
Die Binge-Eating-Störung ist eine Essstörung mit wiederkehrenden Essanfällen und dem Gefühl, Menge und Tempo nicht steuern zu können, ohne dass danach regelmäßig erbrochen oder mit Abführmitteln, Hungern oder Extremsport ausgeglichen wird. In den Vereinigten Staaten ist sie die häufigste Essstörung. Das National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK, Stand Mai 2021) nennt etwa 1,25 Prozent der erwachsenen Frauen und 0,42 Prozent der erwachsenen Männer.
Ein Festmahl mit Nachschlag erfüllt diese Diagnose nicht. Entscheidend sind Häufigkeit, Kontrollverlust und der Leidensdruck danach. Ältere Ratgeber zählten Abnehmen oft gleichrangig zu den Therapiezielen. Die britische Leitlinie NICE (Empfehlungen zu Essstörungen, 2017, weiter gültig) stellt klar, dass psychologische Behandlung das Gewicht meist nur wenig senkt und Gewichtsverlust selbst kein Ziel der Therapie ist. Mit begleiteter Selbsthilfe oder kognitiver Verhaltenstherapie können viele Betroffene die Anfälle reduzieren. Eine Heilgarantie gibt es nicht.
Was die Störung vom festlichen Überessen trennt
Gelegentliches Überessen an Feiertagen oder auf einer Feier ist weit verbreitet und für sich genommen keine Krankheit. Eine Binge-Eating-Störung liegt vor, wenn große Mengen in kurzer Zeit gegessen werden, das Gefühl der Steuerung fehlt und das Muster mindestens einmal pro Woche über drei Monate anhält.
Das NIDDK grenzt die Störung von der Bulimia nervosa so ab. Nach dem Anfall versuchen Menschen mit Bulimie regelmäßig, einer Gewichtszunahme durch Erbrechen, Abführmittel, Entwässerungstabletten, Fasten oder übermäßigen Sport vorzubeugen. Bei der Binge-Eating-Störung kommt solches Ausgleichsverhalten nicht regelmäßig vor. Manche Betroffene versuchen gelegentlich, weniger zu essen oder zu hungern. Die Mayo Clinic (Aktualisierung 23. Februar 2024) warnt, dass genau dieser Rückzug ins Einschränken den nächsten Anfall oft wahrscheinlicher macht.
Scham hält viele dazu an, allein oder nachts zu essen und leere Packungen zu verstecken. Freunde und Familie merken oft lange nichts. Das NHS (letzte Prüfung 17. Juli 2023) beschreibt, dass Anfälle geplant oder spontan sein können und oft mit „besonderen“ Vorräten verbunden sind. Wer sich nach einem Festtag unwohl fühlt, sich am nächsten Morgen aber wieder unauffällig ernährt, hat damit noch keine Störung. Bleibt das Muster über Monate und belastet Alltag, Arbeit oder Beziehungen, gehört es in eine ärztliche Abklärung.

Welche Symptome die Diagnose tragen
Typisch sind große Mengen in einem begrenzten Zeitraum, oft innerhalb von etwa zwei Stunden, plus das Gefühl, nicht aufhören zu können. Dazu kommen mehrere Begleitzeichen, darunter sehr schnelles Essen, Unwohlsein durch Völlegefühl, Essen ohne körperlichen Hunger, Alleinessen aus Scham und Ekel, Niedergeschlagenheit oder Schuld danach.
StatPearls (Aktualisierung 11. August 2024) fasst die Kriterien des DSM-5-TR so zusammen. Es braucht mindestens drei dieser Begleitzeichen, deutlichen Leidensdruck und im Schnitt mindestens einen Anfall pro Woche über drei Monate, ohne das für Bulimie typische Ausgleichsverhalten. Die Schwere richtet sich nach der wöchentlichen Häufigkeit. Leicht bedeutet ein bis drei Anfälle, mittel vier bis sieben, schwer acht bis dreizehn, extrem vierzehn oder mehr. Teilremission bedeutet, dass nach erfüllter Diagnose über längere Zeit weniger als ein Anfall pro Woche bleibt.
