
Erotomanie ist ein Liebeswahn. Die betroffene Person ist fest überzeugt, dass jemand anderes in sie verliebt ist, obwohl belastbare Hinweise fehlen oder das Gegenteil belegen. In der aktuellen Klassifikation gehört dieses Bild zum erotomanen Typ der wahnhaften Störung, nicht zu einer bloßen Schwärmerei oder einer unglücklichen Beziehung.
Der Wahn hält mindestens einen Monat und bleibt oft auf das eine Thema begrenzt. Alltag, Arbeit und Gespräch können außerhalb dieses Themas unauffällig wirken. Das Ziel der vermeintlichen Zuneigung ist häufig älter, berühmt oder beruflich höher gestellt und hatte kaum echten Kontakt. Laut Merck Manual (Aktualisierung Juli 2025) versuchen viele Betroffene, die Person anzurufen, zu schreiben, zu beobachten oder zu verfolgen; daraus können rechtliche Konflikte entstehen. Eine Heilung lässt sich nicht versprechen. Frühe psychiatrische Abklärung, Sicherheit für alle Beteiligten und eine an die Ursache angepasste Behandlung können den Wahn jedoch abschwächen und das Risiko für Nachstellung senken.
Was Erotomanie von Verliebtheit trennt
Verliebtheit bleibt korrigierbar. Absagen, Schweigen oder eine klare Absprache ändern die Erwartung. Bei Erotomanie bleibt die Überzeugung starr, selbst wenn Briefe, gerichtliche Auflagen oder öffentliches Desinteresse das Gegenteil zeigen.
Klinisch zählt das Bild als Wahn, also als festgehaltene Fehldeutung der Wirklichkeit gegen entgegenstehende Belege. Das Merck Manual grenzt Wahn von einem bloßen Irrtum genau so ab. Die Überzeugung weicht nicht, obwohl klare und vernünftige Gegenargumente vorliegen. Bei Erotomanie dreht sich der Inhalt darum, geliebt zu werden. Die betroffene Person muss die andere Person nicht einmal selbst begehren; entscheidend ist das Gefühl, auserwählt und heimlich umworben zu sein.
Historisch beschrieb der französische Psychiater Gaëtan Gatian de Clérambault 1921 die psychose passionnelle. Der Beiname de-Clérambault-Syndrom ist in Kliniken noch gebräuchlich. Seit DSM-5-TR (2022) und ICD-11 gilt Erotomanie als Subtyp der wahnhaften Störung, im ICD-11 unter dem Code MB26.04, so ein Überblick in BMC Psychiatry (März 2024). Die ältere Vorstellung eines völlig eigenständigen Syndroms ist damit nosologisch nachgeordnet, bleibt aber nützlich, weil das Thema Liebe besondere Risiken für Nachstellung und Konflikte mit sich bringt.
Schwärmerei für Prominente, eine einseitige Bindung nach einer Trennung oder intensive Nutzung von Dating-Apps sind für sich kein Wahn. Der Schnitt liegt dort, wo jede Realität umgedeutet wird, das Gegenüber keinen Raum mehr hat und der Alltag um die eine Person kreist. Angehörige merken oft zuerst die Starrheit, nicht die Intensität der Gefühle.

Symptome und paradoxes Verhalten
Leitsymptom ist die uneinsichtige Überzeugung, eine bestimmte Person sei verliebt, habe den ersten Schritt gemacht und halte die Bindung heimlich aufrecht. Dazu kommen Deutungen, die Außenstehende als widersprüchlich erleben.
StatPearls (Aktualisierung März 2023) nennt als Kennzeichen das paradoxe Verhalten. Jede Absage, jedes Ausweichen, sogar eine Anzeige wird als versteckte Bestätigung gelesen. Ein öffentliches Dementi kann den Wahn verstärken, weil es als Schutz der geheimen Beziehung gilt. Typisch sind außerdem sozialer Rückzug, Abhängigkeit von wenigen Bezugspersonen, geringe sexuelle Erfahrung und eine eingeengte berufliche oder soziale Rolle, sobald das Thema den Tag bestimmt.
Kontaktversuche gehören zum klinischen Bild, nicht zu einem seltenen Zusatz. Das Merck Manual listet Anrufe, Briefe, Überwachung und Nachstellung. Cleveland Clinic (Stand Mai 2022) ergänzt, dass Betroffene die vermeintlich Liebende oft aktiv aufsuchen. Manche halten Lieder, Nachrichten, Blickkontakte oder Zufallsbegegnungen für kodierte Liebeszeichen. Stimmung und Wahn passen häufig zusammen, etwa als Hoffnung, Kränkung, Eifersucht auf angebliche Rivalen und später Groll.
