Vitaminpräparat gegen Hörverlust bleibt unbewiesen

Vitaminpräparat gegen Hörverlust bleibt unbewiesen

Ein Vitaminpräparat verhindert Hörverlust beim Menschen nicht nachweislich. Nikotinamid-Ribosid, ein Vorläufer von Vitamin B3, schützte in Mäuseversuchen vor Lärmschaden und bremste später auch die altersbedingte Verschlechterung, übertrug sich aber nicht in eine geprüfte Therapie. Wer nach einem Konzert, auf der Baustelle oder mit leiser werdendem Fernseher eine Kapsel sucht, findet 2026 keinen Beleg, der den Gehörschutz ersetzen dürfte.

Lärmschwerhörigkeit bleibt die Form, die sich vermeiden lässt, wenn Pegel, Dauer und Abstand stimmen. Das US-Hörforschungsinstitut NIDCD nennt Töne bis etwa 70 Dezibel (A) auch bei langer Einwirkung als unproblematisch, warnt aber vor wiederholtem Schall ab 85 Dezibel. Plötzlicher Verlust, besonders auf einem Ohr, gehört laut Mayo-Klinik und NIDCD in die Notaufnahme oder zur Hals-Nasen-Ohren-Ärztin, nicht in die Drogerie.

Kann ein Vitaminpräparat Hörverlust verhindern?

Nein, für den Menschen ist das nicht belegt. Weder die Fachseite des NIDCD zur Lärmschwerhörigkeit noch die Präventionsseiten der US-Arbeitsschutzbehörde NIOSH nennen eine Vitaminkapsel als Schutzmaßnahme. Die Weltgesundheitsorganisation listet Ernährungsmängel als einen von vielen Lebenslauffaktoren, empfiehlt aber Impfungen, sicheres Hören und Lärmprogramme am Arbeitsplatz, nicht eine hochdosierte Tablette.

Die alte Hoffnung hing an einer einzigen Substanzklasse. Nikotinamid-Ribosid (NR) liefert Bausteine für das Coenzym NAD+, das in Mitochondrien und bei der Reparatur von Nervenfortsätzen mitwirkt. Brown, Jaffrey und Kollegen zeigten 2014 in Cell Metabolism, dass NR bei Mäusen den NAD+-Abfall in der Hörschnecke nach Lärm dämpfte und die Hörschwellen schonte. Das war ein sauberer Tierbefund, kein Rezept für Konzertgänger.

Eine Metaanalyse in Frontiers in Nutrition vom Mai 2025 wertete 33 Beobachtungsarbeiten zur Ernährung und zum Hören aus. Für Vitamin B3 lag das gepoolte Chancenverhältnis bei 0,992, statistisch ohne Zusammenhang. Wer also „B-Vitamine für die Ohren“ kauft, stützt sich nicht auf diesen Überblick. Schwache inverse Signale gab es für Riboflavin, Beta-Carotin, Protein, Ballaststoffe und Fisch, jeweils aus Beobachtung, ohne Nachweis, dass eine Pille denselben Effekt erzeugt.

Die Mayo-Klinik schreibt klar, dass verschlissene Haarzellen und Nervenendigungen im Innenohr Signale schlecht weiterleiten und dass man Gehör meist nicht zurückgewinnt. Hörgeräte und Implantate verstärken oder umgehen den Schaden. Eine Kapsel heilt ihn nicht. Wer dennoch NR schluckt, weil Stoffwechselstudien die Verträglichkeit prüften, behandelt eine andere Frage als den Hörschutz.

Mann mit Hörverlust

Was zeigte die Mausstudie zu Nikotinamid-Ribosid?

Sie zeigte einen Schutz vor Lärmschwerhörigkeit bei Nagern, abhängig vom mitochondrialen Enzym SIRT3. Die Tiere hörten zwei Stunden 90 Dezibel in einem Oktavband. Unbehandelte Wildtyp-Mäuse verloren vor allem hohe Frequenzen, messbar als bleibende Schwellenverschiebung nach 14 Tagen. NR, intraperitoneal 1000 Milligramm pro Kilogramm zweimal täglich, verringerte den vorübergehenden und den bleibenden Verlust, auch wenn die Gabe erst nach dem Lärm begann.

