
Paranoide, hebephrene oder katatonische Schizophrenie sind keine eigenen Krankheitsarten mehr. DSM-5 (seit 2013) und ICD-11 (seit 2019) führen ein einheitliches Bild und beschreiben, welche Symptome gerade im Vordergrund stehen.
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt rund 23 Millionen Betroffene weltweit, etwa 0,29 Prozent der Bevölkerung und 0,43 Prozent der Erwachsenen. Das Merck Manual nennt eine Lebenszeitprävalenz von ungefähr 0,7 Prozent. Ältere Angaben um 0,6 bis 1 Prozent, die oft dem CDC zugeschrieben wurden, liegen damit über den aktuellen WHO-Zahlen. Beginn ist meist Ende der Teenagerjahre bis in die Zwanziger; Männer erkranken im Schnitt früher als Frauen. Eine Heilung durch ein einzelnes Mittel gibt es nicht. Laut WHO erreicht mindestens ein Drittel eine vollständige Symptomremission. Wer Stimmen hört, fest an Verfolgung glaubt oder sich oder andere gefährdet, braucht rasch eine psychiatrische Einschätzung, nicht erst eine Typenbezeichnung.
Gibt es heute noch verschiedene Arten von Schizophrenie?
Nein. Die klassischen Subtypen (paranoid, hebephren bzw. desorganisiert, kataton, residual und undifferenziert) gelten in den aktuellen Systemen nicht als eigene Diagnosen. Ärzte stellen Schizophrenie als eine Spektrumserkrankung fest und notieren zusätzlich, welche Symptomdimensionen und welcher Verlauf vorliegen.
Das DSM-5-TR der American Psychiatric Association (Textrevision 2022) verlangt mindestens zwei Kernsymptome über einen Monat, darunter Wahn, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache, plus durchgehende Zeichen über sechs Monate und einen Einbruch in Arbeit, Beziehungen oder Selbstversorgung. Die ICD-11 der WHO verlangt für die Diagnose nur einen Monat anhaltender Symptome; die Dauer bleibt der größte bewusste Unterschied zwischen beiden Systemen. Schneidersche Erstrangsymptome, etwa kommentierende Stimmen oder Gedankenlautwerden, zählen nicht mehr als Sonderkriterium, das allein die Diagnose trägt.
Was früher „Art“ hieß, war oft das lauteste Symptom der letzten Wochen. Derselbe Mensch konnte in einem Jahr als paranoid, im nächsten als residual gelten. Genau diese Instabilität war ein Hauptgrund, die Schubladen aufzugeben. Familien finden die alten Wörter trotzdem noch in Arztbriefen, Foren und ICD-10-Codes. Sie beschreiben ein Erscheinungsbild, keine zweite Krankheit.
![[Schizophrenie]](https://demedbook.com/images/1/what-are-the-different-types-of-schizophrenia.jpg)
Warum DSM-5 und ICD-11 die Subtypen gestrichen haben
Die Typen waren schlecht haltbar, schlecht übereinstimmend zwischen Untersuchern und wenig nützlich für die Therapie. Die APA begründete 2013 die Streichung damit, dass Stabilität, Zuverlässigkeit und Vorhersagekraft fehlten. Reed und Kollegen fassten 2019 für die ICD-11 zusammen: keine Vorhersagevalidität, kein klarer Nutzen bei der Mittelwahl.
Braff, Ryan, Rissling und Carpenter werteten 2013 in Schizophrenia Bulletin Forschungsartikel aus den Jahren 1990, 2000 und 2010 aus. Der Anteil der Arbeiten, die traditionelle Subtypen nutzten, fiel von 27,7 über 9,8 auf 6,5 Prozent. Klinisch wurden ohnehin vor allem „paranoid“ und „undifferenziert“ vergeben; kataton und hebephren blieben selten. Die Etiketten steuerten die Mittelwahl schon damals kaum.
An die Stelle der Typen traten dimensionale Beschreibungen. Die ICD-11 bewertet sechs Bereiche: Positivsymptome, Negativsymptome, depressive und manische Stimmung, Psychomotorik und Kognition. DSM-5 ergänzt Verlaufsangaben (Erstepisode, mehrere Episoden, durchgehend) und den Zusatz „mit Katatonie“. Ziel ist ein messbares Profil für denselben Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten, nicht eine lebenslange Schublade.