Das Gewicht allein entscheidet nicht. Die Mayo Clinic betont, dass Betroffene übergewichtig, adipös oder im üblichen Bereich liegen können und trotzdem unter Figur und Form leiden. MedlinePlus (Prüfung 19. April 2025) nennt dieselben Kernzeichen und ergänzt, dass Blutuntersuchungen vor allem Begleiterkrankungen suchen, nicht die Diagnose ersetzen. Ein einzelnes Maß wie der Body-Mass-Index reicht nach NICE nicht, um eine Behandlung zu verweigern oder anzuordnen.
Wie häufig sie vorkommt und wer betroffen ist
Die Binge-Eating-Störung trifft Frauen häufiger als Männer, kommt aber in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen vor. Aktuelle DSM-5-Zahlen liegen unter älteren Lifetime-Schätzungen, die noch mit breiteren DSM-IV-Kriterien arbeiteten.
NIDDK nennt 1,25 Prozent der erwachsenen Frauen und 0,42 Prozent der erwachsenen Männer sowie etwa 1,6 Prozent der Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. Das mittlere Alter beim ersten Auftreten liegt bei 25 Jahren; fast zwei Drittel der Betroffenen berichten Anfälle über mindestens ein Jahr. StatPearls stellt Lifetime-Werte daneben. Im internationalen Mittel sind es 1,9 Prozent, in US-Studien 2,6 Prozent. Das Merck Manual (Vollrevision August 2025, Stand Januar 2026) spricht von etwa 1 bis 2 Prozent der Frauen und unter 1 Prozent der Männer im Lebensverlauf. Ältere Texte mit 3,5 Prozent bei Frauen und 2 Prozent bei Männern stammten aus Lifetime-Erhebungen vor der DSM-5-Schwelle „einmal wöchentlich“.
In manchen Programmen zur Gewichtsreduktion liegt der Anteil laut Merck bei 17 bis 27 Prozent. Umgekehrt gilt, dass die meisten Menschen mit Adipositas keine Binge-Eating-Störung haben. NIDDK hebt hervor, dass die Störung bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes gehäuft vorkommt. Der ständige Fokus auf Nahrung und Gewicht kann belasten; Anfälle können umgekehrt die Glukoseeinstellung erschweren. Jugendliche und Menschen im mittleren Alter sind häufiger betroffen als Hochbetagte, ein später Beginn bleibt aber möglich.
Welche Ursachen und Risiken belegt sind
Eine einzelne Ursache kennt niemand. Gene, frühe Diäterfahrung, Stimmung, Familie und die Bewertung von Figur und Gewicht greifen ineinander. StatPearls schätzt die Erblichkeit auf 41 bis 57 Prozent.
Die Mayo Clinic nennt familiäre Essstörungen, wiederholtes Kalorienkürzen und begleitende psychische Erkrankungen als Risikomarker. Stress, negatives Körperbild und bestimmte Situationen, etwa unstrukturierte Abende oder gesellschaftlicher Druck, können einen Anfall anstoßen. NIDDK verknüpft belastende Kindheitserfahrungen, etwa abwertende Kommentare zu Figur oder Essen, mit einem höheren Risiko. Das NHS ergänzt familiäre Essstörungen, Depression, Alkohol- oder Drogenprobleme, starkes Schlankheitsideal in Beruf oder Sport sowie Traumata.
