
Die gleitende Insulintherapie legt die Dosis kurz wirksamen Insulins nach dem aktuellen Blutzucker fest, meist anhand einer Tabelle vor der Mahlzeit. Als alleiniges Schema ohne Basalinsulin raten die American Diabetes Association (ADA) in den Standards of Care 2026 und andere Fachgesellschaften davon ab, weil die Dosis erst greift, wenn der Zucker bereits hoch steht.
Wer Insulin braucht, weil die Bauchspeicheldrüse zu wenig davon liefert, muss zwei Aufgaben gleichzeitig abdecken, nämlich eine Grundversorgung über den Tag und eine Dosis zu den Mahlzeiten. Die Gleitskala bedient oft nur die zweite Aufgabe und reagiert auf gemessene Werte, statt den Anstieg nach dem Essen zu planen. Im Krankenhaus und in der Praxis hat sich deshalb ein Schema durchgesetzt, das Basalinsulin, Mahlzeiteninsulin und eine begrenzte Korrektur kombiniert. Wer zu Hause noch eine reine Tabelle benutzt, sollte mit der behandelnden Praxis prüfen, ob ein solches Schema oder eine bewusste Vereinfachung besser passt.
Was die gleitende Skala tatsächlich macht
Die gleitende Skala ist eine Dosistabelle. Je höher der Blutzucker vor der Mahlzeit, desto mehr schnell wirkendes Insulin steht in der Zeile. Ein Arzt oder eine Ärztin erstellt die Tabelle aus bisherigem Insulinbedarf, vereinbarter Kohlenhydratmenge und grober Einschätzung der Empfindlichkeit, nicht aus einer universellen Formel für alle.
Physiologisch fehlt dabei der Teil, den die Mayo Clinic als Aufgabe des Basalinsulins beschreibt. Zwischen den Mahlzeiten gibt die Leber Glukose ab, damit das Gehirn versorgt bleibt. Lang wirkendes Insulin bremst genau diesen Zufluss. Kurz wirkendes Insulin zur Mahlzeit soll dagegen den Zucker aus dem Essen in die Zellen lassen und Spitzen nach dem Essen dämpfen. Eine Tabelle, die nur den aktuellen Wert anschaut, behandelt den bereits gemessenen Überschuss. Den nächsten Anstieg nach Brot, Reis oder Obst verhindert sie nicht.
Im Krankenhaus heißt dasselbe Prinzip heute meist Korrekturinsulin oder Ergänzungsinsulin ohne Basalinsulin. Die ADA schreibt 2026 ausdrücklich, dass dieser frühere Name „sliding scale“ genau eine Korrektur meint, die allein steht. Zu Hause sieht die Variante oft anders aus. Manche Pläne mischen eine feste Basaldosis mit einer Gleittabelle zu den Mahlzeiten. Das ist schon näher an einer geplanten Therapie, bleibt aber starr, wenn die Tabelle die Kohlenhydrate der konkreten Mahlzeit nicht mitzählt.
NIDDK betont, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes Insulin mehrmals am Tag brauchen, auch zu Essen und Trinken. Eine Tabelle, die bei niedrig-normalen Werten null Einheiten vorsieht, kann bei ihnen die Grundversorgung ausfallen lassen. Dann fehlt Insulin über Stunden, der Zucker steigt nach, und die nächste Zeile der Skala fällt höher aus. So entsteht die bekannte Zackenkurve mit zu hohen Werten, zu viel Insulin, zu tiefen Werten und erneut zu hohen Werten.
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Wie die Tabelle gelesen wird
Man misst den Blutzucker vor der Mahlzeit, sucht die passende Zeile links und liest in der Spalte der aktuellen Mahlzeit die Einheiten ab. Frühstück, Mittag und Abend können bei gleichem Zucker unterschiedliche Dosen tragen, weil die Empfindlichkeit über den Tag schwankt und der Fettanteil der Mahlzeiten oft nicht gleich ist.