ICD-10-Codes wie „paranoide Schizophrenie“ können in der Dokumentation noch erscheinen, solange ein Land statistisch mit der zehnten Revision arbeitet. Klinisch folgt die aktuelle Leitlinie der elften Revision und dem DSM-5-TR.
Was die alten Bezeichnungen noch beschreiben
Die historischen Namen bleiben als Alltagssprache hilfreich, weil sie ein erkennbares Bild zeichnen. Sie sind aber keine Diagnose mehr und rechtfertigen keine eigene Therapieklasse.
Paranoid meinte vor allem Verfolgungswahn und Stimmen, bei vergleichsweise geordneter Sprache. Hebephren oder desorganisiert meinte zerfahrene Gedanken, unpassenden Affekt und den Verlust alltäglicher Abläufe wie Kochen oder Körperpflege. Kataton meinte Erstarrung, Mutismus, Haltungsstarre oder ziellose Erregung. Residual meinte ein ruhigeres Intervall mit abgeschwächten Restzeichen. Undifferenziert war der Sammelbegriff, wenn kein Bild dominierte. Kindliche Schizophrenie war nie ein eigener Subtyp im DSM-Sinn, sondern eine Altersangabe. Die schizoaffektive Störung war und ist eine Nachbardiagnose, keine Unterform.
| Frühere Bezeichnung | Typisches Bild | Status heute |
|---|---|---|
| Paranoide Schizophrenie | Wahn, oft Verfolgung; Stimmen | kein Subtyp; Positivsymptome |
| Hebephren / desorganisiert | zerfahrene Sprache, unpassender Affekt | kein Subtyp; Desorganisation |
| Katatone Schizophrenie | Starre, Mutismus oder Erregung | Spezifikator; in ICD-11 eigene Gruppe |
| Residuale Schizophrenie | abgeschwächte Restzeichen | Verlauf, nicht eigener Typ |
| Undifferenziert | gemischtes Bild | entfällt |
| Schizoaffektive Störung | Psychose plus längere Stimmungsepisode | eigene Diagnose im Spektrum |
Manche Arbeitsgruppen trennen weiter eine Defizitform mit hartnäckigen Negativsymptomen von einer Nondefizitform, in der Wahn und Halluzinationen im Vordergrund stehen. Das Merck Manual (Überarbeitung Juli 2025) hält diese Unterscheidung für klinisch brauchbarer als die alten fünf Typen, weil sie Alltagsfunktion und Ansprechen auf Übungstherapie besser abbildet. Sie ersetzt die Diagnose Schizophrenie nicht.
Symptomdimensionen statt Typen
Statt einer Art notiert die Klinik, welche Bereiche gerade stark, mittel oder schwach ausgeprägt sind. Positivsymptome fügen Erleben hinzu, das andere nicht teilen: Wahn, Halluzinationen, desorganisierte Sprache und Verhalten, Erleben von Gemachtheit oder Kontrolle. Negativsymptome nehmen Antrieb, Mimik, Sprache, Freude und sozialen Zug weg. Kognitive Symptome treffen Aufmerksamkeit, Tempo, Arbeitsgedächtnis und Problemlösen; sie sagen den Alltag oft besser voraus als die Lautstärke der Stimmen.
Stimmung gehört in der ICD-11 ausdrücklich dazu. Depressive und manische Zeichen können neben der Psychose stehen, ohne automatisch eine schizoaffektive Störung zu bedeuten. Psychomotorik reicht von Unruhe bis zur Katatonie. Das NIMH (Broschüre 2024) gruppiert für Laien ähnlich in psychotische, negative und kognitive Zeichen und betont: Das Muster wechselt. Ein Mensch mit vorwiegend Stimmen in der Erstepisode kann Jahre später vor allem Antriebsarmut zeigen, ohne „den Typ gewechselt“ zu haben.
Antipsychotika dämpfen Positivsymptome bei vielen Patienten spürbar. Negativ- und Kognitivzeichen reagieren nach StatPearls (Aktualisierung Februar 2024) deutlich schwächer, sobald sie nicht bloß Folge unbehandelter Psychose sind. Deshalb steuert das dimensionale Profil, welche Psychotherapie, welche Alltagshilfen und welche körperliche Mitbehandlung Vorrang haben, und nicht ein Stempel aus den 1990er-Jahren.
