
Zwiebelsaft kann bei kreisrundem Haarausfall theoretisch die Kopfhaut reizen und so ein Nachwachsen anstoßen, belegt ist das aber nur durch eine kleine, unverblindete Prüfung aus dem Jahr 2002. Fachgesellschaften führen den Saft in keiner aktuellen Therapieempfehlung; sie setzen auf Kortison, Minoxidil und seit 2022 auf zugelassene Januskinase-Hemmer.
Der Alltag macht die Unterscheidung schwer. Jeder Mensch verliert laut Mayo Clinic und NHS täglich etwa 50 bis 100 Haare, ohne dass das auffällt, weil gleichzeitig neues Haar nachschiebt. Sichtbare Lücken entstehen erst, wenn dieser Tausch kippt. Die Cleveland Clinic (Stand 2021) schätzt, dass allein die erbliche androgenetische Alopezie in den Vereinigten Staaten rund 80 Millionen Menschen betrifft. Der kreisrunde Haarausfall (Alopecia areata) trifft dort nach derselben Klinik (2023) nahezu 7 Millionen Menschen, darunter etwa jedes fünfte Kind unter den Fällen.
Ältere Ratgeber mischten diese Formen und verkauften den Küchensaft als allgemeine Haarkur. Das ist sachlich falsch. Die einzige klinische Arbeit prüfte rohen Zwiebelsaft nur bei fleckiger Alopecia areata, nicht bei Geheimratsecken, scheitelbreitem Ausdünnen oder dem Haarausfall nach Fieber und Geburt. Wer plötzlich Büschel verliert oder runde kahle Inseln findet, braucht zuerst eine Diagnose, nicht ein Rezept aus der Küche.
Was die einzige Studie wirklich zeigt
Die einzige kontrollierte Prüfung stammt von Sharquie und Al-Obaidi und erschien 2002 im Journal of Dermatology. Sie verglich rohen Zwiebelsaft mit Leitungswasser bei fleckiger, nicht vernarbender Alopecia areata, aufgetragen zweimal täglich über zwei Monate.
In der Saftgruppe standen 23 Personen (16 Männer, 7 Frauen, Alter 5 bis 42 Jahre, Mittel 22,7). Die Kontrollgruppe umfasste 15 Personen (8 Männer, 7 Frauen, Alter 3 bis 35 Jahre, Mittel 18,3). Grobes Terminalhaar zeigte sich in der Saftgruppe ab der zweiten Woche. Nach vier Wochen wuchs Haar bei 17 von 23 (73,9 Prozent), nach sechs Wochen bei 20 von 23 (86,9 Prozent); Männer lagen bei 93,7 Prozent, Frauen bei 71,4 Prozent. In der Wassergruppe wuchs Haar nach acht Wochen nur bei 2 von 15 (13 Prozent).
Diese Zahlen klingen stark, tragen aber enge Grenzen. Die Arbeit war weder randomisiert noch verblindet. Leitungswasser ist ein schwacher Vergleich, weil Alopecia areata von allein nachwachsen kann. Die American Academy of Dermatology schreibt genau das: Bei ein oder zwei kahlen Stellen, die kürzer als ein Jahr bestehen, darf man oft abwarten, vor allem bei Kindern. Eine offene Studie ohne Scheinbehandlung kann diesen Spontanverlauf nicht von einem Saft-Effekt trennen.
Kleine Gruppen verzerren zudem. Fünf- bis 42-Jährige in einem Arm, Vorschulkinder in der Kontrolle: Das ist kein Design, aus dem sich eine Dosierung für Erwachsene ableiten lässt. Eine Übersicht zu komplementären Mitteln von Hosking, Juhász und Atanaskova Mesinkovska (2019) hält fest, dass die meisten pflanzlichen Haarprodukte ohne Zulassung der US-Arzneimittelbehörde (FDA) verkauft werden und ihre Wirkstoffe nicht standardisiert sind. Genau das gilt für selbst gepressten Saft: Jede Zwiebel, jeder Entsafter, jede Einwirkzeit liefert eine andere Mischung.