Biologische Hinweise betreffen Belohnungssystem und Impulskontrolle. StatPearls erwähnt Varianten in Dopamin- und Opioidrezeptorgenen sowie Veränderungen der Darmflora, ohne daraus einen Alltags-Test abzuleiten. Eine „Esssucht“ im engen Sinn ist nicht belegt, weil Toleranz und Entzug wie bei Substanzen fehlen. Perfektionismus, niedrige Stimmung vor dem Anfall und Konflikte in Beziehungen tauchen in Studien wiederholt auf. Daraus folgt keine persönliche Schuld. Es folgt, dass Behandlung Gedanken, Gefühle und das Essmuster zugleich angehen sollte, nicht nur die Kalorienzahl.
Welche körperlichen und psychischen Folgen möglich sind
Wiederholte Anfälle können Gewichtszunahme und Stoffwechselprobleme begünstigen, tun das aber nicht bei jedem. Unabhängig vom Gewicht belasten Scham, Rückzug und der Kreislauf aus Vorsatz und Rückfall den Alltag.
Die Mayo Clinic listet Gelenkbeschwerden, Herzkrankheit, Typ-2-Diabetes, Reflux, unzureichende Nährstoffdichte trotz großer Mengen und schlafbezogene Atemstörungen. MedlinePlus ergänzt hohes Cholesterin, Bluthochdruck, Gallenblasenleiden, Gelenkschmerz und Zyklusstörungen. StatPearls nennt metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlafapnoe und Menstruationsausfälle. NIDDK berichtet, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen angibt, soziale Abläufe seien durch die Störung gestört.
Psychisch überlappen Depression, Angst und Substanzkonsum. StatPearls zitiert Erhebungen, wonach rund 79 Prozent mindestens eine weitere psychiatrische Diagnose im Lebensverlauf haben. Angststörungen liegen bei 56,1 Prozent, affektive Störungen bei 46,1 Prozent, substanzbezogene Störungen bei 23,7 Prozent. Die Mayo Clinic nennt ausdrücklich Suizidgedanken und suizidales Verhalten als mögliche Begleiter. Solche Gedanken sind ein Notfall, kein Zeichen von „Schwäche“. Bei Diabetes können Anfälle Blutzuckerspitzen und Schuldgefühle nach dem Essen verstärken; das NIDDK rät, beides gemeinsam zu behandeln, nicht nacheinander.
Wann ärztliche Hilfe und welche Untersuchungen nötig sind
Sobald Essanfälle regelmäßig, heimlich oder mit starker Scham auftreten, ist ein Gespräch mit Hausarztpraxis oder einer Fachstelle für Essstörungen sinnvoll. Das NHS rät, bei Verdacht rasch eine hausärztliche Praxis aufzusuchen; dort folgen Fragen zum Essmuster, zur Stimmung und zur körperlichen Verfassung sowie, wenn passend, die Überweisung an ein spezialisiertes Team.
NICE will Essstörungen möglichst früh erkennen und nennt Hinweise, die eine Abklärung anstoßen sollen, etwa ungewöhnlich niedriger oder hoher Body-Mass-Index, rascher Gewichtsverlust, beunruhigendes Diätverhalten, sozialer Rückzug von Essenssituationen, begleitende psychische Erkrankungen, Probleme bei chronischen Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes und körperliche Zeichen von Mangel oder Ausgleichsverhalten. Screeningfragebögen wie SCOFF dürfen die Entscheidung nicht allein tragen. Ein normales Gewicht schließt die Störung nicht aus.
Die Mayo Clinic beschreibt die Diagnostik als Fachgespräch zu Gefühlen und Essgewohnheiten, ergänzt durch körperliche Untersuchung, Blut- und Urinwerte und bei Bedarf eine schlafmedizinische Abklärung. Gesucht werden unter anderem erhöhte Blutfette, Bluthochdruck, Herzprobleme, Diabetes, Reflux, Elektrolytstörungen und schlafbezogene Atemstörungen. NICE verlangt bei Verdacht die Prüfung von körperlicher Stabilität, Depression, Angst, Selbstverletzung, Zwangssymptomen, Alkohol oder anderen Substanzen und des Suizidrisikos. Wer Suizidgedanken hat, sich selbst verletzt oder kreislaufinstabil wirkt, gehört in den ärztlichen Notdienst oder die psychiatrische Notaufnahme, nicht in eine Warteliste für „später“.