Schizoaffektive Störung und andere Diagnosen im Spektrum
Die schizoaffektive Störung ist eine eigene Diagnose, keine „Art“ der Schizophrenie. Sie verlangt nach DSM-5-TR eine durchgehende Erkrankung, in der eine schwere depressive oder manische Episode zusammen mit den Kernsymptomen der Schizophrenie auftritt. Zusätzlich müssen Wahn oder Halluzinationen mindestens zwei Wochen ohne Stimmungsepisode bestanden haben, und die Stimmung muss den Großteil der gesamten Krankheitszeit einnehmen. Fehlt das stimmungsfreie Psychosefenster, liegt eher eine affektive Störung mit psychotischen Merkmalen nahe. Überwiegt die Psychose die meiste Zeit, bleibt es bei Schizophrenie.
Die APA (Patienteninformation, März 2024) schätzt die schizoaffektive Störung auf etwa ein Drittel der Häufigkeit der Schizophrenie, Lebenszeitprävalenz rund 0,3 Prozent. StatPearls zur schizoaffektiven Störung (März 2023) nennt dieselbe Größenordnung und warnt vor häufiger Fehlvergabe, weil Verlaufsdaten oft unvollständig sind. Die ICD-11 definiert enger über die aktuelle Episode, die gleichzeitig die Kriterien von Schizophrenie und einer manischen, gemischten oder mindestens mittelschweren depressiven Episode erfüllt. Beide Systeme existieren nebeneinander; der zuständige Arzt sollte sagen, nach welchem er kodiert.
Weitere Nachbarn unterscheiden sich vor allem in der Dauer. Eine kurze psychotische Störung dauert einen Tag bis unter einem Monat und klingt vollständig ab. Die schizophreniforme Störung dauert mindestens einen Monat, aber unter sechs Monaten; etwa ein Drittel bleibt bei dieser Diagnose, die übrigen erhalten später Schizophrenie oder eine schizoaffektive Störung. Eine wahnhafte Störung beschränkt sich auf Wahn ohne die übrigen Kernzeichen, Lebenszeitprävalenz laut APA etwa 0,2 Prozent. Substanzwirkungen, Entzug, Delir, Autoimmunenzephalitis oder hormonelle Krisen können dasselbe Bild erzeugen und müssen ausgeschlossen werden, bevor ein Spektrumsetikett bleibt.
Ist Katatonie noch eine Form der Schizophrenie?
Katatonie ist kein Schizophrenietyp mehr. Sie ist ein Syndrom, das bei Schizophrenie, bei bipolaren und depressiven Episoden, bei Autismus, nach bestimmten Arzneimitteln und bei internistischen oder neurologischen Krankheiten auftreten kann. DSM-5-TR hängt den Zusatz „mit Katatonie“ an die Grunderkrankung. Die ICD-11 hat eine eigene Gruppe geschaffen: Katatonie bei einer psychischen Störung, substanz- oder arzneimittelbedingt, oder sekundär bei einer Körperkrankheit.
Zeichen sind unter anderem Stupor, Mutismus, Haltungsstarre, wächserne Biegsamkeit, Negativismus, Manierismen, Stereotypien, Grimassieren, Echo von Worten oder Bewegungen sowie ziellose Erregung. Drei oder mehr Zeichen genügen in DSM-5-TR und ICD-11. Die British Association for Psychopharmacology stellte 2023 fest, dass in unselektierten Gruppen etwa jedes fünfte Katatoniebild eine mitverursachende Körperkrankheit hat; auf internistischen Stationen und bei Älteren liegt der Anteil deutlich höher.
Erstbehandlung sind laut dieser Leitlinie Benzodiazepine, meist Lorazepam, und/oder Elektrokrampftherapie. Antipsychotika können bei zugrundeliegender Psychose später nötig sein, gelten aber als Risiko für ein malignes Neuroleptika-Syndrom; die Leitlinie verlangt dann Zurückhaltung, langsame Steigerung und oft die Kombination mit einem Benzodiazepin. Wer nicht mehr isst, trinkt oder sich bewegt, braucht eine Klinik, unabhängig davon, ob irgendwann „katatone Schizophrenie“ im Altdokument stand.
Kann Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter beginnen?