Der Mechanismus betraf die Synapsen zwischen inneren Haarzellen und den Fortsätzen des Spiralganglions. Nach Lärm ziehen sich diese Neuriten zurück, die Verbindung reißt, die Hörinformation kommt lückenhaft im Hirnstamm an. NR-behandelte Tiere behielten den Kontakt. Mäuse ohne SIRT3 verloren den Schutz, Tiere mit künstlich erhöhtem SIRT3 waren von sich aus widerstandsfähig. Genetisch stabilisiertes NAD+ in WldS-Mäusen wirkte ähnlich und brauchte ebenfalls SIRT3.

Diese Dosis lag weit über dem, was Menschen als Nahrungsergänzung schlucken. Eine Umrechnung ins Kilogramm Körpergewicht wäre unseriös, weil der Stoff intraperitoneal und in einem lärmempfindlichen Mausstamm gegeben wurde. Brown und Kollegen selbst formulierten 2014 eine klinische Hoffnung, keine Zulassung. Das US-Patent zur Anwendung gegen Hörverlust erschien 2018, eine abgeschlossene Wirksamkeitsstudie am Menschen mit Hörschwellen als Endpunkt ist in den hier geprüften Quellen nicht beschrieben.

Ältere Pressetexte verknüpften SIRT3 außerdem mit Stoffwechselsyndrom und Bluthochdruck in der Lunge. Das blieb eine Spekulation der Autorengruppe, kein Hörbefund. Für Leserinnen zählt nur der enge Satz: In Mäusen kann NR Lärmschaden an den Synapsen mindern, wenn SIRT3 funktioniert. Ob dasselbe im menschlichen Innenohr passiert, weiß niemand.

Hat sich der Stand seit 2018 geändert?

Die Mauslage ist dichter geworden, die Menschlage nicht. Okur, Bohr und Kollegen berichteten 2023 in Aging Cell, dass langes NR-Futter in zwei Wildtyp-Stämmen die altersbedingte Schwerhörigkeit, vor allem bei hohen Tönen, verlangsamte. NAD+ in der alten Hörschnecke stieg wieder. Bändchensynapsen zwischen Haarzellen und Hörnerven blieben häufiger paarig, „verwaiste“ Bändchen in der Basis nahmen ab. Äußere Haarzellen, gemessen über Distorsionsprodukte, profitierten kaum.

Das verschiebt die Geschichte. 2014 ging es um akuten Lärm, 2023 um Jahre des Alterns. Beide Arbeiten bleiben präklinisch. Okur schreibt ausdrücklich, dass es keine zugelassene Vorbeugung der Altersschwerhörigkeit gibt und dass NR wegen der bisherigen Verträglichkeit ein Kandidat für lange Gaben wäre. Ein Kandidat ist kein Beleg am Ohr des Menschen.

Auf der Leitlinienseite hat sich der Alltagsschutz verschärft, nicht die Vitaminempfehlung. NIOSH hält den empfohlenen Grenzwert von 85 A-bewerteten Dezibel über acht Stunden fest. Im Januar 2025 ersetzte die Behörde die alte Abschlagsregel für die Packungsangabe von Kapseln und Stöpseln durch die Forderung, die Dämpfung am einzelnen Ohr zu messen. Wer bisher die Zahl auf der Schachtel halbierte, soll jetzt prüfen, ob der Stöpsel wirklich sitzt.

Die Fachgesellschaft der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte in den USA aktualisierte 2019 die Leitlinie zum Hörsturz. Steroide dürfen in den ersten zwei Wochen angeboten werden, Nachspritzen hinter das Trommelfell nach unvollständiger Erholung. Virostatika, Thrombolytika, gefäßerweiternde und gefäßaktive Stoffe sollen nicht routinemäßig gegeben werden. Vitamine stehen in den Kernaussagen nicht als Therapie. Wer 2018 las, eine B3-Vorstufe könne Lärm „verhindern“, liest 2026 denselben Mausbefund plus eine zweite Nagerarbeit, aber keine neue Humanempfehlung.