De Clérambault beschrieb Stufen von Hoffnung über Kränkung bis zum Groll. BMC Psychiatry 2024 erinnert daran, dass der Liebeswahn in ein Verfolgungsthema umschlagen kann, wenn das Gegenüber sich entzieht. Wut und Gewalt sind nicht die Regel, kommen aber vor, vor allem bei eifersüchtigen, verfolgenden oder erotomanen Inhalten, so Cleveland Clinic. Männer mit diesem Wahn gelten in Fallserien als häufiger aggressiv.
Primäre und sekundäre Formen
Primäre Erotomanie steht allein. Der Liebeswahn ist das einzige psychotische Zeichen, der Beginn oft plötzlich, der Verlauf klar umgrenzt. Sekundäre Erotomanie wächst auf einer anderen Erkrankung oder einer körperlichen Störung und beginnt meist schleichender.
Die Zweiteilung geht auf de Clérambault zurück und wird in aktuellen Fallübersichten weiter verwendet. Bei der primären Form fehlen Halluzinationen, das Liebesobjekt bleibt fest, und es gibt keine erklärende Schizophrenie, keine manische oder schwere depressive Episode als Träger. Bei der sekundären Form kann das Objekt wechseln. Häufige psychiatrische Träger sind Schizophrenie, schizoaffektive Störung, bipolare Störung, schwere Depression mit psychotischen Zügen und Demenzen einschließlich Alzheimer-Krankheit.
Körperliche und toxische Auslöser sind in Fallberichten beschrieben, darunter Hirntumoren, Schädel-Hirn-Trauma, Krampfanfälle, Subarachnoidalblutung, HIV, Cushing-Syndrom, Alkohol oder Cannabis, Amphetamine und selten Medikamente. BMC Psychiatry 2024 sammelt diese Berichte und warnt davor, sie als gesicherte Häufigkeit zu lesen; sie begründen aber, warum jede Erstdiagnose eine medizinische Abklärung braucht. Psychose kann außerdem Symptom einer anderen Krankheit sein, nicht die Krankheit selbst, betont die National Alliance on Mental Illness (Stand Dezember 2025).
Der Verlauf hängt stark vom Träger ab. Sekundäre Erotomanie bei Schizophrenie oder schizoaffektiver Störung gilt als ungünstiger. Sitzt der Wahn auf einer affektiven Störung, vor allem einer bipolaren, bleibt die Funktion oft besser, und die Episoden können wiederkehren statt ununterbrochen zu laufen. Das ersetzt keine individuelle Prognose, steuert aber die Therapie. Zuerst die Grundkrankheit behandeln, dann den Wahn und das Risiko.
Häufigkeit, Ursachen und Risikogruppen
Die wahnhafte Störung insgesamt ist selten. DSM-5 nennt eine Lebenszeitprävalenz von etwa 0,02 Prozent; Fallregister und Bevölkerungsstichproben schätzen das Morbiditätsrisiko auf 0,05 bis 0,1 Prozent, so StatPearls 2023 und Cleveland Clinic.
Untererfassung ist wahrscheinlich, weil viele Betroffene keine Hilfe suchen, solange Familie oder Gericht sie nicht dazu bringen. Der erotomane Subtyp ist noch seltener als der verfolgende, der als häufigster Typ gilt. Historisch galt Erotomanie als Frauenkrankheit; Fallberichte und forensische Stichproben zeigen Männer deutlicher, und in Gerichtsakten überwiegen sie oft. Das mittlere Erkrankungsalter der wahnhaften Störung liegt bei etwa 40 Jahren, die Spanne reicht von 18 bis 90.
Die genaue Ursache der primären Form ist unbekannt. Diskutiert werden eine Störung im Zusammenspiel von Dopamin und Serotonin, Auffälligkeiten in limbischem System und Basalganglien bei erhaltener Hirnrindenfunktion sowie psychologische Wege wie Projektion, Verleugnung, Isolation und geringes Selbstwertgefühl. StatPearls nennt zusätzlich Sprachbarrieren, Schwerhörigkeit, Sehbehinderung und höheres Alter als Lagen, in denen wahnhafte Erklärungen leichter entstehen. Ein einzelner Familiengenfund (AUTS2) in einem Bericht von 2021 begründet keine Reihenuntersuchung; er zeigt nur, dass Erblichkeit erforscht wird.