Schnell wirkendes Insulin beginnt laut Mayo Clinic oft nach 5 bis 15 Minuten und hält etwa 2 bis 3 Stunden; Normalinsulin (kurz wirkend) braucht rund 30 Minuten Vorlauf und wirkt 3 bis 6 Stunden. Die Messung gehört deshalb zeitlich zur geplanten Spritze, nicht irgendwann dazwischen. Viele Pläne sehen die Messung unmittelbar vor dem Essen vor. Wer Normalinsulin nutzt, spritzt häufig etwa eine halbe Stunde vorher; Analoginsuline liegen näher an der Mahlzeit. Die genaue Minute legt die Praxis fest, nicht die Tabelle allein.
Die linke Spalte steigt typischerweise in Stufen, etwa von knapp über dem Zielbereich bis weit darüber. Unten in der Tabelle stehen die höchsten Dosen, weil mehr Insulin nötig scheint, um einen schon hohen Wert zu senken. Oben kann eine Zeile „keine Einheit“ stehen, sobald der Wert unter einem Schwellenwert liegt. Genau diese Leerstelle ist der Schwachpunkt. Wird eine Mahlzeit gegessen und die Zeile bleibt leer, fehlt der Bolus für die Kohlenhydrate. Der nächste Wert fällt dann wieder in eine hohe Zeile.
Zusätzlich zur Tabelle steht bei vielen Menschen einmal oder zweimal am Tag ein lang wirkendes Insulin. Glargin, Detemir oder Degludec sollen laut Mayo Clinic die Phasen ohne Essen abdecken; intermediäres NPH-Insulin wirkt kürzer und braucht oft zwei Gaben. Die Gleitskala ersetzt diese Grunddosis nicht. Fehlt sie, bleibt zwischen den Mahlzeiten eine Lücke, in der der Zucker unbemerkt steigen kann, bis die nächste Messung eine höhere Zeile auslöst.
- Vor der Mahlzeit messen und die Zeile wählen, die zum aktuellen Wert gehört, nicht zum Wert von gestern.
- In derselben Zeile zur aktuellen Mahlzeit gleiten und nur die dort stehende Zahl spritzen.
- Die Messung an den Wirkungseintritt des verwendeten Insulins koppeln, damit Bolus und Essen zusammenfallen.
Warum Fachgesellschaften sie als alleinige Therapie ablehnen
Reine Gleitskala ohne Basalinsulin gilt in aktuellen Krankenhausleitlinien als reaktiv und für die meisten Menschen ungeeignet. Die ADA formuliert 2026, dass die alleinige Nutzung einer Korrektur ohne Basalinsulin für die Mehrzahl der stationären Patientinnen und Patienten nicht empfohlen ist. Fünf von zehn geprüften Leitlinien in einer Übersicht 2025 in Diabetes Care rieten ausdrücklich davon ab.
Der Kernvorwurf ist einfach. Die Dosis kommt, nachdem der Zucker schon hoch ist. Sie verhindert den Anstieg nicht. Lee und Kollegen werteten 2015 elf randomisierte Studien mit 1322 hospitalisierten Menschen aus. Unter alleiniger oder kombinierter Gleitskala lag der mittlere Blutzucker um 27 mg/dl (1,5 mmol/l) höher, hyperglykämische Episoden waren häufiger. Schwere Unterzuckerungen und die Liegedauer unterschieden sich nicht klar. Die Autorinnen und Autoren schlugen vor, die alleinige Skala in Kliniken aufzugeben.
Die RABBIT-2-Studie von Umpierrez und Team (2007) verglich bei 130 insulinnaiven Menschen mit Typ-2-Diabetes im Krankenhaus Glargin plus Glulisin gegen eine Standard-Gleitskala viermal täglich. Ein Ziel unter 7,8 mmol/l erreichten 66 Prozent in der Basal-Bolus-Gruppe und 38 Prozent unter der Skala. Der mittlere Tagesunterschied lag bei 27 mg/dl. Trotz steigender Skalendosen blieben 14 Prozent unter der Gleitskala über 13,3 mmol/l. Unterzuckerungen und Liegedauer waren ähnlich.