Welche Psychotherapie zuerst empfohlen wird
Psychotherapie, die sich auf Essanfälle, Auslöser und das Verhältnis zu Figur und Nahrung richtet, ist die am besten belegte Behandlung. Die amerikanische Psychiatrische Vereinigung empfiehlt in der Leitlinie von 2023 essstörungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie oder interpersonelle Therapie, einzeln oder in der Gruppe.
NICE setzt bei Erwachsenen zuerst ein geleitetes Selbsthilfeprogramm an, das kognitive Materialien nutzt und über etwa 16 Wochen mit kurzen Begleitgesprächen (beispielsweise vier bis neun Sitzungen à 20 Minuten) gestützt wird. Bleibt das nach vier Wochen ungeeignet oder wirkungslos, folgt gruppenspezifische kognitive Verhaltenstherapie; einzelne Sitzungen sind die Alternative, wenn eine Gruppe fehlt oder abgelehnt wird. Einzeltherapie umfasst typischerweise 16 bis 20 Stunden, einen gemeinsamen Plan zu Diätregeln und Gefühlen, wöchentliche Protokolle zu Anfällen und Gewicht sowie die klare Ansage, während der Behandlung nicht aktiv abzunehmen. Kinder und Jugendliche sollen dieselben Ansätze erhalten.
Das Merck Manual bezeichnet kognitive Verhaltenstherapie als am besten untersucht; interpersonelle Therapie erscheint vergleichbar wirksam. Beide erreichen in Studien Remissionsraten um 50 Prozent, die oft über Jahre gehalten werden. Gewicht fällt dabei selten nennenswert. Dialektisch-behaviorale Therapie kann laut Mayo Clinic und StatPearls helfen, Stress und starke Gefühle ohne Anfall zu tragen. NIDDK nennt dieselben drei Gesprächsverfahren. Klassische Programme nur zum Abnehmen können Anfälle kurz dämpfen, das Merck Manual sieht danach aber häufig Rückfälle. NICE erklärt ausdrücklich, dass die psychologische Behandlung das Körpergewicht nur begrenzt beeinflusst.
Welche Medikamente wann infrage kommen
Arzneimittel können Anfälle bei einem Teil der Erwachsenen senken, ersetzen aber keine Psychotherapie. NICE formuliert das scharf. Medikamente sollen nicht die alleinige Behandlung sein. Die APA-Leitlinie 2023 schlägt ein Antidepressivum oder Lisdexamfetamin vor, wenn jemand Medikamente bevorzugt oder auf Gespräche allein nicht anspricht.
Lisdexamfetamin (in den USA als Vyvanse) ist laut DailyMed das erste von der US-Arzneimittelbehörde zugelassene Mittel für mittelschwere bis schwere Binge-Eating-Störung bei Erwachsenen. Das Label nennt 30 Milligramm einmal morgens als Start, Steigerung um 20 Milligramm etwa wöchentlich, Ziel 50 bis 70 Milligramm, Höchstdosis 70 Milligramm täglich. Bleiben die Anfälle aus, soll das Präparat abgesetzt werden. Es ist nicht zur Gewichtsreduktion zugelassen; die Sicherheit bei Adipositas ohne diese Diagnose ist nicht belegt. Gegenanzeigen umfassen Überempfindlichkeit gegen Amphetamine und die Kombination mit Monoaminoxidase-Hemmern sowie die 14 Tage danach. Bei struktureller Herzkrankheit, Kardiomyopathie, schweren Rhythmusstörungen oder koronarer Herzkrankheit rät das Label zur Zurückhaltung. Häufig sind Mundtrockenheit und Schlafstörungen; Blutdruck und Puls können steigen. Missbrauch und Abhängigkeit sind im Kastenwarnhinweis genannt. Für Kinder und Jugendliche mit Binge-Eating-Störung ist die Wirksamkeit nicht festgestellt.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer können Anfälle auch ohne depressive Begleiterkrankung mindern, so die Zusammenfassung der APA-Leitlinie durch das American Academy of Family Physicians (Februar 2024). Die Langzeitwirkung bleibt laut Merck unsicher. Topiramat kann Anfälle reduzieren, bringt aber häufiger Nebenwirkungen. Dosierungen solcher Off-Label-Stoffe gehören in fachärztliche Hand, nicht in Selbstversuche. Nahrungsergänzungen „gegen Appetit“ hält die Mayo Clinic meist für wirkungslos und potenziell riskant.