Stress und Verlust können einen Wahn als scheinbare Lösung nähren. NAMI nennt Traumata, Substanzgebrauch und körperliche Hirnerkrankungen als mögliche Beiträge zu psychotischen Zeichen. Das erklärt, warum nach Trennung, Migration oder schwerer Krankheit ein Liebeswahn neu auftreten kann, ohne dass „das Internet allein“ die Ursache wäre.
Diagnose nach DSM-5-TR und ICD-11
Die Diagnose stellt die Psychiatrie klinisch über Anamnese, psychischen Befund, Gespräch mit Angehörigen wenn möglich und Ausschluss anderer Ursachen. Es gibt keinen Blutwert und kein Bild, das Erotomanie beweist.
Nach DSM-5-TR, wie das Merck Manual 2025 die Kriterien zusammenfasst, braucht die wahnhafte Störung mindestens einen Wahn über mindestens einen Monat. Die Kriterien der Schizophrenie dürfen nie erfüllt gewesen sein. Funktion und Verhalten sind außerhalb der direkten Wahnfolgen nicht grob zerfallen, das Verhalten ist nicht offensichtlich bizarr. Manische oder depressive Episoden bleiben im Vergleich zur Wahndauer kurz. Eine körperliche Krankheit, eine Substanz oder eine andere psychische Störung dürfen den Wahn nicht besser erklären. Kulturell geteilte Überzeugungen zählen nicht als Wahn.
ICD-11 beschreibt den erotomanen Wahn (MB26.04) als anhaltende Überzeugung, eine Person meist höheren sozialen oder beruflichen Rangs hege romantisches Interesse. Vor der Diagnose einer eigenständigen wahnhaften Störung müssen Schizophrenie, schizoaffektive Störung, affektive Psychose, Delir, Demenz und substanzinduzierte Psychose geprüft werden. Harvard Health (Review Januar 2025) rät besonders im höheren Alter zu einer internistischen und neurologischen Suche; Alzheimer-Krankheit kann Wahn erzeugen. Urinscreening, Labor, bei Verdacht EEG, Magnetresonanztomographie oder Computertomographie dienen dem Ausschluss, nicht dem positiven Beweis.
Einsicht fehlt meist. Viele verschweigen den Inhalt, weil sie merken, dass andere ihn für unmöglich halten. Deshalb helfen Berichte von Partnern, Kindern oder Kollegen zur Zeitachse. Der Untersuchende soll den Wahn weder mitspielen noch frontal zerlegen; Ziel der ersten Stunden ist Sicherheit, Differentialdiagnose und eine tragfähige Beziehung.
Wann zur Psychiatrie, wann in die Klinik
Feste Liebesüberzeugungen gegen alle Belege, wiederholte unerwünschte Kontaktversuche oder ein plötzlicher Persönlichkeitsbruch gehören in die psychiatrische Abklärung, nicht in ein langes Abwarten. Bei akuter Gefahr für sich selbst oder andere ist die Notaufnahme oder der Notruf 112 der richtige Weg.
Harvard Health empfiehlt, Hausarzt oder Facharzt zu rufen, sobald das Problem erkennbar ist. NAMI unterstreicht, dass frühe Behandlung einer Psychose die Chance verbessert, den Verlauf zu bremsen. In Deutschland führt der Weg meist über Hausarztpraxis, psychiatrischen Konsiliar- oder Bereitschaftsdienst oder die psychiatrische Institutsambulanz. NICE-Leitlinie CG178 (Empfehlungen 2014, mit späteren Prüfungen) verlangt, dass ein Antipsychotikum bei anhaltenden psychotischen Zeichen in der Grundversorgung nicht gestartet wird, außer in Absprache mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie.
| Lage | Wohin | Was zählt |
|---|---|---|
| Starrer Liebeswahn, Alltag sonst tragfähig | Hausarzt plus rasche Psychiatrie | Diagnose, Ausschlusskörperlicher Ursachen |
| Wiederholte unerwünschte Kontaktversuche | Psychiatrie, ggf. Beratung zu Schutzmaßnahmen | Risiko für Nachstellung und rechtliche Folgen |
| Suizidgedanken, Tabletten, Ankündigung von Gewalt | Notaufnahme oder 112 | Akute Selbst- oder Fremdgefährdung |
| Verwirrtheit, Fieber, Krampf, plötzlicher Beginn im Alter | Notaufnahme | Mögliche körperliche Psychoseursache |
| Angehörige merken den Wahn, Betroffene lehnen Hilfe ab | Psychiatrie, Krisendienst, bei Gefahr Polizei | Sicherheit zuerst, dann Beziehungsaufbau |
Klinikaufnahme kann nötig werden, wenn jemand sich selbst, das Liebesobjekt oder Dritte gefährdet, so Merck, Cleveland Clinic und Fallserien. Zwangsmaßnahmen folgen dem jeweiligen Landesrecht und sind kein Standardweg, sondern die letzte Stufe bei akuter Gefahr. Wer selbst betroffen ist und merkt, dass Gedanken an Suizid fest werden, braucht noch in derselben Nacht Hilfe, nicht erst den nächsten freien Termin.