Warum Schwefel und Antioxidantien den Effekt nicht erklären
Ein Nachweis, dass Zwiebelsaft Keratin aufbaut oder Follikel „ernährt“, fehlt. Die 2019er Übersicht nennt den Mechanismus offen und vermutet eher, dass Schwefel- und Phenolverbindungen eine Reizdermatitis auslösen; die lokale Immunablenkung (antigene Konkurrenz) könnte dann, ähnlich wie bei der Kontaktimmuntherapie, das Autoimmungeschehen an den Follikeln stören.
Das ist eine Hypothese, keine Laborbestätigung am menschlichen Haar. Keratin braucht schwefelhaltige Aminosäuren, vor allem Cystein. Diese Bausteine kommen aus der Nahrung, nicht aus einem Film auf der Kopfhaut. Wer Zwiebel isst, nimmt Schwefelverbindungen auf; das sagt nichts darüber, ob geriebene Zwiebel auf der Haut in den Schaft wandert.
Antimikrobielle und antioxidative Eigenschaften von Allium cepa sind in der Pflanzenforschung beschrieben. Sie beweisen nicht, dass der Saft eine entzündete Kopfhaut heilt oder freie Radikale an Follikeln stoppt. Hosking und Kollegen fordern für komplementäre Haartherapien überhaupt erst strengere, standardisierte Endpunkte. Solange die eine Arbeit von 2002 unrepliziert bleibt, bleibt auch die Story vom nährenden Schwefel Spekulation.
Kontaktimmuntherapie, die Dermatologen bei ausgedehnter Alopecia areata nutzen, folgt demselben Grundgedanken, aber mit kontrollierten Allergenen und wöchentlichen Arztterminen. Die AAD nennt Erfolgsraten zwischen 17 und 75 Prozent und warnt, dass verpasste Termine das nachgewachsene Haar wieder kosten können. Roher Küchensaft ist kein Ersatz für dieses Verfahren.
Bei welchem Haarausfall der Saft nie geprüft wurde
Zwiebelsaft ist für erblichen Haarausfall, telogenes Effluvium, Zugalopecie und vernarbende Formen nicht untersucht. Wer ihn dort einsetzt, testet ein Hausmittel an einer Krankheit, für die die Studie keine Aussage macht.
Androgenetische Alopezie folgt einem vorhersehbaren Muster. Bei Männern weichen Stirnhaar und Wirbel zurück, bei Frauen lichtet sich die Scheitelbreite, die Stirnlinie bleibt oft stehen. Das Merck Manual (Aktualisierung 2025) nennt Dihydrotestosteron und Vererbung als treibende Faktoren und schätzt, dass jenseits der 80 mehr als 70 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen betroffen sind. Hier wirken zugelassene Mittel wie Minoxidil und, bei Männern, Finasterid; ein Reizsaft ändert den Hormonweg nicht.
Telogenes Effluvium schiebt Monate nach Fieber, Operation, Geburt, strengem Diäten oder einem Medikamentenwechsel plötzlich sehr viele Haare in die Ruhephase. MedlinePlus und Mayo Clinic beschreiben Büschel in Bürste und Dusche. Der Schub klingt häufig von allein ab, sobald der Auslöser weg ist. Einen Saft darüber zu reiben, ändert die Zyklusverschiebung nicht.
Zugalopecie entsteht durch straffe Zöpfe, Extensions oder Dauerwellen, die die Follikel mechanisch belasten. Bleibt die Narbe aus, kann Haar nachwachsen, wenn der Zug endet. Vernarbende Formen (frontale fibrosierende Alopezie, zentral zentrifugale vernarbende Alopezie, kutaner Lupus) zerstören den Follikel. Die Mayo Clinic rät Frauen mit zurückweichender Stirnlinie zu früher Behandlung, weil der Verlust dauerhaft werden kann. Zwiebelreiz auf vernarbter Haut hilft dem Follikel nicht und kann die Entzündung verstärken.