| Therapie | Was sie ändern kann | Wichtige Grenze |
|---|---|---|
| Geleitete Selbsthilfe | Kann Anfälle senken, wenn kurze Begleitgespräche dazukommen | NICE prüft nach vier Wochen, ob es reicht |
| Kognitive Verhaltenstherapie | Kann Gedanken zu Figur und Essen umbauen; Remission um 50 Prozent in Studien | Senkt das Gewicht oft kaum |
| Interpersonelle Therapie | Kann Konflikte und Rollen klären, die Anfälle mittragen | Ebenfalls wenig Effekt auf die Waage |
| Lisdexamfetamin (USA, Erwachsene) | Kann Anfallstage bei mittelschwerer bis schwerer Form reduzieren | Kein Abnehmmittel; Missbrauchsrisiko laut DailyMed |
| SSRI | Können Anfälle auch ohne Depression mindern | Langzeitnutzen unsicher; nach NICE nie allein |
Was im Alltag hilft und warum strenge Diäten schaden
Regelmäßige Mahlzeiten, das Meiden harter Verbote und das Dranbleiben an der Therapie können Anfälle seltener machen. Eine Radikaldiät gehört nicht dazu. NICE rät ausdrücklich davon ab, während der Behandlung abzunehmen, weil Kalorienkürzen den nächsten Anfall anstoßen kann.
Die Mayo Clinic übersetzt das in Alltagsschritte. Therapietermine nicht ausfallen lassen. Etwa alle zwei bis drei Stunden etwas essen, damit der Wechsel aus Hungern und Anfall reißt. Auslöser vorher planen, etwa Buffets oder alleinige Abende. Nährstoffe prüfen, weil große Mengen nicht automatisch Eisen, Eiweiß oder Vitamine liefern. Kontakte halten statt sich zu isolieren. Bewegung mit der behandelnden Person abstimmen, nicht als heimliche Strafmaßnahme. Ein Ernährungstagebuch kann Auslöser sichtbar machen; StatPearls rät, das Gewicht nicht ständig zu messen, damit die Zahl nicht zum neuen Zwang wird.
NIDDK sieht Gewichtsprogramme erst dann, wenn die Anfälle behandelt sind oder parallel ein auf Gedanken und Struktur geschulter Plan läuft. Manche Betroffene kommen in verhaltenstherapeutischen Gewichtsprogrammen ähnlich voran wie Menschen ohne Anfälle; das soll die Fachperson entscheiden, nicht ein Werbeversprechen. Angehörige können ansprechen, was sie sehen, ohne zu beschämen. Die Mayo Clinic erinnert daran, dass Essstörungen psychische Erkrankungen sind und kein Mangel an Willen. Eltern sollen Körperakzeptanz vorleben und Diät als Familienthema meiden, außer bei nachgewiesener Allergie. Kinderärztinnen können frühe Zeichen eher erkennen als ein Streit am Esstisch.