Wie zerstört Lärm das Innenohr?

Lärm tötet oder entkoppelt die Sinneszellen, die Schall in Nervensignale übersetzen. Schallwellen versetzen das Trommelfell und die Gehörknöchelchen, die Flüssigkeit in der Hörschnecke gerät in Bewegung, Stereozilien auf den Haarzellen knicken, Ionenkanäle öffnen sich. Das NIDCD betont, dass menschliche Haarzellen nicht nachwachsen. Vögel können das, wir nicht. Was stirbt, bleibt weg.

Nicht jeder Schaden ist ein totes Härchen. Bereits mäßiger Lärm kann die Synapse zwischen innerer Haarzelle und Hörnerv zerreißen, während das Tonaudiogramm sich erholt. Brown zitiert diese synaptische Verletzung als frühen Schritt. Glutamat aus den Haarzellen überreizt die Neuriten, Mitochondrien setzen Sauerstoffradikale frei, NAD+ in der Schnecke fällt. Genau dort setzte NR bei der Maus an. Beim Menschen beschreibt das NIDCD, dass ein vorübergehendes Dumpfhören nach 16 bis 48 Stunden weichen kann und trotzdem ein Restschaden denkbar bleibt.

Einmaliger Knall trifft anders als Schichtlärm. Schüsse und Explosionen können Trommelfell und Knöchelchenkette zerreißen, der Verlust ist dann sofort und oft bleibend. Rasenmäher, Kreissägen, Kneipen und Kopfhörer auf Anschlag wirken langsamer. Das NIDCD nennt für Gespräche 60 bis 70 Dezibel, für Kinos 74 bis 104, für Motorräder 80 bis 110, für volle Kopfhörer, Stadien und Konzerte 94 bis 110, für Sirenen 110 bis 129, für Feuerwerk 140 bis 160. Abstand und Dauer entscheiden mit. Die Faustregel der Behörde lautet, Töne zu meiden, die zu laut, zu nah oder zu lang sind.

Tinnitus, das Pfeifen oder Rauschen, begleitet oft den Lärmschaden. Es kann abklingen oder Jahre bleiben. Wer nach der Schicht das Autoradio lauter dreht als morgens, hat ein Warnzeichen, das NIOSH ausdrücklich nennt. Gehörschutz in dieser Minute nützt mehr als jede Kapsel am nächsten Morgen.

Was zeigen Ernährungsstudien beim Menschen?

Sie zeigen Zusammenhänge, keine Kapselwirkung. Lu und Kollegen fassten 2025 Beobachtungsstudien zusammen. Höhere Zufuhr von Vitamin B2 (Chancenverhältnis 0,835), Beta-Carotin (0,932), bestimmten Carotinoiden, Protein (0,87), Ballaststoffen (0,923) und Fisch (0,868) hing mit weniger Hörverlust zusammen. Vitamin C, Vitamin E und Vitamin A blieben insgesamt ohne klares Signal. Die Autoren selbst schreiben, dass Kausalität fehlt und die Erfassung von Kost und Gehör stark streut.

Eine ältere, sehr große Kohorte schärft das Bild und warnt vor Megadosen. Curhan und Kollegen verfolgten 65.521 Frauen der Nurses’ Health Study II von 1991 bis 2009. Nach über einer Million Personenjahren und 12.789 neuen Selbstangaben zu Hörproblemen lag das Risiko im obersten Fünftel der Beta-Carotin-Zufuhr bei einem Relativen Risiko von 0,88 gegenüber dem untersten, für Beta-Cryptoxanthin bei 0,90. Sehr wenig Folat unter 200 Mikrogramm pro Tag hing mit einem Risiko von 1,19 zusammen. Vitamin C von 1000 Milligramm oder mehr, meist aus Präparaten, hing mit einem Risiko von 1,22 zusammen. Mehr war hier nicht besser.