In der chirurgischen Folgestudie RABBIT 2 Surgery (2011, 211 Operierte mit Typ-2-Diabetes) lag der mittlere Tageszucker nach dem ersten Tag bei 145 mg/dl unter Basal-Bolus und bei 172 mg/dl unter der Skala. Ein Komposit aus Wundinfekt, Lungenentzündung, Bakteriämie sowie Atem- und Nierenversagen war unter Basal-Bolus seltener (8,6 gegen 24,3 Prozent). Werte unter 3,9 mmol/l traten unter Basal-Bolus häufiger auf (23,1 gegen 4,7 Prozent); sehr tiefe Werte unterhalb von 2,2 mmol/l unterschieden sich nicht signifikant. Bessere Kontrolle kann also Unterzuckerungen vermehren, wenn die Dosis nicht an Essen und Nierenfunktion angepasst wird.
Nachteile im Alltag bei Mahlzeiten, Bewegung und Stress
Die Tabelle setzt voraus, dass Kohlenhydrate, Uhrzeit und Bewegung Tag für Tag ähnlich bleiben. Weicht eine Mahlzeit ab, stimmt die Zeile nicht mehr, weil sie für eine feste Kohlenhydratmenge gerechnet wurde, nicht für den Teller von heute.
Wer mittags doppelt so viel Reis isst wie in der Schulung angenommen, bekommt dieselbe Dosis wie bei der kleinen Portion, sofern der Vorwert gleich ist. Der Zucker nach dem Essen steigt dann stärker. Wer eine Mahlzeit auslässt, die Tabelle aber trotzdem eine Korrektur verlangt, kann Einheiten spritzen, denen kein Essen gegenübersteht. Bewegung, Fieber, Erbrechen und Stress verschieben die Empfindlichkeit in Stunden, die die gedruckte Zeile nicht kennt.
Insulinüberlappung verschärft das. Schnell wirkendes Insulin hängt laut Mayo Clinic noch zwei bis drei Stunden, Normalinsulin länger. Misst jemand nach zwei Stunden erneut hoch und nimmt die nächste Zeile, addiert sich frisches Insulin auf noch wirkendes. Der Wert fällt später steil. Umgekehrt bleibt nach einer leeren Zeile am Morgen der Zucker bis zum Mittag ohne Bolus; die Mittagszeile fällt dann hoch aus und der Zyklus beginnt von vorn.
Feste Essenszeiten gehören zum alten Modell dazu. Verschiebt sich das Abendessen um zwei Stunden, trifft die geplante Empfindlichkeit nicht mehr die Tageszeit, für die die Spalte gedacht war. Schichtarbeit, Reisen und unregelmäßiger Appetit im Alter machen genau das zum Alltag. Die Skala wirkt dann einfach, weil sie wenig rechnen lässt. Sie bleibt unflexibel, sobald das Leben nicht der Tabelle folgt.
Kohlenhydrate zählen und einen Korrekturfaktor nutzen, kostet mehr Aufmerksamkeit. Dafür kann die Dosis der konkreten Mahlzeit folgen. UCSF beschreibt das als Summe aus Mahlzeitanteil und Korrekturanteil, jeweils mit persönlichen Zahlen der Praxis, nicht mit einer allgemeinen Tabelle aus dem Internet.
Basal-Bolus mit Mahlzeit und Korrektur statt reiner Skala
Basal-Bolus trennt die Grundversorgung von der Mahlzeit und hängt die Korrektur nur an, wenn der Wert vor dem Essen über dem Ziel liegt. Das ahmt die natürliche Abgabe besser nach als eine Zeile, die beides vermischt oder das Basal ganz weglässt.
