transitorische ischämische Attacke können isolierten Schwindel nachahmen. Höheres Alter, viele Gefäßrisiken, wenige Episoden und plötzlicher Beginn ohne migränetypische „positive“ Reizüberflutung verschieben den Verdacht zur Gefäßursache. Jüngeres Alter, viele Attacken über Monate, Lichtscheu und Migräneanamnese passen besser zum Migränemuster, ersetzen aber keine Untersuchung, wenn Lähmung, Sprachstörung oder ein Donnerschlag dazukommen.
| Zeichen | Warum es zählt | Nächster Schritt |
|---|---|---|
| Serie von Attacken über Wochen, Alltag gestört | typischer Anlass zur Diagnoseabklärung | Termin in der Praxis, Symptomtagebuch mitbringen |
| Musterwechsel bei bekannter Migräne | kann neue Ursache anzeigen | zeitnahe ärztliche Bewertung, nicht nur Hausmittel |
| Donnerschlagkopfschmerz, halbseitige Schwäche, Sprachstörung | mögliche Blutung, Schlaganfall oder andere Notfälle | Notaufnahme oder Notruf |
| Fieber plus Nackensteife, Krampfanfall, Verwirrtheit | mögliche Entzündung der Hirnhäute oder anderes schweres Geschehen | sofortige Notfallversorgung |
| Plötzlicher bleibender Hörverlust mit Schwindel | Innenohrinfarkt oder Menière-Notfallspektrum | umgehende HNO- oder Notfallabklärung |
Welche Medikamente helfen akut und vorbeugend?
Für die akute Vestibularisattacke fehlen belastbare, krankheitsspezifische Zulassungsstudien. StatPearls hält fest, dass Triptane den Vertigo in einer Cochrane-Auswertung nicht überzeugend verkürzten; in der Attacke stehen deshalb oft Antiemetika und antivertiginöse Mittel im Vordergrund, während Schmerzmittel den Kopfschmerzanteil lindern können. Der NHS rät 2026, Ibuprofen oder Paracetamol früh zu nutzen, aber Schmerzmittel an höchstens zwei Tagen pro Woche zu nehmen, weil sonst ein Übergebrauchskopfschmerz droht. Die Mayo Clinic nennt dasselbe Risiko, wenn nichtsteroidale Entzündungshemmer an mehr als 14 Tagen im Monat oder Triptane an mehr als neun Tagen im Monat eingenommen werden.
Vorbeugung folgt bisher vor allem den Migränekategorien, nicht einer eigenen VM-Leitlinie. Eine Netzwerk-Metaanalyse in BMC Neurology (Suche bis 15. Januar 2025, fünf randomisierte Studien mit 419 Patienten) fand gegenüber Kontrolle weniger monatliche Vertigoattacken unter Propranolol (minus 7,04; 95-Prozent-Konfidenzintervall −12,77 bis −1,31), Valproinsäure (minus 5,95), Venlafaxin (minus 5,94) und Galcanezumab (minus 5,80). Die Sicherheit der Evidenz war nur für Galcanezumab mittelgradig, für die älteren Stoffe niedrig bis sehr niedrig; Propranolol rangierte numerisch vorn, stützte sich aber auf indirekte Vergleiche.
Die INVESTMENT-Studie war 2024 die erste placebokontrollierte Zufallszuteilung eines CGRP-Antikörpers bei vestibulärer Migräne oder wahrscheinlicher Form. Achtunddreißig Personen gingen in die modifizierte Intention-to-treat-Auswertung. Galcanezumab wurde im ersten Monat mit 240 mg, danach zwei Monate mit 120 mg unter die Haut gegeben. Definite Schwindeltage sanken von 17,9 auf 6,6 pro Monat, unter Placebo von 18,0 auf 12,5 (Differenz −5,7 Tage). Der Dizziness-Handicap-Inventory-Wert fiel stärker als unter Placebo. Der primäre VM-PATHI-Unterschied war nur im einseitigen Test signifikant; die Studie war klein, monozentrisch und endete früh. Schwerwiegende Ereignisse wurden nicht beobachtet.