Behandlung mit Medikamenten und Gesprächen
Die Behandlung zielt auf weniger Wahnintensität, weniger riskantes Verhalten und mehr Alltagstauglichkeit, nicht auf ein Versprechen, den Wahn „wegzumachen“. Cochrane fand 2015 keine belastbaren randomisierten Studien, die ein bestimmtes Mittel oder eine bestimmte Psychotherapie speziell für die wahnhafte Störung belegen.
Die Autoren um Skelton schlossen, es sei vernünftig, Verfahren zu nutzen, die bei anderen Psychosen wirken. Genau diesen Rahmen öffnet NICE CG178. Zur Erstepisode einer Psychose, zu der die Leitlinie ausdrücklich auch die wahnhafte Störung zählt, sollen ein orales Antipsychotikum und eine individuelle kognitive Verhaltenstherapie angeboten werden. Die Wahl des Mittels treffen Patient und Behandler gemeinsam; zu besprechen sind Stoffwechsel, Bewegungsnebenwirkungen, Herzrisiken einschließlich QT-Zeit und hormonelle Effekte. Die Gabe gilt als individueller Therapieversuch. NICE rät, Gewicht, Herz- und Stoffwechselwerte regelmäßig zu überwachen und kein dauerhaftes Kombinieren zweier Antipsychotika, außer kurz beim Umstellen.
StatPearls beschreibt die Praxis als Beziehungsaufbau, niedrige Startdosis, Prüfung der Wirkung nach etwa sechs Wochen und Wechsel der Substanzklasse bei ausbleibendem Nutzen. Lithium, Valproat oder Carbamazepin können als Zusatz erwogen werden, wenn die Monotherapie scheitert; das ist keine Erstlinie. Cleveland Clinic nennt ältere und neuere Neuroleptika, darunter Haloperidol ebenso wie Risperidon, Olanzapin, Quetiapin oder Clozapin, und ergänzt bei Angst oder Depression Anxiolytika und Antidepressiva. Fallberichte zur Erotomanie erwähnen häufig niedrig dosiertes Risperidon; das Merck Manual 2025 stellt klar, dass die Datenlage kein einzelnes Mittel als überlegen ausweist. Pimozid galt früher als spezifische Waffe gegen Liebes- und Körperwahn; aktuelle Übersichten rücken davon ab, weil Nutzen unsicher und Unverträglichkeiten relevant sind.
Gesprächstherapie allein durchbricht den Wahn selten. Nützlich sind kognitive Verhaltenstherapie, stützende Einzelgespräche, Familientherapie und praktische Hilfe bei Wohnen, Arbeit und Mediennutzung. Cleveland Clinic betont, dass Medikamente allein oft nicht reichen. Einsichtslosigkeit bleibt das größte Hindernis. Viele kommen wegen Schlafstörung, Angst oder Beziehungsstreit, nicht wegen „des Wahns“.
Nachstellung, Recht und soziale Medien
Erotomanie kann für das vermeintliche Gegenüber belästigend und gefährlich werden. Kontaktversuche, Überwachung und Nachstellung sind im erotomanen Subtyp häufig und werden in der Risikoeinschätzung leicht unterschätzt.
Das Merck Manual nennt Konflikte mit dem Recht als typische Folge. Cleveland Clinic listet juristische Probleme, etwa nach Belästigung der im Wahn gemeinten Person. Ein portugiesischer Fallbericht in BMC Psychiatry (2020) fasst als Risikomerkmale für Gewalt männliches Geschlecht, niedrigeren sozioökonomischen Status, mehrere Liebesobjekte und früheres antisoziales Verhalten zusammen. Dieselben Autoren halten fest, dass der Wahn jahrelang still laufen und erst mit Nachstellung oder Gewalt sichtbar werden kann. Trennung vom Objekt, notfalls durch Klinik oder gerichtliche Auflagen, gilt in der älteren klinischen Literatur manchmal als einzige wirklich wirksame Schutzmaßnahme; sie ersetzt keine Behandlung, senkt aber den unmittelbaren Druck.