Ja, aber ein Beginn vor dem 13. Geburtstag ist sehr selten. Sunshine und McClellan (2023) nennen für diese Kindheitsform eine Prävalenz von etwa 0,0025 Prozent. Beginn vor 18 Jahren kommt öfter vor als der Beginn vor 13, bleibt aber gegenüber dem typischen Start im frühen Erwachsenenalter die Minderheit. Diagnostische Kriterien sind dieselben wie bei Erwachsenen. Früher Beginn geht häufiger mit Negativsymptomen, kognitiven Einbußen und schwächerem Ansprechen auf Antipsychotika einher.
Halluzinationen bei gesunden Kindern beweisen keine Schizophrenie. Die Mayo Clinic (16. Oktober 2024) betont, dass Rückzug, schlechte Noten, Reizbarkeit und Schlafstörungen bei Teenagern alltäglich vorkommen und die Abgrenzung erschweren. Sunshine und McClellan zitieren Schätzungen, nach denen rund 17 Prozent der Kinder und 8 Prozent der Jugendlichen psychoseähnliche Erlebnisse schildern; die meisten entwickeln keine schizophrenie. Cannabis, Stimulanzien und Halluzinogene können dasselbe Bild erzeugen. Ein Kind mit Stimmen braucht eine sorgfältige Abklärung, keine vorschnelle Typendiagnose und kein Antipsychotikum „auf Verdacht“.
NICE rät bei erhöhtem Risiko ohne gesicherte Psychose zu kognitiver Verhaltenstherapie, nicht zu Neuroleptika zur Vorbeugung. Erst wenn eine Erstepisode feststeht, gehören Mittel und Psychotherapie zusammen in ein Frühinterventionsangebot.
Wie die Diagnose heute gestellt wird
Es gibt keinen Bluttest und kein Schnittbild, das Schizophrenie beweist. Die Diagnose entsteht aus Verlauf, geistigem Befund, Fremdanamnese und dem Ausschluss anderer Ursachen. Die APA-Praxisleitlinie, zusammengefasst bei StatPearls, nennt Blutbild, Chemie, Schilddrüse, Schwangerschaftstest, Toxikologie und bei Hinweis Bildgebung oder EEG. Syphilis- und HIV-Tests kommen infrage, weil Infektionen Psychose nachahmen können.
Mindestens zwei der fünf A-Kriterien müssen einen Monat lang (oder kürzer bei erfolgreicher Behandlung) vorliegen, eines davon Wahn, Halluzination oder desorganisierte Sprache. Sechs Monate durchgehende Zeichen sind im DSM-5-TR Pflicht, in der ICD-11 nicht. Schizoaffektive, depressive und bipolare Störungen mit Psychose, Substanzen und Körperkrankheiten müssen ausgeschlossen sein. Bei einer Entwicklungsstörung verlangt das DSM zusätzlich einen Monat deutlichen Wahns oder deutlicher Halluzinationen.
Quantifizieren statt typisieren: Skalen wie PANSS oder BPRS messen Stärke und Veränderung. Die ICD-11-Dimensionen tun dasselbe in der Akte. Ein Arztbrief, der „schwere Positivsymptome, milde Negativsymptome, ohne Katatonie, Erstepisode“ schreibt, sagt mehr über den nächsten Monat als das Wort paranoid.
Wann zum Arzt, wann in die Notaufnahme
Familien erkennen den Ernst oft früher als die betroffene Person, weil Krankheitseinsicht fehlen kann. Die APA nennt das Anosognosie: fehlende Einsicht ist Symptom, kein Trotz. Hausarzt oder psychiatrische Ambulanz sind der richtige erste Schritt, sobald Wahn, Stimmen, zerfahrene Sprache oder ein klarer Leistungsabfall über Tage bis Wochen anhalten. NICE will Menschen mit abgeschwächten psychotischen Zeichen, Funktionsverlust und Belastung ohne Verzug an eine Fachstelle oder Frühintervention überweisen.
