
Das Sundowner-Syndrom ist keine eigene Krankheit, sondern ein Bündel aus Verwirrung, Angst, Unruhe und oft Umherlaufen, das bei vielen Menschen mit Demenz am späten Nachmittag oder Abend stärker wird. Die Mayo Clinic (Stand 26. März 2024) nennt denselben Vorgang late-day confusion. Die innere Uhr und die Umgebung kippen, während der Tag zu Ende geht, und das Verhalten weicht klar vom Vormittag ab.
Niemand „heilt“ das Syndrom mit einer Tablette. Zuerst gehört geklärt, ob hinter der Unruhe ein behandelbarer Auslöser steckt, etwa Schmerzen, Durst, ein Harnwegsinfekt oder ein Medikament, das am Abend nachlässt. Die britische Leitlinie NICE NG97 (Juni 2018) verlangt genau diese strukturierte Suche, bevor irgendetwas gegen Unruhe verordnet wird. Alltagshilfen, Licht, feste Zeiten und ruhige Abende stehen vor Beruhigungsmitteln. Neuroleptika, Benzodiazepine und Schlaftabletten vom Typ Zolpidem gelten bei älteren Menschen mit Demenz inzwischen als letzte Reserve, nicht als Standard.
Was das Sundowner-Syndrom ist
Sundowner-Syndrom, im Englischen sundowning, bezeichnet das Auftreten oder die deutliche Verschlechterung psychischer Symptome in der dunkleren Tageshälfte bei Menschen mit einer Demenz. Die Cleveland Clinic (Aktualisierung 26. April 2022) spricht von late-day confusion und betont, dass es sich um eine Gruppe von Verhaltensweisen, Gefühlen und Gedanken handelt, nicht um eine Diagnose mit eigenen Laborwerten.
In den internationalen Krankheitskatalogen fehlt ein eigener Code. Ein Review in Journal of Clinical Medicine (11. Februar 2025) stellt fest, dass keine Fachgesellschaft verbindliche Kriterien formuliert hat. Studien definieren den Begriff unterschiedlich. Die einen meinen nur abendliche Agitation, andere jedes problematische Verhalten zwischen Nachmittag und Mitternacht. Deshalb schwanken Häufigkeitsangaben so stark, und deshalb ersetzt kein Fragebogen die Beobachtung durch Angehörige.
Manche Autoren wollen den Namen ganz aufgeben. Sie halten die abendliche Unruhe für denselben Spektrumsteil der Demenz wie Unruhe am Vormittag, nur lästiger für die Umgebung, weil nachts weniger Personal da ist und der Schlaf der Familie bricht. Praktisch bleibt die Zeitbindung trotzdem nützlich. Wer weiß, dass die kritische Phase oft nach 16 Uhr beginnt, kann Termine, Baden und laute Besuche nach vorn legen und den Abend entlasten.
Die Alzheimer’s Society (Vereinigtes Königreich) ergänzt, dass die Erscheinung nicht streng an den Sonnenuntergang gebunden ist. Sie kann in mittleren und späten Demenzstadien häufiger werden, tritt aber nicht bei jeder betroffenen Person auf. Ohne Demenz kommt abendliche Verwirrung seltener vor; die Cleveland Clinic erwähnt sie trotzdem auch bei älteren Menschen ohne Alzheimer-Diagnose, etwa im Krankenhaus.
![[Sundowner]](https://demedbook.com/images/1/whats-to-know-about-sundowners-syndrome.jpg)
Welche Zeichen typisch sind
Typisch sind Unruhe, Reizbarkeit, Angst und Verwirrung, die am Nachmittag zunehmen und in die Nacht reichen können. Die Mayo Clinic listet zusätzlich Aggression, das Ignorieren von Anweisungen, Hin- und Hergehen sowie Weglaufen.
Die Cleveland Clinic ergänzt Schlaflosigkeit, Schreien, Weinen, das ständige Hinterherlaufen hinter der Bezugsperson (shadowing), Misstrauen, Wahn und Halluzinationen. Nicht jedes Zeichen muss in derselben Nacht auftreten. Manche Menschen werden still und ängstlich, andere laut und körperlich unruhig. Der gemeinsame Nenner ist der zeitliche Schwerpunkt, nicht ein festes Symptomprofil.