Soziale Netzwerke senken die Schwelle. Profile, Likes und Direktnachrichten liefern mehrdeutige „Beweise“ und machen Personen erreichbar, die früher unerreichbar waren. StatPearls zitiert den Fallbericht von Faden und Kollegen (2017) zur Verstärkung eines erotomanen Wahns durch soziale Medien. Alotti und Kollegen beschrieben 2024 in BMC Psychiatry romantischen Onlinebetrug, bei dem gefälschte Promi-Profile Zuneigung vorspiegeln. Das kann bei vorerkrankten Menschen einen erotomanen Wahn und sogar einen Suizidversuch auslösen. Das ist kein Beweis, dass „das Netz Erotomanie erzeugt“, wohl aber ein Grund, Mediennutzung in Anamnese und Therapieplan fest zu verankern.
Wer Ziel unerwünschter Verfolgung ist, braucht eigenen Schutz durch Dokumentation, Plattformsperren, Beratung zu Nachstellung und bei Gefahr die Polizei. Die psychiatrische Behandlung der verfolgenden Person und der Opferschutz laufen parallel, nicht nacheinander.
Verlauf, Prognose und Angehörige
Mit Behandlung und Einnahmetreue ist die Prognose der wahnhaften Störung besser als ohne, aber sie bleibt ungleich. StatPearls 2023 und Cleveland Clinic nennen grobe Größenordnungen. Etwa die Hälfte der Behandelten spricht gut an, mehr als 20 Prozent berichten eine Abnahme der Zeichen, weniger als 20 Prozent kaum Änderung.
Günstiger wirken höhere soziale und berufliche Funktion, Beginn vor dem 30. Lebensjahr, weibliches Geschlecht und plötzlicher Start, so StatPearls. Ungünstig sind lange Dauer, fehlende Einsicht, sekundäre Einbettung in eine Schizophrenie und anhaltender Kontakt zum Liebesobjekt. Ohne Behandlung kann das Bild lebenslang bleiben. Die Persönlichkeit zerfällt in der Regel nicht so wie bei vielen Verläufen der Schizophrenie; die meisten bleiben arbeitsfähig, solange die Tätigkeit das Wahnthema nicht berührt, schreibt das Merck Manual. Rückfälle sind häufig, sobald die Einnahme stoppt.
Angehörige stehen vor einer doppelten Aufgabe. Sie sollen den Wahn nicht bestätigen und ihn nicht stundenlang widerlegen. Harvard Health hält Unterstützung, Beruhigung und das behutsame Benennen des Unterschieds zwischen Erleben und Außenwelt für hilfreich, wenn die Person Gespräche zulässt. Cleveland Clinic rät zu einem positiven, wenig anklagenden Ton, weil Druck und Kritik Stress steigern und Zeichen verstärken können. Familien brauchen selbst Entlastung; Trauer, Scham und Isolation der Angehörigen sind häufig und behandlungsbedürftig.
Praktisch heißt das, Sicherheit zu klären, Termine zu organisieren, den Medienzugang zu begrenzen wenn damit Nachstellung läuft, und die eigene Grenze zu benennen. Niemand muss den Inhalt teilen, um die Person zur Untersuchung zu begleiten.
Häufige Fragen
Ist Erotomanie dasselbe wie starke Verliebtheit?
Nein. Verliebtheit bleibt durch Absagen und Realität korrigierbar, der Liebeswahn nicht. Die Überzeugung, geliebt zu werden, hält gegen klare Gegenbeweise und kann Kontaktversuche oder Nachstellung nach sich ziehen. Intensität der Gefühle allein begründet die Diagnose nicht.
Kann Erotomanie gefährlich werden?
Ja, vor allem wenn Nachstellung, Belästigung oder Gewalt ins Spiel kommen. Das Risiko ist höher bei Männern, mehreren Zielpersonen, niedriger sozialer Lage und früherem antisozialem Verhalten, so Fallübersichten. Die Mehrheit der Menschen mit Wahn ist nicht gewalttätig; trotzdem gehört jede Ankündigung von Gewalt in die Notfallhilfe.
Wie lange muss der Wahn bestehen, bis Ärztinnen die Diagnose stellen?