Das passt zu einer nüchternen Lesart. Wer viel Gemüse, Eiweiß und Seefisch isst, hat oft auch weniger Gefäßrisiko, weniger Rauchen, andere Berufe. Die Kost kann das Innenohr über Durchblutung und oxidativen Stress mitprägen, ohne dass eine einzelne Tablette denselben Weg geht. Die Metaanalyse 2025 fand für Vitamin B3 gerade keinen Schutz. NR ist ein B3-Verwandter, kein Gegenbeweis zu diesem Nullergebnis, weil NR in den ausgewerteten Koststudien nicht als Hörmittel geprüft wurde.

WHO nennt Ernährungsmängel als Faktor über die Lebensspanne. Das meint Mangel, nicht die Hochdosis aus dem Sportregal. Ein ausgeglichener Teller kann Teil der allgemeinen Vorsorge sein. Er ersetzt weder Stöpsel noch die Abklärung eines Hörsturzes.

Welche Lärmgrenzen gelten wirklich?

Die Grenze, die den Arbeitsschutz in den USA trägt, bleibt 85 A-bewertete Dezibel, gemittelt über acht Stunden. NIOSH empfiehlt, den Pegel darunter zu drücken, bevor Programme mit Tests und Kapseln greifen. Steigt der Schall um drei Dezibel, soll die erlaubte Dauer halbiert werden. Wer schreien muss, um in einem Meter Abstand verstanden zu werden, liegt oft schon im gefährlichen Bereich. Rasenmäher, Druckmaschinen und viele Elektrowerkzeuge sitzen um 85 bis 90 Dezibel, Kettensägen, Clubs und große Stadien eher bei 95 und darüber.

Die Rangfolge der Maßnahmen ist fest. Zuerst die Quelle entfernen oder leiser machen, dann den Arbeitsplatz trennen, dann Schichten und Pausen steuern, erst zuletzt persönliche Schutzausrüstung. NIOSH verlangt Gehörschutz, sobald 85 Dezibel überschritten werden, unabhängig von der Einwirkdauer, wenn andere Wege nicht reichen. Seit Januar 2025 soll die Dämpfung am Ohr gemessen werden, nicht aus der Packungszahl mit einem pauschalen Abschlag geschätzt werden. Ein Stöpsel, der undicht sitzt, täuscht Sicherheit vor.

Für Freizeit gilt dieselbe Physik ohne Betriebsarzt. Das NIDCD zählt Schießstände, Motorschlitten, laute Kopfhörer, Bands und Konzerte zu den typischen Risiken, dazu Rasenmäher und Laubbläser zu Hause. Kinder, die sich nicht selbst schützen können, brauchen fremde Stöpsel. Die WHO schätzt, dass über eine Milliarde junge Erwachsene durch unsicheres Hören dauerhaften, vermeidbaren Schaden riskieren. Bis 2050 könnten rund 2,5 Milliarden Menschen irgendeinen Hörverlust haben, mehr als 700 Millionen eine behandlungsbedürftige Minderung.

Maßnahme Was belegt ist Was offen bleibt
Pegel unter 85 dBA senken NIOSH und CDC 2024 nennen das als besten Arbeitsschutz gilt nicht automatisch für jeden Freizeitknall
Stöpsel und Kapseln prüfen NIOSH 2025 fordert Messung am einzelnen Ohr Packungszahl allein überschätzt oft den Schutz
Kopfhörer leiser, Pausen NIDCD warnt vor Dauer ab 85 dBA, 70 dBA gilt als unkritisch individuelle Empfindlichkeit schwankt
Gemüse, Eiweiß, Fisch Beobachtung 2015 und 2025 mit schwächerem Risiko kein Beweis, dass eine Pille denselben Nutzen bringt
Nikotinamid-Ribosid Mäuse 2014 gegen Lärm, 2023 gegen Altersschwerhörigkeit keine Humanstudie mit Hörschwelle als Ziel
Hörsturz behandeln Steroide möglich laut Leitlinie 2019, Zeitfenster Wochen Vitamine gehören nicht zu den Kernaussagen

Drei Alltagsschritte lassen sich ohne Rezept umsetzen.