Eine italienische Gedächtnissprechstunde (184 Patientinnen und Patienten, berichtet 2023, zusammengefasst im Review 2025) fand unter denen mit Sundowning am häufigsten Agitation (56,4 Prozent), Reizbarkeit (53,8 Prozent) und Angst (46,2 Prozent). Das sind Klinikzahlen, keine Bevölkerungsstatistik. Sie zeigen aber, welches Bild Angehörige dem Arzt meist schildern. Es ist kein einzelnes „Anfallsereignis“, sondern ein wiederkehrendes Abendmuster.
Häufige Beobachtungen, jeweils als ganze Situation und nicht als Stichwort:
- Die betroffene Person erkennt Wohnung oder Angehörige plötzlich schlechter und wirkt verloren.
- Argumente und Korrekturen beruhigen nicht, sondern heizen die Anspannung weiter an.
- Schlaf verschiebt sich, nachts wach und tagsüber dösend, wodurch der nächste Abend noch schwerer wird.
- Schatten, Spiegel oder ein ausgeschalteter Fernseher werden als Gestalten oder Gesichter fehlgedeutet.
- Packen, Ankleiden oder Kochen beginnt zu einer Stunde, in der früher der Feierabend lag.
Ohne Demenzdiagnose ist dasselbe Bild verdächtig auf ein Delir. Mit bekannter Demenz bleibt es trotzdem ein Alarmsignal, sobald es von einem Tag auf den anderen neu oder deutlich heftiger wird.
Warum es gegen Abend schlimmer wird
Die genaue Ursache ist nicht geklärt; mehrere Mechanismen greifen ineinander. Im Hypothalamus steuert der Nucleus suprachiasmaticus Licht, Schlaf und Hormonausschüttung. Bei der Alzheimer-Krankheit degeneriert dieses Kerngebiet, Melatonin aus der Zirbeldrüse sinkt, und der Tag-Nacht-Rhythmus flacht ab. Der Review von 2025 beschreibt genau diese Kette. Genetische Anteile (unter anderem APOE ε4 in einer koreanischen Kohorte) treffen auf die Neurodegeneration der inneren Uhr und erst danach auf Umgebung und Tagesablauf.
Müdigkeit nach einem langen Tag verstärkt das. Wer den Vormittag mit Arztbesuchen, Lärm und vielen Gesichtern verbracht hat, hat abends weniger Reserve, um unklare Reize zu sortieren. Schwaches Licht wirft Schatten; bei Sehschwäche ohne Brille werden Vorhänge zu Gestalten. Hunger, Durst, Harndrang, Verstopfung und Schmerz kann jemand mit Demenz oft nicht benennen. Die Unruhe ist dann die einzige Sprache.
Medikamente gehören in dieselbe Prüfung. Anticholinergika, manche Mittel gegen Erkältung, Betamimetika und Kombinationen mehrerer zentral wirksamer Stoffe können das Einschlafen erschweren. Lässt eine Dosis gegen Nachmittag nach, kann Unruhe zurückkehren, ohne dass ein neues „Syndrom“ entstanden wäre. Die Alzheimer’s Association nennt außerdem Erschöpfung, eine unbekannte Umgebung, den mitbekommenden Verdruss der Pflegeperson und die Schwierigkeit, Traum und Wachsein zu trennen.
Weniger Sonnenlicht am Tag, zu helle Nächte und lange Mittagsschläfe verschieben den Rhythmus zusätzlich. Eine Metaanalyse zu Licht und Verhaltenssymptomen in Pflegeheimen, im Review 2025 zitiert, verknüpft spärliches Tageslicht mit mehr Angst, Agitation und Wahn. Suchanfragen zu Sundowning häufen sich nach Wochenenden und im Winter; das ist keine Klinikstudie, passt aber zur Idee, dass weniger Licht und weniger professionelle Hilfe die Abende schwerer machen.
Wer betroffen ist und wie häufig
Sundowning trifft vor allem Menschen mit einer Demenz, häufiger in mittleren und späteren Stadien und bei stärkerer Einschränkung im Alltag. Die Cleveland Clinic nennt die oft zitierte Marke von rund 20 Prozent der Alzheimer-Erkrankten. Canevelli und Kollegen (Frontiers in Medicine, 2016) führen dieselbe Größenordnung auf Angaben der Alzheimer’s Association zurück und stellen daneben Studien mit 2,5 bis 66 Prozent.