Für die klassische Migräneprophylaxe stufte die American Headache Society im März 2024 CGRP-Antikörper (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab) und die Gepante Rimegepant sowie Atogepant als Erstlinienoption ein, ohne vorheriges Scheitern älterer Klassen. Das ist keine VM-Zulassung, ändert aber die Schwelle, ab der solche Mittel besprochen werden. NICE erinnert in der Kopfschmerzleitlinie (letzte Prüfung 1. Dezember 2025) daran, dass Topiramat bei Schwangerschaft und bei gebärfähigen Personen ohne das britische Schwangerschaftsverhütungsprogramm nicht zur Migränevorbeugung verwendet werden darf. StatPearls zitiert eine prospektive Arbeit, in der Topiramat 50 bis 100 mg pro Tag Häufigkeit und Stärke von Schwindel und Kopfschmerz senkte; die Dosis gehört ausschließlich in ärztliche Hand.
| Ansatz | Beispiel aus Studien | Was die Daten hergeben |
|---|---|---|
| Akut, Symptomlinderung | Antiemetika, antivertiginöse Mittel, Bedarfs-Schmerzmittel | wenig VM-spezifische RCTs; Triptane für Vertigo schwach belegt |
| Klassische Vorbeugung | Propranolol, Venlafaxin, Valproinsäure, Topiramat | NMA 2025 mit Effekt auf Attackenzahl, Evidenz oft unsicher |
| CGRP-Antikörper | Galcanezumab 240 mg, dann 120 mg monatlich (INVESTMENT) | erste Placebo-RCT, kleine Stichprobe, mittlere NMA-Sicherheit |
| Übergebrauch vermeiden | Schmerzmittel ≤2 Tage/Woche (NHS); NSAID >14, Triptane >9 Tage/Monat (Mayo) | Kreislauf aus häufigem Bedarf und mehr Kopfschmerz möglich |
Was bringen Lebensstil und vestibuläre Rehabilitation?
Regelmäßiger Schlaf, feste Mahlzeiten, weniger Koffein- und Alkoholspitzen, Bewegung und Stressreduktion sind die Basis, die Cleveland Clinic, Mayo Clinic und NHS unabhängig voneinander nennen. Eine ältere retrospektive Serie, die StatPearls wiedergibt, sah nach Koffeinverzicht bei 15 Prozent eine unvollständige Besserung; 75 Prozent profitierten erst, wenn Lebensstil und Nortriptylin oder Topiramat kombiniert wurden (Nortriptylin 46 Prozent, Topiramat 25 Prozent in dieser Auswertung). Das ist keine Garantie und keine Aufforderung zur Selbstmedikation.
Die Mayo-Formel SEEDS (Schlaf, Bewegung, Ernährung, Tagebuch, Stress) lässt sich auf vestibuläre Migräne übertragen, weil dieselben Schwellen das Gehirn reizen. Fünf Minuten Gehen pro Woche als Start und langsame Steigerung sind ehrlicher als ein Sportprogramm, das in der Attacke zusammenbricht. Dunkler, ruhiger Raum und Liegen können die akute Phase erträglicher machen; Autofahren, Gerüste und Schwimmen gehören in dieser Zeit nicht dazu.
Vestibuläre Rehabilitation ist ein physiotherapeutisches Programm mit Blickstabilisation, Habituation an Eigen- und Umweltbewegung, Gleichgewicht und oft Ausdauer. StatPearls nennt sie 2024 als Option, wenn zwischen den Attacken Unsicherheit bleibt; Cleveland Clinic führt sie neben Medikamenten und Lebensstil. Klinikserien berichten sinkende Dizziness-Handicap-Werte, oft parallel zur vorbeugenden Tablette. Randomisierte Kontrollen speziell für vestibuläre Migräne bleiben dünn. Rehabilitation ersetzt keine Abklärung und heilt die Erkrankung nicht; sie kann das Vertrauen in Blick und Stand zurückholen, wenn zwischen den Attacken Unsicherheit bleibt.