Kreisrunder Haarausfall ist eine Autoimmunerkrankung: Abwehrzellen greifen Follikel an, oft in münzgroßen Inseln an Kopfhaut, Bart oder Augenbrauen. Die Cleveland Clinic (2023) betont, dass die Krankheit nicht ansteckend ist, nicht „weggeht“ und in schweren Formen (Totalis, Universalis) schlechter auf Therapie anspricht. Genau diese Diagnose war der Rahmen der Zwiebelstudie, nicht „dünnes Haar im Winter“.
Welche Behandlungen Fachgesellschaften tatsächlich empfehlen
Dermatologische Leitlinien empfehlen Zwiebelsaft nicht. Die AAD, der NHS und die Mayo Clinic nennen diagnostizierte Ursachen und dann Mittel mit messbarer Wirkung: topisches Minoxidil, bei Männern orales Finasterid, bei Alopecia areata Kortison und seit 2022 Januskinase-Hemmer.
Minoxidil gibt es ohne Rezept als Lösung, Schaum oder Shampoo. Die Mayo Clinic (Aktualisierung Februar 2026) rät Frauen zu einmal täglichem, Männern zu zweimal täglichem Auftragen auf die Kopfhaut. Ein Nutzen zeigt sich oft erst nach mindestens sechs Monaten; wer aufhört, verliert den Effekt wieder. Häufige Nebenwirkungen sind lokale Reizung und unerwünschter Flaum an Gesicht oder Händen. Die AAD sieht Minoxidil vor allem bei frühem erblichem Verlust und als Erhalt nach nachgewachsenem Haar bei Alopecia areata, dann oft zwei- bis dreimal täglich.
Finasterid ist in den USA und im NHS-Dienste als Tablette für Männer mit erblichem Haarausfall zugelassen. Viele Männer verlieren langsamer Haar, manche gewinnen etwas Dichte. Die Mayo Clinic nennt selten nachlassende Libido und ein mögliches Risiko für Prostatakrebs; Schwangere sollen zerbrochene Tabletten nicht berühren. Frauen sollen Finasterid laut NHS nicht nutzen.
Bei wenigen Alopecia-areata-Herden gilt die Kortisoninjektion in die kahle Stelle als wirksamste lokale Option. Die AAD verweist auf eine Arbeit mit 127 Patientinnen und Patienten: Mehr als 80 Prozent, die diese Spritzen erhielten, hatten innerhalb von zwölf Wochen mindestens die Hälfte des Haares zurück. Die Intervalle liegen meist bei vier bis sechs Wochen. Wegen der Schmerzhaftigkeit bleibt das Verfahren in der Regel Erwachsenen vorbehalten. Kinder unter zehn Jahren bekommen eher Kortison zum Auftragen, oft gefolgt von Minoxidil.
| Ansatz | Wofür geprüft | Was die Daten hergeben | Typische Nutzung |
|---|---|---|---|
| Roher Zwiebelsaft | fleckige Alopecia areata | eine offene Kontrolle 2002, 23 gegen 15 Personen | zweimal täglich, zwei Monate, keine Standardstärke |
| Minoxidil lokal | erblicher Verlust, Erhalt nach AA | zugelassen; Nutzen oft erst nach sechs Monaten | Frauen 1×, Männer 2× täglich, dauerhaft |
| Kortison-Injektion | wenige AA-Herde | AAD: Studie 127, über 80 % halbes Nachwachsen in 12 Wochen | alle 4–6 Wochen in der Praxis |
| Baricitinib oral | schwere AA, ≥50 % Kopfhautverlust | EMA: 34 % gegen 4 % Placebo mit unter 20 % kahler Kopfhaut nach 36 Wochen | nur nach Indikation, Infektionsüberwachung |
Kein Eintrag in dieser Tabelle heilt die Krankheit. Die Cleveland Clinic schreibt für Alopecia areata klar: Medikamente steuern den Verlust, sie beseitigen die Autoimmunlage nicht.