Die Streubreite erklärt sich durch Definition, Untersuchungsort und Schwere. In Heimen gilt abendliche Unruhe manchen Autoren als fast endemisch, gleich nach dem ziellosen Umherlaufen. Zu Hause fand eine ältere Arbeit bei zwei Dritteln der Alzheimer-Patienten abendliche Symptome. Neuere Klinikserien liegen niedriger, nämlich 21,2 Prozent in der italienischen Ambulanz 2023, 19 Prozent in einer spanischen Kohorte und 14,3 Prozent bei hospitalisierten brasilianischen Patienten. Ein Review von 2022 zur Abgrenzung von Delir und Sundowning nannte eine gepoolte Prävalenz von 48,9 Prozent; das mischt jedoch Settings und Kriterien.
Kein belastbarer Vergleich zeigt bisher, ob Alzheimer-, Gefäß- oder Lewy-Körper-Demenz klar unterschiedlich häufig betroffen sind. Einzelne Arbeiten sahen Sundowning häufiger bei Lewy-Körper-Krankheit, was mit nächtlichen Bewegungsstörungen im REM-Schlaf überlappen kann. Höheres Alter, späterer Krankheitsbeginn, Hörverlust, nächtliches Erwachen und anticholinerge Medikamente tauchten in der italienischen Analyse als Begleiter auf. Memantin-Nutzer waren seltener betroffen; das ist eine Assoziation, kein Beweis, dass Memantin Sundowning verhindert.
Ältere Beobachtungen verknüpften störendes Verhalten mit rascherem kognitivem Abbau und höherer Wahrscheinlichkeit für ein Pflegeheim. Das Syndrom selbst ist dabei oft nur der sichtbare Teil, darunter schlechter Schlaf, mehr Stürze und erschöpfte Angehörige. Die alte Behauptung, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit in der Vorgeschichte mache Sundowning besonders wahrscheinlich, findet sich in den aktuellen Übersichten und Patientenleitseiten nicht als gesicherter Risikofaktor.
Sundowning oder Delir, der Unterschied
Ein plötzlicher, über Stunden bis Tage schwankender Verwirrtheitszustand ist ein Delir, bis das Gegenteil bewiesen ist, kein „normales“ Sundowning. StatPearls (Aktualisierung 17. Juni 2026) beschreibt das Delir als akutes Hirnversagen. Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind gestört, der Verlauf fluktuiert, und dahinter steckt fast immer eine körperliche Ursache. Demenz dagegen entwickelt sich über Monate und Jahre.
Sundowning sitzt auf einer bekannten Demenz und folgt einem erkennbaren Abendmuster, das sich oft über Wochen wiederholt und morgens wieder abflaut. Das Delir kann den ganzen Tag überkommen, auch nachts, und bleibt am nächsten Morgen oft stehen. In der Praxis überlappen beide. Ein Harnwegsinfekt, eine Lungenentzündung, Austrocknung, ein neuer Schmerzmittelplan oder der Entzug eines Schlafmittels können aus einem bisher milden Abendmuster ein Delir machen.
| Merkmal | Sundowner-Syndrom | Delir |
|---|---|---|
| Beginn | Meist schleichend über Wochen, auf bekannter Demenz | Stunden bis wenige Tage, oft ohne Vorwarnung |
| Tagesgang | Schwerpunkt Nachmittag und Abend, morgens oft ruhiger | Schwankt unregelmäßig, auch vormittags schwer |
| Aufmerksamkeit | Kann abends sinken, ist tagsüber oft besser erhalten | Markant gestört, Gespräch reißen ab |
| Körperliche Hinweise | Häufig fehlend, wenn der Auslöser Umgebung oder Müdigkeit ist | Fieber, neues Medikament, Operation, Sturz, Sauerstoffmangel |
| Nächster Schritt | Tagebuch, Umfeld anpassen, geplant zum Arzt | Noch am selben Tag ärztlich abklären |
Die Mayo Clinic rät ausdrücklich dazu, bei raschem Beginn Harnwegsinfekt und Schlafapnoe mitzudenken. Bis zu 72 Prozent der Delire im Krankenhaus werden übersehen, vor allem die stillen, schläfrigen Formen. Wer nur „typisches Sundowning“ sieht und nicht nachfragt, verpasst genau diese Fälle.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme
Neue oder deutlich stärkere abendliche Unruhe gehört in die Sprechstunde, nicht in wochenlanges Abwarten. Die Cleveland Clinic empfiehlt früh den Hausarzt oder eine geriatrische Praxis, weil die betroffene Person Schmerz oder Brennen beim Wasserlassen oft nicht benennen kann. NICE NG97 verlangt vor jeder Behandlung eine strukturierte Suche nach Schmerz, Delir und unpassender Pflege.