Wie lebt man zwischen den Attacken?
Alltagstauglichkeit hängt weniger von einem einzelnen Mittel ab als von der Kombination aus erkannten Auslösern, einem Plan für die erste Stunde einer Episode und einer Vorbeugung, wenn Attacken häufig oder invalidisierend sind. Ein Kalender oder eine App, den die Mayo Clinic für Migräne empfiehlt, macht Muster sichtbar, die im Gespräch sonst untergehen: Wochentag, Zyklus, Schichtdienst, Wetter, neues Medikament.
Zwischen den Episoden kann das Gleichgewicht unauffällig sein. Manche behalten eine Bewegungsempfindlichkeit, Angst vor dem nächsten Drehen oder eine Schonhaltung, die selbst unsicher macht. StatPearls beschreibt einen neunjährigen Verlauf, in dem fast 90 Prozent weiter Attacken hatten, etwa 30 Prozent häufiger und etwa 50 Prozent seltener; Hörbeschwerden in der Attacke nahmen bei einem Teil zu. Das ist eine langfristige Beobachtung, keine Prognose für die einzelne Person.
Beruf, Schule und Fürsorgearbeit brauchen oft eine klare Absprache für die Stunden, in denen Stehen oder Bildschirmarbeit unmöglich ist. Eine Heilung versprechen weder NHS noch Cleveland Clinic; beide betonen, dass Symptome steuerbar sein können. Wer vorbeugende Mittel neu beginnt, sollte Wirkung und Nebenwirkungen über Wochen führen, nicht nach zwei ruhigen Tagen abbrechen. Schwangerschaft, Kinderwunsch und Verhütung gehören vor Topiramat, Valproat und vor manchen anderen Prophylaktika ausdrücklich auf den Tisch.
Häufige Fragen
Kann vestibuläre Migräne ohne Kopfschmerz auftreten?
Ja. Bis zu etwa 30 Prozent der Episoden laufen ohne gleichzeitigen Kopfschmerz, und die Diagnose verlangt Schmerz nicht in jeder Attacke. Nötig bleiben die Vestibularisserie, die Migräneanamnese und migränetypische Zeichen in mindestens der Hälfte der Episoden. Fehlt beides, Anamnese und Begleiter, spricht man höchstens von der wahrscheinlichen Form.
Ist vestibuläre Migräne gefährlich?
Die Erkrankung selbst gilt nicht als unmittelbare Todesursache, kann aber Stürze, Arbeitsunfähigkeit und starke Übelkeit verursachen. Gefährlich wird die Lage, wenn hinter dem Schwindel ein Schlaganfall, eine Blutung oder eine Hirnhautentzündung steckt. Donnerschlagkopfschmerz, Lähmung, Sprachstörung, Fieber mit Nackensteife oder ein völlig neues Muster nach dem 50. Lebensjahr gehören deshalb in die Notaufnahme, nicht in die Selbstbeobachtung über Tage.
Wie lange dauert eine Attacke?
Die Konsenskriterien zählen nur Episoden von fünf Minuten bis 72 Stunden. Kürzere Stöße passen eher zum Lagerungsschwindel, tagelanges unverändertes Drehen ohne Pause eher zu anderen Ursachen. Nach dem Abklingen kann Erschöpfung oder leichte Unsicherheit nachwirken, ohne dass damit automatisch eine neue Diagnose beginnt.
Hilft ein Schmerzmittel gegen den Schwindel?
Ein gewöhnliches Schmerzmittel kann den Kopfschmerzanteil lindern, den Drehschwindel selbst aber oft nicht beenden. Für Triptane fehlt überzeugender Beleg, dass sie den Vertigo zuverlässig kürzen. Antiemetika und Ruhe in einem dunklen Raum sind in der Attacke häufig sinnvoller; häufige Schmerzmittel erhöhen das Risiko eines Übergebrauchskopfschmerzes.
Wird vestibuläre Migräne mit den Jahren von selbst besser?