  • Wer auf Armlänge schreien muss, um verstanden zu werden, soll den Ort verlassen oder dichte Stöpsel setzen, bevor die Schicht oder das Konzert weiterläuft.
  • Nach dumpfem Hören oder neuem Pfeifen gehört eine Hörprüfung auf die Liste, nicht erst wenn Gespräche im Restaurant scheitern.
  • Kinderlärmquellen wie Feuerwerk und laute Kopfhörer brauchen fremde Kontrolle, weil Schäden sich erst Jahre später zeigen.

Wann zum Arzt bei Hörverlust?

Plötzlicher Verlust, vor allem auf einem Ohr, ist ein Notfall. Die Mayo-Klinik fordert sofortige Hilfe. Das NIDCD spricht von einem medizinischen Notfall, weil viele Betroffene Allergie, Nasennebenhöhle oder Ohrenschmalz vermuten und Tage verlieren. Etwa die Hälfte erholt sich in ein bis zwei Wochen von selbst, verspätete Behandlung senkt aber die Chance, wenn eine Therapie nötig ist. Die US-Leitlinie 2019 verlangt eine Tonaudiometrie möglichst innerhalb von 14 Tagen nach Beginn.

Ein Hörsturz im engeren Sinn bedeutet oft mindestens 30 Dezibel Verlust in drei benachbarten Frequenzen innerhalb von 72 Stunden. Sprache klingt dann wie Flüstern. Manche wachen so auf, andere hören vorher einen Knall, viele haben Völlegefühl, Schwindel oder Tinnitus. Schwindel begleitet 30 bis 60 Prozent der Fälle, schreibt die Fachgesellschaft. Rund 90 Prozent bleiben ohne klare Ursache. Die Inzidenz liegt zwischen 5 und 27 pro 100.000 Menschen und Jahr, in den USA schätzt man etwa 66.000 neue Fälle. Das NIDCD nennt ein bis sechs Betroffene auf 5000 pro Jahr und das häufigste Alter Ende 40 bis Anfang 50.

Cortison ist die übliche erste Wahl, wenn keine andere Ursache feststeht. Das NIDCD rät, so früh wie möglich zu beginnen, auch bevor alle Zusatztests da sind. Eine Verzögerung von mehr als zwei bis vier Wochen macht eine Erholung unwahrscheinlicher. Seit einer NIDCD-gestützten Studie 2011 gelten Spritzen durch das Trommelfell als vergleichbar wirksam zur Tablette und als Ausweg, wenn Tabletten nicht gehen. Die Leitlinie 2019 erlaubt systemische Steroide in den ersten zwei Wochen und empfiehlt Nachspritzen bei unvollständiger Erholung nach zwei bis sechs Wochen. Druckkammer plus Steroid darf erwogen werden. Routinelabor und Schädel-CT ohne speziellen Grund sollen unterbleiben, ein MRT oder eine Hirnstammaudiometrie soll Tumoren am Hörnerv suchen.

Langsamer Verlust im Alter ist ein anderes Tempo. Etwa jede dritte Person zwischen 65 und 74 Jahren in den USA hat Hörverlust, jenseits von 75 fast jede zweite, schreibt das NIDCD. Die Mayo-Klinik nennt dieselbe Größenordnung. Hier zählt die Hausärztin, die HNO-Praxis und die Audiologie, nicht die Notaufnahme. Hörgeräte gibt es in den USA für milde bis mittlere Fälle seit 2022 auch ohne Rezept; wer laute Töne trotzdem nicht versteht, braucht Fachleute.

Welche Risiken haben Vitamin-B3-Präparate?