Sofortige Notfallhilfe (in Deutschland über 112) ist nötig, wenn jemand sich oder andere gefährdet, Stimmen Befehle zum Verletzen gibt, nicht mehr isst, trinkt oder die Wohnung verlässt, oder wenn Starre und Schweigen auf Katatonie deuten. Die Mayo Clinic nennt Suizidgedanken und -versuche bei Schizophrenie deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. StatPearls beziffert das Lebenszeitrisiko, an Suizid zu sterben, auf 5 bis 10 Prozent; das Merck Manual nennt 4 bis 10 Prozent Todesfälle und etwa 35 Prozent Versuche. Junge Männer mit Suchtmittelkonsum, Hoffnungslosigkeit oder frischer Klinikentlassung tragen ein besonders hohes Risiko. In Deutschland helfen die Telefonseelsorge und der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117, wenn die Lage drängt, aber noch kein Rettungswagen nötig ist.
Richtet sich die Behandlung nach dem früheren Subtyp?
Nein. Mittel, Psychotherapie und soziale Hilfen folgen dem aktuellen Profil, nicht einem historischen Typennamen. NICE CG178 (Kernempfehlungen 2009/2014, formale Straffung 2024) verlangt bei Erstepisode ein Antipsychotikum plus kognitive Verhaltenstherapie, in der Regel mindestens 16 geplante Einzelsitzungen, und Familienintervention. Antipsychotika soll die hausärztliche Praxis bei anhaltender Erstepisode nicht allein ansetzen, sondern mit einer Fachärztin oder einem Facharzt abstimmen. Nach zwei ausreichend dosierten, ausreichend langen Versuchen, davon mindestens einem Mittel der zweiten Generation außer Clozapin, soll Clozapin angeboten werden.
Die Mayo Clinic (16. Oktober 2024) beschreibt lebenslange Kombination aus Arzneimittel und psychosozialer Therapie. Zweite Generation kann weniger Bewegungsstörungen, dafür mehr Gewicht und Stoffwechselrisiko bedeuten. Depotformen alle zwei bis vier Wochen oder seltener helfen, wenn Tabletten unregelmäßig genommen werden. Ein neuer Wirkansatz, die Kombination Xanomelin plus Trospiumchlorid, greift Acetylcholin statt vorwiegend Dopamin an; Langzeiterfahrung fehlt noch. Clozapin braucht laut NIMH regelmäßige Blutkontrollen, weil bei 1 bis 2 Prozent der Behandelten eine gefährliche Neutropenie auftreten kann.
Psychosoziale Bausteine sind keine Dekoration. Koordinierte spezialisierte Versorgung bei Erstepisode senkt laut NIMH Symptome und steigert Schule oder Arbeit stärker als übliche Versorgung. Unterstützte Beschäftigung, Fertigkeitentraining, kognitive Remediation und Behandlung einer Sucht gehören dazu. Ohne Weiterführung der Mittel nach der ersten Episode erleiden nach Merck 65 bis 80 Prozent innerhalb von zwölf Monaten einen Rückfall; durchgehende Einnahme kann die Ein-Jahres-Rückfallquote auf etwa 30 Prozent oder darunter senken, besonders mit Depot.
Körperliche Mitbehandlung ist Teil der psychiatrischen Pflicht. WHO nennt neun verlorene Lebensjahre, vor allem durch Herz, Stoffwechsel und Infekte; die Metaanalyse von Hjorthøj und Kollegen 2017 kam auf rund 15 Jahre. Die Zahlen widersprechen sich in der Höhe, nicht in der Richtung. NICE verlangt Gewicht, Blutfette und Zucker regelmäßig zu prüfen, Rauchstopp anzubieten und Bupropion bei Psychose nicht zur Entwöhnung zu geben.
Häufige Fragen
Gibt es paranoide Schizophrenie noch als Diagnose?
Als eigenen Subtyp nicht mehr. Verfolgungswahn und Stimmen bleiben häufige Positivsymptome und fließen in die eine Diagnose Schizophrenie plus dimensionale Beschreibung ein. Ein alter ICD-10-Code in der Akte ändert die heutige Behandlung nicht.
Ist Schizophrenie eine gespaltene Persönlichkeit?
Nein. Die APA und das NIMH trennen Schizophrenie klar von der dissoziativen Identitätsstörung. Schizophrenie stört Realitätssinn, Antrieb und Denken; sie erzeugt keine zweiten Identitäten mit eigenen Erinnerungen.
Bedeuten Stimmen bei einem Kind automatisch Schizophrenie?