Ein sicheres Abklingen ist nicht belegt. In einer langen Verlaufsbeobachtung, die StatPearls zitiert, behielten die meisten Betroffenen Attacken, ein Teil wurde häufiger, ein Teil seltener. Klassische Migräne wird bei vielen Frauen nach den Wechseljahren milder, der Vestibularisanteil kann sich jedoch zeitlich davon lösen. Vorbeugung und Auslöserarbeit bleiben deshalb auch in ruhigeren Phasen Thema.
Unterscheidet sich die Behandlung von gewöhnlicher Migräne?
Akut steht beim reinen Schwindel weniger der Triptan im Vordergrund als Übelkeit und Stabilität. Vorbeugend nutzt man dieselben Stoffklassen wie bei Migräne, ergänzt um vestibuläre Physiotherapie, wenn zwischen den Attacken Unsicherheit bleibt. CGRP-Antikörper sind für die Migräneprophylaxe seit 2024 als Erstlinie positioniert; für den Vestibularisschwindel gibt es bisher vor allem die kleine INVESTMENT-Studie zu Galcanezumab.

Fazit
Wer wiederholt minuten- bis stundenlang dreht, schwankt oder sich räumlich verliert und Migräne kennt, sollte das Muster mit Dauer, Begleitern und Auslösern notieren und in der Praxis benennen, statt jede Episode als „Kreislauf“ abzuhaken. Die Kriterien von 2012 gelten nach dem Literatur-Nachzug von 2022 weiter; neu sind vor allem die Datenlage zur Vorbeugung und die erste Placebo-Studie eines CGRP-Antikörpers, nicht eine geänderte Definition.
Morgen zählt ein ruhiger Schlafrhythmus, feste Mahlzeiten und ein Plan für die erste Stunde einer Attacke mehr als ein neues Nahrungsmittelverbot. Häufige oder invalidisierende Episoden gehören in eine gemeinsame Entscheidung über Vorbeugung, bei der Nutzen, Nebenwirkungen, Schwangerschaft und Übergebrauch von Schmerzmitteln offen liegen.
Plötzliche Lähmung, Donnerschlagkopfschmerz, Sprachstörung oder Fieber mit steifem Nacken sind keine „starken Migränezeichen“, sondern Notfallsituationen. Zwischen diesen Polen bleibt vestibuläre Migräne eine steuerbare, aber oft untererkannte neurologische Erkrankung, keine Charakterschwäche und kein dauerhaftes Innenohrleiden.
Quellen
- Lempert T, Olesen J et al.: Vestibular migraine: Diagnostic criteria (Update). Journal of Vestibular Research, 11. Januar 2022.
- Formeister EJ, Rizk HG et al.: The Epidemiology of Vestibular Migraine: A Population-based Survey Study. Otology & Neurotology, 1. September 2018.
- Silva VPR, Castro LHM et al.: Vestibular migraine. Arquivos de Neuro-Psiquiatria, 12. August 2022.
- Cleveland Clinic: Vestibular Migraines: Symptoms, Causes & Treatment. Cleveland Clinic, Stand: 29. August 2023.
- Hilton DB, Lui F et al.: Migraine-Associated Vertigo. StatPearls, 12. Februar 2024.
- Vasireddy S, Biswas S et al.: Comparative effectiveness and safety of preventive treatments for vestibular migraine: a systematic review and network meta-analysis. BMC Neurology, 30. Dezember 2025.
- Sharon JD, Krauter R et al.: A placebo controlled, randomized clinical trial of galcanezumab for vestibular migraine: The INVESTMENT study. Headache, 30. September 2024.
- Charles AC, Digre KB et al.: Calcitonin gene-related peptide-targeting therapies are a first-line option for the prevention of migraine: An American Headache Society position statement update. Headache, 11. März 2024.
- National Institute for Health and Care Excellence: Headaches in over 12s: diagnosis and management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 1. Dezember 2025.
- Mayo Clinic Staff: Migraine – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 8. Juli 2025.
- NHS: Migraine symptoms, treatment and when to get help. National Health Service, Stand: 10. März 2026.