Laut UCSF-Schulungstext entfallen grob 40 bis 50 Prozent der geschätzten Tagesdosis auf das Basalinsulin, der Rest auf Essen und Korrektur. Die Mahlzeitdosis rechnet man, indem man die Gramm Kohlenhydrate durch das persönliche Insulin-Kohlenhydrat-Verhältnis teilt. Die Korrektur ist (aktueller Wert minus Zielwert) geteilt durch den Korrekturfaktor, also durch die Zahl, um die eine Einheit den Zucker senkt. Beide Ergebnisse werden addiert. Die Zahlen selbst setzt das Behandlungsteam; UCSF nennt Startformeln wie die Regel 500 für das Verhältnis und die Regel 1800 für den Korrekturfaktor nur als grobe Schätzung, die anschließend angepasst wird.
Ein Beispiel der UCSF macht den Unterschied zur reinen Skala greifbar. Bei 60 Gramm Kohlenhydraten und einem Verhältnis 1:10 sind 6 Einheiten für das Essen fällig. Liegt der Vorwert bei 12,2 mmol/l, das Ziel bei 6,7 mmol/l und der Faktor bei 50, kommen 2 Einheiten Korrektur dazu, zusammen 8 Einheiten. Wäre der Vorwert im Ziel, blieben die 6 Einheiten für das Essen. Die reine Gleitskala hätte bei niedrig-normalem Vorwert oft null Einheiten gegeben und die 60 Gramm ungedeckt gelassen.
Intensivere Pläne brauchen mehr Messungen und Rechnen. Sie erlauben dafür wechselnde Portionsgrößen und Uhrzeiten. NIDDK nennt Spritze, Pen und Pumpe als Wege; eine Pumpe gibt rasch wirkendes Insulin dauerhaft als Basal und zusätzlich als Bolus zum Essen. Hybrid-Closed-Loop-Systeme rechnen Teile davon automatisch, ersetzen aber nicht die Schulung zu Kohlenhydraten und Unterzuckerung.
Korrekturinsulin bleibt in diesem Modell erhalten. Es ist derselbe Gedanke wie die alte Tabelle, nur als Zusatz, nicht als ganzer Plan. Die ADA empfiehlt 2026 genau diese Dreiteilung für die meisten nicht kritisch Kranken mit ausreichender Nahrungsaufnahme, nämlich Basal, prandial und Korrektur.
| Ansatz | Was dosiert wird | Stärke | Schwäche laut Leitlinien und Studien |
|---|---|---|---|
| Reine Gleitskala | Nur schnell wirkendes Insulin nach aktuellem Wert | Wenig Rechnen, vertraute Tabelle | Reaktiv; höherer Mittelwert in Metaanalyse und RABBIT-2 |
| Basal plus Korrektur | Lang wirksames Insulin, Korrektur bei hohen Werten | Passt bei geringem oder fehlendem Essen | Ohne Mahlzeitbolus ungeeignet, wenn regelmäßig gegessen wird |
| Basal-Bolus mit Korrektur | Basal, Kohlenhydrate oder feste Mahlzeitdosis, plus Korrektur | Flexibler, näher an der Physiologie | Mehr Schulung; in RABBIT-2-Chirurgie mehr Werte unter 3,9 mmol/l |
| Festdosis zu festen Zeiten | Gleiche Einheiten unabhängig vom Vorwert | Einfacher Alltag, weniger Rechnen | Weniger Anpassung an Teller, Sport und Krankheit |
Festdosis und vereinfachte Schemata
Festdosis heißt, dass zu festgelegten Uhrzeiten immer dieselben Einheiten kommen, unabhängig vom Vorwert. Mahlzeiten müssen dann zeitlich zum Wirkungsgipfel passen. Das Schema ist weniger flexibel als Kohlenhydratzählen, liefert aber eine geplante Abdeckung statt einer nachträglichen Korrektur.
Ältere Texte nannten das „konventionelle“ Therapie mit zwei oder drei Spritzen, oft Mischinsulin, dazu lang wirkendes Insulin. Mischinsuline (etwa 70/30) kombiniert NIDDK als Fertigmischung mit Wirkungseintritt in 15 bis 60 Minuten und Dauer von 10 bis 16 Stunden. Im Krankenhaus rät die ADA 2026 von solchen Mischungen als Routine ab, weil eine Vergleichsstudie vergleichbare Zuckerwerte, aber deutlich mehr Unterzuckerungen zeigte. Zu Hause bleiben sie für Menschen sinnvoll, die ein einfaches Schema brauchen und feste Essenszeiten halten können.