Nein. Viele Kinder und Jugendliche schildern vorübergehend ungewöhnliche Wahrnehmungen, ohne je die Diagnose zu erfüllen. Anhaltende Stimmen plus Funktionsverlust plus andere Kernzeichen brauchen aber eine rasche fachärztliche Abklärung.
Heilt ein Antipsychotikum die Erkrankung?
Ein Mittel beseitigt die Anlage nicht. Es kann Positivsymptome bei vielen Patienten abschwächen und Rückfälle seltener machen. Negativ- und Kognitivzeichen, Arbeit und Wohnen brauchen zusätzlich Therapie und Hilfen; mindestens ein Drittel erreicht laut WHO eine vollständige Symptomremission.
Wann ist eine Klinik nötig?
Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, bei Nahrungs- oder Flüssigkeitsverweigerung, bei schwerer Katatonie oder wenn die Versorgung zu Hause zusammenbricht. Eine Aufnahme sichert Schutz, Schlaf, Ernährung und eine rasche Neueinstellung, ersetzt aber nicht die spätere ambulante Weiterbehandlung.
Unterscheidet sich die Therapie der schizoaffektiven Störung?
Ja, weil die Stimmungsepisode mitbehandelt wird. Antipsychotika bleiben oft die Basis; zusätzlich können Stimmungsstabilisatoren oder Antidepressiva nötig sein, immer nach Fachstandard und nicht als Hausrezept. Die Abgrenzung zur Schizophrenie hängt am Verlauf, nicht an einem einzelnen Krisentag.
Fazit
Wer nach „Arten von Schizophrenie“ sucht, findet in aktuellen Leitlinien keine fünf Krankheiten mehr, sondern ein Spektrum mit wechselnden Schwerpunkten. Paranoid, hebephren und residual sind Beschreibungen, Katatonie ein Syndrom mit eigener Notfalllogik, die schizoaffektive Störung eine Nachbardiagnose. ICD-11 und DSM-5-TR ersetzen die Schublade durch Dimensionen und Verlauf.
Praktisch zählt der nächste Schritt: bei neuem Wahn, Stimmen oder Zerfall des Alltags eine Fachstelle aufsuchen, bei Gefahr 112 wählen, Mittel nicht allein absetzen. Die Therapie zielt auf das heutige Profil (Psychose, Antrieb, Kognition, Stimmung, Motorik) und auf Herz, Gewicht und Sucht, nicht auf einen Stempel von 1994.
Familien können Verlaufstagebuch führen: welche Zeichen, wie lange, welche Mittel, welche Krisen. Das ersetzt keine Diagnose, macht aber die Unterscheidung zwischen Schizophrenie, schizoaffektiver Störung und einer vorübergehenden Psychose ehrlicher als jedes einzelne Gespräch.
Quellen
- WHO: Schizophrenia (WHO fact sheet). World Health Organization, Stand: 2022.
- Mayo Clinic Staff: Schizophrenia – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 16. Oktober 2024.
- Mayo Clinic Staff: Schizophrenia – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, 16. Oktober 2024.
- NICE: Psychosis and schizophrenia in adults: prevention and management. National Institute for Health and Care Excellence, Stand: Juli 2024.
- NIMH: Schizophrenia (NIH Publication No. 24-MH-8082). National Institute of Mental Health, Stand: 2024.
- Keshavan MS: Schizophrenia (Merck Manual Professional). Merck Manual Professional Edition, Juli 2025.
- Torres F: What is Schizophrenia?. American Psychiatric Association, März 2024.
- Hany M, Rizvi A: Schizophrenia (StatPearls). StatPearls, 23. Februar 2024.
- Reed GM, First MB et al.: Innovations and changes in the ICD-11 classification of mental, behavioural and neurodevelopmental disorders. World Psychiatry, 2. Januar 2019.
- Rogers JP, Oldham MA et al.: Evidence-based consensus guidelines for the management of catatonia: Recommendations from the British Association for Psychopharmacology. Journal of Psychopharmacology, 11. April 2023.
- Braff DL, Ryan J et al.: Lack of Use in the Literature From the Last 20 Years Supports Dropping Traditional Schizophrenia Subtypes From DSM-5 and ICD-11. Schizophrenia Bulletin, 14. Mai 2013.
- Sunshine A, McClellan J: Practitioner Review: Psychosis in Children and Adolescents. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 6. März 2023.