Sofort Hilfe brauchen Sturz mit Kopfverletzung, nicht stillbare Aggression gegen sich oder andere, Atemnot, hohes Fieber, steifer Nacken, einseitig hängender Mund, Brustschmerz oder die Unfähigkeit, Flüssigkeit zu halten. Das ist dann der Verdacht auf Delir, Schlaganfall, schwere Infektion oder metabolische Entgleisung, nicht die Frage nach einem Abendritual.
Geplante Abklärung reicht, wenn das Muster seit Wochen bekannt ist, morgens wieder abreißt und keine neuen körperlichen Zeichen dazugekommen sind. Sinnvoll mitzubringen sind eine Liste aller Medikamente einschließlich Tropfen und Schlafmitteln, Uhrzeiten der Episoden, Auslöser (Besuch, dunkler Flur, großes Abendessen) und Notizen dazu, was bereits geholfen hat. Ein Arzt schließt Infekt, Schmerz, Verstopfung, Harnverhalt, Seh- und Hörprobleme sowie Wechselwirkungen aus. Einen Labortest „auf Sundowning“ gibt es nicht.
Bei Lewy-Körper-Demenz oder Parkinson-Demenz gilt besondere Vorsicht vor Neuroleptika. NICE warnt, dass sie Bewegungsstörungen verstärken und schwere Unverträglichkeiten auslösen können. Diese Diagnose gehört deshalb unaufgefordert auf den Tisch, bevor irgendjemand „nur eine kleine Beruhigung“ vorschlägt.
![[Seniorin kann nicht schlafen]](https://demedbook.com/images/1/whats-to-know-about-sundowners-syndrome_2.jpg)
Was zu Hause oft hilft
Nichtmedikamentöse Schritte sind erste Wahl, weil sie die Ursache oft treffen und keine Sturz- oder Schlaganfallrisiken tragen. Das National Institute on Aging (Stand 17. Juli 2024) empfiehlt einen festen Tagesplan, tägliches Tageslicht am Fenster oder im Freien, Bewegung ohne Überfüllung des Kalenders, keinen Alkohol und kein Koffein am späteren Tag sowie das Abraten von langen oder späten Nickerchen.
Ältere Ratgeber rieten mitunter zu einem Mittagsschlaf, damit der Abend ruhiger werde. Aktuelle Patienteninformationen von NIA, Mayo Clinic und Alzheimer’s Association drehen das um. Langes Dösen am Nachmittag stiehlt Nachtschlaf und kann die nächste Episode nähren. Kurzer, früher Mittagsschlaf bleibt verhandelbar, wenn ohne ihn der Nachmittag zusammenbricht.
Praktische Hebel, die sich in den Leitseiten wiederholen:
- Termine, Baden und anstrengende Besorgungen auf den Vormittag legen, solange die Orientierung besser trägt.
- Abends helles, gleichmäßiges Licht einschalten, Vorhänge zuziehen, Spiegel und ungenutzte Bildschirme abdecken, damit Schatten weniger täuschen.
- Große Mahlzeit mittags, abends leichter essen; Nikotin, Kaffee und Alkohol streichen, weil sie den Schlaf zerlegen.
- Vertraute Gegenstände, ruhige Musik aus einer bekannten Lebensphase und ein kurzer Spaziergang nutzen, statt zu diskutieren.
- Lärm, Gedränge und mehrere Aufträge gleichzeitig weglassen; eine Aufgabe nach der anderen reicht.
Während einer Episode rät die Alzheimer’s Association, ruhig näherzukommen, nach einem Bedürfnis zu fragen, die Uhrzeit sanft zu nennen, nicht zu streiten und nicht festzuhalten. Umhergehen unter Aufsicht darf sein, bis die Welle nachlässt. Fixieren steigert Angst und Verletzungsrisiko. Brille und Hörgerät gehören den ganzen Tag an den Kopf, nicht in die Schublade; ohne sie wird jeder Flur zur Bühne für Fehldeutungen.