Hochdosiertes Niacin ist kein harmloser Hörschutz. Das Office of Dietary Supplements der NIH setzt die empfohlene Zufuhr für Erwachsene auf 16 Milligramm-Äquivalente bei Männern und 14 bei Frauen. Die tolerierbare Obergrenze für ergänztes Niacin liegt bei 35 Milligramm täglich und stützt sich auf Hautrötung durch Nikotinsäure. Schon 30 bis 50 Milligramm Nikotinsäure lösen bei vielen eine Hautrötung mit Brennen und Jucken aus. Grammdosen, wie sie früher gegen Blutfette genutzt wurden, können Leberwerte treiben, den Zuckerhaushalt stören, den Blutdruck senken und Sehstörungen auslösen.

Nikotinamid löst seltener Hautrötung aus, kann aber in sehr hohen Mengen Übelkeit und Leberschäden machen. Die Obergrenze gilt laut ODS trotzdem für beide Formen, außer wenn eine Ärztin die Gabe überwacht. Natürliches Niacin in Fleisch, Fisch, Getreide und Hülsenfrüchten hat diese Toxizität nicht. Die meisten Menschen in den ausgewerteten US-Erhebungen liegen mit der Kost bereits über der Empfehlung.

NR ist ein verwandter B3-Körper, wird aber oft nicht als klassisches Niacin verkauft. Die FDA antwortete 2016 auf die GRAS-Mitteilung GRN 000635 ohne Einwände zur Verwendung als B3-Quelle in bestimmten Getränken und Riegeln, nicht als Hörarzneimittel. Die Firma schätzte die mittlere Zufuhr aus diesen Lebensmitteln auf 51 Milligramm pro Tag, im 90. Perzentil auf 145. Eine eigene Hörzulassung steckt darin nicht. Die Behörde wies sogar darauf hin, dass gesundheitsbezogene Werbeaussagen ein getrenntes Etikettenrecht betreffen.

Wer NR schluckt, weil Mäuse Ohren schützten, nimmt also ein Lebensmittel- oder Supplementthema und hängt einen unbewiesenen Nutzen daran. Wechselwirkungen von hochdosiertem Niacin mit Statinen, Diabetesmitteln und Blutdrucksenkern gehören in ein ärztliches Gespräch, nicht in einen Forenrat. Schwangere, Stillende und Kinder waren in der GRAS-Anzeige für NR-haltige Lebensmittel ausdrücklich nicht die Zielgruppe der Säuglings- und Kleinkindnahrung.

Häufige Fragen

Hilft Vitamin B3 gegen Hörverlust?

Ein Schutz durch Vitamin B3 ist beim Menschen nicht belegt. Die Metaanalyse 2025 fand für Niacin keinen Zusammenhang mit weniger Hörverlust. NR, ein B3-Vorläufer, wirkte in Mäusen, nicht in einer geprüften Humanstudie zum Hören.

Kann ich nach einem Konzert eine Kapsel nehmen?

Eine Kapsel ersetzt weder Ruhe noch Abklärung. Bei Mäusen half NR auch nach Lärm, die Dosis und der Verabreichungsweg lassen sich nicht auf ein Festival übertragen. Dumpfes Hören, das bleibt, oder ein einseitiger Einbruch gehört zur Ärztin, nicht ins Regal.

Schützen Antioxidantien das Gehör zuverlässig?

Zuverlässig tun sie das nicht. Höhere Zufuhr mancher Carotinoide hing in Kohorten mit etwas weniger selbstberichteten Hörproblemen zusammen, sehr hohe Vitamin-C-Dosen eher mit mehr. Eine Pille mit „Antioxidans“ ist daraus nicht ableitbar.

Ab welchem Pegel wird Lärm gefährlich?

Wiederholter Schall ab 85 A-bewerteten Dezibel kann das Gehör dauerhaft schädigen, schreibt das NIDCD. Bis etwa 70 Dezibel gilt selbst lange Einwirkung als unproblematisch. Drei Dezibel mehr halbieren nach NIOSH die vertretbare Dauer.