Vereinfachen ist bei gebrechlichen älteren Menschen oft das Ziel, nicht maximale Annäherung an den Normalwert. Die ADA hält 2026 im Krankenhaus fest, dass höhere Ziele bis etwa 13,9 mmol/l bei kurzer Lebenserwartung, fortgeschrittener Nierenkrankheit oder sehr schwankenden Werten akzeptabel sein können, wenn symptomatische Tiefs und Extremspritzen vermieden werden. Eine reine Gleittabelle, die bei jedem hohen Wert nachlegt, arbeitet gegen dieses Sicherheitsziel.
Wer von der Skala wegwill, muss nicht am selben Tag Kohlenhydrate auf das Gramm zählen. Ein Zwischenschritt ist festes Basalinsulin plus feste Mahlzeitdosen und eine schmale Korrektur nur oberhalb eines vereinbarten Schwellenwerts. Die Endocrine Society schlägt 2022 für ausgewählte stationäre Menschen mit Typ-2-Diabetes und milder Erhöhung auch DPP-4-Hemmer plus Korrektur vor, nicht als Dauerlösung für Insulinmangel, sondern als einfacheres Schema bei Werten, die meist im Ziel bleiben.
Pumpe oder automatisierte Gabe können den Alltag entlasten, wenn Technik und Schulung tragen. Die Mayo Clinic beschreibt die Pumpe als stetige Abgabe plus Bolus zum Essen. Im Krankenhaus darf die Pumpe laut ADA 2026 weiterlaufen, wenn die Person sie sicher bedient und die Station das Protokoll beherrscht. Technik ersetzt die Entscheidung nicht, ob Basal wirklich gegeben wird.
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Im Krankenhaus, wann Korrektur allein noch vorkommt
Im Krankenhaus bleibt Korrekturinsulin üblich, aber als Baustein, nicht als ganzer Plan. Die ADA 2026 bevorzugt bei fehlendem oder geringem Essen Basalinsulin oder Basal plus Korrektur. Wer regelmäßig isst, soll Basal, Mahlzeitdosis und Korrektur bekommen. Alleinige Korrektur ohne Basal ist für die meisten Menschen ausdrücklich nicht empfohlen.
Eine eng begrenzte Ausnahme nennen beide großen Quellen. Die ADA 2026 hält eine längere alleinige Korrektur nur bei Typ-2-Diabetes ohne kritische Erkrankung für denkbar, wenn die Werte mild bleiben, oft unter 10,0 mmol/l, etwa bei Stresshyperglykämie. Die Endocrine Society (2022) geht einen Schritt weiter. Bei neu erkannter Erhöhung über 7,8 mmol/l ohne bekannten Diabetes kann die Korrektur zuerst stehen. Kommen innerhalb von 24 Stunden mindestens zwei bettseitige Werte von 10,0 mmol/l oder mehr, soll geplantes Insulin dazukommen. Bei bekanntem Diabetes unter Diät oder Tabletten gilt dasselbe Umschaltkriterium; ein Aufnahmewert ab 10,0 mmol/l spricht bereits für den Start einer geplanten Therapie.
Zielkorridore haben sich gegenüber älteren Intensivprotokollen verschoben. Sobald behandelt wird, nennt die ADA 2026 für die meisten Intensivpatientinnen und -patienten 7,8 bis 10,0 mmol/l. Auf Normalstation gelten 5,6 bis 10,0 mmol/l, sofern keine relevanten Tiefs entstehen. Persistente Werte ab 10,0 mmol/l, zweimal in 24 Stunden bestätigt, sind der Schwellenwert zum Start oder zur Verstärkung der Therapie. Engere Bänder wie 4,4 bis 6,1 mmol/l haben in der NICE-SUGAR-Studie, die die ADA 2026 zitiert, die Sterblichkeit nicht gesenkt, wohl aber Unterzuckerungen und leicht die Sterblichkeit erhöht. Deshalb ist „so niedrig wie möglich“ im Krankenhaus kein aktuelles Ziel mehr.