Ein taiwanesisches Programm, im Review 2025 referiert, ließ Paare 120 Minuten pro Woche gemeinsam gehen. Nach sechs Monaten sanken Häufigkeit und Stärke der Abendunruhe, stärker bei Nachmittagsspaziergängen. Das ist eine einzelne Studie, kein Gesetz, aber sie passt zur Empfehlung von NICE, personalisierte Tätigkeiten gegen Agitation anzubieten.
Medikamente, wann und mit welchen Risiken
Arzneimittel gegen abendliche Unruhe sind Reserve, nicht Einstieg. NICE NG97 erlaubt Antipsychotika nur, wenn Selbst- oder Fremdgefährdung droht oder Halluzinationen, Wahn und Agitation so stark belasten, dass das Leben der betroffenen Person darunter zusammenbricht. Zuvor müssen psychosoziale und Umgebungsmaßnahmen laufen und weiterlaufen, auch während der Tablettenphase.
Die aktualisierten AGS-Beers-Kriterien 2023 raten bei Verhaltensproblemen der Demenz von Antipsychotika ab, außer nichtmedikamentöse Wege sind ausgeschöpft und es droht erheblicher Schaden. Belegt sind höheres Schlaganfallrisiko, rascherer kognitiver Abbau und höhere Sterblichkeit. Wird trotzdem behandelt, soll die kleinste wirksame Dosis gelten, und in regelmäßigen Abständen ein Absetzversuch. NICE verlangt eine Neubewertung mindestens alle sechs Wochen und das Absetzen, sobald kein klarer Nutzen mehr da ist.
Im Vereinigten Königreich sind laut NICE CKS nur Risperidon und Haloperidol für solche nichtkognitiven Demenzsymptome zugelassen, und das unter engen Grenzen. Risperidon beginnt mit 0,25 Milligramm zweimal täglich, die übliche Zieldosis liegt bei 0,5 Milligramm zweimal täglich, die Dauer bei anhaltender Aggression in der Alzheimer-Demenz soll sechs Wochen nicht überschreiten. Haloperidol startet mit 0,5 Milligramm täglich und wird nach Nutzen und Risiko neu bewertet, ebenfalls innerhalb von höchstens sechs Wochen. Andere Neuroleptika sind Off-Label. Haloperidol ist bei Lewy-Körper-Demenz und Parkinson-Krankheit kontraindiziert.
Benzodiazepine (etwa Alprazolam, Diazepam, Temazepam) und Z-Substanzen (Zolpidem, Eszopiclon, Zaleplon) stehen auf der Beers-Liste zum Vermeiden. Sie erhöhen bei Älteren Delir, Stürze, Knochenbrüche und Notaufnahmen, verbessern den Schlaf aber nur gering. Eine britische Kohorte mit über 27 000 Demenzkranken, im Review 2025 zitiert, verknüpfte Z-Substanzen mit mehr Stürzen, Frakturen und Schlaganfällen. Valproat darf NICE gegen Agitation nicht anbieten, außer es besteht eine andere Indikation.
Ältere Ratgeber, auch viele Texte um 2018, zählten Benzodiazepine, Z-Schlafmittel und klassische Neuroleptika noch als naheliegende Beispiele auf. Die aktuelle Geriatrie hat diese Reihenfolge umgedreht. Zuerst kommen Auslöser und Umfeld, dann allenfalls kurz und niedrig dosiert ein Mittel mit dokumentierter Indikation, nie als Dauerlösung gegen „schwierige Abende“.
Licht, Melatonin und was Studien zeigen
Helles Tageslicht am Morgen und Nachmittag kann den Rhythmus stützen; eine medizinische Lichttherapie mit 10 000 Lux gegen Sundowning ist durch randomisierte Studien nicht belegt. Eine systematische Übersicht von 2024 fand nur zwei solche Studien mit Standardlampe und keinen signifikanten Nutzen für das Abendverhalten. Canevelli verwies schon 2016 auf einen Cochrane-Review, der die Evidenz für Licht gegen Kognition, Schlaf und herausforderndes Verhalten bei Demenz als unzureichend einstufte.