Ist ein plötzlicher Hörverlust ein Notfall?

Ja, besonders wenn ein Ohr betroffen ist. Das NIDCD und die Mayo-Klinik verlangen sofortigen Kontakt, weil Cortison ein Zeitfenster von Tagen bis wenigen Wochen hat. Warten auf Allergietabletten kostet oft die bessere Prognose.

Soll ich Nikotinamid-Ribosid vorbeugend kaufen?

Nicht wegen des Gehörs. Es gibt keinen Humanbeleg für diesen Nutzen, und hochdosierte B3-Verwandte haben eigene Risiken. Wer NR aus anderen Gründen nimmt, sollte das mit der behandelnden Praxis klären und den Gehörschutz trotzdem tragen.

Fazit

Kapseln ändern an der Physik des Lärms nichts. Die belastbare Vorbeugung bleibt leiser arbeiten, kürzer bleiben, Abstand halten und Stöpsel, die wirklich dichten. NIOSH hat 2025 die individuelle Passprüfung nach vorn gezogen, weil die Zahl auf der Packung den Alltagsschutz oft überschätzt. NR bleibt ein sauberer Mausbefund von 2014, 2023 um Altersschwerhörigkeit bei Nagern ergänzt, ohne Hörstudie am Menschen.

Wer langsam schlechter versteht, braucht Audiometrie und, wenn der Verlust stört, Hörtechnik, nicht eine Selbstmedikation mit Niacin. Wer über Nacht auf einem Ohr taub wird, geht am selben Tag. Die Leitlinie 2019 setzt auf schnelle Hörprüfung und ein enges Steroidfenster, nicht auf Vitamine. Ein Teller mit Gemüse, Eiweiß und Fisch kann zur allgemeinen Gesundheit gehören. Er ist kein Ersatz für den Moment, in dem der Pegel steigt.

Quellen

  1. Brown KD, Maqsood S et al.: Activation of SIRT3 by the NAD+ precursor nicotinamide riboside protects from noise-induced hearing loss. Cell Metabolism, 2. Dezember 2014.
  2. Okur MN, Sahbaz BD et al.: Long-term NAD+ supplementation prevents the progression of age-related hearing loss in mice. Aging Cell, 3. Juli 2023.
  3. National Institute on Deafness and Other Communication Disorders: Noise-Induced Hearing Loss. National Institute on Deafness and Other Communication Disorders, 16. April 2025.
  4. National Institute for Occupational Safety and Health: Preventing Occupational Noise-Induced Hearing Loss. Centers for Disease Control and Prevention, 16. Februar 2024.
  5. National Institute on Deafness and Other Communication Disorders: Sudden Deafness. National Institute on Deafness and Other Communication Disorders, 14. September 2018.
  6. American Academy of Otolaryngology–Head and Neck Surgery Foundation: Sudden Hearing Loss: Update to Guideline to Improve Implementation and Awareness. American Academy of Otolaryngology–Head and Neck Surgery, 2019.
  7. Mayo Clinic: Hearing loss – Symptoms and causes. Mayo Clinic, 31. Juli 2026.
  8. World Health Organization: Deafness and hearing loss. World Health Organization, Stand: 2026.
  9. National Institutes of Health Office of Dietary Supplements: Niacin – Health Professional Fact Sheet. National Institutes of Health Office of Dietary Supplements, 18. November 2022.
  10. U.S. Food and Drug Administration: Agency Response Letter GRAS Notice No. GRN 000635. U.S. Food and Drug Administration, 3. August 2016.
  11. Lu W, Tang R et al.: Protective effects of dietary nutrients on hearing loss: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Nutrition, 9. Mai 2025.
  12. Curhan SG, Stankovic KM et al.: Carotenoids, vitamin A, vitamin C, vitamin E, and folate and risk of self-reported hearing loss in women. The American Journal of Clinical Nutrition, 2015.
DeMedBook