Kritisch Kranke bekommen häufig eine intravenöse Insulinfusion nach Protokoll, nicht die subcutane Tabelle von der Station. Beim Umstieg auf Spritzen soll Basalinsulin etwa zwei Stunden vor dem Stopp der Infusion stehen, damit der Zucker nicht zurückschnellt. Menschen mit Typ-1-Diabetes dürfen laut ADA 2026 diese Grunddosis auch nüchtern nicht verlieren.
Typ-1-Diabetes, ältere Menschen, Pflege
Bei Typ-1-Diabetes ist Korrekturinsulin allein kontraindiziert. Die ADA 2026 begründet das klar. Eine Dosis nur nach dem Vorwert ignoriert den laufenden Basalbedarf und die Kalorien. Unter- und Überzuckerung werden wahrscheinlicher, bis hin zur Ketoazidose, wenn Basalinsulin gehalten wird.
Jedes stationäre Schema für Typ 1 braucht deshalb mindestens Basal plus Korrektur, bei Essen zusätzlich den Mahlzeitanteil. Elektronische Hinweise sollen verhindern, dass Basalinsulin bei Verlegung oder Nüchternheit gestrichen wird. NIDDK formuliert für den Alltag denselben Grundsatz, dass ohne eigenes Insulin der Zucker nicht im Ziel bleibt, unabhängig von der Tabelle.
Im höheren Alter ändert sich die Rangfolge der Ziele. Unterzuckerung belastet Herz und Gehirn stärker als ein mäßig höherer Mittelwert. Die ADA nennt fortgeschrittenes Alter, Herz- und Leberinsuffizienz, Sepsis, Mangelernährung und eingeschränkte Nierenfunktion als Risikofaktoren für Tiefs im Krankenhaus. Eine Gleitskala, die bei jedem erhöhten Wert nachlegt und bei niedrigen Werten die nächste Mahlzeit ungedeckt lässt, erzeugt genau die Schwankung, die gebrechliche Menschen schlecht vertragen.
Pflegeheime haben die reine Skala jahrzehntelang genutzt, weil sie wenig Rechnung verlangt. Aktuelle Krankenhaus- und Geriatriediskussionen, die die ADA 2026 auf den Abschnitt zu älteren Erwachsenen verweist, setzen auf Vereinfachung mit weniger Spritzen, klareren Zielen und Basalinsulin statt alleiniger Kurzzeitgaben. Wer zu Hause Angehörige pflegt und eine Tabelle vorfindet, die bei jedem Wert eine andere Zahl zeigt, kann die Praxis bitten, den Plan auf wenige feste Gaben plus eine schmale Korrektur zu kürzen.
Kinder und Jugendliche mit Typ 1 brauchen ebenfalls Basal und Bolus, oft über Pumpe oder mehrere Spritzen, nicht die alte Zweiteilung „konventionell gegen intensiv“, die ältere Ratgeber an das Lebensalter knüpften. Die Intensität richtet sich nach Unterzuckerungsrisiko, Schulung und Technik, nicht nach einer allgemeinen Altersgrenze aus Texten vor der Ära der kontinuierlichen Messung.
Wann Hilfe holen bei Unterzuckerung und Ketoazidose
Unter 3,9 mmol/l, das entspricht 70 mg/dl, gilt der Zucker laut CDC (Stand 2024) als niedrig und braucht rasche Kohlenhydrate. Unterhalb von 3,0 mmol/l spricht das CDC von schwerer Unterzuckerung; Verwirrtheit, Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit können folgen, oft ist Hilfe einer zweiten Person nötig.
Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Heißhunger, Reizbarkeit und Schwindel sind häufige Frühzeichen. Manche Menschen spüren Tiefs nach vielen Jahren kaum noch, besonders unter Betablockern. Dann muss häufiger gemessen werden, vor dem Autofahren und vor Sport. Eine Gleitskala, die Dosen stapelt oder nach ausgelassenen Mahlzeiten weiter korrigiert, kann solche Tiefs auslösen. Tritt ein Wert unter 3,9 mmol/l auf, gehört der Plan auf den Prüfstand, nicht nur die nächste Zeile.