Für die wahnhafte Störung verlangt DSM-5-TR mindestens einen Monat. Kürzere psychotische Bilder gehören zu anderen Diagnosen. Vorher müssen Schizophrenie, schwere Stimmungsepisoden, Delir, Demenz und Substanzen ausgeschlossen sein.
Welche Medikamente können den Liebeswahn dämpfen?
Antipsychotika können die Intensität des Wahns bei einem Teil der Behandelten senken. Cochrane 2015 fand keine eigenen randomisierten Belege für die wahnhafte Störung; NICE empfiehlt deshalb den Psychose-Standard aus oralem Neuroleptikum plus kognitiver Verhaltenstherapie. Welches Präparat passt, entscheidet die Fachärztin nach Nutzen und Nebenwirkungen, nicht ein Hausrezept.
Sollen Angehörige den Wahn Punkt für Punkt widerlegen?
Nein. Frontales Widerlegen zerstört oft die Beziehung und härtet die Überzeugung. Besser ist es, Gefühle ernst zu nehmen, den Inhalt nicht mitzuspielen und Hilfe für Schlaf, Angst oder Sicherheit anzubieten. Bei Gefahr für Leib und Leben zählt der Schutz, nicht die Debatte.
Können soziale Netzwerke Erotomanie auslösen?
Sie können einen bestehenden oder entstehenden Wahn nähren und Nachstellung erleichtern. Fallberichte seit 2017 und ein Bericht zu Online-Liebesbetrug 2024 zeigen genau diese Verstärkung. Das Netz ersetzt keine biologische oder psychische Verletzlichkeit, verändert aber den Alltag des Wahns.
Kommt Erotomanie nach einer Behandlung wieder?
Rückfälle sind möglich, besonders wenn die Grundkrankheit weiterläuft oder die Medikation endet. Bei bipolarer Grundlage verläuft das Bild oft in Episoden. Eine dauerhafte „Einmal-und-vorbei“-Heilung ist nicht die Regel.

Fazit
Erotomanie ist ein behandlungsbedürftiger Liebeswahn, kein Charakterfehler und keine besonders heftige Schwärmerei. Seit DSM-5-TR und ICD-11 steht er klar als erotomaner Typ der wahnhaften Störung; die klinische Trennung in primäre und sekundäre Form bleibt wichtig, weil Prognose und Therapie am Träger hängen. Seltenheit darf nicht dazu führen, Nachstellung und Suizidrisiko kleinzureden.
Wer bei sich oder einem nahen Menschen eine starre Liebesüberzeugung gegen alle Belege erkennt, holt psychiatrische Abklärung. Bei Ankündigung von Gewalt, Suizidplänen oder einem plötzlichen Verwirrtheitsbild im Alter gilt die Notaufnahme. Die Therapie folgt dem Psychose-Rahmen mit Facharzt, oralem Antipsychotikum als Versuch, Gesprächstherapie, Stoffwechselkontrolle und Schutz des Gegenübers. Soziale Medien und Dating-Profile gehören in den Plan, weil sie den Wahn heute mit Material füttern, das 2018 in den meisten Texten noch am Rand stand.
Angehörige müssen den Inhalt nicht teilen, um zu helfen. Sie können Termine organisieren, Grenzen setzen und den Notruf nutzen, wenn Sicherheit kippt. Das Ziel für die nächsten Tage ist nicht, jemanden zu überzeugen, dass die Liebe „nicht echt“ ist, sondern dass Untersuchung und Schutz möglich werden.
Quellen
- Joseph SM, Siddiqui W: Delusional Disorder. StatPearls, 27. März 2023.
- Keshavan MS: Delusional Disorder. Merck Manual Professional Edition, Juli 2025.
- Cleveland Clinic: Delusional Disorder: Causes, Symptoms, Types & Treatment. Cleveland Clinic, 22. Mai 2022.
- NICE: Psychosis and schizophrenia in adults: prevention and management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: 2014.
- Skelton M, Khokhar WA, Thacker SP: Treatments for delusional disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, 22. Mai 2015.
- Alotti N, Osvath P, Tenyi T et al.: Induced erotomania by online romance fraud – a novel form of de Clérambault’s syndrome. BMC Psychiatry, 20. März 2024.
- Harvard Health Publishing: Delusional Disorder. Harvard Health Publishing, 27. Januar 2025.
- NAMI: Psychosis | NAMI. National Alliance on Mental Illness, Dezember 2025.
- Valadas MTTRT, Bravo LEA: De Clérambault’s syndrome revisited: a case report of Erotomania in a male. BMC Psychiatry, Stand: 2020.