Was sich seit 2018 bei schwerer Alopecia areata geändert hat
Seit 2018 hat sich die Therapie der schweren Alopecia areata grundlegend verschoben, der Status von Zwiebelsaft nicht. 2018 gab es kein zugelassenes systemisches Arzneimittel gegen diese Autoimmunform. Am 13. Juni 2022 ließ die FDA Baricitinib (Olumiant) als erstes Systemmittel für Erwachsene mit schwerer Alopecia areata zu. Die Europäische Arzneimittelagentur führt denselben Wirkstoff heute für schwere Alopecia areata bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren.
Zwei Zulassungsstudien mit zusammen rund 1200 Erwachsenen, die mindestens die Hälfte ihrer Kopfhaare verloren hatten, maßen nach 36 Wochen den Anteil mit mindestens 80 Prozent Kopfhautbedeckung. In der ersten Studie erreichten das 22 Prozent unter 2 mg und 35 Prozent unter 4 mg Baricitinib gegen 5 Prozent unter Scheinmedikament; in der zweiten 17 und 32 Prozent gegen 3 Prozent. Die EMA fasst die 4-Milligramm-Dosis so: Bei 34 Prozent sank der Haarverlust von über 50 auf unter 20 Prozent der Kopfhaut, unter Placebo bei 4 Prozent.
Die AAD (Aktualisierung 22. August 2024) nennt inzwischen drei zugelassene Januskinase-Hemmer. Baricitinib einmal täglich für Erwachsene, Deuruxolitinib zweimal täglich für Erwachsene, Ritlecitinib einmal täglich für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren mit ausgedehntem Verlust. Viele Studien zeigen demnach mindestens 50 Prozent Nachwachsen; Augenbrauen und Wimpern können mitkommen. Das sind Immunmodulatoren mit eingerahmtem Warnhinweis zu Infektionen, Thrombosen, Krebs und Herz-Kreislauf-Ereignissen, nicht Hausmittel.
Zwiebelsaft taucht in diesen Texten nicht auf. Wer 2018 las, der Saft sei eine „mögliche natürliche Option“, liest 2026 eine andere Landschaft: Für schwere Autoimmunformen gibt es geprüfte Tabletten. Für milde fleckige Formen bleibt Abwarten oder lokales Kortison die erste ärztliche Linie, nicht die Küche.
Wie der Saft in der Studie benutzt wurde
Eine geprüfte Dosis, Konzentration oder Einwirkzeit für Zwiebelsaft gibt es nicht. Sharquie und Al-Obaidi ließen „rohen Zwiebelsaft“ zweimal täglich zwei Monate lang auftragen; Rezept, Milliliter und Waschabstand stehen in der veröffentlichten Kurzfassung nicht.
Selbst gepresster Saft schwankt mit Sorte, Reife und Gerät. Fertigextrakte aus dem Netz unterliegen keiner Arzneimittelprüfung. Hosking und Kollegen betonen genau diesen Mangel an Standardisierung bei pflanzlichen Haarprodukten. Wer trotzdem ausprobiert, testet ein ungeregeltes Reizmittel, kein Medikament.
Kinder waren in der irakischen Arbeit vertreten, bis hinunter zum Vorschulalter in der Kontrolle. Das rechtfertigt keine Heimanwendung bei Minderjährigen. Die AAD behandelt Kinder unter zehn Jahren bei Bedarf mit Kortison zum Auftragen und hält viele milde Verläufe für selbstlimitierend. Roher Zwiebelbrei auf der kindlichen Kopfhaut, nahe den Augen, ist kein sinnvoller Kompromiss.