Wie sich die Störung von Bulimie und anderen Mustern unterscheidet
Fehlt nach dem Anfall das regelmäßige Ausgleichsverhalten, spricht das für eine Binge-Eating-Störung und gegen Bulimie. StatPearls grenzt zusätzlich Adipositas ohne Anfälle, die Binge-Purge-Form der Anorexie, Nachtesssyndrom, affektive und Angststörungen sowie seltene Schlafsyndrome ab.
Bei Adipositas ohne Kontrollverlust und ohne die DSM-Kriterien liegt keine Binge-Eating-Störung vor. Menschen mit beiden Problemen bewerten Figur oft stärker und sprechen häufiger auf Psychotherapie an. Bulimie teilt den Anfall, gekoppelt an Erbrechen, Abführmittel, Fasten oder exzessiven Sport. Die binge-purge-Form der Anorexie trägt Untergewicht oder eine deutliche Restriktion; genau das fehlt bei der Binge-Eating-Störung als Kern. Nachtesssyndrom beschränkt sich auf Essen nach der letzten Mahlzeit oder nach dem Aufwachen. Stimmungskrankheiten können Appetit steigern, erfüllen aber nicht automatisch die Anfallskriterien.
Das Merck Manual stellt fest, dass Betroffene bei Diagnosestellung im Schnitt älter sind als Menschen mit Anorexie oder Bulimie. Der Verlauf ist oft wellenförmig, mit ruhigeren Phasen und Rückfällen, wechselt aber seltener in eine andere Essstörung. Anfälle im Jugendalter hängen laut StatPearls mit späterer Depression, Substanzkonsum und Gewichtszunahme zusammen; sie verschlechtern Adipositas-Komplikationen auch unabhängig vom Body-Mass-Index. Deshalb lohnt die genaue Diagnose. Sie steuert die Therapie und verhindert, dass jemand nur eine Diät verschrieben bekommt, obwohl das eigentliche Muster der Kontrollverlust ist.
Häufige Fragen
Ist jedes Überessen schon eine Binge-Eating-Störung?
Nein. Ein Festessen oder ein einzelner Tag mit zu großen Portionen erfüllt die Diagnose nicht. Entscheidend sind wiederholte Anfälle mit Kontrollverlust, Leidensdruck und die Schwelle von durchschnittlich mindestens einem Anfall pro Woche über drei Monate, so DSM-5-TR nach StatPearls. Ohne diese Dauer und ohne die Begleitzeichen bleibt es unangenehmes Überessen, keine Störung.
Muss ich zuerst abnehmen, bevor eine Therapie startet?
Nein. NICE erklärt Gewichtsverlust ausdrücklich nicht zum Ziel der essstörungsspezifischen Behandlung und rät, während der Therapie nicht zu diäten. Die Anfälle zuerst zu beruhigen, macht spätere Entscheidungen zu Bewegung und Gewicht oft erst möglich. NIDDK empfiehlt, mit der behandelnden Person zu klären, ob ein Gewichtsprogramm parallel oder erst danach sinnvoll ist.
Hilft ein Antidepressivum allein?
Als einzige Maßnahme soll es nach NICE nicht eingesetzt werden. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer können Anfälle auch ohne depressive Symptome mindern, so die APA-Zusammenfassung 2023/2024. Stabiler wirkt in Studien die Kombination mit kognitiver oder interpersoneller Therapie. Ob ein Präparat passt, hängt von Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen und der persönlichen Präferenz ab.
Ist Lisdexamfetamin in Europa das Mittel der ersten Wahl?
Nein. Die US-Zulassung gilt für mittelschwere bis schwere Formen bei Erwachsenen; DailyMed nennt 50 bis 70 Milligramm als Zielbereich und warnt vor Missbrauch. NICE und APA stellen Gespräche voran. In vielen Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten bleibt die Indikation auf ADHS beschränkt. Selbstbeschaffung oder Dosisversuche ohne Ärztin sind unsicher.
Wann muss ich in die Notaufnahme?