Hohe Werte sind die andere Not. Das CDC rät, bei Krankheit und Blutzucker ab 13,3 mmol/l Ketone zu testen. Anhaltend 16,7 mmol/l oder mehr, azetonartiger Atem, Erbrechen mit Unfähigkeit zu trinken, schwere Luftnot oder mehrere Zeichen einer Ketoazidose sind Gründe für den Notruf oder die Notaufnahme. Ketoazidose entsteht, wenn Zellen ohne Insulin Fett verbrennen und Säuren anfallen. Sie trifft vor allem Typ-1-Diabetes, ist aber auch bei Typ 2 möglich, etwa nach ausgelassenen Spritzen, verstopfter Pumpe oder schwerer Infektion.
Im Krankenhaus löst ein dokumentierter Wert unter 3,9 mmol/l laut ADA 2026 eine Protokollbehandlung aus, oft 15 Gramm rasch verfügbare Kohlenhydrate, Kontrolle nach 15 Minuten, Wiederholung bis der Wert wieder über dieser Schwelle liegt. Zu Hause gilt dieselbe Logik, sobald die Schulung sie geübt hat. Nach einem schweren Tief oder nach wiederholten Werten über 16,7 mmol/l mit Ketonen ist die Gleittabelle allein kein ausreichender Plan mehr.
- Bei 3,9 mmol/l oder darunter sofort rasche Kohlenhydrate nehmen und nach 15 Minuten erneut messen.
- Bei Werten unterhalb von 3,0 mmol/l, bei Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit Hilfe holen, nicht die nächste Tabellenzeile abwarten.
- Bei Krankheit und Zucker ab 13,3 mmol/l Ketone prüfen und die Praxis oder den Bereitschaftsdienst anrufen, wenn sie steigen.
- Bei anhaltend 16,7 mmol/l, Erbrechen, azetonartigem Atem oder schwerer Luftnot den Notruf wählen.
Häufige Fragen
Ist die gleitende Insulintherapie verboten?
Nein, verboten ist sie nicht, als alleinige Dauertherapie gilt sie aber als überholt. Die ADA 2026 rät im Krankenhaus von Korrekturinsulin ohne Basalinsulin für die meisten Menschen ab. Die Endocrine Society erlaubt 2022 eine kurze Phase nur bei milder, oft neuer Erhöhung und verlangt den Umstieg, sobald zwei Werte in 24 Stunden bei 10,0 mmol/l oder darüber liegen.
Kann ich die Tabelle zusammen mit Basalinsulin nutzen?
Ja, dann ist es keine reine Gleitskala mehr, sondern Basal plus Korrektur. Das entspricht dem Schema, das die ADA bei geringem Essen bevorzugt. Sobald regelmäßig gegessen wird, fehlt noch der geplante Mahlzeitanteil; sonst bleiben Kohlenhydrate ungedeckt, wenn der Vorwert in einer niedrigen Zeile liegt.
Warum steigt der Zucker trotz Skala weiter?
Weil die Dosis den schon hohen Wert behandelt und die nächste Mahlzeit nicht vorausschauend abdeckt. In RABBIT 2 blieben 14 Prozent unter der Skala über 13,3 mmol/l, obwohl die Dosen stiegen. Fehlendes Basalinsulin, wechselnde Kohlenhydrate und Krankheit treiben den Zucker zwischen den Messungen weiter nach oben.
Was ist sicherer, feste Dosen oder Kohlenhydrate zählen?
Beide können sicher sein, wenn Basalinsulin steht und Unterzuckerung geschult ist. Kohlenhydratzählen plus Korrekturfaktor ist flexibler und näher an der Physiologie, braucht aber Übung; UCSF liefert die Rechenschritte, die Zahlen setzt die Praxis. Festdosen oder eine schmale Korrektur oberhalb eines Schwellenwerts passen besser, wenn Rechnen, Sehen oder Gedächtnis unsicher sind.