Ätherische Öle, Zitronensaft oder Rosenwasser als Geruchsdecke stammen nicht aus der Studie. Rosmarinöl wurde in einer anderen, kleinen Vergleichsarbeit gegen 2-prozentiges Minoxidil geprüft und in der Hosking-Übersicht als mögliche Alternative bei erblichem Verlust diskutiert. Das ist ein eigener, ebenfalls begrenzter Datensatz, kein Freibrief, Öl in Zwiebel zu mischen. Duftstoffe selbst können ein Kontaktekzem auslösen.

Welche Reizungen und Allergien möglich sind
Zwiebelsaft kann die Kopfhaut röten, jucken oder brennen und bei Sensibilisierten ein echtes Kontaktekzem auslösen. Wer bereits auf Zwiebel, Knoblauch, Schnittlauch oder Lauch reagiert, sollte den Saft nicht auftragen.
Eine allergologische Arbeit von Albanesi und Kollegen (2019) hält fest, dass der Umgang mit Zwiebeln Kontaktdermatitis, Nasen- und Augenreizung sowie Asthma auslösen kann. Kreuzreaktionen innerhalb der Allioideae sind beschrieben. Schwere Sofortreaktionen nach dem Essen gekochter Zwiebel sind selten, aber dokumentiert; thermostabile Lipidtransferproteine (All c 3) bleiben nach Hitze aktiv. Was für den Mund gilt, gilt erst recht für verletzte oder geriebene Kopfhaut.
Die Hosking-Übersicht nennt als häufigste Beschwerde der Zwiebelstudie den Geruch. Geruch ist kein medizinischer Schaden, beendet aber oft die Anwendung, weil die Studie zweimal tägliches Auftragen über Wochen verlangte. Augenkontakt brennt; Spülen mit klarem Wasser und, bei anhaltender Rötung, eine augenärztliche Klärung sind dann nötig.
Rote, schuppende, schmerzende Kopfhaut nach dem ersten Auftrag ist ein Stoppsignal, kein „Anzeichen, dass es wirkt“. Die AAD unterscheidet Reizung von einer Infektion (Rötung, Schwellung, eitrige Punkte). Wer nach einem Hausversuch nässende Stellen, Fieber oder starkes Anschwellen der Lymphknoten bemerkt, gehört in die Praxis, nicht in die nächste Zwiebelpresse.
Wann Haarausfall in die Sprechstunde gehört
Plötzlicher, fleckiger oder schmerzhafter Haarausfall gehört zum Arzt, bevor irgendetwas auf die Kopfhaut kommt. Die Mayo Clinic rät zur Abklärung, wenn der Verlust belastet, wenn Büschel in Kamm oder Dusche auffallen oder wenn bei Frauen die Stirnlinie zurückweicht.
Die Cleveland Clinic nennt Brennen, Jucken oder Reizung der Kopfhaut, übermäßiges tägliches Haaren, Haarverlust an Kopf und Körper zugleich sowie den plötzlichen Verlust großer Mengen. MedlinePlus ergänzt ungewöhnliche Muster, frühen Beginn in Teenagerjahren, rotes oder schuppiges Hautfeld, Infektzeichen, kahle Stellen in Bart oder Augenbrauen sowie Hinweise auf eine Schilddrüsenlage (Kälteintoleranz, Gewichtszunahme, Müdigkeit, Muskelschwäche).
Das Merck Manual stuft Haarausfall plus Zeichen einer Systemerkrankung als zügig abklärungsbedürftig ein. Frauen mit Vermännlichung (tiefere Stimme, Bartwuchs, unregelmäßige Periode, Akne, kleiner werdende Brüste) sollen zeitnah vorsprechen, weil ein Androgenüberschuss, selten ein Tumor, dahinterstecken kann. Der NHS rät, zuerst die Hausarztpraxis zu fragen und nicht direkt eine kommerzielle Haarklinik.