Das widerspricht nicht dem Alltagsrat, tagsüber ans Fenster oder nach draußen zu gehen. NIA und Mayo Clinic empfehlen genau das, zusammen mit Nachtlicht, damit die Wohnung nach dem Aufwachen erkennbar bleibt. Blaureiches Licht in Heimen senkte in einer Arbeit die Angst; das ist ein Hinweis, kein Therapieprotokoll für zu Hause. Wer eine Lichtbox kaufen will, sollte das mit der behandelnden Praxis klären, besonders bei Augenkrankheiten und bei Medikamenten, die lichtempfindlich machen.
Melatonin klingt biologisch schlüssig, weil der eigene Spiegel bei Alzheimer oft sinkt. Die Mayo Clinic schreibt, niedrige Dosen könnten Sundowning lindern, allein oder zusammen mit Tageslicht. Der Review 2025 nennt geprüfte Spannen von 2 bis 10 Milligramm und zugleich widersprüchliche Ergebnisse, nämlich subjektiv besseren Schlaf, objektiv oft keinen Gewinn und in neueren Studien keinen Schutz vor Delir (Ford 2020; Lange 2024). Eine Dosis ohne Arzt, „weil es ein Hormon ist“, ist deshalb keine Lösung. Wechselwirkungen und die fehlende Zulassung als Demenzmittel bleiben Sache der Verordnung.
Trazodon und sedierende Antidepressiva tauchen in Übersichten auf, wenn Depression und Einschlafstörung zusammenkommen. Auch das ist Off-Label-Geriatrie, kein Hausrezept. Donepezil morgens statt abends kann Alpträume und REM-Verhaltensstörungen mindern; das betrifft die Grundkrankheit, nicht das Sundowning als eigene Indikation.
Belastung für Angehörige
Abendliche Unruhe zermürbt die Menschen, die nachts wachbleiben, stärker als viele kognitive Tests. Schlafmangel der Pflegeperson erhöht selbst wieder die Anspannung im Raum; die Alzheimer’s Association nennt den mitbekommenden Stress als möglichen Verstärker. Gallagher-Thompson beschrieb schon 1992 den Kreis aus Pflegestress, Sundowning und kognitivem Abbau. Neuere Arbeiten zeigen, dass verzögertes Einschlafen die Last der Familie messbar steigert und die Schwelle zum Heim senkt.
NIA rät in der akuten Aggression, Schlüssel und gefährliche Gegenstände zu sichern, Abstand zu halten und im Notfall den Rettungsdienst zu rufen, mit dem Hinweis auf die Demenz. Das ist Schutz, keine Schuldzuweisung. Wer jede Nacht allein steht, braucht Entlastung durch Tagespflege, Nachtbetreuung, einen zweiten Menschen im Haus oder eine Selbsthilfegruppe. Kirchen und Kommunen bieten mancherorts Betreuungsstunden genau für diese Lücke.
Die betroffene Person erlebt denselben Abend oft als Angst, nicht als „schwieriges Verhalten“. Ablenken mit einem Snack, einem bekannten Lied oder gemeinsamem Wäschefalten ist dann wirksamer als jede Korrektur der Realität. Wer selbst erschöpft ist, kann das schwer durchhalten. Deshalb gehört die Frage „Wer schläft bei Ihnen nachts?“ in jedes Arztgespräch über Sundowning, nicht erst, wenn jemand zusammenbricht.
Häufige Fragen
Ist das Sundowner-Syndrom heilbar?
Nein. Es ist ein Verhaltensmuster auf dem Boden einer Demenz, kein eigenes Leiden mit einem Heilmittel. Auslöser wie Infekt, Schmerz oder ungünstiges Licht lassen sich oft so weit dämpfen, dass Abende wieder tragbar werden. Die Demenz selbst bleibt fortschreitend.
Kann Sundowning ohne Alzheimer auftreten?
Ja, die Cleveland Clinic beschreibt es auch bei anderen Demenzformen und gelegentlich bei älteren Menschen ohne Alzheimer-Diagnose, etwa in fremder Umgebung. Fehlt jede kognitive Vorgeschichte und beginnt die Verwirrung abrupt, steht zuerst das Delir im Raum, nicht die Suche nach einem Abendritual.
Hilft Melatonin zuverlässig?
Nein. Einzelne Arbeiten und die Mayo Clinic sehen mögliche Vorteile niedriger Dosen, Übersichten finden gemischte oder nur subjektive Effekte. Ohne Rücksprache mit der Praxis gehört das Hormon nicht in den Nachtschrank, schon gar nicht in steigender Dosis.