Darf ich die Dosis selbst erhöhen, wenn der Wert hoch ist?
Nur in dem Rahmen, den die Praxis schriftlich festgelegt hat, etwa als Korrekturfaktor oder als vereinbarte Zusatzzeile. Freies Nachlegen aus Angst vor hohen Werten stapelt Insulin und kann schwere Tiefs auslösen. Wiederholt hohe Werte bedeuten, dass Basal oder Mahlzeitdosis neu berechnet werden müssen, nicht dass die nächste Zeile endlos wächst.
Wann ist die Unterzuckerung ein Notfall?
Unterhalb von 3,0 mmol/l, bei Krampfanfall, schwerer Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit ist es ein Notfall. Das CDC stuft Werte unter 3,9 mmol/l bereits als behandlungsbedürftig ein. Wer regelmäßig Tiefs hat, braucht eine Planänderung, bevor die nächste schwere Episode kommt.
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Fazit
Die gleitende Insulintherapie ist eine Tabelle, die schnell wirkendes Insulin nach dem aktuellen Blutzucker zuordnet. Sie wirkt einfach und bleibt in Kliniken als Korrekturbaustein nützlich. Als alleiniger Plan ohne Basalinsulin erzeugt sie in Studien höhere Mittelwerte und mehr Überzuckerungen; bei Typ-1-Diabetes ist sie gefährlich, weil die Grundversorgung fehlen kann.
Aktuelle Leitlinien (ADA 2026, Endocrine Society 2022) setzen auf geplantes Insulin. Basal steht immer, die Mahlzeitdosis kommt dazu, wenn gegessen wird, die Korrektur nur bei Abweichungen. Im Krankenhaus gelten gemäßigte Ziele, nicht die engen Intensivbänder älterer Protokolle. Wer zu Hause noch eine reine Skala nutzt, kann als nächsten Schritt Basalinsulin sichern, die Kohlenhydrate der Mahlzeit in die Dosis holen und die Tabelle zur schmalen Korrektur machen.
Rote Flaggen bleiben unabhängig vom Schema. Unter 3,9 mmol/l handeln, unterhalb von 3,0 mmol/l Hilfe holen, bei Krankheit Ketone prüfen, bei anhaltend sehr hohen Werten mit Erbrechen oder Azetongeruch den Notruf wählen. Dosisänderungen gehören in die Sprechstunde oder die Diabetesberatung, nicht in eine eigenmächtig verlängerte Zeile.
Quellen
- American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 16. Diabetes Care in the Hospital: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care, 8. Dezember 2025.
- Endocrine Society: Inpatient Hyperglycemia Guideline Resources. Endocrine Society, 12. Juni 2022.
- Lee YY, Lin YM et al.: Sliding-scale insulin used for blood glucose control: a meta-analysis of randomized controlled trials. Metabolism, September 2015.
- Umpierrez GE, Smiley D et al.: Randomized study of basal-bolus insulin therapy in the inpatient management of patients with type 2 diabetes (RABBIT 2 trial). Diabetes Care, September 2007.
- Umpierrez GE, Smiley D et al.: Randomized study of basal-bolus insulin therapy in the inpatient management of patients with type 2 diabetes undergoing general surgery (RABBIT 2 surgery). Diabetes Care, Februar 2011.
- Mayo Clinic Staff: Diabetes treatment: Using insulin to manage blood sugar. Mayo Clinic, 4. August 2023.
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Insulin, Medicines, & Other Diabetes Treatments. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Stand: März 2022.
- Centers for Disease Control and Prevention: Low Blood Sugar (Hypoglycemia). Centers for Disease Control and Prevention, 16. Mai 2024.
- Centers for Disease Control and Prevention: Diabetic Ketoacidosis. Centers for Disease Control and Prevention, 15. Mai 2024.
- UCSF Diabetes Teaching Center: Calculating Insulin Dose. University of California San Francisco, Stand: 2024.