Bei Suizidgedanken, Selbstverletzung, Bewusstlosigkeit, heftigem Brustschmerz oder einem Kreislaufzusammenhang nach Anfällen ist das ein Notfall. NICE verlangt, körperliche Instabilität und Suizidrisiko bei jeder Abklärung mitzudenken. Die Mayo Clinic nennt Suizidgedanken als mögliche Komplikation; warten Sie damit nicht auf den nächsten Therapietermin.
Können auch Menschen mit normalem Gewicht betroffen sein?
Ja. Die Mayo Clinic und das NIDDK stellen klar, dass die Störung bei üblichem, erhöhtem oder stark erhöhtem Gewicht vorkommt. Die meisten Menschen mit Adipositas haben keine Binge-Eating-Störung. NICE verbietet ausdrücklich, allein am Body-Mass-Index festzumachen, ob behandelt wird.
Was können Angehörige tun, ohne zu verletzen?
Sprechen Sie beobachtetes Verhalten ruhig an und bieten Sie Begleitung zum Arzttermin an, statt Kalorien zu kontrollieren. Das NHS rät, die betroffene Person zur hausärztlichen Praxis zu ermutigen und bei Bedarf mitzugehen. Die Mayo Clinic betont, dass Verstecken aus Scham kommt, nicht aus Gleichgültigkeit. Vorwürfe zur Willenskraft verschärfen den Rückzug.

Fazit
Wer regelmäßig große Mengen isst, dabei die Steuerung verliert und sich danach schämt, hat ein behandelbares Muster, kein Charakterproblem. Die Diagnose hängt an Häufigkeit, Kontrollverlust und fehlendem regelmäßigem Ausgleich, nicht an einer bestimmten Kleidergröße. Hausarztpraxis oder eine Essstörungssprechstunde können das klären, Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Depression mitdenken und den nächsten Schritt festlegen.
Aktuelle Leitlinien haben die Reihenfolge verschoben. Gespräche kommen zuerst. In Großbritannien steht geleitete Selbsthilfe vorn, dann gruppenspezifische kognitive Verhaltenstherapie; in der APA-Leitlinie 2023 kognitive oder interpersonelle Therapie. Medikamente, darunter in den USA Lisdexamfetamin, sind Ergänzung, nicht Ersatz. Diätpläne, die den Anfall ignorieren, können ihn füttern.
Für die kommenden Tage reicht ein konkreter Anfang. Vereinbaren Sie einen Termin, streichen Sie Mahlzeiten nicht länger ganztags und nutzen Sie bei Suizidgedanken sofort den Notdienst. Rückfälle gehören zum Verlauf; sie bedeuten nicht, dass Behandlung sinnlos war.
Quellen
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Definition & Facts for Binge Eating Disorder. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Stand: Mai 2021.
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases: Diagnosis & Treatment of Binge Eating Disorder. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Stand: Mai 2021.
- Mayo Clinic Staff: Binge-eating disorder – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 23. Februar 2024.
- Mayo Clinic Staff: Binge-eating disorder – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, 23. Februar 2024.
- Berger FK: Binge eating disorder. MedlinePlus, 19. April 2025.
- National Institute for Health and Care Excellence: Recommendations | Eating disorders: recognition and treatment. National Institute for Health and Care Excellence, 23. Mai 2017.
- Attia E, Walsh BT et al.: Binge-Eating Disorder. Merck Manual Professional Edition, Stand: Januar 2026.
- Mars JA, Iqbal A, Rehman A: Binge Eating Disorder. StatPearls, 11. August 2024.
- Arnold MJ: Treating Patients With Eating Disorders: Guidelines From the American Psychiatric Association. American Family Physician, Februar 2024.
- National Health Service: Overview – Binge eating disorder. National Health Service, 17. Juli 2023.
- U.S. National Library of Medicine: VYVANSE- lisdexamfetamine dimesylate capsule. DailyMed, Stand: 2025.