In der Sprechstunde reichen oft Anamnese und Blick auf Kopfhaut und Nägel. Die AAD beschreibt Zugtest, Dermatoskop, gelegentlich Blut auf Eisen und Schilddrüse, selten eine Biopsie. Alopecia areata kann Nagelgrübchen hinterlassen; das gehört zur Krankheit, nicht zum Saft. Wer erst Wochen Hausmittel ausprobiert, verzögert genau diese Einordnung und, bei vernarbenden Formen, die Chance, Follikel zu retten.
Was zu Hause sinnvoller ist als Zwiebelsaft
Sinnvoll zu Hause ist schonendes Haarverhalten, ausreichend Eiweiß und Eisen in der normalen Kost und das Weglassen von Zugfrisuren, nicht das Pressen von Zwiebeln. Die Cleveland Clinic nennt kalorien- und eiweißarme Phasen sowie Eisenmangel als vermeidbare Mitursachen; straffe Zöpfe und scharfe Dauerwellen gehören auf die Vermeidungsliste.
Die AAD warnt vor Biotintabletten ohne Laborbeleg. Ein Mangel ist in ausgewogener Ernährung selten; hohe Dosen können Schilddrüsen- und andere Labortests stören, wie die Hosking-Übersicht ausführt. Eisen oder Zink nur bei nachgewiesenem Defizit, sonst droht eher Schaden als dichteres Haar.
Nach Geburt, hohem Fieber oder größerer Operation darf man oft drei bis sechs Monate warten: Telogenes Effluvium ebbt häufig von selbst ab. Minoxidil kann laut Merck Manual manchen Betroffenen zusätzlich helfen, ersetzt aber nicht die Suche nach einem bleibenden Auslöser, etwa einem neuen Medikament.
Kosmetik (Volumenprodukte, Perücke, rasierte Kontur) ändert die Diagnose nicht, mindert aber den Alltagsschaden, während eine Therapie anläuft. Der NHS erinnert, dass kein Mittel zu 100 Prozent wirkt und dass viele Verluste entweder vorübergehen oder zum Altern gehören. Wer trotz dieser Nüchternheit den Küchensaft versucht, sollte das der Ärztin sagen, damit Reizung nicht als neue Krankheit fehlgedeutet wird.
Häufige Fragen
Hilft Zwiebelsaft wirklich gegen Haarausfall?
Ein belastbarer Beleg fehlt. Eine offene Studie von 2002 fand bei fleckiger Alopecia areata häufiger Nachwachsen als unter Leitungswasser, umfasste aber nur 23 behandelte Personen und war weder zufällig zugeteilt noch verblindet. Leitlinien der AAD und des NHS erwähnen den Saft nicht.
Kann Zwiebelsaft bei erblichem Haarausfall helfen?
Das ist nicht geprüft. Sharquie und Al-Obaidi untersuchten nur kreisrunden, autoimmunen Verlust, nicht die androgenetische Alopezie. Für Geheimratsecken und scheitelbreites Ausdünnen bleiben Minoxidil und, bei Männern, Finasterid die Mittel mit Zulassung.
Wie lange müsste man den Saft auftragen?
Die Studie ließ zweimal täglich über zwei Monate auftragen; eine kürzere oder längere Dauer wurde nicht getestet. Weil Konzentration und Einwirkzeit fehlen, gibt es keine medizinisch begründete Kur. Wer nach wenigen Tagen Rötung oder Juckreiz bemerkt, sollte stoppen.
Ist Zwiebelsaft auf der Kopfhaut gefährlich?
Bei Allium-Allergie ja, und auch ohne Allergie kann er reizen. Kontakt mit Zwiebel kann Ekzem, Schnupfen und Asthma auslösen; der Saft gehört nicht ins Auge. Schwere Allgemeinreaktionen nach dem Essen sind selten, aber beschrieben.
Was wirkt besser als Zwiebelsaft?