Warum keine Schlaftablette wie früher?
Benzodiazepine und Z-Substanzen stehen in den Beers-Kriterien 2023 auf der Vermeiden-Liste, weil sie Delir, Stürze und Knochenbrüche fördern und den Schlaf kaum verlängern. Was um 2018 noch als naheliegendes Beispiel galt, gilt heute als vermeidbares Risiko, außer in eng begrenzten Ausnahmen wie Entzug oder Krampfanfall.
Wann ist abendliche Unruhe ein Notfall?
Wenn sie von einem Tag auf den anderen explodiert, mit Fieber, Sturz, Atemnot, einseitiger Schwäche oder Gewalt einhergeht oder die Person medizinische Geräte abreißt. Dann zählt die Abklärung auf Delir und Verletzung, nicht das Warten auf den nächsten Werktag.
Müssen alle mit Demenz Sundowning bekommen?
Nein. Viele leben ohne dieses Abendmuster. Höheres Alter, schwerere Demenz, schlechter Nachtschlaf und wenig Tageslicht machen es wahrscheinlicher, erzwingen es aber nicht.
![[ältere Menschen trainieren]](https://demedbook.com/images/1/whats-to-know-about-sundowners-syndrome_3.jpg)
Fazit
Sundowner-Syndrom heißt, dass jemand mit Demenz am Nachmittag oder Abend unruhiger, ängstlicher oder verwirrter wird als am Vormittag. Das ist häufig, schlecht definiert und trotzdem ernst, weil Stürze, Weglaufen und der Kollaps der pflegenden Familie reale Folgen sind. Der erste Schritt ist nicht die Beruhigungstablette, sondern die Frage, was diesen Abend anders macht.
Seit der NICE-Leitlinie 2018 und den Beers-Kriterien 2023 hat sich die Rangfolge klar verschoben. Psychosoziale und räumliche Hilfen stehen vorn. Neuroleptika bleiben einer kleinen Gruppe mit schwerer Belastung oder Gefährdung vorbehalten, in niedriger Dosis und mit festem Wiedervorstellungstermin. Benzodiazepine und Z-Schlafmittel gehören bei dieser Indikation nicht mehr in die erste Schublade.
Für die kommende Woche reicht ein konkreter Plan. Uhrzeiten notieren, Licht am späten Nachmittag erhöhen, Kaffee und lange Nickerchen streichen, Brille aufsetzen, einen Spaziergang vorverlegen. Bleibt die Unruhe neu, heftig oder mit Fieber und Sturz verbunden, ist derselbe Abend ein Arzttermin, kein weiterer Versuch mit Hausmitteln.
Quellen
- Mayo Clinic Staff: Late-day confusion in people with dementia. Mayo Clinic, 26. März 2024.
- Cleveland Clinic: Sundown Syndrome: Causes, Treatment & Symptoms. Cleveland Clinic, 26. April 2022.
- National Institute on Aging: Coping With Agitation, Aggression, and Sundowning in Alzheimer’s Disease. National Institute on Aging, 17. Juli 2024.
- Alzheimer’s Association: Sleep Issues and Sundowning. Alzheimer’s Association, Stand: 2025.
- NICE: Dementia: assessment, management and support for people living with dementia and their carers. National Institute for Health and Care Excellence, Juni 2018.
- Reimus M, Sieminski M: Sundowning Syndrome in Dementia: Mechanisms, Diagnosis, and Treatment. Journal of Clinical Medicine, 11. Februar 2025.
- Canevelli M, Valletta M et al.: Sundowning in Dementia: Clinical Relevance, Pathophysiological Determinants, and Therapeutic Approaches. Frontiers in Medicine, 27. Dezember 2016.
- 2023 AGS Beers Criteria Update Expert Panel: American Geriatrics Society 2023 updated AGS Beers Criteria for potentially inappropriate medication use in older adults. Journal of the American Geriatrics Society, 4. Mai 2023.
- Alzheimer’s Society: Sundowning and dementia. Alzheimer’s Society, Stand: 2025.
- Adsule P, Mohanaselvan A, Schoo C: Differentiating Delirium Versus Dementia in Older Adults. StatPearls, 17. Juni 2026.
- NICE CKS: Antipsychotics. Prescribing information. Dementia. NICE Clinical Knowledge Summaries, Stand: 2021.