Je nach Diagnose: Minoxidil über Monate, bei wenigen AA-Herden Kortisoninjektionen, bei schwerer Alopecia areata seit 2022 zugelassene Januskinase-Hemmer. Die AAD nennt für Injektionen in einer Arbeit mit 127 Personen bei über 80 Prozent mindestens halbes Nachwachsen innerhalb von zwölf Wochen.
Sollen Kinder Zwiebelsaft auf die Kopfhaut bekommen?
Nein als Hausversuch. Die AAD behandelt junge Kinder bei Bedarf mit Kortison zum Auftragen und beobachtet milde Herde oft nur. Die Zwiebelstudie schloss Minderjährige ein, liefert aber kein Sicherheitsprogramm für zu Hause.
Wann muss ich mit Haarausfall zum Arzt?
Bei plötzlichem oder fleckigem Verlust, Schmerzen, Juckreiz, roter oder schuppiger Kopfhaut, Haarverlust an Körper oder Brauen und bei Frauen mit Zeichen eines Androgenüberschusses. Die Mayo Clinic und das Merck Manual sehen darin Gründe, nicht abzuwarten.

Fazit
Zwiebelsaft bleibt ein ungeregeltes Reizmittel mit einer einzigen, methodisch schwachen Studie bei fleckiger Alopecia areata. Schwefel in der Zwiebel erklärt kein Nachwachsen, und für erblichen Verlust, telogenes Effluvium oder vernarbende Formen fehlt jede Prüfung. Wer 2018 noch „kann man versuchen“ las, findet 2026 dasselbe dünne Fundament und daneben eine völlig neue Arzneimittelklasse für schwere Autoimmunformen.
Der nächste sinnvolle Schritt ist die Einordnung, nicht die Küche. Plötzliche Büschel, runde Inseln, schmerzende oder schuppige Kopfhaut und Virilisierungszeichen bei Frauen gehören in die Sprechstunde. Dort entscheiden Blickdiagnose, Zugtest und bei Bedarf Blutwerte, ob Abwarten, Minoxidil, Kortison oder ein Januskinase-Hemmer passt.
Wer trotz Aufklärung den Saft testet, sollte Allium-Allergie ausschließen, die Augen schützen und bei Rötung sofort aufhören. Das ersetzt keine Therapie und verzögert sie, wenn man darüber die Ursache verschleppt.
Quellen
- Sharquie KE, Al-Obaidi HK: Onion juice (Allium cepa L.), a new topical treatment for alopecia areata. The Journal of Dermatology, Juni 2002.
- Hosking AM, Juhasz M, Atanaskova Mesinkovska N: Complementary and Alternative Treatments for Alopecia: A Comprehensive Review. Skin Appendage Disorders, 21. August 2018.
- American Academy of Dermatology: Hair loss types: Alopecia areata diagnosis and treatment. American Academy of Dermatology, 22. August 2024.
- American Academy of Dermatology: Hair loss: Diagnosis and treatment. American Academy of Dermatology, 13. Dezember 2022.
- Mayo Clinic Staff: Hair loss – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 7. Februar 2026.
- Mayo Clinic Staff: Hair loss – Diagnosis and treatment. Mayo Clinic, 7. Februar 2026.
- Cleveland Clinic: Hair Loss: Causes, Treatments and Prevention Options. Cleveland Clinic, 26. August 2021.
- Cleveland Clinic: Alopecia Areata: Symptoms, Causes, Treatment & Regrowth. Cleveland Clinic, 30. August 2023.
- NHS: Hair loss – NHS. National Health Service, 24. Januar 2024.
- Levinbook WS: Alopecia (Hair Loss). Merck Manual Consumer Version, Stand: Oktober 2025.
- European Medicines Agency: Olumiant (baricitinib). European Medicines Agency, Stand: 28. Mai 2026.
- Albanesi M, Rossi MP, et al.: Immunological characterization of onion (Allium cepa) allergy. Postepy Dermatologii i Alergologii, 22. Februar 2019.
